Das montägliche Kopfnicken garantiert in dieser Woche die Band Suchtmaschine. Aber brecht euch nichts!
Kurz verlinkt LIV: Die Rückkehr der Juniorpartner / Deutscher Egoismus
Erinnert sich noch jemand an die SPD, diese vor 1998, als Gerhard Schröder die Nachfolge Helmut Kohls antrat, politisch zielgerichtete, einflussreiche und eigentlich auch inhaltlich noch einigermaßen erträgliche Partei, die in der folgenden Koalition mit der „Union“ (christlich wie die Kreuzzüge, demokratisch und sozial wie die Deutsche Demokratische Republik) sich als „Juniorpartner“ an den stimmgewaltigeren „Seniorpartner“ anbiederte und die leichtgläubigen Wähler infolge dessen anwiderte?
Sie ist wieder da:
Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Zusammenarbeit bei einer Steuerreform angeboten.
Wenn SPD und CDU „zusammen“ die Steuern reformieren wollen, kann das nur ein Erfolg werden.
Das sieht dann vermutlich ungefähr so aus (Artikel von 2005):
Wenn es nach Spitzenpolitikern von Union und SPD geht, würde die Mehrwertsteuer angeblich auf 20 Prozent erhöht.
Oder auch so (Artikel vom Dezember 2010):
SPD und CDU stimmen für Steuererhöhungen in Salzuflen
Diese SPD ist schon putzig.
Auch ziemlich putzig ist übrigens Romano Prodi, ehemals Regierungschef Italiens, der dann mal den Captain Obvious macht:
Ex-Regierungschef Prodi hält die Deutschen für egoistisch. (…) Er verwies darauf, dass die Deutsche Bank fast ihre gesamten italienischen Staatsanleihen im Wert von acht Milliarden Euro verkauft habe. Dies sei „ein eindrucksvolles Signal des Nicht-Vertrauens“.
Signor Prodi, chiedo scusa, aber so recht Vertrauen in ein Land, dessen Finanzen aufgrund eigenen Versagens nicht die besten sind und dessen lauteste Krakeeler, wie Sie einer sind, dann versuchen, anderen Ländern die Schuld hieran zuzuschieben, zu haben ist dann doch nicht unbedingt einfach. So schwierig ist das nicht zu verstehen: Wenn ich Anteilseigner an einem großen Unternehmen bin und dessen Bankrott unmittelbar bevorsteht, werde ich nicht mit dem Verkauf warten, bis meine Anteile nichts mehr wert sind, sondern sie vorher abstoßen.
So funktioniert das in der Wirtschaft. Aber wem sage ich das?
Welt-Nerd-Tag
Nach dem Weltpinguintag dachte ich, es gäbe keine ähnlich lobenswerten Feiertage. Dann las ich dies:
Am 29. Juli 2011 wird der Welt-Nerd-Tag gefeiert.
Passenderweise findet am 29. Juli 2011 – also heute – auch der diesjährige „SysAdminDay“, der Tag der Systemadministratoren, statt. Während letztere aber im Allgemeinen geachtete Zeitgenossen sind, hat die Öffentlichkeit von Nerds ein etwas anderes Bild:
Rein äußerlich sind sie durch ihre dicken Hornbrillen und Hochwasserhosen erkennbar sowie daran, dass sie über Perry Rhodan, Comics, die neuesten Lan-Parties (sic!) oder die angesagtesten Videospiele philosophieren. Willkommen in der Welt der Nerds.
Dabei sieht die Welt der Nerds eigentlich ganz anders aus. Sie sind nur selten klischeehaft gekleidet, viele von ihnen interessieren sich nicht einmal für Science-Fiction, sondern finden sie, im Gegenteil, stinklangweilig. Als Nerd bezeichnet man sich auch nur selten selbst, zu negativ ist dieses Wort in der öffentlichen Wahrnehmung besetzt, sondern man wird von anderen Menschen als Nerd identifiziert. Dazu gehört nicht einmal eine dicke Hornbrille, es genügt bereits, sich für Themen zu interessieren, die in den Augen eher konservativer Medien und Mitmenschen als wunderlich gelten. Die Zahl derer, die dieses Interesse teilen, ist hierbei unerheblich; so gibt es Computerspielnerds, obwohl wohl jeder Dreikäsehoch heutzutage dieses Interesse teilt; es gibt Science-Fiction-Nerds – bekannt sind die „Trekkies“, die sogar Gegenstand eigener Filme („Fanboys“) wurden – verschiedenster Ausrichtung, obwohl nicht erst seit der letzten Star-Wars-Trilogie das Wissen über Hintergründe und Zusammenhänge dieser Welten zumindest teilweise zum Allgemeingut wurde (wer hat noch nie was von „Laserschwertern“ gehört?); und es gibt vereinzelt auch Nerds, die fernab elektronischer Medien ihrem Nerdtun nachgehen, etwa Büchernerds. So sieht die Gesellschaft das.
