„Sie dürfen die Braut jetzt essen.“
Rudelbums für Anfänger: „Cosmopolitan“, ein Magazin für Unentschlossene
Hui, eine neue „Cosmopolitan“ („Endlich wieder Montagmorgen“, ebd.) mit Gwen Stefani vornedrauf, und dann gleich so ein toller Aufmacher:
Neue Flirt-Tipps für mehr Spaß und bessere Typen
(Wir haben sie, wissenschaftlich erwiesen!)
Nun ja, selbst Genderforscher und Mediengestalter dürfen sich heutzutage „Wissenschaftler“ nennen, wenn sie an der richtigen (bzw. eben grundfalschen) Hochschule „studiert“ haben; aber wer wäre besser geeignet als ein Frauenmagazin (vgl. „JOY“ et al.)? Eben; und bei der „Cosmopolitan“ hat man wohl ohnehin in letzter Zeit Sonderschulungen in erfolgreicher Schnackselanbahnung absolviert, denn direkt vor den „neuen Flirt-Tipps“ wird ein „neues Orga-Tool für Polyamore“ angepriesen, eine Art app zur Terminplanung, damit man nicht versehentlich die Partner verwechselt.
In dieser Hinsicht erkenne ich zumindest ein Muster; im selben Heft gibt die Drehbuchautorin („Drehbuch-Queen“) Anika Decker im Gespräch mit der „Cosmopolitan“-Autorin Julia Rotherbl bekannt, sie bedaure es, dass es ihr anders als in ihrem neuen, nur nebensächlich erwähnten Film bislang nicht gelungen sei, Liebeskummer durch Sex mit möglichst vielen Männern nacheinander zu verdrängen. Und ich war bislang der Überzeugung, das Gewese um die „große Liebe“ in Mädchenzeitschriften sei schon nur noch schwerlich an Peinlichkeit zu überbieten. – Andererseits erklärt Moritz Pontani im wiederum gleichen Heft, Männer säßen nicht allein zwecks Spermienbelüftung gern breitbeinig herum:
Unsere geöffneten Beine, vor allem die Oberschenkel, fungieren hier als Fluchtlinien oder Lotsen. Sie weisen euch den Weg zum zentralen Fluchtpunkt, unseren Hosenmittelpunkt. Er schreit euch förmlich weit geöffnet zu: „Hier liegt ein Prachtstück, Baby! Greif zu!“
Ach so.
Damit wäre die Zielgruppe der „Cosmopolitan“ ziemlich klar definiert: Flittchen zwar, aber doch zumindest solche, die auch mal neue Filme ansehen und wahrscheinlich just in diesem Moment ihren Partner (oder jeden von ihnen) ausführlich über die Geschehnisse in dem kürzlich verfilmten Weichspül-Fickroman „50 Shades of Grey“ in Kenntnis setzen; Frauen von Welt also, blöderweise von einer anderen.
Wie ein Mann sich anlässlich eines Rendezvous‘ zu verhalten habe, erklärt die Website der „Cosmopolitan“ – was aber müsse man als eine solche Frau tun, um mehr Spaß und „bessere“ Typen – besser als wer oder was? – beim Flirten zu erzielen? Nun, folgende neue Tipps befolgen:
Regel 1: Das Beuteschema erweitern
Bessere Typen lassen sich finden, indem man weniger wählerisch ist; mach‘ Sachen. Ein solcher Traummann aus dem erweiterten Beuteschema sei, so die immer gleiche Julia Rotherbl, c/o „Cosmopolitan“, einer, der „irgendwann vielleicht sogar bereit dazu [sei], den Nachwuchs zu hüten, während Mama ins Büro geht“ – einer ohne eigene Karriere also, auf den „starke Single-Ladys“ (ebd.) ein wenig mitleidig hinabblicken können. Emanzipation am Arsch, aber der Siegeszug der softies (also Weichbirnen) ist nicht aufzuhalten. „77% der Frauen sagen: Meist entscheide ich, ob aus einem Date mehr wird“, die anderen 23 Prozent werden bestimmt von denen bevormundet, die Fluchtlinien auf ihre Hosen zeichnen.
