Archiv für die Kategorie ‘Kaufbefehle’.

Ich spreche keine Kaufempfehlungen aus, ich bin ja nicht Amazon.

KaufbefehleNerdkrams
Stampfwerbung: Machinarium

Ich weiß, dass hier normalerweise, auch wegen Desinteresses meinerseits, wahrlich nicht viel von Computerspielen zu lesen ist, aber das muss ich dann (wie auch Caschy) doch dringend mal erwähnen:

Das grandiose Spiel Machinarium, Freunden anspruchsvolleren Zeitvertreibs als bloßer öder Ballerei mit realistischer Grafik längst bekannt, gibt es nun für kurze Zeit für ein Viertel des Kaufpreises, also 5 US-Dollar (etwa 4 Euro), zu kaufen. Sieht ungefähr so aus:

Der Grund für den Preisnachlass ist löblich: Das Spiel wurde in etwa 90 Prozent der Fälle wegen fehlenden Kopierschutzes unentgeltlich bezogen. Durch die befristete Rabattaktion, die am 12. August endet, soll den betreffenden Nichtkäufern eine Möglichkeit gegeben werden, ihr Gewissen reinzuwaschen.

Machinarium ist, kurz zusammengefasst, ein Point-&-Click-Adventure, ein Abenteuerspiel also, bei dem man nicht doof durch die Gegend hüpft und Leute übern Haufen ballert, sondern in einer wirklich sehr detailverliebt gezeichneten apokalyptischen Umwelt als Roboter, der eine drohende Gefahr abwenden muss, durch die Gegend stiefelt. Was wie ein Kinderspiel klingt, ist alles andere als das; zahlreiche Gegner müssen (gewaltlos) überwunden werden, und lustig ist das Spiel auch noch.

Und ich bitte darum, diesen Satz nicht als bloße Werbung um der Werbung willen denn vielmehr als Ausdruck tiefer Überzeugung zu verstehen:
Macht Gebrauch von diesem Angebot! Das ist’s allemal wert.

KaufbefehleMusikSpaß mit Spam
Spam? Dorthin, wo die Sonne nicht scheint!

Zwar habe ich schon seit längerer Zeit keine Meldung von erotisierten Russinnen erhalten (ich mache mir doch allmählich ein wenig Sorgen um meine Aura), aber heute hat eine andere Mail meinen Spamfilter erstaunlicherweise passiert:

Sie erinnern sich sicherlich noch an Ihre Teilnahme am Internetgewinnspiel.

Am Internetgewinnspiel. Sicher. An welchem?
Egal, irgendeins im Internet oder über das Internet oder so was.

Zur Förderung des türkischen Fremdenverkehrs und der deutschen Tourismusbranche wurden unter allen Einsendungen mit richtigem Lösungswort aus der Region 8 Traumreisen für 2 Personen verlost …

Und welches Lösungswort dieses eine, ganz bestimmte, doch namenlose Internetgewinnspiel genau erwartet hat oder wie die Frage lautete, bleibt offen… vielleicht stand das ja in dem Teil, der hier weggelassen wurde… das halte ich für… und überhaupt…

Herzlichen Glückwunsch, Sie gehören zu den Premium-Gewinnern!

Was zeichnet eigentlich einen „Premium-Gewinner“, verglichen mit normalen Gewinnern, aus? Und fühlen sich die Nicht-Premium-Gewinner nicht dann auch ziemlich verklapst, wenn sie eben nur zweitrangige Gewinner sind? (Und was genau haben die eigentlich gewonnen? Jedenfalls vermutlich nicht …

Sie fliegen 1 Woche in die Sonne an der Türkischen Riviera!

… das Schicksal des Ikarus. Ich stelle mir eine Woche auf dem Weg in die Sonne jedenfalls nicht sehr einladend vor. Möchte vielleicht ein Nicht-Premium-Gewinner mit mir tauschen?)

Unsere Leistungen inklusive für Sie:


– Infococktail im Hotel für 2 Personen

Mjam, pürierte Prospekte!


– während der Fahrten im Bus halten wir kostenlos Wasser zum Trinken für Sie bereit

Das dürfte auch dringend nötig sein, in der Sonne ist es doch recht warm. :mrgreen:

– Reisepreissicherungsschein für 2 Personen

Reise-was?

