Archiv für Mai 2011

In den NachrichtenWirtschaft
Schlimme Folgen

Oh, stimmt, in Griechenland war ja auch was, das wurde vor lauter Portugal beinahe vergessen. Aber die BILD kann noch so sehr herumtönen, direkt „pleite“ sind die Griechen ja anscheinend nicht:

Er warnt vor schlimmen Folgen: Der griechische Finanzminister Papaconstantinou rechnet mit einer Katastrophe für die Wirtschaft seines Landes, sollte Griechenland keine weiteren Kredite mehr bekommen. Deutschland hatte dem Staat mit einem Zahlungsstopp gedroht. (…) Die Folge wäre ein „sehr heftiges und schnelles Schrumpfen“ der griechischen Wirtschaft, (…).

Jetzt mal langsam zum Mitdenken für mich in Sachen Wirtschaft eher unbeleckten Zeitgenossen:
Die griechische Wirtschaft wird „schrumpfen“ wie der Bedarf an Eulen in Athen, wenn die anderen Länder ihre Zahlungen einstellen, zu denen sie sich nur deshalb überhaupt entschlossen haben, weil die griechische Wirtschaft schrumpfte?

Die „schlimmen Folgen“ sind absehbar: Aufgrund der dann wiederum gesunkenen Kaufkraft des Staates Griechenland wird er die übrigen Mitgliedsstaaten der „Währungsunion“ – mit Dackelblick, versteht sich – um einen kleinen Kredit („Nothilfe“) bitten, natürlich nur, bis sich die Wirtschaft wieder erholt hat …:

Inzwischen mehren sich Spekulationen, dass Griechenland trotzdem ab 2012 weitere Kredite benötigen könnte. Eine zweite Nothilfe über rund 60 Milliarden Euro könnte nötig sein.

Schon toll, so eine Währungsunion.

Musik
Gentle Giant 1978: Nachtrag zur Inselmusik

Der Name „Gentle Giant“ fiel hier schon des Öfteren, zuletzt in meinem Beitrag über „Inselmusik“. Dabei erwähnte ich unter anderem auch bereits, dass diese Musiker gegen Ende ihrer Karriere beschlossen hatten, sich mehr an der damals verbreiteten Rockmusik als an der für angestaubt gehaltenen „Barock’n’Roll“-Musik, wie es ein italienischer Fernsehsender wenige Jahre zuvor nannte, zu orientieren. Entsprechend waren ihre Liveauftritte zwar energetischer (womöglich hektischer), darunter aber litt das Zusammenspiel in komplexen Passagen, immerhin waren Gentle Giant dafür bekannt, mit einem großen Arsenal an Musikinstrumenten die Bühne zu betreten und diese (die Instrumente, nicht die Bühne) oft mehrfach pro Lied zu wechseln.

Dessen ungeachtet enthält das BBC-Konzert von 1978 vermutlich eine der besten Liveversionen des Stückes „Free Hand“ vom gleichnamigen Album:

Gentle Giant BBC 1978 – Free Hand

Schön, einen Montag so beginnen lassen zu können.
Ich wünsche gute Unterhaltung.

FotografiePersönliches
Mief (außerdem: Crappy chips)

Und als ich also im Rahmen ernsthafter Vereinsarbeit den alljährlichen Flohmarkt mit sich örtlich anschließender Automobilausstellung aufsuchte und dabei unter anderem einem Hund mit lackierten Fußnägeln begegnete, fragte ich mich zweierlei:

  • Ist „i-Miev“ nicht ein denkbar blöder Name für ein doch vorgeblich schadstoffarmes Automobil? (Vgl. hierzu den – lustiger Zufall – Mitsubishi Pajero.)

  • Woraus genau bestehen eigentlich Krappenchips?

(Wenigstens teilweise richtig hat es ja da der Unbekannte gemacht, der im lokalen Supermarkt den anstehenden Verkauf eines Mikrofons, „wo man mit singen kann“, annoncierte, gemacht. Leider war ich in Eile, ich hätte nämlich wirklich sehr gern von dem Angebot Gebrauch gemacht, denn ich kann angeblich nicht sonderlich gut singen. Und danach kaufe ich mir ein Tampon, denn damit kann ich reiten und schwimmen und Rad fahren, sagt die Werbung.)

(Danke an D.!)

In den Nachrichten
Kurz verlinkt XLVII: Die SPD und andere Gurken

Gurken I:

Welt.de zum Ersten:

EHEC soll gefährlicher sein als die Schweinegrippe.

Heißt das, diesmal ist es echt gefährlich?


Gurken II:

Welt.de zum Zweiten:

Erstmals seit 1906 hat die SPD wieder weniger als 500.000 Mitglieder. Parteichef Sigmar Gabriel räumt ein, die Partei sei „nicht mehr so nah an den Menschen“.

Nicht mehr „so nah“ an den Menschen. Gut gesagt.


Gurken III:

Wer jetzt nach dem Zitat oben versehentlich glaubte, Sigmar Gabriel sei nach Jahren mal wieder ein SPD-Vorsitzender, der verstanden hat, warum die SPD niemand mehr braucht, der hat sich geirrt.

SPIEGEL Online nämlich:

Laut Parteichef Gabriel liegt der Mitgliederschwund nicht an den Inhalten, sondern am demografischen Wandel. (…) Es gebe (…) weit mehr Todesfälle als Neueintritte.

Und so ein demografischer Wandel, der weniger Neueintritte mit sich bringt, vollzieht sich bekanntlich von allein und hat natürlich nichts mit irgendwelchen Inhalten zu tun. :mrgreen:

Nerdkrams
Internet Explorer 9: Kann man machen.

(Vorbemerkung: Ich benutze seit Jahren beinahe ausschließlich Mozilla Firefox und sehe keinen triftigen Grund zum Umstieg.)

Im Dezember 2006 schrieb ich über den Internet Explorer 7, er sei, zumindest gemessen an seinen direkten Vorgängern, „eine sehr brauchbare Erfindung“.

Inzwischen hat Microsoft, wie üblich mehrere Jahre zu spät, dann wohl doch noch mitbekommen, dass sich das Internet nur selten danach richtet, was ein einziger Konzern gern hätte, und mit dem Internet Explorer 9 eine noch brauchbarere Erfindung vorgelegt; anders gesagt: Der Internet Explorer 9 ist seit dem Ende des „Browserkriegs“ der erste Internet Explorer, den ich als zumindest zum Teil konkurrenzfähig ansehen würde.

