Archiv für die Kategorie ‘Musikkritik’.

Musik, die ich nicht unkommentiert ins Regal stellen möchte, wie auch meine Halbjahresrückschauen finden hier Platz.

Musikkritik
Muss man nicht kennen: Erdmöbel – Krokus

Einer meiner Leser unterstellte mir trotz meines Bekenntnisses zum Musikfaschismus vorhin einen massenkompatiblen Musikgeschmack, als ich das prima Lied „Bleed It Out“ der missverstandenen Musikgruppe Linkin Park zitierte. Ich gebe allerdings auch zu, dass mir, musikalisch gesehen, „Who Do You Think You Are?“ von den Spice Girls weniger auf den Sack geht als dies eigentlich der Fall sein sollte.

Was hingegen mal so gar nicht geht, ist das Album „Krokus“ der seltsamen Band Erdmöbel. Das Föjetong findet’s spitze, ich find’s gähn.

Vielleicht verstehe ich dieses Album einfach nur nicht, ähnlich erging es mir mit Grindermans „Grinderman 2“, jedenfalls aber scheinen mir jegliche Vergleiche, die das Föjetong so anstellt, weit hergeholt zu sein. Lukas Heinser, der ansonsten einzige Popkulturblogger, den ich auf Dauer ertragen kann, verglich Erdmöbel letzten Monat textlich mit irgendwas zwischen Tocotronic und PeterLicht, und irgendwie sind die Texte hier auch der einzig nennenswerte Aspekt, die Melodien werden in den mir bekannten Rezensionen nur als Nebenbemerkungen erwähnt, das liest sich dann etwa so:

Erdmöbel sind zu vielschichtig, als das man sie einer bestimmten Gattung zuordnen könnte. Pop, Rock, Jazz, Easy-Listening, Bossa Nova, ja sogar etwas schlagerhaftes transportieren die Melodien der Band.

Man sieht förmlich den Kopf des Schreibers rauchen. Oh nein, hat er sich vermutlich gedacht, das ist ja gar nicht der übliche Indiemist, den ich hier sonst hören muss, hm, aber ist deutsch und eingängig, na gut, nennen wir es mal Pop und Schlager, doppelt hält besser. („Sogar Schlager“, weil das nämlich etwas total Herausragendes ist.) Ach, Irene, rief er dann ins Nebenzimmer zu seiner gelangweilten Sekretärin, was ist denn gerade so ein guter Musikstil? Irene, die alle Platten von Fleetwood Mac im Plattenschrank (wo sonst?) stehen hat, antwortete spontan: Rock!, denn sie hat mal irgendwo gelesen, dass Fleetwood Mac irgendwas mit Rock machen, also muss das gut sein. (Apropos: Heute wird John McVie 65 Jahre alt. Sollte mal erwähnt werden.) Der Musikjournalist fragte noch ein bisschen herum, und irgendwann hatte er befriedigend viele Antworten beisammen, listete sie auf und fuhr zufrieden mit so viel Produktivität in sein kleines Wochenendhäuschen, wo er gemeinsam mit Irene The Moody Blues und Elton John hörte, bis die Nacht über sie hereinbrach. Den Rest möchte ich euch ersparen. Nur so viel noch: Eine solche Auflistung an Genres ist bestenfalls kontraproduktiv. Ein Beispiel, das ich mir jetzt mal spontan ausdenke: Pink Floyd. Pop, Rock, Beat, Psychedelic, Jazz, sogar etwas schlagerhaftes. Und was sagt das jetzt über Pink Floyd aus? Vielleicht, dass sie irgendwas mit Musik gemacht haben. Und wenn man schon mal keinen Bock hat, sich mit einem Album zu befassen, dann macht man es doch gleich richtig falsch, damit es wenigstens so aussieht, als wäre das nicht ganz ernst gemeint, damit sich keiner, der weniger keinen Bock hatte, hinterher beschwert:

Die Worte sind deutsch (zumindest die meisten), aber die Sätze, die daraus entstehen, tragen sieben Siegel. Doch es ist eine verspielte PeterLicht-Rätselhaftigkeit, kein “Oh mein Gott, ich bin zu dumm!”-Gefühl wie bei Tocotronic.

Auszüge wie dieser demonstrieren das Dilemma von Musikjournalisten, die ein Album beruflich nicht einfach mal hören können, sondern da irgendwelche Interpretationen draufklatschen müssen, „Bezahlung nach Wörtern“, ihr kennt das ja. PeterLicht (ehemals das „Phantom der Popkultur„) ist nicht rätselhaft und Tocotronic lassen den Hörer nicht dumm zurück. Es kann doch nicht so schwer sein, einen Text einfach mal uninterpretiert stehen zu lassen, vorinterpretierte Texte sind langweilig.

PeterLicht schreibt Texte wie „Das ist das Ende, das Ende vom Kapitalismus, jetzt isser endlich vorbei“, „Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf’m Sonnendeck“ oder auch „Und die Sonne kocht auch nur mit Wasser, die soll sich nicht so aufspielen, die gelbe Sau!“. Wer das „rätselhaft“ nennt, der würde vermutlich auch Helge Schneider attestieren, er, Schneider, sei ein „Blödelbarde“. Tocotronic hatten es auch nie mit verschwurbelten Texten. Das textlich Seltsamste, was ich von ihnen je gehört habe, ist „Vier Geschichten von dir“ („Und einmal hab ich dich getroffen – ich glaube fast, es war irgendwann im Mai; du zeigtest dich betroffen von der Zeitverfluggeschwindigkeit“). Personen, die darob „Ich bin zu dumm“ denken, sind als Musikjournalisten ungeeignet und sollten, so meine ich, lieber irgendwas machen, wo man nicht unreflektiert lesen können muss, vielleicht Juristerei oder Blogger auf FickMBR.

Im Kontrast dazu: Erdmöbel.
„Ich hör nicht auf zu fragen, Maria oder so, Polarlicht von Palermo“ („Wort ist das falsche Wort“, laut YouTube-Nutzern das „traurigste Lied“ auf dem Album), „Dankesehr, mein Akkordeon wird mir schwer, jetzt ist Endstation“ („Das Leben ist schön“, ein belangloses Popstück mit dem Stampf-Fickbeat, den seit Ende der 80-er Jahre schon keiner mehr hören kann), all das dargebracht von einem Sänger, der so unfassbar schlecht singt, dass man fast meint, er hätte früher, als sie noch weniger mittelgut waren, bei den Sportfreunden Stiller mitgesummt.
Und alle anderen Texte sind auch ungefähr so.

Scusi, aber: Hä?

