In den Nachrichten
„Ich brauch keine Ausbildung, ich mach YouTube“ des Tages

Aus irgendeiner sehr zynischen (nämlich: meiner) Sicht ist das wundervoll: YouTube dreht YouTuberin, die Videos über Ernährungsesoterik macht, wie vielen anderen Videomachern auch das Geld ab, prompt sieht sie sich gezwungen, statt großen Geldregens in ihrem Auto zu leben. Etwas später schießt sie in der YouTube-Zentrale, augenscheinlich vor allem erbost darüber, dass sich ihr eigenes Können darauf beschränkt, sich beim Sülzen zu filmen, um sich, tötet dabei jedoch vorerst nur sich selbst, denn auch als Schützin ist sie miserabel. Offensichtlich verroht YouTube die Jugend und die CDU sollte es dringend im Auge behalten.

Bonuspointe:

In einer Stellungnahme teilte die Polizei von Mountain View mit, dass Beamte Aghdam am Dienstag gegen 2 Uhr morgens schlafend in ihrem Auto vorgefunden und ihr eine Reihe von Fragen gestellt haben, darunter, „ob sie eine Gefahr für sich oder andere darstelle.“

(Übersetzung von mir.)

Wer wäre denn da so blöd, die Wahrheit zu sagen? :irre:

Persönliches
Die Masken in ihren Köpfen

Da stehen sie und lächeln und man sieht, dass es nicht stimmt. Sie tragen Masken hinter ihrem Gesicht, denn mit Authentizität kommen sie in ihrem Streben nach möglichst viel Haben bei möglichst wenig Soll nicht weiter und sie wissen das. Ein käuflicher Charakter strahlt nur Kälte aus, diese Kälte kann man riechen.

Jäger sein oder Beute? Wer nicht jagt, dem lassen sie keine Chance. Dass man sich in Unternehmen anders, als es Hollywood vormacht, meist nicht hochschlafen kann, das haben sie schnell verstanden. Dass man sich stattdessen jedoch, sicherlich für alle wesentlich angenehmer, hochlügen kann, sei es beruflich oder gerade auch privat, das wussten sie im Grunde ihres steinernen Herzens seit ihrer Geburt. Sie sind Blender und dies ist ihre Chance.

Sie haben sich angepasst an das, was sie für eine Gesellschaft halten, in der sie leben möchten. Man solle doch mitmachen, sagen sie, und nicht immer so viele Fragen stellen, denn nur dann sei man willkommen. Die Gesellschaft habe halt Regeln, die seien jetzt halt so und niemand hat die Macht, sie zu ändern. Ob das nicht unaufrichtig sei? Na klar sei es das, aber man habe ja auch etwas davon, nämlich könne man sein Leben mit all den anderen Blendern verbringen und der Mensch sei nun mal ein soziales Wesen. Was das denn bedeute? Wie – das wisse man nicht? Dann sei ohnehin alles verloren.

Man erinnert sich an den Jungen in der Grundschule, der für ein bisschen zusätzliches Taschengeld Regenwürmer gegessen hatte, und lächelt wissend zurück.

In den NachrichtenNerdkrams
Kurz angemerkt zu 1.1.1.1

Natürlich kann man seinen DNS-Anbieter vom weltgrößten Anbieter von Onlinereklame – nämlich Google – zu einem US-amerikanischen Anbieter von so Cloudkram umziehen, wie es „heise online“ aktuell vorschlägt, weil die IP-Adresse so schön kleine Zahlen hat, aber aus Datenschutzsicht ist es die mindestens zweitdümmste Idee, einem Unternehmen, das einen Großteil der Tor-Nutzer für potenzielle Bösewichte hält und entsprechend aussperrt und gleichzeitig qua Gesetz eine Schnittstelle für US-amerikanische Geheimdienste anbieten muss, auf dass diese wissen mögen, welche Websites man denn so aufzulösen gedenkt, seine Surfgewohnheiten sozusagen frei Haus zu liefern.

