NetzfundstückeWirtschaft
Medienkritik CIX: Lobbykampf in SPIEGELs Klassenzimmer

Ende Oktober SPONte die vom krawalligen „Hamburger Abendblatt“ abgestiegene Redakteurin Verena Töpper („believes in gender equality“, V. Töpper über V. Töpper), die bei ihrem inzwischen auch nicht mehr ganz neuen Arbeitgeber unter „Leben und Lernen“ ansonsten zum Beispiel über Menstruationsprobleme „schreibt“, sichtlich besorgt über das Engagement von EDV-Unternehmen in Schulen, die es doch tatsächlich wagen, ihre eigenen Produkte als Unterrichtsmaterialien vorzuschlagen:

Die wollen doch nur helfen – oder?

So sieht eine journalistische Überschrift aus – oder?

Ich erspare versehentlichen Lesern einmal den ersten Teil des Artikels und verweise stattdessen auf den Kommentar von Spreeblick zum gleichen Ursprungstext. Bemerkenswert finde ich aber, was weiter unten noch steht:

„Wir beobachten eine massive Zunahme von Lobbyismus an Schulen“, sagt René Scheppler von der Lehrergewerkschaft GEW. „Vor allem IT-Firmen nutzen die Unterfinanzierung des Bildungssystems für Marketingzwecke. (…) Wird das eine Apple- oder eine Microsoft-Schule?“ (…) Mit Macht drängt vor allem Google weltweit in Klassenzimmer.

Und zwar so:

Fast sieben Millionen Euro hat Google nach eigenen Angaben seit 2011 in Lehrer- und Schüler-Workshops, den für den Informatikunterricht entwickelten Kleinstcomputer Calliope und in die Programmierplattform Open Roberta gesteckt.

Der Spannung wegen möchte ich hier einen kurzen Exkurs einschieben: Als ich noch ein kleiner, fröhlicher Junge war, besuchte ich selbstverständlich auch manche Schule, gelegentlich sogar als Schüler. Während ich – wie jeder gute Akademiker – sämtliche Lehrinhalte bis heute wieder vergessen habe, kann ich mir die Namen der meisten Schulbuchverlage, die mir in dieser Zeit bezüglich einer unbedingten Kaufempfehlung über den Weg liefen, noch bis heute merken, denn es waren nicht besonders viele.

Als besonders penetrant habe ich den Cornelsen-Verlag („Cornelsen Verlag“, von denen lässt man sich doch gern was beibringen) in Erinnerung, der im Wechsel mit Klett und Westermann die Zeit vor dem Studium praktisch im Alleingang bestritt und dabei kaum Platz neben sich ließ. Das ist durchaus auch wörtlich gemeint, denn Schultaschen sollten ja vor eigentlichem Gebrauch auch erst einmal gepackt werden. Dieser Verlag hat seine Bekanntheit in Schulen, die ihm dafür jahrzehntelang Einnahmen garantieren, vermutlich eher nicht durch irgendeinen Zufall erhalten, sondern durch etwas, was Verena Töpper sich wahrscheinlich von irgendwem als Lobbyismus bezeichnen lassen würde, wenn sie nicht so sehr auf Technikkonzerne – sie benutzt laut Twitters Metadaten übrigens ein iPhone, aber es wäre höchst unsachlich von mir, daraus eine bestimmte Haltung gegenüber Technik abzuleiten – fixiert wäre: Der „Computerwettbewerb“ (Quelle: Internet) zum Thema Frankophonie etwa, ausgerichtet vom Cornelsen-Verlag („Cornelsen Verlag“, kreisch!) und unterstützt von Fernsehsendern und Kultusministerien, ist mal in Hameln, mal in Hessen, mal selbst in Oldenburg zu finden.