Ist man also schon ein Welt-Nerd-Tag-Nerd, weil man diesen Artikel hier liest und somit alles Wissenswerte über ihn herausgefunden hat? Womöglich schon. Da aber nun andererseits jeder Mensch ein Nerd ist, schlage ich vor, für uns Computerbastler, die im täglichen Leben mit ihrem Nerdtum so manchen Betrieb am Laufen halten, ein anderes Wort zu etablieren.
Wie wäre es mit „Sysadmins“?
Gern geschehen.
Einen Gruß und meine volle Hochachtung an all die Leidensgenossen da draußen!
Drei Bilder, drei Geschichten
(Die Bildunterschriften sind ausgedacht, die Motive leider nicht.)
Was mochte der Autor damit ausdrücken wollen?
Möglich ist, dass ein findiger Geschäftsmann, um die homosexuelle Szene in seiner Heimatstadt wirtschaftlich zu fördern, jüngst ein Etablissement eröffnete, es plakativ multikulturell „Gay-Town“ nannte und nun nur noch ein gutes Motto benötigte. Vielleicht sind dies also die ersten Gehversuche eines zukünftig berühmten Werbetexters?
Möglicherweise wollte der Schreiber aber auch nur in einem Anflug pubertärer Heiterkeit die Nachbarstadt verunglimpfen. Es ist jedoch leider nicht ersichtlich, um welche es sich handeln möge, weshalb der Vorwurf, sie sei schwul und würde obendrein orale Aktivitäten vollführen, unwidersprochen bleiben muss. Ganz schön gewitzt, der unbekannte Verfasser.
Die Bau GmbH in Ballenstedt war verzweifelt: Das Traditionsunternehmen, dessen Kunden seit jeher das geschäftliche Motto „Bewusst besser bauen“ zu schätzen wussten, hatte sich eine teure Vermarktungskampagne geleistet und sogar in fernen Innenstädten plakatiert, und dennoch blieben Neukunden aus. An der Kampagne selbst, dessen war man sich sicher, konnte das jedenfalls nicht liegen.
Das Wort „svadu“ bedeutet auf Sanskrit ungefähr „wohlschmeckend“. Was aber ist ein Dacksterspien?
Ich empfehle, in nächster Zeit das Süßwarenregal des örtlichen Supermarkts im Auge zu behalten. Lobenswert ist es jedenfalls, dass die Jugend noch immer zu sprachlicher Kreativität imstande ist.
Kurz verlinkt LIII: Mit Lin‑, äh, VDS wär‘ das nicht passiert.
Nach dem Anschlag in Norwegen hat die Partei mit dem „C“ (wie Cukunft?) sich nicht etwa darüber gefreut, dass es einer der Ihren (ein konservativer Christ eben) war, der seine Misanthropie offen auslebte, sondern mal wieder mittels ihres innenpolitischen Sprechers mit der Vorratsdatenspeicherung gewinkt:
„Wir brauchen die Vorratsdatenspeicherung“, sagte der CSU-Politiker der „Passauer Neuen Presse“. „Im Vorfeld muss die Überwachung von Internetverkehr und Telefongesprächen möglich sein. Nur wenn die Ermittler die Kommunikation bei der Planung von Anschlägen verfolgen können, können sie solche Taten vereiteln und Menschen schützen.“
Denn selbstverständlich redet ein Amokläufer vor der Tat erst via Chat mit seinen Mitmenschen: „Ey, ich lauf dann gleich mal Amok, ne? BRB!“ Und wenn man das dann auf Vorrat speichert, weiß man wenigstens hinterher, was er vorher alles gemacht hat.
Das norwegische Parlament führte die Vorratsdatenspeicherung am 29. März 2011 ein, hatte die Norway Post berichtet.
Ja, dieses Instrument hat sich wirklich bewährt. Warum machen wir das eigentlich in Deutschland nicht auch?