So einen softie jedenfalls hat wohl jede Frau aus dem „Cosmopolitan“-Publikum sowieso im Freundeskreis, daher:
Regel 2: Den eigenen Freundeskreis scannen
Dass das in Kombination mit einem Hang zu wechselnden Intimpartnerschaften möglicherweise den Freundeskreis zerreibt und ausdünnt, sei gnädig verschwiegen. „Je länger man Single ist, desto wichtiger und größer wird der Freundes- und Bekanntenkreis“ (Regel 10); es wäre doch wirklich schade um all die mögliche Beute.
Wenn die „selbstbewusste Single-Lady“ ihren Leumund beim Befolgen dieser Regel erst einmal zur Genüge gemindert hat, eilen die so genannten „neuen Medien“ gern zu Hilfe:
Regel 3: Selbstbewusst surfen
Nämlich: „auf Dating-Webseiten nach einer neuen Liebe suchen“, und zwar „tough“ (J. Rotherbl), denn sonst mache man sich als Frau nur selbst klein, während man für weniger einsam gehalten werde, wenn man sich auf dem virtuellen Fleischmarkt energisch selbst anzupreisen wisse. Selbstbewusstsein, dies sei „Cosmopolitan“-Leserinnen kurz erklärt, beinhaltet im Übrigen auch, zu seinen Schwächen (Scham, „Cosmopolitan“-Abonnement oder noch schlimmer) zu stehen und vermeintlich schlechte Eigenschaften zu akzeptieren, statt sie zu überschminken. Aber wem sag‘ ich das?
Frauen natürlich, denen man auch so etwas erklären muss:
Regel 4: Nicht auf ein Date warten
Die Zeit, so die Argumentation, die man damit verbringe, auf „den Einen“ zu warten, könne man stattdessen auch nutzen, um im Alltag „tausende andere Möglichkeiten, neue Bekanntschaften zu knüpfen“, wahrzunehmen. Dass „der Eine“ dann früher oder später keine Lust mehr hat, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit abserviert zu werden, wird dabei implizit geduldet. Soll er sich halt ein bisschen beeilen, der Arsch.
Denn:
Regel 5: Sich auf keinen Fall klein machen
Den Anderen hingegen schon, wenn Zuwiderhandlung der Erfüllung der Regeln im Weg steht. „Starke Single-Ladys“ wollen starke Ladys bleiben und sich vielleicht zur LP weiterentwickeln. Aber auf keinen Fall zur Sonderpressung:
Regel 6: Leicht zu kriegen sein
Regel 7: Beim ersten Date Sex haben
Klar: Je schneller eine Frau zur Sache kommt, je offensiver sie baggert, desto lieber greift der typische „Cosmopolitan“-Leserinnen-Zielmann zu. „Null(!) Prozent der deutschen Single-Männer stehen darauf, wenn ihnen die Flirtpartnerin die kalte Schulter zeigt“, und „wie frustrierend wäre es denn, nach drei Monaten Dating festzustellen, dass man im Bett nicht harmoniert?“. Allerdings finden auch „null(!)“ Prozent der mir bekannten Singlemänner eine Frau, die leicht „zu kriegen“ in beiderlei Sinne ist, dauerhaft interessant, aber die lesen auch keine „Cosmopolitan“, sondern Blogs und politische Magazine.
Es muss wiederum ja auch nicht von Dauer sein:
Regel 8: So bald wie möglich streiten
Dabei gehe es darum, herauszufinden, ob die (zweifelsfrei) beiden Dickköpfe, die mit den „neuen Flirt-Tipps“ zueinander gefunden haben, einander auch im Falle unterschiedlicher Ansichten zu einem Thema (zum Beispiel der Qualität der „Cosmopolitan“) noch zu dulden imstande sind. Nur zur Sicherheit gibt „Cosmopolitan“ den eher schüchternen ihrer Leserinnen noch einen Rat, der die Umsetzung dieser Regel erleichtern soll:
Regel 9: Keine Kompromisse eingehen
Regel 12: Die biologische Uhr abstellen
Dabei gehe es darum, sich bei der Partnerwahl nicht mit jemandem abzufinden, bei dem das „Knistern“ (J. Rotherbl) ausbleibe. Der Traummann müsse es sein! Zwar ist dies vielleicht einer der häufigsten Gründe, dass die typische „starke Single-Lady“ eben ein Single ist, aber wer aufgibt, hat schon verloren.
