Ragnarök, das „Schicksal der Götter“, ist eine – gemessen an vergleichbaren zeitgenössischen Versuchen – wenigstens mäßig gelungene Serie, die die nordische Mythologie ins 21. Jahrhundert zu tragen versucht. Diese Serie, deren größtes Ärgernis es ist, dass jötnar konsequent als „Riesen“ (es gibt keine Riesen im germanischen Pantheon) fehlübersetzt werden, thematisiert die gleichnamige letzte Schlacht der mythischen Wesen, an deren Ende der Neubeginn der Welt steht. Da der Ablauf dieser Schlacht im Wesentlichen aus der Völuspá, einer Art Zukunftsvision, anstelle von Erlebnisberichten übermittelt ist, ist sie als nordische Apokalypse zu verstehen.
Die realweltliche Deutung des Ragnaröks variiert, gelegentlich wird etwa ein Zusammenhang mit den während der Christianisierung (man sollte meinen, gute Ideen bräuchten kein Schwert) Islands erfolgten Eldgjá-Eruptionen vermutet. Gläubige und Forscher waren sich jedoch bis vor wenigen Tagen nicht vollends sicher, ob Ragnarök ein vergangenes oder ein zukünftiges Ereignis ist; manche verstanden die Christianisierung Nordeuropas, wohl auch beeinflusst von christlichen Überlieferungen der germanischen Mythologie, als dessen faktischen Beginn, andere verwiesen darauf, dass beispielsweise das Erlöschen der Sonne bislang nicht passiert sein kann.
Einen möglichen Beweis dafür, dass Ragnarök bereits geschehen sein muss, hat nun ausgerechnet die Walt Disney Company zu erbringen versucht. In ihrem Bestreben, mit dem Raubbau an Jahrhunderte alten Traditionen und Sprachen möglichst viel Geld zu erwirtschaften, hat ihr Tochterunternehmen Marvel Studios seit 2011 auch die nordische Mythologie für sich entdeckt und stellt etwa die Asen Thor und Loki als Superhelden dar. Ich bin schon gespannt, die Geschichte welcher religiösen Figur die Marvelisten wohl danach falsch nacherzählen werden; warum nicht mal die des liebenswerten Antihelden Mohammed?
Begründet mit ihrer eigenen Figur „Loki“, die mit dem nordischen Loki kaum Übereinstimmungen aufweist, scheint die Walt Disney Company jedenfalls derzeit Privatpersonen, die irgendwas mit Loki machen, aus urheberrechtlichen Gründen daran hindern zu wollen, allerdings wird anderswo vermutet, die entsprechenden Hinweise seien automatisiert von den jeweiligen Plattformen erstellt worden, die (wahrscheinlich wegen Disneys Rufs der Klagefreudigkeit) per overblocking – zum Glück ist so etwas bei Uploadfiltern, wie CDU/CSU und SPD sie beschlossen haben, undenkbar – größere juristische Probleme ihrerseits von vornherein vermeiden wollen.
Nun hat dieselbe Walt Disney Company viel Geld dafür ausgegeben, dass das Urheberrecht eines Werkes zumindest in den Vereinigten Staaten von Amerika bis zu 95 Jahre lang bestehen kann. Loki allerdings, zweifellos eine nordeuropäische Figur, die von Siedlern auch im heutigen Deutschland verehrt worden ist, dürfte unter anderem unter § 64 UrhG fallen:
Das Urheberrecht erlischt siebzig Jahre nach dem Tode des Urhebers.
Da die Urheber von Loki seine Eltern Fárbauti (vermutlich ein Heiti von Borr) und Laufey sind und unter der Annahme, dass Götter urheberrechtlich als Werke statt als Personen zu begreifen sind, was die Existenz der Marvelprodukte zumindest juristisch deeskalieren würde, Marvel aber der Ansicht zu sein scheint, dass die ihrerseits urheberrechtlich geschützten Comics auf Public-Domain-Werken basieren, gibt es zwei offensichtlich mögliche Deutungen der zeitlichen Abfolge:
1. Marvel hat Recht.
Somit müssten Lokis Eltern seit mindestens siebzig Jahren tot sein. Da der Sage nach keiner der beiden die Schlacht, sofern nicht schon vorher verstorben, überlebt hat, muss Ragnarök spätestens im frühen 20. Jahrhundert passiert sein. Das aber würde bedeuten, dass seitdem auch der auferstandene Baldr anstelle der vom Fenriswolf verschlungenen Sonne blöde vor sich hinleuchtet, was wiederum vor über vier Milliarden Jahren geschehen sein muss. Gut – das ist ja auch mindestens siebzig Jahre her.
2. Marvel irrt.
In diesem Fall ist es Marvel zu wünschen, dass die sich neuer cineastischer Beliebtheit erfreuenden Götter derzeit nicht ausgerechnet als US-Amerikaner unter den Menschen leben. Ich sah in Medienberichten bereits wirklich große Geldsummen, die US-amerikanische Gerichte Klägern zugesprochen haben – und wer weiß schon so genau, wie teuer das Leben als Gott gerade ist?