– Reiseführer Türkei des Reiseveranstalters pro Buchung

Die große Frage bis hierhin lautet dann auch: Wer genau ist denn der Reiseveranstalter? Klingt bislang nicht nach jemandem, der das beruflich macht.

Sie und eine Begleitperson erhalten diese Leistungen exklusiv der Servicepauschale und Kerosinzuschlag/PaxTax für 0,00 Euro!

Äh, ja. Sicher.

Für alle organisatorischen Arbeiten und den Telefon- und Schriftverkehr wurde das Reisebüro M.e.i.e.r. Reisen beauftragt.

M.e.i.e.r.? Haben die irgendwas mit dem bekannten Kredit- und Scheckkartenbetrüger Max Mustermann zu tun?

Ihre Gewinnnummer: sw010589

Ich nehme an, jede andere „Nummer“ wäre auch akzeptabel; aber diese Zahl sieht mal ziemlich erstaunlich aus. 01.05.89; mein Geburtstag jedenfalls ist das nicht. Immer dieses spammende Jungvolk!

Zur Gewinnbestätigung und weiteren Informationen zur Reise geht es hier: …/tracker.php?id=166

Mir dünkt, das Einzige, was mir diese Mail beschert, ist diese Adresse, die den Absender brav darüber informiert, dass die Mail überhaupt gelesen wurde.
Zu derlei Werbepost jedenfalls fällt mir nur noch eins ein:

Gute Reise!

(Und während ich dies schreibe, läuft zum wiederholten Male Their Names Escape Me von Spock’s Beard, genauer: Von deren neuem Album „X“. Ich beginne mich nun ernsthaft für die Geschicke dieser Musikgruppe zu interessieren. Eine ungefähre Rezension gibt’s auf den Babyblauen Seiten. Hört beizeiten mal hinein!)

KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2010 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 6 von 18 der Serie Jahresrückblick

Das ging schnell; schon wieder ist das erste halbe Jahr beinahe vorbei. Zeit also wird es, die sehnsüchtigen Gedanken einmal beiseite zu wischen und stattdessen einen Blick auf die prächtigsten Musikveröffentlichungen der letzten sechs Monate zu werfen, ob Rock oder Pop, ob gratis oder teuer, ob Kaufbefehl oder völliger Reinfall.

Auf eine separate Liste für deutschsprachige Alben habe ich diesmal verzichtet, die dreieinhalb Exemplare habe ich stattdessen in der Hauptliste untergebracht. Das hat einen ganz einfachen Grund: Ich habe zu spät daran gedacht. Selbstverständlich tut mir dieser Fauxpas unglaublich Leid, für die Rückschau 12/2010 gelobe ich Besserung. (Nachtrag vom 13. Dezember 2010: Leider gab das Jahr keinen Anlass, eine solche Liste anzulegen.)

Wie üblich jedenfalls wird diese Liste auch dieses Mal wieder gekrönt von einer Rückschau auf 40 Jahre wechselnden Zeitgeists in der Musik. Vielleicht findet ja jemand von euch, meine geschätzten Leser, wieder einen kleinen Schatz darunter, der nur darauf wartet, von euch gehoben zu werden.

Viel Spaß beim Erforschen!

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KaufbefehleMusikkritik
My Own Private Alaska – Amen

Was mir übrigens gerade durch die Kopfhörer donnert, ist das 2010 erschienene Album „Amen“ des Trios „My Own Private Alaska“, das sich selbst als „M.O.P.A.“ abkürzt. Obwohl von melodischem Gesang, üblicherweise eines meiner wichtigsten Kriterien bei der Bewertung von Musik, keine Rede sein kann, der Frontmann vielmehr eine zunächst recht wild erscheinende Melange aus heiserem Geschrei und sanften Emotionen, die mal an bspw. Limp Bizkit, mal an Ville Valo erinnert, ertönen lässt, hat diese Gruppierung sich doch bereits einen Platz auf der noch fertigzustellenden ersten Halbjahresrückschau 2010 gesichert.

Musik wie die, die My Own Private Alaska produzieren, hat man so irgendwo, so glaubt man, schon einmal gehört; irgendwo zwischen Filmmusik, Folk-Metal und Klassik schwelt die Atmosphäre entlang. Die Besetzung hingegen hat’s in sich: Auf Bass und Gitarre wird verzichtet, zum Einsatz kommen allein Schlagzeug und Klavier. Die Eigenwerbung stellt mutige Vergleiche an:

Bass und Gitarre wurden beiseitegelassen um einen ganzen neuen, musikalischen Stil zu kreieren: Eine unheilvolle Verbindung zwischen Chopin, Nirvana, Danny Elfman und Envy, irgendwo in Alaska!

