Archiv für die Kategorie ‘Kaufbefehle’.

Ich spreche keine Kaufempfehlungen aus, ich bin ja nicht Amazon.

KaufbefehleMusikkritik
Die Rehabilitation einer Institution: Yes – Magnification

Ich muss dann hier doch mal eine Lanze für das vor nunmehr 10 Jahren veröffentlichte und bis dato, sieht man von den ungezählten Archivveröffentlichungen seitdem ab, leider letzte Album von Yes brechen, von dem man im Allgemeinen nicht viel mitbekommen hat, schließlich ist Yes lediglich mit „Owner Of A Lonely Heart“ vom Album „90125“, 1983, ein versehentlicher Welthit gelungen, von dem sie sich bis heute nicht vollends erholt haben.

„90125“ war das erste Album, auf dem sich Yes fürs Erste konsequent von dem sakralen, epischen Progressive Rock, den sie in den frühen 70-er Jahren maßgeblich mitgeprägt hatten und in dessen Klanggewand sie der Welt unter anderem die Glanztaten „Relayer“ und „Close To The Edge“, die man einmal im Leben zumindest mal gehört haben muss, bescherten, abwandten, um reich und berühmt zu werden, was ihnen zur Strafe immerhin versagt blieb und zu mehrfachen Umbesetzungen führte. Erst nach dem scheußlichen „Talk“, 1994 veröffentlicht, fanden Yes in der klassischen Besetzung (Gesang: Jon Anderson, Gitarre: Steve Howe, Bass: Chris Squire, Schlagzeug: Alan White, Keyboards: Rick Wakeman) wieder zusammen und zeigten, dass sie es doch noch können, indem 1996 und 1997 erst einmal auf dem zweiteiligen „Keys To Ascension“ (2010, ich erwähnte es, neu aufgelegt) neben beeindruckenden Livemitschnitten auch einige neue Studioaufnahmen, etwa das über achtzehnminütige, treibende Rockstück „Mind Drive“, davon zeugten, dass all die Rezensenten, die unkten, Yes sollten sich doch bitte ins Altenheim einschließen lassen, von Musik so viel Ahnung hatten wie die immergleichen Hackfressen, die sich „Jury“ schimpfen und irgendwas von „Superstars“ in jede Kamera speicheln, obwohl sie selbst noch nie eine Musikschule auch nur von außen gesehen haben.

Auf Bill Bruford, handwerklich versierter Weltschlagzeuger und einige Zeit zuvor von Yes zu King Crimson gewechselt, musste der geneigte Yesfan jedoch zugunsten des eher monotonen Alan White ebenso verzichten wie alsbald auch wieder auf Rick Wakeman, der erst 2002 zum wiederholten Mal zur Band stieß und seit 2004 aus gesundheitlichen Gründen ebenso wie Jon Anderson auf unabsehbare Zeit pausiert. Moment, 2001?, fragt nun der aufmerksame Leser, wer spielt dann auf „Magnification“ eigentlich Keyboard?

Tja, Yes sind hier nur zu viert, erstmals seit 1968 ohne einen bandeigenen Keyboarder spielten sie dieses Album ein. Als Ersatz indes steht Yes hier ein komplettes Orchester zur Seite, was für Bombastrock wie den ihren eigentlich nahe liegend ist, und man fragt sich, wie anders Yes eigentlich geklungen hätten, hätten sie in der Vergangenheit häufiger auf ein Orchester oder zumindest auf die Streicherecke zurückgegriffen. (Tatsächlich tourten Yes anschließend unter der Flagge der „Yessymphonics“ mit einem ebensolchen und präsentierten so etwa „The Gates Of Delirium“ von „Relayer“ in einem Gewand, das ungewohnt, aber beeindruckend ist. Später wurde das Material für die DVD „Symphonic Live“ verwendet, die es auszugsweise natürlich auch auf YouTube geschafft hat.)

Kennt man diese ganze Entwicklung nicht, kann „Magnification“ also völlig vorbehaltsfrei hören, so erwartet einen nach dem Einlegen der Silberscheibe ein aufgrund nahtloser Übergänge einheitlich wirkendes Stück, dessen vollständige Rezension andere übernehmen mögen, aus dem ich aber dennoch drei nennenswerte Momente herausnehmen möchte, damit sich der geneigte Leser sozusagen ein Bild davon machen kann, wie anders „Magnification“ doch klingt, wenn man Yes nur aus dem Supermarktradio kennt.

Zu „Spirit Of Survival“ etwa, dem zweiten Teil des Albums, ertappte ich mich Kopf nickend. Ayreon fiel mir als spontaner Vergleich ein, den ich aber doch schnell wieder verwarf, denn Jon Andersons Stimme, vom Alter gänzlich unberührt, steht im Vordergrund und erinnert den Hörer daran, wer hier eigentlich musiziert, obwohl er es beinahe nicht glauben kann, ist er von Yes doch ganz anderes gewohnt: „Spirit Of Survival“ ist zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil auch ein (Prog-)Metalstück. Dream Theater waren nie so nah wie hier.

Das folgende „Don’t Go“ ist eins der meist unterschätzten Stücke auf „Magnification“. Steve Howe urteilte 2010, sinngemäß übersetzt:

Wir sollten keine Zeit mit Liedern wie „Don’t Go“ verschwenden. Es war ein Fehler, wir müssen nicht in die Welt der Popmusik vorstoßen.