Mir wird geschlechtMontagsmusikNetzfundstücke
Birth of Joy – You Got Me Howling

Der Osterhase hat eine Eule versteckt.Es ist Montag. Daran hat gestern mal wieder niemand gedacht und auch heute tun es nur wenige, denn es ist Feiertag. Irgendwo in Südeuropa standen zu viele Menschen und ließen einen alten Mann einen Zauberspruch aufsagen. Ab morgen gilt aber wieder, begleitet von täglichem Geläute, dass wir in einer aufgeklärten Zeit leben und Sekten im Wortsinne brandgefährlich sind und unbedingt gemieden werden sollen, denn nur Dumme lassen sich so leicht verführen, wenn’s nicht gerade der Papst versucht. Es irrt der Mensch, solang er strebt.

Gestern war im Übrigen der 1. April, sicherheitshalber habe ich also alle Qualitätsmedien ungelesen belassen und mir lediglich Blogs angesehen, denen jeder Humor völlig abgeht. Hierbei habe ich unter anderem ein Interview mit „Don Alphonso“ gelesen, dessen Lektüre zumindest erhellend ist. Es ist die Botschaft zu beurteilen und nicht der Bote, was in einer schnelllebigen Medienwelt oft die Schlagzeilerei erschwert. Ein bisschen blöder fühle ich mich hingegen nach dem Lesen dieser überraschenden Meldung: Ein Gericht hat herausgefunden, dass Google mit Android Geld verdient und es sich daher um ein kommerzielles Betriebssystem handelt.

Ebenso blöd: Franziska Giffey (natürlich SPD) habe in ihrer Eigenschaft als „junge Frau“ (F. Giffey, Jahrgang 1978, über F. Giffey), las ich anderntags und -orts („FAZ.net“), beklagt, dass eine Zwangsheirat, bei der Frauen allenfalls die Wahl zwischen verschiedenen Cousins haben, diese Frauen unterdrückte, wogegen man etwas tun müsse, als wäre es undenkbar, dass sich diese Cousins nicht freiwillig für ihre Zwangsfrauen entschieden hätten. Schlau ist allenfalls Brad Pitt, denn warum sollte eine moderne, aufgeklärte Feministin, die sich jede Beurteilung von Körperlichem verbittet, ihn sonst verehren?

Ohne Zweifel und ohne ein Aber verehrenswert bleibt ganz körperlos: Musik.

Birth of Joy – «You Got Me Howling»

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Melt Downer

Melt DownerAls Zeichen meiner Unerschrockenheit und zur angemessenen Würdigung des Tages der bescheuerten Witze wage ich heute mal wieder etwas, wovon ich mir selbst meist eher abraten würde: Ich höre Musik aus Österreich.

Österreichischer Musik haftet zumeist nicht der Ruf an, besonders grandioser Qualität oder auch nur Vielfalt zu sein. Gemeinhin als „Austropop“ klassifizierte Lieder mit doppeltem Textboden mögen gelegentlich positiv hervorstechen, sind jedoch musikalisch von wenig Überraschungen geprägt. Zum Glück gibt es auch in Österreich mehr als nur eine Musikrichtung.

In eine völlig andere nämlich dringen Melt Downer mit ihrem Debütalbum (Bandcamp) vor, das 2017 veröffentlicht wurde. Über eine Stunde lang stoner- und postrocken die drei Herren in klassischer Rockbandbesetzung (Gitarre/Gesang, Schlagzeug, Bass) sich in Ohren und Verstand des unvorbereiteten Publikums (hier: die meinen).

Melt Downer – Back Down For The People Of The Past (Studio A Session)

Nach den ersten elf Stücken folgt als Schlussakkord und Höhepunkt des Albums das beinahe halbstündige „Dawner“, über das mit dem dort zu hörenden Ausruf, den man wohl als „wuhu!“ transkribieren kann, eigentlich alles gesagt ist: Gitarren- und Rhythmuseskapaden explodieren aus dem Kopfhörer, unerbittlich treiben die Musiker die Welle voran. „Lasst den Mann in Ruhe!“ fordert ein als Film- oder wenigstens Serienzitat erkennbares, mehrfach wiederholtes Sprach-Sample gegen Ende desselben Stücks. Ich bin nicht unglücklich darüber, dass die Band dem erst einige Minuten später Folge leistete.

Das Durchstehen, schrieb Florian Kölsch für den „musikexpress“, lohne sich sehr. Das halte ich für maßlos untertrieben.

