KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2018 — Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 20 von 29 der Serie Jahres­rück­blick

Kaum ist es mal schi­er unerträglich warm gewor­den, schon ist wieder ein halbes Jahr vor­bei. Das kann nur eines bedeuten: Es ist wieder Zeit für die besten Musikalben des ersten Hal­b­jahres 2018. Dass seit der let­zten Rückschau sowohl Mark E. Smith und mit ihm wohl auch The Fall als auch Den­nis Edwards (The Temp­ta­tions) und Jon Hise­man (Colos­se­um, Colos­se­um II, JCM) sich für immer aus der Musik und voraus­sichtlich auch aus der Welt der Leben­den ver­ab­schiedet haben, mah­nt zur Eile. Wer weiß, wie viele Kün­stler ster­ben, während ich dies hier schreibe?

Sicher­heit­shal­ber griff ich der Liste bere­its vor: Die aktuellen Stu­dioal­ben von awake­but­still­inbed, Mes­sa und den bei­den Davids Cross und Jack­son bleiben Teil der diesjähri­gen Empfehlun­gen, auch das Debü­tal­bum “Dan­ger Dance” von Nose­holes, deren titel­lose EP mich Anfang Jan­u­ar zu ein­er Rezen­sion ver­an­lasste, ist erwartungs­gemäß gut gewor­den.

Was son­st noch los war, fol­gt sofort.

1. Hören, was gut ist.

  1. møl — JORD

    Zu Beginn gilt es, erst mal die Gehörgänge freizublasen. Hier­für bieten sich møl aus Däne­mark eigentlich an.

    Auf ihrem ersten Vol­lzeit-Stu­dioal­bum “JORD” — voraus gin­gen zwei EPs — ignori­ert das Quin­tett gekon­nt die ver­meintliche Gen­re­gren­ze zwis­chen Postrock und Black Met­al, was mich als Gen­reigno­ran­ten in mehrfach­er Hin­sicht erfreut. Im Inter­net ist von “Blackgaze” als Genre die Rede und spätestens hier soll­ten auch Ver­fechter ein­fach­ster Schubla­disierung erken­nen, dass ihr Treiben mitunter grotesk wirkt.

    Zu Beginn (“Storm”) höre ich auch tat­säch­lich erst ein­mal Postrock, bevor unverse­hens das Gewit­ter los­bricht. Im späteren Ver­lauf des Albums (“Lig­a­ment”) wird es immer mal wieder beachtliche Postrock­mo­mente geben, dom­i­nant ist aber die Selb­st­beschrei­bung der Band als “ein zer­schmettern­des Nichts”. “Jord” ist das dänis­che Wort für Erde, als erdig wäre das Album aber nur unzure­ichend beschrieben. Ander­swo schrieb jemand, es han­dele sich um “rasendes Geschram­mel mit dank Key­board (…) orches­traler Note” und das ist ver­dammt richtig.

    Ich solle erwarten, am Jahre­sende “JORD” auf vie­len Album-des-Jahres-Lis­ten zu find­en, kündigte das britis­che Musik­magazin “noizze” an. Ich greife dem hier­mit um mehrere Monate vor, ich Punk.

    Rein­hören: Fre­undlicher­weise (naja, eigentlich: wie beina­he schon üblich) stellen møl “JORD” via Bandcamp.com für Kauf und Stream zur Ver­fü­gung.

  2. Black Space Rid­ers — Amore­tum Vol. 1

    Wir bleiben erst mal beim Krach. Die Mün­ster­an­er Hardrock­com­bo Black Space Rid­ers ist langjähri­gen Lesern mein­er Musikkri­tiken nicht unbekan­nt, schon 2015 befand ich, dass es bei dieser Band mitunter vieles zu ent­deck­en gebe. Auch ihr fün­ftes Album “Amore­tum Vol. 1” — ich erkenne immer­hin ein Muster in der Benen­nung ihrer Alben — ist von Flach­heit weit ent­fer­nt. “Amore­tum” ist dabei ein Kof­fer­wort aus den lateinis­chen Wörtern für die Liebe und den Garten. Soll es “Liebesgarten” bedeuten? Auszuschließen ist es nicht.

    Beim Hören von “Amore­tum Vol. 1” denke ich in Übere­in­stim­mung mit den gele­gentlich zu lesenden Ver­gle­ichen mit Hawk­wind an Motör­head: Die bei­den weit­er­hin in der Band beschäftigten Sänger (ich kon­nte bish­er nicht ermit­teln, wer am Mikro­fon nun wer ist), die bei­de auch die Key­boards bedi­enen, tra­gen hier heis­eren Gesang, gele­gentlich (“Love­ly lovelie”, “Fire! Fire! Death of a giant”) auch Growl­ing bei. Auch son­st hat sich bis auf einen Wech­sel am Bass nicht viel geän­dert: Unverän­dert gehen die Musik­er ein­er Tätigkeit nach, die Fre­unde von Space­rock, Hardrock und Psy­che­del­ic Rock gle­icher­maßen erfreuen mag. Dass “Amore­tum Vol. 1” außer­dem “tanzbar” sei, ein Wort, das ich als Musik­er als Belei­di­gung empfände, ist dabei eine den­noch zutr­e­f­fende Fest­stel­lung.

    Zumal sie, wenn sie nicht ger­ade hardrock­en, newwaven: Aus der Vor­bere­itung für diese Rückschau ent­nehme ich eine Notiz mein­er­seits, dass ich außer an Motör­head auch an die Smiths gedacht habe, als ich “Amore­tum Vol. 1” hörte, und da ich son­st eigentlich nie an die Smiths denke, kön­nte das an diesem Album liegen.

    Marek Protzak schrieb:

    Wer sich von der Musik der BLACK SPACE RIDERS irgend­was mit kathar­tis­ch­er Tran­szen­denz und einen Fluchtweg in den Schlagho­sen-Orbit erhofft, geht auch 2018 leer aus.

    Und das, um an ungeeigneter Stelle ein Poli­tik­erz­i­tat anzubrin­gen, ist auch gut so. “Amore­tum Vol. 2” soll jeden­falls noch 2018 erscheinen. Ich ver­mute, es wird großar­tig sein.

    Rein­hören: Bandcamp.com, ver­ste­ht sich.

  3. Anna von Hauss­wolff — Dead Mag­ic

    “Who is she / to say good­bye?” (“The Mys­te­ri­ous Van­ish­ing Of Elec­tra”)

    Vor­läu­fig ist’s genug des Krachs, denn wenn man immer nur Krach hört, ver­liert man den Sinn für das Schöne. Dabei gibt es so viel mehr als Gitar­ren­riffs und Geschrei, zum Beispiel Pfeifenorgeln.

    Eine solche, auf­grund ihrer Ver­wen­dung in Kirchen oft als sakral klin­gend wahrgenom­men und hier tat­säch­lich in der Kopen­hagen­er Mar­morkirken herum­ste­hend, ist das bevorzugte Instru­ment von Anna von Hauss­wolff, schwedis­che Sän­gerin, Pianistin und Kün­stler­tochter, die seit 2010 ab und zu Alben veröf­fentlicht, die Namen wie “Cer­e­mo­ny”, “Singing from the Grave” oder “Dead Mag­ic” tra­gen. Alles deutet auf Goth­ic Rock hin, aber bei Goth­ic Rock denke ich an The Cure und HIM und werde ein biss­chen unge­hal­ten.

