ComputerMusik
Medienkritik in Kürze: The Fall – an Brotkrumennavigation verschluckt.

Zwecks – immer für Suchmaschinen, niemals für Menschen – besserer Strukturierung bilden viele Nachrichtenportale im Web auf der Einzelartikelansicht mitunter eine Strukur ab, der gemeinhin als „Brotkrumennavigation“ bekannt ist: Es wird sozusagen der „Pfad“ zum aktuellen Artikel dargestellt. Wenn in den Medien davon die Rede ist, dass irgendeine poplige Sportlerin einen Ball schneller auf die andere Seite geschlagen hat als ihre Gegnerin, dann findet man solche Meldungen zumeist in einem „Pfad“, der ungefähr wie „Startseite > Nachrichten > Sport > Tennis > Dingsda hat gewonnen“ aussieht. Der Vorliebe von dem weitläufigen Ressort der Unterhaltung zugewiesenen Journalisten für Schubladisierung aller verwertbaren Informationen kommt das zupass.

Schubladisierung ist auch in der Musik leider nicht unbeliebt, was eine unvoreingenommene Bewertung von Musikalben gelegentlich erschwert: Was etwa als „Schlager“ beworben („rezensiert“) wird, das ruft in mir auch dann keinen Kauf-, sondern einen Laufwunsch, nämlich: weg, hervor, wenn es eigentlich gar nicht so schlimm ist. Hinzu kommt, dass die besagte Schubladisierung ihre Grenzen nicht nur bei der Motivation des Einordnenden, sondern auch bei der Technik hat. Eine einzeilige Navigationshilfe auf Websites ist nun einmal nur zweidimensional. Ein aktuelles Beispiel präsentierte gestern „SPIEGEL ONLINE“.

Denn wohin muss man navigieren, um dort den Artikel darüber zu finden, dass der fantastische Mark E. Smith von den kaum weniger fantastischen The Fall gestern verstarb? Die korrekte Antwort ist verblüffend offensichtlich: 1996 veröffentlichte die Schrammelband – nicht, dass ich was gegen Schrammeln hätte! – Tocotronic auf ihrem dritten Studioalbum „Wir kommen um uns zu beschweren“ das Lied „Ich habe geträumt, ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith“. Das war anscheinend die Rettung für „SPIEGEL ONLINE“, denn für The Fall hatte man dort zuvor selten ein paar Zeilen übrig und daher auch noch keine Schublade vorbereitet, für Tocotronic aber schon:

Nachrichten > Kultur > Musik > Tocotronic > Mark E. Smith: Sänger der Band "The Fall" gestorben

Hauptsache, das SEO stimmt.

In den NachrichtenPolitikWirtschaft
Annexion bitte nur gegen Bares

Im August vergangenen Jahres nörgelte die damalige Bundesregierung anlässlich der Übereignung der Krim an Russland folgendermaßen herum:

Danach werde die russische Annexion der ukrainischen Krim als ein Bruch des Völkerrechts betrachtet, der die europäische Friedensordnung infrage stelle. (…) Staatliche Grenzen müssten akzeptiert werden.

Warum das von der ekligen NATO sicherheitshalber bedrohte Russland fortan übermäßig sanktioniert wurde, wird klar, wenn man aktuelle Nachrichten liest, zu deren Zustandekommen es seitens der Bundesregierung allenfalls ein entrüstetes Schütteln des Zeigefingers zu lesen gab, nämlich zum Beispiel diese:

Israel erweitert laut mehreren ortsansässigen Quellen seinen Einfluss auf das von der Opposition besetzte südliche Syrien. (…) Die Erweiterung der Sicherheitszone kennzeichnet eine Bewegung hin zu einer tieferen Einmischung Israels in Syriens Bürgerkrieg. (…) Israel macht sich nicht nur Sorgen wegen des Irans und dessen Allierten im Libanon, sondern auch um seine Kontrolle über die Golanhöhen. Israel hat das 1.200 km² große Gebiet 1967 eingenommen und hält es seitdem besetzt. Anders als die anderen von ihm besetzten Gebiete hat Israel die Golanhöhen 1981, von der internationalen Gemeinschaft verurteilt, offiziell annektiert.