(Zur Orientierung etwas Statistik: Etwa ein Fünftel der Besucher hier ist mit dem Internet Explorer oder einem darauf basierenden Browser, etwa Maxthon, unterwegs.)

Die übliche Häme von Bloggern wie Caschy war eigentlich abzusehen, letztendlich dürfte es ohnehin unmöglich sein, einen Browser zu nutzen, gegen den niemand etwas einzuwenden hat, weniger egal sind allerdings Kommentare wie dieser hier von „Sputnik4182“:

Ich werde IE sowieso nicht nutzen auch wenn die morgen Version 25 rausbringen.

Ich persönlich finde als Webmaster-Amateur schon allein ein unding, das Brwoser (welche auch immer) sich nicht an die Vorgaben der jeweiliegen Konsortien halten müssen.

(…)

Das ist doch aales Quatsch, das man als Webdesigner 50 verschiedene Cracks in die programmierung einbauen soll, das die Website später auch wirklich unter Windows 3.11 im IE 1 richtig dargestellt wird.

Der Anonymus hat sich den Browser anscheinend nie angesehen, was er auch selbst freimütig zugibt, lässt es sich aber nicht nehmen, noch ein wenig seiner prinzipiellen Abneigung gegen den Internet Explorer im Allgemeinen wortreich Ausdruck zu verleihen.

Ja, wir webworker hatten während der vergangenen Jahre viel Freude daran, unsere Webseiten so zu basteln, dass sie auf dem Bildschirm möglichst weniger Leute schrecklich falsch angezeigt wird. Das liegt natürlich auch an der Verbreitung des Internet Explorer 6, der blöderweise unter anderem in Behörden noch immer nur selten ausgewechselt wird, aber welcher Browser hat es je anders gemacht?

Schon der Netscape Communicator (Jüngere können sich ihn als eine Art Uralt-SeaMonkey vorstellen) hatte ein paar Eigenentwicklungen an Bord, etwa frame und das in den 90-er Jahren leider recht beliebte blink. Die Zeiten sind vorbei, sagt ihr, weil HTML5 ohnehin alles standardisiert? Dann wünsche ich viel Spaß beim Versuch, zum Beispiel eingebundene Videos in allen „großen“ Browsern gleichermaßen anzuzeigen, denn das wird scheitern; unter anderem deshalb, weil Google – übrigens auch so ein Konzern, der im Internet lieber die eigenen Standards statt der nervigen W3C-Vorgaben nutzen würde – nebenbei noch ein eigenes Videoformat (VP8, im Wesentlichen eine defekte Alternative zum ebenfalls freien Ogg Theora) zu etablieren versucht.

Was ansonsten HTML5, ECMAScript, CSS3 und ähnliche etablierte Standards betrifft, so hat der Internet Explorer 9 deutlich aufgeholt: Das Ergebnis des viel zitierten (und traditionell praxisfernen) Acid3-Tests liegt mit 95 von 100 Punkten nur wenig unter dem Firefox 4 (97 von 100 Punkten) und dürfte somit die Browser voriger Generationen deutlich übertreffen.

Natürlich befreit all das nicht von der Last, für ältere, noch verbreitete Browser, insbesondere eben für den Internet Explorer 6/7, hier und da „Browserweichen“ einzubauen, sofern man Wert darauf legt, dass auch Benutzer dieser Browser nicht vor einer irgendwie kaputt aussehenden Seite stehen und sich wundern. Daraus aber Vorwürfe an die Entwickler des Internet Explorer 9 abzuleiten ist fehlplatziert, denn dieses eine Mal scheinen sie die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Sogar die Verzahnung mit Windows und insbesondere der „Superbar“, also dem Taskleistenersatz in Windows 7, bekommt endlich einen praktischen Nutzen, indem beliebige Webanwendungen wie normale Programme „angeheftet“ werden können. (Ein ähnliches Konzept unterstützen Chromium und Firefox in Form spezieller Tabs.)

Nein, der Internet Explorer 9 ist wirklich nicht übel. Es fehlen zwar auch weiterhin brauchbar konfigurierbare Werbe- und Skriptblockierfunktionen, aber auch Benutzer von Firefox und Chromium sind diesbezüglich auf gesonderte Erweiterungen oder externe Programme (lokal oder als Proxy) angewiesen; wobei ich persönlich letztere bevorzuge, da ich so nur eine einzige Liste für das ganze System pflegen muss. Der Ad Muncher etwa verrichtet anstandslos seinen Dienst auch im Internet Explorer.

Ich kann verstehen, dass Microsoft im vergangenen Jahrzehnt viele Fehler gemacht und so manche Leute – vielleicht vorschnell – zu Linux oder zu Mac OS X getrieben hat. Was ich aber nicht gutheißen kann, ist es, dass nun prinzipiell auf allem, was dieses Unternehmen veröffentlicht, herumgehackt wird.

Für mich als jemanden, der mit den Unzulänglichkeiten von Browserengines quasi täglich zu kämpfen hat, ist der Internet Explorer 9 zwar noch immer nicht der Browser der Wahl, aber er zeigt, dass man bei Microsoft endlich verstanden hat, warum dem Browser aus eigenem Haus immer weniger Menschen Beachtung schenken wollten. Ich schätze, es wird Zeit, dass ihm diese Beachtung wieder zuteil wird. Die weitere Entwicklung des Internet Explorers könnte wieder interessant werden.

Ich freue mich ein bisschen darauf.

FotografieIn den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt XLVI: Deutschland im Stresstest

Ach nee:

Angesichts der Fukushima-Katastrophe verlangt die Kanzlerin weltweite Stresstests für Atommeiler. (…) Sie dringe auf „höchste Standards“ bei den AKW-Stresstests, nicht nur in Deutschland und der EU.

Sicher ist sicher! Obwohl:

Ich möchte aus gegebenem Anlass nochmal daran erinnern, dass der Auslöser für die Tschernobyl-Katastrophe ein Stresstest war.

Aber Frau Merkel hat es auch nicht leicht, steht sie doch sozusagen ständig unter Beschuss:

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier attackierte den außenpolitischen Kurs Deutschlands massiv. „Aus einer respektierten Führungsnation in Europa sind wir in zwei Jahren an die Peripherie geraten“, sagte er in der Debatte zur Regierungserklärung. Nirgendwo seien bei der Koalition Konzepte oder Initiativen erkennbar. „Das ist Außenpolitik in Lethargie“, kritisierte der Oppositionsführer. „Die Welt erwartet mehr von uns.“

Ich finde, dass die SPD weitestgehend in der Bedeutungslosigkeit verschwunden und uns ein Kanzler Frank-Walter Steinmeier erspart geblieben ist, setzt bereits das richtige Zeichen in der Welt.

