Archiv für die Kategorie ‘Piratenpartei’.

Arrrrrrrrrrrrrrrrr!

Piratenpartei
Piratenleaks, 27. August 2013

Nachdem im Wahljahr 2013 von einigen Parteien schon unschöne Details aus der Vergangenheit (bei der F.D.P. das mit der Abstimmung gegen doppelte Staatsbürgerschaft und Gleichberechtigung bei Eheschließungen, bei den Grünen das mit dem Kinderficken) an die Oberfläche gespült wurden, können natürlich auch die Piraten nicht hinten anstehen.

Klar ist gerade in einer digital vernetzten Partei die Gefahr groß, dass sich Klüngel bildet. Nur selten wird das öffentlich gemacht.

Aktuell wird auf der internen Mailingliste des niedersächsischen Landesvorstands ein pikanter Sachverhalt diskutiert: Offenbar existierte (Vorsicht: Verweis auf NSA-Google!) bis vor kurzem eine Mailingliste namens „Pressekoordination der Landesverbände“, in die nicht alle Pressesprecher und nicht alle Landesvorstände, wohl aber allerlei ehemalige Vorstände Einsicht erhalten. Die Diskussion auf der Mailingliste ist recht erhellend:

Spiegelung in Textform (Quelle)

Nun wurden, wohl um Spuren zu verwischen, folgende drei „Tickets“, also Anträge, gestellt, die wahlweise die Veröffentlichung oder die Löschung des vorhandenen Archivs besagter Mailingliste zum Inhalt haben. (Leider ist mir das Archiv selbst nicht zugänglich.)

Lesenswert ist hierbei vor allem der Kontrast zwischen Befürwortern und Gegnern der Freigabe. Für Rechenkünstler übrigens noch folgendes Gedankenspiel: Der niedersächsische Landesvorstand hat zurzeit 11 Mitglieder, um eine Freigabe des Archivs zu erreichen, müsste es also mindestens 6 Dafür-Stimmen geben. Dass es keine sechste gibt (und nicht einmal der erste Vorsitzende bislang abgestimmt hat), ist vermutlich kein Zufall, wenn man den Chatausschnitt von der Mailingliste berücksichtigt.

Ich fasse zusammen: Ein ehemaliges Mitglied des Landesvorstands (Thomas Gaul), der momentan als Koordinator für die Pirate Party International tätig ist, hat also mithilfe einer geheimen Mailingliste, in die nicht jeder reinkommt (wir erinnern uns), und eines als Beisitzer erneut gewählten Mitglieds des Landesvorstands (Mario Espenschied) selbigen Vorstand offenbar voll im Griff und schreckt beim Versuch, diesen Griff halten zu können, auch vor Erpressungsversuchen nicht zurück. Und wie er sich darüber freut! Natürlich könnte man diesen Herrn einfach unsanft vor die Tür setzen, aber so kurz vor der Wahl ist schlechte publicity womöglich nicht erstrebenswert. Die basisdemokratische Mitbestimmung (OpenAntrag hatte ich ja bereits als positive Neuerung herausgestellt) nimmt gelegentlich imposante Ausmaße an.

Der niedersächsische Landesvorstand wird zurzeit von Kevin Price geleitet, der in seinen E-Mails an den Landesverband Niedersachsen nicht selten das Transparenzgebot erwähnt, dem er sich selbst unterworfen sieht. Ich übernehme das jetzt mal für ihn.

(Quelle: Internet.)


Nachtrag 1: Soeben wurden zwei der drei Tickets geöffnet, Kevin hat jetzt auch abgestimmt.

Nachtrag 2: Um 3:56 Uhr hat Kevin Price sich – laut eigener Aussage zwei Wochen nach erstmaliger Kenntnisnahme vom Sachverhalt – öffentlich zu dem Vorfall geäußert (Spiegel hier).

MontagsmusikPiratenpartei
Hannes Wader und Die Toten Hosen – Heute hier, morgen dort

Gelegentlich werde ich gefragt, wieso ich immer noch in dieser Piratenpartei bin. Nun, einer der Gründe ist der, dass sie als einzige größere Partei ihre Wahlversprechen hält, auch, wenn es manchmal etwas länger dauert. Das Versprechen, dass im Fall einer Wahl die Stimme der Bürger mehr Gewicht erhalten wird, wurde nun etwa mittels einer neuen software mit dem herzerweichend dämlichen Namen OpenAntrag (nur echt mit BinnenMajuskel) umgesetzt, über das jeder Bürger „seiner“ Fraktion einen Antrag übermitteln kann, der dann, wenn er nicht allzu konträr den Grundpfeilern der Piratenpartei zuwiderläuft, im jeweiligen Parlament eingebracht wird. Am bescheuerten Namen soll’s ja dann auch nicht mehr scheitern. (Wenn’s wenigstens OpenSource wäre!) – Gelegentlich (ganz, ganz selten) glaubt man ja dann doch noch in das Gute in dieser Partei, wenn’s halt weniger Spinner in ihr gäbe.

Gelegentlich (ganz, ganz selten) glaubt man ja dann auch noch an das Gute in der Musikindustrie. Den diesjährigen „Echo“ (so ein medial zelebrierter Musikpreis, mithilfe dessen die Popindustrie die Popindustrie dafür belohnt, eine Popindustrie zu sein) gewannen neben allerlei Musikern, die man vermutlich nicht einmal kennen sollte, auch Led Zeppelin und Hannes Wader. Hannes Wader, der jungen Generation womöglich bis dato unbekannt, ist ein Volkssänger (nicht zu verwechseln mit Schlagersängern), der in den 1970er Jahren mit allerlei Gesellschaftspolitischem Bekanntheit erlangt hatte.

Man möge aber nur nicht glauben, die Musikindustrie sei bereit, einem nicht mit ihrer Fixierung auf die musikalischen Vorlieben junger Leute kompatiblen Musiker, gleichwie legendär er auch sein mag, eine eigene Bühne zu bieten. Da fehlt’s am Punk, und Campino kann den Text nicht. Irgendwas ist ja immer.

Und wie passend!

So vergeht Jahr um Jahr,
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war.

Guten Morgen.

In den NachrichtenPiratenparteiPolitikWirtschaft
Die Lage der Nation (Stand: 19. Juli 2013)

(Vorbemerkung: Ich würde mir niemals anmaßen, sachliche und ausgewogene Berichterstattung über politische Vorgänge, die mich als Wähler massiv missachten, auszuüben. Auch jetzt nicht.)