(Nicht besonders textnahe Übersetzung von mir.)

Während Fefe noch rhetorisch spekuliert, ob die amtierende Bundesregierung wenigstens diesmal auch das israelische Verschieben fremder staatlicher Grenzen sanktionieren würde, habe ich eine Vermutung, warum bei völkerrechtswidrigen Abscheulichkeiten seitens der Türkei und eben Israels von spürbaren Strafen seitens der internationalen Gemeinschaft abgesehen wird: Anders als Russland sind diese Staaten zwar nur mittelmäßig zuverlässige Verbündete, aber wenigstens leidlich zahlungskräftige Kunden.

Daran, dass Deutschland Israel zwecks effizienter Vorwärtsverteidigung auch noch mit Kriegswaffen beliefert, stört die Politik daher auch nicht, dass damit Kriegsdinge getan werden, sondern, was die Innenpolitik des Empfängers sonst so macht: „Es gibt nach wie vor Korruptionsvorwürfe gegen Benjamin Netanjahu und sein Umfeld. Das ist nicht ausgeräumt.“ Seine eigenen Grenzen auf der Landkarte herumzuschieben wäre unter der Bedingung, dass die deutsche Rüstungswirtschaft davon finanziell profitiert, ja völlig legitim, aber bei Korruption hört das Verständnis auf. Da geht es immerhin um Geld!

Braucht Russland eigentlich noch ein paar Panzer?

NerdkramsNetzfundstücke
Datengefährdung dank Digitalcourage

Was macht eigentlich der digitalcourage e.V. (Themen: EU-Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung, Feminismus usw.) gerade so? Nun, er wird mal wieder durch die Medien getrieben, weil er trotz allem noch immer als in Datenschutzdingen halbwegs standfest gilt. Der aktuelle Anlass scheint eine zwei Jahre alte Pressemitteilung zu sein, der zufolge noch 2018 in Wolfsburg Grundschüler verwanzt werden sollen, um nicht überfahren zu werden.

Für den soeben verlinkten Artikel wurden zwei Auskenner aus dem „Verein, der sich seit 1987 für Grundrechte und Datenschutz einsetzt“ (ebd.), nach ihrer Meinung zu diesem Projekt gefragt. Um den Inhalt soll es mir hier aber nicht gehen, sondern um den Verein selbst. Diesen hatte ich vor etwa einem Jahr zum letzten Mal wirklich bewusst zur Kenntnis genommen – damals empfahl der Verein auf seiner Website, man möge die Installation von Ubuntu, das gerade erst wegen massiver Datenschutzärgernisse, nämlich eingebauter Amazon-Spyware, in die Kritik geraten war, anstelle von Windows in Erwägung ziehen. Es handelt sich also fraglos um einen Verein, der mitunter populistischen Aktionismus (was auch seine medial beachtete Verleihung der „Big Brother Awards“ belegt) überlegtem Raisonnement vorzieht und dabei auch Schaden im eigenen Lager in Kauf nimmt. Kurz gesagt: Was den Datenschutz betrifft, traue ich dem digitalcourage e.V. (der mir unter dem alten Namen „FoeBuD“ wenigstens klanglich sympathischer war) nicht über den Weg und würde dies auch niemandem empfehlen.

Aufgrund des Artikels begutachtete ich die inzwischen – offenbar nach „mobile first“, auf einem vernünftigen Bildschirm sieht sie also zum Speien aus – neu gestaltete Website allerdings doch noch einmal, um mich zu vergewissern, dass meine Vorbehalte nicht plötzlich veraltet sind; das Gute im Menschen beziehungsweise im Verein sei ja nicht gänzlich in Abrede gestellt. Natürlich war das ein Fehler.

Denn zwar wird nun die weniger grundfalsche Linuxdistribution Tails statt Ubuntu empfohlen und auch an anderen Stellen zeigt der Verein zumindest, woher sein weitgehend guter Ruf eigentlich ursprünglich einmal stammte, aber eine konsequente Umsetzung der eigenen Empfehlungen ist dem digitalcourage e.V. auch weiterhin nicht gegeben. Wasser predigen, Cognac saufen.