Ein Album wird nicht dadurch gut, dass es keiner versteht, schon gar nicht die, die ihr Geld damit verdienen, ein Album zu verstehen. Selbst La Monte Young hat irgendwann wohl jeder verstanden, Tocotronic und PeterLicht sowieso. Erdmöbel sind bestenfalls sympathisch schlecht.

Interpretationshilfe zu diesem Album würde jedenfalls meinerseits freundlich begrüßt (und fortan unbeachtet in der Ecke stehen gelassen, wie man das mit nicht explizit eingeladenen Gästen eben so macht, bis sie freiwillig wieder geht).

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Dear John Letter – Part & Fragment

Lange genug hat’s gedauert, jetzt halte ich es ehrfürchtig in meinen flugs desinfizierten Händen, lausche der in Ton gegossenen Kunst, getragen von Rhythmus, wabernden Melodien und der immer ein wenig bekifft wirkenden Stimme von Martin Fischer und bekomme wg. Trance nur wenig mehr als drei Wörter am Stück heraus, was das Schreiben nicht einfacher macht.

Es stand zu befürchten, dass der Plattenvertrag, den das Quintett nach der Veröffentlichung des Debüts Between Leaves | Forestal unterzeichnet hat, negative Konsequenzen für die folgenden Veröffentlichungen haben würde, zumal via YouTube eine ausdrücklich als „radio edit“, also „Radioversion“, betitelte Version des eröffnenden „You Remain Unshakeably Calm“ verbreitet wurde, wenngleich mir die Band nach Bekanntwerden des Vertragsabschlusses höchstselbst versicherte, dass sie sich weiterhin auf ihre ureigenen Qualitäten konzentrieren würde; aber man weiß es ja nie so genau. (Für die übermäßige und vermutlich nicht immer allzu präzise Verwendung des Wortes „würde“ bitte ich den zeitgleichen Konsum psychedelischen Lauschgifts verantwortlich zu machen.)

Zu meiner persönlichen Erbauung sollte sie Recht behalten:
Das Album „Part & Fragment“ meiner trotz Nihiling noch immer nicht vom Thron gestoßenen Lieblings-Postrocker Dear John Letter ist, bandtypisch und zur Musik passend für den Herbst des Jahres angekündigt, seit vergangenem Freitag zu bekommen und lag bis heute aus Zeitmangel noch in meinem Postfach herum.

Und es ist klasse.

Filigran wie gewohnt beginnt es mit dem artwork, das eine eigenständige Würdigung verdient. Auf bedruckter Pappe oder jedenfalls etwas, was sich anfühlt wie bedruckte Pappe, ist außen- und innenseitig die Fassade einer bayerischen Altstadt gemalt, und wer jemals in Augsburg war, der weiß, dass es jedenfalls nicht Augsburg ist. Dass die Szenerie indes in Bayern anzusiedeln ist, folgere ich daraus, dass eines der Schaufenster mit „Brezen“ beschriftet ist. Wie überhaupt recht viel zu entdecken ist, etwa zwei Personen, die einen Flügel an einem Seilzug eine Häuserfassade entlang bewegen, an deren unterem Ende eine weitere Person steht und interessiert nach oben blickt. Ich bescheinige dieser Szene Amusement-Qualität. Zu bemängeln ist allenfalls: Obwohl die jeweils dreiteilige Szene in Dreiecksform gefaltet werden kann, so schließen rechtes und linkes Ende doch nicht aneinander an, vermutlich ist es allerdings auch nicht so gedacht. In dem papiernen Streifen, der das Album umfasst, ist ein Gedicht zu lesen. Ob es sich um einen Textausschnitt handelt, bleibt mir verschlossen. Ihr wisst ja: Die Trance. (Nachtrag vom 6.11.: Es handelt sich tatsächlich um den Anfang von „You remain unshakeably calm“.)

In der hübschen Verpackung stecken ein Poster mit den üblichen Informationen, unter anderem den beteiligten Musikern, aber ohne Liedtexte, sowie natürlich der Tonträger selbst, bedruckt mit einem stilisierten Zodiak, der anstelle der Tierkreiszeichen jedoch Dreiecke, Vierecke und Sterne aufweist, und einer Liste der enthaltenen Stücke.

Aber jetzt habe ich viel zu lange über Äußerlichkeiten referiert, entscheidend ist bei einem Musikalbum doch meist, was auf ihm zu hören ist; also wende ich mich der Musik zu. Wie das, was zu hören ist, ungefähr klingt, demonstriert oben erwähnte Radioversion schon recht anschaulich. Und obwohl Dear John Letter sich unverkennbar wie Dear John Letter anhört, ist „Part & Fragment“ doch weit mehr als nur ein zweites „Between Leaves | Forestal“. Eine Abwendung vom Postrock wurde attestiert, und auch, wenn sich das Album nicht bloß in die Worte „klingt wie Postrock mit prima Gesang“ kleiden lässt, so ist doch keinesfalls eine Abkehr zu hören, sondern vielmehr eine Ergänzung. Zu den gewohnten Tönen (Mogwai, Oceansize, Amplifier, eine Prise Pink Floyd) stoßen neue Einflüsse, der dies für mich am beeindruckendsten demonstrierende Part ist das abschließende Gitarrensolo in „House of Leaves“, das mir auch endlich erklärt, wieso Peter Led-Zeppelin-Remineszenzen aus der Vergleichsschublade kramte, die andererseits trotz wunderbarer Momente wie etwa „Achilles‘ Last Stand“ nie so detailverliebt zu Werke gingen.

Das Ungeschliffene der Vorgängerwerke („Laika“, „Towers | Trees“) ist aus dem Repertoire der Gruppe zwar nicht gestrichen, aber doch deutlich zurückgefahren worden, und obwohl es gerade diese Lo-Fi-Attitüde war, die mich vor drei Jahren die EP2007 immer wieder hören ließ, wird sie auf „Part & Fragment“ in keinem Takt vermisst.

Nie zuvor war ein Dear-John-Letter-Werk so facettenreich, nie klang eines so ausgereift. Die zwei Jahre, die seit „Between Leaves | Forestal“ vergangen sind, haben die fünf Augsburger offenbar nicht damit verbracht, untätig herumzusitzen, und können nunmehr zum dritten Mal zeigen, dass sie jenseits von Etiketten über Genregrenzen hinweg die eigene Klangwelt am Leben erhalten können, ohne Kompromisse eingehen zu müssen, und allein der Umstand, dass sie in ihrer Kreativität und aufgrund der Eigenheit, sich ständig selbst neu (und besser) zu erfinden, unnachahmlich sind, wird auch auf lange Sicht effizient verhindern, dass Magazine wie etwa VISIONS ihren CD-Kritiken das Genre „dearjohnletteresk“ beifügen.