Nun, Yes haben seit 1983 kaum anderes als Pop gespielt, sieht man einmal von wenigen lichten Momenten zum Beispiel auf „Keys To Ascension“ ab. Natürlich ist „Don’t Go“ Pop, genauer: Poprock, aber im Gegensatz zu dem meisten Mist, den man Yesfans seit 1983 als Yesmusik verkaufen wollte, ist es schlicht grandios. Mehrstimmiger Gesang in Strophen und vor allem Refrain (seit jeher eine Stärke von Yes) über die eher untypischen Themen Liebe und Freundschaft, dabei noch eingängiger als „Owner Of A Lonely Heart“ es je war, ein hübsch schlichter Takt, solide gekloppt von Alan White, für dessen Schlagzeugstil diese Art von Musik geradezu prädestiniert scheint, und nach der Hälfte des Liedes unter anderem einige elektronisch modifizierte Gesangszeilen von Jon Anderson, bei denen mir sofort The Buggles einfallen, die ja etwa zwanzig Jahre zuvor bei Yes statt separat musizierten, obendrein nur weniger als viereinhalb Minuten lang und somit mindestens webradiotauglich, Videoclip inklusive. 2005 beklagte sich Jon Anderson, dass kein Lied auf „Magnification“ eine wirkliche Hitsingle geworden ist. Einmal ganz abgesehen davon, dass niemand von einer Band wie Yes eine „Hitsingle“ erwartet hätte: Die Jugend des Jahres 2001 möge sich jetzt bitte grämen, denn sie hat abseits von Britney, Christina und den restlichen peinlichen Repräsentativen des Popgeschäfts so eine Menge verpasst, und wahrlich, ich sage euch, während ich dies schreibe, höre ich „Don’t Go“ zum vierten oder fünften Mal am Stück und finde Indie-Rock, daran gemessen, plötzlich ziemlich langweilig.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ein prima Stück fehlt noch in meiner Auflistung. Es trägt die Titelnummer 8 von 10, heißt „Dreamtime“ und ist, wenn man eine solche Parallele überhaupt ziehen kann, das „Mind Drive“ von „Magnification“. Ein Abenteuer von zehn Minuten und fünfundvierzig Sekunden Länge, das mit Streichern und Gesang beginnt, bevor Chris Squire seinen Bass antreibt, von Gitarre und Orchester tatkräftig unterstützt. Über all dem schwebt Jon Andersons Gesang, und obwohl „Dreamtime“ doch ein wenig länger ist als „Don’t Go“, bemerkt man gar nicht, dass die Zeit vergeht, bis nach etwa neun Minuten die Streicher das Kommando übernehmen und eine filmmusikartige Szene aufführen. Das anschließende „In The Presence Of…“ ist zwar ebenfalls recht lang, aber der Rhythmus, den „Dreamtime“ vorgab, fehlt leider.

Sicher sind auf „Magnification“ auch ein paar Stücke zu finden, auf die man schlicht verzichten könnte, etwa das aufdringliche „Can You Imagine“, aber Füllsel gab es auf Yes-Alben schon immer, und unter dem Strich ist „Magnification“ das beste Yes-Album seit „Drama“ (1980) und auch weitaus besser als vieles, was die Konkurrenz 2001 auf den Markt warf; und schließlich und endlich ging es bei Yes schon immer um anderes als nur nebensächliche Unterhaltung.

Dreamtime begins
where every song is the perfect place,
words never spoken
are the strongest resounding.

Wie wahr!

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Eatliz – Teasing Nature

Wie angedroht schreibe ich jetzt eine kleine Rezension von Eatliz‘ Zweitling „Teasing Nature“ und bin da wohl der Erste, zumindest finde ich gerade keine Gegenbelege. Schade, zu viele Texte gibt es schon über wirklich schlechte Musik, aber nur wenige über solche wie die von Eatliz.

Eatliz, manchmal auch EatLiz, heißt auf Hebräisch „Schlachthaus“, sieht aber nicht ganz so blutrünstig aus, wie Bilder belegen. Das Debütalbum „Violently Delicate“ von 2007, einige Monate lang legal und ohne Mehrkosten online zu beziehen, inzwischen wohl nicht mehr, hat mich ebenso wie der/die/das folgende EP „Delicately Violent“ an den Eiern gepackt und an die exquisiten Stolen Babies, deren zweites Album irgendwann 2011 ebenfalls erscheinen soll, erinnert; insbesondere die Stimme von Sängerin Lee Triffon steht der von Dominique Persi nur wenig nach. Israel scheint ideale Bedingungen für die Geburt richtig guter Musiker zu bieten.

Und nun „Teasing Nature“, „die Natur sticheln“, was nach einem zweckfreien Unterfangen aussieht.
Der Pressetext bereitet Sorge:

Their new and exciting album, Teasing Nature, finds the band after a self reflecting and soul searching process and it marks the beginning of a new way for them in a long and uncompromising journey. The album takes the band out of its comfort zone by being experimental mainly because it has no Metal elements (that have been very dominant in the past albums), this has opened the way for the band to use keyboards and electronics.

Tatsächlich beginnt das eröffnende „Your House“ zurückhaltend und bleibt es auch über den ersten Refrain hinaus. Erst in der letzten Minute scheppert es wieder, wie der Volksmund sagt, im Karton. Apropos Refrain, der Refrain von „Your House“ ist zu meinem Bedauern ein ziemlich ohrwurmiges Stück Musik mit Chorgesang, beides nicht unbedingt Qualitäten, die ich bis dato dieser Band zugeschrieben hätte, aber: Sie können’s!

Und sonst so? Elektronica („Berlin“, „Goldie“), Indie-Pop/Rock („O.K.“, „Lose This Child“), Klavierballaden („Got It“), Funkiges („Nine“), aber eben auch weiterhin die gute alte Krachmusik („Voice Over“). Neben „Your House“ stellt aber „Tears“, ein rhythmuslastiges Indierockstück, das sich nach etwas mehr als zweieinhalb Minuten in einer wahren Geräuschorgie entlädt; es pfeift, es tutet, es dröhnt, es brummt, allmählich verhallt Frau Triffons hier recht bluesige Stimme, dann ist Schluss. Prädikat: RIO/Avant. Klingt gut und wird viel zu selten gespielt.

Ja, fort ist der Metal. Er ist einer stilistischen Neuausrichtung gewichen, die andere Bands (I Like Trains, The Raveonettes und ähnliche ehemals prima Musiker) leider vollkommen versiebt haben (Peter sieht das anders).

Womit haben wir es auf „Teasing Nature“ also zu tun?

„Radiokompatibel“ ist ein böses Wort, aber nachdem Radiosender nun bereits „Last Christmas“ verbannen, bin ich guter Dinge, dieses Adjektiv in absehbarer Zeit wieder in positivem Kontext nutzen zu können, ohne die falsche Klientel anzusprechen. Derweil beschränke ich mich darauf, „Teasing Nature“ jedenfalls gefällig und unerwartet eingängig zu nennen.

Wenn das die „neuen Eatliz“ sind, dürfen die alten gern bleiben, wo der Pfeffer wächst.

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Musik 12/2010 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 7 von 19 der Serie Jahresrückblick

Kaum dreht man sich kurz um, ist das Jahr schon wieder vorbei. Regelmäßige Leser dieser Seite wissen, was sie erwartet, nämlich Teil zwei der Rückschau der unblödesten Musikalben 2010 nebst Rückblick auf 40 Jahre Musikgeschichte, womöglich noch rechtzeitig für das ein oder andere Gewinnspiel.