Mir wird geschlechtNetzfundstücke
„ZEIT“ verleiht den Blockchainpreis.

Die „ZEIT“ könne man, befand ich erst gestern, auch nicht mehr ruhigen Gewissens lesen. Wohl dem, der – anders als ich selbst – diesem Rat Folge leistete, denn ihm blieb diese Eigenwerbung erspart:

Sie (…) setzen sich für eine weiblichere Raumfahrt ein oder beraten Regierungen in Sachen Gleichstellung: Frauen, die unsere Wirtschaft revolutionieren, so heißt der diesjährige Edition F Award, den das Onlinemagazin in Kooperation mit ZEIT ONLINE und dem Handelsblatt zum fünften Mal verleiht.

Eine „weiblichere Raumfahrt“ ist jetzt zunächst einmal nichts, worüber ich persönlich mich so sehr freuen würde, dass ich es für preiswürdig hielte, aber ich bin ja auch weder eine Frau noch ausreichend geistig entkernt, um einen Preis namens „Frauen, die unsere Wirtschaft revolutionieren (Edition F Award)“ o.vglb. als Belohnung und nicht als Verhöhnung zu betrachten. Und er hat noch einen zweiten Namen:

Die Jury des 25 Frauen Awards hat aus 500 Nominierungen eine Vorauswahl von 50 Frauen getroffen, die (…) unsere Wirtschaft verändern und mitgestalten.

Bindestriche sind anscheinend kein Frauending. – Nicht uninteressant ist diese Ersatzbenennung des Preises aber auch aus inhaltlicher Sicht, sagt sie doch nur aus, dass man eine von 25 Frauen war, die irgendwas gemacht haben. Da kann man den Enkeln später sicherlich eine total interessante Geschichte erzählen.

Wer also sind die 50 Delinquentinnen? Nun, zum Beispiel sie:

We are Kal heißt das von Catherine Allié gegründete Label, das handgesponnene und handgewobene Textilien aus Seide und Wolle herstellt.

Schon klar: Mit einem Innovationspreis kann die Frau nicht rechnen, eine Veränderung der Wirtschaft ist hier nicht auszumachen. (Darf man Frau Allié aufgrund ihrer Tätigkeit eigentlich „Spinnerin“ nennen oder bekommt man dann wieder Ärger?) Wenn aber jemand, der einen klassischen Handwerksberuf ausübt beziehungsweise ausüben lässt, bereits allein hierfür die Vorauswahl übersteht, dann wirft das auf die anderen 450 Nominierten ein eher ungutes Bild. Und dann behaupten Feministen jedwelchen Geschlechts, Frauen würden unterschätzt!

Weiterhin diese Dame:

Charlotte Bartels studierte Volkswirtschaftslehre (…). In ihrer Promotion, die mehrfach ausgezeichnet wurde, zeigte sie, dass der deutsche Sozialstaat immer weniger umverteilt.

„Die Armen werden immer ärmer.“
„Dafür bekommen Sie einen Preis!“

:bravo:

Auch sie ist dabei:

Ise Bosch ist eine Enkelin und Erbin des Unternehmers Robert Bosch. Mit ihrem Vermögen will sie anderen Menschen helfen und die Gesellschaft verändern. (…) Als Gründerin und Geschäftsführerin der Dreilinden gGmbH setzt sich Bosch gegen Diskriminierung und Gewalt aufgrund von Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung ein.

Ich würde ja unterstellen wollen, dass das Aufbauen einer Gesellschaft, die vor allem Geld verteilt, mit den Mitteln, die von einem erfolgreichen und produktiven männlichen Unternehmer geerbt (also ohne große Gegenleistung geschenkt worden) sind, sich für eine positive Veränderung der Wirtschaft und einen Frauenpreis nicht eignet, aber ich bin auch nicht in der Jury und ich vermute, ich kenne sogar den Grund dafür.

Zeichnet sich denn niemand der zu Ernennenden durch etwas anderes als Unsinn aus? Doch, natürlich, aber andere eben auch nicht:

Als Chief Financial Officer des US-Kreditkartenunternehmens Mastercard gilt Martina Hund-Mejean weltweit als eine der einflussreichsten Personen der Finanzbranche.

