Montagsmusik
Moe Tucker — Too Shy

Die Nutzung von Face­book ist in Deutsch­land momen­tan ab einem Alter von 13 Jahren erlaubt, in anderen Län­dern ist das wom­öglich etwas restrik­tiv­er. Das soziale Net­zw­erk, das einst von Stu­den­ten für Stu­den­ten entwick­elt wurde, ist offen­bar mit sein­er Klien­tel gewach­sen — nicht ein­mal zehn Jahre nach Grün­dung des Dien­stes lassen mich solche Mel­dun­gen den Glauben an die Men­schheit zum Teil zurück­gewin­nen: “Ich bin 13, und auf Face­book ist nur meine Oma”. Sog­ar MySpace hat einen weniger lausi­gen Ruf.

Passend dazu etwas fröh­liche Rock­musik zum Wochenan­fang:

Moe Tuck­er Fea­tur­ing Ster­ling Mor­ri­son, Son­ny Vin­cent, Vic­tor Deloren­zo, John Sluggett

Guten Mor­gen!

Netzfundstücke
Schachpatriarchat

Frage: Welche Sportart würdet ihr am wenig­sten mit dem ollen “Mäd­chen gegen Jungs”-Prinzip in Verbindung brin­gen?

  1. Fußball
  2. Leich­tath­letik
  3. Schach

Tja — falsch ger­at­en:

möchte gern zuerst mal mit mäd­chen spie­len habe keine lust für die grossen tiere hier als punk­te­fut­ter zu dienen

“Das darf doch alles gar nicht wahr sein!”
– Edmund Entach­er, anderes The­ma

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXXX: “Mörder begrüßen Todesstrafe”

Nach­dem PRISM eini­gen Bürg­ern klar gemacht hat, dass sor­glose Kom­mu­nika­tion keine gute Idee ist, kom­men sie wieder aus ihren Löch­ern, die DE-Mails und Net­zpoli­tik­er dieses Lan­des: Ver­schlüs­selte Verbindun­gen wer­den als “E‑Mail Made in Ger­many” ange­priesen. Für einen brauch­baren Marken­na­men reicht’s eben nicht, und was englisch klingt, ist beliebt. Nun gut, das tut “PRISM” auch, aber von so was lassen sich Wer­be­treibende ja nicht aufhal­ten.

Dass das Prob­lem bei PRISM nicht die unver­schlüs­selte Verbindung zwis­chen Mail­pro­gramm und Mailserv­er ist, son­dern der Mailserv­er selb­st, ist da auch nur bed­ingt von Belang. Schlangenöl verkauft sich gut, Viren­scan­ner find­en ja auch reißen­den Absatz.

Ein beson­ders putziges Bon­mot ist aber die entsprechende Pressemit­teilung der CDU/CSU:

´Wed­er Pri­vat- noch Wirtschafts­ge­heimnisse sind hierzu­lande schut­z­los.

Ich bedanke mich hier­für übri­gens aus­drück­lich bei den Parteien SPD und Die Grü­nen, die damals unter Frank-Wal­ter Stein­meier das entsprechende Abkom­men mit den USA geschlossen hat­ten, und bei CDU/CSU und F.D.P., die als Bun­desregierung geschlossen hin­ter der Überwachung ste­hen; ist ja nur zu unserem Besten.

Dat­en gehören in sichere Rechen­zen­tren in Deutsch­land, Provider müssen ihren Nutzern prak­tik­able Ver­schlüs­selungsmöglichkeit­en anbi­eten und E‑Mails müssen mit Sicher­heits­stan­dards gekennze­ich­net wer­den.

Richtig ist: Dat­en gehören in sichere Rechen­zen­tren, die Geheim­di­en­sten keinen Zugriff gewähren, Mail­verkehr wird nicht dadurch ver­schlüs­selt, dass man die Verbindung zum Serv­er chiffriert, und was CDU/CSU unter Sicher­heits­stan­dards ver­ste­hen, kann ich nur rat­en — vielle­icht ein TÜV-Siegel?

Wir haben großes Ver­trauen in die IT-Sicher­heits-Kom­pe­tenz deutsch­er Unternehmen. Deutsche Stan­dards der Dat­en- und E‑Mail-Sicher­heit kön­nten zum Erfol­gsmod­ell wer­den.

