
Liegengebliebenes vom 4. November 2021 (Canceler-Edition)
Sollte endlich jemand canceln: Firefox.
Immerhin haben sie noch die Entwickler, die sich auf die wirklich wichtigen Dinge verstehen. Farbtherapie und so.
Wurde gecancelt: Terry Gilliam.
Das Old Vic Theatre hat eine Produktion, bei der auch Terry Gilliam Regie geführt hat, abgesagt, weil einige Mitarbeiter seine Ansichten missbilligen.
Andererseits: Das kennt Terry Gilliam ja wahrscheinlich schon. Aber: Ist das noch Kultur?
Hat noch nicht verstanden, warum sie gecancelt wurde: Die Piratenpartei.
Koalitionsvertrag in Tschechien steht – Piraten sollen zum ersten Mal mitregieren!
Ungezählten deutschen Piratenaccounts gefällt das. Als wär’s die gleiche Partei. Dem ist nicht so. Aber was nützt’s, sich zu ärgern?
21st Century Existentialist Man

Ich lade, also bin ich.
Warum will die SPD aus Bad Honnef Rentner mit Internetanschluss einsperren?
Kurze Durchsage des Kölner Landgerichts (Präsident: Roland Ketterle, SPD Bad Honnef):
Die Mutter eines Freifunkers muss 2.000 Euro Strafe zahlen, obwohl sie keinen Computer hat.
Die SPD sei, kolportierte die Qualitätspresse, diejenige Partei, die „eine digitale Infrastruktur auf ‚Weltniveau‘ “ zu haben gedenkt. Welcher Teil der Welt ist damit eigentlich gemeint?
Si vis pacem, para bellum. (19)
Also der wesentliche Gedanke stimmt schon mal:
Die Bundeswehr sollte nach Ansicht von Generalleutnant Pfeffer zum eigenen Schutz bewaffnete Drohnen bekommen. (…) Zudem betonte Pfeffer, wenn man die ablehnenden Argumente um Drohnen konsequent zu Ende denke, müsste man wesentliche Teile der Bewaffnung in den Streitkräften abschaffen.
Ja, genau das müsste man tun.
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Bundeswehr abgeschafft gehört.
Magma – Dondai // Akustischer Auffahrunfall
Es ist Montag. Die Temperaturen beginnen jetzt – immerhin ist’s November – doch noch zu sinken. Verdammte Klimaerwärmung. (Leicht erkältet geschrieben.) Pandabär müsste man sein. Pandabären haben ein dickes Fell und diese Probleme nicht; dafür werden sie jede Woche für diese Montagsbeiträge missbraucht. Auch ein Problem.
Kontaktschuld des Tages: Der Vorsitzende des Barclayskonzerns wurde zurückgetreten, weil einer seiner Geschäftspartner sich Jahre später als Straftäter herausgestellt hatte. Blöd für ihn, dass es keine deutsche Bank ist: In Deutschland wäre er jetzt designierter Bundeskanzler und nicht ehemaliger Bankenchef.
In Bad Krozingen habe, „berichtet“ die „dpa“, schon wieder ein Auto ganz alleine einen 19-Jährigen angefahren, der daraufhin gestorben sei. Hoffentlich verpflichtet Autos bald jemand zum Führen eines Halters. Das ist ja brandgefährlich sonst.
Dazu möglicherweise passend: Man kann mit akustischen Signalen Abstandshalter in Autos stören. Akustisches Signal (besser) jedenfalls: Musik.
Guten Morgen.
Kurzkritik: Daughters – You Won’t Get What You Want
Lange nichts mehr über Musik geschrieben.
Daughters – der Name sagt’s schon – ist ein Herrenquartett aus den Vereinigten Staaten, das vor ungefähr drei Jahren sein viertes Studioalbum „You Won’t Get What You Want“ (Amazon.de, TIDAL) rausgebracht hat. Wie immer habe ich keine Ahnung, was das für ein genre sein soll, und würde daher zunächst die Postpunkkarte zücken, wenngleich der mitunter dominant stampfende Rhythmus („Satan in the Wait“) vor dem geneigten Hörer den Industrial nicht zu verstecken imstande ist; im selben Stück ist insbesondere in der zweiten Hälfte auch Pink Floyds „Echoes“ nicht fern. Industrial Psychedelic Post Punk. Schön.
