In den Nachrichten
Säkularismus wann anders. (3)

Ihr habt keinen Bock auf Schule, aber das Klima interessiert euch einfach nicht genug und/oder ihr seid zu ehrlich, um den Freitagsdemonstrationen beizuwohnen? Fürchtet euch nicht, der HErr erlöset euch:

Wegen des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags fällt in Dortmund die Schule aus, weil die Schulgebäude den Kirchentagsbesuchern als Übernachtungsmöglichkeit dienen.

Im postaufgeklärten Gottesstaat sind Bildung und Wissenschaft eine verzichtbare Last. Das christliche Abendland hat eine eingebaute Vorfahrt. Schule ist ja auch unspannend für die hippen kids, da lässt man sich lieber zweitausend Jahre alte Märchen vorlesen:

„Die Kinder haben dann die Gelegenheit, ein echtes Mega-Event zu erleben“, schreibt ruhr24.de denn auch frei heraus.

Wer braucht schon Schule, wenn er auch ein Mega-Event haben kann? :ja:

Piratenpartei
Bomber Harris‘ später Sieg

Der Wahlkampf beginnt, die schmutzige Wäsche wird ausgepackt: Unter medialem Beifall ist Julia Reda aus der Piratenpartei ausgetreten und empfiehlt in einem viel (daher nicht hier) zitierten Video auf YouTube, die Piratenpartei nicht mehr zu wählen. Der Grund dafür sei, dass ihre Partei rechtlich keine Handhabe hat, den von ihr selbst als ihren Nachfolger aufgebauten Zweitplatzierten von der eingereichten Liste streichen zu lassen.

Von der unvorteilhaften Situation abgesehen, dass die Piratenpartei nach dem überwältigenden Zuspruch der letzten Wochen einen derartigen Schlag in die Magengrube von derjenigen Abgeordneten, ohne die sie diesen Zweitplatzierten vermutlich nicht mal kennen würde, zum jetzigen Zeitpunkt nicht so einfach wegstecken kann und wird, da sich auf Twitter bereits die üblichen Mobs formen, die geschlossen zur Wahl anderer Parteien aufrufen, überrascht mich weniger die schier idiotische Vorstellung, der bisher einzugssichere Erstplatzierte – der höchst bemerkenswerte Netzpolitiker Patrick Breyer – sei ein Opfer, dessen Fehlen im Parlament in den nächsten fünf Jahren niemandem wirklich weh tun würde (als sei EU-Netzpolitik nicht gerade jetzt ein wichtiges Feld!), als die Verstrickungen erledigt geglaubter Gestalten: Es gratulierte zum Ausstieg neben Jasna „Gummibär“ Strick auch der ehemalige Bundesvorsitzende Thorsten Wirth mit Dankesworten an Julia Reda einer- und die Antifa andererseits. Anscheinend ist ein Austritt aus der Piratenpartei auch dann ein großer Erfolg, wenn man sich viereinhalb Jahre lang überhaupt nicht wesentlich um ihr Schicksal geschert hat.

Das alles passiert, während bei den bayrischen Piraten die ersten Karrieristen wieder ihren hässlichen Kopf aus der Erde recken. Dort trage sich, wie man hört, zurzeit zu, dass die jeweiligen Vorsitzenden des Münchener und des bayrischen Verbands aktiv gegen einen jungen Aktivisten aus ihren Reihen opponieren, weil sie verhindern möchten, dass er bekannter wird als sie. Anscheinend tut dieser Partei ein bisschen Auftrieb nicht gut.

Es ist dennoch beruhigend zu sehen, dass Zeitungen mit der alten Vorstellung, eine Kleinstpartei mit Dreck bewerfen zu lassen sorge für zuverlässig hohe Klickzahlen, immer noch nicht falsch liegen. Wenn mein Beruf mir irgendwann nicht mehr genug Geld einbringt, gründe ich vielleicht eine Zeitung, die nur während eines Wahlkampfes erscheint und als Quellen ausschließlich „soziale“ Websites akzeptiert. Das scheint leicht verdientes Geld zu sein.