Nun kenne ich, mea culpa, weder Danny Elfman noch Envy ausreichend gut, um dies zu beurteilen. Fest steht jedoch, dass die ungewöhnliche Besetzung, die beim Lesen vermutlich allzu aufregend nun nicht klingt, indes mehr action zu erzeugen weiß als manche dieser leider noch immer im Trend liegenden teen-pop-Murksgruppierungen.

Herrliche Musik mit künstlerischem Anspruch, ohne dabei allzu masseninkompatibel zu sein. Menschen mit New-Wave-Tick ist’s, zugegeben, mitunter ein wenig zu hektisch, nehme ich an. Für alle anderen, insbesondere für die, die auch gegen expressiven Gesang und reduzierte Instrumentierung keinesfalls grundsätzlich etwas einzuwenden haben, spreche ich hiermit eine klare Reinhörempfehlung aus. Wenn’s gefällt: Unbedingt kaufen!

In den NachrichtenKaufbefehlePiratenparteiPolitik
Marsch wider das Verstehen

Schon wieder ist 1. Mai, und die potenziell gewaltbereiten Fanten und Antifanten (die belustigende Wortwahl trifft’s dann auch irgendwie), noch mit Restalkohol Resttanz in den Mai versehen, verabreden sich mit den potenziell eher friedfertigen Vertretern der jeweiligen Gegenseite zum gegenseitigen Stören – ein herrlicher Brauch, der immer wieder zum Amusement über derlei geballtes Missverständnis von Demokratie einlädt.

Es ist gut und richtig, Menschen, die Demokratie für grundlegend falsch halten, mit verächtlichen Blicken zu strafen. Nicht jedoch sollte man diesen Menschen gleichfalls mit antidemokratischen, gar gesetzwidrigen Mitteln begegnen; hierzu verweise ich auf VersammlG § 21:

Wer in der Absicht, nicht verbotene Versammlungen oder Aufzüge zu verhindern oder zu sprengen oder sonst ihre Durchführung zu vereiteln, Gewalttätigkeiten vornimmt oder androht oder grobe Störungen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

„Sitzblockaden“, für viele Teilnehmer eine angemessene Handlung, fallen ebenfalls darunter; auch, wenn sie sich eben nur gegen „die Rechten“, wie auch immer man sie definiert, richten. Wenn Nationaldemokraten – eine in der Bundesrepublik trotz aller Einwände noch immer nicht verbotene Bewegung – eine legitime Demonstration abhalten wollen, ist dies jedenfalls durchaus im Sinne der Demokratie, ganz gleich, ob man sich mit ihnen identifizieren kann oder nicht. Den in diesem Zusammenhang oft erwähnten Rechtsstaat beachten keinesfalls „die Nazis“ nicht, es sind die, die sich ihnen in den Weg stellen. Es ist ziemlich erschütternd, was für Menschen unter dem Deckmantel der falsch verstandenen „wehrhaften Demokratie“ auf die Grundregeln der Demokratie weitgehend pfeifen. (Vor diesem Hintergrund sind übrigens auch Bilder blockierender Bürger in Piratenkostümen ziemlich erschreckend; ich hoffe, kein Außenstehender verfällt jetzt ernsthaft dem Glauben, solcherlei ließe sich mit dem piratischen Verständnis von Demokratie vereinbaren!)

Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn ihre Mitglieder sie respektieren. Wer sie nicht respektiert, sollte sich den Mund mit Seife auswaschen gehen, wenn er das Wort „Demokratie“ verwendet hat; ganz gleich, auf welcher Seite er steht.

Wie gesagt: Es ist schön, Pirat zu sein.

Als Nachtrag zu meinem Monolog übrigens auch ein Hinweis auf die neue Ausgabe des Magazins Titanic, die mir seit gestern vorliegt:

Allein schon deshalb lesenswert.