Sofern Dear John Letter jemals auf diesen Text stoßen, rufe ich ihnen zu: Chapeau!

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Carptree – Nymf

Meine morgendliche Müdigkeit verflog heute zu den Klängen von Carptree.

Carptree ist ein Musikduo aus Schweden, das mitunter dem New Artrock zugerechnet wird, mich aber mitunter auch an Nightwish (ohne das jaulende Schwein am Spieß, versteht sich) erinnert. Prägnante Keyboardteppiche unterlegen den mal Remineszenzen an Peter Gabriel, interessanterweise aber auch und vor allem an Eric Fish hervorrufenden Gesang von Niclas Flinck, der neben seiner Stimme kein weiteres Instrument einsetzt.

Das muss er aber ohnehin nicht, denn Tastenmann Carl Westholm und die fünf Gastmusiker wissen, was sie tun, und das bemerkt man durchaus. Und so selten es auch ist, aus Skandinavien Musikgruppen mit unblödem Gesang zu hören, so gern genießt man eine Ausnahme wie diese.
Die Texte tun ein Übriges:

Under what circumstances are you what you are?
What are you under circumstances extraordinary?
What will change you?
What will you change into?

So fragt Niclas Flinck suggestiv-klagend im Eröffnungsstück „Kicking and collecting“, und unwillkürlich fallen „Weiter als du denkst“ und „Hey!“ von den Fantastischen Vier ein, so dass man sich fest vornimmt, künftig erst mal Texte zu lesen, bevor man ein Album hört, damit der Drang, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, nicht allzu überraschend hereinbricht. (Und dann vergisst man es doch wieder.)

Das Album stellt die logische Fortsetzung des Vorgängers „Insect“ dar, auch weiterhin geht es ungeachtet des Bandnamens („Karpfenbaum“) um Insekten, was auch das Titelbild verdeutlicht, auf dem eine humanoide Libelle zu sehen ist. Als Anspieltipp schlage ich, rein subjektiv, dann auch das Stück „Dragonfly“ („Libelle“ eben) vor, das musikalisch zwischen schwülstigem Bombast der Marke Queen und marillionesquem Neoprog anzusiedeln ist, gesanglich eher in der Steve-Hogarth- als in der Fish-Ära letzterer Band.

Nicht übel. Gar nicht übel!

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Project:KOMAKINO – The Struggle for Utopia

Wer mich kennt, der weiß, dass Kaffee und Musik zwei essenzielle Bestandteile meines morgendlichen Erwachensritus‘ sind. Während mir also gestern die neuesten Werke von The Boiler und Harmful die Ohren quasi wegbliesen (mehr dazu traditionsgemäß am Jahresende), begann mein Tag heute mit einem eigentlich völlig anderen Album.

Das Album nennt sich „The Struggle for Utopia“, zu Deutsch also „Der Kampf um Utopia„, und wurde nach meinen Informationen bereits Ende 2009 von der britischen Musikgruppe Project: KOMAKINO veröffentlicht. (Jetzt wollte ich noch irgendwo einen geschickt platzierten Verweis auf die Schallgrenzen reinschmuggeln, dann ist mir aufgefallen, dass ich offenbar den Hinweis auf diese Band sogar ursprünglich dort fand. Prima, dann muss ich weniger schummeln.)

„The Struggle for Utopia“ ist ein vielschichtiges Album. Man könnte auf den Zug derer aufspringen, die es in Schubladen zu stecken versuchen, aber das wäre allzu banal. Nicht nämlich vertritt es eine Stilrichtung, sondern erschafft eine eigene Melange aus mehreren Genres, die nach etwas klingt, was man zwar schon mal gehört hat, aber noch nicht in dieser Intensität.

Es beginnt mit wabernden Synthesizer- und Gitarrenklängen, dazu ein wenig dezenter Rhythmus. Psychedelischer Spacerock, irgendwo zwischen Gong und den frühen Pink Floyd. Gemächlich drehen die Musiker die Spannung auf; blitzt da eine Prise Mogwai hervor? Ja, sie tut’s.

Und kaum hat man sich also in das psychedelische Netz fallen lassen, das das Quintett gespannt hat, entreißt es es dem ahnungslosen Zuhörer, nur um gleich wieder ein neues zu flicken. New-Wave-artige Strophen (The Cure fallen mir da ein) mit gelegentlichen erneuten Spacerock-Ausflügen untermalen den Gesang, der auch den Sisters of Mercy, als sie noch gut waren (dann eben doch!), gehören könnte. Auf „In the temple of love…“ warte ich, obwohl das vorletzte Stück „Temple“ heißt, jedoch vergebens, stattdessen gibt es Resignation und Weltschmerz zu hören. Things are happening, they’re always happening to me.

Musik (auch) für laue Nächte auf der Veranda. (Als hätte ich eine Veranda.)
Komakino? Kopfkino!

(So ungefähr sieht es übrigens aus, wenn man einem unvorbelasteten Leser dieses Album beschreiben will, verehrte Schreiberlinge in den Redaktionen dieses Landes; nicht aber so, wie ihr es laut der von mir bevorzugten Suchmaschine übereinstimmend tut: „Klingt wie Joy Division. Nächstes Album bitte.“ Banausen.)

Übrigens, für die Arbeit an TinyTodo fehlt mir derzeit, studienbedingt, die rechte Inspiration. Aber ich verspreche, es wird weitergehen.

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Frogg Café – Bateless Edge

Heute fand ich in der Post wieder einmal ein neues Musikalbum, dessen bisherige Kritiken mir ausreichend zugesagt hatten, wenngleich Blindkauf (bzw. eben Taubkauf) von Musikalben nach einem ziemlichen Reinfall vor nicht allzu langer Zeit nicht mehr zu meinem bevorzugten Konsumverhalten zu zählen ist. Es erwartete mich in dem gepolsterten Umschlag das kürzlich erschienene Album „Bateless Edge“ von Frogg Café.