Der Finalausscheidung – ich wollte euch keine Rückschau auf fünfzig oder mehr Alben bieten, das läse doch keiner – fielen unter anderem die Wise Guys zum Opfer, die mit „Klassenfahrt“ zwar ein im Prinzip nicht übles Album mit dem ziemlichen Kracher Hamlet veröffentlicht haben, aber eben doch nur auf hohem Niveau stagnieren. Wie immer habe ich es leider auch nicht immer geschafft, mich ausreichend umfassend mit einigen viel versprechenden Werken zu beschäftigen, unter anderem „Spacetrip On A Paper Plane“ von den Sahara Surfers; ich hoffe, ihr findet dennoch Gefallen an meiner Auswahl.

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Värttinä – Seleniko

Beim Sichten meines Musikbestandes für die anstehende zweite Rückschau 2010 (die erste gab’s hier) fiel mir aus noch ungeklärten Umständen das 1992er Album „Seleniko“ der finnischen Folkrockpopirgendwasmusiker Värttinä in die Hände, und nachdem ich u.a. bei Peter selten ein positives Wort über skandinavische Volksmusik verliere, fällt es mir um so schwerer, zuzugeben, dass dieses Album ein beachtliches ist.

Värttinä – Leppiäinen

Ich verstehe zwar kein Wort, aber offenbar geht es um Beischlaf und Enten. (Bitte nicht auf die furchtbare Kleidung achten.)

Erfahrene Musikkenner erkennen hier vielleicht die Nähe zum Zeuhl und immerhin einige musikalische Gemeinsamkeiten mit der Folkmusik der 68er-Barden. Weniger analytische Musikfreunde können sich auch einfach über die grandiose Darbietung finnischer Weisen freuen.

Hätte ich 1992 bereits eine Rückschau auf die „Musik 1992“ geschrieben, so wäre das Album „Seleniko“ aus anderen Gründen vermutlich nicht auf die Bestenliste gekommen, zumal ich es damals noch nicht kannte. Ich möchte diesen Beitrag daher quasi als Ersatz für den bislang nicht erschienenen Beitrag „Musik 1992 – Favoriten und Analyse“ verstanden wissen.

Übrigens erschien nach meinen Informationen 2002 eine Neuauflage des Albums. Wenn zugreifen, warum dann nicht jetzt?

In den NachrichtenKaufbefehlePolitik
BRAVO!

Euer, BRAVO, Treiben unterhält seit Jahrzehnten die heranwachsenden Generationen auf eine Art, die so vielleicht eher subtil, aber doch tatsächlich vermittelt wird:
Unter dem Pseudonym „Dr. Sommer“ unterhält eine Vielzahl an nicht bekannten Aufklärern in eurem Heftchen allwöchentlich eine Doppelseite, in der die Kopulation junger Menschen ab etwa elf Jahren thematisiert wird. Nicht selten sind Nackt- und angedeutete Schnackselbildchen von Personen ab, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, 15 Jahren enthalten. So weit, so harmlos; Pädophilie endet mit einsetzender körperlicher Reife eines Kindes.

Da aber euer, BRAVO, Treiben zu Übersexualisierung und mithin zu allzu häufigen Abtreibungen in jugendlichen Kreisen führt, hat die EU, wahrlich ein Paradebeispiel für moderne, an den Menschen ausgerichtete Demokratie, nunmehr angeregt, jegliche freizügige Darstellung von Personen, die augenscheinlich noch nicht eindeutig das 18. Lebensjahr vollendet haben, mit Auspeitschen und/oder Anspucken zu bestrafen oder so. RA Dr. Helmut Graupner erklärt in für Österreicher typischem schauderhaftem Deutsch:

[D]ie Altersgrenze für absolut verbotene „Kinder“pornografie wurde mit diesem Rahmenbeschluss auf 18 Jahre festgesetzt, ohne zwischen Kindern und Jugendlichen zu unterscheiden. Mündige und heiratsfähige 17jährige Jugendliche wurden gleich behandelt wie 5jährige Kinder. In das Verbot einbezogen wurde auch Pornografie mit DarstellerInnen, die wie unter 18 Jahre aussehen.

Und weiter, und jetzt wird für euch, BRAVO, interessant:

Die neue Richtlinie streicht auch den Pornografiebegriff. Die Mitgliedstaaten müssen künftig Darstellungen sexueller Handlungen (oder auch nur der Genitalien und der weiblichen Brust) kriminalisieren, gleichgültig, ob sie „pornografisch“ sind oder nicht. Es muss auch nicht tatsächlich zu sexuellen Handlungen gekommen sein. Auch simulierte sexuelle Handlungen von unter 18jährigen (bzw. Erwachsenen, die wie unter 18 aussehen) müssen strafbar sein.

Voraussetzung sei eine Darstellung mit sexuellem Hintergrund, aber der, BRAVO, ist auf euren „Aufklärungsseiten“ („Wie lief dein erstes Mal?“, „Mein Penis tut weh nach der Autostimulation!“ und so weiter und so fort) zweifelsfrei gegeben. Das verleitet nicht nur zu sexuellen Handlungen mit Minderjährigen, es hat obendrein eine rassistische Komponente, denn nicht erst seit Thilo Sarrazin wissen wir: Je mehr die Deutschen sich vermehren, desto mehr werden die islamischen Einwanderer unterdrückt. Dies lässt sich langfristig nur erreichen, indem deutsche Jugendliche sich entsexualisieren oder entsexualisieren lassen, um eine Vermehrung der, genetisch bedingt, bekloppten Unterschicht bestmöglich einzudämmen. (Als Referenz empfehle ich das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin, derzeit in der 15. oder bereits 16. Auflage verfügbar.)

Zwar muss das Europäische Parlament der Richtlinie ebenfalls zustimmen, damit sie in Kraft treten kann, aber ich bin zuversichtlich, dass das passieren wird.
Auf eine saubere Zukunft ohne Glühlampen und ohne Kinderschänderei! Auf Europa! Auf uns!

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Dear John Letter – Part & Fragment

Lange genug hat’s gedauert, jetzt halte ich es ehrfürchtig in meinen flugs desinfizierten Händen, lausche der in Ton gegossenen Kunst, getragen von Rhythmus, wabernden Melodien und der immer ein wenig bekifft wirkenden Stimme von Martin Fischer und bekomme wg. Trance nur wenig mehr als drei Wörter am Stück heraus, was das Schreiben nicht einfacher macht.

