In den NachrichtenPolitik
Weißbelarussische Sanktionen aus dem Suebenland

Der Berichterstattung der letzten Tage – irgendwas ist wohl in Weißrussl… Belar… naja, im Osten passiert – ist zu entnehmen, dass in den neben politischen auch demografische Aspekte diskutiert werden. Von Weißrussland zu sprechen tue den Einheimischen Unrecht, kolportiert das ZDF:

"Spricht man von ‚Weißrussland‘, klingt das immer noch so, als wäre das Land irgendwie ein Teil von Russland." Das sei für viele Belarusen problematisch, die sich nie auf Identitätsfindung hätten begeben können[.]

Dass es insofern vielleicht auch keine gute Idee ist, von Deutschland als Germany oder – noch schlimmer – Alemania zu sprechen, als wären die Deutschen gleichzusetzen mit „den Germanen“ (mit welchen?) oder gar die momentane Inkarnation der Alamannen, ist immerhin ein Problem, das nur fremdsprachige Medien hätten, würde es sie überhaupt interessieren.

Die EU bringe „Sanktionen“ auf den Weg, schrieb der „Tagesspiegel“ in einer erst etwas unentschlossen überschriebenen, später aber vereinheitlichten Meldung:

Belarussland

Die „Sanktionen“ würden gegen „Unterstützer des Staatschefs“ verhängt, heißt es dort; immerhin mal keine „Milizen“, und auch von einem „Machthaber“ ist noch nicht die Rede. Die Wahlverliererin wird als „die eigentliche Siegerin“ angesehen, was allein an Umfragen auf der Straße liegt, denn Wahlbeobachtung fand nicht statt. Demokratische Wahlen seien in der EU ein hohes Gut, teilen Medien aus einem EU-Land unisono mit, das weder das Staats- noch das Parlaments- noch das Regierungsoberhaupt direkt vom Volk wählen lässt.

Es gehen Videos herum, auf denen unmaskierte „Protestanten“ („Focus“) – jetzt also auch noch die Kirche! – wei… bel… osteuropäische Polizisten umarmen. Corona wäre zu langweilig.

Ist nicht endlich mal wieder Fußball?

In den NachrichtenNerdkrams
Die Welt vom Sofa aus verändern (3): Apple zur Besinnung hashtaggen

Den schon jetzt traurigsten Satz des Jahres, der die digitale Gesellschaft des noch jungen 21. Jahrhunderts treffender zusammenfasst als jede mir bisher untergekommene Äußerung zeitgenössischer Philosophen, können Interessierte momentan bei „ComputerBase“ lesen:

Abseits des Rechtsweges ruft der Entwickler Fortnite-Spieler unter dem Hashtag „FreeFortnite“ offensiv zur Rebellion auf[.]

Noch etwas genauer, aber weniger theatralisch erklärt „GamesWirtschaft“, was gemeint ist:

Die Spieler werden aufgefordert, sich via Hashtag #Freefortnite auf Epics Seite zu schlagen.

Der Hintergrund sei, dass ein Spielehersteller absichtlich gegen die Hausregeln eines bekannten Downloadanbieters verstoßen hatte und dieser ihn daraufhin rauswarf.

Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass das zahlreiche Hashtaggen die Hausregeln nachträglich anpassen lassen wird. Sonst wäre das doch total dämlich.

Nerdkrams
Chromefox‘ Kampf gegen die Sicherheit geht weiter

Wie kommt es eigentlich, dass immer mehr Menschen auf irgendwelche schäbigen Phishingseiten reinfallen? Nun, vielleicht hilft die neueste Änderung aus dem Hause derer, die den Namen Mozillas fast ärger beschmutzt haben als Linux den von Unix, beim Verständnis:

Die Neuauflage von Firefox für Android ist zwar als stabile Version verfügbar, es fehlen jedoch noch Funktionen. Zudem zeigt der Browser Teile der URL nicht mehr an.

Klar: Wer eine Alternative zum Marktführer von Google etablieren will, der muss diese Alternative exakt nachbauen. Sonst will sie ja keiner haben.

Auch andere Browser gehen so vor, etwa Chrome und Chromium-basierte Browser. (…) Googles Argument ist, dass die meisten Nutzer sich nicht mit der Subdomain befassen würden und komplette URLs zu lang und kompliziert seien.

Hoffentlich erfindet bald jemand eine Lesezeichenleiste.

Was genau war noch mal der große Vorteil von Firefox?


Nachtrag vom 12. August 2020: Wie man anderswo lesen kann, hat sich das Problem bald von selbst erledigt – das Unternehmen Mozilla, für das „der Mensch bei allem, was wir sagen, entwickeln und tun, über dem Profit“ stehe (gelesen auf mozilla.org), schmeißt ganze Abteilungen raus, weil zu wenig Profit reinkommt. Viel besser als Google, man lasse sich da nichts einreden.

