KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Farflung – 5

Das englische Wort „far-flung“ bedeutet ungefähr „breitflächig“. Unter diesem sprechenden Namen wurde 1992 in Los Angeles eine Spacerockband gegründet, die aktuell als Trio musiziert und 2016 mit „5“ ihr aktuelles (nach meiner Zählung jedoch längst nicht mehr ihr fünftes) Studioalbum (Amazon.de, TIDAL) veröffentlichte.

Spacerock? Nehmen wir das mit den Genres mal lieber nicht so genau, denn was die Musik der drei Herren von Farflung ausmacht, ist nicht etwa der hundertste Aufguss von Hawkwind’schem Spiel, sondern es ist die gekonnte Einflechtung heterogenster Stile in ein von jedenfalls mir bislang noch ungehörtes musikalisches Rezept, aus dem Tanzmusik im besten Sinne entstand.

Das auf „5“ zu Hörende wird bei all seiner Heterogenität von flirrenden Klangeffekten in Form gehalten, die Musik prescht zügellos nach vorn und reißt dabei alles mit, was ihr im Weg liegt: Spacerock, Hardrock, Shoegaze, Americana, in „Being Boiled“ – hier mit besonders bemerkenswertem Bassspiel – darf es auch mal Doom sein. Das Repetitiv-Hypnotische auf „5“ ist mehr als nur Mittel zum Zweck. Das Star-Wars-Wüstencoverbild vermag das Ohr nicht zu trügen.

Ich habe keine Ahnung, was die einschlägigen Medien momentan als passendes Album zum Cocktail am Strand und/oder zum wilden Sitztanz empfiehlt. Gehört zu den üblichen Empfehlungen jedoch nicht „5“, so möchte ich es hiermit zu diesen hinzugefügt wissen.

Persönliches
Selber hygge!

Nach Sondierung des diesmonatigen Angebots an Frauenzeitschriften – regelmäßige Leser dieser Website wissen um deren humoristische Qualitäten – ließ es sich nicht vermeiden, dass auch mir als von Trends nicht viel haltendem Wirrkopf das Hyggesein als Lebensstil begegnete, immerhin gerade mal ein halbes Jahr, nachdem es die „ZEIT“ umfangreich thematisierte. Was also ist ein Hygge?

So heißt Gemütlichkeit in Dänemark. Die halbe Welt will von den Dänen lernen, wie man es sich drinnen nett macht, wenn es draußen ungemütlicher wird.

Verstehe: Weil Deutschland seine Gemütlichkeitseit 1892 auch im anglophonen Raum ein Begriff – abhanden gekommen ist, versuchen wir es stattdessen mit einem Import aus einer anderen Gesellschaft als der unseren.

Um dieser Gemütlichkeit äußeren Nachdruck zu verleihen, wird der Pressemarkt mit Erzeugnissen wie dem Magazin „hygge“ aus der Verlagsgruppe „Deutsche Medien-Manufaktur“, die sonst auch Welterfolge wie die Küchenheftchen „essen & trinken“, „essen & trinken mit THERMOMIX“ und „flow“, als „eine Zeitschrift ohne Eile, über kleines Glück und das einfache Leben“ bereits eine etablierte Konkurrenz aus eigenem Hause, in ihrem Portfolio aufführt, und jedes Mal, wenn irgendein Kackunternehmen, in dem von Handarbeit noch kaum jemand auch nur etwas gehört hat, sich „Manufaktur“ nennt, empfinde ich ein bisschen weniger Gemütlichkeit als noch zuvor. Dagegen hilft auch kein nicht alkoholhaltiges Magazin dieses Landes mehr. Hat nur noch diese Zeitschrift gefehlt, als sei turnusmäßig reproduziertes, mehrseitiges Gequatsche ein wertvollerer Ratgeber als fünf einfache Worte.