Da hilft man einander doch gern und schaut auch einmal darüber hinweg, dass der Cornelsen-Verlag kein wohltätiges, sondern ein kommerziell interessiertes Unternehmen ist, das sich in den Klassenkampf zwischen Google, Apple und Microsoft nur allzu gern einmischt: „Der deutsche Schulbuchverlag Cornelsen setzt auf die Cloud-Lösung Office 365 für Bildungseinrichtungen des Software-Konzerns Microsoft. Auf der Online-Plattform scook können Lehrer und Schüler Lehrmaterialen beziehen und sich digital vernetzen.“ (Kommune21) – das sind dann wohl allesamt Microsoft-Schulen. Dies soll freilich nicht heißen, dass Cornelsen irgendwie parteiisch wäre: Neben Konkurrenzunternehmen wie Google und SAP – beide von Verena Töpper als schreckliche Lobbyisten identifiziert, vor deren Einfluss sich ein um die Bildung besorgter Bürger fürchten sollte, ist an der Entwicklung des „Kleinstcomputers Calliope“ (V. Töpper, der Exkurs ist überraschend vorüber) auch der Cornelsen-Verlag („Cornelsen Verlag“, ich kriege hier noch einen Haschmich) beteiligt.

Oben hatte ich geschrieben, der Cornelsen-Verlag arbeite mit verschiedenen Kultusministerien und Fernsehsendern zusammen. Gibt es an dieser Stelle schon Vermutungen, mit welchen Unternehmen der Cornelsen-Verlag sonst noch so zusammenarbeitet? Richtig:

In Kooperation mit dem Spiegel-Verlag ist die erste Unterrichtseinheit mit Inhalten aus Dein Spiegel im Lehrkräfte-Portal von Cornelsen erschienen.

Verdammter massiver Lobbyismus immer.

Verena Töpper beendet ihren Artikel mit einem der üblichen „journalistischen“ Kniffe von Redaktionen wie der ihren, nämlich mit einer Sorge um unsere Zukunft:

Und wie subtil sich das Sponsoring in die Köpfe der Kinder schleicht, zeigt eine Szene am Rand der Eröffnung von Googles neuer Zukunftswerkstatt in München: Als ein kleiner Junge die Musiknote G in einem Programm auswählt, sagt er ganz selbstverständlich: „Ich nehme jetzt das G wie Google.“

Unfassbar: Ein Kind auf einer Google-Veranstaltung, das weiß, dass „Google“ mit einem „G“ anfängt, und, vermutlich umgeben von allerlei Googlewerbung, bei „G“ auch zuerst an „Google“ denkt – und die Regierung guckt nur zu!

Verena Töpper will doch nur helfen – oder?

In den NachrichtenWirtschaft
Kurz verlinkt: Gehaltsmäßig völlig abgehoben.

„FINANCE Magazin“, 5. Mai 2017:

Air Berlins Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem CEO können sich bis Ende Januar 2021 auf maximal 4,5 Millionen Euro summieren. (…) Teuer war für Air Berlin auch der Abschied von Ex-CEO Stefan Pichler, wie sich jetzt zeigt: Ihm zahlte Air Berlin eine Gesamtabfindung von 1,45 Millionen Euro.

„ZEIT ONLINE“, 2. November 2017:

Die Fluggesellschaft Air Berlin hat nach Aussage des Insolvenzverwalters wahrscheinlich zu wenig Geld, um den Überbrückungskredit der Bundesregierung zurückzuzahlen.

Möglicherweise ist es an der Zeit, statt einer Vergütung über eine Aufwandsentschädigung für Geschäftsführer und Markenchefs von Großunternehmen nachzudenken; mit Benzingeld und einem Stundenlohn im Rahmen jeweils branchenüblicher Tarife sollten bei einem vernünftigen Umgang mit dem Gehalt alle anfallenden Rechnungen gezahlt werden können.

In den NachrichtenNerdkrams
Wer sich in die „Cloud“ begibt, der kommt darin um.

Aus der beliebten Reihe „wer nutzt denn bitte 2017 noch Desktopanwendungen für seine Dokumente?“: Bei „Google Docs“, der bescheuerten Google-„Webanwendung“ zur Erstellung und Verwaltung von so Officekram in „der Cloud“, also auf den Computern anderer Leute, wurden aus Versehen Benutzern ihre Dokumente weggenommen, weil ein Filter, also eine vorsätzlich eingebaute Analysefunktion, der Meinung war, das Geschriebene sei ungeeignet für Google.

Welche Art von Texten diese Analysefunktion, sobald sie endlich wie gewünscht funktioniert, denn überhaupt zulassen oder nicht zulassen wird, bleibt angenehm undokumentiert. Es wäre ja auch langweilig, würde ein so genannter „Dienst“ eines „Dienstleisters“ wie Google einfach mal seinen Dienst verrichten. Zuverlässigkeit ist sooo 90er.