Und was erwartet so ein erfolgreicher Politiker von einem souveränen Deutschland? Genau:

Bemerkenswert sei auch, dass US-Präsident Barack Obama immer noch nicht den Weg zu einem Besuch in Berlin gefunden habe, während er längst in vielen anderen EU-Hauptstädten gewesen sei.

Die Ehre, dass der Präsident eines anderen Staatenbundes sich dazu herablässt, dem souveränen Deutschland, das sich dann natürlich dankbar zeigt, von seinem großen Bruder überhaupt beachtet zu werden, gnädig seine Aufwartung zu machen. :mrgreen:

Außenpolitische Lethargie ist manchmal doch nicht verkehrt; und überhaupt sollten mehr Staaten wie die Schweiz sein, denn die Schweiz hat weder einen Besuch von Herrn Obama noch von Herrn Steinmeier zu befürchten.
Es muss wunderbar sein, dort zu leben.

Spaß mit Spam
Ausgewählt!

Anscheinend findet gerade abgesehen vom Towel Day die „Woche der saublöden Spam“ statt.
Der Absender des folgenden Schreibens, das ich gerade zufällig entdeckte und wohl als Ersatz für einen dieser „Newsletter“ erhielt, für die ich mich irgendwann aus Langeweile mal angemeldet hatte, würdigt diese Zeit mehr als nur angemessen:

wir gratulieren Ihnen recht herzlich.

Aber nur recht herzlich, nicht so richtig dolle herzlich. Wozu eigentlich?
Ach, ich sollte erst weiterlesen:

Nach spezieller Auswahl wurde Ihre eMail Adresse … exklusiv ausgewählt und Sie haben es GESCHAFFT – SIE sind dabei!

Also fand zuerst die spezielle Auswahl und dann die Auswahl meiner E-Mail-Adresse statt? Das klingt aber unpraktisch, den Prozess kann man doch sicher optimieren.

Ansonsten: Juhu, ich habe es geschafft! Ich wurde erfolgreich ausgewählt!

Sie wurden für das Ausgewaehlter-Gewinner Gewinnspiel qualifiziert

Ein… nun… nahe liegender Name.
Und was bin ich nun, da ich qualifiziert wurde?

und sind damit unter den Auserwählten

… nee, oder?

ROFL

für die Endauslosung von einem brandneuen MacBook Air.

Das MacBook Air lost aus, oder wie? Und „Endauslosung“ klingt für mich dann doch schon irgendwie ein bisschen nach „Endlösung“; und wann fand eigentlich die Anfangsauslosung statt? Mich hat niemand auch nur gefragt, ob ich so ein Apfelding überhaupt haben möchte.

Nehmen Sie jetzt am Gewinnspiel teil und klicken Sie hier: …

Wie – beides?
Und dürfen da eigentlich auch die Leute draufklicken, die nicht ausgewählt wurden, oder bekommen die dort nur eine obszöne Geste zu sehen?

Denken Sie daran, Sie sind einer der wenigen die ausgewählt wurden, daher sind Ihre Gewinnchancen besonders hoch.

Ich denke an nichts anderes. :mrgreen:
Warum wählt ihr überhaupt erst mehrere Leute aus und nicht gleich den einen Gewinner? Das würde eine Menge Arbeit und Geld sparen, das ihr dann in noch mehr Gewinne investieren könntet!

Anmeldemöglichkeit für ausgewählte Gewinner nur möglich bis 31.05.2011 23:59 Uhr

Und wenn man dann irgendwann vom Auserwählten zum Gewinner aufgestiegen ist, muss man sich bei euch auch noch anmelden, sonst …

Nicht angemeldete Gewinne werden neu verlost.

… hat man sich die ganze Mühe des Ausgewähltwerdens völlig umsonst gemacht?
Mit dem Konzept werdet ihr wohl eher nicht viel Erfolg haben. Ihr solltet es womöglich überdenken.

Ich hoffe, diesem Text könnt ihr die entsprechenden Anregungen entnehmen. Bei der Umgestaltung wünsche ich:

Viel Erfolg!

Und gute Reise!

In den NachrichtenPolitik
Liberté!

Dass Herr Sarkozy trotz seiner Rolle als Oberfranzose nicht unbedingt viel von den Idealen der Revolutionäre hält, die es überhaupt erst ermöglicht haben, dass er jemals Präsident werden konnte, ist hinlänglich bekannt, aber zufälligerweise ist sein Konkurrent, Dominique Strauss-Kahn, schon mal aus dem Rennen, also bleibt ihm genug Spielraum, seine Terrorherrschaft weiter auszubreiten. Als nächsten Schritt hätte er gern noch etwas mehr Kontrolle über das böse Internet, nachdem die „digitale Todesstrafe“ anscheinend seine Machtgier noch nicht ausreichend befriedigt hat.

Warum ich seine legitime Entscheidung, politische Beschlüsse in „seinem“ Land maßgeblich zu lenken, mit Machtgier zu erklären versuche? Nun, das ist nicht meine Absicht, aber je mehr ich darüber lese, welche Zukunft Herr Sarkozy dem Internet gern angedeihen lassen würde, desto schwerer fällt es mir, ihm positive Absichten zu unterstellen.

Jüngst berief er den eG8-Gipfel ein, auf dem er mit Rübennasen wie Eric Schmidt (Google) und Mark Zuckerberg (Facebook) – bekanntlich beide Vertreter der These, digitale Bürgerrechte wie etwa das Recht auf Privatsphäre seien längst nicht mehr zeitgemäß – sowie Jimbo Wales (Wikipedia), seines Zeichens Sittenwächter nach US-amerikanischer Tradition, über die Zukunft des Internets diskutieren will.

„Diskussion“ sieht hier übrigens, gemäß SPON, ungefähr so aus:

„Das Universum, das Sie (die anwesenden Internetgestalter) repräsentieren, ist kein paralleles, gesetzloses, ohne moralische, ohne fundamentale Prinzipien, die das Leben in demokratischen Staaten ordnen“, sagte der französische Staatspräsident nun bei seiner eG8-Eröffnungsrede. Weil das Internet nun „Teil des Lebens einer Mehrheit der Menschen“ sei, wäre es „ein Widerspruch, Regierungen von diesem immensen Forum fernzuhalten“. Schließlich seien „Regierungen in unseren Demokratien die legitimen Repräsentanten des allgemeinen Willens“.