Nachtrag I: Zu niemandes besonders großer Überraschung lässt sich die Antwort des inkriminierten Parteimitglieds so interpretieren, dass aus den Reihen der 2014 abgewählten Parteilinken ausschließlich Manipulationen und Lügen zu erwarten sind. Mein überraschtes Gesicht sieht merkwürdigerweise genau so aus wie mein ganz normales Gesicht.

Nachtrag II: Die deutsche Entsprechung der thunbergischen Klimapanikpartei findet plötzlich, Angst sei ein Zeichen von Schwäche. Mensch, fast wie früher!

In den NachrichtenNerdkrams
Staatstrojaner (2019)

Ich war schon beinahe in Sorge: In den Wirrungen um die Urheberrechtsreform, deren Abbruch einzig die Blödheit der SPD verhindert zu haben scheint, schien gar keine weitere Schweinerei aus den Reihen der CDU/CSU vorbereitet zu werden. Es beruhigt mich ein bisschen, dass der inzwischen über 2.727 Tage alte Staatstrojaner die Statistik rettet:

Seehofer will dem Verfassungsschutz künftig das Mitlesen von Messengerdiensten wie WhatsApp erlauben. Dafür dürfte der Geheimdienst „Staatstrojaner“ einsetzen, mit denen Nachrichten noch vor einer Verschlüsselung abgefangen werden könnten – eine sogenannte Quellen-Telekommunikationsüberwachung. (…) Bei den Betroffenen sollen Daten, die „den Kernbereich privater Lebensgestaltung betreffen“, nicht erhoben werden – „soweit möglich“.

Und da das auf einem Gerät, das überwiegend intimste Lebensbereiche erfasst, kaum sinnvoll möglich ist, ahne ich, wie groß das Bedauern sein wird, wenn es leider zu einem größeren Datenabfluss kam. Manchmal wünschte ich, CDU/CSU wären tatsächlich, wie heute vielerorts zu lesen, zu blöd und nicht zu skrupellos für das freie Internet. Abzuwarten bleibt, ob digitale Selbstverteidigung nicht zur Straftat erklärt wird.

Wo bleibt eigentlich die Revolution?

In den NachrichtenPolitik
Befreit Katarina Barley!

Offensichtlich werden deutsche Parlamentarier in französischer Geiselhaft gehalten:

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) sei gegen die Uploadfilter, sagte der SPD-Abgeordnete Tiemo Wölken. Sie habe sich aber Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beugen müssen, die „einen Deal mit Frankreich geschlossen hat“.

Schnell, wir müssen sie da rausholen! Bundeswehreinsatz in Frankreichs Innerem jetzt!

In den NachrichtenMontagsmusik
Windhand – Red Cloud // Der Programmierpapst

Noch fünf Minuten, MutterEs ist Montag. Ciao, Anti-AKW! Trottein, trottaus; wie lange ist der letzte echte Sonntag her? – Ohne Sodbrennen wäre man ja nur ein halber Mensch, also kann die Woche angemessen beginnen. Gleich mal in die Nachrichten gucken, worüber es sich aufzuregen lohnt.

Über das altbekannte Problem, dass Funktastaturen unsicher sind, lohnt es sich nicht einmal mehr die Nase zu rümpfen. Es soll doch jeder selbst zwischen Komfort und Sicherheit die falsche Entscheidung treffen. Spannend wird es in der Zukunft, wenn der Staat (und damit jeder aufgeweckte Dreijährige) in „vernetzten“ Autos rumhacken darf. Das ist ja alles so praktisch in dieser Zukunft.

An Programmierern mangelt es wenigstens nicht: Selbst der Papst habe jetzt was programmiert, wird mitgeteilt. Da kann ja nichts mehr schiefgehen. Wenn sich bei der Benutzung irgendeiner neuen Software also künftig der Ausruf „oh Gott!“ anbietet: Da hatte wohl Papst Franz die Finger im Spiel.