Ach was: Das deutsche PRISM ist wahrscheinlich doch dasselbe wie das US-amerikanische PRISM. Das Kanzleramt (CDU) widerspricht dieser Darstellung, das Verteidigungsministerium (CDU) bekräftigt sie. In anderen Ländern hätte man eine Regierung, deren Organe sich gegenseitig auf Kosten der Wähler belügen, vermutlich bereits unsanft entsorgt. Ob die Frage, ob es zwei oder nur ein PRISM gibt, mithilfe dessen deutsche Bürger kontinuierlich ihre Privatsphäre zugunsten irgendwelcher Sicherheit einbüßen, überhaupt die entscheidende ist, gilt es beizeiten zu prüfen.

(Ein kurzer Realitätsabgleich: 41 Prozent der deutschen Wähler würden momentan CDU/CSU wählen. Ein Staat, der euch das lästige Denken erspart, klingt doch einladend, oder?)

Und es bleibt nicht bei PRISM. Da kommt noch viel mehr. Und wir wollen wahrscheinlich gar nicht wissen, was das gekostet hat. Detroit ist nämlich pleite. Haben wir eigentlich schon mal eine ganze Stadt gerettet? Gibt es dort eine Bank?

Man sollte meinen, zumindest der Piratenpartei käme die politische Entwicklung zugute. Und tatsächlich erwacht sie aus dem Standbymodus und gründet, agil wie eh und je, erst mal eine AG Revolution. Vor wenigen Jahren wollte die Piratenpartei noch das System reformieren, jetzt prokrastiniert sie das in Arbeitsgruppen. Natürlich wäre es vielleicht auch für einen Wahlerfolg im September lohnenswert, bei seinen Leisten zu bleiben und mit einem klaren Profil zu punkten, aber es gibt andere Probleme zu lösen, Neonazis und Flaschenpfandkürzung und so. Die Regierung kritisieren kann man später auch noch.

Das mit PRISM, sagt der Innenminister, ist ja auch nicht so schlimm. Wir sollten stattdessen froh darüber sein, denn es räumt uns das Supergrundrecht der Sicherheit ein. Wir bekommen mehr Rechte und beschweren uns auch noch darüber, wir undankbares Volk.

Es gibt da übrigens noch so ein Super-Grundrecht, fest verankert im Grundgesetz:

(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.

(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Ich wäre dann jetzt so weit.

Piratenpartei
Ostdeutsche Intriganzpiraten

(Vorbemerkung: Vielleicht wäre es für das Ansehen der Piratenpartei klüger, auf diesen Text zu verzichten. Ich persönlich würde aber gern weiterhin mit Stolz statt voller Scham dazu stehen, Pirat zu sein; dazu gehört es, auch unbequeme Vorfälle zu protokollieren. Ich bin Pirat und ich finde das gut. – Alle Namen wurden gekürzt, um weiteren Schaden abzuwenden.)

In unserer beliebten Reihe „warum man die Piratenpartei momentan nicht in irgendwelchen Parlamenten sehen wollen sollte“ hat sich schon seit Wochen nichts mehr getan. Die Piratenpartei wäre aber nicht die Piratenpartei, wenn sie diesen untragbaren Zustand nicht schnellstmöglich revidieren würde. Nun: Mission erfolgreich!

Am Sonnabend nämlich fand in Dessau im schönen Sachsen-Anhalt, dem Land der Frühaufsteher (wer halt sonst nüscht hat), bekanntlich ein außerordentlicher Parteitag der dortigen Piratenpartei statt. Nachdem im Mai der Vorstand großteils zurückgetreten war, war der Landesverband praktisch entscheidungs- und damit handlungsunfähig. Dass die Einladungen für den anberaumten Termin teilweise einige Tage zu spät abgeschickt wurden und damit der Parteitag theoretisch anfechtbar ist, ist ein interessantes Bonmot, aber bei Piraten ja längst guter Stil. (Ob das noch zu Problemen führen wird, bleibt abzuwarten.)

Auf diesem Parteitag jedenfalls sollte also ein neuer Landesvorstand gewählt werden. Da die eigentlich beabsichtigte Versammlungsleitung, unter anderem bestehend aus dem gegenwärtigen Lebensabschnittsgefährten der ehemaligen Landesvorsitzenden, nennen wir sie Frl. O., womöglich aufgrund von Befangenheit nicht fähig gewesen wäre, sich nicht aktiv ins Wahlgeschehen einzumischen, bot sich ein Team aus Niedersachsen an, das bereits Erfahrungen als Versammlungs- und Wahlleitung gesammelt hatte; so hatte etwa der designierte Versammlungsleiter in diesem Team zuvor schon einige Parteitage auf kommunaler wie auf Landesebene geleitet. Dieses Team hatte sich, um optimal auf die Aufgabe vorbereitet zu sein, im Vorfeld des Parteitags quasi ununterbrochen mit der Geschäftsordnung des Parteitags beschäftigt und sie an vielen Stellen rechtssicher umgeschrieben, um weitere Anfechtungen zu erschweren. (Dass das nicht ganz geklappt hat, siehe oben, ist zumindest nicht dem Team anzulasten.) Bis dahin stand diese – von allen vermeintlich unbemerkt – wegen des Begriffs der „Beurkundung“, ursprünglich mittels copy & paste aus der Geschäftsordnung eines Bundesparteitags kopiert und somit für einen Landesparteitag eigentlich nicht einmal tauglich, auf sehr wackligen Füßen. Ein Hauch hätte genügt, sie umzuwerfen. Nun stand also ein eingespieltes Dreierteam aus optimal vorbereiteten Freiwilligen zur Verfügung, die Verantwortung für den reibungslosen Ablauf des Parteitags auf sich zu nehmen.

Es fällt mir als nicht direkt in den Entscheidungsprozess involviertem Piraten also nicht unbedingt leicht, etwas anderes als die Gier nach Machterhalt zu unterstellen, wenn ich den Umstand bewerten soll, dass Frl. O. eigens einen Gegenkandidaten für die Versammlungsleitung aus München (Bayern) einfahren ließ. Um ihrem Gegenkandidaten Rückhalt aus der Versammlung zu verschaffen, verbreitete sie wissentlich Unwahrheiten über die Konkurrenten; sie hätten das nie gemacht und keine Erfahrung oder dergleichen. Ja, Frl. O., sonst vor allem dafür bekannt geworden, sich nur allzu gern mit Leuten zu umgeben, die im Hintergrund die Fäden zu ziehen glauben, hat eine faszinierende Karriere hinter sich; von der Versammlungsleitungsnovizin zur Tellerwäscherin im inner circle. Dafür müssen andere lange buckeln!

