In den NachrichtenPolitik
Tortenpolitiker (3): Sahra Wagenknechts Verdienst

Sahra Wagenknecht, schrieb Max Goldt vor einigen Jahren, sei „der einzige regelmäßige Teilnehmer politischer Diskussionen, auf den sich das überreichlich gebrauchte Wort ‚Faszination‘ ausnahmsweise korrekt anwenden ließe“. Seitdem hat sich daran nur wenig geändert, nur die Unstrittigkeit ihrer Person hat im „Kleinklein“ (Martin Schulz in der heutigen „ZEIT“, allerdings über die SPD) der Parteiströmungen gelitten.

Mittlerweile nämlich ist die „Talkshow-Ikone“ („SPIEGEL ONLINE“) als eine der wenigen öffentlich agierenden Linken-Politikerinnen, denen Vernunft noch mehr bedeutet als kopfloser Klassenkampf, zum Sinnbild des diesen ersetzenden „Grabenkampfs“ (Quelle: Internet) zwischen Partei und Fraktion geworden, was zumindest lustig aussieht; aber trotz aller Bemühungen seitens irgendwelcher Kapuzenschlümpfe, sie aus dem Amt zu backen, bleiben ihre Gegner in der Unterzahl, woraus am gestrigen Abend schließlich eine Wiederwahl Frau Wagenknechts als Fraktionsvorsitzende erwuchs.

Empört über die fehlende „Solidarität“ (Adolf Hitler, Juni 1920, ganz anderer Zusammenhang) der blöden Mehrheit entschlossen sich antideutsche Kräfte aus Partei und Umfeld, ihr – der Partei – endlich mal von Nutzen zu sein und sich künftig von ihr fernzuhalten, denn dieser Kurs, dem zufolge stures Linkssein nicht vor Ratio gehen darf, ist mit emanzipatorischen Bestrebungen nur schwer in Einklang zu bringen. Vorwärts nimmer! Die gedankliche Evaluation des angeblichen Gastrechts, das selbst auf der designierten linken Paradiesinsel Kuba einigermaßen scharf geregelt ist, ist deutsch und damit mindestens 0,8 Gauland wert. Wie viel das in Lindner ist, weiß ich nicht.

Es ist sicherlich nur Zufall, dass diejenigen, die jetzt wütend ihre antisozialen Medien vollschreiben, weil sie nicht kriegen, was sie wollen, und dabei auch einen Schaden bei denjenigen Parteigliederungen und parteinahen Organisationen, die ihre Sache zu vertreten versuchten, in Kauf nehmen (denn wenn ein „Linker“ erst einmal etwas kaputtmacht, dann eben gerade auch das eigene Zuhause; Besitz ist Diebstahl, wissenschon), dem geneigten Popcornkonsumenten vor dem Bildschirm noch aus einer anderen Zeit bekannt sind, als sie noch bei der Piratenpartei völlig fehl am Platz waren und beim mittlerweile legendären Bundesparteitag letzterer Partei in Halle, als deren „linker“ Vorsitzender, in dessen näherem Umfeld seinerzeit auch die Julia Schramm fremde Luft wegatmete, mitsamt seinen Unterstützern, deren Versuch, das weniger radikale Führungspersonal zugunsten einer unter der „Antifa“-Flagge segelnden Partei durch eigene Funktionäre zu ersetzen, erfreulich nachhaltig fehlschlug, abgewählt und bald vergessen wurde, beim Versuch scheiterten, auf dem Flur vor dem Versammlungssaal böse guckend eine Parteispaltung in „die Guten“ und „die Nazis“ zu erzielen.

Sahra Wagenknecht jedenfalls ist zu verdanken, dass die karrieristische „Emanzipatorische Linke“ abermals krachend gescheitert ist; womit ihre Protagonisten freilich schon manche Erfahrungen gesammelt haben. Das Scheitern selbst ist Antrieb und Motiv der linken Sektierer, wie sich in ihren politischen Lebensläufen ebenso erkennen lässt wie in der Tatsache, dass ihr ständiges Dagegen mit keinem messbaren Dafür gewürzt wird. Kalt und dunkel ist das Feuer in ihnen und verwandelt ihren Holzweg in Glatteis. Verdammte Mehrheit immer, die sich von Beliebtheit statt von Parolen und geworfenem Backwerk ködern lässt.