In den Nachrichten
Kurz notiert zur Arbeitsweise deutscher Medien nach Anschlägen

Wenn irgendwo auf der Welt am Gedenktag des Arschlochs Martin Luther – laut Angela Merkel von Freiheitsgedanken beseelt – ein Einzeltäter mit einem mittelgroßen Auto, wie üblich angeblich irgendwas über seinen eingebildeten, schrumpfenden Freund („Allah“) rufend, weil Anschläge, deren Verursacher beim Anschlagen einfach mal das Maul hält, aus Pressesicht viel zu langweilig wären, irgendwo reinfährt und dabei anscheinend absichtlich elf Menschen verletzt und acht tötet, dann ist es absehbar, dass deutsche Medien wie etwa ZEIT ONLINE nicht etwa „acht Tote bei Angriff mit Kleinlaster“ schreiben, sondern unter der Überschrift „Eine Deutsche bei Anschlag in New York verletzt“ – eine Deutsche! Verletzt! Unfassbar! – Sätze wie „Ein Kleinlaster ist in Manhattan in Fußgänger und Fahrradfahrer gefahren.“ publizieren, denn Angst, die medial immer gern gesehen wird, weil sie staatliche Maßnahmen gegen zu viele Bürgerrechte rechtfertigt, über die man dann ebenfalls für ausreichend viele Judasgroschen schreiben kann, sollte man nicht etwa vor religiösem Fanatismus haben (zumal gerade nicht an einem sonstwie heiligungswürdigen Tag der religiösen Idiotie), sondern vor Kleinlastern, die sich hinsichtlich der Eignung fürs Totfahren von Passanten nicht zum ersten Mal bewiesen haben.

Sonstiges
Medienkritik in Kürze: Was macht Redaktion?

Die aktuelle Ausgabe der „c’t“ wurde, vermute ich, von Kopfschmerzmittelherstellern gefördert, anders ist dieser Aufmacher nicht zu erklären:

Das macht Blockchain

Lesen bilde, behauptet der Volksmund. Der Volksmund kennt das Zeitschriftenangebot nicht so gut.

MontagsmusikNetzfundstücke
Hammock – Things of Beauty Burn

Brückentag (Symboleule)Es ist Montag, ein „Brückentag“, was ungefähr bedeutet, dass viele behaupten, es sei ein freier Tag, aber beinahe keiner frei zu haben scheint. Klar: Morgen ist Gedenktag Martin Luthers, da gibt es nichts mehr einzukaufen und ohne tägliches Einkaufen drehen die Leute schier durch, was vom Wetter bedauerlich begünstigt wird. Wir lieben die Stürme, aber doch bitte nur in der Musik und nicht auf der Bahnstrecke! – Amazon kommt bald zur Tür rein, was kann da schon passieren?

Brandstifter hat Angst vor Feuer: „Telekom-Chef“, schreibt „heise online“, macht sich Sorgen darum, ob mögliche Käufer der Staatsanteile der Telekom „Interesse an der Infrastruktursicherheit“ hätten. Infrastruktur, die Älteren erinnern sich, ist das, was die Telekom nur ungern bereitstellt. Ohne diese Infrastruktur sind manche Geschäftsmodelle aber nur schwer umzusetzen: Minijobber sollen Kinderpornos sichten, allerdings für Geld. Ganz schön unbedacht von der Polizei, es gibt doch wahrlich genug Menschen, die das völlig gratis täten, eine Rangliste mit Sternchen gäbe es sozusagen frei Haus dazu.

Gibt es auch frei Haus, hört sich aber besser an: Musik.

Hammock – Things of Beauty Burn

Guten Morgen.

FotografieMusikkritik
Kurzkritik: The Narcotic Daffodils – Summer Love

The Narcotic Daffodils ist eine fünfköpfige Rockband aus Belgien, deren drittes Album „Summer Love“ (Amazon.de, TIDAL) erst im Mai 2017 veröffentlicht wurde. Obwohl „Summer Love“ genau so klingt, wie es heißt, ist es jedoch auch Ende Oktober keine schlechte Wahl.