    Allerd­ings ist das auf “Dead Mag­ic”, auf dem außer ihr neun weit­ere Musik­er, darunter ihr Pro­duzent Ran­dall Dunn, über­wiegend an Saiten‑, son­st an Tas­tenin­stru­menten zu hören sind, Aufgenommene zur Beruhi­gung auch nur bed­ingt geeignet. Wie wiederkehrende Leser vielle­icht inzwis­chen wis­sen, mag ich ja her­aus­ra­gende Stim­men, dabei ist das Genre beina­he zweitrangig. Selb­st Sarah Lesch, ein­er, nüchtern betra­chtet, auch nur wenig anstren­gen­den Schlager­sän­gerin, kann ich auf­grund ihrer Stimme etwas abgewin­nen. Und ver­dammt, Anna von Hauss­wolff ist wirk­lich gut darin, eine her­aus­ra­gende Stimme zu haben. Wer einen Ver­gle­ich haben möchte, der nehme Kate Bush ohne das über­drehte Qui­etschen ihrer frühen Alben, Björk ohne die fürchter­liche Exaltiertheit ihrer sämtlichen Alben oder finde sich ein­fach damit ab, dass manche Stim­men ein­ma­lig scheinen.

    In fünf Liedern, von denen zwei über zwölf Minuten lang sind, lässt die Inhab­erin dieser Stimme ihr Tal­ent bril­lieren; von san­ft beruhi­gend über beschwingten Poprock (“Ugly and Venge­ful”) bis hin zur stimm­lichen Begleitung A Sil­ver Mt. Zion nicht unwürdi­gen Drone-Postrocks (“The Truth, The Glow, The Fall”) ist auf “Dead Mag­ic” alles zu find­en, immer begleit­et von der Orgel, die das stimm­lose “The Mar­ble Eye” sog­ar als einziges Instru­ment bestre­it­en darf. Dass das, was sie selb­st “Begräb­nis­pop” nen­nt, von fröh­lich­er Pop­musik weit ent­fer­nt sei, obwohl die Kün­st­lerin in Inter­views mitunter mit­teilte, Auf­nah­men ließen sie stets fröh­lich zurück, möchte ich nicht bestre­it­en, wohl aber, dass das Album doch auf­grund der Instru­men­tierung und der Titel bes­timmt ziem­lich deprim­ierend klinge. Fast ist das Gegen­teil der Fall. Ger­ade die erste Sin­gle “The Mys­te­ri­ous Van­ish­ing Of Elec­tra”, eigentlich ein Gedicht ihres längst ver­stor­be­nen Lands­man­nes Wal­ter Ljungquist, sprudelt vor eigen­er Energie der­maßen über, dass sie auf den Hör­er über­springt. Der unge­mein extro­vertierte Gesang, nicht nur für Verehrer Court­ney Swains einen zweit­en und drit­ten Hör­durch­lauf wert, tut sein Übriges. Boah! Waren die Vorgänger­al­ben noch merk­lich zurück­hal­tender, greift Anna von Hauss­wolff hier in die Vollen und legt die sprich­wörtliche Lat­te um etliche Meter höher.

    Ich wage zu schreiben: “Dead Mag­ic” wird jeden­falls dort, wo es sich ein­find­et, ein ein­ma­liges Album im noch jun­gen Jahr 2018 bleiben. Wer son­st wird es nicht nur wagen, son­dern auch schaf­fen, aus einem uncoolen Instru­ment so ein prachtvolles und dabei noch kon­stantes Werk zu schaf­fen? Ich bin bewegt, man sehe es mir nach.

    Rein­hören: Zur erwäh­n­ten Sin­gle gibt es ein Video, anson­sten wis­sen Amazon.de, Bandcamp.com und TIDAL zu helfen.

  4. Pipa­po — Kris­tov in der Allee der Kos­mo­naut­en

    Als ich mich auf der Band­camp­seite von Tur­bine Stoll­prona herumtrieb, um auf­grund ihrer Liedti­tel (“Jens Müller wollte unbe­d­ingt ihren Vater anrufen”, auf so was muss man ja auch erst mal kom­men) das Album “Effek­thascherei” genauer zur Ken­nt­nis zu nehmen als zuvor, stieß ich dort auf weit­ere Namen von Musik­grup­pen ähn­lichen Typs und anscheinend auch ähn­lichen Humors. Unter diesen Grup­pen sah ich Pipa­po und war spon­tan amüsiert.

    Pipa­po ist ein Leipziger Duo, beste­hend aus einem Schlagzeuger und einem Gitar­ris­ten, und seine Musik ist rein instru­men­tal. Ich würde trotz meines Hol­zohrs neben der genan­nten Beset­zung außer­dem einen Bass erken­nen, jedoch ist darüber nichts über­liefert. Ob die Beset­zungsliste son­st über­haupt zutr­e­f­fend ist, ist unklar, denn die Liste der Musik­er, die die Lieder gere­cordet haben, unter­schei­det sich hin­sichtlich der dort notierten Ini­tialien sehr. Mit Liedtiteln wie “Ramo Zepol at Tankstelle Bock­wurst” und “Goofy is not a Met­al­band, ok?” bin ich nichts­destotrotz ver­sucht, dem Duo komö­di­antis­ches Inter­esse nachzusagen, Texte zum Nach­weis gibt es jedoch nicht. Woher der Titel des Albums stammt, ist mir unklar, das Berlin­er Stu­dio, in dem es aufgenom­men wurde, heißt jedoch “Allee der Kos­mo­naut­en”. Nur ein Kris­tov ist nicht auszu­machen.

    Auf die Ohren bekomme ich hier eine gelun­gene, von der Band “Math­rock” genan­nte Melange aus Psy­che­del­ic Rock und Jaz­zrock, weit­ge­hend instru­men­tal darge­boten, obwohl gele­gentlich undeut­liche Rufe oder auch Lachen (was is’n der Plur­al eines Lachens?) ertö­nen, wobei die Musik­er ange­blich von einem son­st nicht weit­er erwäh­n­ten Juri K. unter­stützt wer­den. Das macht sich bes­timmt gut im Lebenslauf. Es sind “math pop prog post chem­istry” im Inter­net herum­liegende Stich­wörter für “Kris­tov in der Allee der Kos­mo­naut­en”. Es fol­gere daraus, wer will, was er will.

    Rein­hören: Via Band­camp gibt es Kauf, Stream und T‑Shirts.

  5. Plu­rals — Tri Tone

    Zum Jahre­sende 2015 war ich ungeah­nt begeis­tert von Boris’ über­ra­gen­dem Album “asia”. Ich hat­te nicht angenom­men, dass mich so bald noch mal ein Album so sehr fes­seln würde. “Tri Tone” von Plu­rals aus Südeng­land gibt sich trotz­dem große Mühe, es zu schaf­fen.

    Auf ihrer (nach lib­eraler Schätzung) siebzehn­ten Veröf­fentlichung “Tri Tone”, veröf­fentlicht erst im März 2018, sind Plu­rals — daher wom­öglich der Titel des Albums — erst­mals zu dritt, eines ihrer Mit­glieder scheint ihnen abhan­dengekom­men zu sein. Wie sie es so lange geschafft haben, von mir nicht bemerkt zu wer­den, ver­ste­he ich selb­st nicht. Da habe ich was nachzu­holen.

    Aber erst ein­mal gilt es, den beim Musik­genuss eher lästi­gen Ver­stand abzuschal­ten, so gut es eben geht. Wie schon auf vorigen Alben sind auf “Tri Tone” zwei Stücke, ange­blich das Ergeb­nis dreistündi­ger aufgenommen­er Ideen­find­ung, zu hören, die jew­eils über 23 Minuten lang sind und so bei­de LP-Seit­en ganz gut füllen. Es gibt nur Vinyl oder Down­load. CD-Spießer sind hier nicht willkom­men. Wer aber die Geduld für Vinyl hat, der wird belohnt. Über­haupt ist “Tri Tone” sehr entschle­u­ni­gend, wobei innig das wohl noch bessere Adjek­tiv ist. Die gespiel­ten Drones lassen nicht viel action außer gele­gentlichen Mis­stö­nen zu. “Bas Fond”, was auf Franzö­sisch laut Inter­net “unten” heißt, baut sich langsam auf, begleit­et von einem kam­mer­musikalisch klin­gen­den, grum­mel­nd kratzen­den Fun­da­ment wer­den den restlichen Instru­menten wenige Töne, diese dafür lange anhal­tend, ent­lockt. Kein Schlagzeug, wofür auch? Dass über­haupt nichts passiere, ist allerd­ings eine Fehlannahme; die anschwellen­den und abebben­den Töne, ger­ade auch gepaart mit dem durch­drin­gen­den Brum­men, hin­ter­lassen schon nach weni­gen Minuten (bei mir waren es etwa acht) eine erstaunliche Gänse­haut, die die sich immer weit­er verdich­t­ende Musik tat­säch­lich nicht nur hal­ten, son­dern sog­ar mehren kann. Hui! Ich mag das.