Es eile ja auch nicht, die quasi sprichwörtliche „Torschlusspanik“ sei „kein guter Ratgeber“. Lieber bis ins hohe Alter allein bleiben als mit jemandem zusammen zu sein, der nicht „richtig gut“ (zum Beispiel Omar Sy, „Cosmopolitan“, gleiches Heft) ist, scheint das Credo zu lauten, das die „Cosmopolitan“ hier ausgibt. George Clooney („scharfer Schauspieler“, britische Website der „Cosmopolitan“, 2008) sieht ja auch in vergleichsweise hohem Alter noch aus wie jemand, den man als „Cosmopolitan“-Leserin gern vom Fleck weg heiraten würde – warum dann nicht auch die Leserin selbst?
Unsicher? Da hilft nur eins:
Regel 10: Nur auf den Bauch hören
Der Bauch sei der einzige Außenstehende, dessen Einschätzung des potenziellen neuen Partners zählen solle, Meinungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis (ihr erinnert euch: das sind diejenigen Personen, mit denen man vorher allerlei, ähem, Bekanntschaften geknüpft hat) hingegen nicht. Der Bauch als zuverlässiger Beziehungsratgeber ist natürlich nur eine Metapher: „Schließlich müssen nur Sie sich in ihn verlieben“. Allzu viel Zeit bleibt der „starken Single-Lady“ sowieso nicht für den Austausch:
Regel 11: Dating als Fulltime-Job betrachten
Trotz eher mauer Bezahlung: „Was würden Sie denken, wenn Sie Ihrer Affäre morgens um acht eine WhatsApp-Nachricht schicken und den ganzen Tag über nichts von ihm hören?“, da ist ja die Frage schon falsch, denn es geht bei den „Dating-Regeln“ ja letztlich um’s Verlieben, wofür zumeist anderes Verhalten bedeutsam ist als bei einer Affäre, die sich von einer Beziehung ja auch in ihrer Innigkeit zu unterscheiden pflegt, aber so wichtig ist das vielleicht auch nicht; die Regel lautet jedenfalls zusammengefasst, dass man als Teil der Zielgruppe rund um die Uhr erreichbar sein sollte, falls einer der zu Fick- und/oder Romantikzwecken anvisierten Herren trotz der anstrengend künsatlichen Persönlichkeit der jeweiligen „Lady“ auf ihre Nachrichten antworten. Die will man ja nicht warten lassen.
Plural? Aber natürlich!
Regel 13: Nicht nur auf einen Typen setzen
„Multi-Dating ist mittlerweile ganz normal, ja fast schon Trend“, und wer will schon aus der Mode kommen?
Früher ist man ja einfach in eine Bar gegangen.
Neues vom automatischen Zeitalter
Die Automatisierung unseres täglichen Lebens schreitet unaufhörlich voran: Twitter-Bot setzt aus zufälligen Wörtern eine Morddrohung gegenüber einem anderen Twitter-Bot zusammen, Betreiber wird verhört.
Da ein Skript, das zufällige Sätze generiert, offensichtlich übereinstimmend für einen Menschen gehalten werden kann: Könnte man für die nächste Bundestagswahl nicht auch einfach ein Skript ins Rennen um die Kanzlerkandidatur schicken?
Auf die Neujahrsansprache freute ich mich dann schon jetzt.
(via @hakantee)
He, Matthias Heine (Feuilleton, „WELT“)!
Es ist ja löblich, dass Sie sich gegen eine Verharmlosung des Nationalsozialismus‘ auch im Ausland engagieren und klar das Übel benennen, das sich hinterrücks anschleicht, wenn man mit dem Vorwurf des Grammatiknazitums allzu sorglos um sich wirft.
Aber wie genau wehrt man sich eigentlich gegen Sie?
Nachtrag, auch mal schön trotz anderem Thema: Logo: Steht nicht drauf, dass etwas passieren kann, dann lasse ich etwas passieren, klage und schiebe Doofheit vor. Es gibt diesen Schlag Menschen.