Zu hören gibt es Hippierock, der, um wieder einmal das Phrasenschwein zu erleichtern, den Geist der 60er atmet, mit Sitar („Atomic 56“) und Hammondorgel („You Can’t Get“) dabei jedoch nicht darauf verzichtet, mehr als bloß Abziehbild zu sein. Über dem nicht bloß soliden Instrumentalfundament schwebt hallend vorrangig die Stimme von Sängerin „Luna“ (heißt allerdings vermutlich wirklich so), die nicht nur gelegentlich an Gongs bedauerlicherweise mittlerweile verstorbene Gilli Smyth erinnert, was stilistisch dann auch wieder ganz gut passt.

The Narcotic Daffodils "Summer Love"

Ein anderer Rezensent befand dieses Album für „groovy“. Ich stimme freudig zu.

In den NachrichtenNetzfundstücke
Liegengebliebenes vom 27. Oktober 2017

Politischer Diskurs (2017): Politiker wird aus Protest mit Flaggen beworfen.


Schlechte Nachrichten für t3n: Auch und gerade für geschäftliche Massenmails ist Reintext effizienter als unnötig kompliziert formatierte HTML-Vorlagen.


Auf „ZEIT ONLINE“ wird der bescheuerten Behauptung, Gendergedöns sollte Allgemeinbildung sein, widersprochen: „Genauso gut könnte man es peinlich nennen, wenn jemand nichts über Neurowissenschaften weiß.“


Apropos Diskriminierung, apropos „ZEIT ONLINE“:

Je sexualisierter die Lebenswelt wird, je pornografischer die Werbung, je exhibitionistischer die Selbstpräsentation des Erfolgs, desto verbohrter, kleingeistiger und prüder wird die Moral, die all die Schweineställe angeblich zusammenhält.


Das CERN hat herausgefunden, dass das Universum eigentlich gar nicht existieren kann. Schade.


„flatter“ benennt Freund und Feind im medialen Diskurs:

Zuletzt gab es eine „gemäßigte Opposition“ von „Rebellen“ in Syrien, die sich kurz nach dieser medienweiten Einheitsbezeichnung dabei haben erwischen lassen, wie sie einem Teenager gemäßigt den Kopf abgeschnitten haben.

Zum Glück keine Extremisten.

NerdkramsPiratenpartei
Suchmaschinenoptimierung dank Lesezeichenignoranz

Als ich noch ein wenig jünger und das Web noch interessant war, galt bei Gestaltern dieses Webs, zu denen zeitweise auch ich gehören wollte, allen FRAMEs zum Trotz die von Tim Berners-Lee höchstpersönlich tradierte Regel, dass es keinen ersichtlichen Grund gebe, warum coole URIs überhaupt geändert werden sollten, jedoch einige gute Gründe, die dagegen sprechen.

Zu diesen Gründen zählt, dass es durchaus denkbar ist, dass es Menschen geben könnte, die einen URI zwecks späterer Wiederverwendung in ihren Browserlesezeichen hinterlegt haben. Ändert sich dieser URI und gibt es keine serverseitige Umleitung der alten auf die neuen URIs, so laufen die Lesezeichen ins Leere, was nicht nur unpraktisch, sondern zudem oft höchst unerfreulich ist. Mit Xanadu wäre das nicht passiert.

Nun mag man es digitalen Laien noch verzeihen, wenn sie über die Folgen ihres Handelns nicht nachdenken, weil sie zum Beispiel statt Lesezeichen einfach eine Suchmaschine benutzen und alles ab Seite 2 der Ergebnisse – als seien diese unveränderlich – sie ohnehin nicht interessiert, aber solche Laien werden auch einigermaßen selten als Webentwickler eingestellt. Schwerer wiegen Verstöße bei denen, die darum bitten, sich auf das Neuland zu freuen, und sich so als diejenigen darstellen, die verstanden haben wollen, wie das Netz funktioniert: Seit der letzten Erneuerung der Website der Piratenpartei Deutschland sind wieder einmal manche alte Verweise auf Besucherseite aus SEO-Gründen kaputt. Muss man ja verstehen: Wenn man seine Seitenstruktur aus Kosmetikgründen über den Haufen wirft, dann ist es wichtig, dass zuerst einmal die großen Suchmaschinen darüber in Kenntnis gesetzt werden, denn eine politische Partei, die sich der Transparenz verschrieben zu haben behauptet, sollte zwar jederzeit ihre bisherigen Aktionen publiziert haben, aber doch nicht immer an der gleichen Stelle. Bürger langweilen sich, wenn sie nicht dauernd suchen müssen.