Amy Winehouse – Tears Dry On Their Own
Aus aktuellem Anlass widersinnig Beschwingtes zum Montag:
… and in your way, in this blue shade,
my tears dry on their own.
Der irre Attentäter von Oslo
Oh, es gab mal wieder einen terroristischen Anschlag auf die Regierung, und zwar ausnahmsweise mal in Norwegen. Was die Herren Bosbach und Schünemann davon halten, ist mir nicht bekannt, aber ich gehe davon aus, sie treten just in diesem Moment vor ausreichend viele Reportermikrofone und fordern Verbote.
Aber was sollte man verbieten? Dazu muss man wissen, was der mutmaßliche Täter überhaupt für eine Person ist. Der Mann besitzt die Frechheit, weder einen langen Bart zu tragen noch Moslem zu sein, also müssen wir woanders nach Anhaltspunkten suchen:
Anders Behring Breivik beschrieb sich selbst als „konservativ“ und „christlich“. Er sei Leiter eines Gemüsehofes, was erklären würde, dass er durch seine Tätigkeit in einem Agrarbetrieb leicht an größere Mengen Düngemittel hätte herankommen können, aus denen sich Sprengstoff herstellen lässt.
Klarer Fall: Agrarwirtschaft muss künftig stärker videoüberwacht werden, grundsätzlich müssen alle Agrararbeiter künftig regelmäßig ihre Befähigung zum verantwortungsvollen Gebrauch von Düngemitteln nachweisen.
Oder finden wir noch was besseres?
Er sei Junggeselle und interessiere sich für die Jagd sowie für Computer-Kriegsspiele wie „World of Warcraft“ und „Modern Warfare 2“.
Ah – na also. World of Warcraft, das bekannte Kriegsspiel. War ja abzusehen, dass das Basiliskenmeucheln irgendwann eskalieren würde! Gleich auf den Index setzen, sofern Frau von der Leyen das nicht schon längst beantragt hat; und überhaupt: Junggeselle, also Einzelgänger; klares Zeichen dafür, dass er von einem tiefen Hass auf die Gesellschaft erfüllt ist.
Und was sagt der norwegische Ministerpräsident dazu?
„Das ist ein Albtraum“, sagte er. Die Anschläge würden Norwegen verändern. Die Antwort des Landes müsse „noch mehr Demokratie und Offenheit“ sein, so Stoltenberg.
Mit so einer Einstellung wird das nie was mit der Aufnahme in die EU.
GNU und Linux: Fünf Missverständnisse
(Vorbemerkung: Aus aktuellem Anlass noch mal was zu Betriebssystemen; das reicht dann aber auch für diese Woche.)
Für meinen Beitrag über Mac OS X „Lion“ hatte ich zwar einige Recherchen angestellt, um nur keinen inhaltlichen Fehler zu machen. Was ich aber nicht bedacht hatte, war, dass ich auch einige Leser habe, die Linux mindestens so sehr verehren wie ein Mac-Nutzer Steve Jobs verehrt, und so nahm sich etwa Didi im dortigen Kommentarbereich die Freiheit, all jene, die nicht ausschließlich auf kostenlose Software setzen, als „mit dem Klammerbeutel gepudert“ zu bezeichnen; anders gesagt hält er uns, die wir nicht ausschließlich Linux oder ReactOS oder wenigstens BSD einsetzen, für ziemlich doof.
Also habe ich beschlossen, mich noch mal einem langweiligen Computerthema zu widmen. Dem Beitrag über „Mac OS X gegen Windows“ könnte ich nun einen Beitrag „Mac OS X gegen Linux“ oder so etwas folgen lassen, aber das wäre doch arg langatmig.
Wie es der Zufall jedoch so will, stieß ich vor ein paar Tagen auf ein wirklich ziemlich schlechtes Linux-Tutorium für Windows-Umsteiger (ich twitterte es bereits) und möchte das nun zum Anlass nehmen, einige grundlegende Missverständnisse zum Thema GNU und Linux aufzuklären. ‘GNU und Linux: Fünf Missverständnisse’ weiterlesen »
Das fortschrittlichste Betriebssystem der Welt
(Vorbemerkung: Im Folgenden zerpflücke ich Apples neuestes Betriebssystem. Etwaige Mac-OS-X-Apologeten bitte ich von Bekehrungsversuchen Abstand zu nehmen.)