Acid Mothers Temple & The Melting Paraiso U.F.O. (live)
Es ist Montag, es ist Krieg oder auch nicht: „Merkel will Obama die deutsch-französische Friedensinitiative erklären“, was ja beim Thema Bürgerrechte schon regelmäßig scheitert, aber man will ja nicht das Freihandelsabkommen auf’s Spiel setzen, der Juniorpartner der USA wahrt seinen Stand. Anderswo schwätzt Nils Minkmar für die „FAZ“ etwas über „Putinversteher“ ins Internet. In dieser schönen klaren diplomatischen Welt ist zumindest sicher, wer über jeden Zweifel erhaben ist. Sorgen um Griechenland und die Ukraine trüben den Markt, +++ EIL +++ PANIK +++, also müssen Griechenland und die Ukraine schnellstmöglich befriedet werden. Schicken wir doch Waffen und/oder Soldaten hin, vielleicht haben die Kinder dort dann wieder mehr zu essen.
Andererseits: Was ist schon von Medien zu erwarten, die einen Artikel über den rotbäckigen Belgier mit dem Mordswumms für Journalismus halten? Der Tempel der Wirtschaft ist eine Festung.
Dieser hier übrigens auch:
Guten Morgen.
„Das machen wir morgen gleich nochmal, ja, Schatz?“
In der so genannten deutschen „Amateurpornoszene“ hat, wie mir zugetragen wurde, vor einigen Jahren eine junge Frau unter dem Spitznamen „Merry4Fun“ eine gewisse Bekanntheit erlangt.
Meine bisherigen Versuche, diesen Spitznamen zu deuten, versandeten allesamt. „Fröhlich für Spaß“? Auf einer merkwürdigen Website nicht sonderlich seriöser Gestaltung entdeckte ich überdies „merry“ als alternative Schreibweise für „marry“, also Heiraten. „Heiraten zum Spaß“? Das klingt doch, so schien’s mir, noch absurder als der Versuch der wörtlichen Übersetzung.
Am Zeitschriftenregal meines Vertrauens fügte sich indes heute alles wie von selbst zusammen.
Manche Leute haben ulkige Hobbys.
Richtig profitwittern mit #TwitterAds
Da schau‘ her, eine E‑Mail, hochoffiziös von Twitter themselves. So etwas sieht man nicht alle Tage. Das sind sicher sehr, sehr wichtige …
Ähm, hm, naja, dann ist vielleicht die Browserversion weniger bescheuert.
Was wollen sie denn von mir? Ach so, natürlich – was verkaufen:
Hurra!
Aber was bringt mir das?
Mit Twitter Ads hast Du folgende Möglichkeiten:
- Die Zahl der Follower, Leads, Interaktionen oder Website-Klicks zu erhöhen
Prima: Nie wieder was Gutes selbst schreiben, einfach was abonnieren und schon hat man sehr viele passive, quasi automatisierte Leser. Wie einladend!
Deine Mitteilungen zielgenau abzustimmen
Hä?
Größere Zielgruppen zu erreichen
Prima: Nie wieder … ihr wisst schon.
Klingt spannend? Um Dich beim Start zu unterstützen, laden wir Dich zu unserem Launch-Webinar „Einführung in Twitter Ads“ ein.
Das ist aber nett! Vielleicht lerne ich dort, worum es eigentlich geht. Nämlich um dies:
In diesem Webinar werden wir erklären, wie Twitter Ads funktionieren und werden auf folgende Punkte eingehen:
- Werbeformate auf Twitter
- Targeting-Optionen
- Erfolg messen
Denn wer ernsthaft dachte, so ein Mikroblogsystem wie Twitter diene dem Zweck, anderen Leuten nicht auf den Zeiger zu gehen, sondern Dinge aus dem Leben hineinzupusten, der lag so was von daneben. Wie konnte ich so blöd sein und ganz ohne Werbeeinnahmen in jeweils höchstens 140 Zeichen über Politik und blöde Witze zu quatschen? Eine schier unverzeihliche Dummheit.
Allerdings von denen.