Wenn die Bun­desregierung zu Pro­tokoll gibt, sie habe in jeman­den großes Ver­trauen, dann spricht das nor­maler­weise nicht für ihn. Wenn weit­er­hin nicht Ende-zu-Ende-ver­schlüs­seltes E‑Mailen ein deutsch­er Stan­dard sein soll, habe ich jeden­falls ein ganz schlecht­es Gefühl bei der Sache.

Auch der Innen­min­is­ter, der unlängst vom Super­grun­drecht Überwachtwer­den faselte, freut sich über die neue Sicher­heit:

Mit dieser Ver­schlüs­selung wer­den die Zugriff­s­möglichkeit­en Unberechtigter weit­er erschw­ert.

Und so’n Geheim­di­enst ist ja kein Unberechtigter, son­dern ein Fre­und, nicht?

“Am deutschen Wesen soll die Welt gene­sen.”
– Emanuel Geibel, 19. Jahrhun­dert

NerdkramsInternes
In eigener Sache: Ich und das OSBN

Gele­gentlich — etwa im Sep­tem­ber 2010 — bemerke ich bei den großen Blogs einen gewis­sen Hang dazu, miteinan­der einen elitären (lies: geschlosse­nen) Zirkel zu bilden, der sich gegen­seit­ig beweihräuchert und auf uns gewöhn­liche Insin­ter­netschreiber, die wir vor allem aus Jux denn aus Prof­it­gi­er Texte pub­lizieren und nicht auf irgendwelche blö­den Kon­feren­zen fahren, um uns dort dafür, dass wir ins Inter­net rein­schreiben, beklatschen zu lassen, mit ein­er Mis­chung aus Arro­ganz und Mitleid her­ab­blickt, weshalb ich in der Regel davon abse­he, meine Inter­net­präsenz ein “Blog” zu nen­nen und mich so als einen von ihnen begreifen zu lassen.

Insofern halte ich das Open-Source-Blog-Net­zw­erk für beachtlich, stellt es doch einen Gege­nen­twurf zum elitären Zirkel dar, indem die einzige Bedin­gung zur Teil­nahme die ist, dass man gele­gentlich auch mal das The­ma “freie Soft­ware” näher beleuchtet, ob Mozil­la oder Word­Press oder freie Betrieb­ssys­teme. Man muss genau genom­men nicht mal Blog­ger sein.

Natür­lich ist dieses Net­zw­erk reich gefüllt an Lin­uxblogs, BSD- oder Win­dows-Artikel sind eher sel­ten. Wer meine bish­eri­gen Texte aufmerk­sam ver­fol­gt hat, der hat wahrschein­lich bere­its fest­gestellt, dass ich Lin­ux gegenüber keine Antipathie entwick­elt habe, ihm aber zumin­d­est wie jedem anderen Sys­tem auch mit gesun­dem Mis­strauen begeg­ne. In einem lin­uxfre­undlichen Blognet­zw­erk ein Nicht-Blog mit Win­dows- und BSD-Affinität (und aller­lei völ­lig anderen The­men) unterzubrin­gen schien mir, schelmisch, wie ich gele­gentlich bin, eine amüsante Idee zu sein, der ich im Fol­gen­den nachging. Es kann ja nicht schaden, der Homogen­ität etwas Farbe beizu­mis­chen.

Wie dem auch sei: Gestern wurde “Hirn­fick 2.0” in das OSBN aufgenom­men. Die Unter­wan­derung kann begin­nen. Ich freue mich darauf.

Nur, falls wer fragt.

Musik
Liedzeilenkritik (1): Die Ärzte — Wilde Welt

(Vorbe­merkung: Um den kul­turellen und klugscheißerischen Anspruch dieser Web­site zu wahren, fange ich aber­mals eine neue Artikelserie an. In dieser Serie werde ich exem­plar­isch qua­si willkür­lich einzelne Zeilen aus mehr oder weniger bekan­nten Liedern inhaltlich zerpflück­en. Ob es weit­ere Teile geben wird, weiß ich noch nicht.)

Die Ärzte sind wie etwa auch die Fan­tastis­chen Vier für ihre tief­sin­ni­gen, gele­gentlich auch kindlich-ver­spiel­ten (“mein Gen­i­tal tut furcht­bar weh / immer dann, wenn ich pisse”, Onpranger­ing) Reime bekan­nt. Nur sel­ten bege­hen sie verse­hentlich einen logis­chen Faux­pas.