Niemand aber hält Regierungen aus dem Internet fern, vielmehr wird seit Jahren versucht, die als „Internetausdrucker“ bekannten „Repräsentanten des allgemeinen Willens“, wer auch immer diese Allgemeinheit sein mag, dazu zu bewegen, dieses grenzübergreifende Medium als ein Hort der Möglichkeiten, nicht als schmuddelige digitale Kneipe voller Pornoterroristen wahrzunehmen und zu begreifen. Die Regierungen aber halten sich selbst fern, sie kennen das Internet nur als den rechtsfreien Raum – schön wäre es ja schon manchmal! -, in dem wahllos Kinder geschändet und weltumspannende Terrororganisationen gegründet werden.

Natürlich ist das Internet kein gesetzloses Universum ohne Prinzipien, was mindestens all diejenigen wissen sollten, die schon mal aufgrund undurchdachter Publizierung von Inhalten im Internet Post von skrupellosen geldgeilen umsichtigen Rechtsverdrehern Rechtsanwälten im Auftrag irgendeiner großkotzigen Firma eines so genannten „Rechteinhabers“ im Briefkasten fanden; Urheberrechte erlischen eben auch dann nicht, wenn man sie außerhalb von Staatsgrenzen missachtet. (Hierzu empfehle ich nochmals den hervorragenden Telepolis-Artikel zum „rechtsfreien Raum Internet“ von 2009.)

Ein fundamentales Prinzip des Internets ist es übrigens, dass es zumindest theoretisch weltweiten Zugriff auf jegliche Informationen ermöglichen soll, die in ihm zu finden sind, ohne, dass die Verbreitung dieser Informationen, sofern nicht aus rechtlichen Gründen, von lokalen Regierungen irgendwie eingeschränkt werden kann. Ein Internet, das aus vielen kleinen, von der Teilnahme am Gesamtnetz nahezu ausgeschlossenen „Netzen im Netz“ besteht, wie es etwa China vormacht und Herrn Sarkozy beinahe so feuchte Träume bereitet wie sonst nur Carla Barbato Bruni, hätte seinen Zweck verfehlt.

Aber wer erklärt das nun Herrn Friedrich?

KaufbefehleMusik
Zum 70. Geburtstag Bob Dylans

Heute wird Bob Dylan 70 Jahre alt, und zwar den ganzen Tag lang. Tröt, Tusch, hurra! Einmal abgesehen davon, dass er seit dem Ende der „Rolling Thunder Revue“ (u.a. beim SPIEGEL berichtete man) nur mehr schnulzige Liebeslieder in öder Countryform zu schreiben scheint, erachte ich es als unnötig, ihn hier noch einmal gesondert vorzustellen, obschon die Einführung seiner seit 1988 laufenden „Never Ending Tour“ sein bisheriges Schaffen jedes Mal ausführlich zusammenfasst, aber wir sind hier ja nicht als Veranstalter tätig, sondern schnöde Schreiberlinge, und bei dem annehmbaren Wetter draußen fassen wir uns mit Vorliebe kurz.

Bob Dylan also, dessen in rascher Folge aufgenommene Alben Bringing It All Back Home, Highway 61 Revisited und Blonde on Blonde eine beinahe schon radikale Abkehr von den zwar oft gehörten, aber letztlich musikalisch doch eher anspruchslosen Volksweisen der Vorjahre bedeuteten und heute im Allgemeinen zu den Alben gezählt werden, die man zumindest mal gehört haben sollte, bevor man dereinst ins Gras beißt, kann auf eine abwechslungsreiche Karriere zurückblicken, sofern ihm denn danach ist.

Diese Karriere ist immerhin vorbildlich, hat er sich doch zumindest jahrzehntelang nicht nur auf seinem Erfolg ausgeruht, sondern immer dann eine völlig neue Richtung eingeschlagen, wenn seine Popularität ihn zum Idol der Massen zu machen drohte. Wir lernen: Um Druck von außen zu verhindern, muss man versuchen, den Leuten so wenig zu gefallen wie es möglich ist. Ein Höhepunkt dieser Entwicklung ist das Album „Self Portrait“ von 1970, das aus Neuaufnahmen eigener Stücke und einigen Coverversionen, etwa „The Boxer“, ursprünglich von Simon & Garfunkel (genauer: von Paul Simon), besteht und von der Kritik seinerzeit verwundert aufgenommen wurde; Greil Marcus etwa, Autor und Musikjournalist, fragte, was dieser Scheiß denn solle. Tatsächlich scheint sich Bob Dylan hier größte Mühe zu geben, möglichst schief zu klingen, aber wer dieses Album ernst nimmt und deshalb einen Verriss schreibt, der hat bestimmt auch CDs von Muse und Radiohead im Schrank und hält Lady Gaga für den Inbegriff der Innovation.

Ich kenne nun keine konkrete Aussage seitens Bob Dylans zur Bedeutung von „Self Portrait“, aber würde es, fragte man mich, schon aufgrund des Titels als Parodie ansehen. Und in der Tat dürfte es schwer sein, Bob Dylan besser zu parodieren als Bob Dylan selbst, unter anderem The Velvet Underground („Prominent Men“) sind daran gescheitert; wenn man nicht gerade „Weird Al“ Yankovic heißt, denn der kann das.

Natürlich muss die Stimme nicht jedem gefallen, und sie ist für Leute, die noch nie Bob Dylan gehört haben, wohl auch das Ungewöhnlichste an seiner Musik, die, fehlte der Gesang, zwar ausdruckslos wäre, aber wohl niemandem deutlich missfiele, aber sie ist doch ein prägendes Element gerade der genannten drei Alben. Während immerhin „All Along the Watchtower“ sich in Jimi Hendrix’ Coverversion bis heute größerer Beliebtheit erfreut als die vergleichsweise spartanische Urversion Bob Dylans und konsequenterweise die Inspiration für spätere Liveversionen darstellte, sind etwa der „Subterrenean Homesick Blues“ – für die VIVA-Klientel: das ist das Lied mit dem bekannten Video – oder „One Of Us Must Know (Sooner Or Later)“ nur schwerlich von Dritten interpretiert vorstellbar, ohne ihren Charakter zu verlieren.