Auf der Seite über „Anti-Tracking-Tools“ wird nämlich zu Recht darauf hingewiesen, dass es eine saudämliche Idee ist, Websites ohne vernünftigen Grund das Ausführen von Code auf dem eigenen Rechner („JavaScript“) zu erlauben. Leider wird jemand, der sich dessen bewusst ist, diesen Hinweis nicht so leicht finden wie etwas dümmere Menschen, denn wenn man mit ausgeschaltetem JavaScript auf der auf vernünftigen Bildschirmen grotesk gigantischen „Menü“-Schaltfläche herumdrückt, passiert genau gar nichts, denn das „Menü“ (im Wesentlichen aus dem unteren Teil der Seite bestehend) wird nicht etwa mit CSS oder einem einfachen HTML-Verweis auf eben diesen unteren Teil, sondern per JavaScript eingeblendet. Das mag auf mobilen Geräten, auf denen die Aktivierung grundlegender Sicherheitsmaßnahmen oft nicht einmal vorgesehen ist, kein großes Problem darstellen, wenn man auf die Datensicherheit seiner Besucher keinen besonderen Wert legt; aber eben auch nur dann. Dass vor diesem Hintergrund die vollmundige Behauptung aus der Datenschutzerklärung, in der unter anderem auch steht, der Server speichere meine Browserversion (wofür eigentlich?), dass „grundsätzlich“ weder „Tracking“ noch „aktive Inhalte“ (verstehe schon: JavaScript ist eben nicht aktiv genug) verwendet werden, sich als heiße Luft entpuppt, spielt da schon fast keine Rolle mehr.

Vielleicht ist es aber auch nur Unfähigkeit und nicht etwa Unwissen:

Eine Ausnahme stellt das has_js-Cookie dar, mit dem während der Sitzung festgehalten wird, ob im Browser „Javascript“ eingeschaltet ist. Diese Information wird von unserem Content Management System „Drupal“ genutzt, um die Seiten-Darstellung in Ihrem Browser zu optimieren.

Mensch, das mit der Optimierung funktioniert ja richtig klasse! Inwiefern es die Seitendarstellung zu verbessern vermag, wenn man stattdessen JavaScript aktiviert, steht natürlich nicht dabei. Bis auf eine Sammlung dann bewegter Bilder und einer endlich mal funktionierenden Navigationsleiste unter der dafür vorgesehenen Schaltfläche konnte ich jedenfalls gerade keinen Unterschied erkennen. Mir wäre es das ja nicht unbedingt wert.

An verschiedenen Stellen auf seiner Website verkündet der Verein:

Digitalcourage setzt sich für Ihre Privatsphäre und Grundrechte ein. Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende oder mit einer Fördermitgliedschaft.

Ich hatte noch nie so wenig Lust, einem Verein beizutreten.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Half Past Four – Land of the Blind

Half Past Four - Land Of The BlindUm halb fünf Im Jahr 2016 veröffentlichte die fünfköpfige kanadische Band Half Past Four ihr drittes und bislang letztes Studioalbum „Land of the Blind“ (Amazon.de, Bandcamp). Von sich selbst behaupten die Musiker, sie seien „eine der besten Progressive-Rock-Bands aus Kanada“, was zumindest eine mutige Behauptung ist, wenn man sowohl Rush als auch die diversen Sprosse von Godspeed You! Black Emperor dem Progressive Rock zurechnet, denn dann wird es knapp mit der Bewertung.

Stilistisch sehen sich Half Past Four allerdings sowieso anderswo:

Seit nahezu zwei Jahrzehnten haben sie einen einmaligen Klang entwickelt, der traditionellen Progrock neben anderen mit Folk, Country, Jazz und klassischen Genres verbindet.

In der Tat ist Eintönigkeit hier nicht gegeben. Schon im eröffnenden „Mathematics“ wird die Retroprog-Schiene von Beardfish bis echolyn auf- und abgewandert, von einem offensichtlichen Rückgriff auf Genesis und die unvergessenen Gentle Giant unterscheidet Half Past Four hier fast nur Sängerin Kyree Vibrant, deren Kunst ich allerdings für beachtlich halte.