Laut Amazon.de werden seit Herbst 2016 nicht nur ungezählte Zeitschriften, sondern vor allem auch Bücher über die jeweils beste Art zu hyggen publiziert, der dortige „Bestseller“ wie auch der der „Sunday Times“ und der „New York Times“ ist derzeit „The Little Book of Hygge: The Danish Way to Live Well“, einsortiert in die Kategorie „Skandinavische Küche“, als ginge es bloß ums Essen und nicht um eine quasi vollständige Lebensanleitung.

„Hyggelig“, faselte Alix Berber für „bento“, seien „auf dem Sofa Filme schauen“, „selbst backen“ und „klare Strukturen“, und beim Gebäck sei es nicht etwa irgendein Kuchen, sondern „eigens kreierte Zimtkekse mit gesundem Vollkornmehl“, und dazu ein vermutlich entkoffeinierter Kaffee aus handgerollten Kaffeebohnen und ein „Bildband über Wälder“. Früher nannte man das spröden Waldorfcharme oder Prenzlauer-Berg-Habitus, heute ist es eben „hyggelig“. Selten fand ich mein enttrendetes Leben so interessant.

Subjektive Gemütlichkeit herzustellen, indem man Feng-Shui-mäßige Einrichtungstipps von Fremden befolgt, erscheint mir jedenfalls nicht als ein verständiger Weg zum Glück. Das hat nun immerhin auch die Lebensstilvermarktungsbranche erkannt und meldet selbst Zweifel an der von ihr geschaffenen Hyggeblase an – denn schon bald ist alles hallyu.

:irre:

In den Nachrichten
Kurz notiert zur römischen Selbstinquisition

Und siehe, Gott sandte ein Zeichen und ließ die Vertreter der Vertreter seines Vertreters auf Erden im Drogenrausch dort, wo noch bis 1908 der Name der heiligen Inquisition seine Verkörperung fand, der Unzucht frönen, als besitze das Neue Testament im Stammland der weniger antisemitischen Hälfte des europäischen Christentums nur für jene Menschen Gültigkeit, die sich mit dem Gedanken an ein konservatives Familienleben anfreunden können, und als sei ebenjene heilige Inquisition, die im Einklang mit den Glaubensnormen die beteiligten Pfaffen als Ketzer wenigstens einer göttlichen Todesstrafe hätte unterwerfen müssen, nie geschehen; und dann sei aber zu ihrer moralischen Entlastung erwähnt, dass, so wenig man auch von der katholischen oder überhaupt irgendeiner Kirche hält, diesmal nur zwar geistig unreife (denn sonst wären sie nicht katholisch), wohl aber körperlich erwachsene Menschen Teil der Ausübung der höchst unchristlichen sexuellen Freiheit waren, was, wenn die Sexualität von Katholiken in den Nachrichten ist, ja durchaus nicht als Regelfall angesehen werden sollte.

(via Schwerdtfegr)

In den NachrichtenWirtschaft
Von Vollbezahlung hat ja niemand etwas gesagt.

Im September steht die nächste Bundestagswahl an; Zeit also, schon einmal darüber nachzudenken, wen es zu wählen gilt. Während die früheren Mitregenten „Die Grünen“ längst Spott und Schaden auf sich vereinen, ist die derzeitige Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD produktiv damit beschäftigt, potenziellen Wählern im Falle eines Wahlsieges Versprechen hinsichtlich der zu erwartenden Politik zu machen. Wenn sie doch nur eine Gelegenheit gehabt hätte, auch mal Dinge umzusetzen!