Trotz aller Vernetzung und Strippenzieherei scheiterte ihr Vorhaben, die Wahl des neuen Vorstands unter die eigene Ägide zu stellen. Der eigens aus München angekarrte Versammlungsleiter bekam zumindest angesichts der erdrückenden Vielzahl an Menschen im Publikum – ganze 50 akkreditierte Piraten stellten den Höchstwert des Tages dar – Lampenfieber und weigerte sich, seinen zuerkannten Posten auszuüben. Stattdessen stellte er sich also als Wahlleiter zur Wahl; wohlgemerkt: als vollkommen unvorbereiteter Wahlleiter (der sich das durchaus anmerken ließ), der nicht einmal mit der gültigen (also alten) Geschäftsordnung vertraut war, wollte er einen Teil des eingespielten Teams ersetzen. Wohl auch aufgrund der Fürsprache Frl. O.s wurde er zumindest in diesem Amt bestätigt. Inwiefern das nun eine Verbesserung gegenüber der ursprünglich geplanten Besetzung sein sollte, ist mir unbekannt.

Der Parteitag lief dann auch ohne größere Probleme ab. Warum nun eigens jemand aus Bayern anreisen musste (wofür ihm Fahrtkosten aus Parteikassen zustehen), bleibt zu hinterfragen. Die Torpedierung der Versammlungsleitung ist zumindest gescheitert. Beängstigend ist jedoch, warum es sich ein ganzer Landesverband, in dem es in den letzten Monaten nicht unbedingt gesittet und produktiv vorging, es fördert, dass ein ehemaliges Vorstandsmitglied versucht einen geregelten Ablauf der Neuwahl zu verhindern. Bedenklich ist dabei auch, dass dieses ehemalige Vorstandsmitglied wohl keinerlei Konsequenzen zu befürchten hat.

Wer will Popcorn?

In den NachrichtenPiratenpartei
„Mit dem Handy komme ich sogar in die Zeitung!“

In der beliebten Reihe „Piraten geben dumme Antworten auf dumme Pressefragen“ hat René Rottmann im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten nachgelegt.

Es beginnt mit einer schwachsinnigen (und schon viel zu oft beantworteten) Frage:

„Fluch der Karibik“ ist ein toller Piratenfilm, die Piraten vor Afrika sind schlechte Menschen – Piraten, ein doofer Name?

Prima wäre eine Antwort wie: „(Ihre dümmliche und vor allem abgelutschte Einstiegsfrage verdirbt mir bereits beinahe die die Lust, weiter mit Ihnen zu reden, aber gnädigerweise) möchte ich zumindest darauf verweisen, dass unser Name nichts mit Seeräubern zu tun hat.“

Eher ungut hingegen ist unter anderem die gegebene Antwort:

Der Name ist historisch gewachsen. Er kommt aus Schweden und hängt zusammen mit einer verbotenen Internet-Plattform, die viele Menschen genutzt haben. Und wir machen ja auch was Gutes mit dem Namen Piraten. Und schließlich ist man ja auch kein schlechter Mensch, wenn man im Internet Filme herunterlädt.

Es ist zwar sachlich korrekt, dass die Piratenpartei dem Dunstkreis der Tauschbörse The Pirate Bay entstammt, aber diese ist nicht verboten. (Eine Tauschbörse mit dem Herunterladen von Kinofilmen gleichzusetzen ist übrigens ein Fauxpas, den die Industrie gern begeht. Von einem Piraten hätte ich hingegen mehr erwartet.) Das wäre natürlich eine Steilvorlage gewesen, dem Fragesteller in Kürze nahe zu bringen, warum und in welchem Ausmaß die Piratenpartei sich für die Reformierung des Urheberrechts stark macht. Stattdessen wurde sich hier dem Duktus der politischen Gegner angepasst. Damit wurden 100 Prozent der Chancen, dass das Interview irgendeine Relevanz bekommt, verspielt. Ansonsten: Glatt gebügeltes Geschwafel. Das ist etwas schade.

Und was qualifiziert Herrn Rottmann dazu, ausgerechnet Direktkandidat zu sein? Nun:

(…) es sind – wenn es hoch kommt – 15 aktive Piraten. Es gibt keinen Kreis- oder Ortsverband. Aber alle Piraten aus dem Wahlkreis haben einstimmig mich gewählt und die stehen auch voll hinter mir.

Wie viele von diesen höchstens 15 Piraten wahlberechtigt und anwesend waren, weiß ich zwar nicht, jedoch gehe ich aufgrund von Erfahrungswerten mit anderen Aufstellungsversammlungen davon aus, dass es nicht viel mehr als 4 waren. Dass diese 4 sich auf einen Kandidaten einigen konnten, ist wahrlich erstaunlich.

Eines aber hat René Rottmann verstanden:

Die Leuten wollen die Landtags- oder Bundespolitiker nicht mehr hören, die schwafeln ja nur.

Er zieht jedoch die falschen Konsequenzen, wenn er seine Eignung für den Bundestag beschreibt:

Durch meine Ausbildung bin ich sehr geübt im Umgang mit Gesetzestexten. Und ich kann nicht schwafeln, das ist eine meiner Stärken.

Aber kennt René Rottmann überhaupt seinen Wahlkreis?

Blicken wir in die Region, diesen etwas speziellen Wahlkreis rund um den Großraum Ibbenbüren mit Emsdetten, Greven und Saerbeck als Anhängsel – kennen Sie sich aus im Tecklenburger Land?

Rottmann: Mit dem Bus komme ich da bestimmt hin. Ich bin digital Native, ich mache alles mit dem Handy. Ich kann überall alles finden.

In anderen Worten: „Nie davon gehört, aber ich kann ja mal die Wikipedia fragen.“ – „Ich mache alles mit dem Handy“ ist jedenfalls ein ziemlich interessanter Kernsatz in diesem Dialog, über den jeder Leser nun für ein paar Minuten sinnieren sollte, bis er seine komplette Gurkigkeit erfasst zu haben glaubt.