Es stand zu befürchten, dass der Plattenvertrag, den das Quintett nach der Veröffentlichung des Debüts Between Leaves | Forestal unterzeichnet hat, negative Konsequenzen für die folgenden Veröffentlichungen haben würde, zumal via YouTube eine ausdrücklich als „radio edit“, also „Radioversion“, betitelte Version des eröffnenden „You Remain Unshakeably Calm“ verbreitet wurde, wenngleich mir die Band nach Bekanntwerden des Vertragsabschlusses höchstselbst versicherte, dass sie sich weiterhin auf ihre ureigenen Qualitäten konzentrieren würde; aber man weiß es ja nie so genau. (Für die übermäßige und vermutlich nicht immer allzu präzise Verwendung des Wortes „würde“ bitte ich den zeitgleichen Konsum psychedelischen Lauschgifts verantwortlich zu machen.)

Zu meiner persönlichen Erbauung sollte sie Recht behalten:
Das Album „Part & Fragment“ meiner trotz Nihiling noch immer nicht vom Thron gestoßenen Lieblings-Postrocker Dear John Letter ist, bandtypisch und zur Musik passend für den Herbst des Jahres angekündigt, seit vergangenem Freitag zu bekommen und lag bis heute aus Zeitmangel noch in meinem Postfach herum.

Und es ist klasse.

Filigran wie gewohnt beginnt es mit dem artwork, das eine eigenständige Würdigung verdient. Auf bedruckter Pappe oder jedenfalls etwas, was sich anfühlt wie bedruckte Pappe, ist außen- und innenseitig die Fassade einer bayerischen Altstadt gemalt, und wer jemals in Augsburg war, der weiß, dass es jedenfalls nicht Augsburg ist. Dass die Szenerie indes in Bayern anzusiedeln ist, folgere ich daraus, dass eines der Schaufenster mit „Brezen“ beschriftet ist. Wie überhaupt recht viel zu entdecken ist, etwa zwei Personen, die einen Flügel an einem Seilzug eine Häuserfassade entlang bewegen, an deren unterem Ende eine weitere Person steht und interessiert nach oben blickt. Ich bescheinige dieser Szene Amusement-Qualität. Zu bemängeln ist allenfalls: Obwohl die jeweils dreiteilige Szene in Dreiecksform gefaltet werden kann, so schließen rechtes und linkes Ende doch nicht aneinander an, vermutlich ist es allerdings auch nicht so gedacht. In dem papiernen Streifen, der das Album umfasst, ist ein Gedicht zu lesen. Ob es sich um einen Textausschnitt handelt, bleibt mir verschlossen. Ihr wisst ja: Die Trance. (Nachtrag vom 6.11.: Es handelt sich tatsächlich um den Anfang von „You remain unshakeably calm“.)

In der hübschen Verpackung stecken ein Poster mit den üblichen Informationen, unter anderem den beteiligten Musikern, aber ohne Liedtexte, sowie natürlich der Tonträger selbst, bedruckt mit einem stilisierten Zodiak, der anstelle der Tierkreiszeichen jedoch Dreiecke, Vierecke und Sterne aufweist, und einer Liste der enthaltenen Stücke.

Aber jetzt habe ich viel zu lange über Äußerlichkeiten referiert, entscheidend ist bei einem Musikalbum doch meist, was auf ihm zu hören ist; also wende ich mich der Musik zu. Wie das, was zu hören ist, ungefähr klingt, demonstriert oben erwähnte Radioversion schon recht anschaulich. Und obwohl Dear John Letter sich unverkennbar wie Dear John Letter anhört, ist „Part & Fragment“ doch weit mehr als nur ein zweites „Between Leaves | Forestal“. Eine Abwendung vom Postrock wurde attestiert, und auch, wenn sich das Album nicht bloß in die Worte „klingt wie Postrock mit prima Gesang“ kleiden lässt, so ist doch keinesfalls eine Abkehr zu hören, sondern vielmehr eine Ergänzung. Zu den gewohnten Tönen (Mogwai, Oceansize, Amplifier, eine Prise Pink Floyd) stoßen neue Einflüsse, der dies für mich am beeindruckendsten demonstrierende Part ist das abschließende Gitarrensolo in „House of Leaves“, das mir auch endlich erklärt, wieso Peter Led-Zeppelin-Remineszenzen aus der Vergleichsschublade kramte, die andererseits trotz wunderbarer Momente wie etwa „Achilles‘ Last Stand“ nie so detailverliebt zu Werke gingen.

Das Ungeschliffene der Vorgängerwerke („Laika“, „Towers | Trees“) ist aus dem Repertoire der Gruppe zwar nicht gestrichen, aber doch deutlich zurückgefahren worden, und obwohl es gerade diese Lo-Fi-Attitüde war, die mich vor drei Jahren die EP2007 immer wieder hören ließ, wird sie auf „Part & Fragment“ in keinem Takt vermisst.

Nie zuvor war ein Dear-John-Letter-Werk so facettenreich, nie klang eines so ausgereift. Die zwei Jahre, die seit „Between Leaves | Forestal“ vergangen sind, haben die fünf Augsburger offenbar nicht damit verbracht, untätig herumzusitzen, und können nunmehr zum dritten Mal zeigen, dass sie jenseits von Etiketten über Genregrenzen hinweg die eigene Klangwelt am Leben erhalten können, ohne Kompromisse eingehen zu müssen, und allein der Umstand, dass sie in ihrer Kreativität und aufgrund der Eigenheit, sich ständig selbst neu (und besser) zu erfinden, unnachahmlich sind, wird auch auf lange Sicht effizient verhindern, dass Magazine wie etwa VISIONS ihren CD-Kritiken das Genre „dearjohnletteresk“ beifügen.

Sofern Dear John Letter jemals auf diesen Text stoßen, rufe ich ihnen zu: Chapeau!

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Carptree – Nymf

Meine morgendliche Müdigkeit verflog heute zu den Klängen von Carptree.

Carptree ist ein Musikduo aus Schweden, das mitunter dem New Artrock zugerechnet wird, mich aber mitunter auch an Nightwish (ohne das jaulende Schwein am Spieß, versteht sich) erinnert. Prägnante Keyboardteppiche unterlegen den mal Remineszenzen an Peter Gabriel, interessanterweise aber auch und vor allem an Eric Fish hervorrufenden Gesang von Niclas Flinck, der neben seiner Stimme kein weiteres Instrument einsetzt.