    Dass “Bas Fond” zwis­chen­drin auch mal nach futur­is­tis­ch­er Fab­rikhalle klingt, fällt daher auch nur auf, wenn man mit­ten­drin rein­schal­tet. Wer macht denn auch so was? In der zweit­en Hälfte wird die Reibefläche schrit­tweise erhöht, aus der Wolken­reise über ein­er glänzen­den Fab­rik wird ein her­aufziehen­des Gewit­ter über ver­rosteten Schorn­steinen. Man bleibt ges­pan­nt, wie es wohl aus­ge­hen wird. Die Band selb­st bleibt unentschlossen: Als “Bas Fond” (etwas lang­weilig mit fade-out) verklingt, ist das Gewit­ter zwar über­standen, die Fab­rik aber ist nicht mehr dieselbe, sie scheint in Flam­men zu ste­hen. Hof­fentlich ist nie­man­dem etwas passiert.

    Im direk­ten Ver­gle­ich damit wirk­te “Sun Lock”, das auch nicht ganz so klingt, wie es heißt, beina­he sakral, wenn nicht in den ersten Minuten immer wieder ein Pauk­endon­ner erschölle. Man meint die Sonne über ein­er Kapelle während ein­er Messe aufge­hen zu sehen. Musik, die wie Naturge­wal­ten klingt, bleibt eine Rar­ität, was ich bedau­re. Bei bloßem Schön­klang belassen es Plu­rals aber nicht, son­dern auch dies­mal, begin­nend ab etwa sechs Minuten, erricht­en sie zunächst fast unbe­merkt, aber zuse­hends deut­lich­er eine dishar­monis­che Dystopie mit einem verzweifel­ten Geiger mit ver­stimmtem Instru­ment in ein­er zer­störten Stadt. Ich weiß nicht, ob die Band sich das so gedacht hat, aber ein guter Kün­stler erk­lärt sein Werk nun mal nicht. Nicht zum ersten Mal auf “Tri Tone” füh­le ich mich zur Hälfte von “Sun Lock” an besagtes “asia” erin­nert, der “Talk­a­tive Lord” scheint nicht weit ent­fer­nt, seine blech­erne Stimme ist im Sturm zu vernehmen. Was er sagt, ist unver­ständlich, aber es klingt beina­he men­schlich; oder bilde ich mir das ein? Mit sein­er Rede klingt auch er selb­st ab, als würde er sich auflösen oder, wie es die religiöse Mytholo­gie vorschlägt, erleuchtet. Zum Abschied spendieren Plu­rals mir noch ein­mal eine Gänse­haut.

    Ein biss­chen erleuchtet füh­le ich mich nach den fast 49 Minuten, die das Album dauert, jet­zt allerd­ings auch selb­st — erleuchtet und unglaublich erschöpft. Ich bin glück­lich. Doch, das trifft es.

    Rein­hören: Wer sich den Spaß unbe­d­ingt selb­st verder­ben möchte, der kann vor dem Kaufen via Bandcamp.com dort auch das Album in ganz­er Länge anhören.

  6. Bar­do Pond — Vol­ume 8

    Noch eine Reise? Noch eine Reise!

    Auch Bar­do Pond zählen hier nicht zu den völ­lig Unbekan­nten, erst im Jan­u­ar dieses Jahres feierte ich das Ergeb­nis ihrer Zusam­me­nar­beit mit Acid Moth­ers Tem­ple und Guru Guru, um es mal angemessen selt­sam auszu­drück­en, voll ab. Ihr neuestes Stu­dioal­bum, dies­mal wieder im Allein­gang einge­spielt, klingt zwar beina­he selb­stver­ständlich weniger durchgek­nallt, aber auf keinen Fall ein­töniger.

    Weit­ge­hend instru­men­tal arbeit­en die fünf US-Amerikan­er auf “Vol­ume 8”, Fünf ist auch die Anzahl der enthal­te­nen Stücke, die es zusam­men auf etwa vierzig Minuten brin­gen. Auss­chwei­fun­gen hal­ten sich hier also bis kurz vor dem Ende in Gren­zen. Hip­pieesque mit fer­nöstlichen Anklän­gen ist “Vol­ume 8” bere­its ab den ersten Tak­ten von “Kailash”. Gen­res ver­bi­eten sich weit­er­hin. Wer Schubladen will, der mag keine Musik. Ich mag “Vol­ume 8”.

    “Flayed Wish” fließt zäh aus den Box­en wie ein entspan­nen­der Trip, was das Album sowieso ganz gut beschreibt. “Pow­er Chil­dren” ist eine instru­men­tale Hip­piebal­lade, die der Wahrnehmung von Bar­do Pond als (im weitesten Sinne) Psy­che­del­ic-Drone-Band eine son­st fast vergessene Nuance anfügt. Ihm fol­gt mit “Cud” ein ähn­lich­es Stück, in dem eine unverz­er­rte E‑Gitarre als einziges zu hören­des Instru­ment die Stim­mung auf entspan­nen­dem Niveau hal­ten darf.

    Der Höhep­unkt und gle­ichzeit­ig der per­fek­te Kon­trast zu “Cud” aber ste­ht am Ende: Das fast siebzehn­minütige “And I Will” frisst sich krautig mit heftig fuzzen­der Gitarre ins Ohr, Flöte und entrück­ter Gesang tra­gen selb­st noch etwas dazu bei, dass man die musikalis­chen späten 60-er Jahre noch nicht ver­gan­gen glaubt. Die nehmen doch alle Dro­gen. Wie machen die das? Man sollte meinen, 17 Minuten seien lange, aber ich merke gar nicht, wie das Stück voran­schre­it­et. Als es verklingt, kommt das jeden­falls über­raschend und viel zu früh. Aber wofür gibt es denn die Wieder­holen-Taste?

    Das Album, ste­ht im Inter­net, ver­set­ze den Hör­er in einen anderen Bewusst­sein­szu­s­tand. Das halte ich für unter­trieben.

    Rein­hören: Auch Bar­do Pond sind nicht nur auf Amazon.de, son­dern auch auf Bandcamp.com zu find­en.

  7. Sopor Aeter­nus & The Ensem­ble of Shad­ows — The Spi­ral Sac­ri­fice

    “Ich brauch ein neues Aug’, einen neuen Sinn” (Every­thing is an Illu­sion)

    Die Band (“Musikpro­jekt”, Wikipedia) nen­nt sich selb­st den ewigen Schlaf mit­samt dem Ensem­ble der Schat­ten. Wer errät das Genre?

    Wenn ein Musik­er erst ein­mal in der deutschsprachi­gen Wikipedia auf­taucht und der Artikel nicht von mir erstellt wurde, dann ist er entwed­er schon sehr lange im Geschäft, macht furcht­bare Musik oder will sich selb­st im ver­meintlich richti­gen Licht darstellen. Auf Sopor Aeter­nus & The Ensem­ble of Shad­ows trifft im hek­tis­chen 21. Jahrhun­dert, rel­a­tiv gese­hen, erstere Annahme zu: Seit der Grün­dung im Jahr 1989 erschienen zwis­chen keinem und drei offizielle Veröf­fentlichun­gen beliebiger Länge und Qual­ität. 1994 wurde ein Album namens “…Ich töte mich jedes­mal aufs Neue, doch ich bin unsterblich, und ich erste­he wieder auf: in ein­er Vision des Unter­gangs…” auf die Öffentlichkeit los­ge­lassen, die enthal­te­nen Lieder tra­gen Titel wie “Tanz der Grausamkeit” und “Im Garten des Nichts”. Nicht sehr fröh­lich, die Com­bo.

