Weil gerade keine psychische Zersetzung ansteht, finden die Protagonisten des „Chaos Computer Clubs“ – weder chaotisch noch computeraffin – auch 2019 wieder Zeit, um die sowieso schon nicht besonders schöne Stadt Leipzig selbstreferenziell zu unterhalten.
Die typischen Besucher des „Congresses“, die mehrheitlich „Einhörner mögen“, „Geschlechter (Plural) haben“ und „grüne Haare tragen“ auch weiterhin mit „hacken“ verwechseln, trugen auch in diesem Jahr wieder Sorge dafür, dass EDV-Affine und Wissenschaftler sich nicht zu wohl fühlen: Mit 42 slots ist der Bereich für „Ethik, Gesellschaft und Politik“ doppelt so groß wie der für Wissenschaft und immer noch merklich größer als der für Datensicherheit. Aber wen kümmert so was schon? Früher zählte in der Hackerwelt noch die Leistung, die man vorbringen konnte, heute aber ist Meritokratie verpönt, sofern der Geleistethabende die falsche Richtung vorgibt. Inhalt ist kein Faktor.
Schon jetzt halte ich es jedoch für eine unumstößliche Wahrheit, dass die Presse, deren EDV-Affinität die der Zielgruppe des „Congresses“ mitunter gar noch unterbietet, wortreich darüber berichten wird, wie bunt die vielen Lichter doch seien und wie hackerig Vorträge seien wie:
Extinction Rebellion
Oder:
Fridays for Future
Oder:
Was tun bevor es brennt – wie gründe ich eigentlich einen Betriebsrat?
Oder:
Die Mittelmeer-Monologe
Schon beim Lesen weiß man: Ah, Hacker – genau so kennt man sie ja mit ihren schwarzen Kapuzen, ihrem Matrixbildschirmschoner und ihrem Betriebsrat. Endlich rettet mal wer das Internet, bevor die rechtspopulistische SPD es noch weiter zerstört!
Die „Geekfems“, deren Qualifikation sich offensichtlich darin erschöpft, nicht über eine besondere Männlichkeit zu verfügen, kündigten im Oktober an, wieder einmal Eintrittskartengutscheine „für Minoritäten“ vorrätig zu halten. Eines Tages bewerbe ich mich mal um einen dieser Gutscheine. Es sollte mich sehr wundern, wenn es auf dem „Congress“ jemals wieder eine noch kleinere Minorität als diejenige der überzeugten Männer mit Interesse an Wissenschaft, Datenschutz und EDV geben sollte. Zurzeit wurden drei von sieben Rendezvousanträge von Nichtbinären verfasst, die jährlichen Drogengesuche werden vermutlich noch folgen. Nüchtern erträgt man den Unfug nicht mal aus der Ferne.
Vermutlich werde auch ich unterdessen hacker sein.