Archiv für Mai 2016

NetzfundstückePolitik
Kurz verlinkt LVII: Falsches Mitgefühl

Wie großzügig:

US-Präsident Barack Obama hat sich besorgt über mögliche globale Folgen der Euro-Krise geäußert.

Weil nämlich:

Besorgt äußerte er sich über mögliche globale Folgen der Euro-Krise. Die Situation in Europa werde zweifelslos auch Folgen für die US-Wirtschaft haben, sagte Obama (…).

Denn wie schnell verblasst doch das eigene Unvermögen, wenn man mit den Fingern auf andere zeigen kann. Die drohende Staatspleite der Weltmacht USA erscheint doch viel entspannender, wenn gleichzeitig der Euro schwächelt.

Wenn nicht mal auf den Euro mehr Verlass ist, wo hinein soll man dann noch zukunftssicher investieren können, so als US-Amerikaner?
Vielleicht doch mal wieder in Immobilien – das ist angeblich eine todsichere Anlage.

Montagsmusik
Lou Reed – Ecstasy

In unserer beliebten Reihe „Alte Männer, die zu fantastischer Musik Texte singen, die sich bestimmt auf irgendwas beziehen“ sehen Sie heute Lou Reed mit dem Titel „Ecstasy“ von seinem gleichnamigen Album.

Lou Reed (4-21) ecstasy.Live 2000 Düsseldorf

I’m going to the café, I hope they’ve got music
and I hope that they can play –
but if we have to part
I’ll have a new scar right over my heart;
I’ll call it ecstasy.

PiratenparteiPolitik
Zu den niedersächsischen Kommunalwahlen 2011

Die Kommunalwahlen in Niedersachsen sind nun weitgehend entschieden, und eine Gemeinsamkeit all der beteiligten Bezirke ist festzustellen: Beinahe überall, wo die Piratenpartei antrat, konnte sie auch Sitze erringen, den diversen Unkenrufen, die Piraten kämen eh nicht rein, zum Trotz. Weiterlesen ‘Zu den niedersächsischen Kommunalwahlen 2011’ »

FotografieKaufbefehleMusikkritik
Herzberg unterm Dach

Buntes AllerleiWährend das Burg-Herzberg-Festival nach Jahrzehnten des Bestehens eine gewisse Bekanntheit erlangen konnte, ist der Ableger „Herzberg unterm Dach“, eine ebenfalls jährliche, aber nur einnächtige Veranstaltung, noch immer ein Geheimtipp. Selbigen allerdings nutzte ich, um mich am Abend des 9. September dort einzufinden. In diesem Jahr fand das „Herzberg unterm Dach“ in der „Fabrik“, also einer (offenbar stillgelegten) Fabrik in Hamburg-Altona, statt. Bereits vor dem Beginn – der Einlass begann gegen 19 Uhr, das eigentliche festival gegen 20 Uhr – inspizierte ich, wie es so meine Art ist, zuerst einmal das angereiste Publikum.

Eine Überschneidung mit der Klientel des anderen diesjährigen Musikfestes konnte ich nicht vorstellen, denn mittelalterlich gekleidet war niemand, stattdessen lief man in allerlei psychedelisch kolorierten Klamotten herum. Diverse Haschischschwaden später begann dann der Einlass, und die kleine Fabrik füllte sich; „füllte“ allerdings wäre wahrlich etwas viel gesagt, denn sowohl auf den Sitzrängen als auch auf der Tanzfläche vor der Bühne war noch reichlich Platz, der im Laufe des Abends allerdings erst knapper und dann wieder weniger knapp wurde.

Mit Heimvorteil eröffnete die Hamburger Combo Cosmic Finger, in der Tradition der Grateful Dead (von den Veranstaltern konsequent falsch „Grateful Death“ genannt, stehend, den Abend. Da dieser US-amerikanisch geprägte Bluesrock aber meiner musikalischen Präferenz nicht entspricht, verzichtete ich darauf, besagte Combo fotografisch festzuhalten. Allenfalls ist zu sagen: Der Frontmann geht einem mit seinem gekünstelt wirkenden Gegrinse und Gezappel mal so was von auf den Zeiger, dass auch Leute, die von derartiger Musik eher positiv beeindruckt sind, besser Abstand von Filmaufnahmen nehmen und sich eventuell dann trotzdem mal eines der Alben anhören.