Dann geht es weiter. Nach einigem Geplänkel über Schulformen und -reformen („wir brauchen … eine einzige Schulform, bei der alles rauskommen kann“, ahja) wird es wieder persönlich. Wo wolle er, René Rottmann, Akzente setzen?

Der Gesellschaft die Illusion der Vollbeschäftigung zu nehmen ist ein Schwerpunkt.

Ich weiß nicht, ob „Ihr könnt übrigens nicht alle arbeiten!“ ein gutes Wahlkampfmotto ist, aber der Versuch kann ja nicht schaden, nicht wahr? Wer mit einer derartigen politischen Unbedarftheit in den Wahlkampf zieht, hat noch nicht automatisch verloren, immerhin ist die Laienhaftigkeit einer der menschlichen Vorzüge der Piratenpartei; ein bisschen umsichtiger könnte man allerdings schon sein. Der Nachsatz, man habe stattdessen immerhin ein bedingungsloses Grundeinkommen im Programm, relativiert den Schwerpunkt nur unzureichend.

(Für die munteren Mitleser empfohlener Suchbegriff: „Demografischer Wandel“.)

Auf die Frage, ob er Angst habe zu scheitern, antwortete René übrigens:

Nein! Bei der Landtagswahl habe ich es ja auch geschafft, die Piraten nicht zu blamieren.

Gut, dass zumindest dieser Fehler endlich behoben werden konnte.

(Offenlegung: René ist mir – mehr oder weniger – persönlich bekannt und einiges von mir gewohnt.)

In den NachrichtenMontagsmusikPiratenpartei
Ton Steine Scherben – Jenseits von Eden

Am Wochenende hat der Bundesparteitag der Piratenpartei Deutschland in Neumarkt einen Teil des Bundesvorstands neu gewählt. Der Posten des ersten Vorsitzenden bleibt mit Bernd Schlömer, der die Partei auch schon mal öffentlich und entgegen der Meinung der von ihm oft vorgeschobenen Basis als sozialliberal und für einen Wahlkampf zu demotiviert bezeichnet und auch sonst eine Menge Stuss vor sich hinplappert, wenn er nicht gerade einen lichten Moment hat, besetzt. Nun, jedes Volk bekommt den Schlächter, den es verdient.

Den Montagskater macht das alles auch nicht besser; zumal man aufwacht und die Welt immer noch die alte ist. Tempora non mutantur, was praktisch ist, weil man sich dann selbst nicht verändern muss. Man würde es eben nur gern können.

Ton Steine Scherben – Jenseits von Eden

Liebe – was ist das? Das ist das Leben in der Stadt.
Was soll daran schlecht sein? Liebe kommt von unten,
Liebe hat schwache Worte; ach, ich bin so müde…

Manchmal wünscht man sich, der Teufel bliebe im Detail stecken.

Guten Morgen.

PersönlichesPiratenpartei
Abrechnung mit Fabian Reinbold

(Vorbemerkung: Ich bin gegenwärtig kein Funktionsträger der Piratenpartei, jedoch allmählich übermäßig genervtes Basismitglied.)

Jeder kennt sie, die populistischen Schmierfinken, die für eine billige Schlagzeile jedes Risiko für Dritte in Kauf nehmen würden. Bei der BILD ist diese Haltung offenbar zwingend vorausgesetzt, das muss nicht explizit erwähnt werden.

Man sollte aber darüber nicht vergessen, dass auch andere Magazine Brandstifter beherbergen.

Bei SPIEGEL ONLINE etwa treibt seit Jahren Fabian Reinbold sein Unwesen, der seit August 2011 dafür bezahlt wird, den Mythos Piratenpartei zu entzaubern. (Und ich hatte schon gedacht, das „Ressort Politik“, in dem er beschäftigt ist, hätte irgendwas mit Politik zu tun.) Die Welle an piratenkritischen Artikeln auf SPIEGEL ONLINE trägt zu einem beeindruckenden Teil seine Handschrift, gelegentlich auch zusammen mit Kollegin und (laut ZDF-Angestellter „koegler.nicole“) Piraten-Expertin Annett Meiritz, die es zumindest noch manchmal schafft, ihre Aversion gegen die Piratenpartei – mit Ausnahme von Marina Weisband, die sie anscheinend sehr mag – leidlich gut zu verbergen.

Dabei geht Fabian Reinbold so weit wie sonst nur die BILD. Einer seiner Artikel etwa kostete aufgrund einer womöglich bewusst missverständlichen, in diesem Kontext falschen Formulierung eine nur nebenbei erwähnte Angestellte der Berliner Piraten im weiteren Diskussionsverlauf ihren Arbeitsplatz. (Da ich nicht Fabian Reinbold bin, verzichte ich auf Namensnennung oder andere Details, die eine Identifikation der anderen Beteiligten vereinfachen.) Das allein ist eigentlich Grund genug, dass es mir nicht leicht fällt, ihm gegenüber die Contenance zu wahren. Zu rücksichtslosen Populisten sollte man nicht nett sein, denn das werden sie gegen dich verwenden; und dass es Fabian Reinbold bisher auf Parteitagen stets geschafft hat, mich zu meiden, ist bedauerlich, denn sonst hätte ich vermutlich längst die Gelegenheit genutzt, ihm in meiner bekannt umgänglichen Art seinen Beruf zu erklären. Journalisten nämlich tun so etwas nicht.

Aber Fabian Reinbold ist Teil dieser Presse, die wir unbedingt brauchen. Somit ist er auch weiterhin nicht nur geduldet, sondern auch erwünscht. „Auch schlechte Presse ist Presse“? Ich bezweifle es. Nach meinem Dafürhalten sollten Boulevardjournalisten, die nicht berichten, sondern mit Suggestivfragen an möglichst prominente Parteimitglieder aufbauschen und Skandale herbeischreiben wollen, nach dem spätestens dritten Vergehen (three strikes hat sich ja bewährt) lebenslanges Hausverbot auf offiziellen Parteiveranstaltungen erhalten, und ich bin nach meinem Kenntnisstand nicht der Einzige, dessen fehlende Entscheidungsgewalt alles ist, was zwischen Fabian Reinbold und entsprechenden Konsequenzen steht. So jedoch kann er auch weiterhin jedes missverständliche Wort, jede Halbinformation nutzen, um daraus einen weiteren Untergang für die Partei zu machen. Das neueste Skandälchen ist das Mittelfinger-„Gate“. (Von dem kindischen Wort „Stinkefinger“ nehme ich Abstand – meine Finger duften.)

