In den Nachrichten
Olympia 2012: Die Letzten werden die Letzten sein

(Vor­be­mer­kung: Aus all­ge­mei­nem Des­in­ter­es­se am Sofasport wer­de ich mich zu sport­li­chen The­men auch wei­ter­hin nur in gebo­te­ner Kür­ze äußern.)

Momen­tan fin­den die Medi­en es ja höchst beacht­lich, dass wäh­rend der Olym­pi­schen Spie­le 2012 eini­ge Mann­schaf­ten absicht­lich schlecht spie­len, um sich so eine bes­se­re Aus­gangs­po­si­ti­on zu ergau­nern.

Ich ver­ste­he die Auf­re­gung nicht. Ein­tracht Braun­schweig spielt seit Jah­ren so schlecht, dass das kein Zufall mehr sein kann, und offen­sicht­lich nie­mand fin­det das ernst­haft ver­werf­lich. (Aller­dings schafft Ein­tracht Braun­schweig es auch seit Jah­ren nicht auf eine gute Ausgangs‑, also Tabel­len­po­si­ti­on. Tja.)

Dass übri­gens die deut­schen Olym­pio­ni­ken bis­lang medail­len­arm blei­ben, spricht für sie. Selbst, wenn sie gedopt wor­den sind: Nicht lei­stungs­stei­gern­de Mit­tel sind nicht zu bean­stan­den.

(Mit Dank an L. für den Hin­weis.)

Sonstiges
Medienkritik LXXII: Ey krass, Süddeutsche Zeitung!

Durch Zufall fiel mir am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de die sei­ner­zeit aktu­el­le „Süd­deut­sche Zei­tung“ qua­si in die Hän­de. Im ent­hal­te­nen „Medien“-Teil macht sich euer, „Süd­deut­sche Zei­tung“, Ralf Wie­gand über den gegen­wär­ti­gen trend der script­ed rea­li­ty in Nach­mit­tags-talk­shows leid­lich „lustig“, indem er sei­ne eige­ne Leser­schaft auf ein höhe­res intel­lek­tu­el­les Niveau hebt:

… das voy­eu­ri­sti­sche Publi­kum, das sich woh­lig noch ein Dosen­bier auf­ma­chen durf­te: Guck‘ mal, die im Fern­se­hen sind auch nicht bes­ser. (…) War­um Sat 1 (sic!) sogar die abge­häng­te­ste Unter­schicht mit so einem Müll belei­digt, ist leicht zu beant­wor­ten[.]

In der glei­chen Aus­ga­be eures Quatsch­blatts begibt sich euer Autor Alex Rüh­le in Gefahr für Leib, Leben und Lach­mus­keln, indem er eine Woche lang Insas­sen der Dep­penMittel‑, ehe­mals Haupt­schu­le „an der Wies­ent­fel­ser Stra­ße“ – das scheint ein Eigen­na­me zu sein, der aber mit gan­zen acht Sil­ben auch nicht unbe­dingt zum Ver­ständ­nis bei­tra­gen dürf­te – mit dum­men Fra­gen belä­stig­te. Sein Resü­mee:

Und dann waren da noch die zwei Fünft­kläss­ler auf dem Gang:
„Tschul­di­gung, Ihre Zei­tung, ist das so was wie die Bild?“
„Na ja, mit mehr Text.“
„Ey krass, Mann, noch mehr Text!“

Ihr, „Süd­deut­sche Zei­tung“, fühlt euch anschei­nend also recht wohl in eurer selbst­de­fi­nier­ten Rol­le als Bild für ver­meint­lich Intel­lek­tu­el­le und lasst kei­ne Gele­gen­heit aus, sie zu beto­nen. Nun bekommt jede Zei­tung die Leser, die sie ver­dient, und so lasst ihr es euch nicht neh­men, fol­gen­den reprä­sen­ta­ti­ven Leser­brief von Micha­el Maresch aus Mün­chen abzu­drucken:

Da gibt es jun­ge Män­ner, die so ver­einsamt sind, dass sie mona­te­lang Waf­fen und Spreng­stoff zusam­men­sam­meln und gebrauchs­fä­hig machen kön­nen und nie­mand ist in ihrem Umfeld, nie­mand, der das merkt. Da gibt es eine Gesell­schaft, die setzt die­se jun­gen Män­ner, allein mit ihrem Hirn, vor die Com­pu­ter, bis sie auch noch den letz­ten Fun­ken sozia­ler Ver­ant­wor­tung ver­lo­ren haben. Weil die Com­pu­ter nur so tun, als för­der­ten sie „sozia­le“ Netz­wer­ke. In Wahr­heit ver­su­chen dort vom Kapi­ta­lis­mus fehl­ge­lei­te­te Mega­zocker mit mög­lichst wenig Arbeit mög­lichst viel Geld abzu­grei­fen. Wenn dann irgend­ei­ner in so einem „sozia­len“ Ein­sam­keits­netz­werk mal ein Tref­fen vor­schlägt, krie­chen Tau­sen­de aus ihren aso­zia­len Com­pu­t­er­höh­len und die Poli­zei muss sie zer­streu­en. Wir las­sen die Jun­gen allei­ne mit den anony­men Zockern im Inter­net. Und im Won­ne­mo­nat Juli, wenn alles blüht, plat­zen die jah­re­lang gereif­ten kran­ken Hir­ne der Mas­sen­mör­der auf: Ern­te­zeit der Ein­sam­keit.

Ey krass, Mann.

In einer Gesell­schaft, die nur aus Micha­el Mareschs, Alex Rüh­les und Ralf Wie­gan­ds bestün­de, wür­de mein Hirn auch frü­her oder spä­ter plat­zen. Viel­leicht soll­te ich ein­fach auf­hö­ren, die „Süd­deut­sche Zei­tung“ zu lesen.

In den Nachrichten⁠Piratenpartei
INDECT-Demos, Bilder, Heuchelei

Wenn Neu­pi­ra­ten (ich äußer­te mich an ande­rer Stel­le bereits zu die­sem Begriff) demon­strie­ren, tun sie dies natür­lich mit oran­ge­far­be­ner Flag­ge, denn die Anne­xi­on poli­ti­scher Demon­stra­tio­nen, kom­men sie nun von Arbeits­krei­sen, Anony­mous oder ande­ren Par­tei­en, scheint bei man­chen Flag­gen­pi­ra­ten heut­zu­ta­ge Brauch zu sein; „oh, eine Demo, gleich mal Flag­ge schwen­ken“, und inzwi­schen scheint’s dann auch egal zu sein, von wem und/oder wofür und/oder woge­gen da über­haupt demon­striert wird; in der Punk­sze­ne gibt es da den Begriff des „Mode­punks“, und die­se Popu­li­sten wür­de ich jetzt ein­fach mal unter „Mode­pi­ra­ten“ abhef­ten. So viel zur Ein­lei­tung.

Und wie ich heu­te so durch Osna­brück latsch­te, begab es sich, dass ich kon­fron­tiert wur­de mit eini­gen Pira­ten, die von wei­tem an ihren Shirts und Flag­gen zu erken­nen waren, so dass die Umste­hen­den grin­sten, „ah, eine Pira­ten­de­mo“ kon­sta­tier­ten und ihrer Wege gin­gen. Dass Demon­stra­tio­nen gegen INDECT kei­ne „Pira­ten­de­mos“ sind, son­dern die Pira­ten­par­tei sich ihnen ledig­lich ange­schlos­sen hat, kommt so natür­lich nicht voll­stän­dig zur Gel­tung, und obwohl ich Pirat bin, hal­te ich das für reich­lich befremd­lich. Es wäre gege­be­nen­falls für unse­re Außen­wir­kung för­der­lich, wür­den die Flag­gen­schwen­ker gele­gent­lich auf das Schwen­ken ver­zich­ten und sich ein­fach mit blo­ßer Teil­nah­me für die gele­gent­lich gute Sache ein­set­zen.