Noch eine schlechte Nachricht zum Wochenanfang? Gern: Das Manneken Pis uriniert kein Trinkwasser mehr. Das ist vor allem für diejenigen ärgerlich, die beim Anblick eines Urinstrahls spontan Durst bekommen, von denen es ja manche geben soll. Habe ich gehört.

Was ich außerdem höre: Musik.

WINDHAND – Red Cloud (Official Music Video)

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Regal Worm – Pig Views

Regal Worm - Pig ViewsLange nichts mehr über Musik geschrieben.

2011 gründete Jarrod Gosling, der zuvor seine vielinstrumentalen Fähigkeiten andernorts ausüben durfte, sein eigenes Bandprojekt Regal Worm, das bis heute nominell nur aus ihm selbst besteht. Auf dessen aktuellem Studioalbum „Pig Views“ (Amazon.de, TIDAL, Bandcamp), im Juli 2018 erschienen, sind es über zwanzig verschiedene Instrumente von Mellotron bis Schlagzeug. Das heißt natürlich nicht, dass „Pig Views“ eine reine Soloplatte ist: Sieben Gäste, darunter zwei Sängerinnen und ein Sänger, stehen ihm zur Seite. Ich behaupte: Das war eine kluge Entscheidung.

Dem Coverbild entsprechend spielen Regal Worm weitgehend Retro-Prog mit deutlichem Canterburyeinfluss, es lassen sich aber auch spacige Klangeffekte ausmachen. Was ein passendes Adjektiv angeht, so bin ich unentschieden zwischen „beschwingt“ und „fröhlich“. Nehmen wir „beschwöhlich“. Camel, Caravan und mitunter Magma lassen freundlich grüßen.

Huge Machine, You Are so Heavy

Magma? Ja, wahrlich: Der immer wieder mal auftauchende Chorgesang hat tief in Zeuhl gebadet. Ein Kaltherz, wer hier nicht mindestens einen Ohrwurm abzugreifen vermag.

You can’t burn me, I’m the Winter man
You can’t burn me, I’m the cold man

Jawoll.

Der Gesang ist überhaupt ein entscheidender Bestandteil dieses Albums: Wie – um im Genre zu bleiben – Hatfield and the North ohne die Northettes nicht dasselbe gewesen wären, so formt auch der Chor auf „Pig Views“ die Musik maßgeblich, wie nicht zuletzt seine Leistung in „Revealed as a True Future Tyrant“ beweist.

Revealed as a True Future Tyrant

Das mit Abstand längste, dreiteilige Stück auf dem Album, „The Dreaded Lurg“, schiebt Regal Worm dank der Flöte und der allgemein ausschweifenden Klanglandschaft wieder in Camelnähe, was ja auch nicht schlecht ist. Dass das kurze outro „Butterfly“ eigentlich verzichtbar ist, schmälert meine Begeisterung nicht im Geringsten.

Ich nenne die Artikelrubrik, in der ich diese Kritiken veröffentliche, ja durchaus nicht unüberzeugt „Kaufbefehle“ statt „Kaufempfehlungen“. „Pig Views“ zu hören sollte Grund genug sein.

In den NachrichtenPolitik
Vom „Brexit“ für die EU lernen

Der Vorsitzende der Liberal Democrats, der britischen F.D.P., vermeldete gestern auf Twitter einen großartigen Erfolg der Stop-Brexit-Kampagne seiner Partei: Auf zwei Fotos ist eine anscheinend große Zahl an Menschen zu sehen, die Schilder bei sich tragen, auf denen unter anderem „We demand a people’s vote“ („Wir verlangen eine Volksabstimmung“), „Put it to the people“ („Überlasst es dem Volk“) und „I want a say on Brexit“ („Ich würde beim Brexit gern mitreden dürfen“) steht. Dem Vorsitzenden zufolge habe man nun eine Mehrheit von 60 Prozent beisammen, die einen Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union ablehne.