Besser waren da Ashesh & Nekhvam aus Nepal, die ebenfalls Bluesrock zelebrierten, sich aber größte Mühe gaben, sich das nicht anmerken zu lassen. Angekündigt als Jimi-Hendrix-Coverband feuerten sie stattdessen ein mal im Stoner Rock, mal im Bluesrock beheimatetes Klangfeuerwerk ab, das auch wegen des markanten Gesangs des Gitarristen Ashesh Dangol (die Namensähnlichkeit zu „Haschisch“ ist also natürlich nur Zufall; auf einem Hippiespektakel durchaus eine Seltenheit) mitunter die guten, alten Tage der Led Zeppelin heraufbeschwor. Getrübt wurde der Auftritt nur von den ziemlich miesen Klangeigenschaften der „Fabrik“, die die eigentlich ziemlich primaen Musiker wie durch ein dumpfes Kissen filterte. Der hallentypische Hall (heißt ja nicht umsonst so!) tat ein übriges; nicht so, dass es alles ruiniert hätte, aber man wäre schon gespannt gewesen auf eine etwas „reinere“ Darbietung des, nun ja, Dargebotenen.

Schwerer wogen die Qualitätseinbußen bei Vibravoid aus Düsseldorf, die das „Herzberg unterm Dach“ mit ihrem von den frühen Pink Floyd beeinflussten Psychedelic Rock beendeten und gleichzeitig ihre neue CD „Live at Burg Herzberg Festival 2011“, aufgenommen im Juli, mitbrachten, denn obwohl sie zweifelsohne zu dem Besten gehören, was Deutschlands Musikerszene momentan zu bieten hat, beeinträchtigten unabsichtliche Rückkopplungen und, wieder mal, der dumpfe Hall den Hörgenuss.

Das bedeutet allerdings nicht, dass man als Konsument keine Freude gehabt hätte an den Klangwänden, die die vier Musiker auf die versammelten Psychedelicfreunde losließen. Mitreißend nämlich waren sie (die Klangwände) stets. Hörbar profitiert hat von diesen Effekten gar das Abschlussstück, eine grandiose Version von Pink Floyds „Set The Controls For The Heart Of The Sun“, das Vibravoid bereits auf dem Burg-Herzberg-Festival 2011 spielten und das auf ihrem diesjährigen Album Minddrugs enthalten war:

Dass es sich um eine Coverversion handelt, bedeutet allerdings nicht bloße Kopie, denn Vibravoid spendierten dem Stück einen ausgedehnten Mittelteil aus Klangexperimenten, die sich harmonisch in das Gefüge der übrigen Stücke des Abends einfügten, denn experimentelle Klänge lieferten Vibravoid sozusagen im Minutentakt ab. Obwohl es bereits weit nach Mitternacht war, war an Schläfrigkeit nicht zu denken. Gegen 2 Uhr morgens schließlich verebbten die letzten Takte von „Set The Controls …“ und das festival war vorüber.

Natürlich ist das insgesamt keinesfalls mit dem „großen“ Burg-Herzberg-Festival vergleichbar, natürlich ist eine Nacht mit drei Musikgruppen, obendrein nicht einmal unter freiem Himmel, nicht genug, um des Blumenkindes Herz tagelang höher schlagen zu lassen. Als Ausklang des Festivalsommers 2011 aber konnte das „Herzberg unterm Dach“ voll und ganz überzeugen; und mindestens Vibravoid live erleben zu können ist den Besuch einer jeden Veranstaltung dieser Art wert.

Hin und wieder lohnt es sich eben doch, über den Tellerrand hinweg zu schauen.

In den NachrichtenNerdkrams
Endlich: Onlineversionen von Offlineprogrammen jetzt auch offline!

(Vorbemerkung: Nach einigen anfänglichen Tweets hierzu habe ich beschlossen, dann doch mal einen längeren Text zu schreiben, um der ausufernden WTFigkeit – Wort soeben erfunden – gewisser Neuerungen angemessen Respekt zu zollen.)