„Coole“ URIs werden nicht geändert? Einer der Websitetechniker sieht das so:

Ach, die alte Diskussion wieder. „Cool URLs dont change“. Jaja klar. Damals.
Wir leben aber heute und machen Webseiten für Menschen.

Denn anders als Computer wollen Menschen gar nicht, dass ihre Lesezeichen morgen noch funktionieren. Bemerkenswert ist allerdings, dass ähnlich alte Verweise auf das berüchtigte Piratenpartei-Wiki sich, Diskussionsalter hin oder her, bis heute einer bemerkenswerten Lebendigkeit erfreuen.

Wer war noch mal die Zielgruppe der Piratenpartei?

Netzfundstücke
Hengameh Yaghoobifarah abschaffen!

Unter dem Namen „NO HATE SPEECH“ betreibt eine internationale „Bewegung“ in Deutschland eine geradezu schmerzhaft bunte (gibt es eigentlich „visuelle Hassrede“?) Website, auf der „für gegen“ (ebd.) unfreundliche soziale Interaktion im Netz kampagniert wird. Es gibt zudem einen zugehörigen Twitteraccount, der unter anderem mit solchen Weisheiten Bytes verschwendet und so (mittels der Nebenwirkungen des EDV-„Zeitalters“) Bäume tötet:

Wir denken, dass #HateSpeech sich vor allem gegen bereits gesellschaftlich Benachteiligte richtet.

„Wir“, das tapfer anonyme Häuflein, zu dessen „Unterstützern“ laut Website auch die SPD-Noch-Ministerin Katarina Barley gehört, brachten damit zum Ausdruck, dass eine „Hassrede“ nur gegen diejenigen eine „Hassrede“ sein kann, die vom System schlechter behandelt werden als andere Menschen. Der zitierte Tweet war eine Antwort auf die Anfrage eines anderen Twitter-Teilnehmers, ob eine Kolumne auf „taz.de“, der Hasswebsite, auf der 2011 auch Deniz Yücel (zurzeit in etwas Besserem als Deutschland wohnhaft) die bemerkenswerte Vermutung, etwas Besseres als Deutschland finde sich allemal, aufgestellt hat, nicht womöglich die notwendigen Kriterien für „Hassrede“ erfülle.

Die inkriminierte Kolumne unter dem bescheuerten Namen „Habibitus“ – früher hatte ein „habibi“ ja noch etwas mit Freunden und nicht viel mit Menschenhass zu tun – stammt von der in Kiel geborenen und natürlich in Berlin lebenden, somit ziemlich deutschen und laut gängiger Definition gesellschaftlich bevorteilten freien Autorin Hengameh Yaghoobifarah, die ihren geradezu einladend selbstverleugnend als „Deutsche, schafft Euch ab!“ überschriebenen Text mit einem Absatz einleitet, der zum Glück weit davon entfernt ist, irgendeine „Hassrede“ darzustellen, und in dem sie einen konkurrierenden Texteschreiber erst mal so richtig durchbeleidigt:

Dass Sarrazin ein rechter Lauch ist, der gerne viel Scheiße labert, wenn der Tag lang genug ist, wissen wir bereits.

Mit Gemüse scheint es Frau Yaghoobifarah allgemein sehr liberal zu halten, denn in ihrer kottriefenden Schmähschrift nennt sie ihre Landsleute fast durchgehend inkonsequent „Kartoffeln“, ein Gemüse, das ursprünglich aus der Gegend um Peru stammt. Wer damit rechnet, dass sich das Niveau noch einmal verbessern würde, der unterschätzt den rassischen Hass, den das urdeutsche Fallobst mit dem dämlichen Namen („Hengameh“) in sich trägt:

Der deutsche Hass auf Muslim_innen und die Paranoia vor einer (…) Islamisierung der deutschen (wortwörtlich) Dreckskultur hält Kartoffeln davon ab, ein schöneres Leben zu führen.