So heißt es etwa im Refrain von “Wilde Welt” auf dem Album “Das ist nicht die ganze Wahrheit…” (1988):

Ich hab’ das Spiele spie­len satt;
ich bin am Zug, ihr seid schachmatt.

Dies dürfte das inhaltlich schwäch­ste Zeilen­paar sein, das Bela B. je gesun­gen hat.

Zunächst ein­mal das Offen­sichtliche: “Ich hab’ das Spiele spie­len satt”. Kon­se­quent wäre es, das Spiel also zu been­den, stattdessen gibt Herr B. hochmütig bekan­nt, in dem Spiel, das er satt hat, nun­mehr am Zug zu sein.

Um welch­es Spiel es sich han­delt, geht aus der zweit­en Zeile (der let­zten im Refrain) her­vor, näm­lich anscheinend um Schach. Beacht­enswert ist hier­bei die Rei­hen­folge, die durch die Beto­nung deut­lich wird: Das Schachmatt ist keine Folge des Umstands, dass der Ich-Erzäh­ler am Zug ist, son­dern seine Voraus­set­zung. In den seit 2005 gülti­gen Schachregeln heißt es aber unter Artikel 5.1a:

Die Par­tie ist von dem Spiel­er gewon­nen, der den geg­ner­ischen König mattge­set­zt hat. Damit ist die Par­tie sofort been­det, voraus­ge­set­zt, dass der Zug, der die Mattstel­lung her­beige­führt hat, regel­gemäß war.

Wenn bere­its ein Spiel­er regelkon­form schachmatt geset­zt wurde, ist nie­mand mehr am Zug. Eine Aus­nahme stellt der Regel­bruch dar. Sofern aber ein solch­er began­gen wurde, ist eben­falls nie­mand mehr am Zug. Artikel 12.8 der Schachregeln näm­lich besagt:

Andauernde Weigerung eines Spiel­ers, sich an die Schachregeln zu hal­ten, wird mit Par­tiev­er­lust bestraft.

Bela B. hat also entwed­er das Spiel per Strafe ver­loren oder sein Gegen­spiel­er (in diesem Fall “ihr”, also die Hör­er des Liedes, mithin sein Pub­likum) wurde von ihm besiegt, was jew­eils nicht unbe­d­ingt ein Grund zu prahlen ist.

Die bei­den Zeilen im Refrain soll­ten also wenig­stens so laut­en:

Wir hab’n das Spiel zu End’ gebracht,
ihr habt gewon­nen — gute Nacht!

Da ich im Übri­gen davon aus­ge­he, dass diese Zeilen noch nie in einem Lied ver­wen­det wur­den, bleibt das Ver­w­er­tungsrecht bis auf Wider­ruf bei mir. Heutzu­tage weiß man ja nie.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXXIX: “Aber wir lieben doch alle Menschen!”

Tja, hm:

In Deutsch­land sollen öffentliche Kan­ti­nen in Zukun­ft an einem Tag der Woche auf Fleisch verzicht­en. So fordern es zumin­d­est die Grü­nen in ihrem Pro­gramm zur Bun­destagswahl. (…) [Michael Fuchs] ver­weist auch darauf, dass die Grü­nen oder einige ihrer Repräsen­tan­ten schon Zirkustiere, Heizpilze, Zigaret­te­nau­to­mat­en, Wer­bung für Gelän­dewa­gen oder chemis­che Weich­mach­er in Sexspielzeug ver­bi­eten woll­ten. (…) Die Parte­ichefin der Grü­nen, Clau­dia Roth, hält den Vor­wurf ein­er “Ver­bots-Partei” für völ­lig unbe­grün­det.

Weil näm­lich:

“Man muss nicht jeden Tag zwei Burg­er essen”, sagte Göring-Eckardt. Auch für den Tier- und den Kli­maschutz sei eine Reduzierung des Fleis­chkon­sums förder­lich.

(Her­vorhe­bung von mir.)