Heute ist die erste deutsche Ausgabe des Wired-Magazins erschienen, und ich würde es an dieser Stelle gern ausgiebig für blöd befinden, allein schon deshalb, weil dort zahlreiche Lobpreisungen verlinkt sind und ich eine ausgewogene Meinungsvielfalt im Internet für wichtig halte. Leider jedoch hatte ich noch keine Gelegenheit, es zu erwerben, und ich befürchte, bis ich das nachgeholt habe, war ix schneller als ix ich. Also befinde ich stattdessen etwas anderes für blöd.

Und zwar was von Google.

Dass ich Google nicht mag und auch für die Arbeit mit Computern Dritter grundsätzlich erst mal eine andere Standard-Suchmaschine einstelle, ist hinlänglich bekannt. Das allein ist aber noch kein Grund, alles zu zerreden, was von diesem Unternehmen stammt, denn da hätte ich wahrlich viel zu tun. Aktuell aber wird in den üblichen Technikblogs mal wieder eine Google-Erfindung als dringend benötigte Lösung für ein wichtiges Problem gepriesen, die ihren Nutzen eigentlich nur aus sich selbst zieht.

Ein wenig Geschichte: Im Februar 2010 beendete Google seine Unterstützung für das Projekt Gears, das mittels eines Plugins die Offlinenutzung von Webinhalten ermöglichen sollte. Unter anderem lieferte die Plattform WordPress eine Unterstützung für diese Technik mit, so dass man zum Beispiel sein Blog auch offline pflegen konnte. Das war nur wenig verwunderlich, trieb Google doch zur gleichen Zeit die vollständige Vernetzung jeglicher anfallenden Aufgaben und ihre Verlagerung in die cloud aktiv voran, wobei insbesondere das Flaggschiff „Google Mail“ maßgeblich war, versuchte man doch dort, die Nutzung eines eigenständigen Mailprogramms so überflüssig wie möglich zu machen; überwiegend sogar mit Erfolg, denn nur wenige Google-Mail-Nutzer verwenden, wie eine Umfrage im Bekanntenkreis ergab, noch etwas anderes als die Weboberfläche.

Mit „Google Text & Tabellen“ hat Google seit einigen Jahren auch eine Alternative zu internetbasierter Bürosoftware wie ThinkFree Office oder zum Beispiel dem Piratenpad im Repertoire, ausgerichtet auf gemeinschaftliches Bearbeiten, etwa zur Besprechung von Projektzielen in größeren Teams. Für solches kollaboratives Editieren sind solche Plattformen tatsächlich eine grandiose Erfindung, ob nun von Google oder von sonstwem umgesetzt; dass man aber nicht seine komplette Korrespondenz in der cloud ablegen sollte, ist bekannt, und sei es nur aufgrund des nahe liegenden Problems, dass man manchmal auch an seine Dokumente gelangen können möchte, wenn man fernab von jeglicher Internetverbindung herumgurkt.

Caschy zum Beispiel gurkte derart nicht nur per Verkehrsmittel, sondern auch sprachlich herum:

Ich war ja die Tage mit dem Zug durch die Pampa unterwegs. Ich sage euch: mobiles Leben my ass! (…) Worauf ich hinaus will: nicht immer haste Netz, wohl aber vielleicht Daten in der Cloud – und auf eben diese kannste nicht zugreifen. Mööööp.

Tja. Mööööp. Zum Glück hat sich Google jetzt etwas total Neues, Großartiges, Aufregendes ausgedacht:

Jau, [jetzt] gibt es auch die Möglichkeit, die Google Docs offline zu nutzen.

Das Ganze funktioniert so ähnlich wie Gears, läuft aber nur noch unter Chrome/Chromium und mag Firefox, Safari und den Internet Explorer nicht mehr. Es ist sozusagen eine unflexible Kopie von Gears; und darin besteht dann auch die wirkliche Neuerung: Es kann weniger. Nichtsdestotrotz ertönen die Jubelrufe mit Ohren betäubender Intensität, als hätte Google gerade das Internet neu erfunden.

Dabei umgeht diese „Offlinefunktion“ eigentlich nur den Nachteil, den die diversen Dienste von Google gegenüber den Programmen, denen sie Konkurrenz machen sollen, bis heute immer noch hatten, nämlich, dass ohne Internetverbindung alles zum Erliegen kommt. E-Mails mehr oder weniger durchsuchbar archivieren kann meines Wissens jedes Mailprogramm, und E-Mail ist schon älter als das „World Wide Web“ selbst; und, um beim Thema zu bleiben, bis zu erwähnter Ankündigung von Google scheinen einige Leute ja wirklich arge Schwierigkeiten gehabt zu haben, wenn sie mal eben ohne Internetanschluss einen Brief oder eine Tabelle oder so etwas schreiben oder erstellen wollten. Offline genutzt entfällt nämlich der Aspekt des kollaborativen Editierens aus technischen Gründen. (Kein Internet = keine cloud, so einfach ist die Gleichung.)