Aber das ist noch nicht der eigent­li­che Grund für mei­nen jet­zi­gen Schrieb.

Ich schlen­der­te also, wie bereits erwähnt, durch Osna­brück und lan­de­te plötz­lich inmit­ten der loka­len INDECT-Demon­stra­ti­on. Vie­le Men­schen mit bösem Gesichts­aus­druck und lusti­gen Schil­dern („1984 war kei­ne Anlei­tung“, stimmt, es ist eine Jah­res­zahl) stan­den dort her­um und lausch­ten andäch­tig dem in ein Mega­phon spre­chen­den, nun, Spre­cher. Die­se Ver­an­stal­tung wur­de beglei­tet von meh­re­ren Per­so­nen, die zur Doku­men­ta­ti­on des Gesche­hens Foto­gra­fien von sel­bi­gem anfer­tig­ten.

Dabei haben sie durch­aus auch Pas­san­ten erfasst, zudem haben sie wäh­rend mei­ner Anwe­sen­heit dort nicht ein­mal die umste­hen­den Teil­neh­mer gefragt, ob ihnen eine Ablich­tung recht sei.

Es wur­de also von Pri­vat­leu­ten fahr­läs­sig in unge­zähl­ten Fäl­len das Recht am eige­nen Bild und auf Pri­vat­sphä­re ver­letzt.

Auf einer Demon­stra­ti­on gegen stän­di­ge Über­wa­chung und unge­frag­tes Fil­men durch Pri­vat­leu­te.

Eigent­lich ist das lustig.

Natür­lich ist eine Demon­stra­ti­on in einer Innen­stadt eine „öffent­li­che Ver­an­stal­tung“, inso­fern „müs­sen“ Leu­te, die unbe­dacht in Reich­wei­te der Kame­ras gelan­gen, damit rech­nen, auf die­se Wei­se ver­ewigt – was man eben so „ewig“ nennt – zu wer­den.

Nach der glei­chen Logik ist aber auch gegen Über­wa­chungs­ka­me­ras im öffent­li­chen Raum nichts ein­zu­wen­den. Ich als pri­vat­sphä­ren­be­wuss­ter Pirat bin der Ansicht, es mache zwar quan­ti­ta­tiv, kei­nes­falls aber qua­li­ta­tiv einen Unter­schied, ob Drit­te unge­fragt foto­gra­fiert oder gefilmt wer­den.

Ich gehe davon aus, dass die ange­fer­tig­ten Foto­gra­fien von einem über­eif­ri­gen „Pira­ten“ frü­her oder spä­ter auch auf aus­ge­rech­net Face­book ver­öf­fent­licht wor­den sein wer­den.

Ich mag sol­che Poin­ten. Sie sind so schön bit­ter.

Sonstiges
Medienkritik in Kürze: Die babylonische ZEIT-Verwirrung

Und dann war da noch die gest­ri­ge ZEIT, die sich nicht so recht ent­schei­den konn­te, in wel­cher Spra­che man sein Publi­kum anre­den soll­te.

Ein Bericht über die rus­si­sche Feman­zen­grup­pe Pus­sy Riot etwa wur­de über­schrie­ben mit dem vom Rus­si­schen ins Deut­sche über­setz­ten Titel:

Mut­ter Got­tes, ver­ja­ge Putin!

Noch auf der glei­chen Sei­te wur­de ein Nach­ruf (ich habe ledig­lich die Ein­lei­tung und die Über­schrift gele­sen, ich kann hier also leicht dane­ben lie­gen) auf den fran­zö­si­schen Mode­schöp­fer Yves Saint Lau­rent mit „Bye-bye, Yves“ über­schrie­ben.

Offen­sicht­lich ver­sucht man im Hau­se ZEIT der­zeit, die Penis-Geschich­te so auf­zu­bau­schen, dass die Sprach­ver­lot­te­rung der ansäs­si­gen Redak­teu­re nicht mehr auf­fällt. Die­ser Ver­such schlägt offen­bar fehl.