Bent Knee – Way Too Long
Und wieder einmal ein Montag, ein viel zu wacher obendrein. Das Schneetreiben ging mit dem Januar vorüber, geblieben ist ein wenig Schlaf im Auge, und noch während man das schreibt, bemerkt man, wie sehr „Schlaf im Auge“ eigentlich nach „da steht noch Trinken auf dem Schrank“ klingt, und findet das plötzlich gar nicht mehr so treffend. Und nun?
Ein neuer Montag. Ein neuer Ohrwurm.
Wheeeee.
Guten Morgen.
Medienkritik extern: Linkspopulismus auf Griechisch
Dass ich noch mal unironisch die „taz“ verlinken würde, hätte ich mir selbst bis eben nicht geglaubt, aber was ihr Autor Robert Misik zum Umgang der deutschen Medien mit der neuen griechischen Regierung zu sagen hat, ist’s dann doch mal wert:
Womöglich ist ja die Eigenart und das Problem der zeitgenössischen Linken, dass sie die Mentalität von Besiegten hat. (…) Lustig finde ich ja, dass Syriza-Chef Alexis Tsipras mit dem Label „linkspopulistisch“ belegt wird, weil er nicht den Habitus fader technokratischer Vernunft ausstrahlt, der in den kontinentalen linksliberalen Regierungsmilieus vorherrschend geworden ist. Als wäre das ein Defizit!
Die Kreditverträge mit der EU und dem IWF für nichtig erklären, den Beamtenapparat wieder aufblähen, fröhliches Leben auf Pump, alles wieder wie früher, das ist Tspipras‘ Botschaft.
Beziehungsweise (abermals „taz“):
Man muss ja nicht gleich von Meinungsmache oder gar Lügenpresse reden, aber ganz offensichtlich gibt es hier einen Konformitätsdruck, einen Magnetismus hin zu einem Mainstream, der Pluralismus grosso modo nur mehr im engen Rahmen des vom hegemonialen Merkel-Austeritätskurs Erlaubten zulässt.
Man selbst hat eben immer am rechtesten.
Einfalt und Vielfalt (2): Das Phantom / der Opera
Gelegentlich beklagte ich bereits hier und anderswo die fehlende Diversität auf dem hart umkämpften Browsermarkt. Während sich Firefox, Chromium/Chrome und Internet Explorer optisch und funktional – was bedeutet, dass Firefox immer weniger kann – einander immer weiter angleichen, stechen nur noch wenige Sonderlinge wie SeaMonkey und uzbl aus der Masse optisch wie technisch heraus; wobei das ja auch schon wieder nicht stimmt, denn uzbl basiert wie viele andere Browser auf der WebKit-Rendering-Engine. Der immer gleiche Wein in immer neuen Gläsern. Irgendwann schmeckt’s fad.
Den letzten einigermaßen bekannten anderen Browser Opera hat ebenfalls WebKit dahingerafft, siehe zum Beispiel hier und hier und hier und hier und hier. Zu aufwändig sei es gewesen, mit den Entwicklungen Schritt zu halten, und für ein Nischenprodukt sei man nicht mehr bereit, verkündete man aus dem Hause Opera Software. Die Masse macht’s.
Mit dem bedrückenden Ergebnis, dass die Bewohner der Nische, die Opera bis einschließlich der Version 12 besetzte, gegen ihren neuen Glücklichmacher revoltieren und plötzlich von so großer Zahl sind, dass es für immer neue Browser reicht. Das schäbige Geschäftsmodell „Wir bauen, weil wir so unfassbar kreativ sind, Opera 12 auf Chromium-Basis nach“ wirft rege Triebe.
Der Otter Browser, ein freier Opera-12-Nachbau, der irgendwann auch E‑Mail und andere Browserengines als WebKit unterstützen können soll, hatte dabei gute Chancen, trotz der Konkurrenz durch Fifth (u.a.) dauerhaft zu bestehen. Immerhin steckte der Entwickler viele Ressourcen in die stetige Weiterentwicklung.
Bis Dienstag, denn Dienstag geschah dies:
Vivaldi Technologies AS hat gerade den Browser Vivaldi herausgebracht.