„Hm, wie schön wäre es doch, gäbe es so etwas wie ‚Google Text & Tabellen‘ auch für Computer, die zeitweise oder dauerhaft nicht im Netz sind“, hat man sich da bei Google vielleicht gedacht.
Wer weiß, vielleicht ersinnt man sogar längst den Nachfolger von „Google Text & Tabellen“ für ebendiese, der nicht mal mehr einen Browser benötigt?

Andererseits: Gibt es ja schon.

Jau.

Netzfundstücke
Kurz verlinkt LVI: Flirten für Mädchen von „Mädchen“ (Magazin)

Wer sich übrigens wundert, wieso junge Mädchen oft ein so verklärtes Bild von interhumanen Aktivitäten (ewige Liebe mit süßen boys und was man halt so nennt) haben, dem sei es geraten, ab und zu mal einen Blick in eines dieser herrlich blöden Mädchenmagazine zu werfen.

Klopfer hat es getan:

Wenn ich mal eine Tochter habe, verbiete ich ihr Facebook; anscheinend ist es für die heutige Jugend ohne Facebook unmöglich, sich zum Geschlechtsverkehr zu verabreden.

Ach, deswegen wollen da alle sein … :mrgreen:

Unbedingt lesenswert, da (bedauerlicherweise) amüsant!

Piratenpartei
Basisdemokratie und ihre Tücken

Und sie haben es doch getan.

Die Wolfsburger Piraten haben, basisdemokratisch mit der Mehrheit des Vorstandes (also mit ungefähr drei Stimmen), beschlossen, wie die anderen Parteien auch Erstwählerdaten zu kaufen, um mit deren Hilfe Erstwähler darauf aufmerksam zu machen, dass Adresseinkauf möglich ist und wir als Piratenpartei das nicht gut finden. Das entsprechende Flugblatt stammt ursprünglich aus dem Wahlkampf in Baden-Württemberg und lässt mich doch an der geistigen Leistungsfähigkeit mancher Piraten zweifeln.

Wir sind uns, da lässt die gegenwärtig laufende Diskussion keinen Zweifel zu, weitgehend einig, dass Adresshandel kein Kavaliersdelikt ist, haben vor zwei Jahren auch für den (übrigens schrecklich einfallslos betitelten) „Opt-Out-Day“ geworben, also für die gemeinschaftliche Unterbindung der Adressdatenweitergabe seitens der Behörden. Einmal ganz abgesehen davon, dass dieses „Opt-Out“ auf Kommunalebene nichts verloren hat, denn die Kommunen haben auf diesen Teil der Landespolitik keinen Einfluss:

Geht’s noch, Wolfsburger Piraten?

Eine Partei, die meine Daten kauft, um mich dann schriftlich darauf hinweisen zu können, dass sie meine Daten kaufen kann und das eigentlich voll blöde findet, mag inhaltlich Recht haben, liegt aber ideologisch genau so daneben wie Leute, die „Micro$uck“ und „Windoof“ schreiben, aber nicht im Traum darauf kämen, etwas anderes als Windows zu nutzen. Wobei die Wolfsburger Piraten ohnehin ein merkwürdiger Verein sind, hat der Vorstand doch nebenbei auch noch beschlossen, ausgerechnet auf Facebook bezahlte Werbung zu schalten. (Facebook ist, wir erinnern uns, nicht nur das medial gepriesene neue Mitmach-Internet, sondern wegen seines aggressiven Marktverhaltens auch das roteste aller Tücher für uns Kernpiraten. [Kernpiraten sind, wir erinnern uns, das Gegenteil von Vollpiraten: Wir lehnen das „Vollprogramm“ ab und konzentrieren unsere Energien lieber auf unsere Kernthemen Transparenz, Basisdemokratie und Datenschutz.])