Half Past Four – Mathematics (Official Video)

Während in „Toronto Tontos“ die Exzentriker von Primus wahlweise zitiert oder persifliert werden, vermag ich das textlich bemerkenswerte „Mood Elevator“ keiner anderen Band zuzuordnen. Sommerlicher Bluesrock’n’Roll, wenn’s denn ein Genre sein muss.

Half Past Four – Mood Elevator (Official Video)

Mit dem Stimmungsfahrstuhl fahre ich erst einmal nach oben. Ich bin erfreut und hoffe auf Fortsetzung.

In den NachrichtenPolitik
Punk ist nicht tot, Punk ist jetzt Sozialdemokrat.

Aus dem trotz der feministischen Grundüberzeugung männlichen Vorsitzenden des Vereins des ältesten Mädchens Berlins, das in kindlich-patzigem Tonfall von sich behauptet, es könne schon deshalb kein Mädchen sein, weil es immerhin seit einer Vierteldekade einer Jugend- und nicht etwa einer Kinderorganisation vorstehe, nämlich der „Jusos“, sprudelt seit gestern wiederholt eine total tolle Idee heraus:

Wer jetzt in die #SPD eintritt, kann in einigen Wochen #Groko oder #NoGroko sagen. Ein schöner Anlass, sich einen Ruck zu geben.

Denn wenn eins die SPD-Führung davon überzeugen wird, dass es eine wenig ertragreiche Idee war, in offenbar selbstmörderischer Absicht den Ausstieg vom Ausstieg zu vollziehen, dann ja wohl eine Schar neuer Beitragszahler infolge dieser Idee!

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Hammock – Clarity // 44 Prozent rational.

EulmeldungEs ist Montag. Durch Deutschland sollte etwas gehen, am besten ein Pandabär, denn Pandabären sind eine wertvolle Ergänzung für jede Gesellschaft; zumal eine Gesellschaft, der der kritische Rationalismus völlig fehlt, den Menschen kein Gewinn sein kann. Mehr Karl Popper (und mehr Pandabären) wagen!

Kein Wochenende ohne Politikschmerzen: Die SPD hat „gewählt“ und zu 56 Prozent kein Interesse mehr an ihrem eigenen Geschwätz von gestern. Wenn die 44 Prozent Restbehirnten in der SPD zur nächsten Bundestagswahl eine eigene Partei gründeten, könnten sie, wie ich vermute, anschließend ohne Zweifel die Regierung führen. Tun sie das nicht, dann sind auch sie schuld an dem, was kommt. Dass Martin Schulz zwecks Anregung von Zugehörigkeitsgefühl irgendwas über ein „sozialdemokratisches Europa“ delirierte und dabei ignorierte, dass „Sozialdemokratie“ in ganz Europa niemand mehr so wirklich irgendwo hinwählen will, ist ziemlich sprechend. – Es ist erwiesen: Berlin macht doof. Ob da ein Zusammenhang besteht?

Ein Blick ins Ausland: In Großbritannien ist die beim Bumsen meistgenannte Person angeblich Donald Trump. Die Menschen haben Geschmack. Im anderen Ausland, in Thüringen, sind sich Medien derweil unsicher, ob man bei einem Verhältnis von 76 zu 75 nun von einer Mehrheit oder einer Gleichheit reden sollte; entschieden hat man sich überwiegend für zweitere Formulierung, was journalistisch bestimmt irgendwie begründbar ist.

Es ist Montag und damit ist es Zeit für Musik. Döpdapdöpdöppieps! Ansonsten hören wir doch einfach ein wenig Hammock.

Guten Morgen.

In den NachrichtenPolitik
Parlamentarische Rachedemokratie

Woher kommt es eigentlich, dass die AfD immer noch nicht verschwunden ist, sondern auch weiterhin Zuspruch erhält? Nun, vor allem an der Irrationalität, mit der ihre Gegner ihr eigenes Verhalten einschätzen.