Man könnte fast meinen, repressivem Gebrüll sei politisch kein Erfolg beschieden.

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt: McCain gegen munitionsunwürdige Völker

Soll ja keiner sagen, die US-amerikanischen Politiker seien aufgrund der ausufernden Waffengewalt nicht besorgt:

US-Senator John McCain, der auch dem Committee on Armed Services vorsteht, hat eine Erklärung herausgegeben, in der er sich darüber besorgt zeigt, dass irakische Streitkräfte US-amerikanische Waffen benutzen, um einen „wertvollen“ Partner der USA anzugreifen.

Meucheln ist ja nicht so schlimm, aber doch nur bitte nur in den wertlosen Ländern!

(übersetzt von mir, gefunden via @schreibrephorm)

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
The Dream Syndicate – 80 West

Oktober (Symboleule)Es ist Montag. Das Ausbleiben von Pelztieren verblüfft offensichtlich selbst die Natur, versehentlich bekäme man wetterbedingt beinahe Lust auf Strand und Getränke mit so einem albernen Schirmchen darin, besinnt sich aber schnell darauf, dass man Strände nur in homöopathischer Dosierung mag, denn oft sind dort rüpelhafte Touristen zugegen. Kauz müsste man sein.

Stattdessen wurde schon wieder gewählt, und zwar gleich mehrfach. Ganz schön langweilig auf Dauer, aber zum Glück ist jetzt erst einmal Ruhe. Christian Lindner, der einzige zeitgenössische deutsche Politiker ohne Vollmeise, begrüßte ungewohnt unbeholfen das österreichische Wahlergebnis, bei dem sich abermals herausstellte, dass junge Menschen nicht unbedingt mehr progressive Politik ins Land tragen; als wäre das per se wünschenswert. Auch die Landtagswahl in Niedersachsen, bei der diejenige Partei zweitstärkste Kraft wurde, die vorschlug, man solle WLAN-Access-Points auf Feuer testen, blieb ohne Befund, wie renommierte Experten sich reimender Namen ausführlich erklärten. Die Piratenpartei – nullkommazwei Prozent – kommt derweil vielleicht allmählich zu der Einsicht, dass Netzpolitik vielleicht doch irgendwie mehr Menschen begeistern kann als Geldverschenken fürs Nichtstun. Von anderen Politikern wünschte man sich indessen mehr Nichtstun: Offensichtlich hat Deutschland Israel zwecks Kriegs nicht nur U-Boote, sondern auch noch Geld verkauft. Jaja, diese Lage da in der Gegend, die ist wirklich beunruhigend. Champagner?

Herausgestellt hat sich auch, dass es offensichtlich eine lautstarke Teilmenge in der Pöblerszene gibt, die es für eine grandiose Idee hält, als Austragungsort für Scheingefechte zwischen linker und rechter Idiotie ausgerechnet die Frankfurter Buchmesse zu wählen, als wäre es nicht offensichtlich genug, dass sie beidseitig kein Buch der letzten fünfzig Jahre mehr gelesen haben. Der intellektuelle Marxismus ist eine ebensolche Farce (cf. Julia Schramm) wie sein literarischer Kontrahent, als Leitmotiv in toto jedenfalls denkbar ungeeignet.

Denkbar geeignet hingegen zu jeder Gelegenheit: Musik.

The Dream Syndicate – "80 West" (Full Album Stream)

Guten Morgen.