Während die SPD schon vor etwas längerer Zeit unter dem Beifall ihrer traditionell vergesslichen Anhänger mitteilte, wenn sie doch nur endlich regieren dürfte, würde sie die unmenschliche Sozialpolitik der SPD grundlegend revidieren, nebelte es aus CDU/CSU-Kreisen noch eher zurückhaltend, denn einigen konnte man sich zwar darauf, weiterhin inhuman und sonstwie grausam zu sein, nicht aber auf eine konkrete Ausprägung. Der putzige CDU-Generalsekretär Peter Tauber ließ gestern – noch vor der Vorstellung des gemeinsamen Wahlprogramms – zumindest den Hinweis fallen, dass diejenigen, die mehrere schlecht bezahlte Arbeitsplätze haben, halt eine anständige Ausbildung hätten machen sollen, denn dann hätten sie das Problem jetzt nicht, was er später revidierte, indem er zumindest die Zahl, nicht aber die Existenz von schlecht bezahlten Arbeitsplätzen kritisierte: „Mini-Jobs“ seien nämlich „an sich gut“, sie betreffen ja niemanden, der lieber in Vollzeit und anständig bezahlt arbeiten würde, nicht wahr?

Seit gestern Abend jedenfalls gibt es ein gemeinsames Wahlprogramm („Regierungsprogramm“) von CDU und CSU, in dem mein spaßiges Lieblingskapitel die Überschrift „Gute Arbeit auch für morgen – Vollbeschäftigung für Deutschland“ trägt. Vollbeschäftigung kennt die Kanzlerin, ein Kind der DDR, noch von früher, als es in ihrer Heimat eine staatlich verordnete Arbeitslosenzahl von 0 Prozent und ein Produktivitätsniveau von 40 Prozent gab. Das, freilich, ist nicht merklich anders als heute: Menschen, deren dauerhafte Arbeitskraft dem Markt keinen Mehrwert bringt, werden stattdessen zu unproduktiver Arbeit überredet, die nur existiert, um die Arbeitslosenzahl zu senken. „Sozial ist, was Arbeit schafft“, heißt es im Programm, und um die allzu plumpe Provokation, dass somit auch NS- und Sowjetlager eine Folge erfolgreicher Sozialpolitik gewesen sein müssten, zu vermeiden, mag mir der Hinweis genügen, dass mir zur Sozialpolitik der gegenwärtigen „großen Koalition“, die so viel Arbeit schafft, dass viele Leute sogar drei davon haben, so manches Adjektiv einfällt, „sozial“ aber nicht darunter ist.

Aus dem gleichen Kapitel des Wahlprogramms:

Die Zahl der offenen Stellen wächst beständig.

Die von der „Union“ haben auch eine gewisse Stelle offen, wie mir scheint.


Könnte man auch mal gelesen haben: Obama war immer total höflich.

In den NachrichtenNerdkrams
Kurz verlinkt: Männer, Frauen und Transalgorithmen sind vor dem Gesetz gleich.

Apropos „die EDV nicht verstehen“:

In Anlehnung an das zehn Jahre alte Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) spricht sich Maas für ein „digitales AGG, ein Antidiskriminierungsgesetz für Algorithmen gegen digitale Diskriminierung und für vorurteilsfreies Programmieren“ aus.

Ich fordere eine Algorithmenquote in deutschen DAX-Vorständen von mindestens 30 Prozent! :aufsmaul:

ComputerMontagsmusikNetzfundstücke
Cosmic Fall – Haumea

Euli krank, Euli Bettchen.Es ist Montag. Juchhei! Es pocht der Kopfschmerz genüsslich im Takt, so musikalisch war man seit Jahren nicht gelaunt. Das Regenwetter als Symbol für das Wohlbefinden zu betrachten ist eines Zynikers würdig, also tun wir das und drehen geringfügig durch. Früher war mehr Dingens.

Eine Studie belegt, dass Solarenergie der Umwelt größeren Schaden zufügt als Kernenergie. Das hätte ja ruhig mal wer vorher sagen können! Aber die Mär von der „sauberen“ Energie der „Zukunft“ – als stürbe der Planet später, transportierte man die erplünderten Ressourcen nur noch mit Solarautos fort – hält ganze Industriezweige am Leben und Industriezweige sind für irgendetwas „wichtig“.