Das muss er aber ohnehin nicht, denn Tastenmann Carl Westholm und die fünf Gastmusiker wissen, was sie tun, und das bemerkt man durchaus. Und so selten es auch ist, aus Skandinavien Musikgruppen mit unblödem Gesang zu hören, so gern genießt man eine Ausnahme wie diese.
Die Texte tun ein Übriges:

Under what circumstances are you what you are?
What are you under circumstances extraordinary?
What will change you?
What will you change into?

So fragt Niclas Flinck suggestiv-klagend im Eröffnungsstück „Kicking and collecting“, und unwillkürlich fallen „Weiter als du denkst“ und „Hey!“ von den Fantastischen Vier ein, so dass man sich fest vornimmt, künftig erst mal Texte zu lesen, bevor man ein Album hört, damit der Drang, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, nicht allzu überraschend hereinbricht. (Und dann vergisst man es doch wieder.)

Das Album stellt die logische Fortsetzung des Vorgängers „Insect“ dar, auch weiterhin geht es ungeachtet des Bandnamens („Karpfenbaum“) um Insekten, was auch das Titelbild verdeutlicht, auf dem eine humanoide Libelle zu sehen ist. Als Anspieltipp schlage ich, rein subjektiv, dann auch das Stück „Dragonfly“ („Libelle“ eben) vor, das musikalisch zwischen schwülstigem Bombast der Marke Queen und marillionesquem Neoprog anzusiedeln ist, gesanglich eher in der Steve-Hogarth- als in der Fish-Ära letzterer Band.

Nicht übel. Gar nicht übel!

KaufbefehleMusikkritikProjekte
Project:KOMAKINO – The Struggle for Utopia

Wer mich kennt, der weiß, dass Kaffee und Musik zwei essenzielle Bestandteile meines morgendlichen Erwachensritus‘ sind. Während mir also gestern die neuesten Werke von The Boiler und Harmful die Ohren quasi wegbliesen (mehr dazu traditionsgemäß am Jahresende), begann mein Tag heute mit einem eigentlich völlig anderen Album.

Das Album nennt sich „The Struggle for Utopia“, zu Deutsch also „Der Kampf um Utopia„, und wurde nach meinen Informationen bereits Ende 2009 von der britischen Musikgruppe Project: KOMAKINO veröffentlicht. (Jetzt wollte ich noch irgendwo einen geschickt platzierten Verweis auf die Schallgrenzen reinschmuggeln, dann ist mir aufgefallen, dass ich offenbar den Hinweis auf diese Band sogar ursprünglich dort fand. Prima, dann muss ich weniger schummeln.)

„The Struggle for Utopia“ ist ein vielschichtiges Album. Man könnte auf den Zug derer aufspringen, die es in Schubladen zu stecken versuchen, aber das wäre allzu banal. Nicht nämlich vertritt es eine Stilrichtung, sondern erschafft eine eigene Melange aus mehreren Genres, die nach etwas klingt, was man zwar schon mal gehört hat, aber noch nicht in dieser Intensität.

Es beginnt mit wabernden Synthesizer- und Gitarrenklängen, dazu ein wenig dezenter Rhythmus. Psychedelischer Spacerock, irgendwo zwischen Gong und den frühen Pink Floyd. Gemächlich drehen die Musiker die Spannung auf; blitzt da eine Prise Mogwai hervor? Ja, sie tut’s.

Und kaum hat man sich also in das psychedelische Netz fallen lassen, das das Quintett gespannt hat, entreißt es es dem ahnungslosen Zuhörer, nur um gleich wieder ein neues zu flicken. New-Wave-artige Strophen (The Cure fallen mir da ein) mit gelegentlichen erneuten Spacerock-Ausflügen untermalen den Gesang, der auch den Sisters of Mercy, als sie noch gut waren (dann eben doch!), gehören könnte. Auf „In the temple of love…“ warte ich, obwohl das vorletzte Stück „Temple“ heißt, jedoch vergebens, stattdessen gibt es Resignation und Weltschmerz zu hören. Things are happening, they’re always happening to me.

Musik (auch) für laue Nächte auf der Veranda. (Als hätte ich eine Veranda.)
Komakino? Kopfkino!

(So ungefähr sieht es übrigens aus, wenn man einem unvorbelasteten Leser dieses Album beschreiben will, verehrte Schreiberlinge in den Redaktionen dieses Landes; nicht aber so, wie ihr es laut der von mir bevorzugten Suchmaschine übereinstimmend tut: „Klingt wie Joy Division. Nächstes Album bitte.“ Banausen.)

Übrigens, für die Arbeit an TinyTodo fehlt mir derzeit, studienbedingt, die rechte Inspiration. Aber ich verspreche, es wird weitergehen.

KaufbefehleMusikSonstiges
„Not if I wrap myself in nylon …“

Ich hätte ja wirklich furchtbar gern etwas über das wunderbare Album „Made Flesh“ von Extra Life, derzeit Tipp des Monats auf den Babyblauen Seiten, geschrieben, das mich heute in der Post erwartete. Beim ungeduldigen Auspacken jedoch bekam ich plötzlich Lust, über etwas anderes zu referieren, nämlich über die Verpackung selbst.

Ich meine, dass optische Tonträger eines gewissen Schutzes gegen äußere Einflüsse durchaus bedürfen; wenn aber eine filigrane, beinahe selbst zum Kunstwerk taugliche CD-Hülle (dazu auch hier mehr) dermaßen in eine durchsichtige Plastikummantelung eingeschweißt wird, dass man sie als Mensch ohne speziell hierfür gepflegte Fingernägel nur noch unter Zuhilfenahme externer Hilfsmittel (Schere, Messer, Gabelstapler) und somit unter der Gefahr, bleibende Schäden zu hinterlassen, so mir etwa geschehen bei dem Album „Elegies to Lessons Learnt“ von iLiKETRAiNS, ihres Schutzes zu entreißen vermag, dann treibt das auch einer sanftmütigen Kreatur, etwa mir, die Zornesröte in die Fresse.

Warum müssen derlei Tonträger immer sozusagen feuerfest versiegelt werden, bevor sie in den freien Handel gelangen, auf dass man sie unbeschadet nur noch an die Wand tackern und anstarren möge? Staubschutz ist ja wahrlich ein nobles Unterfangen, aber so etwas, ich erinnere mich, hatten meine Spielzeugautos in jungen Jahren ebenfalls. Es war, zugegeben, etwas breitformatiger, ließ sich aber mit einem sanften Druck problemlos öffnen. Herrscht Platzmangel in den Lagern der großen Handelsunternehmen?