Folgerichtig fallen auf der Mailingliste Begriffe wie „Verräterpartei“, die üblichen Gegen-Piraten-Hetzblogs schwadronieren sich ähnlichen Unsinn zusammen, aber halt: Die Piratenpartei ist eine Basisdemokratie. Wie sonst nirgends gilt bei der Piratenpartei nicht das Prinzip „pars pro toto“. Die Wolfsburger Piraten sind nicht die niedersächsischen Piraten, die niedersächsischen Piraten sind nicht die Piratenpartei.

Keinesfalls also diskreditiert dieses Vorgehen die Piratenpartei als „unwählbar“ oder gar als „Verräterpartei“ (diesen Status möchte ich persönlich der SPD auch nicht nehmen, ist er doch der einzige, der ihr noch bleibt); es ist vielmehr ein weiterer Beleg dafür, dass man beim Wählen nicht auf tolle Plakate und dummes Gesülze in den Medien achten sollte, sondern darauf, wofür diese Parteien eigentlich eintreten.

Die Wolfsburger haben sich entschieden, piratische Ziele (Aufklärung über staatlichen Datenschutz) mit unüblichen Mitteln (Ausnutzen dessen, was man eigentlich bekämpfen möchte) zu verfolgen. Dass das nun, da es zu spät ist, vor das Landesschiedsgericht getragen wurde, kann diesen Vertrauensbruch selbstverständlich nicht relativieren.

In einer Basisdemokratie wie der Piratenpartei zählt jede Stimme. Das führt manchmal dazu, dass die vermeintliche Parteilinie deutlich überschritten wird; man sollte jedoch nicht vergessen, dass zu diesen Stimmen immer auch Gegenstimmen ertönen, etwa die von Miles Möller, mir freundlicherweise das auszugsweise Zitieren genehmigt habend:

Wenn mich ein Braunschweiger (nur als Beispiel) fragt, dann überzeuge ich gerne, dass er die Piraten wählt.

Wenn mich jetzt ein Wolfsburger fragt, wird meine Antwort die gleiche sein, wie für jede andere Verräterpartei auch!

Wenngleich ich hier inhaltlich d’accord gehe, missfällt mir die Formulierung doch ein wenig; also etwas milder ausgedrückt auch so:

Mir sind die Piratenwerte wichtiger als ein paar Wählerstimmen! Ich will für das gewählt werden, wofür wir stehen! Wenn der Wähler das so nicht für „ok, die wähle ich“ halten, ist das schade, aber damit kann ich leben!

Wir sind Piraten, weil wir für etwas stehen, was wir nie aufgeben sollten. „Wir haben Werte und kämpfen für sie“, was zwar unpopulär sein mag, aber uns wenigstens aufrecht für unsere Ziele einstehen lässt: Wer nämlich seine politischen Forderungen je nach Fraktionszwang neu definiert, der hat zwar große Chancen auf einen großen Wahlerfolg, so lange die Wähler nicht bemerken, dass er jedem etwas anderes erzählt, aber er hat kein Profil mehr.

Womöglich spreche ich jetzt nur für mich, und man möge es mir verzeihen, wenn das versehentlich wie ein Kompromissvorschlag klingt, aber ich stehe lieber hinter einer Partei, die über vier Prozent nicht hinauskommt, als hinter einer Partei, die Wahlkampf als Abfischen von Wählerstimmen um beinahe jeden Preis missversteht.

Basisdemokratie bedeutet auch, einfach mal dagegen sein zu können. Ich bin dagegen, dass Wolfsburger diesen fragwürdigen Adresshandel mit ihrer Stimme belohnen. Ich bin dagegen, dass die Wolfsburger Piraten auch nur eine einzige Stimme für den Schaden bekommen, den sie unserer vorgeblich gemeinsamen Sache in der Öffentlichkeit angetan haben. Nichtsdestotrotz bin ich dagegen, außerhalb Wolfsburgs an der Wahlurne Sippenhaft zu beantragen. „Mitgefangen, mitgehangen“ gilt in der Piratenpartei eben nicht.


Das mit dem Adresshandel übrigens ist den Wind, den die Blogosphäre darum macht, nicht einmal wert:

Auskünfte über Vor- und Familiennamen, akademische Grade sowie gegenwärtige Anschriften dürfen laut dem Vorstoß für ein Bundesmeldegesetz nur noch für Werbung und Adresshandel herausgegeben werden, wenn die betroffene Person einer entsprechenden Übermittlung zugestimmt hat. Die Speicherfrist für Meldedaten nach Wegzug oder Tod soll auf fünf Jahre beschränkt werden.