Laut Internet stellt „You Won’t Get What You Want“ eine Abkehr vom bisherigen Stil der Band dar, was insofern hier zumindest erwähnt werden sollte, weil ich zuvor mit dem Werk von Daughters keinerlei Begegnung gehabt zu haben behaupten könnte. Das ist eigentlich auch ganz gut, unvoreingenommener Umgang mit der Musik einer Band hilft sehr bei der jeweiligen Beurteilung. (Vielleicht ist das der Grund für den Titel des Albums?) Das neue Album der Die Ärzte habe ich aus einem ähnlichen Grund zwar bereits im Regal stehen, aber noch nicht mal reingehört; ich kenn’s ja eigentlich schon alles.
Was „You Won’t Get What You Want“ für einen Freund der schrägen Töne – d.h.: mich – überdies besonders interessant macht, ist eben diese stilistische Zerrissenheit, die es mitunter scheinen lässt, als stolperte man durch ein Stück, statt es gradlinig zu durchschreiten („The Flammable Man“).
Selbst der Rausschmeißer (also: das letzte Stück) „Guest House“ lässt bis zum orchestralen outro, das somit auch das Album beendet, in seiner verstörenden Überdrehtheit keinen Zweifel daran, dass ein solches Durcheinander zum Kern der Musik gehört. Derlei tun Daughters aber nicht, weil sie nicht anders könnten; spätere, wiederum postpunknahe Stücke wie „Less Sex“ sind in ihrer Kombination aus Melancholie, Eingängigkeit und einem Video mit Schlangen und einer nackten Frau Belege dafür, dass der „Rolling Stone“ mit seiner Kategorisierung „Noise-Metal-Crew“ ein doch allzu pauschales Urteil gefällt hatte.
Mich ärgert, dass ich Daughters – laut übereinstimmenden Medienberichten nun wirklich kein Geheimtipp – bislang nicht wahrgenommen hatte. Gruselig irgendwie. Passt zum Tag.
2021/10
Liegengebliebenes vom 29. Oktober 2021
„Wir werden heute als Social-Media-Unternehmen gesehen, aber im Kern sind wir ein Unternehmen, das Menschen verbindet“, sagte Zuckerberg.
Völlig folgerichtig nennt sich Facebook daher jetzt Telekom Mullbinden GmbH Fesselfreunde „Meta“. Das ist ziemlich, naja, meta, also auf der Metaebene. Wenn ihr mich fragt: Ich trau‘ auch einem umbenannten Facebook keinen Meta weit. So viel Metan könnt‘ ich gar nicht einatmen. – Ist ja gut. Ich hör‘ schon auf. Auf die Nachricht muss ich eh‘ erst mal etwas Meta hören. Death Meta. Oder Doom Meta. Und dazu ein Glas Metaxa.
„Wir sind der Osten“ – bemerkenswerter Name auch – jammert auf Twitter, die Koalitionsverhandlungen betreffend:
Wie viele Ostdeutsche sitzen an den Verhandlungstischen? Wir haben nachgezählt – und finden: da geht noch was!
Stimmt; über dreißig Jahre nach der Aneignung der ostdeutschen Wirtschaftsgüter durch den Westen könnte man tatsächlich einmal darüber nachdenken, ob es nicht interessantere Gegensätze in bundesdeutschen Parlamenten gibt als ausgerechnet „den Westen“ und „den Osten“. Warum nicht mal „den Norden“ und „den Süden“?
Die SPD, demnächst noch mal ein paar Jahre lang in der Bundesregierung, möchte, bevor es zu spät ist, zulasten ihrer Wähler schon wieder mehr Daten speichern lassen. Die „neue Koalition“ werde etwas „anders“ machen, wird postuliert. Ich bin schon total gespannt darauf, was die SPD, die sich für eine umfassendere Vorratsdatenspeicherung einsetzt, wohl gegen eine umfassendere Vorratsdatenspeicherung tun wird, sobald sie mal nicht mehr nur regiert, sondern auch… äh, regiert.