Es ist wahrscheinlich nicht notwendig, darauf hinzuweisen, dass solche Zahlen meist von der Situation sowie von der Auswahl der Befragten abhängen. Ich halte es aber für bemerkenswert, dass sich nicht einmal drei Jahre nach einer Volksabstimmung, bei der es dem Volk überlassen wurde, was mit der EU-Zugehörigkeit künftig passieren solle, ausreichend viele Menschen zusammenfinden, die, unzufrieden mit der Entscheidung des Volkes, gern so oft abstimmen lassen würden, bis ihnen das Ergebnis passt.

Andererseits birgt dieses Verhalten eine große Chance auch für die Europäische Union und Deutschland: Bekommen die angenommenen 60 Prozent der Briten ihren Willen und dürfen einfach noch mal abstimmen, dann sollte es kein großes Problem darstellen, das auch in anderen Mitgliedsstaaten der EU durchzuführen. Wer nicht unzufrieden mit der Arbeit seiner Regierung ist, werfe den ersten Kugelschreiber. Wählen wir doch künftig einfach wöchentlich und retten wir die Demokratie. Die, die regelmäßig unanständigen Parteien in Berlin (Land) und Berlin (Bundeshauptstadt) zu Einfluss verhelfen, sprechen selten für die Mehrheit: 78 Prozent der Deutschen seien unzufrieden mit der Bundesregierung, zitierte „ZEIT ONLINE“ letzten Juli. Keine Ahnung, wo die Wähler immer herkommen.

Vielleicht sollte man Wahlen an sich künftig durch die Frage ersetzen, mit welcher Regierung man am ehesten zufrieden wäre. Das wären amüsante Ergebnisse für uns Zyniker.

NetzfundstückePiratenpartei
Metamedienkritik (mehr oder weniger): Mit Fakenewsfakes gegen Uploadfilter

Fefe fragt zu Recht:

Versteht eigentlich jemand, wieso die Piratenpartei das Bohei um Artikel 13 nicht genutzt hat, um sich wieder ins Gespräch zu bringen?

Sieht man von den europaweiten Demonstrationen gegen die unsagbar dumme Politik der Europafraktionen von CDU/CSU und SPD, die sich heute zumindest einig darin sind, nicht schuld sein zu wollen, ab, die hierzulande meist von den örtlichen Piraten maßgeblich mitgestaltet oder – etwa in Hannover – überhaupt erst organisiert wurden, bemerke jedenfalls ich aus der Partei heraus einen unvorsichtigen Übermut. Endlich ein Gegner!

Dass man sich da – wie etwa Gregory Engels, Platz 6 der Europaliste der Piratenpartei – zur Aufgabe von Vorsicht hinreißen lässt, ist zwar verständlich, aber gefährlich:

Der Thomas Thiel von @FAZ_Feuilleton denkt auch, wir sind alle #bots! Und er schreibt auch „Blogger werden für politische Beiträge auf Youtube von Youtube bezahlt.“ Braucht noch jemand ein Beispiel für den Wörterbuch für die Definition von #FakeNews?

Man mag von der „FAZ“ halten, wonach einem selbst der Sinn steht, aber in diesem Punkt hat der Thomas Thiel nicht Unrecht: Viele YouTube-Selbstdarsteller, auch im deutschen Sprachraum, leben inzwischen von ihren Videos und den damit verbundenen Vermarktungstätigkeiten; und das wohl nicht so schlecht. Ob man nun einen politischen Beitrag verfasst, die abertausendste Coverversion von „Yesterday“ singt oder sich scheiße anmalt: Sobald es genug Leute sehen wollen, ist ein Geldgewinn nicht ausgeschlossen. Das bedeutet, dass die Aussage, YouTuber würden für Videos, in denen sie die bescheuerte Politik von CDU/CSU und SPD kritisieren, von YouTube (und damit Google) bezahlt, so erst mal nicht falsch ist. Diese Aussage nun aus strategischen Gründen als „Fakenews“ zu etikettieren ist voreilig und erweist der Sache auch nicht gerade den erhofften Dienst.