Netzfundstücke
Wasser im Kopf

Müsste ich drei Dinge aufzählen, die typisch weiblich sind, ich zählte ein geradezu manisches Faible für eine esoterische Ernährung dazu. Neben der altbekannten Homöopathie, also seelischer Reinigung bei Krankheiten wie Krebs oder abfallenden Gliedmaßen durch Beschwörungstänze und Zuckerzusätze, zählt dazu, wie der geneigte Leser von Frauenzeitschriften längst weiß, auch Ayurveda, die „indische Heilkunst“ (Quelle: Internet), die die drei Typen Vata, Pitta und Kapha kennt, für die es insgesamt drei verschiedene Arten vorsieht, Wasser zu kochen; je nach Typ werden aus zwei Litern Wasser zwischen 1 und 1,75 Liter, indem man es länger oder weniger lange kocht.

Der Sinn dahinter sei es, die „Zirkulationskanäle“ in ihrer „Ausscheidung anzuregen“; klar: wer mehr Wasser trinkt, mit Limettensaft oder nicht, muss häufiger aufs Klo, und wer derweil weniger isst, der nimmt dabei auch noch ab und fühlt sich wohler, weil ihm irgendwer gesagt hat, dass Dicksein nicht so gut ist. Mir ist wirklich unklar, wieso Männer viel häufiger als Frauen irgendwelche Vorstandsposten bekommen.

Eine etwas, haha, eingekochte Beschreibung dieser Wasserbehandlung fand dieser Tage der Twitternutzer @waldenmonk, dessen Fundstück sogleich zu einem Erfolg wurde und sogar in ausländischen Medien zitiert wurde. Nicht jedem aber war es vergönnt, die Entdeckung zu würdigen, denn manchen ist der Bote noch immer wichtiger als die Botschaft:

Der Typ, dessen homöopathiekritischen-Tweet über gekochtes Wasser ihr grade alle fleißig teilt, ist AfDler und Antifeminist.

(Rechtschreibung wie im Original.)

32 Herzchen (früher, als Twitter noch nicht bescheuert war, „Favoritensterne“) hat dieser Tweet zur Stunde bekommen, es sind also, sofern es sich nicht um Mehrfachkonten handelt, mindestens 32 Personen, darunter mehrere, die sich selbst als der „Anarchie“, dem „Queersein“ und/oder dem Veganismus nahe stehend beschreiben, ausreichend dankbar für diese Information, denn ohne sie hätten sie versehentlich beinahe noch über den Ursprungstweet gelacht. Als sollte nur gelesen werden, was in der eigenen „Filterblase“ vor sich geht! – Gleichzeitig werfen Menschen aus ähnlichen oder gar identischen Dunstkreisen US-amerikanischen Politikern vor, selbst in einer „Filterblase“ zu leben, denn überraschenderweise sind sie fähig, diese dort als eher schädlich zu erkennen, wo es sie nicht selbst betrifft. Mit Nazis lacht man nicht und wer ein „Nazi“ ist, bestimmen hier immer noch wir.

Und so ähnlich ist das bei Ayurveda auch.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: L’Effondras – Les Flavescences

Les FlavescencesEine dieser Bands, die sich live zu sehen übrigens wahrscheinlich auch lohnt, ist L’Effondras aus dem Osten Frankreichs, die sich selbst lieber als Symbol ⊙ zu schreiben scheint (womit ich freilich recht falsch liegen könnte, denn mein Französisch ist scheiße), mit einem hier nicht weiter erwähnenswerten anderen Künstler, der das ähnlich machte, aber wunderbar wenig zu tun hat.

Das Trio spielt auch auf dem im März 2017 erschienenen Album „Les Flavescences“ (Stream auf Bandcamp.com) einen ziemlich beeindruckenden, weil nicht wie die aberhundertste Kopie bekannter Genregrößen klingenden instrumentalen Postrock, gesungen wird also nicht, wofür ich französischen Musikern grundsätzlich sehr dankbar bin, stattdessen werden walls of sound aufgeschichtet, die aber nicht nur blöde in der Gegend rumstehen, sondern hinter denen das Nachtleben tobt, mal etwas zurückhaltender …

L'Effondras – X – Les Rayons De Cendre

…, mal geräuschvoll:

L'Effondras – XI – Lux Furiosa

Dabei sind drei von vier Stücken eigentlich egal, denn das abschließende „Le Serpentaire“ nimmt mit über 34 Minuten Dauer, von denen die letzten zehn quasi als Kontrast îm Wesentlichen aus Naturgeräuschen bestehen, eine Menge Raum nicht weg, sondern ein. Anderen Bands würde das für anderthalb Alben reichen, L’Effondras verschwenden aber nichts, schon gar nicht die Zeit des geneigten Hörers.