    Aber man muss ja auch nicht immer nur fröh­lich herum­sprin­gen. Über den Grün­der von Sopor Aeter­nus & The Ensem­ble of Shad­ows weiß man in der deutschsprachi­gen Wikipedia, dass er heute “all­ge­mein als Frau” lebe, wie auch immer man sich das vorzustellen hat. Ich wusste nicht mal, dass Frauen “all­ge­mein” anders leben als ich, vom gele­gentlichen Auf­suchen eines Pis­soirs abge­se­hen.

    Einem ins­ge­samt eher anstren­gend zu lesenden Inter­view mit Front­per­son Anna-Var­ney Can­todea, was natür­lich ein Kün­stler­name ist, ent­nehme ich, dass die genaue Beset­zung auf diesem Album eigentlich keine große Rolle spielt, denn Kreativ­ität und somit kün­st­lerische Iden­tität von Sopor Aeter­nus & The Ensem­ble of Shad­ows ist ein Ein-Per­so­n­en-Spiel.

    Gemessen daran ist das hier zu Hörende aber fan­tastisch, und das nicht nur im textlichen Sinne. “The Spi­ral Sac­ri­fice” ist, trotz des Cover­bildes, erfreulich action-armer Kam­mer­prog mit Stre­ich­ern, wie ich ihn so zulet­zt nur von den nicht min­der fan­tastis­chen Eclipse Sol-Air gehört hat­te. Zu dem eben­falls ungewöhn­lichen, aber zur vor­liegen­den Musik gut passenden Gesang, der in zehn der ins­ge­samt 19 Stücke zu hören ist, gesellt sich zusät­zlich ein schön grum­mel­nder Bass, was ins­beson­dere Kopfhörerbe­nutzern das zusät­zliche Etwas geben kön­nte. Mit Eclipse Sol-Air verbindet die Band auch eine andere Gemein­samkeit, näm­lich die häu­figer mal wech­sel­nde Sprache. Über­raschen­der­weise haben hier manch­mal Lieder mit einem deutschen Titel englis­chsprachige lyrics und ander­sherum. The­ma­tisch geht es um Tod, Abschied und der­gle­ichen, was sich durch die Bandgeschichte wie ein rot­er Faden, der sich irgend­wo durchzieht, zieht, wenn auch deut­lich weniger the­atralisch als zum Beispiel die auf andere Art hörenswerten Untoten. Das klingt wom­öglich jet­zt nach einem Ver­riss, ist aber gar nicht so gemeint.

    “The Spi­ral Sac­ri­fice” sei “möglicher­weise” das let­zte Album, ist im oben ver­link­ten Inter­view zu lesen. Falls das zutr­e­f­fen sollte, ist es zumin­d­est kein übler Abgang; falls nicht, bleibt es doch ein Album, das nicht gehört zu haben ein biss­chen bedauer­lich wäre.

    Rein­hören: Das ist momen­tan auf Amazon.de und TIDAL möglich.

  8. Man Moun­tain — Infin­i­ty Mir­ror

    Die allse­mes­trige Dosis instru­men­tal­en Postrocks wird weit­er ver­größert von Man Moun­tain. Über Postrock heißt es aus Kreisen, deren Banau­sen­tum hier allen­falls abschätzige Würdi­gung ver­di­ent haben soll, dass er immer gle­ich klinge. Ich teile diese Auf­fas­sung nicht, denn selb­st in jenen Poströck­en, die mit zwei bis vier Gitar­ren, Schlagzeug und Bass Wände auf­bauen und wieder ein­reißen, kann von Gle­ich­form keine Spur sein. Diese Musik hört man nicht, man fühlt sie.

    Wom­it ich zu “Infin­i­ty Mir­ror” komme. Man Moun­tain aus aus­gerech­net den USA (Michi­gan, heißt es) ist ein Quar­tett mit zwei Gitar­ren, einem Schlagzeug und einem Bass. Es gilt das alte Laut-Leise-Spiel, kaum beson­ders anders darge­boten als üblich, aber vielle­icht ger­ade deshalb eine Erwäh­nung hier wert. Dauert ja auch nicht lange: Die sechs Stücke sind in 38 Minuten vor­bei. Das passt noch rein. Mehr vom sel­ben also? Natür­lich!

    Trotz­dem (oder: deswe­gen) wird auch “Infin­i­ty Mir­ror” nach einem lan­gen Tag mit Mog­wai und Menis­cus nicht so schnell lang­weilig. Wer hier keinen Unter­schied hört, dem kann ich nicht helfen, zu beschreiben jeden­falls ist und bleibt er schw­er. Allein der Bass kön­nte vielle­icht etwas lauter sein. Irgend­was ist ja immer. Kopfhör­er sind jeden­falls Pflicht. Zuwider­hand­lung wird mit Tzk-tzk-Geräuschen bestraft.

    Rein­hören: Man schaue hierzu bei Band­camp vor­bei.

  9. Vvl­va — Path of Virtue

    “His­to­ry has shown: many good ones were killed.” (Cryp­tic Faith)

    Was weiß man schon über Aschaf­fen­burg? Oft nicht viel, aber zumin­d­est die dor­tige Musik­szene scheint etwas Aufmerk­samkeit zu ver­di­enen. Aus ihr näm­lich entsprang das Quin­tett Vvl­va, das man trotz­dem hof­fentlich wie “Vul­va” und nicht wie “Wlwa” aussprechen soll, denn das klänge irgend­wie bescheuert. Am Bass ste­ht Dr. Michael Hock, also jemand mit aktiv genutztem Dok­tor­ti­tel, weiß das Inter­net. Von wegen Fachkräfte­man­gel!

    Das kön­nte man allerd­ings selb­st dann von der Musik nicht behaupten, jeden­falls über­wiegend nicht. Die näm­lich ist genau so 70er-beseelt wie man sich das vorstellt, wenn man diese Wortschöp­fung zum ersten Mal liest: Auf “Path of Virtue” spie­len Vvl­va einen angenehm unmod­er­nen Blues-/Hardrock mit nach Orgel klin­gen­den Key­boards und natür­lich Fuz­zgi­tarre. So spiel’n die Deutschen — die Deutschen, die spiel’n so. Dass sich in meinen Rezen­sio­nen diese Stile ver­mehrt wiederfind­en, werte ich als Zeichen, dass ger­ade eine Retro­rock-Welle durch die Musik­welt schwappt. Irgend­wo muss das ja herkom­men. Man würde Deep Pur­ple und Uri­ah Heep Unrecht tun, behauptete man, “Path of Virtue” klinge wie Deep Pur­ple mit ganz anderem Gesang oder wie Uri­ah Heep über­haupt, son­st würde ich genau das jet­zt tun.

    Nein, mit Schubladen und “klingt wie” haben Vvl­va höch­stens aus Verse­hen was zu tun. In “Dieb der See­len” wird (lei­der zum einzi­gen Mal auf “Path of Virtue”) auf Deutsch gesun­gen, ander­swo gibt es musikalis­che Über­raschun­gen: Dominieren in der ersten Hälfte des Albums noch alte Meis­ter, so wagt sich die Band später in ver­spielte Eck­en. Das Titel­stück “Path of Virtue” etwa, das ich auf­grund sein­er Qual­ität für so etwas wie den Anspieltipp des Albums halte, wird mit ein­er Art Kirmeswalz­er­melodie ein­geleit­et, bevor die Band nach ein­er hal­ben Minute kraftvoll alles zu geben scheint, was sie hat. Sänger Tobias Rit­ter trägt im inbrün­sti­gen Post­punkstil einen Refrain vor, der dem son­st eher bewe­gungsar­men Rezensen­ten ein wenig Mit­gewack­el auf dem Stuhl ent­lockt, dazwis­chen bril­lieren die Instru­men­tal­is­ten mit energiere­ich­er Siebzigerei. Dass zum Abschluss des Albums mit “Sec­ond Voice” ein lahmes Clas­sic-Rock-Liedlein ertönt, dessen wenig­stens erste Hälfte ich zu über­sprin­gen empfehle, trübt den Ein­druck kaum. Die anderen sieben Stücke kann einem ja nie­mand mehr nehmen.