Mancher Menschen Idiotie betrifft wenigstens nur andere Leute: Linuxnutzer mit einer Null vorn in ihrem Anmeldenamen kriegen vom neuen großen Ding systemd volle Systemrechte geschenkt. Das sei kein Fehler, sagen die Entwickler, weil eine Null vorn gar nicht sein könne, und wenn doch, mache man was falsch, denn das sei so nicht gedacht. Mit dem Erfolg von Linux auf irgendwelchen Quatschsystemen hat technisch orientiertes Denken wohl leider nicht gerechnet.

Machen wir es zu unserem eigenen Schutz so wie die Entwickler von systemd und schalten erst einmal das Hirn ab – nur lieber mit ein wenig guter Musik.

Guten Morgen.

Nerdkrams
Deutschland ergeht sich in Plattformgewäsch.

Medien auf: Alles voller „Plattformen“.

„Plattformen“, erklärt Steffan Heuer aktuell in einem mehrseitigen Artikel im Wirtschaftsmagazin „brand eins“ (S. 48 ff.), seien die Dienste von Unternehmen wie Facebook, Amazon und Slack, von denen Entscheider aus Einfachheitsgründen gern mal Gebrauch machen. Dass Slack, das restriktive IRC für Mausschubser, als Standardlösung für Firmenchats und das Betriebssystem Unix als Computerfirma (Seite 53 unten) bezeichnet wird, nimmt dem Artikel freilich manche Seriösität.

Trotzdem sind „Plattformen“ (als wäre nicht jede poplige Webseite bereits eine kleine „Plattform“!) gerade auch wegen des „NetzDG“, des vom Bundestag jüngst durchgewinkten Zensurgesetzes, gerade wieder ein aktuell schwelendes Thema: Patrick Breyer, einer der wenigen verbliebenen Datenschutz- und Netzpolitikfachleute der Piratenpartei, hat dieser Tage seinen Twitteraccount entfernt und wird fortan nur noch auf GNU Social erreichbar sein. GNU Social, den Jüngeren muss man das erklären, ist eine vom fanatisch religiösen GNU-Projekt gesteuerte „dezentrale“ Alternative zu Twitter, die ähnlich aussieht, aber zumindest in der Theorie von jedem Benutzer selbst installiert werden kann, so dass die Anzahl an miteinander vernetzten Servern beliebig groß ist und eine zentrale Zensurinfrastruktur nicht ohne Weiteres eingerichtet werden kann. Von GNU Social gab es in der Vergangenheit mit Quitter eine twitterähnliche Instanz, die während einer der ungezählten Wellen von „wir gehen jetzt alle von dem doofen Zensurtwitter weg“ in den letzten Jahren einen bedeutsamen Zuspruch fand; erst vor wenigen Wochen fanden Gab.ai und Mastodon als weitere Twitteralternativen größere mediale Aufmerksamkeit.

Nun steht und fällt natürlich der Erfolg einer solchen „Plattform“ (meinten Sie: Website?) mit einer ausreichend großen Sogwirkung, und wer vor ein paar Jahren das Gewese um Ello, Minds und Diaspora mitbekommen hat, die allesamt ein viel besseres Facebook sein sollten, aber bis heute von den meisten der wenigen Benutzer vermutlich höchstens als Zweit- oder Drittkanal zu Twitter genutzt werden, der fasst sich bei Aufforderungen, man möge doch bitte in irgendeines dieser wie Unkraut nachwachsenden „dezentralen Netze“ kommen, nur mehr an die Stirn. Twitter ist nicht so groß geworden, wie es heute ist, weil es besonders aktiv die Daten seiner Nutzer schützt, sondern, weil man gern nicht nur mit sich selbst reden würde. Auf GNU Social (und so weiter) sind die Interaktionsmöglichkeiten mit anderen Menschen in Ermangelung anderer Menschen hingegen eher begrenzt, was durch die unregelmäßig auftretende Aufteilung der community in diverse, teilweise miteinander inkompatible Besser-als-Twitters nicht besser wird.