„Les Flavescences“ ist bei Weitem auch musikalisch nicht das Schlechteste, was in diesem Jahr aus Frankreich kam. Empfehlung hiermit erteilt.

ComputerIn den Nachrichten
Kurz angemerkt zum Iwan des Tages: Ertappt!

Es wurde viel ertappt in den letzten Wochen, und die Zeit, in der noch unklar ist, wer der Allerertappteste von allen ist (aus Tradition: der Russe) und wer ihm heldenmutig das Handwerk gelegt hat (hier: nicht so leicht, denn USA und Israel sind moralisch gerade keine besonders überragenden Vorbilder, wie sich überraschend herausgestellt hat), würde ich einfach mal unverbindlich empfehlen wollen, einen größeren Vorrat an Lizenzen von Software von Kaspersky zu kaufen, und zwar nicht zwecks Installation, denn „Antivirensoftware“ ist den Ärger, den sie macht, unter keiner halbwegs rational vertretbaren Prämisse wert, sondern einfach, um den Amerikanern einen papiernen Schrecken einzujagen, denn wohl nur weniges hielte ihren Hochmut derzeit so sehr zurück wie ein Erstarken der russischen Binnen-, lies: EDV-Wirtschaft; weil: dem Iwan, dem elenden, ist der Patriot Act mitsamt seiner Legitimierung staatlicher Einbrüche in intimste virtuelle Lebensbereiche aus verdammt guten Gründen dermaßen egal, dass es eigentlich merkwürdig ist, dass überhaupt noch irgendjemand sich anstelle dieses zweitkleinsten Übels – wobei das kleinste nach wie vor „Finger weg von dem Blödsinn“ heißt – „Sicherheitssoftware“ aus anderen Ländern andrehen lässt.

In den NachrichtenNetzfundstücke
Dreimal kurz verlinkt: Gotteskrieger, Hollywood und Tod durch den Wetterbericht

Der Herr gibt es den Seinen im Schlaf (Psalm 127,2): US-amerikanische Kirche verlost Sturmgewehre.


Schlimmer, freilich, wären Filme aus Hollywood und/oder Videospiele, denn die, verkündete der oberste Waffenprediger desselben Landes, seien schuld an Massenmorden, nicht etwa Waffen und ihre lautstarken Befürworter.


Es ist ja nicht alles schlecht; was wenigstens im Inland noch tödlicher ist als Hollywoodfilme, ist der Wetterbericht.

Fotografie
Frische Kollegen bitte einfach hier abgeben.

Dazu passt ein trockener Rotwein, dritte Reihe rechts.

ComputerIn den NachrichtenMontagsmusikPolitik
King Gizzard & The Lizard Wizard – Rattlesnake

Was fehltEs ist Montag. Kaum herbstet es zwei Wochen, ist die Schwermut schon am Siedepunkt. Bei welcher Temperatur Schwermut genau siedet, möchte man da lieber auch nicht mehr herausfinden; gefühlt jedenfalls: Eiskalt, gerade auch drinnen. Natürlich kann es schlimmer kommen und das wird es dann eben auch. Ich weiß, was zu tun ist, ich hab ein Buch gelesen („SpongeBob Schwammkopf“). Jeder nur ein Argh.