Den Charakter seiner, Bob Dylans, Musik macht aber nicht nur seine Stimme aus, gerade auch die Texte verdienen Aufmerksamkeit und Anerkennung, nicht umsonst hat ihn die Presse stellvertretend zum poeta laureatus, zum lorbeerbekränzten Dichter, ernannt, und das sicher nicht nur aus Versehen, sondern für die kryptische Bildsprache von Liedern wie „Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues again“ (übrigens ebenfalls von „Blonde on Blonde“):

Grandpa died last week and now he’s buried in the rocks
But everybody still talks about how badly they were shocked
But me, I expected it to happen, I knew he’d lost control
When he built a fire on Main Street and shot it full of holes

20 Jahre nach Loudon Wainwright III nun und somit, wie üblich, als einer der Letzten erhebe ich meine Tasse Kaffee und sage, schreibe und wünsche:
Alles Gute, Bob Dylan!

Auf weitere 70 Jahre. Mindestens.

Spaß mit Spam
Spam könnte bald täglich in meiner Mailbox landen!

Was mein Spammailpostfach ja seit einigen Tagen befüllt, sind Mails mit dem Betreff „Daten für Überweisung“.

Das ist immerhin ein spannenderer Betreff als das ebenfalls gerade recht beliebte „Sehr wichtig !“ (nur echt mit Plenk) und ließ mich gespannt nachsehen, ob der Rest der Spam so lustig ist wie es ihr Betreff verspricht. Nun, meine Hoffnungen wurden erfüllt:

Guten Tag (Nachname) (Vorname),

Dass ich nie beim Militär war und die Anrede mit vorangestelltem Nachnamen mich somit eher befremdet, konnte der Verfasser der Mail vermutlich nicht wissen, immerhin habe ich das in der jüngeren Vergangenheit noch nicht erläutern müssen. Gnädig sehe ich darüber hinweg.

E-Mails mit einem solchen Betreff könnten bald täglich in Ihrer Mailbox landen.

Mit dem Betreff „Guten Tag (Nachname) (Vorname),“? Das sollte mich dann doch ein wenig erstaunen. Oder war der Betreff „Daten für Überweisung“ gemeint? Nun, das tun sie doch bereits!

Aber ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll, dass jemand von mir irgendwas mit einer Überweisung will. Wer mir „Daten für Überweisung“ zukommen lässt, der möchte meist, dass ich diese Daten nutze, um ihn mit finanziellen Mitteln auszustatten. Andersherum geht das nicht, denn wer mir Geld zukommen lassen möchte, muss seine Überweisungen schon selbst ausfüllen.

Ich beschließe: Nein, ich freue mich nicht.

Ich möchte Ihnen heute zeigen, wie Sie täglich rund 150,00 Euro verdienen können.

Ganz einfach: Man wird korrupter Manager. Wer täglich „rund 150,00 Euro“ verdient, hat aber ansonsten vermutlich besseres zu tun als die Quelle des Geldes per unaufgeforderter E-Mail preiszugeben; und wahrscheinlich auch kein Bedürfnis mehr danach.

Insofern überzeugt mich der Absender gerade nicht unbedingt davon, dass sein Finanztipp mir ein Leben in „Wohlstand“ zu sichern in der Lage ist, aber ich bin ja immer interessiert an potenziell dämlichen Ideen und lese also vergnügt weiter:

– Völlig kostenlos
– Kein Risiko

Geld verdienen, ohne Geld auszugeben oder etwas zu riskieren? Unfassbar! Das ist ja fast wie Arbeiten!
Nein, eigentlich ist es wie Arbeiten.

– Kein Geld erforderlich

Und man braucht nicht mal Geld dafür!

Machen Sie jetzt mit, und verdienen Sie in nur 20 Minuten Ihre ersten 150,00 Euro.

Das ist dann aber ein ziemlich kurzer Tag, oder?

Bitte klicken Sie hier:
(…)

Ja, ich klicke gern jederzeit auf kryptische URLs, von denen ich nicht weiß, was sich dahinter verbirgt. Ich bekomme viel zu selten Viren, mein System langweilt sich schon.

Mit freundlichen Grüssen,

Ihr Fabian Faber

Ist „Fabian“ dann jetzt eigentlich der Nachname?
Würde mich halt schon interessieren.

Aber ich nehme an, die Stelle ist jetzt ohnehin schon vergeben. Wirklich schade!

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt XLV: Virtuelle Bomben

Tag 1 nach dem endgültigen Weltuntergang, das Ende ist nahe:

Bundesinnenminister Friedrich erwartet virtuelle Bomben

Kennt ihr den? Kommt eine schwangere Frau zum Bäcker und sagt: Ich bekomme ein Weißbrot. Sagt der Bäcker: Sachen gibt’s…

Aber natürlich war etwas ganz anderes gemeint, nämlich:

Es sei „nur eine Frage der Zeit, bis kriminelle Banden oder Terroristen virtuelle Bomben zur Verfügung haben werden.“

Ich habe ein wenig geschmunzelt, wurde dieser Artikel doch mit einem Bild von Herrn Friedrich illustriert, der erwartungsvoll auf die Uhr schaut:

Was genau so eine virtuelle Bombe sein soll, geht aus dem Artikel leider nicht hervor. Aber es ist ziemlich beängstigend: Schon bald werden uns in virtuellen Städten, vermutlich sogar in SimCity, Terroristen mit virtuellen Bomben bedrohen. Wie soll man da noch ruhig schlafen können?

Da hilft nur eins: Wir brauchen virtuelle Panzer zur Friedenssicherung, auf dass die Tage des virtuellen Terrors bald gezählt sein mögen!

(via Fefe)

In den NachrichtenMusikPiratenpartei
Musik zur Apokalypse

Heute ist ja mal wieder Weltuntergang, und es ist ziemlich seltsam, dass draußen trotzdem die Vögel singen. Passend zum Weltuntergang – und zu den anstehenden Wahlen – jedenfalls hat man mal eben die Infrastruktur der Piratenpartei lahm gelegt; blöd nur, dass das gegen das Grundgesetz verstößt:

Das Vorgehen der Polizeibehörden könnte allerdings deshalb pikant sein, weil die Piratenpartei den Schutz von Art. 21 GG genießt und durch die polizeiliche Maßnahme ihr Recht an der politischen Willensbildung des Volkes mitzwirken, beeinträchtigt wird, zumal wir uns in einem Wahl(kampf)jahr befinden.