    “Path of Virtue” sei, heißt es, das Debü­tal­bum von Vvl­va. Davon bitte gern mehr!

    Rein­hören: Vvl­va sind, man ahnt es, außer auf Amazon.de auch auf Bandcamp.com zu find­en.

  10. Shob — Kar­ma Obscur

    Seit einiger Zeit beginne ich Wochen gern damit, meine Leser mit Musik zu bere­ich­ern, auf dass der Mon­tag etwas von seinem Schreck­en ver­liere. Im April dieses Jahres traf es Shob, was laut Onlineüber­set­zer ein rus­sis­ches, wahrschein­lich aber ein völ­lig frei erfun­denes Wort sowie der Kün­stler­name eines franzö­sis­chen Bass­gi­tar­ris­ten ist.

    Für “Kar­ma Obscur”, nach “Prag­ma­tism” (2015) das erst zweite veröf­fentlichte Album des Her­rn Shob, hat er sich prinzipbe­d­ingt eine Vielzahl an Gästen ins Stu­dio bestellt oder sie sonst­wie auf das Album bekom­men. Ich zäh­le ins­ge­samt 17 beteiligte Musik­er, wobei diese natür­lich nicht gle­ichzeit­ig über­all zu hören sind. Sän­gerin Lau­rène Pierre Mag­nani aus ein­gangs ver­link­tem Stück scheint etwa nur dort zu hören zu sein, der Rest der Stücke ist gesan­g­los, obgle­ich in der Beset­zungsliste zumin­d­est auch Mon­key D’Beasty (die Schreib­weise scheint Absicht zu sein) als Beat­box­er zu lesen ist. Über die einzel­nen Gäste ist nur wenig zu find­en, die Aus­nah­men scheinen aber vor allem im Jaz­zrock aktiv zu sein.

    Das spiegelt sich auch auf “Kar­ma Obscur”, anscheinend ein Wort­spiel mit “Cam­era obscu­ra”, wider, in dessen musikalis­chem Inhalt, man höre ins­beson­dere “The right move”, weit­ge­hend Instru­men­tal­funk mit deut­lichem Jazzein­schlag gespielt wird, was die Anwe­sen­heit zweier Trompeter, eines Sax­o­phon­is­ten und eines Posaunis­ten sicher­lich begün­stigt. Dass die Musik­er dazwis­chen (etwa gegen Ende von “Straight Ahead”) auch mal hart rock­en oder dem Math­rock (“Except I’m 65”) frö­nen, im Titel­stück “Kar­ma Obscur” gar crim­sonesque ans Werk gehen, ist dabei so beacht­ens- wie hörenswert.

    Andere Rezensen­ten beschreiben “Kar­ma Obscur” im unerk­lärten Kon­junk­tiv als “Funk-Prog für die anspruchsvolle Hör­erschaft mit einem uner­müdlich kom­plex grooven­den Bass­gi­tar­ris­ten” zusam­men. Das kann man so gel­ten lassen.

    Rein­hören: Schwierig — warum nicht mal über Band­camp?

  11. Hinds — I Don’t Run

    And all these ran­dom melodies sound again” (Final­ly Float­ing)

    Spanien ist nicht nur für seine Lebens­mit­tel, seine Sies­tas und seine bedauer­liche Innen­poli­tik bekan­nt, son­dern ist auch in meinen hal­b­jährlichen Rück­blick­en bish­er ein wenig zu kurz gekom­men. Das soll sich mit Hinds nun ändern. Hinds (“Hirschkühe”) hießen bis 2014, weiß das Inter­net, Deers (“Hirsche”), aber die ungeah­nt unhöfliche und mir unbekan­nter­weise bere­its jet­zt unsym­pa­this­che kanadis­che Musik­gruppe The Dears hielt das für keinen so guten Namen.

    Die Umbe­nen­nung hat­te aber nicht nur neg­a­tive Fol­gen (wahrschein­lich war in der Folge etwas organ­isatorisch­er Aufwand von­nöten), son­dern auch pos­i­tive: Die Hinds sind seit ihrem Beste­hen — anfangs als Duo, inzwis­chen als Quar­tett — eine auss­chließlich von Frauen geführte Gruppe. Dass diese ihr aktuelles Album aus­gerech­net “I Don’t Run” nan­nte, was sämtliche Vorurteile über Frauen­sport… aber ich schweife ab.

    Der Titel des Albums ver­rät es bere­its: Trotz teil­weise lan­dessprach­lich­er Anfänge ist die hier dom­i­nante Sprache Englisch. Das finde ich gut, denn gesun­ge­nes Spanisch ste­ht in mein­er absteigend nach Rümp­figkeit sortierten Naserümpfliste nur auf­grund des Ital­ienis­chen nicht an erster Stelle. Aber auch musikalisch ist das, was auf “I Don’t Run” zu hören ist, nicht zu ver­acht­en: Was von der Band selb­st (oder wenig­stens ihrer Ver­mark­tungsabteilung) “Gara­gen­pop” genan­nt wird, hört sich wie eine sehr som­mer­taugliche Surfrock­vari­ante mit ein­er gehöri­gen Por­tion von heuti­gen Jugendlichen schon wieder fast vergessen­er Ind­ie­gara­gen­musik (The Hives, The Strokes und so weit­er).

    Dass die Hinds wenig­stens gesan­glich noch ein wenig Riot-Grrrl-Pathos hinzufü­gen, indem sie den mal ein- (“New For You”), mal mehrstim­mi­gen (“Final­ly Float­ing”) Gesang nicht pop­starhaft in das anson­sten Gehörte ein­flecht­en, son­dern ihn als schrillen Kon­tra­punkt präsen­tieren, run­det “I Don’t Run”, wie ich meine, erst ab. Wer zu lange nichts von The Vel­vet Under­ground gehört hat, dem dürften Hinds eben­so große Befriedi­gung ver­schaf­fen wie all jenen, die deren späte Nach­fol­ger im Geiste lei­der ver­passt haben. Es lebe Spanien, sozusagen.

    Rein­hören: Wie auch die Vorgänger­al­ben gibt es “I Don’t Run” auf Bandcamp.com zum Stream und Kauf in viel­er­lei For­mat­en.

  12. Broth­er Grimm — Home Today, Gone Tomor­row

    “Who put ‘Sax’ in ‘Sax­ony’?” (Still Afraid of Ger­many)

    “Home Today, Gone Tomor­row” ist beileibe kein Märchen. Der Inter­pret Broth­er Grimm, der zwar wirk­lich Grimm, nicht jedoch wirk­lich Broth­er heißt, kommt aus­gerech­net aus Berlin, macht aber Musik, die gar nicht klingt wie Musik aus Berlin. Im blöde herum­gen­ren­den Web kann man (hier: jemand von sein­er Plat­ten­fir­ma “NOISOLUTION” aus eben­falls Berlin) sich zwis­chen “Geis­ter­haus­blues” und “Albträume[n] in Fuck­moll” gar nicht so recht entschei­den. Will man es? Ich will es nicht.

    Stattdessen höre ich so unvor­ein­genom­men wie möglich, was Broth­er Grimm mir zu erzählen hat. Das ist leichter, wenn man sich erst Noti­zen zum Album macht und dann ein wenig Hin­ter­grundgeschichte recher­chiert. Zum Glück bin ich Profi; wen­ngle­ich sich meine Pro­fes­sion­al­ität zu meinem eige­nen Bedauern auf das bloße Hören beschränkt, Broth­er Grimm aber ist Mach­er.