Persönliches⁠Lyrik
Sie. (Fragment 6.1, unvollendet)

… Er hat­te nicht mit ihr gerech­net.

Unzäh­li­ge Male schon war er in die­ser klei­nen Stadt gewe­sen, hat­te einen Teil der, wie die Ande­ren sag­ten, besten Jah­re sei­nes Lebens dort zuge­bracht und letzt­lich ver­schwen­det. Er sah Freun­de wie Fein­de kom­men und gehen, ließ sei­ne Lei­den­schaf­ten auf­blü­hen und ver­wel­ken, wie sie ihm gera­de gescha­hen. Es war bequem, aber es füll­te ihn nicht aus. Die Lee­re hat­te ihn beglei­tet, seit er sei­ne Jugend hin­ter sich gelas­sen hat­te, und so oft er sich auch der Fei­er und der Lust hin­gab, so oft kehr­te sie zurück. Er dach­te an Sisy­phos, den grie­chi­schen Sagen­hel­den, und an des­sen Los, eine schwe­re Last ver­ge­bens einen Hang hin­auf­zu­stem­men.

Als in ihm die neue Lei­den­schaft auf­flamm­te, war er noch immer ruhe­los. Er woll­te Ant­wor­ten, doch jede Ant­wort warf neue Fra­gen auf, und jede Fra­ge war ein wei­te­rer Schnitt. Er wähn­te sich ver­lo­ren in dem Dickicht, das er selbst immer wie­der auf­for­ste­te, um der Lee­re zu ent­ge­hen. Auch des­halb nahm er die Gele­gen­heit wahr. Er brach die Brücken ab, die ihn bis dahin über die Lee­re gelei­tet hat­ten, und gab sich dem hin, was, wie er ein­mal gele­sen hat­te, man­che Men­schen als „neu­es Leben“ bezeich­nen. Er moch­te die­se Wor­te nicht.

Tat­säch­lich aber fühl­te es sich für ihn wie ein Neu­an­fang an. Er schätz­te es, in den Krei­sen derer zu ver­keh­ren, die sei­ne Begei­ste­rung teil­ten, und sich mit ihnen aus­zu­tau­schen. Bis zu die­sem Tag hat­te sich hier­bei nie etwas Ein­schnei­den­des ereig­net.

Die­ses Mal war etwas anders.

Es hat­te harm­los begon­nen. Als er den Treff­punkt erreich­te, traf er auf vie­le alte und neue Bekann­te. Er scherz­te mit ihnen und ging auf in den Gesprä­chen, die er führ­te, und ver­gaß hier­über end­lich, wes­halb er so weit gekom­men war und war­um er über­haupt hier war; er ver­gaß, wovor er geflo­hen war, und es inter­es­sier­te ihn auch nicht mehr. Ver­ges­sen waren die Jah­re, die sich für ihn anfühl­ten wie eine end­los schei­nen­de Visua­li­sie­rung des Stückes „Domed“ von And Also The Trees.

Dann sah er sie.

Sie stand am ande­ren Ende der Schlan­ge, in der er sich gera­de befand, und strahl­te ihn an. Ihr Blick war von einer Tie­fe, die er bis dahin nicht kann­te, und so wenig er die­ses Wort auch schätz­te, so kam er doch nicht umhin, ihre Erschei­nung („wie eine Mari­en­er­schei­nung“ dach­te er) ins­ge­samt als süß zu emp­fin­den, und schäm­te sich für die­ses Wort. Er kann­te ihren Namen, immer­hin (stand er auf ihrer Brust und) hat­ten sie sich in der Ver­gan­gen­heit schon aus­ge­tauscht. Nicht ein­mal im Traum aller­dings hät­te er ver­mu­tet, dass sich hin­ter die­sem ein Lächeln wie ihres ver­ber­gen wür­de.