Natür­lich kön­nte man den Kan­ti­nen ein­fach weit­er­hin freis­tellen, was sie verkaufen, und davon aus­ge­hen, dass ein durch­schnit­tlich­er Men­sch dur­chaus zum Sel­ber­denken fähig ist, aber so’n Staat weiß eben bess­er, was gut für den Bürg­er ist. Energies­par­lam­p­en, Vit­a­min-B12-freie Ernährung und Krieg im Koso­vo zum Beispiel. Näch­ster Schritt: Fleis­chfreie Tage in Super­märk­ten, Schlachtereien und Fast-Food-Fil­ialen.

“Du erk­lärst mir immer wieder, was erlaubt ist und was nicht,
lenkst mein Leben jeden Tag und bist durcht­bar für­sor­glich;
ach, was wär’ ich ohne dich?”
– Farin Urlaub: Lieber Staat

In den NachrichtenWirtschaft
“Wie viele Milliarden brauchen Sie?”

(Aus aktuellem Anlass mal wieder ein wenig Laien­wirtschaft. Ergänzun­gen sind willkom­men — tat­säch­lich ist dies nicht mein Fachge­bi­et.)

Den Nachricht­en — Ver­linkung lei­der uner­wün­scht — ist gegen­wär­tig zu ent­nehmen, dass wie jedes Jahr darüber nachgedacht wird, die höch­stver­schulde­ten deutschen Bun­deslän­der, darunter das Saar­land, ein­fach wegzu­fu­sion­ieren. Was aus den Schulden des jew­eili­gen Lan­des wer­den soll, ist dabei lei­der nicht klar geregelt; wahrschein­lich gehen diese dann in das Port­fo­lio des übernehmenden Lan­des über. Vielle­icht möchte Frankre­ich uns das Saar­land ja immer noch abnehmen.

Dabei ist das mit den Schulden doch eigentlich seit 2009 so gut wie erledigt:: Berlin, Bre­men, das Saar­land, Sach­sen-Anhalt und Schleswig-Hol­stein dür­fen nur noch bis Ende 2019 Schulden machen, danach ist Schluss; in anderen Worten: Dem immensen Schulden­berg darf danach nichts mehr hinzuge­fügt wer­den. Zum Ver­gle­ich: Wenn ich ein paar hun­dert Mil­lio­nen Euro Schulden hätte und sech­sein­halb Jahre Auf­schub für die Rück­zahlung erbäte, meine Bank wäre nicht mehr allzu fre­undlich zu mir — aber ich bin ja kein Land.

Inter­es­sant ist das Kon­so­li­dierung­shil­fenge­setz (Kon­sul, hi, ähm, Kon­sHil­fG) aber auch für diejeni­gen zu lesen, die bish­er noch nicht ver­standen haben, wieso es im Volksmund heißt, der Staat ziehe seinen Bürg­ern das Geld aus der Tasche, denn der geplante Schulden­ab­bau (es heißt, wohlge­merkt, Schulden­bremse, nicht Schulden­prell­bock — es wird also nichts abrupt ange­hal­ten, es dauert kün­ftig nur etwas länger) geht natür­lich nicht ein­fach so. Die Län­der bekom­men jedes Jahr ins­ge­samt 800 Mil­lio­nen Euro für die Por­tokasse spendiert, die sie dann bis 2020 sparen sollen. Woher diese 800 Mil­lio­nen kom­men, ist natür­lich eben­falls geset­zlich geregelt (§ 3 Kon­sHil­fG):

Die sich aus der Gewährung der Kon­so­li­dierung­shil­fen ergebende Finanzierungslast wird hälftig von Bund und Län­dern getra­gen. Der Anteil des Bun­des an den Zahlun­gen nach § 1 Absatz 2 beträgt jährlich 400 Mil­lio­nen Euro.

Leg­ende: Der Bund, das sind die Steuerzahler, und die Län­der, das sind eben­falls die Steuerzahler; nur eben diejeni­gen, die blöder­weise in den Län­dern wohnen, die mit ihrem Geld bess­er umge­hen kön­nen. Wer vor 2020 inner­halb Deutsch­lands umziehen möchte, sollte sich also eines der Bun­deslän­der aus­suchen, die nicht im Kon­sHil­fG aufge­führt sind. Man weiß ja nie.

Die 800 Mil­lio­nen Euro sind übri­gens offen­bar nicht dafür gedacht, damit Schulden abzubauen; § 2 Abs. 1 Kon­sHil­fG stellt diese Finanzspritze vielmehr als nettes Geschenk dar:

Gewährte Kon­so­li­dierung­shil­fen bleiben bei der Ermit­tlung des Finanzierungssal­dos unberück­sichtigt.