Natürlich gibt es Dienste, die man hinsichtlich ihrer liberalen Technik irgendwie besser finden kann als andere, die zumeist irgendwelchen kommerziell orientierten Unternehmen gehören. Man kann also seine Erreichbarkeit in den großen „sozialen Netzwerken“ auf ein Minimum beschränken und der dritte oder vierte Benutzer von GNU Social werden. Man kann auch aus Prinzip irgendein Nischenbetriebssystem nutzen, für das es höchstens drei brauchbare Anwendungen gibt, um es Microsoft mal so richtig zu zeigen. Man kann sich auch ein Bein abhacken, damit skrupellose Schuhhersteller nur noch die Hälfte bekommen. Blödheit ist ja nicht verboten.

Effektiv ist sie nur eben auch nicht unbedingt.

(Offenlegung: Man findet mich sowohl auf Diaspora als auch auf Quitter, jedoch bin ich insbesondere auf Quitter allenfalls alle paar Wochen einmal lesend aktiv.)

Sonstiges
Diesen EDVlern muss man aber auch alles erklären.

Die Geschichten vom typischen Nutzer, der für Computer zu doof ist, begeistern uns Fachleute seit Jahren. Haha, die können nur Excel.

Scheint, als sehe die Gegenseite das ähnlich:

In Soviet Russia...

(aus der aktuellen „brand eins“)

KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2017 – Favoriten und Analyse

Ach, wie haben sich die Leute doch gefreut, als das für Musiker erstaunlich tödliche Jahr 2016 ein Ende nahm. Ich wartete mit der musikalischen Jahresrückschau 2016 also sicherheitshalber bis Januar – und am Tag darauf wurde der Tod John Wettons vermeldet. Ebenso hat dieses Jahr bisher Chuck Berry, Allan Holdsworth und sicher noch ein paar bemerkenswerte Musiker sozusagen auf dem Gewissen. Das macht doch alles keinen Spaß mehr.

Und wie immer, wenn ich den Spaß zu verlieren meine, hilft – der Ironie bin ich mir bewusst – Musik, den rechten Pfad wiederzufinden. Es folgen konsequent die primasten Musikalben des ersten halben Jahres 2017 abzüglich der bereits zuvor thematisierten neuen Alben von Buckethead, Pontiak und All Them Witches. Ich empfehle alles Weitere den jeweiligen Artikeln zu entnehmen.

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In den NachrichtenPolitik
Kein Tag zum Feiern.

Heute sei, jubelte man auf Twitter, „ein Tag zum Feiern“, denn der deutsche Bundestag hat heute mit den Stimmen der Grünen Volker Becks „Lebenswerk“ – nein, nicht das mit den nackten Kindern oder das mit den Drogen, sondern das mit dem Nerven von Menschen und der Öffnung einer antiquierten Lebensweise für mehr Paare als bisher – beschlossen.

Während also allerorten die Proseccokorken unter lautem „Stößchen!“ knallten, wandte man sich in der „großen Koalition“, deren allgemeines Gewissen bekanntlich nur für eine einzige Abstimmung gefragt war, einem Thema zu, von dem die Abgeordneten gemeinhin noch weniger Ahnung haben als von modernen Beziehungsentwürfen, nämlich dem Internet: Irgendwo zwischen den unzähligen überschwänglichen Begeisterungsstürmen über die Ehereform inklusive eines Regenbogen-Os im Logo von „SPIEGEL ONLINE“ (objektiver Journalismus ist sooo 90er!) ist ein Artikel versteckt, der davon berichtet, dass nebenbei in einem plötzlich fast leeren Plenum – der Großteil der zuvor anwesenden Abgeordneten hatte wohl bereits etwas vor, zum Beispiel heiraten – das wohl verfassungsfeindliche Netzwerkdurchsetzungsgesetz („NetzDG“), eine Art staatlich forcierter Löschinfrastruktur für Privatunternehmen, beschlossen wurde; was immerhin abermals bekräftigt, dass eine Website, die man nicht selbst betreibt, ein denkbar ungeeigneter Ort für politische Äußerungen ist.