Den Babyblauen Seiten, dem allgemein anerkannten deutschen Rezensionsportal für gute Musik, war „Bateless Edge“ den Tipp des Monats August 2010 wert, was angesichts der vorherigen Tipps des Monats (Big Big Train, Diablo Swing Orchestra, Indukti, …) eine um so größere Ehre ist. Und tatsächlich hat man so etwas lange nicht mehr gehört, und aus den normalerweise eher für seichten Neoprog empfänglichen Ju Es Äi schon mal gar nicht:

Nach Jahren des Daseins als zappaesker „Geheimtipp“, der seine Liveenergie nicht auf Tonträger zu bannen vermag, ist, wenn man der Fachpresse glauben darf (derzeit durchschnittlich 13 von 15 Punkten auf den Babyblauen Seiten, 5 von 5 Sternen auf Progarchives.com, immerhin noch 7 von 10 Punkten auf den Dutch Progressive Rock Pages), „Bateless Edge“ der große Wurf geworden, auf den ebendiese Fachpresse gewartet hat. Wer eines der Vorgängeralben kennt, der hat immerhin den Gesang von Nick Lieto womöglich noch im Ohr, der eigentlich auch der einzig nennenswerte Kritikpunkt bleibt; auch auf „Bateless Edge“ bleibt er, wie ich finde, zu zaghaft. Mehr Einsatz, der Herr!

Ansonsten hat das Sextett kräftig am Stilrad gedreht. Vorbei ist’s mit mäandernden Jazzsequenzen und dem von Rezensenten auch schon mal zu Recht „unspektakulär“ bezeichneten Kansas-Gedächtnisprog, jetzt hauen sie mal richtig auf die Kacke. Genreschubladen gefällig? Von RIO/Avant („Belgian Boogie Board“) über luftigen Retroprog („Under Wuhu Son“) bis hin zu Jazzrock („Terra Sancta“, auf der Silbe „Jazz“ zu betonen), nur eben in umgekehrter Stückreihenfolge, spielen sich die Musiker querbeet durch die Progressive-Rock-Geschichte, ohne anstrengend lärmig wie etwa The Mars Volta oder allzu angestaubt wie etwa Transatlantic zu klingen. Gerade erstgenanntes Stück ist für mich persönlich der Höhepunkt des Albums, nicht unbedingt primär, weil es ein Instrumentalstück ist und Nick Lieto sich also auf seine Instrumente (Trompete, Flügelhorn, Klavier, Keyboards) beschränkt, sondern weil es die deutlichsten Akzente setzt. Hatte ich bis zum Beginn dieses Stückes noch, leicht entrückt, rhythmisch die Gliedmaßen in Zucken versetzt, so fiel ich bei „Belgian Boogie Board“ beinahe vom Sofa.

Nein, nicht etwa, weil es „Lärm“ der unangenehmen Form wäre. Vielmehr steht die avantgardistische Komposition im Kontrast zu den eher schwelgerischen Klängen der vorangehenden Stücke. So wenig es sich aber auch in die Titelfolge einfügen will, so passend ist es aber an dieser Stelle, direkt nach dem wohl zugänglichsten, beinahe unauffälligen Gesangsstück „From the Fence“, platziert. Vergleichbar ist es als Einzelstück wie auch im Kontext des Albums nur schwerlich, Parallelen zu etwa Univers Zero, wie sie bisweilen gezogen werden, wirken arg konstruiert. Das Konzept eines Progressive-Rock-Albums, das wirklich Wert auf das Wort „Progressive“ legt, rundet „Belgian Boogie Board“ jedenfalls perfekt ab. Sicher waren Henry Cow immer vertrackter, Caravan immer sanfter, Kansas immer elegischer als das, was dem Hörer hier im Frogg Café kredenzt wird. Sicher ist avantgardistischer Jazzrock keine spektakuläre neue Erfindung. Frogg Café machen aber auf „Bateless Edge“ alles genau richtig. Sie erfinden das Rad nicht neu, das erwartet auch niemand. Sie konstruieren hingegen aus dem, was die Handwerker vorangegangener Generationen zurückgelassen haben, ein eigenes Rad, das so noch nie da gewesen ist. Und es macht verdammt viel Spaß, mit ihm zu fahren, auch, wenn es eine Steigung zu überwinden gibt. Die grünen Wiesen im Tal hinter der Steigung sind es allemal wert.

(Und da ich gerade – fragt mich bitte nicht nach dem Grund – die „Deluxe Edition“ von Bushidos aktuellem Machwerk betrachte, deren 2., eben die „Deluxe-„, CD aus Instrumental-, also raplosen Versionen der Stücke von der 1. CD besteht, möchte ich doch mal positiv hervorheben, dass offenbar also auch die Plattenfirma, die unter Bushido leiden muss, es als „Luxus“ empfindet, wenn er mal für die Dauer einer kompletten Platte die Fresse hält. Schade, dass die Auflage begrenzt ist.)

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Relative Halbwertszeit

Betrachtet man die Musikgeschichte der letzten 60 Jahre, so stellt man schnell einen Zusammenhang zwischen der „Lebensdauer“ einer Musikgruppe und ihrem Einfluss auf spätere Musiker fest. Nicht jedoch bedeutet, wie man meinen sollte, eine längere erstere auch eine größere zweitere, vielmehr ist das Gegenteil der Fall.

Nehmen wir das Beispiel die Comets, seit 1948 im Geschäft, mithin die dienstälteste Rockband: Einst landeten sie Erfolge mit Bill Haley („Rock Around the Clock“), aber hat das nachhaltig Eindruck bei späteren Künstlern hinterlassen? Ebenso die Rolling Stones: Seit 1962 mit wechselndem kommerziellem Erfolg aktiv, als musikalisches Vorbild jedoch nie in größerem Maße in Erscheinung getreten. Eine Chance, trotz langen Zusammenspiels bleibenden Eindruck zu hinterlassen, hat man eigentlich nur, wenn man nach drei oder vier wirklich ernsthaften Alben in die Beliebigkeit abdriftet, so etwa Yes nach „Going For The One“ und Bob Dylan nach „Blonde On Blonde“. (Oder kann einer von euch, liebe Leser, spontan ein Bob-Dylan-Stück aus den 70-ern summen? Ich kann es nicht.)

Wie anders dagegen die Beatles (1960 bis 1970), The Velvet Underground (1965 bis 1971) und Gentle Giant (1970 bis 1980)! Ohne sie keine Oasis, keine Blur, keine High Wheel, keine Flower Kings, keine Strokes, keine The Fall, keine Sonic Youth, keine Bauhaus, nicht zuletzt auch: Kein Gothic Rock und keine Britpop-Welle. Ob das in jedem Fall ein Verlust ist, lasse ich offen, aber auch hier: Paul McCartney, Ringo Starr, Kerry Minnear, Lou Reed, Maureen Tucker und John Cale sind allesamt seit dem Ende ihrer jeweiligen Stammband solo aktiv, wen jedoch haben sie selbst musikalisch beeinflusst?

Schnell leben, jung sterben als Formel für unsterblichen Ruhm. Was vergänglich ist, bleibt.
Musikalische Vorbilder als Statussymbol.

