Netzfundstücke
Medienkritik LIII: Der SPIEGEL und das böse Internet

Die Titelgeschichte des dieswöchi­gen SPIEGELs (“Die dig­i­tale Unter­welt: Das ver­bor­gene Netz der Inter­net-Ver­brech­er”) klang nach toller Real­satire, also griff ich zu; und lachte schon beim Lesen der Leser­briefe (“Die Ära Merkel muss schle­u­nigst been­det wer­den”, fordert ein Herr Man­fred Merkel dort).

Natür­lich sollte man vom SPIEGEL keine pro­fes­sionellen EDV-Ken­nt­nisse (oder gar pro­fes­sionellen Jour­nal­is­mus jed­welch­er Art) erwarten, das tu ich auch nicht, aber wer der­art reißerisch damit wirbt, dass das Inter­net voller Gefahren stecke, der sollte sich nicht wun­dern, wenn man seine Aus­führun­gen kri­tisch beäugt.

Und ich beäuge dann mal.

Zen­trales The­ma des Artikels sind “Fakeshops”, also Verkäufer, die Geld annehmen und dann ohne Liefer­ung auf Nim­mer­wieder­se­hen ver­schwinden. Hierzu gibt es einige dur­chaus wis­senswerte Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen, allerd­ings scheit­ert es dann doch an Kleinigkeit­en (eine IP-Adresse wird etwa als “Rech­n­erken­nung” beze­ich­net).

Zwar ver­mei­det man beim SPIEGEL trotz wieder­holter Ein­bindung des Jol­ly Rogers den Begriff des “Raubkopierens” (stattdessen nen­nt man es dort “ille­gales Kopieren”), aber so recht ver­standen hat man das alles immer noch nicht, denn selb­stver­ständlich wird außer der “Rah­men­hand­lung”, also den “Fakeshops”, auch noch anderes the­ma­tisiert, etwa das Erspähen von Bank­dat­en und ähn­liche Krim­i­nal­itäten, und da ste­ht oft ein riesiger Bock­mist drin, wie man ihn vom SPIEGEL beim The­ma EDV auch nicht anders erwartet hätte.

So kommt die Sprache auch auf die Aktiv­itäten von “LulzSec”, mit­tler­weile wieder aufgelöster Teil von “Anony­mous”: Es han­dele sich um “lose, poli­tisch motivierte Grup­pierun­gen, die kein Geld wollen, son­dern bloß Aufmerk­samkeit”, und mir scheint, beim SPIEGEL hat man da was nicht ver­standen, denn während es zutrifft, dass “Anony­mous” eine lose, poli­tisch motivierte Grup­pierung ist und wed­er “Anony­mous” noch “LulzSec” primär auf Geld aus sind und waren, wen­ngle­ich let­ztere expliz­it um Bit­coin-Spenden bat­en, ist der Rest hanebüch­en­er Quatsch. Vor allem der Umstand, dass “Anony­mous” ern­sthafte Ziele ver­fol­gt, sollte einem so genan­nten “Nachricht­en­magazin” schon ein wenig Hin­ter­grun­drecherche abrin­gen, aber wer braucht schon Detail­wis­sen?

Sony seien “Dat­en gestohlen” und der Cit­i­group “Daten­sätze geklaut” wor­den, heißt es weit­er, aber anscheinend waren die Täter ja von Mitleid geplagt, immer­hin hat­ten die Betrof­fe­nen ihre Dat­en schnell zurück, nur eine Kopie verblieb öffentlich les­bar im Inter­net. (Da haben wir wieder das Dilem­ma mit dem “Raubkopieren”, also dem “Stehlen von Dat­en”.)

Ja, gut, sagen nun meine Leser, aber so all­ge­mein jour­nal­is­tis­chen Ver­stand abseits der Infor­matik hat man beim SPIEGEL dann doch noch? Nun, das dachte ich auch.

Aber nehmen wir ein­mal den erwäh­n­ten Artikel: Eine Frau wird erwäh­nt, die “Jagd” auf “Fakeshops” macht. Ihre Iden­tität möchte sie schützen, darum fotografiert man sie neb­st Sohn (!) beim SPIEGEL nur von hin­ten und druckt oben­drein einen Dro­hbrief in voller Länge ab, der die Wohn­si­t­u­a­tion der Frau aus­führlichst beschreibt. Mir kom­men da spon­tan die “Face­book-Par­tys” der let­zten Wochen in den Sinn, zu denen die Medi­en aus­drück­lich nicht aufriefen, indem sie Ter­min und Ort plaka­tiv ver­bre­it­eten.

Mal ganz ehrlich, Mar­cel Rosen­bach und Hilmar Schmundt vom SPIEGEL, das Inter­net ist gar nicht so böse. Schaut, es hil­ft euch sog­ar, Fehler zu erken­nen und zukün­ftig zu ver­mei­den. — Ander­er­seits sollte ich zumin­d­est diese Hoff­nung beim SPIEGEL dann doch langsam mal aufgeben.

Senfecke:

  1. Ich habe den Spiegel-Beitrag auch gele­sen. Tut mir leid mein Lieber, aber deine soge­nan­nte “Kri­tik” ist sowas von sin­nentleert, mir fehlen die Worte. Und ich dachte immer, ich wäre der einzige Zeilen­schin­der. So etwas nenne ich einen Ele­fant aus der Mücke machen und die virtuellen Real­itäten zu verken­nen. Und diese ver­pick­el­ten Idioten Marke „Anony­mous“ und „Lulz Sec“ sind über­flüs­sig wie ein Kropf und gehören geteert und gefed­ert.

  2. Welche virtuelle Real­ität verkenne ich denn? Jaha, das Inter­net ist voller Bösewichte, wie der SPIEGEL-Tit­tel sug­geriert, sobald man sich ein­log­gt, bekommt man Krebs, oder wie?

    Nein, “Anony­mous” sind nicht über­flüs­sig, sie sind vielmehr die Kon­se­quenz aus unser­er Poli­tik und ein Aus­drucksmit­tel der Frei­heit des Indi­vidu­ums. Das gefällt dir nicht? Das gefällt auch eini­gen Dik­ta­toren nicht… ;)

  3. Ich will da nich direkt in die Kerbe sprin­gen, aber das inhalts­freie Gewäsch zu diesem Minithe­ma beim Spe­ichel gibt m.E. nicht allzu­viel her. Diese Lach­num­mer mit den Fakeshop-jägern würde ich eher bei denen ranten als beim Spiegel.
    Beim Spiegel­gewäsch hab ich kurz über­legt was zu schreiben, aber dass die so “Fake­blog­ger” also Leute, die bestellte Waren nicht aus­liefern als Hack­er tit­ulieren hat dann doch nicht gere­icht. Spiegel halt, sollte man wis­sen, was davon zu hal­ten ist.
    Was allerd­ings wirk­lich lustig wird sind die Leser­briefe der ganzen “gehack­ten” und anderen Nasen näxte Woche. Mhh, na wobei, die Leser­briefe sind egtl. fast generell an schreien­dem Unsinn auss­er vom Spiegel selb­st schw­er zu übertr­e­f­fen.

  4. Ich habe mir diese Aus­gabe des SPIEGEL nur gekauft, weil ich mal guck­en wollte, ob der so schlecht ist, wie es der Titel ver­sprach. Hat­te Glück. ;)

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