Die Internetdienste der Piratenpartei Bremen sind von den Ausfällen nicht betroffen, dennoch liegt hier eine klar gesetzeswidrige Schädigung vor. „Klarmachen zum Entern!“ reicht nicht mehr, jetzt heißt es: Feuern aus allen Rohren. Joho, und ’ne Buddel voll Club-Mate. – Obwohl das schmeckt wie Oma unterm Arm, wie es ein Pirat mal beschrieb, und ich fragte ihn dann doch lieber nicht, woher er diesen Vergleich nahm.

Aber ich war ja noch beim Weltuntergang, an dessen Ende wir, glaubt man fundamentalistischen Sekten, allesamt in den Himmel gelangen werden, sozusagen ins Reich der Götter. Passend dazu sang nicht nur Farin Urlaub vor einigen Jahren von der „Apokalypse wann anders“, etwas mystischer erzählte die Krautrockband Asgard schon 1972 vom Leben in Asgard:

Schönes Wochenende!

NetzfundstückeSonstiges
Bücher? Wie rückständig!

Amazon verkaufe inzwischen, jedenfalls in den USA, mehr „E-Books“ als richtige Bücher, schreibt Perun und lässt die Gelegenheit nicht ungenutzt, uns Bücherfreunde als rückständig hinzustellen, aber immerhin nicht nur die deutschen:

Wobei diese Mentalität nicht speziell auf Deutschland beschränkt ist. Ich würde eher sagen, das dies typisch für Kontinental-Europa ist: „kennen wir nicht, brauchen wir nicht“.

Perun geht hier aber von falschen Voraussetzungen aus. E-Books (früher nannten wir so was schlicht PDF-Dateien) sind nicht der Nachfolger des Buches, sie sind eine Alternative, wie eben die CD auch eine Alternative zur Schallplatte ist und MP3 eine Alternative zu … nein, MP3 ist eigentlich gar keine Alternative. „Wie, du hörst noch Schallplatten?!“ rufen die hippen jungen Trendteens mit den albernen Knöpfen im Ohr, wo dann doch jeder einzelne Takt in immer noch ziemlich gruseliger Lautstärke nach draußen dröhnt. Wird bald auch der Ruf „Wie, du liest noch Bücher?“ ertönen?

Wägt man Pro und Kontra von Büchern und ihren digitalen Surrogaten gegeneinander ab, so geschieht dies immer subjektiv. Was mir an Büchern gefällt, kann dem nächsten Rezensenten schon zuwider sein. Daher kann und werde ich hier nur für mich sprechen.

Der oft gehörte Einwand, Bücher gehörten zu unserer Kultur, ist Humbug, Lesen und Schreiben gehören zu unserer Kultur wie auch die bekannten Werke Schillers, Lessings und wie sie alle hießen. Die Bibel wurde auch nicht zuerst als Buch gedruckt, dennoch ist sie noch immer ein zentraler Bestandteil dessen, was manche Personen als abendländische Kultur bezeichnen; anders gesagt: Die Darreichungsform eines literarischen Werkes ist quasi unbedeutend gemessen an seinem eigentlichen Inhalt.

„Ironie pur“ (meinten Sie: „pure Ironie“?) nennt es Perun, dass ausgerechnet viele EDV-Fachbuchverlage ihre Publikationen nicht in E-Book-Form anbieten, und ich schätze, er betont das Wort versehentlich auf „EDV“, dabei geht es doch vor allem um Bücher. Warum hat Perun eigentlich noch keinen Artikel geschrieben, in dem er sich darüber mokiert, dass Computern immer so viel Papierkram beiliegt?

Ein „Kindle“ – dieses merkwürdige elektronische Ersatzbuch von Amazon – ist, vereinfacht ausgedrückt, ein portabler PDF-Betrachter. (Die technischen Unterschiede zwischen PDF- und E-Book-Dateien sind derart marginal, dass ich ihnen keinen gesonderten Absatz widmen möchte.) Der Vorteil dieses Gerätes ist es, dass man auch beim nächtlichen Zugfahren noch genug Beleuchtung bekommt, um sich ohne Ermüdung dem jeweils gerade geladenen Buch zu widmen. Dem gegenüber stehen ein, gemessen an einer Buchseite, kleiner Bildschirm mit teilweise winziger Schrift und der auf lange Sicht doch immense Bedarf an elektrischem Strom.

Es ist schön, dass gerade junge Leute sich mit dem Erfolg des „Kindle“-Gerätes bemüßigt fühlen, wieder mehr Bücher zu lesen, und sei es halt nur die seichte „Twilight“-Reihe. Aber der alte Leitsatz, dass Bücher Kinder von der „Glotze“ weglocken sollen, findet hier keine Anwendung, denn ob das Kind nun chattet oder E-Books liest, es sitzt vorm Bildschirm. (Andererseits gingen die Initiatoren des Leitsatzes von falschen Voraussetzungen aus, denn nicht jedes Buch ist eine bessere Wahl als jede Fernsehsendung oder jede Internetseite.)

Aber wie oben erwähnt sollte man die elektronischen Spielzeuge nicht als Ersatz, sondern als Alternative betrachten, denn beides hat einen sinnvollen Einsatzzweck. Sind E-Books etwa für Reisen oder für Lesen bei nicht allzu erhellendem Tageslicht gut geeignet, so habe ich doch auch gern ein Buch im Schrank, das ich ansehen und anfassen kann; denn wirklich blättern kann man in diesen E-Books nicht. Die Haptik eines Buches ist ähnlich der eines Tonträgers: Es steht das gleiche darin wie in den digitalen Pendants, aber letztendlich erwirbt man ein tatsächliches Produkt, nicht nur eine digitale Reproduktion davon oder gar nur eine „Nutzungslizenz“ (Apple-Nutzer kennen das).

Perun mutmaßt weiterhin:

Aber auch diesmal haben es die Verlage – ähnlich wie die Musikindustrie vor Jahren – in der Hand, entweder man passt sich an oder man geht unter.

Mitziehen oder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden; das hat man einst auch von der MiniDisc gesagt, die eine Zeitlang das neue „kommende Ding“ in der tragbaren Musikwelt war und die Kassette endgültig ablösen sollte. Das aber übernahmen erst bespielbare CDs, dann die MP3-Spieler, und die MiniDisc – ging unter.