Und so heißt das neue kommende Ding derzeit anscheinend Arcade Fire, seit acht Jahren existent und an jedenfalls mir bislang spurlos vorbeigerauscht. Einflüsse: The Beach Boys (immerhin 1961 gegründet), ansonsten der übliche verquaste Mainstream. R.E.M., Joy Division, Bruce Springsteen. Eine Band, die der Welt also mal so gar nichts mitzuteilen hat. Gut zu wissen – spart Geld.

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Musik 06/2010 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 6 von 19 der Serie Jahresrückblick

Das ging schnell; schon wieder ist das erste halbe Jahr beinahe vorbei. Zeit also wird es, die sehnsüchtigen Gedanken einmal beiseite zu wischen und stattdessen einen Blick auf die prächtigsten Musikveröffentlichungen der letzten sechs Monate zu werfen, ob Rock oder Pop, ob gratis oder teuer, ob Kaufbefehl oder völliger Reinfall.

Auf eine separate Liste für deutschsprachige Alben habe ich diesmal verzichtet, die dreieinhalb Exemplare habe ich stattdessen in der Hauptliste untergebracht. Das hat einen ganz einfachen Grund: Ich habe zu spät daran gedacht. Selbstverständlich tut mir dieser Fauxpas unglaublich Leid, für die Rückschau 12/2010 gelobe ich Besserung. (Nachtrag vom 13. Dezember 2010: Leider gab das Jahr keinen Anlass, eine solche Liste anzulegen.)

Wie üblich jedenfalls wird diese Liste auch dieses Mal wieder gekrönt von einer Rückschau auf 40 Jahre wechselnden Zeitgeists in der Musik. Vielleicht findet ja jemand von euch, meine geschätzten Leser, wieder einen kleinen Schatz darunter, der nur darauf wartet, von euch gehoben zu werden.

Viel Spaß beim Erforschen!

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Für mich Fanta Sie, los!

Da „Für dich immer noch Fanta Sie“, das aktuelle Machwerk der Fantastischen Vier, bereits wohl ausreichend anderswo in akzeptablem Umfang rezensiert wurde und ich inzwischen auch Zeit hatte, mich ausreichend mit diesem Album zu befassen, und drittens, um für die anstehende Halbjahresrückschau 2010 weniger schreiben zu müssen, folgt ein kurzer Wortschwall hierzu (also zu dem Album, nicht zu der Zeit oder dem Anderswo) meinerseits.

Die Fantastischen Vier legen seit 1991 in wechselnden Abständen meist brillante, selten enttäuschende Alben vor. „Für dich immer noch Fanta Sie“ liegt irgendwo dazwischen. „Viel“ hatte noch, nun, viel zu bieten, auch das leider oft nur an diesem gemessene „Fornika“, trotz oder gerade wegen steigenden Anspruchs, wusste mich zu überzeugen. Um aber dem Neuling, der wohl die Konsequenz aus „Fornika“ sein soll, ähnliches abzugewinnen, fehlt ihm das Mitreißende. Wie schon alle anderen Alben des Quartetts ist natürlich auch eine Entwicklung zu hören; die Fantastischen Vier sind elektronischer geworden, vielleicht auch wieder ein Stück erwachsener, was die Texte jedenfalls implizieren. Positiv immerhin: Thomas D., dessen allzu esoterische Texte mich persönlich meist doch eher stören, hält sich bis kurz vor Schluss („Mantra“) weitgehend zurück, dennoch bleibt auch der Rest, mit Ausnahme der sehr gelungenen Stücke „Smudo in Zukunft“, „Kaputt“ und „Garnichsotoll“, von denen gerade letzteres an die altbekannte Stärke der „Fantas“, an unerwarteter Stelle geschickte Wortspiele zu platzieren, wieder erinnert, eher durchschnittlich.

Zugegeben, ein „roter Faden“, wenn nicht gar eine „Rahmenhandlung“, ist, wenn ich mich nicht irre, zum ersten Mal in Form der zwei kurzen Interludien „Für dich immer noch Fanta Sie Teil 1“ bzw. „Für dich immer noch Fanta Sie Teil 2“ vorhanden, homogen klingt das Album dennoch nicht, und immerhin das ist gut so, denn andernfalls wäre das Album in seiner vollen Länge auch schlimmstenfalls überflüssig. Es bleibt aber beim Gefühl, das alles schon mal irgendwo gehört zu haben; selbst die Sprachverzerrung in den beiden Titelstücken kennt man spätestens seit „Pipis und Popos“, das ich für deutlich unterbewertet halte und das vor allem auf Konzerten amüsiert. (Ich sag nur: Helium.) Es scheint, als wäre dieses Album die vorläufige Klimax der erneuten Selbstfindung der Combo, mithin der Versuch, nicht mehr wie man selbst zu klingen, quasi die Suche nach einem völlig anderen Ich. So lässt sich vielleicht auch die Aufmachung des Albums, vier Comicfiguren, die den Vieren wenigstens ansatzweise noch ähnlich sehen, erklären und sich „Für dich immer noch Fanta Sie“ in die Reihe der Alben aufnehmen, die wie einst „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ nicht als Ausdrucksmittel einer bekannten Band, sondern vielmehr als Auslotung der eigenen Grenzen ohne Rücksicht auf Etiketten zu verstehen sind. Aber dieser Vergleich behagt mir selbst nicht, und so fasse ich stattdessen zusammen: Anspruchsvoll, aber unausgereift.

Dies ist dann auch bitte keinesfalls als bloßer destruktiver Verriss zu betrachten. Vielleicht kann man sich „… Fanta Sie“ (dreist abgekürzt) auch schönhören, vielleicht geht es manchen gar direkt ins Ohr wie mir damals „Lauschgift“. Klar ist: Ein Zugang zu dem Album ist nicht unbedingt leicht zu finden, die 30-sekündigen Schnipsel mancher Internetplattenläden genügen nicht. Die Verspieltheit von „Junge trifft Mädchen“, die Gewalt von „Kaputt“, die Direktheit von „Schnauze“, zwischendrin dann auch die Romantik („Für immer zusammen“) und die Esoterik („Mantra“) brauchen Zeit. Wer sie aufbringt, wird vielleicht belohnt.

Ohne Gewähr!

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My Own Private Alaska – Amen

Was mir übrigens gerade durch die Kopfhörer donnert, ist das 2010 erschienene Album „Amen“ des Trios „My Own Private Alaska“, das sich selbst als „M.O.P.A.“ abkürzt. Obwohl von melodischem Gesang, üblicherweise eines meiner wichtigsten Kriterien bei der Bewertung von Musik, keine Rede sein kann, der Frontmann vielmehr eine zunächst recht wild erscheinende Melange aus heiserem Geschrei und sanften Emotionen, die mal an bspw. Limp Bizkit, mal an Ville Valo erinnert, ertönen lässt, hat diese Gruppierung sich doch bereits einen Platz auf der noch fertigzustellenden ersten Halbjahresrückschau 2010 gesichert.