Je län­ger er sich wider­setz­te, je mehr er ver­such­te, das Unaus­weich­li­che zurück­zu­drän­gen, desto lau­ter spiel­te der längst ver­ges­se­ne Plat­ten­spie­ler in sei­nem Kopf Lie­der aus ver­gan­ge­nen Zei­ten. In ano­ther land I try to find some­bo­dy. Längst stand er nicht mehr in der Schlan­ge, er fiel. Die Men­schen, die vor und hin­ter ihm spra­chen und lach­ten, bemerk­ten es nicht.

Nein, er hat­te nicht mit ihr gerech­net. …

In den Nachrichten
Kurz verlinkt CXII: Kann ja mal passieren.

Offen­bar ist die Pira­ten­par­tei jetzt auch zum Vor­bild taug­lich. Seit neue­stem redet man näm­lich nicht nur dort aus­schließ­lich in offe­nen Brie­fen mit­ein­an­der, auch in Hol­ly­wood ist die­se Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on nun ange­kom­men:

Kri­sten Ste­wart hat sich bei ihrem Freund und „Twilight“-Kollegen Robert Patt­in­son öffent­lich für einen Sei­ten­sprung ent­schul­digt. In einer Erklä­rung, die das „People“-Magazin ver­brei­te­te, gab die 22-Jäh­ri­ge eine „flüch­ti­ge Indis­kre­ti­on“ mit einem ver­hei­ra­te­ten Mann zu. Gemeint ist dem­nach der 41-jäh­ri­ge Regis­seur Rupert San­ders, mit dem sie in dem Film „Snow White and the Hunt­s­man“ gespielt hat­te. San­ders hat­te kurz vor Ste­wart sei­ne Frau und Kin­der um Ver­ge­bung gebe­ten.

… und er so „kein Pro­blem, aber mach das nie wie­der“ und sie so „tihi“.

Wäre ich Robert Patt­in­son und/oder Frau und Kin­der von Rupert San­ders, ich wäre ein wenig erbost dar­über, dass der Lebens­part­ner über­haupt auf die Idee kommt, mit jeman­dem in die Kiste zu sprin­gen, des­sen Pri­vat­le­ben ohne­hin stän­dig in den Medi­en aus­ge­brei­tet wird (oder eben mit über­haupt irgend­wem), aber bei so Leu­ten ist das wohl nicht so üblich, denn mit einem Welt­star kann man eben her­vor­ra­gend prah­len.

Aller­dings hiel­te ich per­sön­lich es für ange­mes­se­ner, sel­bi­ges Trei­ben im Fami­li­en­kreis zu offen­ba­ren, anstatt den jewei­li­gen Part­ner via Bou­le­vard­pres­se dar­über in Kennt­nis zu set­zen. Aber ich bin ja auch kein Film­star.

Den Ter­mi­nus „flüch­ti­ge Indis­kre­ti­on“ mer­ke ich mir trotz­dem mal. Mit so etwas kann man es zumin­dest zum Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster schaf­fen.

(Mit Dank an L.!)

Politik⁠In den Nachrichten
Kurz verlinkt CXI: Empörend: Politiker hat ein Gewissen.

Ich zie­he, posi­tiv über­rascht, mei­nen dem­nächst noch zu kau­fen­den Hut bereits vor dem Erwerb: Rös­ler empört FDP mit Grie­chen­land-Kom­men­tar. Empört!!111

Mit nur zwei Sät­zen hat Phil­ipp Rös­ler die Debat­te um die Grie­chen­land-Ret­tung inner­halb der Regie­rung kräf­tig ange­heizt – und muss sich nun schar­fe Kri­tik aus der eige­nen Par­tei gefal­len las­sen. Er sei „mehr als skep­tisch“, dass Athen die har­ten Spar­auf­la­gen noch erfül­len könn­te, hat­te der Wirt­schafts­mi­ni­ster erklärt. Und: Der Gedan­ke an einen Euro-Aus­tritt der Grie­chen habe für ihn „sei­nen Schrecken ver­lo­ren“. Die Reak­tio­nen in der FDP rei­chen bis zum Vor­wurf der „Unpro­fes­sio­na­li­tät“. (…) Weni­ger diplo­ma­tisch äußer­te sich der libe­ra­le Euro­pa­ab­ge­ord­ne­te Jor­go Chat­zi­markakis. Das „Aus­maß an Unpro­fes­sio­na­li­tät“ der Rös­ler-Äuße­run­gen erstau­ne ihn und über­ra­sche in ganz Euro­pa.