Für das politische Klima zwischen denen und uns wäre es manchmal sinnvoll, die Barrikaden nicht durch Lautsprecher auszuwechseln.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Laktating Yak – Origin of the Yak

Laktating Yak - Origin of the YakLange nichts mehr über Musik geschrieben.

Bei Laktating Yak, was übersetzt „Milch absondernder Yak“ heißt, handelt es sich um ein texanisches Sextett, das sich selbst in RIO-Tradition sieht und 2018 mit „Origin of the Yak“ (Bandcamp) sein bisher anscheinend einziges Album veröffentlicht hat. Was es mit dem Yak auf sich hat, erläutert der Pressetext: Anscheinend ist der Konsum von Yakmilch ein wichtiger Bestandteil einer Bergbesteigung. Für mich wäre das ja nichts.

In sechs von sieben Stücken auf dem Album kommt das Wort Yak im Titel vor, lediglich „The Errorist“ („Sobald die Yakmilch getrunken worden ist, interagiert sie chemisch ähnlich wie Adrenalin mit der menschlichen Anatomie und minimiert während einer Expedition die Verrücktheiten des ‚Erroristen'“, teilt besagter Pressetext mit) bildet eine Ausnahme. Ich bin geneigt, ein Konzept hinter dem Album anzunehmen, obwohl es an Texten mangelt. Zu hören gibt es jedenfalls instrumentalen Zeuhl, psychedelischen Krautrock und Folkmusik mit Didgeridoo (Didgeridoo!).

Laktating Yak – Origin of the Yak FULL ALBUM (2018)

Es dominieren Perkussion und Saxophone, auch wenn Charlie Bryan an der Gitarre in Fripp’scher Manier hier und da („Invokation of the Yak Pt. 2“) einen lauten Einwand erheben darf. Talk Talk (Mark Hollis lebe ewig fort), Renaissance, Magma und Pink Floyd seien hier namegedroppt, die haben die Musiker offenbar mit der Yakmilch aufgesogen. Ein empfehlenswertes Album, das auf mehr hoffen lässt.

Die Milch macht’s.

NerdkramsPersönliches
Smartphoneblues (fin)

Im September 2010 erzählte ich sichtlich begeistert von meiner damals neuesten Spielerei, meinem Android-Smartphone. In den folgenden Jahren bis heute hatte ich Android nicht aufgegeben, obwohl mir schon 2016 aufgefallen war, wie langweilig dieses System und die es umgebende Medienlandschaft geworden war. Es ging nur noch um Belanglosigkeiten: Noch mehr noch buntere Kameras, noch lautere Lautsprecher bei noch weniger Kopfhöreranschlüssen zu noch höheren Preisen.

Dass es auch günstigere Androidgeräte als die jeweiligen „Flaggschiffe“ Samsungs gab und gibt, ist ein Umstand, der auf die Qualität und Updatepolitik dieser Geräte keine Rücksicht nimmt – um die ist es oft nicht gut bestellt. Nicht, dass Samsung es noch besser machte! In einem viel beachteten Test der im März 2019 aktuellen „Flaggschiffe“ (das Wort erinnert mich regelmäßig an Piraterie) von Apple und Samsung kam als Fazit heraus, dass das Samsunggerät unter Umständen zwar etwas schneller als das iPhone arbeitet, jedoch Apps während der Benutzung des Öfteren abgestürzt sind. Ich vermute, das hat die gewonnenen Sekunden mehr als nur ausgeglichen.

Ich stellte vor einigen Monaten die Vermutung auf, dass Samsung mit seinen zweifelsohne gut gemachten Mobilgeräten vielleicht lieber Software anderer Hersteller ausliefern sollte, denn Samsungs Androidsoftware zeichnet sich – von seiner iTunes-Alternative KIES bis hin zu seinen Bedienoberflächen TouchWiz, Experience und inzwischen One UI – vor allem dadurch aus, dass man sie nach der ersten Benutzung lieber künftig weglässt. Über die weiteren Probleme Androids muss man angesichts der Geräte selbst schon fast gar nicht mehr reden: Nicht nur sind die verfügbaren Apps, kostenlos oder nicht, oft von wenig erbaulicher Qualität, man muss außerdem einigen Aufwand treiben, wenn man nicht das virtuelle Pendant zu einer großen Werbetafel bei sich tragen möchte, während man sein Gerät benutzt. Ist es wirklich zu vernachlässigen, einen nennenswerten Teil seines Lebens unter den wachsamen Augen des Marktführers in blöder Reklame (wenn nicht gar: Schadsoftware) zu führen?