Nun kann man es sich natürlich leicht machen und „den Deutschen“ vorwerfen, „die Moslems“ mitsamt ihrer „(wortwörtlich) Dreckskultur“ (ebd.) allesamt und ohne jede Nuancierung „zu hassen“, um sich hinterher darüber zu ärgern, dass man für dieses niveaulose Gerotze keinen Zuspruch seitens der Berotzten („random Almans“) bekommt, aber schlau ist man dann natürlich nicht unbedingt. Ich zum Beispiel war bis zum Lesen dieses faschistoiden Mülls nicht einmal auf die Idee gekommen, dass ich die Autorin vielleicht „hassen“ könnte, jetzt hingegen habe ich das dringende Bedürfnis, irgendwann einmal ihr Grab, wo immer es dereinst liegen wird, zu besuchen und ihm mit geradezu entweihendem Gesichtsausdruck beide Mittelfinger zuzuwenden, wofür ihre Religion, sofern sie mit „Muslim_innen“ auch sich selbst meint, nicht einmal irgendetwas kann. Scheiße sein kann man auch und gerade konfessionsübergreifend.

Worauf die geschmacklose Kolumnistin eigentlich hinaus will, lässt sie zwischen diversen Kommafehlern und Eigentoren („[w]eder aus den Fehlern anderer, noch aus ihren eigenen können und wollen sie lernen“, sic!) zumindest schwach durchscheinen: Die Deutschen wollen nicht, dass jede Religion ihre eigenen Feiertage bekommt, sonst wäre der Kalender ziemlich grau.

Lieber einen Tag mehr arbeiten als ein muslimischer Feiertag im Kalender.

Ich als jemand, der auch noch nie außerhalb eines Urlaubs anderswo als in Deutschland gewohnt hat, verstehe das Problem nicht: Ich möchte gar keine religiösen Feiertage in meinem Kalender haben, Religion zeichnet sich nämlich in jedem mir bekannten Fall durch einen Schwund an Ratio aus und neigt historisch eher nicht zu unterstützenswerten Errungenschaften. Wahrscheinlich ist dieser Fall in der Kartoffellogik im Quatschkopf von Frau Yaghoobifarah aber schlicht nicht vorgesehen: Wer aus Deutschland kommt, der muss Weihnachten und den anderen pseudoreligiösen Kalenderstuss für wichtig halten, weil Christentum und so weiter und so fort. Im Umkehrschluss bedeutete das freilich, dass sie selbst als aus Deutschland Kommende das Christentum als die einzig richtige Religion anerkennen sollte, was allerdings keineswegs erfolgt zu sein scheint. Merkwürdig!

Der erbärmliche Schwachsinn streift dabei immerhin noch die rhetorische Frage, was denn eigentlich „deutsch“ sei:

In ihren liebsten griechischen Restaurants oder Döner-Buden modifizieren die Köch_innen ihre originalen Gewürzpaletten auf die deutschen Geschmäcker hin, damit es den Kartoffeln schmeckt. Aber wehe, jemand wagt es, deutsche Gewohnheiten und Traditionen in Frage zu stellen.

Auf die Idee, dass „die Deutschen“, wenn sie „griechisch“ oder „türkisch“ essen möchten, womöglich zu einem bedeutenden Teil gar kein Interesse daran haben, dort ohne gesonderte Kennzeichnung etwas vorgesetzt zu bekommen, was „auf die deutschen Geschmäcker hin“ angepasst wurde, was auch immer ein „deutscher Geschmack“ jetzt genau sein soll, kommt sie natürlich nicht, denn rassistische Vorurteile sind ohne Verstand viel leichter zu halten.

Aus falschen Annahmen kann man sicherlich auch irgendwelche Schlüsse ziehen, die Autorin jedenfalls diesen:

Sarrazin hat auf 464 Seiten Verantwortliche für die Abschaffung Deutschlands gesucht, aber die größte Problemkindergruppe vergessen: die Deutschen selbst. Sie schaffen sich selber ab. Ich hoffe, sie beeilen sich.

Wo bleibt das verdammte Verlagssterben?

In den Nachrichten
Das Kapital des Überwachungsstaats ist die kurze Aufmerksamkeitsspanne seiner Bewohner.