Achtung, es wird selbst für Piratenverhältnisse peinlich: Auf einem Foto zeigen mehrere Freibeuter demonstrativ Parteichef Bernd Schlömer den Mittelfinger. Das Bild postete ein Landesgeschäftsführer. Schlömer sieht den Beginn einer „Treibjagd auf einen Menschen“.

(Hervorhebung von mir; bitte beizeiten mit der journalistischen Ethik des SPIEGELs vergleichen.)

Dass Fabian Reinbold nicht verstanden hat, dass „Freibeuter“ im Piratenumfeld für „Sympathisanten, die (noch) keine Mitglieder sind“ steht, ist ausnahmsweise nicht schlimm; dieses Wissen ist auch parteiintern leider kaum verbreitet. Doof nur, dass er auch sonst die falschen Schlüsse zieht. Ein „Parteichef“ (der bei den Piraten auch nur ein einfaches Mitglied ist, was man gar nicht oft genug erklären kann), der stellvertretend für die Piraten bekannt gibt, dass der Wahlkampf wegen fehlender Kraft und Motivation quasi ohnehin vergebens sein würde, tritt so mit Anlauf denen in den Hintern, die viel wertvolle Lebenszeit in die Parteiarbeit investieren. Ein ausgestreckter Mittelfinger ist ein Witz dagegen. Das ist keine Treibjagd auf einen Menschen, das ist mehrheitliches Ekligfinden dessen, was Bernd Schlömer so in die Gazetten blubbert. Wohl niemand der Treibjäger wünscht Herrn Schlömer nachhaltigen persönlichen Schaden. Nur als Obervorstand taugt er halt nix, und die Piratenpartei ist nun einmal so strukturiert, dass ein herzliches „halt‘ endlich mal die Klappe, Chef, du redest zu viel Scheiße“ als Meinung der Basis und nicht als Affront gewertet wird. Die einst von unter anderem Gerhard Schröder populär gemachte Vertrauensfrage würde Bernd Schlömer nach meinem Empfinden aufgrund diverser Diskussionen innerhalb der Basis einen äußerst geringen Zuspruch attestieren; trotzdem nehme ich an, dass er anders als Johannes Ponader sein Amt auf dem kommenden Bundesparteitag in Neumarkt nicht einfach niederlegen wird. (Positive Überraschungen erwarte ich von ihm schon lange nicht mehr.) Das ist etwas bedauerlich.

Aber zurück zu Fabian Reinbold. Dieser kann sich offenbar selbst nicht entscheiden, worin nun eigentlich sein Problem mit der Piratenpartei liegt. Kurz nach seinem Dienstantritt bei SPIEGEL ONLINE 2011 befürchtete er noch, die Piraten würden sich angreifbar machen. Später war ihm das bei der Suche nach einem Schuldigen nur Recht: Letztes Jahr war es Johannes Ponader („Das Piraten-Problem heißt Ponader“, Oktober 2012), letzten Sonnabend war es Sebastian Nerz, nur Bernd Schlömer ist es nie. Wie man es als Pirat schafft, von Fabian Reinbold für jedwelches Tun in Schutz genommen zu werden, erschließt sich mir nur als Vermutung – die beiden haben in ihrer Vorgehensweise viel gemeinsam.

Man verstehe mich nicht miss: Kritische Berichterstattung ist gut und wichtig. Wer jedoch keinen Hehl daraus macht, dass er die Piratenpartei („peinlich“, siehe oben) nicht nur kritisch betrachtet, sondern in seiner Berichterstattung gezielt, nun, Partei gegen sie ergreift, mag vielleicht ein talentierter Blogger sein, für einen Vertreter von SPIEGEL ONLINE, mithin der so genannten „Presse“ (das Wort hängt etymologisch mit „pressen“ zusammen, nicht?), ist das aber kein Verhalten, das man fördern sollte.

Ich empfehle diesen Text als eine Warnung zu betrachten. SPIEGEL ONLINE ist kein seriöses Medium. Seine Vertreter sind oft skrupellose und gefährliche Menschen, denen es nicht um die journalistische Wahrheit geht und die für eine reißerische Schlagzeile auch berufliche Existenzen zu vernichten imstande sind. Es ist falsch, diesen Leuten eine Plattform zu geben, auf der sie sich in Szene setzen können.

Angeblich hat Fabian Reinbold sein Handwerk an der Deutschen Journalistenschule in München gelernt. Diese Schule sollte man im Auge behalten.

SPIEGEL ONLINE darf mich hier gern zitieren.

FotografiePersönlichesPiratenpartei
#lmvnds132

Gifhorn. Kann man mal hin, muss man aber nicht.

Jedenfalls nicht unvorbereitet.

#LMVNDS132

Manche(*) nennen es Politik.

* Piraten

In den NachrichtenMir wird geschlechtPiratenpartei
Medienkritik in Kürze: Nochemaa #PiratinnenKon

Noch ein Kurzer zum Thema PiratinnenKon:

Dem geschlechtsneutralen Onlineportal BRIGITTE.de („Mode, Beauty, Figur, Frauen“ und so weiter) gab Organisatorin Christiane Schinkel ein Interview. Dort stellte sie unter anderem heraus, dass in der Piratenpartei zu viele Männer einem Konkurrenzdenken unterliegen würden, das der Gleichberechtigung im Wege stehe.

Natürlich kommt das Gespräch nicht ohne das leidige Thema „die bösen Kritiker“ aus:

(…) auf Twitter brach im Vorfeld ein heftiger Shitstorm über uns hinein. Nicht von Piraten, sondern von so genannten „Männerrechtlern“. (…) Von der „Diktatur des Feminismus“ war da die Rede, oder es wurde uns unterstellt, wir würden Männer ausschließen. Für diese Männer sind Frauen, die für ihre Rechte kämpfen, ein Feindbild.

(Formatierung von mir.)

Männerrechtler sind, wie der Name schon sagt, Männer, die für ihre Rechte kämpfen. Laut Mitgliedern der – nach eigenen Angaben – geschlechterdemokratischen Heinrich-Böll-Stiftung („Heinrich Böll Stiftung“) sind sie oft rassistisch und homophob, und man müsse offensiv mit ihnen umgehen.

In den Regeln der PiratinnenKon war vor der beabsichtigten Verwässerung zu lesen:

Ich weiß, dass Wortbeiträge, die diesem Thema entgegen arbeiten oder widersprechen (z.B. Maskulinismus, Männerrechtler) auf dieser Konferenz keinen Raum erhalten werden.