Denn damit, dass ein Poli­ti­ker der F.D.P. zur Abwechs­lung mal etwas Gehalt­vol­les sagt, hat ganz Euro­pa schon auf­grund bis­he­ri­ger Erfah­run­gen nicht gerech­net.


Noch eine kur­ze Durch­sa­ge aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka: Wer sich nicht von Face­book durch­leuch­ten und pro­fi­lie­ren las­sen möch­te, stellt eine Bedro­hung für die Gesell­schaft dar. Der irre Atten­tä­ter von Oslo war eben­so wenig auf Face­book aktiv wie der Bat­man-Kil­ler.

Ein 24 Jah­re alter US-Ame­ri­ka­ner, ein ehe­ma­li­ger Stu­dent und Waf­fen­narr offen­bar, der nicht ver­netzt ist, kei­ne Bil­der tauscht und sei­ne Befind­lich­kei­ten nicht mit der Com­mu­ni­ty teilt. Das ist nicht nur ziem­lich sel­ten, son­dern kommt eini­gen auch ziem­lich ver­däch­tig vor.

Mit der Waf­fen­nar­re­tei hat das alles aller­dings, ver­steht sich, nichts zu tun.

Sonstiges⁠Piratenpartei
Dillinger Escape Plan – Party Smasher

Ereig­nis­rei­che Wochen­en­den sind ereig­nis­reich. Das Genie über­blickt das Cha­os, heißt es, und an mei­ner Genia­li­tät zweif­le ich dann aus­nahms­wei­se dann doch mal.

Und dann eben, zur Beru­hi­gung, vor allem: Lärm.

Dil­lin­ger Escape Plan – Par­ty Smas­her LIVE Pro-Shot (MI)

We are fore­ver ent­wi­ned stuck in a play we can’t lea­ve

Guten Mor­gen.

Kaufbefehle⁠Musikkritik
Last Remaining Pinnacle: Rhythmische Störgeräusche

Ich geste­he, ich muss­te mir die­ses Album erst schön­hö­ren; beim ersten Durch­lauf stör­te mich der mit aller­lei Effek­ten ver­se­he­ne Gesang ein wenig. Dann aller­dings hat es gezün­det, und dies mit einer Inten­si­tät, dass ich es für an die­ser Stel­le emp­feh­lens­wert hal­te.

Gemeint ist das Album „Visi­tors“ des Duos Last Remai­ning Pin­na­cle („der letz­te ver­blie­be­ne Gip­fel“) aus Vir­gi­nia Beach, Ju-Es-Ey, auf das ich bei Peter stieß. Gegrün­det wur­de die­se Com­bo als Ein­mann­pro­jekt bereits im Jahr 1995 von Dave Alli­son (Gesang, Gitar­re, Bass, Key­board, Schlag­zeug, Drum­com­pu­ter, Tam­bu­rin), der fort­an in Gemein­schafts­pro­jek­ten mit ver­schie­de­nen ande­ren Musi­kern diver­se Ver­öf­fent­li­chun­gen auf­nahm.

Erst 2011 stieß Dave Dem­bit­s­ky (Gitar­re) hin­zu, womit Last Remai­ning Pin­na­cle nun­mehr zu zweit sind. Das von den bei­den Musi­kern zu Gehör Gebrach­te schep­pert sich sehr ange­nehm in die Gehör­gän­ge, alle Zei­chen ste­hen auf low fide­li­ty und Gara­gen­rock. Unser­eins denkt da an The Fall, Sonic Youth und die legen­dä­ren The Vel­vet Under­ground, was ange­sichts eines Titels wie „Stu­dents Of The V.U.“ viel­leicht auch beab­sich­tigt ist. Das domi­nan­te Instru­ment ist natür­lich die Gitar­re.