Ironie, süße Ironie.

Persönliches
Impressionen: Romantische Betrachtung eines Morgens im September nach durchregneter Nacht (Versuch 5)

Noch schlaftrunken, vor der ersten Tasse Kaffee, von zu viel Regen in der vergangenen Nacht zuverlässig daran gehindert, sich in ausreichender Menge sanftem Schlummer hinzugeben, beginnt man den Tag mit der lauen Septemberluft. Es riecht nach Regen, nach Freiheit, ein bisschen nach ihr, und man fühlt sich drei Jahre jünger, wenn nicht gar vier; unwillkürlich entlässt man einen tiefen Seufzer aus Regionen des Körpers, die man längst vergessen (oder verdrängt?) hatte, in die sanfte Brise, die gerade, just in diesem Moment, die Sorgen aufnimmt und zerstreut, und man möchte den Wind gern fragen, ob er mit derselben Leichtigkeit auch Tränen wegzuwehen vermag, aber man ist mit den Jahren gereift und so ein scheißrationaler Mensch geworden, der nicht mehr mit dem Wind spricht.

Und als hätte der Wind das bemerkt, lässt er die Bäume ein Lied singen; ein Lied, dessen Refrain mich ihren Namen nicht vergessen lässt.

Es ist klar, der Regen wäscht auf jeden Fall
weg, was war, und es erscheint mir überall –
schenkt er auch neues Leben, ’ne neue Chance für jeden,
wenn Sonnenlicht durch Wolken bricht wie nach ’nem Sommerregen.

— Die Fantastischen Vier: Sommerregen

KaufbefehleMontagsmusik
De Staat – Ah, I See

Guten Morgen, es ist Montag und die Rockmusik ist tot.

In den Niederlanden hat man davon zum Glück noch nicht viel bemerkt.

De Staat – Ah, I See (live @ BNN That's Live – 3FM)

Die Musiker nennen sich „De Staat“, das Album heißt „Machinery“ und ist wirklich großartig.

Weiter so!

KaufbefehleMusikkritik
Discorporate Records: Querschnitt 2011

Wer übrigens, wie so viele andere Menschen, am Sonntag noch nichts besseres vorhat, dem sei der diesjährige sampler der Plattenfirma Discorporate Records ans Herz gelegt, bei der unter anderem exzellente Musiker wie etwa The Season Standard unter Vertrag stehen. Wie viele andere Indielabels – wie auch immer man dieses „Indie“ zu definieren beliebt – gibt es sozusagen zum kostenlosen Anfixen (denn tatsächlich ist diese Art von Musik eher Droge als Konsumprodukt) gelegentliche Auszüge aus ihrem Katalog zum kostenlosen Runterholen.

Auf dem „Sampler 2011“, den übrigens ein wirklich hübsches Titelbild ziert, sind The Season Standard zwar nicht zu hören, wohl aber der ebenfalls großartige Ableger SchnAAk und Auszüge aus dem Debütalbum der Österreicher broken.heart.collector, das, nebenbei, gute Chancen hat, die diesjährige Jahresrückschau zu zieren.

Der ganze Spaß kostet nichts, jedes Lied ist auf bandcamp.com (scheint das neue MySpace zu werden) für lau anzuhören, herunterladen kann man das Gesamtarchiv ebenfalls ohne nötigen Obulus als MP3, FLAC, AAC oder wonach einem gerade der Sinn steht. Wer seine E-Mail-Adresse lieber nicht irgendwelchen obskuren Musikanbietern zur Verfügung stellt, der findet die MP3-Version auch bei eMule.

Wärmstens empfohlen!

LyrikPolitik
Leere Gesichter

Wie ausdruckslos, wie lebensmüd‘,
wie todesnah, wie leer
sind, wie man dort oben sieht,
eure Gesichter!

Denn überschwänglich, siegestrun-
ken hab’n eure Genossen
zur Ansehensverbesserung
das Aufhängen beschlossen.