Dass der Bundestag ein Arbeitsparlament ist, ausbleibende Anwesenheit also nicht zwingend etwas mit fehlendem Arbeitswillen zu tun hat, weil die wesentliche Arbeit, die über Abstimmungen hinausgeht, ohnehin in anderswo tagenden Gremien stattfindet. Die landläufige Vermutung, dass Politiker sich erst selbst das Gehalt erhöhen und dann nicht mal etwas dafür tun wollen, weil sie im Bundestag häufiger mal fehlen, ist also nicht zwingend zutreffend. Trotzdem wäre es verfehlt, sie hier vor der Skepsis ihrer Bürger zu bewahren, denn abgesehen von ihren alltäglichen Verfehlungen, nämlich zum Beispiel der, dass sie es für irgendwie wählergewollt halten, wenn sie sich nicht für die Interessen ihrer Wähler, sondern für ganz andere Dinge einsetzen (ehemalige Piratenwähler, die mit ihrer Stimme statt zur Verbesserung deutscher Netzpolitik Ressourcen für Pamphlete zugunsten von Gratisgeld und Posexparaden verschwendet haben, kennen das zur Genüge), was mich fragen lässt, ob der Verbraucherschutzbund sich nicht bei Gelegenheit mal mit den Werbeversprechen von Parteien befassen sollte, gibt es manchmal auch diese ganz konkreten Ärgernisse des politischen Alltags, die daran zweifeln lassen sollten, ob eine Expertokratie nicht doch die bessere Staatsform wäre.

Gestern nämlich „berichtete“ unter anderem „SPIEGEL ONLINE“, dass die AfD sich des seit über einem halben Jahrhundert SPD-erprobten „Tricks“ bediente, die Geschäftsordnung des Bundestages gelesen zu haben:

Eine Sitzung des Bundestags musste am späten Donnerstagabend abgebrochen werden. Grund war ein AfD-Antrag.

Nein, der Grund war, dass die anwesenden Parlamentarier gegen die Geschäftsordnung verstoßen wollten, der Auslöser war ein Antrag; aber Sprache liegt nun einmal nicht jedem, der was in Qualitätsmedien reinschreiben darf. Der Antrag bat eigentlich nur um Verifikation:

Der Bundestag musste am späten Donnerstagabend eine Sitzung abbrechen, weil das Plenum wegen zu wenig anwesender Abgeordneter nicht beschlussfähig war. Die Nachzählung, den sogenannten Hammelsprung, hatte die AfD-Fraktion verlangt.

Dass der Fraktionsvorsitzende der AfD den Antrag als „Rache“ für eine zuvor erfolgte Nichtwahl eines AfD-Mitglieds in irgendein Gremium, war zwar ein rhetorischer Schuss in den eigenen Fuß, aber wenn der Bundestag aus Rache nach Geschäftsordnung und nicht regelwidrig arbeitet, dann sollte das eigentlich für niemanden ein Problem darstellen, was vor allem dadurch bestätigt wird, dass einige unangenehme Gesetze – zuletzt das „NetzDG“ – bei Anwesenheitsprüfung vermutlich nicht so schnell Realität geworden wären.

Tut es aber doch. Beispielhaft greife ich mir Thomas Mockenhaupt, sonst nicht weiter bemerkenswerter SPD-Mitarbeiter, heraus, der diese „Rache“ folgendermaßen betwitterte, woraufhin in ebenjenem Medium eine erhitzte Debatte entbrannte, die im Konsens ausbleibende Anwesenheit bei Abstimmungen mit Arbeitsverweigerung gleichsetzte, weshalb sie hier nicht weiter von Belang sein soll:

Dieser billige Kirmestrick der Rechtsextremen ist ein guter Beweis, dass es denen nicht um ernsthafte Politik, sondern nur um Klamauk und das Untergraben der Demokratie geht.

Mit einer Demokratie, die „untergraben“ wird, indem ihre Legislative sich an ihre selbst auferlegte Geschäftsordnung zu halten gebeten wird, ist es nicht weit her, möchte man meinen. Wir sind der Souverän, wir haben die da hingesetzt.

Wo bleibt eigentlich die Revolution?

ComputerIn den NachrichtenMir wird geschlecht
Kurz verlinkt: „Alexa, mach etwas völlig anderes!“

Unhörbare Sprachsteuerung war gestern, heute ist Sprachmodifikation:

Aus einer vorhandenen Audiowellenform können Forscher jetzt eine quasi identische Version erzeugen, die Spracherkennungsprogramme etwas völlig anderes transkribieren lassen.