Wer es wagt, hinsichtlich des heutigen Tages von einem „guten Tag“ für Bürger- und Menschenrechte zu sprechen, der kann kein guter Mensch sein.

In den Nachrichten
Kurz verlinkt: Real kann nicht, wenn jemand zuguckt.

Die Supermarktkette Real – in Eigenschreibung real,-, obwohl es dort gar nicht so viele Produkte mit einem geraden Europreis gibt – war erst neulich zusammen mit der Deutschen Post in den Nachrichten, indem in einigen ihrer Filialen Kundengesichter analysiert wurden (ich regte mich bereits darüber auf). Nun hat sie – die Supermarktkette, nicht die Deutsche Post – angekündigt, vom Weiterbetrieb der umstrittenen Technik vorerst abzusehen.

Haben sie doch noch ihr Verständnis für die Persönlichkeitsbelange ihrer Kunden wiedergefunden? Nun ja:

Hintergrund dieser Entscheidung ist die in den vergangenen Tagen öffentlich geführte Diskussion, die den Eindruck erweckte, in real,- Märkten (sic! A.d.V.) würden im Kassenbereich ohne Wissen der Kunden Daten erhoben.

Verdammte Diskussionen immer.

In den NachrichtenPolitik
Wie die „Ehe für alle“ nach dem Willen der SPD das Eherecht einschränken soll

Zu meinem Erstaunen hat die SPD kurz vor der Bundestagswahl doch noch bemerkt, dass sie bei Regierungsentscheidungen nicht zur Untätigkeit verurteilt ist, sondern vom Wähler sogar die Möglichkeit eingeräumt bekommen hat, sie aktiv mitzugestalten, und so kümmert sie sich voller Tatendrang endlich um die wirklich wichtigen Probleme des Landes:

SPD will Abstimmung über Ehe für alle noch in dieser Woche

Ja, Mensch, endlich tut mal einer was! Um den unsinnigen Begriff von der „Ehe für alle“, die eben keineswegs „für alle“ ist, soll es heute mal nicht gehen, denn darüber habe ich mich letzte Woche schon ausreichend aufgeregt. Nehmen wir einfach mal an, die „Ehe für alle“ hieße in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion stattdessen „Ehe für homo- und heterosexuelle Paare“, und fahren wir zur Abwechslung mal inhaltlich fort.

Die SPD regt an, vor allem § 1353 I 1 BGB zu ändern, wodurch eine „Lösung“ herbeigeführt würde, wie sie behauptet. Die bisherige Formulierung lautet:

Die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen.

So weit, so lustig, denn genau genommen stellt damit jede Scheidung, sofern beide Partner noch am Leben sind, selbst einer völlig gottlosen (und damit wenigstens spaßigen) Ehe einen Gesetzesverstoß dar. Eine Einschränkung ist hier aber nicht zu sehen, denn der Gesetzestext legt weder Anzahl noch Geschlecht der möglichen Ehepartner fest. Das soll sich ändern, schlägt die SPD mit folgendem Ersatzsatz vor:

Die Ehe wird zwischen zwei Personen gleichen oder verschiedenen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen.

Die einzige inhaltliche Änderung, die eine Annahme des Gesetzesvorschlags also zur Folge hätte, wäre es, dass die Ehe gemäß Bundesgesetzbuch auf zwei Menschen beschränkt wird, was mit einer „Öffnung der Ehe“ nichts zu tun hat. Tatsächlich ist das Problem kein gesetzliches, sondern ein gelebtes: Standesbeamte weigern sich ohne gesetzliche Grundlage, zwischen nicht verschiedengeschlechtlichen Paaren (oder gar größeren Gruppen von Menschen) etwas anderes als eine eingetragene Lebenspartnerschaft zu schließen. Ein Gesetz, das schon bisher die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt hat, dahingehend zu ändern, dass es Polygamie explizit ausschließt, ist zwar immerhin eine Änderung, aber keine, die plötzlich einen überraschenden neuen Rahmen schaffen würde.