Dass sowohl die Gründer als auch die momentanen Vorsitzenden des Unternehmens MasterCard Männer sind und Frau Hund-Mejean in der englischsprachigen Wikipedia nicht erwähnt wird, lässt mich an ihrem Einfluss in der Wirtschaft zweifeln. Andererseits hat vermutlich jedes größere Unternehmen mindestens eine Frau, die dann seine einflussreichste ist. Die einzige gefundene Quelle für die Behauptung, sie sei „eine der einflussreichsten Personen der Finanzbranche“, ist jedenfalls „Treasury & Risk“, ein fragwürdiges Magazin, das besagte Wikipedia in keiner Sprache zu kennen scheint.

Vielleicht wird man in typischen „Frauendomänen“ eher fündig? Aber klar:

#Forward Beauty heißt das Strategieprogramm, mit dem Tina Müller, CEO und Vorsitzende der Geschäftsführung der Douglas GmbH, die Kosmetikindustrie verändern will. Um die Marke langfristig voranzutreiben, braucht es ihrer Meinung nach eine digitale und weibliche Neuausrichtung des Unternehmens.

Denn bekanntlich haftet Douglas der Ruf an, sich als Unternehmen vor allem an die Bedürfnisse von Männern zu richten – von Männern, die gern nach Blumenwiese duften. :ja:

Das soll natürlich nicht heißen, dass in der vorgefilterten Liste nicht auch Frauen zu finden sind, die sich auch von Männerthemen reizen lassen, zum Beispiel Bullshit:

Shermin Voshmgir ist Gründerin des Blockchain-Hubs, ein Informations-Hub und Thinktank in Berlin, der die weltweite Entwicklung der Blockchain-Technologie vorantreibt, kommuniziert und diskutiert. (…) Außerdem unterstützt sie Start-ups mit dem Schwerpunkt Blockchain.

Frau Voshmgir wird sich in der Abstimmung allein im Grad des Bullshits, der sie qualifiziert, allerdings geschlagen geben müssen, denn die Frau, die ich gerade übersprungen habe, übertrifft sie um Längen:

Henrike von Platen ist überzeugt, dass Frauen und Geld zusammengehören

Stimmt, denn welcher Mann hätte nicht gern beides gleichzeitig und nicht nur eines davon? – Ach, der Satz geht noch weiter:

Henrike von Platen ist überzeugt, dass Frauen und Geld zusammengehören und Lohngerechtigkeit schon morgen möglich wäre. Mit der Gründung von Fair Play Innovation Lab (…) möchte sie das Ziel der Lohngerechtigkeit für alle umsetzen.

Wenn Frau von Platen also dafür sorgen möchte, dass mehr Frauen sich künftig aktiv für technische Berufe interessieren, einen besseren Schulabschluss machen, länger im selben und größeren Unternehmen bleiben, Überstunden machen, nicht vor Schmutz zurückschrecken und Schichtarbeit leisten, dann wäre das sicherlich lobenswert.

Möchte sie aber gar nicht:

Deswegen setzt sie sich seit vielen Jahren für gerechte Bezahlung und die Vernetzung von berufstätigen Frauen weltweit ein und gründete einen Fraueninvestmentclub.

Na dann.

Die tags des „ZEIT“-Artikels sind „Digitalisierung“, „Award“, „Blockchain“, „Frauen“, „Auszeichnung“ und „Startups“. Hätte ich sie zuerst gelesen, hätten sie also am Anfang und nicht am Ende des Artikels Platz gefunden, so wäre mir die Lektüre und meinen Lesern dieser Artikel vermutlich erspart geblieben.

Selber schuld.

In den NachrichtenNerdkrams
Geteilte Daten sind doppelte Daten (2): Web-Anwender in der NZZ-Falle

Unter der ungewöhnlich wenig reißerischen Überschrift „Web-Anwender in der Tracker-Falle“ sülzte gestern Stefan Betschon für die „Neue Zürcher Zeitung“ sein eigenes Verständnis von der Herausforderung, die der mediale Umgang mit Facebook mit sich bringt, in ein unvorbereitetes Web hinein:

Auf Facebook könnte man notfalls verzichten. Aber ohne das Web kann man nicht leben.