Dabei haben sie allerdings die schwarzen Markierungen ebenso „übersehen“ wie die Schriftzüge, die darauf hindeuteten, dass dort, wo ihr, „Linke“, statt eure naturgemäß eher aus den unteren Gesellschaftsschichten stammende Klientel mit so was wie Politik zu überfordern, lieber die immergleichen Visagen („Oskar kommt“ einself) platziert habt, eigentlich andere Parteien, namentlich Grüne und Piraten hätten plakatieren sollen; in anderen Worten: Ihr, „Linke“, habt ohne Rücksicht auf Verluste – teilweise wurden auch Plakate der Piratenpartei überklebt – versucht, eurem Personenkult Gehör zu verschaffen, und befindet euch dabei in bester Gesellschaft mit der F.D.P. und der SPD, die, statt auf den nun wirklich nicht gerade knapp bemessenen Plakatflächen auch nur ansatzweise etwas darüber zu erläutern, wofür sie sich eigentlich politisch einsetzen, ein paar bekannte Gesichter und blöde Einzeiler hingepappt haben. Eigentlich, ihr Parteien, die ihr gar nicht erst versucht, den Eindruck zu erwecken, ihr hättet auch so etwas wie Inhalt, könntet ihr statt der üblichen hohlen Phrasen genau so gut „Ein ganzer Kerl dank Chappi“ hinschreiben. Das würde auf diesen Plakatwänden vielleicht sogar ein wenig Platz sparen: Ein Plakat pro Partei genügt dann vollends.

„Vertrau keinem Plakat – informier dich!“

Netzfundstücke
min.us, Revision September 2011

(Vorbemerkung: Folgender langweiliger Computerbeitrag ist eine Ergänzung zu einem anderen langweiligen Computerbeitrag und sollte als Empfehlung, nicht aber als Werbung verstanden werden.)

Im Dezember vorigen Jahres pries ich den noch jungen Bildhostingdienst min.us und verschriftlichte einen Wunsch:

(…) kann ich nur hoffen, dass die beiden Betreiber dieses hübsche Experiment nicht irgendwann als ein solches beenden.

Trotz der Bedenken ist min.us seitdem nicht in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht, sondern wird stetig weiter verbessert. Mittlerweile gibt es zahlreiche Hilfsprogramme wie etwa mobile apps, Browsererweiterungen und Programme, die ein schnelles Hochladen sozusagen per Tastendruck ermöglichen. Auch der Dienst selbst gewinnt ständig hinzu: Derzeit gibt es 10 Gigabyte dauerhaften Speicherplatz und 2 Gigabyte maximale Dateigröße für jedes Benutzerkonto. Bei der Anmeldung wird unverändert nur nach einem Benutzernamen und einem Passwort gefragt, mehr Daten wollen die Betreiber gar nicht haben, was min.us wohltuend von Daten sammelnden Konkurrenten wie etwa dem unsäglichen Picasa (bald „Google Photo“) abhebt. Diese 10 Gigabyte können auch erweitert werden; pro gewonnenem Benutzer gibt es ein Gigabyte obendrauf. Dass min.us nun allerdings etwas aufdringlicher auf die Möglichkeit einer Anmeldung hinweist, ist nicht etwa ein Versuch, zahlende Kundschaft zu gewinnen, denn auch weiterhin wird min.us ausschließlich mit Sponsorengeld finanziert, und die kostenlose Nutzung ist auch weiterhin uneingeschränkt möglich. Man verzichtet dann lediglich, wie auch bisher, auf die Möglichkeit einer Benutzergalerie und darauf, dass hochgeladene Dateien auch nach mehr als 30 Tagen noch verfügbar sind. (Da Dienste wie min.us aber ohnehin eher für den schnellen Dateiaustausch als den Betrieb einer professionellen Bildergalerie konzipiert sind, sollte dieser Aspekt nicht von Bedeutung sein.)

Auch die Gestaltung der Webseite wird gelegentlichen Änderungen unterzogen, momentan herrscht dezentes Grau:

Unverändert geblieben ist derweil die Bedienung: Dateien (keinesfalls nur Bilddateien) können an beliebiger Stelle in das Browserfenster gezogen werden, min.us erledigt den Rest. Man bleibt seinem Namen treu: Minus statt Plus, einfach statt mit Klickorgien verbunden.

(Dieses Konzept sollte man im Hause Microsoft übrigens auch mal in Erwägung ziehen.)