Während Microsoft zu Linux‘ Zwanzigstem sich leisen Sticheleien hingibt, haut man bei Apple mit großem Getöse und Tamtam auf den Putz und stellt außer dem neuen „Mac mini“ – ohne optisches Laufwerk, wer braucht schon DVDs? … – auch das passende, nur als Download erhältliche neue Mac OS X vor (Leute mit langsamen Internetverbindungen sind Steve Jobs anscheinend zuwider), seines Zeichens das „fortschrittlichste Computer-Betriebssystem der Welt“ und somit Windows und Linux selbstverständlich haushoch überlegen. ‘Das fortschrittlichste Betriebssystem der Welt’ weiterlesen »
Sie. (Fragment 5)
… Es war schon seltsam, dachte er; es waren erst wenige Tage vergangen, seit er sie zuletzt gesehen hatte, und doch kam es ihm vor, als lägen Jahre dazwischen.
Je mehr Zeit aber verstrich, um so deutlicher sah er sie vor sich, sah das Café, in dem sie sich kennen gelernt hatten, blickte tief in ihre Augen; und wachte doch immer wieder auf und sah sich ins Leere starren.
Sie hatte eine eigenartige Faszination an sich. Ihr Lächeln hatte ihn von Anfang an verzaubert. Und sie war so nah und doch für ihn kaum greifbar. Wie so oft wollte er alles besser machen, sie nicht verschrecken aus bloßem Missgeschick. Nur keinen Stress, nie wieder, das hatten sie sich versprochen. Den Moment genießen, ohne an den nächsten denken zu müssen. Und doch begann er zu zweifeln. Hatte er den richtigen Weg eingeschlagen?
Vielleicht sollte er endlich handeln. Es schien so einfach, ein Griff zum Telefonhörer, eine Nummer wählen und endlich wieder ihre Stimme hören.
Aber war es nicht gerade diese Ungeduld, die ihn schon Jahre zuvor um sein Glück gebracht hatte? Er würde sie jetzt gerade, in diesem Augenblick, so vieles fragen oder ihr schweigend beim Lächeln zusehen, das war ihm jetzt gerade, in diesem Augenblick, vollkommen gleichgültig, wenn sie nur bei ihm wäre. Er wusste, die Antwort würde er ohnehin nicht hören wollen; doch worauf sollte er noch hoffen? Nur ein Wort von ihr, und es würde vorbei sein. All die ungewissen Stunden, Tage würden der Vergangenheit angehören. Und vielleicht würde das auch bedeuten, dass ihm bewusst wurde, dass sie ihn längst abgewiesen hatte.
War es das wert?
Ihm wurde plötzlich klar, wie wenig er eigentlich über sie wusste. Wo sie jetzt wohl war? (War sie allein?) Er kam sich so klein vor wie seit Jahren nicht mehr.
Aus dem Internetradio knödelte Mike Patton:
„That’s why I’m easy; I’m easy like Sunday morning …“
Nie zuvor war ihm ein Sonntag so schwer gefallen. …
Immer sind’s nur die anderen.
Richard Stallman hat dem SPIEGEL einen lesenswerten Text ins Internet getan, der unter einer freien Lizenz steht.
Einige Auszüge:
Das Netz übernimmt die Datenverarbeitung, der Nutzer gibt die Kontrolle darüber ab. Dieses neue Web ist voller Verlockungen – doch wir müssen ihnen widerstehen.
Und dann ist da die Sache mit der Datenspeicherung auf den Servern von Unternehmen. Die größten dieser Unternehmen haben keinen Respekt vor der Privatsphäre der Nutzer. Wenn ein Nutzer Facebook seine Daten überlässt, bezahlen andere Firmen für die Nutzung dieser Daten Geld. Sie bezahlen Facebook – und nicht den Nutzer – dafür, mit seinem Gesicht zu werben.
Facebook-Nutzer sind nicht Kunden, sie sind Ware
Das alles bedeutet nicht, dass Internetnutzer keine Privatsphäre genießen können. Es bedeutet auch nicht, dass Nutzer gar keine Kontrolle mehr über ihre Datenverarbeitung haben können. Es bedeutet nur, dass sie gegen den Strom schwimmen müssen, um das alles zu bekommen.
So weit, so richtig und wichtig.
Und was folgert man also als SPIEGEL-Online-Leser aus diesem neu gewonnenen Wissen?