Vivaldi Technologies wurde von Jón von Tetzchner gegründet, nachdem er Opera ASA Norwegen verließ. (…) Jón von Tetzchner hatte angekündigt einen eigenen Browser herauszubringen, der ein vollwertiger Ersatz für den von Opera ASA vernachlässigten und vor über einem Jahr in der Entwicklung aufgegebenen Browser Opera 12 sein sollte.
Bei Vivaldi Technologies handelt es sich – wie bei Opera Software ASA – bereits jetzt um ein gewinnorientiertes Unternehmen mit einigen wohl bezahlten Mitarbeitern, der Browser ist zumindest nicht – wie Otter – ein Hobbyprojekt von Bastlern, sondern soll vermutlich früher oder später auch kommerziell vermarktet werden.
Die erste öffentliche Vorabversion zeigt neben dem gewohnten Trend zur Verflachung bereits einige Funktionen, die man am alten Opera, wie es heißt, durchaus zu schätzen wusste, darunter die mehrteilige Seitenleiste („Panel“, leider nicht mehr so schön wie damals als „Paneele“ übersetzt). Es lasse sich täuschen, wer will: Auch Vivaldi basiert auf Blink, der Opera-/Chrome-Version von WebKit. Ein weiteres Glas für die abgestandene Flasche. Natürlich wird’s trotzdem gefeiert, denn, hui, ein neuer WebKit-Browser, der aussieht wie ein alter Nicht-WebKit-Browser, das gibt es nicht so oft. Auch diese Inkarnation der Opera-Idee kommt ohne sinnvollen Werbefilter oder Lesezeichenleiste daher, aber der Trend geht zur Verknappung von Grundfunktionen. (Dass man unter Android meist nicht mal mehr eine Option zum Abschalten von JavaScript auf Websites findet, spiegelt diesen erschreckenden Trend sehr eindrucksvoll wider. – Allerdings ist Vivaldi momentan noch sehr desktopfokussiert.)
Ich habe Opern ja noch nie gemocht.
Facebook / YouTube / Blogs
Was wir auch noch gelernt haben: Britische Breitbandnutzer haben ihr Netz lieber ungefiltert. Doch, echt! Die können sich das allerdings auch aussuchen und bleiben nicht wie diejenigen Deutschen, die die Nutzung von Proxys aus verschiedenen Gründen nicht bevorzugen, automatisch außen vor, weil zum Beispiel die GEMA Medien wegfiltert. Dass die eigentliche Absurdität daran ist, dass ausgerechnet die Deutschen die Feier zur Befreiung Auschwitzs nicht am heimischen Bildschirm mitverfolgen dürfen, ziehe ich im Übrigen in Zweifel; immerhin verzichtete man sogar darauf, die Befreier selbst einzuladen.
Apropos YouTube: „Schönen Account haben Sie da. Wäre doch schade, wenn dem was passiert.“ Damit geht YouTube vielleicht noch nicht so weit wie SPIEGEL ONLINE, die Urhebern deren eigene Werke teuer vermieten würden, aber wer weiß, welch‘ absurde Blüten Googles Drang nach Monetarisierung noch treiben wird.
Während die Deutschen doch sowieso schon genug Probleme haben: Gestern Vormittag war Facebook vorübergehend nicht erreichbar.
Viele sind vielleicht auf schnelllebige Chats umgestiegen. Twitter führt nun Gruppenchats ein. 140 Zeichen für nichts zu sagen. Gestammel, das nicht von Dauer ist und sich von schrecklichen „Vlogs“ („Video-Weblogs“) wie – hihi – Signifi-Cunt (mindestens eine der beiden Protagonösen war hier gelegentlich Thema) nur in der Art der Darreichung und Nervigkeit unterscheidet. Wer wirklich etwas zu sagen hat, der schreibe ins Internet hinein. Ein gutes Blog besteht auch, wenn es niemand liest. Schreiben als Spiegel zur Seele. Schreiben als vertieftes Selbstgespräch, nicht begleitet von Gefälltmirs und Retweets, im Dialog mit sich selbst. Schreiben als Gesprächstherapie zum Tiefstpreis. Nur wo? Auf Facebook lieber nicht, da verschwindet es im Glückskeksstrudel. Medium.com war noch 2014 eine beliebte Alternative. Pustekuchen: Eure Texte gehören dann denen. Dem Mitmenschen Essensblogger – schönes Zitat auch: nur weil irgendwo Werbung möglich ist, gibt es keinen Grund, sie dort auch unbedingt zu platzieren – mag’s egal sein, er schreibt ja aus Freude am Genuss und hat sonst keine anderen Hobbys, aber intimste Gedanken, notdürftig eingehüllt in wattige Wortwolken zum Schutz des Ichs, gehören nicht in die Hände böser Schokoladenonkel und damit eigentlich auch nicht ins Internet, aber es filtert, es reinigt, es befreit. Raus mit dem Gedankenkraut, her mit neuem, immer neuem.