    Was es ist, das er macht, in wenige ein­fache Begriffe zu fassen ist aber auch für mich nicht leicht, denn auch “Home Today, Gone Tomor­row” ist ein Album der Vielfalt. Broth­er Grimms gebroch­en­er und den­noch inten­siv-warmer Gesang ver­lei­ht jedem Lied eine beachtliche Intim­ität, gewiss ist son­st nichts, nicht mal die Rich­tung, die im näch­sten Moment eingeschla­gen wer­den wird. Irgend­wo im musikalis­chen Geflecht zwis­chen Scott Walk­er, David Bowie und Nick Cave suchte man nicht allzu verkehrt, begäbe man sich denn über­haupt auf eine Suche.

    Das eröff­nende “A Let­ter to Bob” bin ich als Akustik­doom zu beschreiben ver­sucht, “Sharp’s the Word” hinge­gen als Nois­e­rock mit mehr als nur ein biss­chen Blues­beifü­gung. Moll und Blues: Häkchen dran. Das gilt für die bei­den erst­ge­nan­nten eben­so wie die fol­gen­den Stücke. Mit “The Black Lodge” fol­gt aber erst ein­mal ein Instru­men­tal­stück, düstere (“Geisterhaus-”?)Elektronik mit gele­gentlichen Aus­brüchen. Fröh­lich wird es auf “Home Today, Gone Tomor­row” auch nicht mehr, da kön­nen noch so viele Titel wie “Alo­ha” auf­tauchen. Wie auch “Echoes” ist dieses eher betrüblich. Wer dazu tanzt, ist selb­st schuld. Unbe­d­ingt hörenswert ist der Freis­til­teil in der Mitte von “Alo­ha” aber trotz­dem, begleit­et von unheil­vollen Akko­r­den. Alo­ha!

    Die musikalis­che Wel­treise von Broth­er Grimm set­zt das Welt­musik­lied “Born Under Punch­es” fort, mit dem ange­jaz­zten “Still Afraid of Ger­many” wird es beina­he ein wenig radio­tauglich, obwohl ich annehme, dass gängige Radiosender Lieder ohne Mitklatsch‑4/4‑Takt gar nicht erst anhören wollen. Das Titel­stück, eine erschreck­end gefäl­lige Bal­lade mit Gitarre und klopfen­d­em Bass, geht schließlich über in einen “Hid­den Track”, eine recht noise-umk­lam­mernde Cov­erver­sion von aus­gerech­net David Bowies “Heroes”, deren Dar­bi­etung auf­grund des her­ausgenomme­nen Tem­pos und der Instru­men­taleskala­tion beina­he bedrohlich wirkt und deswe­gen ein stim­miger Abschluss für ein Album ist, das genau auf dieses ver­steck­te Stück hingear­beit­et zu haben scheint. Passt!

    Rein­hören: Ratet mal!

  13. Van­tomme — Vegir

    Kom­men wir von einem Einzelkämpfer zu ein­er Zusam­me­nar­beit.

    Der bel­gis­che Pianist, Kom­pon­ist, Pro­duzent, Mel­lotro­n­ist (u.a.) Dominique Van­tomme hat für sein diesjähriges Album “Vegir”, auf dem kein Gesang stat­tfind­et, min­destens gle­ich­w­er­tig promi­nente Unter­stützung gefun­den. Während am Schlagzeug der ver­gle­ich­sweise unbekan­nte Jaz­zschlagzeuger Maxime Lenssens sitzt, ste­ht Michel Delville (The Wrong Object, douBt, Machine Mass) an der Gitarre, gle­ich­falls meist im Jazz und dessen Spielarten aktiv. Nicht aus Bel­gien, eigentlich nicht ein­mal aus dem Jazz stammt hinge­gen der Mann am E‑Bass und am Chap­man Stick, näm­lich der umtriebige Tony Levin (King Crim­son, Liq­uid Ten­sion Exper­i­ment, Stick Men).

    Mit dessen dom­i­nan­tem, melodis­chem Bass ist kon­se­quent während des gesamten Albums zu rech­nen, was im Jaz­zrock — und darum han­delt es sich bei “Vegir” — grund­sät­zlich ein gutes Zeichen ist. Die Grund­stim­mung ist entspan­nt, gar smooth, auch wenn Michel Delville von vorn­here­in (“Dou­ble Down”) den Groove mit manch­er ver­spiel­ter, mitunter tem­por­e­ich­er Freiform bere­ichert. Gele­gentlich fühlt man sich so an die 80er- und Mitt-90er-Auf­nah­men von King Crim­son und deren Pro­jeKcts erin­nert. Außer Jazz- und gele­gentlich (“Agent Orange”) auch Postrock darf sich der Schubladen­fre­und auch auf RIO/Avant (“Siz­zurp”) freuen, darge­boten mit Pro­fes­sion­al­ität ein­er- und Freude am Exper­i­men­tieren ander­er­seits. Immer bloß Jazz, so schön er auch ist, wäre unter dem Niveau der vier Musik­er, sie müssen nie­man­dem mehr beweisen, dass sie Regeln beherrschen. Sie zu über­winden ist die wahre Kun­st.

    “Vegir” sei, schrieb Tho­ralf Koß ander­swo, ein “pro­gres­sives Jazz-Rock-Album voller Har­monie und Exper­i­mente” und das ist fast noch ein biss­chen unter­trieben. Eines jeden­falls ist es unbe­d­ingt: Nicht schlecht.

    Rein­hören: Auf YouTube gibt es diverse Videos, unter anderem eines, auf dem die Musik­er beim Spie­len von “The Self Lick­ing Ice-cream Cone” zu sehen sind. Das gesamte Album in voller Länge gibt es via Bandcamp.com und Amazon.de als Stream und Kauf, lei­der aber nicht auf Vinyl.

  14. Sam­mal — Suuliek­ki

    “Suuliek­ki” heißt auf Finnisch “Mün­dungs­feuer”. Trotz­dem hat sich das finnis­che Quin­tett Sam­mal für sein drittes Album ein wenig Zeit gelassen, der Vorgänger “Myrsky­varoi­tus” wurde immer­hin schon 2015 veröf­fentlicht. Bemerkt habe ich die Band jedoch selb­st erst 2018, das auf “Suuliek­ki” enthal­tene “Ylistys ja kumar­rus” läutete im April eine Woche ein.

    Von ein­er “kauzi­gen” und “pit­toresk schrul­li­gen” Gruppe ist im Web die Rede, wenn ver­sucht wird, Sam­mal zu beschreiben, was meinem ersten Ein­druck dur­chaus entspricht. Das kön­nte mit dem Gesang zu tun haben, der nach dem Intro im Titel­stück ein­set­zt und in der Lan­dessprache stat­tfind­et, was eigentlich sehr gut, aber doch ungewöhn­lich klingt und “Suuliek­ki” einen beina­he folki­gen touch ver­lei­ht. Auf min­destens einem Presse­fo­to zum Album ste­hen die fünf mehrheitlich haari­gen Her­ren fol­gerichtig in einem Wald herum. Warum sich auf dem Cover­bild zwei Pin­guine anscheinend prügeln, weiß ich aber nicht.

    Die Musik selb­st allerd­ings ist weit von Volksmusik ent­fer­nt, stattdessen höre ich Neo­prog mit viel Key­board (wer auch die lei­der aufgelösten Beard­fish mag, der möge sich hier ein­ge­laden fühlen), manch­mal (“Viti­tuk­sen val­tameri”, was für eine faszinierende Sprache!) auch mit etwas mehr Gitarre. “Neo­prog” ist aber vielle­icht auch etwas hoch gegrif­f­en, denn, wie sich das für skan­di­navis­che Bands gehört, brin­gen Sam­mal eine gehörige Por­tion retro mit. Hat­ten wir schon einen Ver­gle­ich mit Uri­ah Heep? Hier haben wir noch einen.