Na ja – den Versuch war es wert.
„Can you feel alive today?“
Nothing to lose, nothing to gain
Just running wild, again and again and again…
Erquickend, fürwahr.
Kurz verlinkt LII: Herr Zuckerberg und sein Datenschutz
Quasi ohne Worte:
Apropos Google jedenfalls: Mark Zuckerberg, Facebook-Oberkasper und quasi der Antagonist Julian Assanges, ist einer der mittlerweile über 10 Millionen Nutzer von Google+. Mark Zuckerberg war der hier:
(…) beantwortet Zuckerberg eine wichtige Frage nicht: Warum zwingt sein Unternehmen Menschen dazu, bestimmte Informationen offenzulegen, wenn sie weiterhin den Dienst nutzen wollen? Schließlich könnte man die Nutzer weiterhin bewusst entscheiden lassen, was sie im Detail mit aller Welt, was mit ausgewählten Freunden und was mit niemandem teilen wollen.
Dieser Mark Zuckerberg jedenfalls findet Datenschutz so dufte, dass er erst mal sein Google+-Profil abgesperrt hat. In den einschlägigen Blogs macht man sich darüber lustig; es könne ja nicht sein, dass der Gründer von Facebook eine Möglichkeit einfordert, die er selbst seinen Kunden verweigert. Das macht er aber nicht.
Google+ verpflichtet seine Nutzer ebenso wie Facebook zur Nennung ihres Realnamens, was für den Vermarktungswert der eigenen Nutzerdatenbank gewisse Vorteile haben dürfte. Auch Mark Zuckerberg kann in Google+ also nicht mit falschen Daten auftreten, ohne einen Ausschluss zu riskieren. Apropos „Vermarktungswert“: Dass Facebooks Werbepartner Einblick in Profile erhalten, wurde mehrfach kritisiert. Der Irrglaube entstand, dass Google, um sich für potenzielle Google+-Nutzer noch attraktiver zu machen, von ähnlichen Plänen Abstand nehmen würde. War aber nix:
Künftig sollen Werber bei Google den Zugang zu bestimmten Verbrauchergruppen kaufen können – fein säuberlich nach Interessen sortiert.
Natürlich ist das an sich erst mal nicht verkehrt, immerhin steht es jedem Benutzer frei, zu entscheiden, wie detailliert und wahrheitsgemäß sein Profil ausgefüllt sein soll. Unternehmen wie Facebook und Google allerdings leben davon, dass diesen Grundsatz möglichst viele ihrer Benutzer möglichst umfassend ignorieren. Mark Zuckerberg weiß das; Max Mustermann weiß es aber nicht.
Übrigens: Zu den „10 Dingen, die ein Mann nie sagen sollte und auch nicht posten darf“, gehört angeblich außer Skurrilitäten wie „Prösterchen“ oder „Tschüssikowski“ auch das in freier Wildbahn meist in brüllender Lautstärke geäußerte Lachsurrogat „lol“. Ich würde es im Interesse meiner Hörfähigkeit sehr begrüßen, würde diese Information sich auch unter ÖPNV fahrenden Heranwachsenden allmählich verbreiten.
Weltpinguintag
Obwohl der alljährliche Weltpinguintag – traditionell am 22. Februar – von mir dieses Jahr traditionell verschlafen wurde und der nächste – laut Walter Moers am 11. November – noch in quasi weiter Ferne liegt, halte ich es für angemessen, das Debütalbum der Jazz-Metal-Formation Weltpinguintag, deren Keyboarder Jörg Sandner mittlerweile „solo“ (in einer sehr freien Auslegung des Begriffs „Soloalbum“ ) musiziert und nebenbei den Vertrieb von Tonträgern der inzwischen leider aufgelösten Band mit dem sympathischen Namen übernimmt, hier zu würdigen.
Und ich würdige munter drauflos:
Bereits 1996, acht Jahre vor der Gründung der ungleich bekannteren Musikgruppe „Panzerballett“, kombinierte die Berliner Band „Weltpinguintag“ Jazz und Metal mit einer gehörigen Portion Humor. Das erste Stück vom zweiten und letzten Album „Pinguine in der Bronx“ heißt zum Beispiel „Die Rückkehr der Stiefschwester des Arbeitskollegen von King Kong“. Noch Fragen?