Nachrichten, Naaachrichten, als wäre die Welt dann eine bessere, aber Abtauchen in etwas, was eben auch nicht besser ist, befreit vielleicht und eventuell den Geist, also mal auf „heise online“ nachgesehen: Firefox kommt jetzt mit einer Überraschung in jedem siebten Ei beziehungsweise hundertsten Download, denn wenn eins noch dringend reinmusste in den „Browser“, dann ja wohl Aktivitätsauswertung durch deutsche Verlage. Mozilla kann gar nicht noch tiefer fallen? Ha – Herausforderung angenommen! Selbstbild als Mozilla. Die meisten Menschen möchten gar nicht verdatet und ausgewertet werden, fand eine Umfrage heraus, aber wenn Umfragen eine Rolle spielten, lebten wir nicht in einem Rechtsstaat, sondern im Einhornwunderland. Wen interessiert schon das Geschwätz des Käuferpöbels?

Andere sind über diesen Punkt längst hinweg: Die hessischen „Grünen“ sind jetzt auch Trojanerpartei. Ist die Partei erst etabliert, regiert’s sich gänzlich ungeniert. Arschlöcher, mit Verlaub.

Hat all das einen Sinn? Vermutlich nicht, Enttrübung jedenfalls fand nicht statt. Was aber, der Technik sei’s gedankt, noch immer über sonstwie herbstige Tage half: Musik.

King Gizzard & The Lizard Wizard – Rattlesnake (Official Video)

Guten Morgen.

In den NachrichtenWirtschaft
Abrüstung wäre supi, aber ein Glückwunsch ist auch schön.

„ZEIT ONLINE“, 6. Oktober 2017:

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) hat der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican) zur Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis gratuliert.

„ZEIT ONLINE“, auch 6. Oktober 2017:

Der größte Erfolg der Kampagne mit Sitz in Genf ist der UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen (…). Er verbietet Herstellung, Besitz, Einsatz und Lagerung von Atomwaffen. Allerdings hatten die neun Atommächte sowie fast alle Nato-Staaten – darunter Deutschland – die Verhandlungen boykottiert.

Der gute Wille zählt, nicht wahr?

In den Nachrichten
Kurz verlinkt: Dreckige Liebe zum Frühstück

Neues aus dem Land des Verklagens wegen zu heißen Kaffees:

Was gehört zu einem guten Müsli? Haferflocken, Nüsse, vielleicht Rosinen – aber keine Gefühle. (…) „Ihre Marke Nashoba Granola führt die Zutat ‚Liebe'“, heißt es in einem „Warning Letter“ der FDA an das Unternehmen. Liebe sei aber „kein gewöhnlicher oder üblicher Name für eine Zutat“. (…) Die FDA bemängelt auch „unhygienische Umstände“ bei Herstellung, Verpackung und Lagerung. So hatte eine Überprüfung ergeben, dass Backformen und Backofen nicht gereinigt worden waren.

Die gescholtene Bäckerei hat allerdings Grund, sich über die Vorgaben zu freuen, denn so kann sicherlich eine Sammelklage wütender (denn in den USA ist man als Kunde laut Medienberichten selten enttäuscht, oft hingegen wütend) Müslikäufer wegen nicht nachgewiesener Liebe im Frühstück abgewandt werden.

Nerdkrams
Bescheuertes aus der Welt der Aluhüte: Keyboard Privacy

Wir müssen, fürchte ich, einmal kritisch über Datenschutz sprechen.

In einer Diskussionsgruppe für den ganz guten Webbrowser Vivaldi stellte heute einer der „Sopranos“, wie die Betatester dort offiziell heißen (Oper, nicht Mafia), folgende Frage:

Hat noch irgendjemand bemerkt, dass die aktuelle Testversion beim Tippen äußerst langsam reagiert?

(Wie auch im Folgenden schlecht übersetzt von mir.)

Angehängt ist ein Video, in dem zu sehen ist, dass das Eingabefeld auf einer Website eingegebenen Text tatsächlich nur mit merklicher Verzögerung anzeigt, was sich in „Sprüngen“ bemerkbar macht.

Nur drei Minuten später zog der „Soprano“ die Frage zurück:

Entschuldigt die Aufregung, ich glaube, ich weiß es. Sehr klug von mir, zu vergessen, dass ich Keyboard Privacy installiert habe.