Selb­st, wenn also bis 2020 besagte Län­der ein aus­geglich­enes Sal­do vor­weisen kön­nen, wer­den die ins­ge­samt 800 Mil­lio­nen Euro sozusagen schlicht aus den Büch­ern gestrichen. Man möchte ja kein Bun­des­land unnötig bestrafen. Und wenn sie das nicht schaf­fen? Tja, dann gibt’s halt im entsprechen­den Jahr kein Extra­bon­bon aus dem Topf und einen mah­nen­den Blick (§ 2 Abs. 3 Kon­sHil­fG):

Wird die Ein­hal­tung der Ober­gren­zen des Finanzierungssal­dos nach Absatz 2 nicht fest­gestellt, ver­warnt der Sta­bil­ität­srat das betrof­fene Land. Der Anspruch des betrof­fe­nen Lan­des auf Kon­so­li­dierung­shil­fe für dieses Jahr ent­fällt.

Zum Ver­gle­ich: Die Bun­deslän­der haben 2012 ins­ge­samt einen Schulden­berg von fast 649 Mil­liar­den Euro aufge­häuft, Ten­denz steigend. Dass der Euro Deutsch­land von den lästi­gen Pflicht­en aus dem Ver­trag von Maas­tricht befre­it hat (für den es 2003 immer­hin noch eine Jubiläums­brief­marke gab), ist da vielle­icht zumin­d­est ein inter­essiertes “Oho!” wert.

Nochmals zum Ver­gle­ich: Die Schweiz, größter Einzel­gläu­biger Deutsch­lands und außer­halb der Euro­zone liegend, hat zurzeit (mit Stand von jet­zt ger­ade) eine tägliche Neu­ver­schul­dung von minus 3,463 Mil­lio­nen Euro.

Peter Bofin­ger — das war der “Wirtschaftsweise”, der sta­bile Währun­gen für Teufel­szeug hält — hat gesagt, es sei falsch, Schulden mit Meth­o­d­en zu bekämpfen, die Ver­luste für Gläu­biger bedeuten kön­nten. Vielle­icht soll­ten wir Deutsch­land ein­fach an die Schweiz angliedern.

Mit Aus­nahme des Saar­lands, ver­ste­ht sich.

(Mit Dank an L.!)

NerdkramsNetzfundstücke
Das Internet vor “Leistung” schützen: ✓

Es mag in all dem Pres­se­taumel um PRISM, Tem­po­ra und die PlaySta­tion 4 unterge­gan­gen sein: Seit gestern ist das Leis­tungss­chmutzrecht gel­tendes Recht in Deutsch­land.

Dass aus­gerech­net der eklige Axel-Springer-Ver­lag, ein­er der Vorkämpfer für einen “Schutz” der eige­nen “Leis­tung” im Inter­net, dann doch nix dage­gen hat, wenn Google vor­erst weit­er­hin sein “geistiges Eigen­tum” raub­mord­kopiert, lässt mich, zugegeben, nicht ein­mal mehr müde lächeln.

Seit gestern also haben die großen und viele kleinere Ver­lage kein allzu großes Inter­esse mehr daran, am Inter­net teilzunehmen, was ins­beson­dere uns, die wir gele­gentlich Dinge ins Inter­net rein­schreiben, gegebe­nen­falls in unan­genehme Sit­u­a­tio­nen brin­gen kön­nte. Eine verse­hentliche kosten­lose Wer­bung in Form eines Hyper­links kann teuer wer­den. Nun, der Erfül­lung des ver­lags­seit­i­gen Wun­sches nach Erleuch­tung durch Kasteiung mag ich als Mit­glied des großen sozialen Net­zes doch nur allzu gern Vorschub leis­ten.

Der Nachtwächter hat dafür let­ztes Jahr eine ziem­lich voll­ständi­ge Liste aller leis­tungss­chmutzrecht­slei­den­den Ver­lage in eine HOSTS-Erweiterung zusam­menkopiert. Diese Liste gilt es in die Text­datei /etc/hosts (UNIX, Lin­ux) oder C:\Windows\system32\drivers\etc\hosts zu kopieren, her­nach sind alle Ange­bote, die aus­drück­lich darum bit­ten, nicht im deutschen Inter­net (gegrün­det von Michaela Merz) gefun­den zu wer­den, aus dem eige­nen Inter­net ver­schwun­den.