(Übersetzung von mir.)

Was könnte da schon passieren?


Nachtrag vom 21. Januar: Amazons Sprachassistentin gibt jetzt Widerworte und bezeichnet sich als Feministin. So was stellt man sich doch gern ins Wohnzimmer.

In den NachrichtenWirtschaft
Spielgeld IV: Wie Geld, nur defekt.

Am 2. Januar 2018 veröffentlichte Pseudonymus „Mr. Money Mustache“ einen trotz des Namens recht lesenswerten kritisch-analytischen Blogartikel, in dem er wie viele andere vor ihm schlüssig aufzeigte, wieso der frei erfundene „Wert“ eines Bitcoins schon daher überzogen ist, weil der Betrag, der neben „BTC in USD“ steht, erst mal von irgendwem bezahlt werden müsste, um nicht bloß in einer Sackgasse zu enden. (Dass der Autor bei der Bildbeschreibung Twitter und reddit miteinander verwechselt, sei ihm verziehen.) Es sei der Neid der Besitzlosen der Antrieb des Autors und seiner Mitmeiner, unkte es hierauf in den Kolumnen, denn wenn Bitcoin wirklich eine solche Blase wäre, wäre es längst geplatzt.

Zur allgemeinen Überraschung stellte sich nur wenige Tage später heraus, dass der frei erfundene „Wert“ eines Bitcoins auch nach unten gehen kann. Das Wehklagen war groß, manche setzten für dieses Spielgeld immerhin ihre Existenz aufs Spiel, verbitten sich aber auch aus der Gosse heraus noch die Behauptung, sie hätten sich „verzockt“: Auf reddit wird seit Tagen gemahnt, dass, wer verkaufte, das schon bald bereute. Das kennt man noch von der Immobilienblase vor ein paar Jahren: Alles Feiglinge, das. HODL, prost! Dass mit dem Bitcoin, für dessen Fall wirtschaftlich naive Meinungsmedien unter anderem China verantwortlich machen, das das „Schürfen“ von Spielgeld angeblich erheblich zu sanktionieren gedenkt, auch alternative „Währungen“ wie Ripple große Kursverluste hinnehmen mussten und müssen, die man überhaupt nicht „generieren“ kann, weil es alle „verfügbaren“ Einheiten bereits gibt, sagt über das Finanzverständnis derer, die das Spiel begeistert mitgespielt haben, mehr aus als über diejenigen, die als Ewiggestrige und als Büttel des Finanzsystems verschrien werden.

Es sei, befand der Nachtwächter, sehr sprechend, dass diejenigen, die das Geldsystem ersetzen wollen, sich vor allem Sorgen darüber machen, dass ihr Spielgeld nicht mehr so viel rückständiges Echtgeld „wert“ ist. Die Revolution will heim zu Mutti.

Es nennt sich Kommunist, wer kämpft, damit der Staat ihm eine bürgerliche Existenz sichert.
Nicolás Gómez Dávila

In den NachrichtenPolitik
Kurz angemerkt zur jüngsten Sonntagsfrage

SPD in Umfrage bei 18,5 Prozent – wenn das Guido Westerwelle wüsste!

Tage wie diese – Die Toten Hosen (Official Video)

In den Nachrichten
Was am Wochenende nicht passiert ist.

Auf „T-Online“ wird „berichtet“:

Ein Passagierflugzeug der türkischen Fluglinie Pegasus ist bei der Landung im nordtürkischen Trabzon von der Piste abgekommen und fast ins Schwarze Meer gestürzt. (…) Auch Pegasus teilte mit, die 162 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder seien bei dem Vorfall am Samstagabend nicht verletzt worden. Der Sender CNN Türk berichtete: „In Trabzon fehlten 25 Meter bis zur Katastrophe.“

Mir fehlten indessen noch ungefähr 25 Hände und Stirnen für eine angemessene Reaktion. Wieder knapp am Rekord vorbei – fast!

:irre:

In den NachrichtenMontagsmusik
Black Bombaim & La La La Ressonance – Kin

Ich seh schwarzEs ist Montag. Bim bim bim! Für ein paar Lacher eignet sich jeder Philosoph, tiefer muss man ja nicht bohren. Gott ist tot und man selbst kommt heute auch nicht so recht aus dem Bett.