In den NachrichtenPolitik
Wumms ist auch ein Aufprallgeräusch.

Olaf Scholz (wer?), Juni 2016, „WELT am Sonntag“:

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Olaf Scholz sieht das Potenzial seiner Partei bei der Bundestagswahl 2017 bei über 30 Prozent und damit erheblich über den Werten in aktuellen Umfragen.

Olaf Scholz (bekannt für seinen Knall), August 2020, Pressekonferenz:

„Wir trauen uns zu, dass wir deutlich über 20 Prozent abschneiden[.]“

Da geht noch was!

MontagsmusikNetzfundstücke
Farin Urlaub Racing Team – Zu heiß // Wanzen wanzen überraschend.

Zu warm für einen AlternativtextEs ist Montag. Die Zeit der niedrigen Mehrwertsteuer wird, wie man dieser tage erfährt, endlich sinnvoll genutzt: Fußballchöre werden professionell produziert, weil Stadien gerade eher leise sind. Ich befürworte es ja, dass man den lästigen Fußball zum künstlichen Gegröle gleich ganz weglässt. Das dann frei werdende Geld könnte man sinnvoll in (zum Beispiel) Pandabären investieren.

Nur minder gut war bisher eine Investition in Googles smarte Lautsprecher, die sich dadurch auszeichnen, dass ihre wesentliche neue Funktion eben nicht die der Wiedergabe, sondern die des Aufnehmens ist. Völlig überraschend hat sich nämlich herausgestellt, dass diese auch dann den Umgebungston aufnehmen, wenn sie nicht per Spracheingabe darum gebeten werden. Zum Glück hat niemand etwas, das in seinem Wohnzimmer vor sich geht, zu verbergen. Sonst wäre es doch total dämlich, seine eigenen vier (oder mehr) Wände mit so einem Gerät auszustatten.

Auch woanders ist man nicht klug: Bei Doppelzüngigkeit ertappt? Kein Problem, die Kritiker sind eh alle rechts. (Kontext.) Das Schöne an solchen Bewegungen ist ja, dass man ihnen bequem zurückgelehnt beim Zerfall zugucken kann. Implosion durch reines Rechthaben. Man sollte meinen, der Effekt nutzt sich irgendwann ab, aber er entlockt mir immer noch ein leises Schmunzeln.

Zu mehr reicht das Wetter heute aber auch nicht. Naja, zu Musik vielleicht.

Farin Urlaub - Zu Heiss Offizielles Musikvideo - LIVE

Guten Morgen.

NerdkramsNetzfundstücke
Tore zum Mistmachweb (6): Das zweite wirthsche Gesetz

Medial wird beklagt:

Ein weiteres Kernvorhaben ist es, das von der großen Koalition geplante Recht auf schnelles Internet für alle Bürger einzuführen, um ihnen die "soziale und wirtschaftliche Teilhabe" an der digitalen Gesellschaft zu ermöglichen.

Zu meinem großen Erstaunen macht sich aber niemand Gedanken darüber, warum im Jahr 2020 plötzlich Leitungen mit einem Vielfachen der Leistung eines der rauschenden und zwitschernden Modems aus den Neunzigern notwendig sein sollten, um sozial und wirtschaftlich an der digitalen Kommunikation teilhaben zu können. Die Angebote von Konzernen wie Netflix und Spotify eignen sich nicht als Argument, denn diese sind bestenfalls ein Ersatz für den Rundfunk, nicht aber geeignet zur aktiven Teilhabe an mehr als belanglosen Gesprächen über fiktive Gestalten.

Mit dem Niedergang auf wenig Ressourcenverschwendung optimierter Dienste wie Gopher, Usenet und mittlerweile sogar E-Mail bleibt nach dem Ausschlusskriterium eigentlich nur noch das Web als Auslöser übrig. Und tatsächlich gab es dazu im Mai 2020 eine Untersuchung, deren Ergebnis mich nicht mal theoretisch überrascht (Übelsetzung von mir):

Vor 23 Jahren sah das Internet von dem, das wir heute nutzen, noch recht verschieden aus. Google existierte noch nicht, weniger als 20 Prozent der Haushalte in den USA waren ans Internet angeschlossen und nutzten hierfür noch eine Einwahlverbindung. (…) Überraschenderweise, trotz der heutigen viel höheren Netzwerkgeschwindigkeiten und Computerprozessoren, werden Menschen, die heutzutage das Internet benutzen, noch immer von genau derselben Frustursache gequält: langsame Websites.