Solang’s nur die Miete im Oberstübchen bezahlt.
Madonna – Vogue
Möglicherweise will Google Twitter kaufen. Das eigene Netz Google+ entwickelt sich ja nur schleppend, und nach all den Google Waves und Google Buzzs wäre ein Produkt, das auch mal irgendwer haben möchte, möglicherweise wieder ein interessanter Teil des Portfolios, denn Twitter, das seit seiner Gründung kein brauchbares Geschäftsmodell außer „wir machen unseren Dienst immer werbelastiger“ auf die Beine gestellt hat, ist für den weltweit größten Werbungsanbieter nur ein konsequenter Kauf. Ins Internet hineinzuschreiben ist eine Passion. Je unattraktiver fremde Plattformen werden, desto wichtiger wird das eigene digitale Heim. Daran sind schon andere Dienste grandios gescheitert.
Apropos Google: WikiLeaks findet, Google gibt zu viele Daten weiter. Was eigentlich amüsant ist, schließlich ist das Problem, das manche Menschen mit WikiLeaks haben, ja, dass man dort zu viele Daten weitergibt. – Warum man sich auf Google Mail verlässt, ist im Jahr 2 nach Snowden dann sowieso noch so eine Frage. Andererseits ist er halt im Trend, der Google-Firlefanz.
En vogue.
Guten Morgen.
Friedensterroristen
Im Februar 2013 schrieb ich über die schlimmen „Grünen“:
Die ehemalige Friedenspartei findet Kampfeinsätze unter bestimmten Bedingungen also ziemlich in Ordnung, wenn sie nur nicht allzu lange dauern oder wenigstens vom Gewaltmonopolisten UNO angeordnet werden. Dessen Befehlsgewalt ist selbstverständlich bindend.
Weshalb sich auch auf den „Friedenswinter“-Demonstrationen zugunsten eines unmilitärischen Miteinanders mit Russland allenfalls vereinzelte Grüne mit Flagge sehen lassen, die wohl das Memo nicht gelesen haben. Wer Frieden will, ist verdächtig; beziehungsweise:
Die nachhaltige Diffamierung der neuen Friedensbewegung ist gelungen. Das ist ein großer Sieg jener Kräfte, die militärische Interventionen und die sogenannte militärische Lösung von Konflikten hoffähig machen wollen.
(Unbedingt dort weiterlesen und Spucktüten bereithalten.)
Was haben wir nur falsch gemacht?
Malbücher für E‑Book-Reader. Das neue große Ding.
Apropos: Wo bleibt eigentlich die Revolution?
Deutschland, deine Allegorien! (6)
King Crimson – The Great Deceiver
Montag. Die Welt ist defekt. Garniert mit ein wenig Panik lässt sich mancher Irrsinn durchsetzen:
Die Polizeidirektion Dresden hat für Montag alle öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel verboten. (…) Andere Maßnahmen als ein Versammlungsverbot seien ungeeignet, um die Sicherheit in Dresden am Montag zu gewährleisten.
Mit Verboten lassen sich gesellschaftliche Probleme bekanntlich effizient lösen; würde jemand Stehlen und Morden verbieten, so wäre dieses Land von manchem Übel befreit. – Der letzte Staat, der im Raum Dresden ein Demonstrationsverbot erlassen hatte, existiert übrigens nicht mehr. Könnte man da nicht vielleicht …?
Mit Musik klappt es manchmal besser.
Guten Morgen.



