Kann man nicht. Geht nicht. Ist nicht vorgesehen. Der Versuch ist garantiert tödlich. Deswegen sterben arme Kinder in fernen Ländern auch immer so früh: Kein Web. Kann man nix machen.

Und sobald man den Web-Browser aufstartet und Websites aufruft, lädt man sich kleine Progrämmchen (Scripts) in den Hauptspeicher, die meist ohne Wissen des Betroffenen und manchmal auch ohne Wissen des zuständigen Website-Betreibers personenbezogene Informationen sammeln. (…) Meist geht es darum, Web-Benutzer zu beobachten.

Diese sehr falsche Vorstellung von einer Website – als wären die Progrämmchen verpflichtend! – sei zur Referenz einmal vorgemerkt, ebenso übrigens die moralische Bewertung selbiger:

Das ist nicht unbedingt verwerflich. Solche Tracker können beispielsweise dazu beitragen, die Gestaltung von Websites zu verbessern, indem sie dem Website-Betreiber zeigen, wie die Benutzer bei der Informationssuche vorgehen. Manchmal aber folgen diese Tracker dem Benutzer von Website zu Website, nachdem sie (…) besondere Merkmale des Computers feststellen konnten. Manchmal zeichnen solche Tracker (…) sehr detailliert alle Aktionen eines Web-Nutzers auf, registrieren jede Bewegung der Maus und jede Eingabe mit der Tastatur[.]

Wie das „Vorgehen bei der Informationssuche“, gegen dessen Beobachtung Stefan Betschon offensichtlich nichts einzuwenden hat, sich von einer Aufzeichnung aller Aktionen, die Stefan Betschon offensichtlich zu Recht für eher unangenehm hält, unterscheidet, wird im vorliegenden Artikel leider nicht erklärt. Dafür wird einigermaßen ausführlich erklärt, wie viele Tracker denn ungefähr kursieren:

Laut den Informationen dieses Web Transparency and Accountability Project kommen in den USA auf den 50 populärsten Websites jeweils mehrere Dutzend Tracker zum Einsatz. Alles in allem haben die Forscher mehr als 80 000 Unternehmen beobachtet, die Tracker verwenden. (…) Die Tracker stehen meist im Dienst der Online-Werbung, laut Narayanan ist es aber leicht möglich, die Tracking-Infrastruktur für staatliche Überwachung umzufunktionieren.

Das klingt ja gefährlich! Ist etwa auch die „NZZ“ betroffen? Nein, das wäre ja sonst auch unredlich:

Im Rahmen der «nicht abschliessenden Untersuchung» wurden im März 374 populäre Schweizer Websites aufgerufen, und dabei hat man herausgefunden, dass mindestens 24% der Websites – darunter jene von Digitec, NZZ, Swiss und Zalando – Fingerprinting-Verfahren nutzen. (…) Bei der NZZ wurde das Fingerprinting vorübergehend eingesetzt im Bemühen, die kostenpflichtigen Online-Inhalte besser zu schützen. Das Verfahren wird inzwischen nicht mehr eingesetzt.

Genau, die NZZ macht das nicht mehr. Dann ist doch alles in bester Ordnung. Bis auf diesen Teil des Artikelquelltexts natürlich:

Und diesen:

Und diesen:

Von diesen Progrämmchen findet man noch manches, als Beispiele sollen die hier eingefügten jedoch einmal reichen. Auffällig sind neben „loadAd“, dessen Funktionsweise ich absehen zu können meine, die Aufrufe von „Audienzz“ beziehungsweise „adnz“. Dies ist, es sollte kaum überraschen, eine Reklamepartnerfirma der NZZ (vastehste, „AudieNZZ“) und hat unter anderem solches im Repertoire:

Detaillierte Informationen über Nutzer, Angebote und Nutzungsverhalten. Auswertungen nach Sprachregionen möglich. Internationale Vergleichbarkeit.

Es sei, zitiere ich abermals, „leicht möglich, die Tracking-Infrastruktur für staatliche Überwachung umzufunktionieren.“ Gemäß der NZZ ist es somit für die eigene Sicherheit einigermaßen gefährlich, die Website der „Neuen Zürcher Zeitung“ ohne besonderen Schutz gegen etwaige Progrämmchen – also Werbe- und Progrämmchen-Blockaden – zu besuchen.