    “Am Ende”, schrieb “Mario” für das “Hand­writ­ten­Mag”, seien Sam­mal aber “ein­fach nur Sam­mal”, für einen Geheimtipp seien sie jeden­falls zu schade. Dem kann ich beipflicht­en und hoffe, hier­mit meinen Beitrag zur Verbesserung geleis­tet zu haben.

    Rein­hören: Auf Bandcamp.com kann man das Album zwar hören und kaufen, aber lei­der zurzeit nur als “dig­i­tales Album”, also als flüchtige Kopie. Für Anspie­len und hand­feste Ton­träger rate ich zu Amazon.de.

  15. Chromi­um Hawk Machine — Annuna­ki

    Keine Sorge: Mit Enten hat “Annuna­ki” nichts zu tun. Die eigentlich anders geschriebe­nen Anun­na­ki waren, glaubt man aus­nahm­sweise den Inhal­ten der Wikipedia, vielmehr die mesopotamis­chen Göt­ter der Unter­welt.

    Um so erstaunlich­er ist es, dass aus­gerech­net eine Space-Rock-Gruppe ein Album dieses Titels aufn­immt, denn mit dem Weltall hat die Unter­welt ja nur bed­ingt etwas zu tun. Chromi­um Hawk Machine aus den USA sind das Ergeb­nis ein­er Zusam­me­nar­beit von Helios Creed, Gitar­rist von Chrome, und Nik Turn­er, mit ein­er Unter­brechung bis 1984 bei Hawk­wind an Sax­ophon und Flöte tätig. Das kön­nte den Band­na­men erk­lären. Mit ihnen in der Band ist Jay Tausig an Schlagzeug, Syn­the­siz­ern und Bass, der aber, so weit ich das her­aus­ge­fun­den habe, nie in ein­er Gruppe gespielt hat, die irgend­was mit “Machine” hieß. Vorn auf dem gen­reüblich schreck­lichen Cover­bild prangt jedoch vor allem der Name Nik Turn­ers in gen­reüblich schreck­lich­er Schrift, der dort als einziger der drei Musik­er kom­plett in Großbuch­staben zu lesen ist. Ehre, wem Ehre gebührt. Laut Inter­net ist “Annuna­ki” bere­its seit 2017 zu haben, die Band­camp­seite zum Album behauptet aber, die Veröf­fentlichung sei erst am 28. Feb­ru­ar 2018 erfol­gt. Ich bin mal mutig und nehme es in diese Liste auf.

    Das Album begin­nt mit hek­tis­chem RIO/spacigem Jaz­zrock unter best­möglich­er Aus­nutzung der Stereotech­nik, nicht unähn­lich der Hoch­phase von Gong, ver­mengt mit Sprach­fet­zen: “Cos­mic Explo­sion”, bere­its eine Vier­tel­stunde lang, ist genau das, was sein Titel behauptet. Erst­mals erscheint (verz­er­rter) Sprechge­sang, den sich auf dem Album Nik Turn­er und Helios Creed teilen, wie ander­swo zu lesen ist. Ich wage keine Zuord­nung, stelle aber fest, dass Space­rock und Sangeskun­st miteinan­der ten­den­ziell eher mit­telgut har­monieren.

    “Time and Ter­raform­ing” und “But­ter­cups and Poppey­fields” sind nervös­er Industrial/Noise/Stoner Rock mit Flöte, Sax­ophon und Kli­max, ver­mut­lich war hier eher der Chrome-Teil fed­er­führend. Im “Titel­stück” — naja, “Annuna­ki Come” — wird wieder mehr gesprochen als gesun­gen, was gut ist, denn der Sänger ori­en­tiert sich auch hier an den Gong der 1970-er Jahre. Dae­v­id Allen war nie ein beson­ders über­ra­gen­der Dar­bi­eter von Melo­di­en. Bei “Anoth­er Sys­tem (The Adam is Born)” han­delt es sich um eine Art melodis­chen Space­folk, mein Hirn assozi­iert sofort Cir­cu­lus, aber auch The Moody Blues; es fol­gt ein aus­gedehn­ter Instru­men­tal-Indus­tri­al-Teil mit zuse­hends stärk­erem Jaz­z­fun­da­ment.

    Über­raschun­gen? Aber gern! “Cry­ing Moon, Dying Sun” ist der schw­er schlep­pende Gegen­satz zum vorheri­gen Stück. Es ist 32:26 Minuten lang. Andere machen mit dieser Zeit ein ganzes Album voll. Es gibt grooven­den Bass und schnei­dende Gitarre, etwa zur Hälfte auch ein wenig Can in ihrer beson­ders rohen Früh­phase und ver­gle­ich­bar krautig-elek­tro­n­is­che Zeitgenossen. “They’re Buy­ing Time” und “My Fuzzy Fan­ta­sy” sind schließlich zwei schön groovende, luftige Space­rock-Klein­ode mit (wiederum) Flötenein­satz zum Abschluss des Albums. Auch “My Fuzzy Fan­ta­sy” kommt nochmals auf beina­he 20 Minuten Dauer, ins­ge­samt bekom­men Chromi­um Hawk Machine hier eine Stunde und 46 Minuten und damit zwei CDs voll, ohne dabei irgendwelche Län­gen zu erzeu­gen, die man lieber schnell über­sprin­gen möchte.

    Da wäre jedes Rein­hören beina­he ver­schwen­det. Wer es denn unbe­d­ingt trotz­dem tun möchte: Bandcamp.com ste­ht zur Seite.

  16. Neu­rosen­blüte — Diszi­plin AKUT

    Im Som­mer 2016 tauchte erst­mals die bizarre Ham­burg­er Musik­gruppe Neu­rosen­blüte in meinem Wahrnehmungs­feld auf. Ich freute mich damals über eine “Rezen­sion, die sich sozusagen von allein schreibt”, indem ich ein­fach den Wer­be­text zum Album über­nahm.

    Auch dies­mal haben sie selb­st einen geschrieben. Auch dies­mal ist er bess­er als alles, was ich dazu schreiben kön­nte:

    Auf DISPLIZIN AKUT verzicht­en wir auf jeglichen Gesang und liefern ein etwa ein­stündi­ges Instru­men­tal­bum, das sich wieder mal unsit­tlich quer durch die Musik fum­melt.

    Neben Rei­hen­tech­niken und freier Atonal­ität gibt es natür­lich wieder reich­lich krumme Dinger, Poly­metrik aus dem stevesten Reich, eine klas­sis­che “Sweet”, die sich nicht gewaschen hat und ein wenig impro­visierten Sch­aber­nack, als ner­ven­erodierende Inter­mezzi.

    Auf der Band­camp­seite zum Album ist außer­dem zu lesen:

    Comes in a nice “Kar­ton­steck­tasche”.

    Welch­es andere Album kann das schon von sich behaupten?

    Rein­hören: Na gut, ein­mal Band­camp geht noch.

    War es das schon? Fast! Weit­ere Alben im Schnell­durch­lauf:

  17. Cab­bage — Nihilis­tic Glam­our Shots

    Trotz textlich­er Ärg­ernisse — so scheint “Molo­tov Alcopop” etwa ein Loblied auf Molo­tow­cock­tails zu sein — ist “Nihilis­tic Glam­our Shots” wenig­stens musikalisch undoofer Post­punk (beziehungsweise Coun­try, “Exhib­it A”) mit 70er-Charme. Amazon.de.

  18. Mal­a­dy — Toinen toista

    “Toinen toista” ist epis­ch­er (allein “Nur­ja puoli” ist bere­its 23 Minuten lang!), mitunter crim­sones­quer Psy­che­del­ic Rock aus Finn­land mit Flöte, Stre­ich­ern und unpein­lichem Gesang in der Lan­dessprache. Sound­Cloud, TIDAL, Amazon.de.