Vielleicht ist das Konzept der weltlichen Ehe in einer vorgeblich säkulären Zeit auch einfach eines, das nicht geöffnet, sondern ersatzlos abgeschafft werden sollte.

(Übrigens: Bei den Vorbereitungen für diesen Text ist mir an vielen Stellen die Behauptung begegnet, in Deutschland sei die gleichgeschlechtliche Ehe nicht erlaubt. Einen Nachweis für diese Behauptung erbrachte keine der Quellen.)

In den NachrichtenMir wird geschlecht
Kurz verlinkt: Thüringische Gynaikokratie

Die „Thüringische Landeszeitung“ berichtet:

Rot-Rot-Grün will die paritätische Besetzung von Parlamenten gesetzlich regeln. „Es geht um uns die seit Langem überfällige Gleichberechtigung der Geschlechter in den demokratischen Gremien“, sagte die Linke-Fraktionsvorsitzende, Susanne Hennig-Wellsow.

Genau so habe ich mir eine Demokratie immer vorgestellt.

In den NachrichtenMir wird geschlechtMontagsmusik
Meniscus – Overhang

Selbstbild als...Es ist Montag. Das war keine besonders gute Idee, aber ist jetzt leider auch nicht mehr zu ändern. Wenn mein Leben einmal verfilmt wird, soll der Film bitteschön Montag heißen. Dann geht wenigstens niemand rein. (Auch: Wenn das Wetter eine Stadt wäre, wäre es Berlin.)

Gestern fand ich in der nie enden wollender Liste der eintreffenden Informationen einen Blogeintrag der Filmchenplattform PornHub, dessen Autor in ihm eine Statistik aufbereitete, die besagt, dass gerade Frauen in der ersten Jahreshälfte 2017 auffallend oft nach Pornos mit Fidget-Spinnern (das sind diese albernen Plastikhandkreisel, die gerade wieder einmal eine Renaissance erleben) suchten. Regel 34. Meinen herzlichen Dank dem Informationsgeber, jetzt habe ich vor noch mehr Menschen Angst als bisher. – Apropos Pornografie: Derjenige Teil des illiberalen Netzfeminismus, der einem provokanten Blogger seit Jahren das Leben schwer machte, weil jener sich gegen üble Nachrede zu wehren versuchte, wurde nun anscheinend zu wohltätigen Spenden verdonnert. Die neuen legislativen Bestrebungen zur Verfolgung von „Hassrede“ sind wohl doch nicht die beste Waffe gegen das Patriarchat.

Hübscher Vorschlag zu einem ganz anderen Thema: Die Energieeffizienz von Software deutlich kennzeichnen, damit Entwickler aufhören, schlechte Software zu entwerfen. Ich befürworte diese Idee.

Was ich ebenfalls befürworte: Musik.

Meniscus – Overhang (Music Video)

Guten Morgen.

In den Nachrichten
G20: Demonstranten mit Haltungsschäden

Heute fand in drei Ländern eine Menschenkette gegen Atomkraftwerke statt. Die Frage, was sozial Abgehängte mit ihrer vielen Freizeit so anzufangen wissen, erübrigt sich. Dem Vernehmen nach wurden für die Menschenkette, deren Planer sich sicherlich zuvor tiefgründige Gedanken über den politischen Nutzen des Händchenhaltens gemacht haben, unter anderem auch Flaggen der Piratenpartei missbraucht. Sollten hier Journalisten mitlesen: Als Mitglied der Piratenpartei distanziere ich mich ausdrücklich von jedem Protest gegen unschuldige Kernenergie und befürworte eine Züchtigung jedes Teilnehmers.

Aber darum soll es heute mal nicht gehen, stattdessen um Demonstrationen, die noch in der Zukunft liegen.

‘G20: Demonstranten mit Haltungsschäden’ weiterlesen »