„heise online“ berichtet:

Überwachungskameras, die Gesichter erkennen – das sorgte bei Datenschützern für Sorgenfalten. Nun sind knapp drei Monate verstrichen. Von Widerstand ist nicht mehr viel zu bemerken.

Denn wichtig ist nur, was Schlagzeile ist. Nach drei Monaten ist eine anhaltende Verdichtung der Passantenprofilierung keine Neuigkeit mehr, jeder hat sich aufgeregt, nun ist Achselzucken dran. Pah, Überwachung – wen interessiert das noch? Ist doch eh zu spät. Nichts zu verbergen, nichts zu befürchten.

Die Maschine läuft noch.

Netzfundstücke
„Schade.“

Es bedauert Chan-jo Jun, „Rechtsanwalt“, auf Twitter bei zumindest manchem Zuspruch:

Der CCC ist gemeinsam mit der AfD gegen das #Netzdg. Schade.

Denn ein aufrechter antifaschistischer Demokrat weiß: nur, was der AfD zuwider ist, kann gut sein. Diesem rüpelhaften Computerclub muss Einhalt geboten werden. Anfänge. Wehren. Wissenschon.

ComputerIn den NachrichtenMontagsmusik
White Moth Black Butterfly – Tempest

Ich bin zu Eul für den Quatsch.Es ist Montag und genau so fühlt man sich auch. Zu alt für den Quatsch ist man jedes Jahr ein bisschen früher (bzw. später) und kann es, dem Hedonismus geschuldet, dann doch nicht lassen. Leben ist, wo Menschen und Pandabären sind, vielleicht ist Leben auch deshalb so unerfreulich. Das alles war schon mal einfacher.

Einfacher hatte es auch der Feminismus schon einmal (Allergikerwarnung: konservative Quelle): „Wir sind eine empfindliche Gesellschaft geworden, in der jeder seine persönlichen Befindlichkeiten als Anlass für die Notwendigkeit großer gesellschaftlicher Debatten nimmt.“ Ich zum Beispiel habe gerade Hunger und die Regierung tut nichts dagegen. Sie ist freilich auch ausreichend beschäftigt, sie muss das Darknet missverstehen: Ist es das neue Internet oder hat der Autor nur einfach das Internet konzeptionell nicht verstanden? Fragen über Fragen.

Das Internet ist ohnehin ein gefährlicher Ort. Über eine überschätzte Lücke im WPA2-Standard wurde so viel geschrieben, aber so wenig verstanden; als wäre WLAN jemals die großartigste Verbindungsart bei der Fernkontoführung gewesen! „Irgendwas an meinem Internet ist kaputt“ ist andererseits genau diejenige Schlagzeile, mit der fachfremde „Journalisten“ dank fachfremden Publikums ihr Gehalt verbessern können. „Russische Hacker“, im Zweifelsfall. Dass eine Sicherheitslücke heutzutage immer Logo und Website haben muss, um ernst genommen zu werden, kommt diesem Spiel natürlich gelegen. Vielleicht wäre es im Allgemeinen gut, würden solche Sicherheitsthemen künftig wieder nur noch in langweiligen technischen Texten behandelt, denn dann würden diejenigen, denen für so was ohnehin Interesse und Ahnung abkömmlich sind und die belogote Webseiten wie jene nur aus Sensationslust überhaupt besuchen, uns in Ruhe arbeiten lassen.

Apropos Arbeit: Arbeit bei Facebook gefunden? Kündigen! Die freie Zeit kann man ja dann anders füllen – zum Beispiel mit Musik.

White Moth Black Butterfly – Tempest (from Atone)

Guten Morgen.

FotografiePiratenpartei
#bpt172

AnfechtBAR

Piraten nehmen Politik sehr ernst.

In den NachrichtenNerdkrams
Bitkom: 11 Prozent der Jugendlichen computern irgendwie.

(Vorbemerkung: Ich empfehle vorab die Lektüre meiner Auffassung von Informatikunterricht.)

Der viel zu gesprächige Verein Bitkom, laut eigenen Angaben „der Digitalverband Deutschlands“, ist in der Vergangenheit nicht gerade dadurch aufgefallen, kluge Überlegungen bloßem Werberduktus vorzuziehen (cf. Kuhstall 4.0). Das leistet der Freude bei Kenntnisnahme einer neuen Pressemitteilung des Verbandes einigen Vorschub, denn man weiß schon vor dem Lesen: Ah, endlich wieder Gratisblödsinn.