Irgendwas jedenfalls sagt mir, dass ich auch in zehn Jahren nicht vor leeren Regalen stehen werde, wenn ich in meiner Lieblingsbuchhandlung die Neuerscheinungen sichten möchte. Man muss, um es mal übertrieben auszudrücken, nicht jeden Modequatsch mitmachen, nur um nicht als uncool zu gelten.

Und so ein Buch kann uns auch keiner ungefragt weglöschen.

In den NachrichtenMusikNetzfundstücke
Gefahr von oben! (Auch: Facebookmusik.)

(Vorbemerkung. Ein Teil dieses Artikels handelt von der Band Muse. Muse ist eine der wenigen Musikgruppen, die es schaffen, mich schon bei der bloßen Erwähnung ihres Namens erschaudern zu lassen. Zum besseren Verständnis verweise ich nochmals auf die Schallgrenzen-Rezensionen zum bisher und hoffentlich endgültig letzten Muse-Album.)

Man traut sich schon gar nicht mehr, in die Zeitung zu schauen, bringt doch ein Blick in das lokale Mitteilungsblatt täglich meinen Glauben daran, dass die durchschnittliche Intelligenz hierzulande deutlich über dem US-amerikanischen Durchschnitt liegt, ins Wanken.

Heute etwa las ich, dass deutsche Atomkraftwerke nur unzureichend dagegen geschützt seien, dass Flugzeuge runter- und auf sie drauffallen, wie ein Stresstest ergeben habe; das bestätigen auch andere Quellen. Jetzt würde es mich natürlich schon ein bisschen interessieren, wie so ein Stresstest abläuft: Lassen sie da Flugzeuge drauffallen und gucken, wie schwer die sein dürfen, bis messbare Schäden am Atomkraftwerk entstehen? Nein, das ist natürlich Unfug:

(…) allerdings war es vor allem eine Prüfung auf dem Papier mit einer Neuberechnung bestimmter Szenarien.

Verstehe: Sie haben also Papierflugzeuge auf Papieratomkraftwerke geworfen und geguckt, was passiert.

Gegen Godzilla-Angriffe ist so ein Atomkraftwerk übrigens genau so wenig geschützt wie dagegen, dass große Dinge auf es drauffallen, aber diese Information schafft es nie in die Nachrichten; vermutlich, um niemanden zu beunruhigen. Es war aber, wie wir inzwischen wissen, geradezu unverantwortlich von den Konstrukteuren der deutschen Atomkraftwerke, dass sie nicht ihr Hauptaugenmerk auf den Schutz dagegen legten, dass Flugzeuge auf ihre Konstruktionen drauffallen, denn dieses Damoklesschwert schwebt ja ständig über unseren Köpfen. Der internationale Terrorismus schläft nicht, und die Wahrscheinlichkeit, dass in absehbarer Zeit irgendein Terrorist die Idee, trotz all der Schikanen an Flughäfen ein Flugzeug auf Gebäude in Deutschland drauffallen zu lassen, erfolgreich umsetzt, ist so groß, dass es ein Wunder ist, dass wir überhaupt noch alle leben!

Zum Glück haben wir nun den elektronischen Personalausweis, damit wird alles besser.

Apropos „durchschnittliche Intelligenz“: Gemessen an ihrer Selbstdarstellung (ihren Statusnachrichten) zeigen die meisten Facebooknutzer ein eher geringes Maß an kultureller Bildung. (Von der Eigenart, ein „soziales Netzwerk“ als tatsächliches Lebensumfeld zu begreifen, fange ich ausnahmsweise hier nicht zu erzählen an.) Etwas scheint sich allerdings diesbezüglich getan zu haben im Hause Facebook, denn dort pflegt man, glaubt man Michael Hirle, der über irgendsoein Album der widerlichen Kopfschmerzpopper Muse schrieb, hierbei handle es sich anders, als ich mittlerweile auf der progrock-dt-Mailingliste vorschlug, nicht um theatralischen Tuntenrock, sondern um „Prog“ für die „Generation Facebook“. Vermutlich soll das heißen, dass es sich um Musik handelt, die die Ideale der frühen Progressive-Rock-Szene in ein mehr oder weniger modernes Klanggewand zu kleiden beabsichtigt (und damit meines Erachtens völlig scheitert), aber es wirft doch vor allem eine Frage auf:

Beeinflusst Facebook musikalische Hörgewohnheiten?

Natürlich kann man seine eigenen momentanen „Lieblingslieder“ dort schnell verbreiten, aber das kann man auf Last.fm und per Instant Messenger schon lange. Im Freundeskreis ist es seit Jahrzehnten üblich, sich gegenseitig die jeweils aktuelle Lieblingsmusik vorzuspielen, bei Bedarf auch zu kopieren. Dass jemand wie Lady Gaga, wie jüngst die Presse kolportierte, 33 Millionen „Fans“ – Zahl steigend – hat, zeigt dafür um so deutlicher, dass Facebook keinesfalls ein Motor für Musikgeschmack ist, wohl aber ein ungefähres Abbild der Jugendkultur darstellt. So betrachtet ergibt der Term „Generation Facebook“ auch wenigstens minimal Sinn, denn diese „Generation“ (zu meiner Zeit hatte das Wort noch etwas mit Jahrgängen zu tun) ist zugleich die „Generation YouTube“, sozusagen die „Generation eins nach Last.fm“. Musik widmen diese Menschen nicht mehr ihre volle Aufmerksamkeit, sie dudelt nebenbei, gern in Ohren betäubender Lautstärke, aus quäkigen Ohrsteckern, sie dient nicht mehr der Entspannung, sondern der bloßen Berieselung; das jedenfalls ist meine Beobachtung, gewonnen aus etlichen Jahren der ÖPNV-Nutzung.

Dass eine Musikgruppe wie Muse, die auf stumpfes 4/4-Gekloppe verzichtet und keine Sängerin, sondern einen (schrecklichen) Sänger ihr eigen nennt, inmitten des Klanggemisches aus Justin Bieber, Lady Gaga und irgendwelchen beliebig austauschbaren „Superstars“ wie ein Fremdkörper, „irgendwie anders“ eben, erscheint, ist verständlich. Was einst die Schlager verdrängte, schickt sich heute an, den Pop (also wiederum die Schlager) zu verdrängen. Als „neu“ und „aufregend“ wird Musik verstanden, deren Interpreten sich durch vierzig Jahre Musikgeschichte quälen, weil in der eintönigen Liebesliederwelt dieser Tage Melodien, die nicht vom digitalen Tonband kommen, manchem unbedarften Zeitgenossen wie die Musikrevolution der späten 60-er erscheint, und das leider nicht einmal gänzlich zu Unrecht.

Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja:
So lange die „Generation Facebook“ eines Tages sich ihrer Jugend entsagt, steht es um die Zukunft der Rockmusik nicht so schlecht, wie es die mitunter im Internet zu findenden „Facebook-Hitparaden“ implizieren könnten; denn zwar ist in der Rockmusik schon seit Jahren jedes Extrem erreicht und jede Aussage gemacht worden, aber vielleicht sollten das nicht gerade diejenigen bemängeln, die musikalisch in den 80-ern hängen geblieben sind.

Anders, womöglich etwas polemisch, ausdrücken kann man das natürlich auch so:
Jede Generation bekommt die Musik, die sie verdient.

Muse. Grauenhaft.

In den NachrichtenWirtschaft
Kredit verspielt

Und da ich gerade dabei war, mich aufzuregen, mache ich damit gleich weiter, sonst kriege ich am Ende noch gute Laune, und das führt dann immer zu eigenartigen Artikeln, die niemand versteht. Gute Laune lässt sich am einfachsten verhindern, indem man die Nachrichten des Tages liest.

Und dann liest man zum Beispiel so etwas:

Portugal erhält Milliardenkredit

Einen Kredit kennt man: Man geht zu seiner Bank, setzt einen Dackelblick auf und seine Unterschrift unter einen Knebelvertrag, den man früher oder später bereut, und hat fortan nicht nur Schulden in Höhe des Kredites, sondern sieht sich obendrein mit Zinsforderungen in mitunter unangenehmer Höhe konfrontiert, bis man diese Schulden zurückgezahlt hat.

Portugal aber ist nicht einfach zur Bank gegangen, denn die portugiesischen Banken sind allesamt der Pleite nahe. Ein bisschen wie die deutschen. Portugal hat sich keinen Kredit geben lassen, sondern ist in die Bank des Nachbarn reinspaziert und hat „Geld her!“ gebrüllt, und die Bank schwang zwar den Zeigefinger, gab Portugal das Geld aber trotzdem, denn Portugal sieht so niedlich aus, wenn es weint. Das mit dem Dackelblick kann Portugal wohl schon ganz gut.

Wenn ich mir von der Bank einen Kredit geben ließe und den dann nicht zurückzahlen könnte, würde die Bank zu mir sagen, dass es so nicht ginge, was mir wohl einfiele und dass ich dann wohl mal ein paar Jahre im Kittchen über meinen Umgang mit Geld nachdenken sollte. Leider haben wir kein Kittchen, das groß genug wäre, damit Portugal da reinpasst, also kann man Portugal nicht ins Kittchen stecken. Stattdessen sagt man Portugal bei der Kreditvergabe, es sei gar kein Kredit, sondern ein „Hilfspaket“, das ist wenigstens schön schwammig formuliert. Ich betrachte einen Bankkredit übrigens auch als ein Hilfspaket für mich, aber ich bin ja kein Land.

Hilfspakete unterscheiden sich von Krediten offiziell insofern, als man sie nicht zurückzahlen, sondern nur artig nicken muss, wenn der Paketdienst zur Unterschrift bittet:

Portugal verpflichtet sich gegenüber EU und IWF, das Haushaltsdefizit von 9,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im vergangenen Jahr bis 2013 unter drei Prozent zu drücken – mehr ist nach den EU-Spielregeln nicht erlaubt.

Und wenn sie das nicht schaffen, dann haben sie halt ziemlich große Schulden bei den Geldgebern, die sich dann ein paar Jahrzehnte lang anhäufen dürfen. Die Geldgeber sind übrigens nicht die Banken oder irgendwelche Staaten, sondern es sind die Steuerzahler in diesen Staaten. Und die Begründung dafür, dass die Steuerzahler in diesen Staaten, deren Haushaltsdefizit auch nicht von schlechten Eltern ist, ihr Minusgeld zugunsten fremder Staatskassen noch ein wenig zu erhöhen haben, ist so simpel wie bescheuert:

„Wir können das nicht ohne Deutschland und seine Bereitschaft, die Stabilität des Euro zu sichern, machen“, sagte Rehn (EU-Währungskommissar) der Zeitung „Die Welt“. „Indem wir Portugal unter strikten, aber realistischen Bedingungen helfen, schützen wir auch die wirtschaftliche Erholung in Deutschland und die Ersparnisse der deutschen Bürger.“

Eine marode Währung stabilisiert man halt am besten, indem man so lange große Beträge hin und her schaufelt, bis alle, die diese Währung nutzen müssen, ungefähr gleich viel Schulden haben, das nennt man dann eine „Währungsunion“. Wieder was gelernt.

Griechenland hat übrigens ein bisschen Glück gehabt, dass sie schon früher pleite waren, denn während es selbstverständlich schlicht eine Frechheit wäre, aus einem Hilfspaket Profit zu schlagen, sieht das mit Geldgeschenken anders aus (Hervorhebung, wie meist, von mir):

Griechenland hatte schon vor Gründung des EU- Rettungsfonds EFSF von einem Extra-Paket von 110 Milliarden Euro profitiert.

Eins allerdings ist einleuchtend: Ersparnisse, die die deutschen Bürger nicht mehr haben, weil sie sie nach Portugal exportiert haben, können sie nicht mehr für Unsinn ausgeben. Das schützt ihre Ersparnisse vor ihnen selbst. Eigentlich wäre es doch eine traumhafte Welt, wenn keiner mehr Geld hätte, um sich davon Waffen oder iPhones zu kaufen. Sollte diese Utopie eines Tages Wirklichkeit werden? Wohl auch getrieben von diesem Traum „hatte [der Bundestag] das Hilfspaket für Portugal bereits mit breiter Mehrheit unterstützt“, aber wirklich ganz breit.

Ich glaube, ich gehe dieser Tage auch mal wieder zu einer Bank, bei der ich bislang kein Kunde war, und frage, natürlich mit Dackelblick, nach einem Hilfspaket. So als armer Student bin ich doch wohl kaum weniger hilfsbedürftig als ein Land voller arbeitender Menschen mit noch funktionierender Exportinfrastruktur.

Und ich bin mal gespannt, wie viel ich bekomme.

(Danke an L.!)