Ob sie wohl auch bald – wie zuvor schon „SPIEGEL ONLINE“ – voller Unverständnis für diese Maßnahmen ihr Onlineangebot hinter einer Bezahlschranke versteckt?


Die „ZEIT“ kann man ja auch nicht mehr ruhigen Gewissens lesen.

In den NachrichtenMusik
Tanzverbot für Phil Collins

In der Zeit vor Ostern wird traditionell auch in dem Land, das sich dringend darum zu bemühen sucht, sich auf seine christlichen Traditionen (i.s. Kreuzzüge und Judenverfolgung) zu besinnen, um sich von den Moslems abzugrenzen, alljährlich Religionskritik laut, denn wie auch an Heiligabend – was aus unklarem Grund selten zur Sprache kommt – soll an Karfreitag allenfalls traurig getanzt werden.

Da es nur wenig gibt, was trauriger wäre als Hannover, hielt ich die Website der Stadt Hannover für eine geeignete Quelle, um das genauer zu erforschen. Und tatsächlich gibt es dort Informationen:

Nach dem Niedersächsischen Feiertagsgesetz (NFeiertagsG) sind Tanzveranstaltungen am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag unzulässig.

Dass dieselbe Stadt Hannover auch am kommenden Karfreitag zum Tanz lädt, lasse ich hier aus dramaturgischen Gründen weitgehend unkommentiert und gucke mir stattdessen das NFeiertagsG an.

Was zunächst auffällt, ist, dass es explizit regelt, wann Videotheken öffnen dürfen. Es ist erfrischend, dass die Digitalisierung noch nicht überall um sich greift. Für den vorliegenden Kasus relevant ist aber insbesondere § 5 NFeiertagsG:

An den in § 3 genannten Tagen sind während der Zeit von 7 bis 11 Uhr morgens folgende Veranstaltungen und Handlungen verboten (…):

a) öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel und öffentliche Aufzüge, die nicht mit dem Gottesdienst zusammenhängen; das Grundrecht der Versammlungsfreiheit ( Artikel 8 Abs. 2 des Grundgesetzes) wird insoweit eingeschränkt;

Man muss ja Prioritäten setzen: Christentum oder Versammlungsfreiheit? Die Entscheidung lag doch wohl auf der Hand!

b) die der Unterhaltung oder dem Vergnügen dienenden Veranstaltungen, bei denen nicht ein höheres Interesse der Kunst, der Wissenschaft oder der Volksbildung vorliegt;
c) Veranstaltungen und Handlungen, soweit sie religiöse oder weltanschauliche Feiern stören oder den Besucherinnen oder Besuchern dieser Feiern den Zugang erschweren.

Dass es Religionen geben soll, die zu ihren Ausdrucksmitteln den freudigen Tanz zählen, sei hier aufgrund meines ausbleibenden Interesses, diese Behauptung zu verifizieren, nur als Pointe angebracht. Entscheidend scheint mir aber Satz „b“ zu sein: Zählt es nicht bereits als Volksbildung, wenn man als Protest gegen dieses für einen vorgeblich säkulären Staat sonderbare Gesetz eine Tanzveranstaltung abhält, durch die möglicherweise Bürger dazu bewegt werden, sich mit der gängigen Rechtsprechung aktiv statt nur passiv zu beschäftigen? Welches höhere Interesse hat „die Kunst“ und was ist eigentlich Kunst? Wer schließlich bestimmt, was Vergnügen bereitet und was nicht? Mir zum Beispiel bereitet die Musik von Phil Collins anhaltende Schmerzen – ist es mir also weiterhin gestattet, an einem Karfreitag mit schmerzverzerrter Miene zu Phil Collins zu tanzen?

Andernfalls hätte ich gegen eine Ausweitung der Gültigkeit des Gesetzes auf einen Großteil des übrigen Jahres nämlich nichts einzuwenden.