Fast ist es da schade, dass die fünf Weltpinguintagenden keine Texte zu ihren Liedern ersonnen. Aber auch ohne sie ist es ziemlich erfrischend, was auf dem Debütalbum aus den Lautsprechern erklingt.
21 Stücke zeigt mir der CD-Spieler an, verteilt auf ungefähr 52 Minuten, das sind nicht mal drei Minuten im Durchschnitt, obwohl zwei der Stücke die Vier-Minuten-Marke überschreiten. Man fasst sich kurz. Das ist gut. Kurz und prägnant statt ausufernd episch werden die Kompositionen auf den Punkt gebracht. Saxophon trifft auf Metalgitarre, und kaum glaubt man das Prinzip verstanden zu haben, ist der jeweilige Abschnitt auch schon wieder so schnell vorbei, wie er angefangen hat. Vergleiche? Panzerballett, hin und wieder auch die finnische RIO-Band Höyry-Kone, die allerdings auch mal wieder keiner kennt. Weltpinguintag sind (nun, waren) alles andere als langweilig.
Schade nur, dass Amazon diese prima Band nur im MP3-Format verschleudern will. Wer hingegen die CD kauft, bekommt ein handschriftliches Danke obendrauf:
Reinhören kann man unter anderem auf Last.fm. Man drehe hierfür die Lautstärke etwas höher und genieße die mannigfaltigen Höreindrücke.
Ich wünsche hierbei viel Vergnügen.
Medienkritik LIV: Der SPIEGEL und die fünf Prozent
Ich habe es hier schon mehrmals angedeutet: Um für den SPIEGEL zu schreiben, muss man nicht unbedingt wissen, wovon man eigentlich spricht.
Dass man sich im Internet nicht sonderlich gut auskennt, ist den dortigen Journalisten, zugegeben, nicht allzu nachteilig auszulegen, immerhin ist der SPIEGEL vorgeblich ein vorrangig politisches Nachrichtenmagazin, wenn er nicht gerade, wie etwa in der dieswöchigen Printausgabe, das Privatleben von Politikern zum Titelthema kürt (und das dann aber auch immerhin als „unappetitlich“ erkennt, so etwa ausgerechnet SPIEGEL Online am Montag dieser Woche). Dann nämlich besticht er durch fundiertes Hintergrundwissen und treffende Analysen zur aktuellen politischen Lage.
Zum Beispiel hat das Umfrageinstitut Forsa jüngst mal wieder herumgefragt, was die Leute denn gerade so wählen würden, wenn sie wählen würden. Das Ergebnis ist nur wenig überraschend: Die altbekannte Koalition aus SPD und Grünen – sofern sich diese ergäbe – würde die absolute Mehrheit erreichen, CDU/CSU 31 Prozent, die F.D.P. mit vier Prozent ließe man gar nicht erst mitspielen, womit der CDU/CSU der, laut SPIEGEL, offenbar einzig mögliche Koalitionspartner fehlt, denn eine längst nicht mehr undenkbare Koalition aus CDU/CSU und den Grünen würde die lächerlichen 47 Prozent von „Rot/Grün“ locker übertrumpfen. (Man sieht sehr schön, wie suggestiv man im Politikressort des SPIEGEL an manche Fragen herangeht.)
Wir fassen also zusammen:
Die Union sinkt im Vergleich zur Vorwoche um zwei Punkte auf 31 Prozent, die FDP gibt einen Punkt ab und liegt mit vier Prozent wieder unter der Fünfprozenthürde für den Einzug in den Bundestag. Die SPD gewinnt einen Punkt hinzu und kommt auf 24 Prozent. Sie liegt den Angaben zufolge erstmals seit Anfang April wieder vor den Grünen, die bei 23 Prozent verharren. Die Linke klettert um einen Punkt auf zehn Prozent.
(Hervorhebung, wie meist, von mir.)
Nun gilt es zu überprüfen, ob die Leser diese Zahlen auch verstanden haben. SPD und Grüne: 24 + 23 Prozent, das ergibt 47 Prozent. SPD und Linke: 24 + 10 Prozent, das ergibt 34 Prozent und ist somit eher unwahrscheinlich. CDU/CSU (31 Prozent) und F.D.P. (nimmt nicht teil) ergibt…?
Union und FDP kommen zusammen nur noch auf 35 Prozent
Schade – durchgefallen.
Es wird täglich schwieriger, den SPIEGEL noch zu verteidigen.