Das war auch heute wieder richtig. Heute nämlich erschien unter der geradezu apokalyptischen Überschrift „Nur jeder zehnte Jugendliche kann programmieren“ eine Pressemitteilung („Presseinformation“), mit der Pressesprecher Bastian Pauly offensichtlich versucht hat, die Wette zu gewinnen, wer wohl unwidersprochen den größtmöglichen Quatsch auf der Verbandsseite veröffentlichen darf. Der Dateiname der Pressemitteilung – httpswwwhubberlinen.html, offensichtlich ein Bezug zu dieser zwielichtigen Website – ist dabei noch vergleichsweise harmlos, denn nach der Überschrift wird es nicht mehr besser.

Der größte Teil des Texts ist eine Werbung für die „Verdienste“ und Veranstaltungen des Bitkom e.V. selbst, in deren Rahmen der Verein Schülern „das Coden“ beibringen will; spannend ist jedoch dieser Absatz:

Programmierkenntnisse werden in der digitalen Welt immer wichtiger, aber nur wenige können schon im Jugendalter selbst coden: Gerade einmal jeder zehnte Jugendliche (11 Prozent) kann eigene Programme schreiben oder Webseiten erstellen, wie eine repräsentative Befragung des Digitalverbands Bitkom unter 10- bis 18-Jährigen ergab. „Smartphones und Tablets gehören für viele Kinder und Jugendliche wie selbstverständlich zum Alltag. Aber nur die wenigsten wissen, wie die Geräte eigentlich funktionieren“, sagt Bitkom-Geschäftsleiter Christian Kulick.

Klar: Ist die Prämisse (nämlich: dass Programmieren – im Bitkomvokabular: „Coden“ – eine immer wichtigere Fähigkeit sei, als gäbe es immer noch nicht viel zu viele Programmierer im Land und als sei die Aufgabe von Computern einzig diejenige, programmiert zu werden) erst einmal falsch, ist ihre Folgerung eigentlich auch völlig egal, insofern wäre ich beinahe willens, das so stehen zu lassen, aber eben auch nur beinahe.

Dass „gerade einmal jeder zehnte Jugendliche“ und „11 Prozent der Jugendlichen“ eine unterschiedliche Bedeutung haben, weil 11 Prozent eben nicht „gerade einmal“, sondern „deutlich mehr als“ einer von zehn sind, sei verziehen. Mathematik lässt man als „Digitalverband“ vermutlich lieber den Computer machen und der rundet manchmal nicht so offensichtlich. Schwerer wiegt die ausbleibende Differenzierung zwischen Programmieren, Codeschreiben („Coden“), Webseitenerstellen und Smartphonesverstehen, denn nichts davon bedingt einander. Programmieren kann man einen Videorekorder ebenso wie einen gewöhnlichen Computer, ohne eine einzige Zeile Code zu schreiben; Code kann man bequem irgendwo rauskopieren oder abschreiben, ohne selbst etwas zu programmieren; eine Website kommt (gesetzt den Fall, dass man HTML wie auch zum Beispiel RTF, PDF oder Office XML, das Format von neueren Word-Dokumenten, nicht als Programmiersprache, sondern als Beschreibungssprache versteht, wessen ich mir bei Deutschlands nicht parteilichen Digitalexperten freilich nicht sicher sein kann) selbstredend ohne Programmieren aus; was schließlich das Verständnis der Funktionsweise von Smartphones und Tablets mit Programmieren zu tun hat, kann mir vermutlich nicht einmal Bitkom-Geschäftsleiter Christian Kulick sinnvoll beantworten.

Klar: Sind alles Computer, alles ein Brei. Nach dem Feierabend erst mal Strom in den Computer coden, die Anmeldedaten einprogrammieren und online ein paar virtuelle Monster ins Nichts hacken. Wird schon irgendwie passen. Du machst doch was mit Computern, kannst du nicht…? Ist ja alles Computer heute.

Hat eigentlich schon mal jemand eine solche repräsentative Umfrage unter der Bitkom-Belegschaft durchgeführt?