Offensichtlich sind für die Frauenrechtler Männer, die für ihre Rechte kämpfen, ein Feindbild. Aber darüber schreibt BRIGITTE.de natürlich nicht.

Randnotiz: Die etwa 100 Teilnehmer an der PiratinnenKon am Wochenende machten etwa 2,5 Promille aller Piraten aus.

PiratenparteiPolitik
Die Welt vom Sofa aus verändern: Digitales Demonstrieren auf Piratisch

Sehr geehrte Visa/MasterCard,

über die Piratenpartei habe ich selbst wie auch viele andere aufgrund der unfassbar bekloppten „PiratinnenKon“ in den letzten Tagen einigen Spott ergossen. Aber die Piraten wären nicht die liebenswerten Chaoten von früher, wenn sie nicht noch eine gehörige Schippe – hoffentlich – Selbstironie draufzulegen wüssten.

Am 14. und 27. April 2013 werden – von mir an dieser Stelle, sofern zeitlich nicht unpassend, ausdrücklich empfohlene – Demonstrationen gegen die Bestandsdatenauskunft stattfinden. Hierbei ist es von Belang, dass die zuständige Regierung hiervon Kenntnis nimmt. Die Piratenpartei geht mit gutem Beispiel voran: Nicht nur ruft der niedersächsische Landesvorsitzende jeden seiner Verfolger dazu auf, sein Avatarbild auf Twitter durch den Text „DEMO 14.4. NO #BDA“ zu ersetzen, was zum Einen die einst recht übersichtliche timeline vieler Menschen kein bisschen unübersichtlicher macht, zum Anderen die Herrschenden sicherlich immens beeindrucken wird, sondern es sind auch tatsächlich sinnvolle Aktionen geplant.

Zum Beispiel eine weitere Demonstration. Eine Online-Demonstration. Per Telefonkonferenz. Heute Abend wird auftakttelefoniert:

onlineBDADemo

Klar, die Piratenpartei will „Politik 2.0“ machen, frischen Wind und mehr Satire in der Politik etablieren. Die Logik dahinter verstehe ich aber noch nicht ganz. Was ich bisher in Erfahrung bringen konnte, ist diese Herangehensweise: Es gehe unter anderem um digitale Daten, deshalb solle eine Demonstration ebenfalls digital stattfinden. Zugegeben, schwachsinniger Symbolprotest wie dieser hat ja Tradition, man denke nur an die Femenproteste, in deren Verlauf Frauen mit nacktem Oberkörper gegen Sexualisierung protestieren.

Aber eine Online-Demonstration? Per Mumble? Begleitet von einem Video, wie man Mumble installiert, falls irgendein Teilnahmewilliger – auf welche Weise auch immer er von der Aktion erfahren hat – noch nie so einen Kompjuter angefasst hat?! Macht die CDU etwa auch mit?

Es ist selbstverständlich nicht zu erwarten, dass jeder, der gegen die Bestandsdatenauskunft protestieren möchte, sonderlich internetaffin ist. Allein: Während der „Freiheit statt Angst“-Demonstrationen 2009 skandierte man „wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns die Freiheit klaut“. So ein Protestpirat wird aber auch nicht jünger. Er möchte nicht mehr laut sein, er möchte nicht einmal mehr hier sein. „To mumble“ bedeutet etwa so viel wie „Murmeln“. Das Rauschen im frischen Wind.

Aus Protest gegen die elektronische Gesundheitskarte werde ich jetzt erst mal krank. Vive la révolution!

In den NachrichtenMir wird geschlechtNetzfundstückePiratenpartei
#PiratinnenKon

Zur zurzeit zu Ende gehenden, von Mitgliedsbeiträgen finanzierten „PiratinnenKon“, der, wie der einschlägigen Presse zu entnehmen ist, als workshop zur gemeinschaftlichen Erfassung der Gründe, warum Feminismus total viel wichtig und Maskulismus total viel schädlich für die politischen Ziele der – ausgerechnet – Piratenpartei ist (Irrsinn), angelegt war, ist alles Nötige auf Twitter zu lesen.

Die keynote, gehalten von einer linken Feministin, handelte davon, dass, um Diskriminierung zu bekämpfen, es sinnvoll sei, selbst zu diskriminieren. Einfach mal Männer beschimpfen und – Zitat – gucken, wie sich das anfühlt. Guter Anfang.

Zwar wurde, weil auch viele denkende, feminismuskritische Menschen anwesend waren, die Diskussionsphase – das sei lobend erwähnt – wertneutral vom Miteinander in der Partei anstelle des alten Männer-Frauen-Streits beherrscht. Man bedenke: Es gibt mehr als zwei Geschlechter.

Leider blieb es nicht piratig. (Unbedingt die Kommentare lesen!)

Am Anfang der PiratinnenKon stand eine gegenseitige Huldigung der Veranstalterinnen, Danksagungen an sich selbst. Wahrscheinlich hatten sie geahnt, dass das hinterher nicht mehr geht.

Eine PiratenKon ist geplant.


Nachtrag: Ich empfehle außerdem Hadmut Danischs ausführlichen Bericht. Vorsicht: Realsatire.

PersönlichesPiratenpartei
Beauftragungspiraten my ass.

(Vorbemerkung: Leider ist dieser Text zu lang für Twitter. Er ist eine Antwort auf die mir dort gestellte Frage, wieso ich mich dem allgemeinen Jubel nicht anschließen möchte.)

Was mir in der medialen Berichterstattung über die Piratenpartei übrigens außer der nur mäßig gut getarnten Aversion seitens der üblichen SPIEGEL-ONLINE-Schreiberlinge, die sich auf jedem verschissenen Parteitag blicken lassen, um Skandälchen zu suchen und kleinste Unstimmigkeiten zu meterlangen Klickstrecken aufzubauschen, denen aber trotzdem kein Hausverbot erteilt wird (wir brauchen sie ja, denn wie sollen sie sonst negativ über die Partei berichten?), ziemlich missfällt, ist dieses Gewese um irgendwelche Beauftragten.