Vorbildlich macht es übrigens die Musikgruppe Wive; deren Album PVLL erwarb ich in einem Saturn-Markt in Düsseldorf. Es war ebenfalls mit einer Plastikummantelung versehen, und es befindet sich noch heute darin. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass ebendiese Plastikummantelung oben mit einer selbst klebenden Lasche versehen ist, so dass man das Album bei Bedarf jederzeit entnehmen und wieder der schützenden Hülle übergeben kann.

Möge dieses Beispiel endlich Schule machen!

(Und jetzt muss ich erst einmal die Plastikreste zwischen den Zähnen entfernen.)

KaufbefehleNerdkrams
Stampfwerbung: Machinarium

Ich weiß, dass hier normalerweise, auch wegen Desinteresses meinerseits, wahrlich nicht viel von Computerspielen zu lesen ist, aber das muss ich dann (wie auch Caschy) doch dringend mal erwähnen:

Das grandiose Spiel Machinarium, Freunden anspruchsvolleren Zeitvertreibs als bloßer öder Ballerei mit realistischer Grafik längst bekannt, gibt es nun für kurze Zeit für ein Viertel des Kaufpreises, also 5 US-Dollar (etwa 4 Euro), zu kaufen. Sieht ungefähr so aus:

Der Grund für den Preisnachlass ist löblich: Das Spiel wurde in etwa 90 Prozent der Fälle wegen fehlenden Kopierschutzes unentgeltlich bezogen. Durch die befristete Rabattaktion, die am 12. August endet, soll den betreffenden Nichtkäufern eine Möglichkeit gegeben werden, ihr Gewissen reinzuwaschen.

Machinarium ist, kurz zusammengefasst, ein Point-&-Click-Adventure, ein Abenteuerspiel also, bei dem man nicht doof durch die Gegend hüpft und Leute übern Haufen ballert, sondern in einer wirklich sehr detailverliebt gezeichneten apokalyptischen Umwelt als Roboter, der eine drohende Gefahr abwenden muss, durch die Gegend stiefelt. Was wie ein Kinderspiel klingt, ist alles andere als das; zahlreiche Gegner müssen (gewaltlos) überwunden werden, und lustig ist das Spiel auch noch.

Und ich bitte darum, diesen Satz nicht als bloße Werbung um der Werbung willen denn vielmehr als Ausdruck tiefer Überzeugung zu verstehen:
Macht Gebrauch von diesem Angebot! Das ist’s allemal wert.

KaufbefehleMusikSpaß mit Spam
Spam? Dorthin, wo die Sonne nicht scheint!

Zwar habe ich schon seit längerer Zeit keine Meldung von erotisierten Russinnen erhalten (ich mache mir doch allmählich ein wenig Sorgen um meine Aura), aber heute hat eine andere Mail meinen Spamfilter erstaunlicherweise passiert:

Sie erinnern sich sicherlich noch an Ihre Teilnahme am Internetgewinnspiel.

Am Internetgewinnspiel. Sicher. An welchem?
Egal, irgendeins im Internet oder über das Internet oder so was.

Zur Förderung des türkischen Fremdenverkehrs und der deutschen Tourismusbranche wurden unter allen Einsendungen mit richtigem Lösungswort aus der Region 8 Traumreisen für 2 Personen verlost …

Und welches Lösungswort dieses eine, ganz bestimmte, doch namenlose Internetgewinnspiel genau erwartet hat oder wie die Frage lautete, bleibt offen… vielleicht stand das ja in dem Teil, der hier weggelassen wurde… das halte ich für… und überhaupt…

Herzlichen Glückwunsch, Sie gehören zu den Premium-Gewinnern!

Was zeichnet eigentlich einen „Premium-Gewinner“, verglichen mit normalen Gewinnern, aus? Und fühlen sich die Nicht-Premium-Gewinner nicht dann auch ziemlich verklapst, wenn sie eben nur zweitrangige Gewinner sind? (Und was genau haben die eigentlich gewonnen? Jedenfalls vermutlich nicht …

Sie fliegen 1 Woche in die Sonne an der Türkischen Riviera!

… das Schicksal des Ikarus. Ich stelle mir eine Woche auf dem Weg in die Sonne jedenfalls nicht sehr einladend vor. Möchte vielleicht ein Nicht-Premium-Gewinner mit mir tauschen?)

Unsere Leistungen inklusive für Sie:


– Infococktail im Hotel für 2 Personen

Mjam, pürierte Prospekte!


– während der Fahrten im Bus halten wir kostenlos Wasser zum Trinken für Sie bereit

Das dürfte auch dringend nötig sein, in der Sonne ist es doch recht warm. :mrgreen:

– Reisepreissicherungsschein für 2 Personen

Reise-was?

– Reiseführer Türkei des Reiseveranstalters pro Buchung

Die große Frage bis hierhin lautet dann auch: Wer genau ist denn der Reiseveranstalter? Klingt bislang nicht nach jemandem, der das beruflich macht.

Sie und eine Begleitperson erhalten diese Leistungen exklusiv der Servicepauschale und Kerosinzuschlag/PaxTax für 0,00 Euro!

Äh, ja. Sicher.

Für alle organisatorischen Arbeiten und den Telefon- und Schriftverkehr wurde das Reisebüro M.e.i.e.r. Reisen beauftragt.

M.e.i.e.r.? Haben die irgendwas mit dem bekannten Kredit- und Scheckkartenbetrüger Max Mustermann zu tun?

Ihre Gewinnnummer: sw010589

Ich nehme an, jede andere „Nummer“ wäre auch akzeptabel; aber diese Zahl sieht mal ziemlich erstaunlich aus. 01.05.89; mein Geburtstag jedenfalls ist das nicht. Immer dieses spammende Jungvolk!

Zur Gewinnbestätigung und weiteren Informationen zur Reise geht es hier: …/tracker.php?id=166

Mir dünkt, das Einzige, was mir diese Mail beschert, ist diese Adresse, die den Absender brav darüber informiert, dass die Mail überhaupt gelesen wurde.
Zu derlei Werbepost jedenfalls fällt mir nur noch eins ein:

Gute Reise!