  19. le_mol — Heads Heads Heads

    Hier gibt es instru­men­tal­en, um Sound­scapes herum entwick­el­ten Postrock aus Wien mit großen Vor­bildern zu hören: Das dritte Stück, auf dem es dann endlich auch ein­mal etwas lauter wird, heißt “le_mol fear Mog­wai”, aber die bei­den Öster­re­ich­er arbeit­en daran, selb­st eine Furcht ein­flößende Gitar­ren­band zu wer­den. Bandcamp.com.

  20. Black­Wa­ter Holy­Light

    Die US-amerikanis­che Damen­com­bo Black­Wa­ter Holy­Light spielt auf ihrem Debü­tal­bum einen erstaunlich dun­klen Blues­rock mit Post­punkan­lei­hen, der trotz des Band­na­mens doch erfreulich unchristlich her­auf­don­nert. Bandcamp.com.

  21. Hot Snakes — Jeri­cho Sirens

    Kali­for­nische, ener­getis­che Rock­musik, der man ihre som­mer­liche Herkun­ft begeis­tert anhört. Bandcamp.com.

  22. Demob Hap­py — Holy Doom

    Was aussieht wie Doom und heißt wie Doom, ist manch­mal gar kein Doom, son­dern beat­les­quer Som­mer­rock — und damit jet­zt ger­ade genau das Richtige. Amazon.de, TIDAL.

  23. DDENT — Toro

    Aus­gerech­net Fran­zosen erricht­en unter Zuhil­fe­nahme instru­men­tal­en, fan­tastisch dröh­nen­den Post-Met­als mit flir­ren­den Gitar­ren bunte Klang­wel­ten, die gele­gentlich den Aus­brüchen Menis­cus’ wenig­stens ähneln. Bandcamp.com.

  24. Black Moon Cir­cle — Psy­che­del­ic Spacelord

    In einem einzi­gen fast 47-minüti­gen Stück exerzieren die mir zuvor unbekan­nten Nor­weger Black Moon Cir­cle gemein­sam mit den Syn­the­siz­ern des Øre­sund Space Col­lec­tives den im Hardrock der 1970er Jahre ver­wurzel­ten, psy­che­delisch gejammten Space­rock mit Gesang, Orgel und Geige (Geige!) vortr­e­f­flich durch. Bandcamp.com.

Und son­st so? 2018 erst mal nichts, in den let­zten Jahrzehn­ten dafür eine Menge!

2. Alt und schön.

  • Vor 40 Jahren:

    1978, nach dem Hardrock und vor dem New Wave, befand sich die Musik­welt in ein­er Kreativ­ität fördern­den, weil insta­bilen Phase. Der in großen Schüben erfol­gende Umbruch in der Musik rück­te ein­stige Kon­stan­ten aus dem Blick­feld, Cans zehntes Stu­dioal­bum Out of Reach hieß insofern schon ganz richtig. Aus­gerech­net die Rolling Stones zoll­ten auf Some Girls sowohl dem Punk (“Shat­tered”) als auch der Dis­co­musik (“Miss You”) Trib­ut. Die im Vor­jahr gegrün­dete ital­ienis­che Punk- und spätere New-Wave-Band Deci­bel veröf­fentlichte unter dem Namen Punk ihr Debü­tal­bum, ließ aber später lei­der kein Album namens “New Wave” fol­gen. Während sich wenig­stens Jethro Tull mit Heavy Hors­es noch bedin­gungs­los treu blieben, ob nun im Guten oder im Schlecht­en, war das Ende der Verän­derun­gen noch längst nicht erre­icht: In Eng­land nahm die Punkband War­saw ihr erst 1994 veröf­fentlicht­es Debü­tal­bum auf, beschloss aber noch während der Auf­nah­men eine Namen­sän­derung. Sie sollte for­t­an als Joy Divi­sion bekan­nt wer­den.

  • Vor 30 Jahren:

    Zehn Jahre später war außer­halb des under­grounds nicht mehr viel Bewe­gung zu verze­ich­nen: Während dort Skin­ny Pup­py mit VIVI­sectVI ver­störten, die kur­zlebige Thrash-Met­al-Band Realm mit End­less War debütierte und die arbeitswütige Post-Punk-Gruppe The Fall ganze zwei Alben (The Frenz Exper­i­ment und I Am Kuri­ous Oranj) veröf­fentlichte, implodierte das, was oft als “Deutschrock” ver­all­ge­mein­ert wird: Die noch nicht gän­zlich zu ein­er lauteren Schlager­band verkomme­nen Toten Hosen ver­ton­ten auf Ein kleines biss­chen Hor­rorschau die unge­fähre Hand­lung von “Uhrw­erk Orange”, die Droogs von den Die Ärzte — das “Die” sei, heißt es, Teil des Band­na­mens und damit nicht zu dek­lin­ieren — hinge­gen ließen ihre Kar­riere im gle­ichen Jahr mit einem mit­tel­großen Knall (Das ist nicht die ganze Wahrheit …, Nach uns die Sint­flut, anschließend Auflö­sung) ein vor­läu­figes Ende nehmen.

  • Vor 20 Jahren:

    Die inzwis­chen, ger­ingfügig umbe­set­zt, wieder vere­in­ten Die Ärzte veröf­fentlicht­en 1998 auf 13 das bis heute einzige Lied ihrer Kar­riere, das ihnen bis heute pein­lich ist. Es wäre falsch, sie dafür anzuprangern, denn auch der Autor dieser Zeilen durch­lebte im sel­ben Jahr eine im Nach­hinein recht pein­liche Phase, prall gefüllt mit den ger­ade aktuellen Werken von Madon­na, West­Bam, Space Frog, Fat­boy Slim, Music Instruc­tor und der­gle­ichen. Dass 1998 außer­dem Tor­toise mit TNT und Ruins mit Vrresto unbe­d­ingt hörenswerte Alben veröf­fentlicht­en, kon­nte ich nicht ahnen. Zum Glück hat sich das später gelegt.

  • Vor 10 Jahren:

    2008 begann der Auf­stieg der anscheinend bis heute beste­hen­den Rock­band 1000 Rob­o­ta, die im sel­ben Jahr eine EP (Ham­burg bren­nt) und das Album Du nicht er nicht sie nicht auf den Markt wer­fen ließen. Seit 2010 gab es jedoch kein weit­eres Album von ihnen. Auch Cogs her­rlich­es Shar­ing Space blieb das let­zte Album vor deren Auflö­sung. Ger­ade erst ange­fan­gen haben auch die deutschen Postrock­wun­der Dear John Let­ter mit Between Leaves | Fore­stal, dem ich “zeit­nah”, wie es auf Neudeutsch heißt, eine Rezen­sion gewid­met hat­te. Ob sie noch existieren, weiß ich lei­der nicht, einige der Mit­glieder machen mit Car­pet jet­zt jeden­falls nicht mehr ganz so gute Musik. Weit­er­hin existieren ihre Land­sleute von Black­mail, die 2008 das Album Tem­po Tem­po veröf­fentlicht haben, und auch die Mach­er des Albums Vio­lent­ly Del­i­cate, die israelis­chen Musik­er von Eatl­iz, sind bis heute zusam­men, wenn auch nach manch­er Umbe­set­zung längst nicht mehr so berauschend wie noch vor einem Jahrzehnt. Man wird sehen, wie ich in zehn Jahren darüber urteile.

Für heute jeden­falls ist hier Schluss — meinen Dank an alle aus­dauern­den Leser.

Wie üblich gilt: Habe ich ein Album überse­hen, freue ich mich unter Umstän­den — so lange Phil Collins nicht mit­spielt — über einen Hin­weis. Der zweite Teil wird, eben­falls wie üblich, voraus­sichtlich am Jahre­sende fol­gen. Hof­fentlich macht das Jahr in dieser Qual­ität weit­er!

Jahresrückblick

Musik 12/2017 — Favoriten und Analyse Musik 12/2018 — Favoriten und Analyse
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Senfecke:

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