Keyboard Privacy – gibt es natürlich auch für Firefox – ist eine Erweiterung (Vorsicht: Verweis auf google.com) für Chrome-kompatible Browser, die laut Eigenbeschreibung der Erstellung von Verhaltensprofilen vorbeugt, indem sie die Geschwindigkeit, in der eingegebene Zeichen eine Website erreichen, zufällig verzögert. Dadurch soll anscheinend die zumindest belegte eindeutige Identifizierung von Benutzern anhand ihrer Tippgeschwindigkeit erschwert werden.

Nun ist das technisch gesehen natürlich eine fragwürdige Lösung, denn, während es allzu naiv wäre, immer noch davon auszugehen, dass datenschutzfeindliche Maßnahmen dieser Art nur in unrealistischen Szenarien eine Rolle spielen, ist der Gewinn vermutlich überschaubar, weil das Ergebnis offensichtlich erstens ungewöhnlich anstrengend für den Datenschützer selbst ist und zweitens das größere zweifache Problem beim Datenschutz auf Websites, nämlich die Browseridentifikation einerseits und die Erkennung von bestimmten sprachlichen Marotten andererseits, nicht behebt, was besonders dann komisch ist, wenn man diese Erweiterung benutzt, um zum Beispiel in irgendwelchen zwielichten Webforen nicht erkennbar zu sein. Eine einfachere Lösung für das Problem der Tippgeschwindigkeitserkennung wäre das Abschalten von JavaScript, denn ohne aktiviertes JavaScript können Websites nach gegenwärtigem Stand der Technik nicht unauffällig das Benutzerverhalten ohne Verzögerung protokollieren. Aber ich verstehe schon: JavaScript ist wichtig, weil man ohne JavaScript seine wichtigen Webanwendungen, die man nur nutzt, weil man zu blöde für die Bedienung von richtiger E-Mail-, Tabellen- und sonstiger Software ist, nicht mehr benutzen kann. Sicherheit ist nicht wichtiger als Komfort, nämlich! – Wie man dann auf die bescheuerte Idee kommen kann, stattdessen das Komfort behindernde Keyboard Privacy zu installieren, bleibt unklar.

Wenn man aber unkomfortable Lösungen und aktiviertes JavaScript gleichzeitig haben möchte, dann möchte ich dem solches Annehmenden anlässlich der Identifizierbarkeit anhand sprachlicher Marotten zusätzlich vorschlagen, das, was man gern schreiben möchte, vorher von Drunk Eliza oder einem sonstwie zufälligen Textwürfler verschleiern zu lassen oder das Internet – das sowieso weit über den Umfang eines Webbrowsers hinausgeht – nur noch unter angemessenem Drogeneinfluss zu bedienen; oder sich einfach nicht in jedem zwielichtigen Portal, das nicht schnell genug weglaufen kann, anzumelden und dort aktiv herumzutippen. Wenn ich einer Website so sehr misstraue, dass ich bereit bin, meinen eigenen Komfort zu opfern, nur, um mich dort sorgenarm schreibend hervortun zu können, ist vielleicht der Punkt erreicht, an dem ich meine Beteiligung an der dortigen Gemeinschaft im Allgemeinen einmal in Frage stellen sollte; oder mich halt für einen Vorzeigedatenschützer halten, weil ich vor der Fahrt über eine Straße voller Schlaglöcher einfach ein Messer in meinen Arm ramme, damit es vergleichsweise weniger am Hintern weh tut.

Natürlich gibt es auch im keineswegs esoterischen Feld des Datenschutzes, in dem jede Vorsicht geboten ist, falsche Lösungen. Keyboard Privacy scheint eine davon zu sein.

In den NachrichtenPolitik
Medienkritik in Kürze: Tak, tak, tak, tak, tak.