In anderer Hinsicht sollte man wachen Auges sein: Antivirusfirmen haben Microsoft verklagt, weil die Sicherheitsmaßnahmen von Windows Vista sie nicht mehr in den Kernel gelassen haben. Das Problem mit der Computersicherheit, das sei ergebnisoffen festgestellt, ist offensichtlich nicht, dass die Leute keinen Virenscanner einsetzen, sondern, dass sie diesen Firmen immer noch Geld (oder wenigstens Reklameeinnahmen) bezahlen wollen.

Zu jedermanns Lieblingsthema, der Innenpolitik, gibt es leider Neuigkeiten zu vermelden: „CSU-Landesgruppenchef Dobrindt“, heißt es beim Deutschlandfunk, habe den SPD-Vorsitzenden aufgefordert, „die Kritik an den Sondierungsergebnissen zu beenden“ – die sollen froh sein, überhaupt mitregieren zu dürfen! Gute Nachrichten derweil aus Großbritannien: Die Insel wird Europa geografisch nicht verlassen, versprach Minister David Jones.

Gibt’s doch nicht? Doch, es gibt anscheinend alles schon: Um ein Problem zu lösen, habe ich am Wochenende ein Programm geschrieben. In einem Forum wurde ich sodann darauf hingewiesen, dass dieses Problem schon vor Jahren viel besser gelöst wurde. Bestimmt gibt es dafür auch eine Moral oder dergleichen.

Was es aber niemals zu geben aufhören sollte: Musik.

Black Bombaim & La La La Ressonance – "Kin" (B1)

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Bardo Pond – AcidGuruPond

Bardo Pond - AcidGuruPondVor inzwischen über vier Jahren befand ich das Album „Peace on Venus“ der US-amerikanischen Band Bardo Pond für unbedingt hörenswert. Danach hatte ich selbst die Gruppe zu meinem Bedauern ein wenig aus den Augen (und Ohren) verloren.

Eher zufällig lief ich daher unlängst ihrem 2016er Album „AcidGuruPond“ (Bandcamp, Amazon.de) quasi über den Weg, das eine – wenn auch nicht die erste – musikalische Zusammenarbeit mit den landesüblich verrückten Japanern Acid Mothers Temple und der Krautrockkonstante Guru Guru ist und genau so klingt, nämlich wie das, was man sich wohl vorstellte, sollte man sich eine drogenumwölkte Geistesreise vorstellen.

Das Album ist weitgehend instrumental, der effektgeladene seltene Gesang eher eine zusätzliche Tranceschicht; auf die Ohren gibt es kosmischen Kraut (klar: Guru Guru) und jede Menge Psychedelia zwischen Hippiegitarre („Purple“) und Drones („Blue“). Dass die fünf Stücke wie Farben heißen, passt ausgezeichnet, denn wie ein Kaleidoskop projiziert sie herrliche Bilder in den Verstand.

Bardo Pond ‎- Acid Guru Pond

Bardo Pond sind inzwischen weitergezogen, im Februar wird ihr neues Album „Volume 8“ veröffentlicht werden und ihr gleichfalls famoses Nebenprojekt Curanderos war auch nicht untätig. Ich allerdings verweile noch etwas, bin erfreut und empfehle.

In den NachrichtenPolitik
Abschließend angemerkt zum Sondierungsergebnis von CDU, CSU und SPD

Zur langweiligsten Regierung der Nachkriegszeit sei unter Berücksichtigung meines Versprechens, die gähnende Leere nicht mit weiteren Worten zu belasten, einer- und der überraschenden Erkenntnis, dass in einer rechtspopulistischen Regierungskoalition „linke“ Gedanken nicht zu haben sind, andererseits in Bezug auf die absehbare weitere Entwicklung der Umfrage- und letztlich Wahlergebnisse nur mehr die Fraktionsvorsitzende der SPD gewissermaßen als Menetekel zu zitieren und zu zeigen.

Andrea Nahles: Bätschi!

NerdkramsNetzfundstücke
wahr / falsch / mal sehen

Datentyp des Tages: Troolean.

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(via @raichoo)