Die Piratenpartei ist als basisdemokratische Mitmachpartei konzipiert, in der jede Stimme grundsätzlich gleich viel Gewicht hat. Der Gedanke dahinter ist die Schwarmintelligenz, also die vage Hoffnung darauf, dass viele Köche den Brei nicht verderben, sondern bis nahe der Perfektion verfeinern. Nichtsdestotrotz ist irgendjemand auf die strunzdämliche Idee gekommen, Arbeitsabläufe (etwa beim Umgang mit der hofierten Presse) erleichtern zu können, indem man Beauftragungen erteilt. „Beauftragte“, dies sei kurz erläutert, sind im Wesentlichen das, was früher „Themenpiraten“ hieß: Der Vorstand der jeweiligen Gliederung, die gern „Beauftragte“ für irgendwas hätte, ernennt in Eigenregie einzelne Mitglieder zu solchen. Positiv wirkt es sich aus, wenn diese Mitglieder bereits irgendwas zum jeweiligen Thema beigetragen haben.

Und so ist – nur ein Beispiel – die ehemalige niedersächsische Spitzenkandidatin Katharina „kattascha“ Nocun als Datenschutzbeauftragte nunmehr die einzige Person, die in der Öffentlichkeit zum Thema Datenschutz befragt wird. Dass es eine aktive AG Datenschutz gibt, interessiert niemanden mehr. Auf Twitter wurde heute auf ein Radiointerview hingewiesen, in dem es um die Bestandsdatenauskunft (ein sicherlich datenschutzrelevantes Thema) gehen sollte – eingeladen war natürlich die Beauftragte. Auch sonst ist eine gewisse Monokultur zu sehen: Die Themenbeauftragte, die Themenbeauftragte, die Themenbeauftragte.

Auf meine Frage, welchen nachweisbaren Mehrwert gezielte Beauftragungen mit sich bringen, erhielt ich von keinem der Befragten bisher eine zufrieden stellende Antwort. Das ist ein bisschen schade.

Man verstehe mich nicht falsch: Es ist gut und unterstützenswert, dass es in der Piratenpartei Menschen mit Hirn gibt, die auch mal zu Wort kommen. Das hebt sie wohltuend von den meisten anderen Parteien ab. Bedauerlich ist jedoch, dass dadurch in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, das Konzept Schwarmintelligenz („Themen statt Köpfe“) sei aufgeweicht. Ich erwarte ja gar nicht, dass – nur ein Beispiel – Frau Nocun sich etwas zurückhält, denn den meisten ihrer Ausführungen kann ich zustimmen, wenngleich ich ihre Art zu reden sehr anstrengend finde. Ich würde mir jedoch wünschen, dass diese Beauftragungen den Status der impliziten Exklusivität wieder ablegen.

Was spricht dagegen, auf Interviewanfragen zum Thema Datenschutz einfach mal die AG Datenschutz zu fragen, ob es eine Konsensmeinung gibt, statt die Datenschutzbeauftragte losschnattern zu lassen? Was spricht dagegen, die Presse mit dem Arbeitsstand der Arbeitsgruppen statt mit der Einzelmeinung der Beauftragten zu konfrontieren? Die Motivation, sich aktiv einzubringen, schwindet mit sinkender Aussicht auf Relevanz des Geleisteten. Wenn absehbar ist, dass man doch nur den Sprachrohren für „sein“ Thema zuarbeiten wird, dann lässt man es vielfach ganz sein. Zuckerbrot und Peitsche.

Ich als Einzelperson distanziere mich davon, dass Beauftragte „in meinem Namen“ sprechen, denn Basisdemokratie funktioniert so nicht. Ich würde mir mehr Basis- und weniger Pressearbeit wünschen.

Leider weiß ich aber nicht, ob es bereits einen Wunschbeauftragten gibt.

Piratenpartei
#ökogate

Im vorigen Dezember schrieb ich:

Sagt mir, Piraten: Warum sollte man uns wählen? Weil wir uns so toll für Umwelt und Bildung einsetzen und weil wir irgendwas mit sozial im Programm haben?

Anti-Atomstrom-Aktivistin Kine Haasler, bekannt geworden durch allerlei wirre Wahlkampfaktionen, hat nun unter großem Tamtam ihren Austritt bekanntgegeben. Ihre Begründung: Sie sei Aktivistin und keine Politikerin. Ja, das stimmt so.

Viele Wähler haben ihre Stimme bei der Landtagswahl 2013 in Niedersachsen nur deshalb nicht der Piratenpartei gegeben, weil es ihr an einem klaren Profil mangelte. In den Wahlkampf wurde mit Energie- und Bildungspolitik gezogen – nichts, was die Grünen oder die Linke nicht schon seit langem selbst vertreten würden. Das Problem der Piratenpartei waren niemals die „innerparteilichen Streitereien“, denn die gibt es selbst in der alles andere als transparenten CDU („Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“, „Ich kann den Scheiß nicht mehr hören“, „Du machst mit deiner Scheiße alle Leute verrückt“ – so weit bekannt). Das Problem der Piratenpartei waren und sind die Aktivisten, die aus den unterschiedlichsten Strömungen stammen.

Zweifellos wurde die Piratenpartei selbst von Aktivisten für freien Dateitausch gegründet. Das ist kein Grund, weitere Aktivismen hinzuzufügen, denn es verwässert ihre Ziele. Der Austritt Kine Haaslers, obschon bejammert als „Zeichen für den Untergang“, da mit ihr auch ein aktives Mitglied die Partei verlässt, setzt ein klares Zeichen: In der Piratenpartei verwurzelte Aktivisten für „grüne“ Themen sehen sich mittlerweile außerstande, ihre Ziele als Pirat zu erstreiten.

Die Behauptung, mit der Piratenpartei ginge es bergab, kann nun nicht mehr unwidersprochen hingenommen werden. Tatsächlich hat das Abschneiden bei der niedersächsischen Landtagswahl nun zur Folge, dass sich das Profil der Partei endlich wieder schärft, da diejenigen, die vollmundig „wir brauchen ein Vollprogramm und auf jede noch so dumme Frage eine Antwort“ skandierten, ganz kleinlaut geworden sind. Schwarmintelligenz funktioniert manchmal eben doch.

Vielleicht überlege ich mir das mit der Bundestagswahl ja doch noch mal.

PiratenparteiSonstiges
Für mehr Respektanz!