In den NachrichtenPolitik
Kalter Krieg, reloaded. (3)

Um zu signalisieren, dass er seinem Amtsvorgänger im Säen von Zwietracht zwischen den Völkern nicht nachsteht, beschloss Außenminister Heiko Maas, die letzte Geheimwaffe der SPD, sich mit so etwas wie einem Bürgerkrieg in fernen Ländern gar nicht erst abzugeben – nein, der Kalte Krieg muss das Mindeste sein und die Solidarität ist ein willkommenes Vehikel:

Wir haben heute vier russische Diplomaten aus Deutschland ausgewiesen. Denn nach dem Giftanschlag von #Salisbury trägt Russland noch immer nicht zur Aufklärung bei.

Dasselbe Russland freilich, dem es nach wie vor verwehrt bleibt, zwecks Hilfe bei der Aufklärung Proben des verwendeten Giftes zu erhalten, kommt einzig als Täter in Betracht. Er habe, lügt Heiko Maas, sich die Entscheidung „nicht einfach gemacht“, wie es guter „Linker“ Art eben ist; die Grünen haben sich ihre Entscheidung für TTIP gleichfalls sicherlich nicht einfach gemacht. Von „Solidarität“ ist also die Rede, denn in einem Land, in dem die Partei des Außenministers dieselbe unter Bürgern in einem langen, schmerzhaften Prozess weitgehend liquidiert hat, ist nicht mehr anzunehmen, dass sie es wagen würden zu widersprechen, wenn man ihnen sagt, was gut für sie ist. Der Russe, er muss es gewesen sein, daran kann und darf es keinen Zweifel geben. Warum sonst sollten führende Politiker selbst der F.D.P. fordern, sein Land müsse aufhören, dem Westen zu drohen?

Wer hat jemals behauptet, Großbritannien, unser historischer Verbündeter in Handelsdingen, stehe vor der Tür? Schon darum ist es offensichtlich, wo der Feind sitzt. Da ist dann auch TTIP egal – Traditionen müssen gewahrt bleiben.

Koste es, was es wolle.

FotografiePolitik
Deutschland, deine Allegorien! (13)

Free Deniz / Puigdemont

In den NachrichtenMontagsmusik
Dungen – Häxan // Das Geschwätz und wir

Ich weiß doch auch nicht

Es ist Montag. In Deutschland werden Exilpräsidenten zur Abwechslung mal festgenommen, bei den ehemaligen Präsidenten von Irak und Libyen war man nicht so zimperlich. Vielleicht kann der Bundespräsident, der in einem früheren politischen Amt Murat Kurnaz in einem Folterknast gefangen halten ließ, intervenieren. Aber wer wären wir, der spanischen Regierung in ihre Politik reinzureden?

Anfällig für Geschwätz sind wir. „Ausgerechnet“ Donald Trump, quatschte am Donnerstag ausgerechnet „WELT ONLINE“, habe die „weltweit beste Klimabilanz“. Ausgerechnet! Beinahe wäre man ein bisschen wütend, aber dann bemerkt man noch rechtzeitig, dass dann auch Menschen im persönlichen Umfeld merken könnten, dass man manchmal „WELT ONLINE“ liest, und das gilt es unbedingt zu vermeiden. Grummeln wir also heimlich weiter! Andere Medien haben auch dumme Meldungen: Offensichtlich handelt es sich bei Liedern, die inzwischen seit Jahrhunderten zum volkstümlichen Liedgut gehören, um „SS-Lieder“, weil sie auch in SS-Liedbüchern auftauchten. Es möge „Backe, backe Kuchen“ niemals auf seinen politischen Hintergrund untersucht werden.

Neues hingegen wissen die Medien vom Spielgeld: Bitcoins sind in Deutschland unter Umständen illegal. Es ist ja nicht alles schlecht in der Blockchainforschung.

Es ist Montag und kein Pandabär ist zugegen. Stets zugegen wie rettend aber ist Musik.

Dungen – Häxan | The Furious Sessions en Sol de Sants Studios (Barcelona)

Guten Morgen.

Persönliches
Kopfverkatert.

(Was man, andererseits, offensichtlich schon wieder viel zu lange nicht mehr erlebt hatte, war es, Lektionen hin oder her, zu fühlen, wie das Leben eigentlich funktioniert. We teach old hearts to break. Der sich furchtlos erhebende Tag spendet Licht sowie Zerstreuung und fragt nicht, was besser dunkel bleiben sollte. Die Lebensmaxime „ja, aber“ weiß um ihren Reiz, sind Überzeugungen erst einmal flexibel. Il n’y a que la vérité qui blesse.