Musik wie die, die My Own Private Alaska produzieren, hat man so irgendwo, so glaubt man, schon einmal gehört; irgendwo zwischen Filmmusik, Folk-Metal und Klassik schwelt die Atmosphäre entlang. Die Besetzung hingegen hat’s in sich: Auf Bass und Gitarre wird verzichtet, zum Einsatz kommen allein Schlagzeug und Klavier. Die Eigenwerbung stellt mutige Vergleiche an:

Bass und Gitarre wurden beiseitegelassen um einen ganzen neuen, musikalischen Stil zu kreieren: Eine unheilvolle Verbindung zwischen Chopin, Nirvana, Danny Elfman und Envy, irgendwo in Alaska!

Nun kenne ich, mea culpa, weder Danny Elfman noch Envy ausreichend gut, um dies zu beurteilen. Fest steht jedoch, dass die ungewöhnliche Besetzung, die beim Lesen vermutlich allzu aufregend nun nicht klingt, indes mehr action zu erzeugen weiß als manche dieser leider noch immer im Trend liegenden teen-pop-Murksgruppierungen.

Herrliche Musik mit künstlerischem Anspruch, ohne dabei allzu masseninkompatibel zu sein. Menschen mit New-Wave-Tick ist’s, zugegeben, mitunter ein wenig zu hektisch, nehme ich an. Für alle anderen, insbesondere für die, die auch gegen expressiven Gesang und reduzierte Instrumentierung keinesfalls grundsätzlich etwas einzuwenden haben, spreche ich hiermit eine klare Reinhörempfehlung aus. Wenn’s gefällt: Unbedingt kaufen!

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Lady wer?

Als ich heute früh den Energietrankhändler meiner Wahl aufsuchte, wurde ich dort zu meinem Erstaunen nicht mit dem gewohnten Easy-Listening-Klangbrei belästigt, sondern es erschallte mit „Hey Baby“ ein bekanntes Lied der Musikgruppe No Doubt. Erfreut darüber beschloss ich, diesen Beitrag zu schreiben.

No Doubt, bekannt geworden mit der zweiten Single „Don’t Speak“ im Jahr 1996 und zuletzt 2003 mit „It’s My Life“, einer Coverversion des gleichnamigen Liedes von Talk Talk, deren Melodie ich mir allerdings nicht merken kann, weil die Erinnerung an das wiederum gleichnamige und bekanntere, aber recht unschnafte und auch sonst völlig andere Lied von Bon Jovi sie stets überdeckt, einen hit veröffentlicht habend, ist eine seit 1986 quasi gemeinsam auftretende Musikgruppe, die mehrere Stile in ihren Liedern vereint. Ihr bekanntestes Mitglied ist Sängerin Gwen Stefani, die 2004 ihr Solodebütalbum „Love. Angel. Music. Baby.“ in den Hitparaden positionieren ließ und im Video zu der ersten Auskopplung „What You Waiting For?“ (ohne Prädikat, versteht sich) mit allerlei Remineszenzen in absonderlichen Kostümen Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice im Wunderland“ Tribut zollte und, quasi nebenbei, trotz des 2009 von der wirr benamten Dame Ke$ha, vor Kreativität nur so überschäumend, verhunzten Introtexts („tick tock tick tock tick tock …“) auch gleich einen der treffendsten Mainstreampop-Liedtexte des Jahrzehnts dazu darbot:

„Take your chance, you stupid ho!“

Wer war noch mal Lady Gaga?


Nachtrag vom 31. März 2010:
Wie passend – kaum erwähne ich diese „Ke$ha“, sehe ich ihr Album schon beworben; „beinhaltet die Hits ‚Tik Tok‘ und ‚Blah Blah Blah'“. Danke, reicht schon.

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Musikalischer Wahnsinn: The Hirsch Effekt

„Endlich“, noch vor Frühlingsbeginn, schwindet die Kälte, und Sonnenstrahlen statt des gewohnten Frostes wecken aus unruhigen Träumen. Zeit also, den trüben Postrock einmal beiseite zu legen und sich fröhlicheren Klängen zuzuwenden:

Die Fachpresse ist gerade begeistert von den Klängen der Hannoveraner The Hirsch Effekt, und wer die Fachpresse kennt, der weiß, dass sie oft völlig daneben liegt. Nicht in diesem Fall!

Genreschubladen halte ich für blöde, und auch auf das Debütalbum Holon : hiberno von The Hirsch Effekt, das ab morgen die Läden bereichert, würde ich nur ungern solche anwenden müssen; allein, es ist Musik. Irgendwo zwischen Indie, Pop/Rock, Metal und Avantgarde bewegt sich das Trio nebst Hilfsmusikern, die leider heutzutage unüblichen deutschen Texte sind zudem die vermutlich schönsten seit Long Live The Parts von Ira. Jedes Stück ein Kunstwerk, irre führend der beinahe unauffällige Trailer zum Album. Einen roten Faden zu erkennen vermag jedenfalls ich nicht, die Liste der Titel, die einen Zusammenhang suggeriert, ist auch nur wenig hilfreich. Wer diesem Album lauschen will, sollte nicht versuchen, es zu erfassen. Konzentration – ja, gerne – nur nicht auf das Beiwerk. Augen zu und durch.

Genug der Theorie, auf MySpace gibt es die Praxis.
Eine vertonte Achterbahnfahrt irgendwo zwischen Sleepytime Gorilla Museum und Coheed and Cambria.

Ein guter Einstieg in den musikalischen Frühling 2010. :)


Nachtrag zum Thema Musik: Die Musikindustrie solle Schwarzkopierer nicht mehr Piraten nennen, weil das Wort zu positiv besetzt sei, forderte die Chefin der International Actors Federation kürzlich. Die Schuld daran trage Johnny Depp. Frei übersetzt: „Wir wollen alle ein bisschen wie Johnny Depp sein, aber hier geht es um eine kriminelle Handlung“.

Wir halten also fest: Rauben und morden – was in der Trilogie „Fluch der Karibik“ durchaus vorkommt – sind positiv besetzt, das Herunterladen von Nullen und Einsen jedoch schlimmer als Raub, Mord und Schiffsentführung zusammen. Schön, dass wir das erfahren durften.