Wie­der mal liegt hier Musik vor, die sich in kein Gen­re­kor­sett zwän­gen lässt. Über­wie­gend – ich schrieb es ja schon – wird noi­sig die Gara­ge gerockt. Stück 5 aller­dings, „Man­t­le Rota­ti­on 3“, fällt bereits aus dem Rah­men: Drei Minu­ten lang wird eine wie­der­keh­ren­de Ton­fol­ge abge­spielt, die nach eini­ger Zeit von einer lei­sen, qua­si ambi­en­ten Melo­die beglei­tet wird. Als ich das Album heu­te Mit­tag in Anwe­sen­heit Drit­ter hör­te, frag­te man mich, um wel­che Art von Stör­ge­räu­schen es sich hier­bei han­de­le, was ich ziem­lich amü­sant fand.

„Visi­tors“ erschien am 21. Mai 2012 und ver­dient mei­ne Emp­feh­lung, die es dann hier­mit auch mal bekommt. Inter­es­sen­ten kön­nen auf bandcamp.com das kom­plet­te Album im Stream hören sowie – lei­der momen­tan (?) nur – in nicht-phy­si­scher Fas­sung zum sym­bo­li­schen Preis von min­de­stens 0 Euro erwer­ben. Dies soll­te reich­lich getan wer­den.

In den Nachrichten
Braunschweig: Schule, die keine Schule sein will, darf nicht unterrichten und findet das rassistisch.

Der nie­der­säch­si­schen Stadt Braun­schweig gehör­ten und gehö­ren vie­le Per­sön­lich­kei­ten an, deren Exi­stenz auf unter­schied­li­che Wei­se berei­chernd war und ist. Eine die­ser Per­sön­lich­kei­ten ist Muha­med Cift­ci, ein dem Sala­fis­mus gegen­über offe­ner Islam­pre­di­ger.

Die­ser Pre­di­ger betreibt seit 2007 eine reli­giö­se Lehr­an­stalt, in der zuletzt bis zu 300 Schü­ler ein­ge­schrie­ben gewe­sen sein sol­len. Im Inter­net ist sel­bi­ge zur­zeit noch unter islamschule.de erreich­bar.

Im Herbst des ver­gan­ge­nen Jah­res nun, so schrei­ben Tes­sa Ranzau und Kat­rin Tesch­ner in der heu­ti­gen Aus­ga­be der Braun­schwei­ger Zei­tung, sei die­se Islam­schu­le von der Staat­li­chen Zen­tral­stel­le für Fern­un­ter­richt dar­um gebe­ten wor­den, einen Antrag für eine Geneh­mi­gung für Fern­un­ter­richt ein­zu­rei­chen, der bis dahin nicht ein­ge­gan­gen war. In der ver­gan­ge­nen Woche wur­de die­ser der­weil ein­ge­gan­ge­ne Antrag nun abge­lehnt, da sowohl Muha­med Cift­ci als auch sei­ne Islam­schu­le zur Radi­ka­li­sie­rung der Schü­ler bei­trü­gen und die ver­tre­te­nen Gewalt ver­harm­lo­sen­den, chri­sten- und juden­feind­li­chen The­sen nicht mit den Grund­re­geln die­ser Gesell­schaft ver­ein­bar sei­en. Der Ableh­nungs­be­scheid ver­pflich­tet Herrn Cift­ci nun dazu, von dem Anbie­ten von Fern­lehr­gän­gen künf­tig Abstand zu neh­men.

Muha­med Cift­ci selbst äußer­te sich hier­zu wie folgt:

Wir sind kei­ne Schu­le, jeder kann sich im Inter­net unse­re Vide­os anschau­en. (…) Offen­bar war das Ziel von Anfang an, die Islam­schu­le zu ver­bie­ten.