Angesichts des letzten anstehenden Neukaufs eines Smartphones – wie üblich hat auch mein letztes Androidgerät beschlossen, dass Ladegeräte ihm insgesamt zuwider sind – habe ich also noch einmal darüber nachgedacht, was ich eigentlich nach neun Jahren mit Android eigentlich – von gelegentlichen Telefonaten abgesehen – mit dem Gerät anstelle und was nicht. Zu meinem eigenen Erstaunen sind mir neben seiner Kostenloskultur und der von mir noch nie genutzten, anscheinend aber von iOS übernommenen Möglichkeit, in den Code des Systemkerns reinzugucken, noch ein paar andere Dinge völlig egal:

  • Appentwicklung betreibe ich privat überhaupt nicht mehr – ich habe gar keine Zeit dafür und gar keine Lust mehr, daran etwas zu ändern.
  • Die Anpassbarkeit mancher Versionen von Android reizt mich nicht mehr. Der von mir installierte Microsoft Launcher „kann“ zwar manches, aber fast nichts davon habe ich jemals wirklich gebraucht; und für Symbolpakete und Klingeltöne bin ich, fürchte ich, inzwischen einfach zu alt.
  • Das Zusammenspiel zwischen Mobilgerät und richtigem Computer erledige ich seit jeher über Dropbox, OneDrive und/oder meine eigenen Server. Ich meide die vermeintlichen Annehmlichkeiten, die man versprochen bekommt, wenn auf möglichst vielen essenziellen Komponenten dieselbe Marke klebt, nach Möglichkeit.
  • Ebenso besitze ich keine gadgets von Samsung, Google oder dergleichen, die mich in ein „Ökosystem“ einschließen würden: „Smarte“ Heimautomatisierung und -digitalisierung interessiert mich nicht mal theoretisch, die Nebenwirkungen rechtfertigen die Aufwandsersparnis längst noch nicht.

Das macht mich eigentlich zu einem dankbaren Kunden für jeden Smartphonehersteller, denn meine activities, die ich immerhin zumeist im Sitzen ausführen kann, sind fast egal: Ich höre Musik, kümmere mich um meine voll laufenden Mailpostfächer, „surfe“ im Web, in Gopher und im Usenet, unterhalte mich gelegentlich, fertige Notizen an, plane Termine, lese die Nachrichten, warte meine Server, navigiere über mehrere Verkehrsmittel und kann schlecht leugnen, dass dann und wann auch mal ein Tweet abgesetzt wird.

Folgerichtig habe ich nach Abwägung aller genannten Punkte die, wie ich hoffe, einzig vernünftige Entscheidung getroffen: Auf meinem Neuerwerb klebt ein angeknabberter Apfel; wohl um die quasi jährlichen Rufe wissend, das Unternehmen sei so gut wie am Ende, erscheint es mir zurzeit als das kleinste Übel.

So tief musste Android ja auch erst mal sinken.

In den NachrichtenMontagsmusik
Univers Zéro – Dense

PandaohreuleEs ist Montag. Die schäbige SPD, die die Einführung von Uploadfiltern mit ihrer Stimme begünstigt hat, findet, die CDU solle gefälligst dagegen stimmen. Angewandtes Arschlochtum scheint ein Nebenfach der Politikwissenschaften zu sein. Ich möchte das nicht, aber ich bekomme ohnehin selten, was ich möchte (i.e. einen Pandabären).