Wir sind ja nicht so.

In den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXXVIII: “Alternative religiöse Ideen”

Weil’s so schön war — einen noch:

Die katholis­che Kirche müsse sich damit auseinan­der­set­zen, dass Men­schen sie ver­ließen, da sie “unter der Illu­sion alter­na­tiv­er religiös­er Ideen glauben”, dass die Kirche ihnen nichts Bedeu­ten­des und Wichtiges mehr bieten könne, sagte der Papst am Sam­stag in Rio de Janeiro.

Does­n’t mat­ter, had sex beziehungsweise, Papst Franz­erl (her­rje, ihr Medi­en, den Johannes Paul II. habt ihr doch auch nicht “Ioannes Paulus” genan­nt), nein, dass Men­schen mit euch nichts mehr zu tun haben wollen, hat nichts damit zu tun, dass sie alter­na­tiv­en religiösen Ideen ver­fall­en sind — ab einem gewis­sen Alter hätte man halt nur gern mal Sex mit Frauen und nicht mehr mit dem Pfar­rer, und euer geistlich­es Rah­men­pro­gramm, dieses ganze heilige Brim­bo­ri­um, erzeugt in mir so einen unan­genehmen Brechreiz, je älter ich werde, desto stärk­er.

Göt­ter wur­den irgend­wann mal erdacht, um den Men­schen eine Erk­lärung für Dinge zu geben, die sie nicht ver­ste­hen. So weit ich weiß, helfen eure Elo­him aber nicht bei der Steuer­erk­lärung und sind auch nicht beson­ders gut darin, der Men­schheit zu erläutern, wie Krieg und Elend mit dem Bild von einem güti­gen Gott zusam­men­passen sollen, und woher Blitz und Don­ner kom­men, weiß inzwis­chen sicher­lich sog­ar Aiman Abdal­lah.

Geistige Aufk­lärung als alter­na­tive religiöse Idee zu beze­ich­nen ist aber schon sehr erhel­lend. Die Tem­pel von Ba’al und Aschera haben eure Elo­him damals wohlweis­lich zu zer­stören befohlen, den Tem­pel des men­schlichen Geistes aber kriegt nicht ein­mal ihr kaputt. (Rand­no­tiz: Glaube kann Gehirn­schwund verur­sachen.)

Das Prob­lem hat­tet ihr im Mit­te­lal­ter nicht, das war her­rlich, stimmt’s?

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXXVII: Bestes Gewissen

Vertei­di­gungsmin­is­ter und Dok­tor, inzwis­chen bei­des a.D., von und zu Gut­ten­berg (CSU), Feb­ru­ar 2011:

Ich habe die Arbeit nach bestem Wis­sen und Gewis­sen ange­fer­tigt.

Bil­dungsmin­is­terin und Dok­torin, inzwis­chen bei­des a.D., Scha­van (CDU), Dezem­ber 2012 in fast gle­ichem Wort­laut und kon­se­quent ohne Quel­lenangabe:

Ich habe meine Arbeit nach bestem Wis­sen und Gewis­sen erstellt.

Bun­destagspräsi­dent Prof. Dr. Nor­bert Lam­mert (CDU), Juli 2013:

Ich habe meine Dok­torar­beit nach bestem Wis­sen und Gewis­sen ange­fer­tigt.

Aktueller Beschluss der CDU zum The­ma Bil­dung:

Unser Ziel ist die Bil­dungsre­pub­lik Deutsch­land:
(…)

  • Ein Land, in dem der Auf­stieg durch Bil­dung jedem Men­schen offen­ste­ht.
  • Eine Bil­dungspoli­tik in ein­er föderalen Ord­nung, in der jede poli­tis­che Ebene zur Leis­tungs­fähigkeit des Bil­dungssys­tems ihren Beitrag leis­tet und ihre Ver­ant­wor­tung wahrn­immt.