Dass die Autorin implizit einen Internetdienst mit dem Internet gleichsetzt, sei hier nur am Rand bemerkt, denn an der wesentlichen Aussage ändert es nichts. Weiter:

Wie Sie sich vorstellen können, ist es auf mobilen Geräten noch schlimmer – sicherlich haben sich die Geschwindigkeiten verbessert, aber in den letzten zehn Jahren haben sich die mobilen Ladezeiten von Websites, die Httparchive beobachtet hat, sogar noch erhöht.

1995 hatte Niklaus Wirth, der Entwickler mehrerer Programmierumgebungen wie Pascal und Oberon, in einem Artikel den Merksatz geprägt, dass Software schneller langsamer werde als Hardware schneller. Ich bin geneigt, dem ein zweites Gesetz beizufügen: Das gilt auch für Websites.

Hoffentlich hebt bald jemand die lästige Pflicht auf, dass man zur Anzeige von zwei Absätzen Text auf einer Website mindestens fünf Megabyte JavaScript-Unfug einbinden und dessen Laden erzwingen muss.

In den Nachrichten
Lisa Eckhart

Eine österreichische Langweilerin darf in Hamburg nicht auftreten, weil der Veranstalter aufgrund eines anderen Satireverständnisses von einem eher linken Mob bedroht wurde. Das ist eine seltsame Art des Umgangs mit Kleinkünstlern; ich mag Dieter Nuhr zum Beispiel auch nicht, aber bin durchaus in der Lage, mich mit seinem output darum einfach nicht weiter zu beschäftigen, statt das zu einem Problem anderer Leute zu machen.

Grundsätzlich neige ich ja dazu, bezüglich des beruflichen Benachteiligens von Kabarettisten und Satirikern, die ein aufgebrachter Pöbel nicht mag, auf Werner Finck („Kommen Sie mit oder soll ich mitkommen?“) zu verweisen, aber ich bezweifle das historische Verständnis des Pöbels. In jüngerer Zeit, es ist noch nicht lange her, war noch fast jeder Charlie, weil Satire – nach Tucholsky, aus dessen Grab man derzeit auch einen grandiosen Motor machen könnte, hätte man ihn nur begraben und nicht vorher verbrannt – alles dürfe, selbst Mohammedkarikaturen abdrucken. Andererseits ist der Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion auch schon wieder fünfeinhalb Jahre her und selbstverständlich etwas völlig anderes, denn Lisa Eckhart hat keine Ikonen von Gewalttätern witzig gezeichnet, sondern unter anderem Antisemiten den Spiegel vorgehalten. Als hinreichenden Anlass für das gemeinschaftliche Vorgehen gegen ihre Auftritte wurde wiederholt folgender Ausschnitt aus einer auch sonst sehr uninteressanten Sendung des Westdeutschen Rundfunks genannt:

Lisa Eckhart - Die heilige Kuh hat BSE - Mitternachtsspitzen | WDR

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich einer meiner Leser jetzt dazu aufgerufen fühlt, wahlweise der Künstlerin oder einem der von ihr aufgezählten Gruppen Gewalt anzutun, halte ich für entspannend gering. Man könnte argumentieren, dass das Gesehene und Gehörte aber zumindest nicht lustig sei, was auf Twitter echt passiert ist, und sich darüber auslassen, dass das Beleidigen alter Leute seitens des WDRs viel witziger gewesen sei.

Oder man lernt endlich was aus der Geschichte und drückt bei Missfallen mit dem Auftritt eines Komödianten nicht etwa 110 auf dem Telefon, sondern den Ausschaltknopf des Fernsehers.

Das ist auch viel entspannender dann.

ComputerIn den Nachrichten
Microsoft Naming for Science™ 365

BBC, 25. August 2016:

Microsoft Excel wird für Fehler in akademischen Texten über Genomik die Schuld gegeben. Forscher, die versuchen, dieses Problem öffentlich bekannt zu machen, geben an, dass die Tabellenkalkulation automatisch die Namen bestimmter Gene in ein Datumsformat umwandelt.

Man möge jetzt aber nicht vorschnell eine Empfehlung aussprechen:

Die Studie behauptete zudem, dass das Umwandlungsproblem von Excel auch in anderen Tabellenkalkulationen wie Apache OpenOffice Calc besteht.

(Schiefe Übersetzung von mir.)

Fast vier Jahre später wurde dieses Problem nun endlich behoben. In Excel? Nö, in der Wissenschaft: Gene tragen seit dem 3. August nur noch Namen, mit denen Software klarkommt. :facepalm:


Anderswo:

Da es in der Stadtwohnung kaum möglich ist, geerbte Bibeln, Heiligenbilder und Kreuze zu verbrennen, um sie danach am Grünstreifen zu begraben, hat die Sagrada Familia-Gemeinde im südspanischen Málaga nun eine Recycling-Box für diese Objekte eingerichtet.