Nächste Woche wird die erste offizielle Version von Unix 50 Jahre alt. In sozialen Medien wird dessen Erfolg als Beleg für das vermeintlich gute Softwaredesign des Entwicklerteams missverstanden, obwohl vieles in Unix doch vor allem dem Umstand geschuldet war, dass eine PDP‑7 eben nicht über allzu viele freie Ressourcen verfügte, so dass Multics, die technisch überlegene Vorlage von Unix, nicht nur aus lizenzrechtlichen, sondern auch aus rein praktischen Gründen nicht einfach noch mal neu implementiert werden konnte.
Das sind sicherlich Probleme, die in einer Zeit, in der Texteditoren, die bereits beim ersten Start mehrere hundert Megabyte Arbeitsspeicher belegen, trotzdem unironisch als effiziente Software bezeichnet werden, kaum mehr auffallen, weshalb sich auch gestandene Informatiker inzwischen nicht blöd dabei vorkommen, allen Ernstes als Kritikpunkt an FTP (dem Protokoll) anzubringen, dass es schlecht sei, weil es mit wenig Ressourcen auskommen musste.
Die erschreckende Entwicklung der Qualität zeitgenössischer Desktopanwendungen überrascht mich wenig, wenn es als Nachteil gilt, dass eine Technik sich jahrzehntelang mit geringen Anforderungen an die Hardware begnügt.
Gott Doppelpunkt In.
Die Jugendorganisation „Katholische junge Gemeinde“ (KjG) prüft, ob sie das Wort Gott in Zukunft nur noch mit Gendersternchen benutzt. (…) Demnach sei die KjG „auf der Suche nach Gottesbezeichnungen, die mehr umfassen als die männlich weiße Vorstellung von Gott“.
Aber weder Morgan Freeman noch Alanis Morissette ist doch ein weißer Mann?
Das Jugendwort des Jahres ist das Jugendwort des Jahres.
Das Jugendwort des Jahres 2021 heißt „cringe“. (…) Der Begriff beschreibt etwas Peinliches oder Unangenehmes.
Hihi, wie zum Beispiel diese Abstimmung zum Jugendwort des Jahres.
Zu grün für die Grünen // Kapeiken – Herzschlag
Es ist Montag. Das Internet fachversimpelt seit Tagen den verbrannten Begriff „Antifa“ und will die Grenze nicht mehr zwischen „Linken“ und „Sozialfaschisten“, sondern zwischen „Linken“ und „echten Linken“ ziehen. Das Internet langweilt mich ganz fürchterlich. Obwohl: Hier – Pandabären!
Verschwörungstheoretiker, früher nannte man sie noch Dystopisten und sie hatten des Öfteren mal Recht, aufgemerkt: Völlig überraschend hat sich nach der von Klimaaktivisten befeuerten Wahl der Angriffskriegs- und Hartz-IV-Parteien „SPD“ und „Grüne“ in eine mögliche neue Bundesregierung herausgestellt, dass beide Parteien gar nicht so extinctionrebellisch drauf sind, sondern in Klima- und Wirtschaftsfragen eher zurückhaltend reformwillig sind. Völlig folgerichtig demonstrieren ihre Wahlkämpfer jetzt, da die Wahl entschieden ist, doch lieber wieder gegen als für sie. Für Katastrophentouristen interessante Frage: Ist das eigentlich ähnlich den bizarren Demonstrationen in Thüringen, im Verlauf derer die künftigen Koalitionspartner der FDP irgendwas von einer „AFDP“ kolportiert haben? (Andererseits: In Braunschweig arbeiten künftig Volt, das monatelang in maßgeschneiderten Plakatkampagnen mit Wahlkampfsprüchen wie „Volt ihr das wirklich?“ von der PARTEI angegriffen worden war, und Die PARTEI in einer gemeinsamen Ratsgruppe zusammen. Welcher ICD-10-Code ist das jetzt wieder?)
Die Frage, wie hoch die von allen Ampelparteien vor der Wahl versprochene Steuerentlastung für Normalverdiener wohl ausfallen wird, betrachte ich übrigens inzwischen als beantwortet: 0 Euro natürlich.