“Die meis­ten Leute haben ihre Bil­dung aus der BILD.”
– Die Ärzte: Lasse redn

PersönlichesNetzfundstückeMir wird geschlecht
Breitbeinige Macht

Der Fem­i­nis­mus hat neben eini­gen akzept­ablen Ansätzen zur Weltverbesserung (etwa der Abschaf­fung der Unter­schiede zwis­chen den Geschlechtern) auch einige spin­nerte Ideen her­vorge­bracht, etwa die Frauen­quote (denn eine mod­erne Frau möchte offen­sichtlich die Vagi­naquote von Mannes Gnaden — von wegen selb­st­bes­timmt — erfüllen und nicht mit so etwas Lästigem wie Kom­pe­tenz überzeu­gen müssen) und die kaum noch auszumerzende Überzeu­gung, dass alles, was ein Mann nicht gebückt tut, automa­tisch ein Zeichen von Macht sei.

Sex­is­mus sei ein rein männlich­es Phänomen, denn ein Mann, so ließ mich ein überzeugter Fem­i­nist (männlich) unlängst wis­sen, habe Macht, die eine Frau nicht habe, und daher könne eine Frau nicht sex­is­tisch sein. Nun, dieser Fem­i­nist sollte ein­mal mit offe­nen Augen durch die Welt gehen. Män­ner­feindlich­er Sex­is­mus in der Wer­bung? Aber natür­lich! Oder darf’s etwas sub­til­er sein? Dann stellt euch mal diese Satzan­fänge vor: “Män­ner sind …” und “Jun­gen sollen nicht …”. Euch fällt sofort min­destens eine Ergänzung ein? Glück­wun­sch: Ihr seid Sex­is­ten.

Ach, die männliche Macht spiegelt sich auch in der Gewalt gegen Frauen?

[E]twa 30% der Frauen und der Män­ner sind gewal­tak­tiv -, jedoch in jew­eils unter­schiedlichen For­men: Män­ner tendieren stärk­er zu (sicht­bar­er) physis­ch­er Gewalt, Frauen stärk­er zu (unsicht­bar­er) Kon­troll­ge­walt und ver­baler Gewalt. (…) Dabei erlei­den Män­ner stärk­er als Frauen physis­che Gewalt, aber in etwa zu gle­ichen Anteilen wie Frauen sex­u­al­isierte Gewalt.

Beziehungsweise eben: Drei Vier­tel aller Opfer sind Män­ner. Solche Prozen­tangaben stützen sich wohlge­merkt meist auf die Zahlen, die öffentlich ver­füg­bar sind. Ein Mann, dem von ein­er Frau Gewalt ange­tan wird, geht damit jedoch nicht allzu gern an die Öffentlichkeit, er würde ver­mut­lich meist aus­gelacht oder zum Einzelfall gemacht. In der Gesellschaft ist das Bild des starken Mannes fest ver­wurzelt. Das wird schon im Kinde­salter gelehrt: “Jun­gen weinen nicht.” Ob das die Jun­gen auch so sehen?

Ich per­sön­lich, fried­fer­tig, wie ich bin, habe in meinem Leben jeden­falls schon mehr (unter anderem ver­bale) Gewalt durch Frauen erfahren als ich jemals ausüben würde. Es wäre ein­fach nicht zielführend, mein Gegenüber wüst zu beschimpfen — einen Dis­put löse ich bevorzugt mit den besseren Argu­menten. Als Mann aber habe ich Macht, da muss ich mir so etwas natür­lich gefall­en lassen. Als ich mich kür­zlich (blöder­weise) in eine Fem­i­nis­mus­diskus­sion ein­schal­tete und mein Leid beschrieb, hieß es jeden­falls, es sei sicher­lich blöd, dass mir das passiert ist, aber ich sei immer noch die Min­der­heit und habe gefäl­ligst zu akzep­tieren, dass ich ein struk­turell mächtiger Mann sei.

Zugegeben, Mäd­chen müssen im Sportun­ter­richt für die gle­iche Bew­er­tung weniger gute Leis­tun­gen voll­brin­gen, wer­den (dank Frauen­quoten) oft bevorzugt eingestellt, sind damit sel­tener arbeit­s­los, bekom­men später mehr Rente und in einem Sorg­erechtsstre­it in der Regel auch die gemein­samen Kinder zuge­sprochen. Viel Macht bleibt mir da nicht mehr übrig. Ich habe nicht mal mehr die Macht, vor Wut zum Hulk zu wer­den, denn dabei würde meine Klei­dung platzen, und gemäß § 183,1 StGB ist öffentliche Nack­theit straf­bar — sofern man ein Mann ist.