(Eigentlich ist es nur schade, dass diese Meinung nicht von einem Vertreter der Musikindustrie abgesondert wurde; das hätte noch ein wenig besser gepasst.)

In den NachrichtenKaufbefehleMusikkritik
Morphine, Frau Käßmann und der Genderismus

Bei Durchsicht meiner Musiksammlung fiel mir auf, dass ich hier noch gar nichts über die offenbar weithin unbekannte Musikgruppe Morphine geschrieben habe. Das hole ich doch prompt nach:

Morphine war eine recht possierliche Band aus den USA, die bis zum Tod ihres Sängers Mark Sandman im Jahr 1999 ihren ganz eigenen „Low rock“, der Elemente aus Blues, Jazz und Rock verbindet, praktizierte. Obgleich es nie zu weltweitem Ruhm kam und auch das Video zu „Early to Bed“ bei den Grammy Awards gegen Janet Jackson verlor, so reichte es doch zu weitgehend positiven Kritiken in Fachmagazinen wie dem Rolling Stone.

Die spärliche Instrumentierung – Gitarren ertönen nur selten, stattdessen sind vor allem Saxophone zu hören – erzielt bisweilen eine hypnotische, meist aber mindestens beruhigende Wirkung. Als weiteren Beleg verweise ich auf das von mir bislang präferierte Lied „French Fries With Pepper„, wie „Early to Bed“ auf dem 1997 erschienenen Album „Like Swimming“ zu finden.

Musik für einen Abend nach einem langen, harten Tag.


Dass sich übrigens „alle“ darüber aufregen, dass Frau Käßmann sich einen kleinen Fauxpas erlaubt hat, begründet Bärbel Wartenberg-Potter mit dem Sexismus, der in Kirche und Gesellschaft noch immer vorherrsche; Günther Beckstein behauptet gar, Trunkenheit am Steuer wäre ihr längst verziehen worden, wäre sie ein Mann. (Sollte jemals jemand dem gemeinhin eher unbeliebten, aber nicht unbedingt weiblichen Jörg Haider, der bekanntlich ebenfalls betrunken am Steuer saß, seine Tat verzeihen und nicht noch nach Jahren „selbst schuld!“ skandieren, bin ich gern bereit, über diese These nochmals nachzudenken.)

Was all diese Befragten nicht zu beantworten vermögen, ist indes, wer denn etwas zu verzeihen hätte. Die EKD, die geschlossen hinter Frau Käßmann stand, bis sie in freier Entscheidung ihren Rücktritt einreichte? Die Medien gar, die, ständig und überall Sexismus witternd, lieber Dialoge mit Dritten führten, die dann erklärten, wieso sie hinter Frau Käßmann stehen?

Es sagt mehr über diese Dritten als über Margot Käßmann aus, wenn sie versuchen, deren Fall als direkte Folge eines gesellschaftlichen Genderismus‘ zu deuten. In bester Alice-Schwarzer-Tradition fabulieren sie über allgegenwärtigen Sexismus, ohne Belege zu nennen; Alice Schwarzer selbst hätte es auch lieber gesehen, wäre der Rücktritt nicht erfolgt, denn unabhängig von ihren Moralvorstellungen und ihrem Amt war Frau Käßmann eben primär eine Frau und somit nur Opfer der Scheinheiligkeit ihrer Kollegen, die ja überhaupt als Männer allesamt viel furchtbarer und per se verachtenswert seien, siehe die jüngsten Missbrauchsfälle seitens der Jesuiten. (Kein Scherz, die Frau reimt sich tatsächlich solche Vergleiche zusammen.)

Und so interessiert sich der Journalismus im Allgemeinen auch und vor allem für das Geschlecht und nicht für die Geisteshaltung des nächsten EKD-Ratsvorsitzenden. Die Frage, wer denn nun eigentlich die zahlreichen Personen seien, die Frau Käßmann allein deshalb loswerden wollten, weil sie eine Frau ist, bleibt unbeantwortet.

Schade.

Musikkritik
Lesetipp für Musikfreunde: Massive Attack im Schalltest

Im Auftrag des guten Geschmacks bzw. der Schallgrenzen verfasste ich gestern einen weiteren Beitrag für die gemeinschaftlich erarbeitete Musikrezensionsreihe Soundcheck. Diesmal haben sie, Peter und ich das neue Album Heligoland von Massive Attack in die Mangel genommen. Es erntete, anders als die Rezensionen selbst, insgesamt durchweg Zustimmung.

Mein Resümee lautet wie folgt:

„Heligoland“ erreicht als Trip-Hop-Album insgesamt natürlich nicht die Klasse von Archives Überwerken „Noise“ und „Lights“, aber es wäre auch reichlich überflüssig, klänge in diesem Genre alles gleich. Nun kenne ich bislang die übrigen Alben von Massive Attack nicht (werde es beizeiten nachholen), bin aber durchaus davon überzeugt, dass es mit all seinen Stärken und Schwächen ein insgesamt zwar durchwachsenes, aber handwerklich solides Album ist, das für jeden aufgeschlossenen Musikhörer seine individuelle Faszination entfalten kann und wird. Überspringe ich die Titel, die mir missfielen, so bleibt inklusive des ersten und des letzten Stücks noch immer genug Laufzeit für einen, nun, Trip übrig. Das genügt mir.

Die vollständige Fassung gibt es zusammen mit den beiden anderen Rezensionen drüben auf Schallgrenzen.de zu lesen, wo auch weiterhin die bisherigen Gemeinschaftsrezensionen zu finden sind.

Guten Morgen und viel Spaß!

In den NachrichtenMusikkritikNerdkrams
Tocotronic – Schall und Wahn

Tocotronic ist eine dieser Musikgruppen, von denen man schon mal irgendwo irgendwas gehört hat und mit denen man irgendwas assoziieren kann, selbst ohne bewusst ein Lied von ihnen zu kennen. Was mir spontan bei Tocotronic einfällt: Popkultur. Spex, musikexpress und wie sie alle heißen. Und was mir wiederum bei Popkultur einfällt: Allein das Wort schon!

Vor drei Jahren kam ich erstmals bewusst mit der Musik von Tocotronic in Berührung, begann mich mit deren frühen Alben anzufreunden. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein„, zitierte auch ich schon und empfand es schon Jahre, bevor ich das Lied kannte, wie wohl die meisten Jugendlichen bisweilen einem Herdentrieb und dem Wunsch folgend, irgendwo Anschluss zu finden. Was das für ein Genre war, war mir damals einigermaßen egal; irgendwie auffällig eigenständiges Indiegeschrammel mit deutschen Texten, die nicht immer einen Sinn ergaben, manchmal aber auch einen, der nach der Hineininterpretation einer möglichst Zeigefinger schwingenden Bedeutung geradezu zu schreien schien; „Geschrammel“ möchte ich hier übrigens keinesfalls als Wertung, lediglich als Beschreibung verstanden wissen.