Immerhin „folgerichtig“ wird Axel Voss von Idioten bombenbedroht. Es ist ja nicht so, dass ein bisschen mehr Militanz der Netzpolitik vielleicht manchmal helfen könnte, aber doch nicht so. Anderswo werden Menschen inzwischen danach beurteilt, wem sie den Geburtstagskuchen wegfressen bzw. mit wem sie ihn teilen, und ist es Matussek, dann ist es schlecht. Mattusseks Geburtstage verbieten! Wie haben die Menschen es früher nur hinbekommen, so viel entspannter zu sein als heute? Ach, vielleicht sind es die modernen gadgets, die wir ja früher noch nicht hatten: Die Action-Cam für den Schniedel, Penisvlogger aufgemerkt. Alle bekloppt, alle restlos bekloppt.

Wissen wollen sie ja auch nichts mehr: Bei Google wird einer der Gründer von Greenpeace der damnatio memoriae überantwortet, nachdem er schwänzende Kinder nicht so vorbehaltslos grandios fand, wie es sich dieser Tage geziemt. Willkommen im 21. Jahrhundert. Ich wiederhole mich ungern: Ich möchte das nicht.

Grundsätzlich könnte Musik aus dem 20. Jahrhundert Abhilfe schaffen, wenn man sie nur laut genug hört.

UNIVERS ZERO live at GOUVEIA ART ROCK 2005 – "Dense"

Guten Morgen.

NerdkramsNetzfundstücke
Foren sind das neue Darknet

Anlässlich der zahlreichen Proteste gegen diverse EU-Gesetze ließen es sich auch ein paar Betreiber von Webforen (für die Jüngeren: das hatten die Älteren früher vor Facebook; für die Älteren: das hatten die Jüngeren nach dem Usenet) nicht nehmen, ihrem Unmut nicht nur Ausdruck, sondern auch eine eigene Website zu verleihen, die „Foren gegen Upload-Filter“ heißt und also schon von einer ganz falschen Prämisse ausgeht.

In einem „offenen Brief“ – wäre Versenden nicht sinnvoller? – teilen 27 Forenadmins, auch im Namen ihrer „mehr als 15 Millionen“ Mitglieder, unter anderem mit, warum sie der Ansicht sind, die Notwendigkeit der Einführung von Uploadfiltern sei ein massives Problem für sie und ihre Mitglieder. Selbst mir fallen mehrere Gründe ein, warum besagte Uploadfilter auch für sich an gesetzestreue Menschen richtende Foren schnell ein großes Problem werden könnten. Den 27 Forenadmins aber fiel überdies einer ein, den sie vermutlich noch bereuen werden:

Foren fallen unter die zentrale Definition in Artikel 2 (5): der Hauptzweck ist das Hochladen, Organisieren und Darstellen geschützter Werke[.]

Dieser Einwand, der sich darauf bezieht, dass ja auch etwas, was zum Beispiel ich in ein Forum reinschreibe, mein „geistiges Eigentum“ ist, verkennt, dass die Nutzungsbedingungen der meisten Foren dort ein Nutzungsrecht vorsehen: Ein Beitrag, den ich verfasse, ist damit automatisch an den Betreiber lizenziert worden. Darum geht es also nicht.

Webforen dienen außerhalb des darknets und einiger langlebiger Tauschbörsen eben nicht dem „Hochladen, Organisieren und Darstellen“ geschützter Werke wie zum Beispiel professionell gemachter Fotos oder ganzer Kinofilme. Täten sie das, wäre ich vermutlich viel häufiger in ihnen zugegen. Sie dienen dem Austausch von Neuigkeiten, Meinungen, gelegentlich eigener Werke mit ausreichender Schöpfungshöhe. Man kann sich im Web prima austauschen, ohne dabei jemandes Rechte zu verletzen. Das kann ich auch nur weiterempfehlen.

Wäre ich Axel Voss, wenn auch nicht ganz so dumm und kurzsichtig, empfähle ich den „offenen Brief“ jedoch als ein weiteres Argument für „meinen“ Gesetzesentwurf. Ich befürchte, das wird uns allen noch sehr viel Ärger bereiten.