Man kann natürlich, wie es Rieke Havertz im Qualitätsmagazin „ZEIT ONLINE“ tat, nach blumiger Beschreibung des Geschehenen („Tak, tak, tak, tak, tak.“, ebd.) die gewohnte Agenda fortführen, indem man darauf hinweist, dass Donald Trump, Lieblingsantagonist des Föjetongs, als Befürworter der National Rifle Association nichts gegen die längst nicht mehr zu bändigende Waffengewalt tut, statt wie sein medial wertgeschätzter Vorgänger beim Nichtsverbessern wenigstens noch ein bisschen traurig auszusehen.

Man kann, wie es im Jahr 2017 noch allzu viele Anhänger der Lehre des unsichtbaren Freundes im Himmel tun, natürlich für die Stadt der Spieler und der Prostitution beten, denn Gebete machen die Welt zu einem besseren Ort, wie schon der allseits beliebte Friedensfürst Bush d.J. wusste und die frohe Kunde in fernen Ländern verbreitete, ob sie wollten oder nicht.

Man kann auch einfach allmählich darüber nachdenken, ob es nicht vielleicht eine gute Idee wäre, die Vereinigten Staaten von Amerika einfach sich selbst zu überlassen und zu warten, wie lange es wohl dauern mag, bis das Recht auf Waffenbesitz das Problem nachhaltig gelöst hat.

Ich für meinen Teil möchte an dieser Stelle ausdrücklich die dritte Möglichkeit empfohlen haben.

In den NachrichtenMontagsmusik
Needlepoint – Aimless Mary // Asterix bei den Franzosen

Sehe ich aus, als hätte ich Brückentag?Es ist Montag. Der Aufschwung ist da, Krieg wird jetzt moderner. Schade: Keine Weltraumschlachten. Noch schader: Kein Pandabär. Ist doch Käse mit Käse obendrauf. Vielleicht hilft ein kurzer Winterschlaf.

Was Mode ist, vermodert: Die „Washington Post“ findet, die Modeindustrie sollte wirklich mal was dagegen unternehmen, dass politisch eher rechts stehende Demonstranten sich wie auch die hiesigen Knalltüten von der „PARTEI“ um einen attraktiven Kleidungsstil bemühen. Vielleicht wird bald die Losung ausgerufen, dass echte Demokraten sich künftig dadurch von den Bösewichten abzugrenzen haben, dass sie sich absichtlich scheiße anziehen. Geschmack ist Nazi!

Von anderen unliebsamen Demonstranten berichtete gestern das nicht seriös arbeitende Käseblatt „SPIEGEL ONLINE“, dem zufolge in Katalonien als Strafe dafür, dass die dort lebenden Menschen überwiegend ungern Spanier sind, selbige Menschen beim Versuch, dieser Meinung per Wahl Ausdruck zu verleihen, von der spanischen Polizei „angemessen und professionell“ (ebd.) verdroschen wurden. Ein Land weiter war gestern allerdings ebenfalls wieder Stimmung: Ein Attentäter verübte ein Attentat und der „Islamische Staat“ teilte hinterher mit, es habe sich um einen der Seinen gehandelt, wie er das eben des Öfteren so macht. Im Jahr 1979 erschien der „Asterix“-Band „Asterix bei den Belgiern“, dessen Handlung darin besteht, dass die Belgier mit den heftüblichen Galliern darum wetteifern, welcher denn der Tapferere von beiden Stämmen sei, indem sie Römerlager verwüsten und den Verprügelten jeweils nach erfolgter Verprügelung mitteilen, welchem der beiden Stämme sie denn angehörten, damit sich das auch zuverlässig herumsprechen möge. Ich weiß auch nicht, wie ich jetzt gerade auf Asterix komme.

Apropos „kommen“: Es gibt einen neuen Hackersport namens „Screwdriving“, bei dem man im Wesentlichen irgendwelches Sexspielzeug aus relativer Ferne zum Vibrieren bringt. Diese Digitalisierung ist schon drollig.

Musik!

Needlepoint – Aimless Mary

Guten Morgen.

Nerdkrams
Chromefox 57 (Symbolbild)

Jaja, viel besser als Chrome, ist jetzt nämlich schneller und so. Denn das ist alles, worauf es ankommt: Schnelligkeit.

Chromefox 57

(Siehe auch.)