Dann kam „Kapitulation“, und es stellte einen Richtungswechsel dar: Die Lieder wurden nicht länger, aber ruhiger. Nach dem Abtritt von Blumfeld schienen Tocotronic, wenngleich noch immer kaum politisch textend, ihr musikalisches Erbe antreten zu wollen, und sie machten ihre Sache gut. Stücke wie Harmonie ist eine Strategie oder das Titellied zeigten eine veränderte Band, die längere Texte und mehr Melodie auf auch weiterhin nur kurzer Laufzeit unterbrachte, und selbst ihre juvenil-aggressiven, an frühe Ton Steine Scherben erinnernden Momente (Sag alles ab) klangen irgendwie reifer und, letztlich, besser. Es blieb Geschrammel, aber auf hohem Niveau.

Und jetzt also „Schall und Wahn“. Tocotronic haben sich mit „Kapitulation“ offenbar bei den üblichen Rezensenten beliebt gemacht, und so überschlagen sich die ins Internet schreibenden Hörer quasi vor blinder Begeisterung, und die wenigsten von ihnen versuchen dabei nicht, irgendwelchen Sinn hinter offenkundig albernen Liedern wie „Bitte oszillieren Sie“ zu finden, wirkliche Verrisse gibt es nicht einmal auf Amazon.de zu lesen, wo sich sonst die Schreihälse der Rezensentenszene zu tummeln pflegen. „Schall und Wahn“ ist ein Phänomen. Peter nennt die Presseschau hierzu sinngemäß eine blinde Heldenverehrung von schwafelnden Angebern, und damit hat er vermutlich ebenso Recht wie Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow, der, nach der Bedeutung der Texte befragt, eine zu naive Herangehensweise kritisiert. (Eine der besten Antworten, die ich von einem Musiker je auf eine dumme Frage lesen durfte: „Ich finde [die Frage], ehrlich gesagt, doof.“)

Das Album ist keine Offenbarung voller kryptischer Botschaften, die entschlüsselt werden müssten. Es ist allerdings tatsächlich das am ausgereiftesten klingende Album, das Tocotronic bislang veröffentlicht haben. Der auf „Kapitulation“ eingeschlagene Weg wird weiter verfolgt und geschliffen, in den Texten ist die Weltverbesserung Nonsens („Bitte oszillieren Sie“, „Macht es nicht selbst“) und Reflexion („Im Zweifel für den Zweifel“) gewichen. Mit „Stürmt das Schloss“, ein Lied in der Tradition von „Sag alles ab“, ist auch ein krachender Ohrwurm auf dem Album zu finden. (Ist „SdS“ eine Abkürzung für „Stürmt das Schloss“, oder hat es eine tiefere Bedeutung? Ein nicht zu unterschätzender Vorteil von Liedern, deren Text man versteht, ist es ja, dass die Interpretation allein einem selbst überlassen bleibt – so kann man einem Lied gleich mehrfach etwas abgewinnen und muss dafür nicht einmal kryptische Musikmagazine kaufen.)

Tocotronic sind erwachsen geworden, und sie unterlassen es zum Glück, das auch zu zeigen. Ich nehme an, „Schall und Wahn“ wird in diesem Jahr eins der wenigen guten Indierockalben bleiben, und ich freue mich über jeden Versuch, den Gegenbeweis anzutreten. Das Album gibt es derzeit auf Deezer.com zum Probehören. Nicht übel. Gar nicht übel.

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KaufbefehleMusikkritikNetzfundstücke
The National – Alligator

Eigentlich hätte jetzt hier ein geschliffen formulierter Text voll zynischer Wortspiele stehen sollen, der die derzeit durch die Blogs geisternde Geschichte von der bislang blödesten Abmahnung des Jahrzehnts zum Thema hätte und in dem ich mich über die eigentlich überaus unangenehme Verbindung aus fehlender technischer Sachkenntnis und Geld für Anwälte beklagen wollte, aber bevor ich ihn schließlich fixierte, beschloss ich, noch einmal einen Blick in den immer noch stetig wachsenden Sammelordner noch zu hörender Musikalben zu werfen, schob also das erstbeste Werk in mein Abspielgerät, setzte die Kopfhörer auf und war ausreichend fasziniert, um stattdessen einen Text über die gehörte Musik zu verfassen.

Das Album „Alligator“ der US-amerikanischen Band The National ist inzwischen fünf Jahre alt, aber es hat sich bislang erfolgreich meinen Ohren entzogen; wohl auch, weil mir das Nachfolgewerk „Boxer“ eher ab- als zusagen wollte und weil ich deshalb erst mal verdrängt habe, je etwas von dieser Musikgruppe konsumiert zu haben. Ich hoffe nicht, dass es ein Zeichen fortschreitenden Alters ist, aber „Alligator“ trifft derzeit genau neben meinen musikalischen Nerv. (Würde es meinen Nerv treffen, würde es schmerzen, daher ist daneben gerade gut. Ach, Wortspiele, die man erklären muss, sind keine guten solchen.)

Peter vergleicht The National mit den Editors (die ich nicht mag) und Interpol (die ich nicht kenne), auf Amazon.de zieht man mit Joy Division und den Tindersticks dann immerhin Vergleiche, die ich einigermaßen verstehe und für richtig halte. Mischt man alles zusammen, was man so über dieses Album liest, so enthält es mindestens melancholischen Indie-Americana-Post-Punk-Rock, und weil sich das vermutlich dann doch lieber keiner merken will, nenne ich es einfach mal eine Melange aus letzteren beiden Bands und freue mich tierisch darüber, so eine schöne kurze Beschreibung formuliert zu haben. Die ist wenigstens schön griffig.

Dieses Album also, das (schrieb ich das schon?) mir sehr gefällt, drückt in Text, Gesang und Instrumentierung eine verzweifelte Melancholie aus, wie sie mir in all meiner Melodramatik gerade recht kommt. Musik für einsame Seelen, die für feige Depressionen dann doch wieder nicht einsam genug sind.

I got two sets of headphones, I miss you like hell
Won’t you come here and stay with me
Why don’t you come here and stay with me

Ungekünstelte Lyrik ist gute Lyrik, und vertont klingt sie so oder auch so. Kaufen, hören und auf die Texte achten. Ersteres und zweiteres in dieser Reihenfolge, dritteres gleichzeitig mit zweiterem. (Davor oder danach geht natürlich auch.)