Themensprung: Ed Zitron, früher Journalist, heute irgendwas mit Medien, hat letzte Woche einen lesenswerten Text (englischsprachig) rausgehauen, in dem er beschreibt, warum Menschen, die sich im Internet noch nicht allzu sicher bewegen, nicht bloß ein Training in Medien-, sondern auch in Menschenkompetenz brauchen: „Das Internet ist ein ständiger Test des kritischen Denkens und der emotionalen Zurückhaltung, der sich jedes Mal verschärft, wenn die eigene Gefolgschaft oder der Kontakt zu anderen Menschen zunimmt“; das könnte man sich eigentlich mal auf ein T‑Shirt drucken lassen. – Andererseits gilt es 2021 schon als Mehrwert, wenn man einen für einen nahezu vierstelligen Betrag gekauften Computer nicht administrieren darf, weil das ja sonst gefährlich wäre. Ich propagiere seit Jahren eine physische Trennung zwischen dem Internet der Konsumenten (die sollen gern den ganzen Tag auf ihrem dämlichen Tablet Bilder und Videos angucken) und dem Internet der Schöpfer (wir sind die mit der Tastatur und der vernünftigen Infrastruktur). Die Zeit scheint zu drängen.
Immer Zeit muss aber bleiben für: Musik.
Guten Morgen.
Kurzkritik: Agitation Free – Malesch
Lange nichts mehr über Musik geschrieben.
Vor allem nicht über vergleichsweise alte Musik aus Deutschland; Abhilfe folgt: 1972, der „Krautrock“ stand in voller Blüte, entschlossen sich die fünf Musiker von Agitation Free, einer unter anderem Namen ursprünglich 1966 gegründeten Gruppe mit – wie der Name schon andeutet – Kommunardenhintergrund, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach umbesetzt hatte, dazu, ihre auf Konzerten insbesondere in Ägypten gewonnenen Eindrücke von der Weltmusik – fürchterliche Bezeichnung auch – gemeinsam mit zwei Gastmusikern auf ihrem noch zu produzierenden Debütalbum abzubilden. Es bekam den Namen „Malesch“ (Amazon.de, TIDAL), was eine immerhin hinreichend angemessene Transkription von „معليش“ (das ist, wie die Transkription, auch auf dem Titelbild zu lesen) ist, das ungefähr „Viel Glück!“ bedeutet (Quelle: Internet). Keine Ahnung, was dieser Name jetzt wieder soll.
Enthalten ist das, was mancher Leser dieses Unperiodikums als „Kiffermusik“ zu umschreiben pflegt, obwohl ich Kiffen ablehne, dieser Art von Beschallung jedoch recht zugetan bin: Psychedelische Rockmusik fast ohne jeglichen Text, dafür mit trancefördernden Rhythmen, zweifellos nicht ganz ohne Einfluss orientalischer Schlager (d.h. dortiger Musiktraditionen).
Am Schluss des Albums, Bonusstücke späterer Auflagen ausgenommen, steht ein Zweiminüter namens „Rücksturz“, der abrupt endet. Latente Drogenreferenzen ließen sich 1972 – einige der musikalischen Weggefährten ließen sich zur gleichen Zeit von Rolf-Ulrich Kaiser zwangsbenebeln – kaum vermeiden, die Abstinenten unter denjenigen Künstlern, die man auch heute noch kennt, dürften leicht zu zählen sein; „Rücksturz“ ist zumindest auf „Malesch“ aber die einzige wirklich offensichtliche Anspielung auf einen trip beziehungsweise dessen Ende.
Macht ja nichts. Ist trotzdem ganz gut geworden.
Si vis pacem, para bellum. (18)
Kurze Durchsage von Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU):
Die NATO werde auf ihrem Treffen am Freitag [i.e. gestern, A.d.V.] ihre „Defence-Planungen weiter vorantreiben“, weil Russland für die NATO eine „große Herausforderung“ geworden sei.
Und zwar soll die defense (das ist Englisch und heißt anscheinend ungefähr „Aggression“) wie folgt aussehen:
„Wir müssen Russland gegenüber sehr deutlich machen, dass wir (…) bereit sind, eben auch solche Mittel (wie Atomwaffen) einzusetzen (…). Das ist der Kerngedanke der NATO.“
Und genau das befürchte ich tatsächlich auch.
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Bundeswehr abgeschafft gehört.
Die Revolution frisst ihre Kinder (nackt).
Wie frei sollte sich eine vermeintlich globalisierte Gesellschaft eigentlich nennen dürfen, die Nacktheit – eine eindrucksvolle Waffe gegen die Prüderie der Nachkriegszeit – in der Kunst in den Schmuddelpornokreis zwingt?