Ja: Ich bin ein Mann! Naturgegeben ist mein Machover­hal­ten, und jedes Zuck­en mein­er Glied­maßen sig­nal­isiert meine Gewalt­bere­itschaft. Oi, bin ich böse! — Das sehen ver­mut­lich auch Frauen in der U‑Bahn so:

Ich saß in der U‑Bahn und dachte an nichts Bös­es, als ich die Frau fluchen hörte. Sie war um die 50 und hat­te ihre Einkauf­stüten auf einen Sitz ein paar Rei­hen weit­er vorne gewuchtet. Jet­zt zis­chte sie den Mann auf dem gegenüber­liegen­den Platz an: “Müssen Sie so bre­it­beinig dasitzen? Es gibt auch noch andere Men­schen hier!” Allerd­ings hat­te sie noch einen Sitz­platz für sich selb­st und ihre Tüten gefun­den. Der Mann, um die 40 und augen­schein­lich mit Migra­tionsh­in­ter­grund, schaute ver­wirrt von seinem Handy auf. Die Frau beruhigte sich gar nicht. “Sie sitzen da, als seien Sie alleine auf der Welt….” Der Mann sah ent­geis­tert aus, vielle­icht ver­stand er die Frau noch nicht ein­mal. Er stand auf und set­ze (sic!) sich woan­ders hin.

Bre­it­beiniges Sitzen — für Frauen eben­so untyp­isch wie im Ste­hen zu pinkeln — ist offen­bar ein Zeichen von männlich­er Macht. Ich wüsste ja schon gern, welchen Vorschlag die Frau um die 50 zur Platzierung des kleinen Unter­schieds zwis­chen den Beinen gemacht hätte und ob die anderen Men­schen hier nicht vielle­icht beque­mer sitzen soll­ten als Einkauf­stüten, aber lei­der wurde sie nicht gefragt.

Darauf erst mal ein schönes blutiges Frust­steak.

Montagsmusik
Caravan — Nine Feet Underground

Vor 40 Jahren stieg Dave Sin­clair, tal­en­tiert­er Key­board­er, der zwis­chen­zeitlich bei Deliv­ery und Hat­field and the North gespielt hat­te, zum zweit­en Mal bei Car­a­van ein, jene Musik­gruppe, die wie Soft Machine aus den vor 50 Jahren gegrün­de­ten Wilde Flow­ers her­vorg­ing. Car­a­van sind bis heute nicht offiziell aufgelöst, Dave Sin­clair war zumin­d­est im Jahr 2002 noch an Bord.

Diese Musik­gruppe hat wie ihre britis­chen Landsmän­ner Camel einige der schön­sten Melo­di­en der Can­ter­bury-Szene zu ver­ant­worten. Das ist zu ver­schmerzen.

Heute mal entspan­nt in den Mon­tag.

Guten Mor­gen.

Persönliches
Kamerawahn

Auf Twit­ter wer­den momen­tan in Vielzahl Fotos von Demon­stra­tio­nen gegen staatliche Überwachung veröf­fentlicht.

Vielle­icht bemerkt ihr die Diskrepanz zwis­chen “vie­len Fotos” (aus vie­len Kam­eras) und “Demon­stra­tio­nen gegen Überwachung”.

Ein Twit­ter­nutzer fragte mich angesichts dieser Bedenken anscheinend fas­sungs­los, ob ich denn auch keine Fotos vom Pub­likum von Fußball­spie­len und Konz­erten dulden würde. Nun: Nein. Wenn ich Berichter­stat­tun­gen über Konz­erte oder Fußball­spiele lese, dann bin ich nicht am Pub­likum inter­essiert, son­dern ich möchte Fußball­spiel­er oder Musik­er spie­len sehen. Beliebige Men­schen sehe ich qua­si jeden Tag um mich herum, dafür benötige ich keine Presse.

Es gibt exakt keinen für mich akzept­ablen Grund, eine Demon­stra­tion gegen Überwachung im Bild festzuhal­ten. Auch die Berichter­stat­tung über diese Demon­stra­tion funk­tion­iert in Textform her­vor­ra­gend, das Radio schafft das doch eben­falls.

Aber das ist ja im Zeital­ter der Smart­phones und Foto­brillen alles so prak­tisch.