Die Rechnung bleibt unerbittlich. Wie viel Trink-Geld darf es sein? Es ist alles geliefert wie bestellt, insbesondere auch: man selbst. Dem Gefühlskater ist mit Aspirin nicht beizukommen. Man könne, heißt es, auf der zweiten Seite von Suchergebnissen eine Leiche verstecken, denn dort sehe niemand nach. Selbstbild als Suchmaschine.

Fehlfarben – Paul Ist Tot

Acht Jahre Midlifecrisis. Manche Fragen stellt man einfach nicht.)

ComputerIn den Nachrichten
Warum Christopher Lauer verstaatlicht werden muss

Christopher Lauer, gescheiterter Christopher-Lauer-Darsteller, nutzt die ihm nach seinem Rückzug aus der „Politik“ frei gewordene Zeit für Meinungen in Meinungsmedien, die sich im aktuellen Fall ungefähr mit diesem Zitat zusammenfassen lassen:

Laut einer Pew-Research-Studie aus 2017 nutzen 45 Prozent der US-Amerikaner Facebook als Nachrichtenseite, und wiederum 50 Prozent dieser Gruppe nutzen Facebook als einzige Nachrichtenquelle. (…) Facebook ist dafür verantwortlich, wie sich für seine Nutzer die Realität darstellt. (…) Die eigentliche, viel interessantere Frage ist, wie ein Gebilde wie Facebook verstaatlicht und unter demokratische Aufsicht gestellt werden kann.

Denn wenn Menschen die meisten Informationsquellen beiseite lassen und sich eine einzige als ihre Nachrichten einrichten, dann ist es doch offensichtlich, dass diese eine Informationsquelle die alleinige Schuld daran trägt und man diesem Umstand nur mit mehr Staat beikommen kann.

Für die Menschen hingegen, die den „Tagesspiegel“ als einzige Nachrichtenquelle nutzen, stellt sich eine Realität dar, in der so ein Quark als „Gastbeitrag“ angenommen und so verbreitet wird, was einen Einfluss darauf hat, wie sich für seine Leser die Realität darstellt. Die Frage muss also lauten, wie ein Gebilde wie Christopher Lauer verstaatlicht und unter demokratische Aufsicht gestellt werden kann.

ComputerIn den Nachrichten
Medienkritik extern: Geteilte Daten sind doppelte Daten.

Zur Causa bzw. Nichtcausa „Facebook bekommt Daten geschenkt“ und dem erstaunlichen Umgang der Medien mit den gewonnenen Erkenntnissen ist eigentlich inzwischen schon alles gesagt worden, unter anderem von mir, aber das themenbezogene Interview von „Meedia“ mit Fefe möchte und werde ich dennoch nicht ohne mindestens dieses Zitat beiseitelegen:

Man kann nicht jahrelang das Kleingedruckte wegklicken und irgendwelchen wildfremden Apps aus dem Internet seinen Haustürschlüssel in die Hand drücken, aber dann Zeter und Mordio schreien, wenn was wegkommt.

Dass „Meedia“, das natürlich nicht über HTTPS erreichbar ist und auf dessen Website ohne technischen Anlass ein Facebook-Datensammler eingebunden ist, vor wenigen Stunden einen Artikel nachschob, dessen Verfasser sich bitterlich beklagt, dass das Zurückziehen von Facebook zu beruflichen Nachteilen führe, spricht im Übrigen nicht unbedingt für das Arbeitsklima bei „Meedia“.

In den NachrichtenMir wird geschlecht
Frauen: Jetzt auch genderneutral.

Den peak feminism würde ich mit dieser Meldung einfach mal als erreicht betrachten wollen:

Eine Anleitung, die kürzlich vom Mount Holyoke College, einer Schule nur für Frauen, herausgegeben wurde, weist Professoren an, es zu vermeiden, Schülerinnen „Frauen“ zu nennen, um eine „genderneutrale“ Umgebung im Klassenzimmer zu schaffen.

(Übersetzung von mir.)

Die Zukunft, ließ die ehemalige US-amerikanische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton ihr begeistertes Publikum einmal wissen, sei weiblich. Ganz schön rückständig von ihr.