(Und während ich dies schreibe, läuft zum wiederholten Male Their Names Escape Me von Spock’s Beard, genauer: Von deren neuem Album „X“. Ich beginne mich nun ernsthaft für die Geschicke dieser Musikgruppe zu interessieren. Eine ungefähre Rezension gibt’s auf den Babyblauen Seiten. Hört beizeiten mal hinein!)

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Musik 06/2010 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 6 von 19 der Serie Jahresrückblick

Das ging schnell; schon wieder ist das erste halbe Jahr beinahe vorbei. Zeit also wird es, die sehnsüchtigen Gedanken einmal beiseite zu wischen und stattdessen einen Blick auf die prächtigsten Musikveröffentlichungen der letzten sechs Monate zu werfen, ob Rock oder Pop, ob gratis oder teuer, ob Kaufbefehl oder völliger Reinfall.

Auf eine separate Liste für deutschsprachige Alben habe ich diesmal verzichtet, die dreieinhalb Exemplare habe ich stattdessen in der Hauptliste untergebracht. Das hat einen ganz einfachen Grund: Ich habe zu spät daran gedacht. Selbstverständlich tut mir dieser Fauxpas unglaublich Leid, für die Rückschau 12/2010 gelobe ich Besserung. (Nachtrag vom 13. Dezember 2010: Leider gab das Jahr keinen Anlass, eine solche Liste anzulegen.)

Wie üblich jedenfalls wird diese Liste auch dieses Mal wieder gekrönt von einer Rückschau auf 40 Jahre wechselnden Zeitgeists in der Musik. Vielleicht findet ja jemand von euch, meine geschätzten Leser, wieder einen kleinen Schatz darunter, der nur darauf wartet, von euch gehoben zu werden.

Viel Spaß beim Erforschen!

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KaufbefehleMusikkritik
My Own Private Alaska – Amen

Was mir übrigens gerade durch die Kopfhörer donnert, ist das 2010 erschienene Album „Amen“ des Trios „My Own Private Alaska“, das sich selbst als „M.O.P.A.“ abkürzt. Obwohl von melodischem Gesang, üblicherweise eines meiner wichtigsten Kriterien bei der Bewertung von Musik, keine Rede sein kann, der Frontmann vielmehr eine zunächst recht wild erscheinende Melange aus heiserem Geschrei und sanften Emotionen, die mal an bspw. Limp Bizkit, mal an Ville Valo erinnert, ertönen lässt, hat diese Gruppierung sich doch bereits einen Platz auf der noch fertigzustellenden ersten Halbjahresrückschau 2010 gesichert.

Musik wie die, die My Own Private Alaska produzieren, hat man so irgendwo, so glaubt man, schon einmal gehört; irgendwo zwischen Filmmusik, Folk-Metal und Klassik schwelt die Atmosphäre entlang. Die Besetzung hingegen hat’s in sich: Auf Bass und Gitarre wird verzichtet, zum Einsatz kommen allein Schlagzeug und Klavier. Die Eigenwerbung stellt mutige Vergleiche an:

Bass und Gitarre wurden beiseitegelassen um einen ganzen neuen, musikalischen Stil zu kreieren: Eine unheilvolle Verbindung zwischen Chopin, Nirvana, Danny Elfman und Envy, irgendwo in Alaska!

Nun kenne ich, mea culpa, weder Danny Elfman noch Envy ausreichend gut, um dies zu beurteilen. Fest steht jedoch, dass die ungewöhnliche Besetzung, die beim Lesen vermutlich allzu aufregend nun nicht klingt, indes mehr action zu erzeugen weiß als manche dieser leider noch immer im Trend liegenden teen-pop-Murksgruppierungen.

Herrliche Musik mit künstlerischem Anspruch, ohne dabei allzu masseninkompatibel zu sein. Menschen mit New-Wave-Tick ist’s, zugegeben, mitunter ein wenig zu hektisch, nehme ich an. Für alle anderen, insbesondere für die, die auch gegen expressiven Gesang und reduzierte Instrumentierung keinesfalls grundsätzlich etwas einzuwenden haben, spreche ich hiermit eine klare Reinhörempfehlung aus. Wenn’s gefällt: Unbedingt kaufen!

In den NachrichtenKaufbefehlePiratenparteiPolitik
Marsch wider das Verstehen

Schon wieder ist 1. Mai, und die potenziell gewaltbereiten Fanten und Antifanten (die belustigende Wortwahl trifft’s dann auch irgendwie), noch mit Restalkohol Resttanz in den Mai versehen, verabreden sich mit den potenziell eher friedfertigen Vertretern der jeweiligen Gegenseite zum gegenseitigen Stören – ein herrlicher Brauch, der immer wieder zum Amusement über derlei geballtes Missverständnis von Demokratie einlädt.

Es ist gut und richtig, Menschen, die Demokratie für grundlegend falsch halten, mit verächtlichen Blicken zu strafen. Nicht jedoch sollte man diesen Menschen gleichfalls mit antidemokratischen, gar gesetzwidrigen Mitteln begegnen; hierzu verweise ich auf VersammlG § 21:

Wer in der Absicht, nicht verbotene Versammlungen oder Aufzüge zu verhindern oder zu sprengen oder sonst ihre Durchführung zu vereiteln, Gewalttätigkeiten vornimmt oder androht oder grobe Störungen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

„Sitzblockaden“, für viele Teilnehmer eine angemessene Handlung, fallen ebenfalls darunter; auch, wenn sie sich eben nur gegen „die Rechten“, wie auch immer man sie definiert, richten. Wenn Nationaldemokraten – eine in der Bundesrepublik trotz aller Einwände noch immer nicht verbotene Bewegung – eine legitime Demonstration abhalten wollen, ist dies jedenfalls durchaus im Sinne der Demokratie, ganz gleich, ob man sich mit ihnen identifizieren kann oder nicht. Den in diesem Zusammenhang oft erwähnten Rechtsstaat beachten keinesfalls „die Nazis“ nicht, es sind die, die sich ihnen in den Weg stellen. Es ist ziemlich erschütternd, was für Menschen unter dem Deckmantel der falsch verstandenen „wehrhaften Demokratie“ auf die Grundregeln der Demokratie weitgehend pfeifen. (Vor diesem Hintergrund sind übrigens auch Bilder blockierender Bürger in Piratenkostümen ziemlich erschreckend; ich hoffe, kein Außenstehender verfällt jetzt ernsthaft dem Glauben, solcherlei ließe sich mit dem piratischen Verständnis von Demokratie vereinbaren!)

Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn ihre Mitglieder sie respektieren. Wer sie nicht respektiert, sollte sich den Mund mit Seife auswaschen gehen, wenn er das Wort „Demokratie“ verwendet hat; ganz gleich, auf welcher Seite er steht.

Wie gesagt: Es ist schön, Pirat zu sein.

Als Nachtrag zu meinem Monolog übrigens auch ein Hinweis auf die neue Ausgabe des Magazins Titanic, die mir seit gestern vorliegt:

Allein schon deshalb lesenswert.

In den NachrichtenKaufbefehleMusik
Deutschland sucht den zweiten Platz, Musikfreunde verzweifeln

Wie ich heute früh – also zu meiner eigentlichen Freude noch später als üblich – und tatsächlich nur versehentlich erfuhr, ist eine weitere Staffel des überflüssigen Selbstdarstellerwettlaufs „Deutschland sucht den Superstar“, das der durchschnittliche Zuschauer gern als DSDS, was er sich gerade noch so merken und selbst betrunken (also im Idealzustand) noch halbwegs fehlerfrei grölen kann, abkürzt, jüngst vorüber gegangen, überschattet von der Omnipräsenz der zwar musikalisch hochwertigeren, aber auch nicht zweckerfüllteren Suche nach „unserem“ „Star“ für Oslo, von dem ich ohnehin annehme, sie werden ihn nicht behalten wollen und postwendend zurückschicken, auf dass wir mit weiteren hochklassigen Pophymnen der Marke „Satellite“ erfreut werden mögen. (Inwiefern ein durchschnittliches Stück Allerweltspop mit anglophonem Text Deutschland, abgesehen von dem schrecklichen Akzent der Interpretin, zu repräsentieren imstande ist, möge jemand Geeigneteres erforschen.)

Nun wird im Internet eine Aktion propagiert, die wahlweise Blümchens „Boomerang“ von 1996 oder Led Zeppelins „Stairway to Heaven“ von immerhin 1971 anstelle RTLs unsäglichen „Gewinners“ auf Platz 1 der Hitparade zu platzieren zum Ziel hat. Ich mag Blümchen nicht, auch wenn ich in jungen Jahren auch so mancherlei Tonträger (wenngleich nicht von ihr) erwarb, der mich heute nurmehr gehässig angrinst; gerade junge Leute sind oft eher der einfachen musikalischen Struktur und möglichst bunten Videos zugeneigt als wahrer Kultur, schade ist das schon. Blümchen jedenfalls ist ja auch nicht unbedingt dafür bekannt, ihre Beliebtheit bei jungen Konsumenten und die damit verbundene Zahl der Tonträgerverkäufe mit bspw. hochwertiger Musik verdient zu haben, so dass diese Wahl doch eher kontraproduktiv erscheint.

Dennoch kann ich auch keineswegs den alternativen Kauf des Led-Zeppelin-Stückes empfehlen. So angenehm es auch wäre, in der Hitparade endlich wieder einmal etwas von talentierten Rockmusikern statt nur von den immergleichen Popmarionetten zu sehen, so falsch ist doch der Sinn der Aktion.

In der Hitparade zählt nicht, was gut ist, sondern allein, was neu ist. Kaum jemand würde bestreiten, dass zum Beispiel „The Velvet Underground & Nico“ oder „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ zu den essenziellen Musikalben des vorigen Jahrhunderts gehören, dennoch stehen die Chancen auf ihre Wiederkehr (im Falle von The Velvet Underground ist dies ohnehin der falsche Begriff) in der Albenhitparade eher gering. Die Hitparaden mögen ein Indiz für den Zeitgeist sein, eines für Qualität und Kultur sind sie jedoch keinesfalls. Es setzt sicherlich ein Zeichen, wenn der gerade aktuelle Schnulzendepp nur noch auf Platz 2 statt auf Platz 1 gewählt wird, aber es wird keinen der beabsichtigten Geschädigten wirklich beeindrucken. Die Produzenten dieses Schrottes haben ebenso wie die Verantwortlichen von RTL (die das mit der „Verantwortung“ regelmäßig missverstehen) ihr Geld längst bekommen, bevor das Produkt in den Läden steht, und voraussichtlich in der Folgewoche steht ohnehin wieder ein neuer erster Platz fest, und alles ist vergessen und war, gemessen an der Nachhaltigkeit, letztlich vergebens. (Apropos Produkt, „Kultur als Ware“ ist auch schon wieder eine erschreckende Erscheinung eigentlich, aber von „Kultur“ mag ich dann hier doch lieber nicht reden.)

Ein wahrer Musikfreund weiß: Will ich wissen, was gute Musik ist, sehe ich in die Hitparaden und kaufe, was nicht darin ist. Und so werde ich meinerseits es auch halten:

Am 12. Mai d.J. erscheint zum Beispiel das kommende Album der von mir sehr geschätzten Augsburger Postrockband Dear John Letter. Es wird in keiner Hitparade dieses Planeten Platz finden, es wird nicht von den Massenmedien, vermutlich mit Ausnahme der auch sonst sehr lobenswerten Zeitschrift VISIONS, für eine lebensnotwendige Anschaffung gehalten, die Mitglieder der Gruppe werden auch nicht Tag und Nacht von Journalisten und BILD-Schreiberlingen belagert, dennoch weiß ich: Es wird ein großartiges Album sein.

Nur, um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Ich halte es für gut und richtig, wenn die Menschen um die musikalische Entwicklung und den Einfluss der Prekariatsmedien besorgt sind und in den Hitparaden lieber Qualitätsmusik als teuer bezahlte Kurzzeitunterhaltung sehen möchten. Dann bitte ich aber um Konsequenz. Ich möchte nicht nur für etwas weniger als 1/52 des Jahres einen einzigen Hitparadenplatz von womöglich Blümchen besetzt sehen, ich möchte, dass die Hitparaden als solche nicht mehr als Anzeigetafel für den höchsten Werbeetat dienen. Hat man sich zumindest darauf geeinigt, bin ich selbst gern bereit, an derlei Aktionen teilzunehmen.

Bis dahin jedenfalls wird mein Tonträgerregal auch weiterhin ausschließlich von Qualität und Jugendsünden bewohnt. Es scheint dort recht gemütlich zu sein.

(Apropos „Idioten“: 120 Kilometer lange Menschenkette gegen Atomkraft, was allein die Anreise wohl an Atomstrom gekostet haben mag?)