Ergibt Sinn. Jesus wurde ja, glaubt man christlichen Publikationen, erst durch sein Recycling berühmt.

In den NachrichtenMusik
Vinyl <3 (10): Spotify enteignen!

Daniel Ek, Mitgründer und Geschäftsführer des skrupellosen Unternehmens Spotify, das das gesammelte Einkommen besagten Herrn Ek mittels Wiedergabe von Stücken wirklich arbeitender Menschen (hier: Musiker) gegen eine Lizenzzahlung in erbärmlicher Höhe auf mittlerweile mehrerer Milliarden US-Dollar hat wachsen lassen, hatte neulich eine total gute Idee, wie Musiker diese harte Zeit überstehen und trotzdem noch ihre Rechnungen zahlen können: Wenn ihnen das Geld nicht reiche, das ihnen Streamingklitschen wie Spotify bereit sind zu zahlen, sollen sie halt mehr mit den Fans zusammenarbeiten. Bei Taylor Swift habe das doch auch geklappt, ergänzt er.

Mein Gegenvorschlag wäre ja: Finger weg von diesem Streamingunsinn, stattdessen möglichst viele Tonträger direkt bei den Künstlern kaufen. Wer will, dass die Musik die Krise übersteht, dem muss sie mehr wert sein als zehn Euro im Monat und zu wichtig, um nur leihweise zu bestehen.

Ich kann nur zur Vorsicht raten.

Sonstiges
MacBook mit Trinkgeld

Beim Empörmedium Twitter wird seit gestern darum gestritten, ob und wie viel Trinkgeld für einfache Dienstleister denn in einer Zeit des Mindestlohns angemessen sei und ob das Ausbleiben von Zuwendungen im niedrigen Eurobereich nicht eher für einen unzureichenden Arbeitgeber als für einen unverschämten Gast spreche, der die Personalkosten im Normalfall bereits mit dem regulären Rechnungsbetrag begleicht; freilich wusste bisher niemand zu beantworten, warum man gefälligst in teuren Restaurants einer hinreichend freundlichen Bedienung wenigstens zehn Prozent Trinkgeld zu geben habe und den nicht minder aufdringlich freundlichen Angestellten im Apple Store nicht.

In den NachrichtenMontagsmusik
R.E.M. – 9-9 // Fünftausend Mördinnen.

Ich (vor dem Kaffee).Es ist Montag. In einem Hörbuch, das mir mittels unlizenzierter öffentlicher Wiedergabe widerrechtlich zugänglich gemacht wurde, wurde ich der Formulierung eines Käuzchens, das über eine besonders geeignete Szene flog, gewahr. Dieses Sprachbild habe ich sehr lange Zeit allmontäglich verwendet, außer einem Vorwurf der Schwülstigkeit hatte das aber keine Konsequenzen aus dem Publikum. Vielleicht sollte auch das Hörbuch einen Umstieg auf Pandabären in Erwägung ziehen.

Beim Deutschlandfunk beklagt man, dass in Brasilien immer mehr Feuer ausbrechen, obwohl das verboten sei. Vielleicht sollten sie die Feuer einfach einsperren. Ein anderes Wegsperren ist gescheitert: Patreon, eine bekannte Plattform, die wie auch PayPal dafür bekannt ist, Künstlern, mit deren Arbeit die Betreiber nicht zufrieden sind, die Einnahmen vorzuenthalten, darf das nicht mehr machen, jedenfalls wenigstens bis zur Berufung nicht. Es war eine ausgesprochen beknackte Idee, das Internet für kommerzielle Interessen attraktiv zu machen. Ich hätte gern das alte Internet zurück.

Das aus unklaren Gründen weiterhin so heißende Verteidigungsministerium ließ am Wochenende traurig verkünden, der Zuspruch zur staatlich geförderten Ausbildung zum professionellen Mörder und Arschloch („freiwilliger Wehrdienst“) sei weiterhin gering. Sollte Deutschland etwa doch noch zu einem friedlichen Land werden? Dem stehen freilich „etwa 5.200 Männer und Frauen“ („WDR aktuell“) entgegen, aber solche Probleme löst in der Armee ja traditionell der Feind, wer auch immer das im Jahr 2020 wohl sein mag. Vielleicht die Schweiz? Eine andere Rasse, weiß Volker Dittmar, ist jedenfalls nicht beteiligt. Religionen sind keine Rasse.

Sehr, sehr gute Frage: Warum kämpfen Feministinnen eigentlich so verbissen darum, als Bäckerinnen bezeichnet zu werden, obwohl sie doch viel besser Bäckinnen heißen sollten?

Grammatikalisch lange schon weiblich und keinen stört’s, jedenfalls: Musik.

Guten Morgen.