Die Suche, nein, S(ehns)ucht nach Anerkennung liegt in der Natur vieler denkender (zumeist Rudel-)Tiere, und auch der Mensch ist davon nicht ausgenommen. Eine der meistverbreiteten Ausdrucksformen dieser Anerkennung ist der Respekt. Der Duden, bekanntlich sprachabbildendes Werk, kennt zurzeit drei weite Bedeutungen des Wortes „Respekt“, von denen uns Nicht-Schriftsetzer nur zwei interessieren müssten:

  1. auf Anerkennung, Bewunderung beruhende Achtung
  2. vor jemandem aufgrund seiner höheren, übergeordneten Stellung empfundene Scheu, die sich in dem Bemühen äußert, kein Missfallen zu erregen

Wie ich nun darauf komme? Offenbar werden auf der gegenwärtig noch andauernden Bundestagsaufstellungsversammlung des Piratenlandesverbandes Berlin außer Ja- und Nein-Stimmzetteln auch so genannte „Respektkarten“ verteilt, die offenbar keinen Wahlzwecken dienen, sondern nur darum bitten, die Menschenwürde zu achten oder so.

Dumm nur: Das ist kein Respekt.

Die meisten Menschen, die von „Respekt“ sprechen, meinen damit „Furcht vor Konsequenzen“. Wer seine Vorgesetzten respektiert, der will damit meist zum Ausdruck bringen, dass er ihren Anweisungen Folge leistet – nicht aus Bewunderung, sondern, weil er sonst sehr schnell keine Vorgesetzten mehr haben wird. Natürlich kenne ich Ausnahmen, also Vorgesetzte, die tatsächlich Respektables geleistet haben. Respekt aufgrund von Autorität ist aber keine Achtung, sondern Scheu.

„Respekt muss man sich verdienen“, so lautet eine Weisheit. Man kann nicht zur Respektsperson gewählt oder befördert werden, dadurch wird man allenfalls zur Ehrfurchtsperson. Die Silbe „-furchts-“ ist hier übrigens sehr wichtig, denn sie hebt den Unterschied zwischen den beiden Begriffen hervor. Es ist gefährlich und dumm, Einschüchterung, Respekt (also „auf Anerkennung, Bewunderung beruhende Achtung“) vor Menschen und „Respekt“ vor Eigenschaften von Menschen (etwa der Menschenwürde) miteinander in einen Topf zu werfen.

Es steht für mich außer Frage, dass es wichtig ist, jedem Menschen seine Menschen-, jedem Bürger seine Bürgerrechte zuzugestehen, ob Versammlungsfreiheit, Gerechtigkeit bei der Suche eines Arbeitsplatzes oder das Recht darauf, nicht verprügelt zu werden, nur weil man die falsche Hautfarbe, Weltanschauung oder Parteizugehörigkeit besitzt.

Bei den erwähnten „Respektkarten“ geht es darum, „ein Zeichen für Toleranz“ zu setzen. Nun, „Toleranz“ ist auch so ein Wort: Was man toleriert, muss man noch lange nicht akzeptieren. Womöglich ist es empfehlenswert, das Wort „Toleranz“ aus dem aktiven Wortschatz zu streichen, in fast jedem Fall – von der Mathematik abgesehen – ist einzig „Akzeptanz“ der passende Begriff. Respekt gleich Toleranz gleich Akzeptanz, bedeutet ja doch alles dasselbe? Keineswegs!

Jedes Mitglied einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft sollte die Gleichheit der Menschen (seien’s nun Männchen, Weibchen, Transsexuellchen, Menschen unterschiedlicher Ethnien, Angehörige unterschiedlicher Religionen, Vertreter unterschiedlicher Weltanschauungen und sexueller Ausrichtungen, Linke, Rechte, ich) verstehen und akzeptieren und seinen Teil dazu beitragen, dass sie durchgesetzt wird und bleibt. Man sollte aber zwar jeden dieser Menschen gleichermaßen achten, jedoch sollte man mit der Vergabe des eigenen Respekts nur sparsam haushalten. Respekt für eine Person ist immer auch eine mentale Unterwürfigkeit, und Unterwürfigkeit sollte niemals von höherer Stelle erzwungen werden.

Menschen sind Egoisten, das sollte nicht vergessen werden.

Jemanden dafür zu „respektieren“, dass er zu einer gesellschaftlichen Minderheit (Frauen in Führungspositionen, Migranten, F.D.P.-Mitglieder) gehört, ist Käse. Es ist indes gut und richtig, ihn gegebenenfalls dafür zu respektieren, dass er trotz gesellschaftlicher Diskriminierung (in jedenfalls zwei der genannten drei Fälle) eine starke Persönlichkeit bewahrt und vielleicht sogar Karriere macht. Diesen Unterschied gilt es zu verstehen. Wenn dies geschafft ist, steht dem Respekt nichts mehr im Wege. (Cineasten empfehle ich an dieser Stelle den Film „Der Pate“.)

„Respektiert meine Autoritä!“
— Eric Cartman, „South Park“

In den NachrichtenPiratenpartei
Medienkritik in Kürze: Die Zeugen Ponaders

Nur noch mal kurz zum Realitätsabgleich, was die mediale Aufmerksamkeit doch für ein wankelmütiges Biest ist:

Marina Weisband, erklärter Liebling der Medien (denn sie sei „(e)ine junge Frau, die zwei gerade Sätze herausbringt, und dabei auch noch gut aussieht“), analysierte vor einigen Tagen den Zustand der Piratenpartei und forderte, dass sie sich endlich wieder mehr auf ihre Wurzeln besinnen solle.

Das Ergebnis: Es wird virtuell zu ihr gebetet und ihre Rückkehr an die Parteispitze erhofft, auf dass sie die angezählte Partei zurück ans Licht führen möge. Angezählt? Ja, und das liegt allein am politischen Geschäftsführer Johannes Ponader, heißt es.

Johannes Ponader nämlich, erklärter Schuldiger an jeder Wahlniederlage der letzten Monate, heißt es in den Medien, analysierte vor einigen Tagen den Zustand der Piratenpartei und forderte, dass sie sich endlich wieder mehr auf ihre Wurzeln besinnen solle.

Das Ergebnis: Die anderen Mitglieder des Bundesvorstands beschimpfen Johannes Ponader öffentlich und finden seine Aussagen gar nicht gut.

Vielleicht ist er nicht niedlich genug.


Nachtrag (zum Thema) vom 7. Februar 2013:

Falls sich noch jemand fragt, warum in Berlin lediglich zwei Abgeordnete der Piratenpartei unbeliebter sind als Klaus Wowereit: Das könnte daran liegen, dass zumindest einer von ihnen sich etwas zu wichtig nimmt.