Wir ler­nen zwei­er­lei:

Erstens: Die Islam­schu­le, die unter islamschule.de bewor­ben wird, ist auch dann kei­ne Islam­schu­le, son­dern ein Video­por­tal, wenn sie einen Antrag ein­reicht, die Rech­te einer Schu­le wahr­neh­men zu dür­fen.

Zwei­tens: Wenn eine staat­li­che Stel­le einem radi­kal­is­la­mi­schen Pre­di­ger, der kei­ne Schu­le betrei­ben will, ver­bie­tet, eine Schu­le zu betrei­ben, ist das das Ergeb­nis einer fie­sen, womög­lich anti­is­la­mi­schen Ver­schwö­rung und nicht etwa ange­mes­sen.

(Klar: In einer Glüh­bir­ne ist ja auch kei­ne Bir­ne drin, also muss in einer Islam­schu­le auch kei­ne Schu­le drin sein.)

„I see dumb peo­p­le.“
– Jim Davis, c/o „Harsh Times“

Spaß mit Spam
You will love the results on your organ

Soeben erreich­te mich eine E‑Mail von einem Herrn Enlar­ge with Free Sam­ple (mit die­sem Namen ist man natür­lich auch nicht son­der­lich gut dran).

Sie trug die­sen Betreff:

You will love the results on your organ

„Sie wer­den die Ergeb­nis­se auf Ihrer Orgel lie­ben“. das klingt nach einem guten Titel für ein Musik­al­bum. Soll­te ich also jemals Voll­zeit­mu­si­ker wer­den, so wäre die­se Schwie­rig­keit schon im Vor­aus aus der Welt geschafft.

Bis­lang hat­te ich als guten Band­na­men „Denen“ und als guten Namen für ein Musik­al­bum „Das Album da“ im Sinn, nur um Kauf­wil­li­ge im Plat­ten­la­den dabei beob­ach­ten zu kön­nen, wie sie sagen, sie hät­ten gern das Album da von denen. Aber so wird es eben zu einem zwei­ten Album füh­ren müs­sen.

Wie der Text der E‑Mail schon so rich­tig sagt:

Fan­ta­stic results gua­ran­teed
http://hardbiger.(zensiert)/

„Fan­ta­sti­sche Ergeb­nis­se garan­tiert! Mit freund­li­chen Grü­ßen, Ihr har­ter Biger.“

Das wäre natür­lich auch ein tol­ler Künst­ler­na­me.

(Abt.: Wit­ze, für die uns man­che US-Ame­ri­ka­ner gele­gent­lich um unse­re Spra­che benei­den.)

Netzfundstücke⁠In den Nachrichten
Kurz verlinkt CX: Die Mär von der wachsenden Löschhölle.

heise.de so:

Wiki­pe­dia-Autoren­schaft schrumpft, Zahl der Arti­kel steigt

Um das noch mal klar her­vor­zu­he­ben: Es wer­den mehr Arti­kel.

Dass sich in all den Jah­ren eine gewis­se Sät­ti­gung ein­ge­stellt hat, ist selbst­ver­ständ­lich: Je mehr Arti­kel es gibt, desto weni­ger wei­ße Flecken gibt es. Die ver­blei­ben­den wei­ßen Flecken rich­ten sich immer mehr an „Fach­leu­te“. Men­schen mit einer begrenz­ten All­ge­mein­bil­dung wer­den sich in einer qua­si belie­bi­gen Wiki­pe­dia nicht mehr son­der­lich umfas­send betei­li­gen kön­nen: Aus­rei­chend umfas­sen­de Arti­kel zum Sub­jekt „Baum“ gibt es in jeder – selbst in der latei­ni­schen – Sprach­fas­sung.

Die­se weni­gen „Fach­leu­te“ – die geschrumpf­te Autoren­schaft – ver­fas­sen ins­ge­samt mehr Arti­kel. Und wer ist schuld dar­an? In der Vor­stel­lung der Mit­glie­der des hei­se-Forums ist der Fall klar: Die „lösch­wü­ti­gen Troll-Admins“ natür­lich.

Offen­bar hat da irgend­je­mand etwas miss­ver­stan­den.