In den NachrichtenKaufbefehleMusik
Deutschland sucht den zweiten Platz, Musikfreunde verzweifeln

Wie ich heute früh – also zu meiner eigentlichen Freude noch später als üblich – und tatsächlich nur versehentlich erfuhr, ist eine weitere Staffel des überflüssigen Selbstdarstellerwettlaufs „Deutschland sucht den Superstar“, das der durchschnittliche Zuschauer gern als DSDS, was er sich gerade noch so merken und selbst betrunken (also im Idealzustand) noch halbwegs fehlerfrei grölen kann, abkürzt, jüngst vorüber gegangen, überschattet von der Omnipräsenz der zwar musikalisch hochwertigeren, aber auch nicht zweckerfüllteren Suche nach „unserem“ „Star“ für Oslo, von dem ich ohnehin annehme, sie werden ihn nicht behalten wollen und postwendend zurückschicken, auf dass wir mit weiteren hochklassigen Pophymnen der Marke „Satellite“ erfreut werden mögen. (Inwiefern ein durchschnittliches Stück Allerweltspop mit anglophonem Text Deutschland, abgesehen von dem schrecklichen Akzent der Interpretin, zu repräsentieren imstande ist, möge jemand Geeigneteres erforschen.)

Nun wird im Internet eine Aktion propagiert, die wahlweise Blümchens „Boomerang“ von 1996 oder Led Zeppelins „Stairway to Heaven“ von immerhin 1971 anstelle RTLs unsäglichen „Gewinners“ auf Platz 1 der Hitparade zu platzieren zum Ziel hat. Ich mag Blümchen nicht, auch wenn ich in jungen Jahren auch so mancherlei Tonträger (wenngleich nicht von ihr) erwarb, der mich heute nurmehr gehässig angrinst; gerade junge Leute sind oft eher der einfachen musikalischen Struktur und möglichst bunten Videos zugeneigt als wahrer Kultur, schade ist das schon. Blümchen jedenfalls ist ja auch nicht unbedingt dafür bekannt, ihre Beliebtheit bei jungen Konsumenten und die damit verbundene Zahl der Tonträgerverkäufe mit bspw. hochwertiger Musik verdient zu haben, so dass diese Wahl doch eher kontraproduktiv erscheint.

Dennoch kann ich auch keineswegs den alternativen Kauf des Led-Zeppelin-Stückes empfehlen. So angenehm es auch wäre, in der Hitparade endlich wieder einmal etwas von talentierten Rockmusikern statt nur von den immergleichen Popmarionetten zu sehen, so falsch ist doch der Sinn der Aktion.

In der Hitparade zählt nicht, was gut ist, sondern allein, was neu ist. Kaum jemand würde bestreiten, dass zum Beispiel „The Velvet Underground & Nico“ oder „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ zu den essenziellen Musikalben des vorigen Jahrhunderts gehören, dennoch stehen die Chancen auf ihre Wiederkehr (im Falle von The Velvet Underground ist dies ohnehin der falsche Begriff) in der Albenhitparade eher gering. Die Hitparaden mögen ein Indiz für den Zeitgeist sein, eines für Qualität und Kultur sind sie jedoch keinesfalls. Es setzt sicherlich ein Zeichen, wenn der gerade aktuelle Schnulzendepp nur noch auf Platz 2 statt auf Platz 1 gewählt wird, aber es wird keinen der beabsichtigten Geschädigten wirklich beeindrucken. Die Produzenten dieses Schrottes haben ebenso wie die Verantwortlichen von RTL (die das mit der „Verantwortung“ regelmäßig missverstehen) ihr Geld längst bekommen, bevor das Produkt in den Läden steht, und voraussichtlich in der Folgewoche steht ohnehin wieder ein neuer erster Platz fest, und alles ist vergessen und war, gemessen an der Nachhaltigkeit, letztlich vergebens. (Apropos Produkt, „Kultur als Ware“ ist auch schon wieder eine erschreckende Erscheinung eigentlich, aber von „Kultur“ mag ich dann hier doch lieber nicht reden.)

Ein wahrer Musikfreund weiß: Will ich wissen, was gute Musik ist, sehe ich in die Hitparaden und kaufe, was nicht darin ist. Und so werde ich meinerseits es auch halten:

Am 12. Mai d.J. erscheint zum Beispiel das kommende Album der von mir sehr geschätzten Augsburger Postrockband Dear John Letter. Es wird in keiner Hitparade dieses Planeten Platz finden, es wird nicht von den Massenmedien, vermutlich mit Ausnahme der auch sonst sehr lobenswerten Zeitschrift VISIONS, für eine lebensnotwendige Anschaffung gehalten, die Mitglieder der Gruppe werden auch nicht Tag und Nacht von Journalisten und BILD-Schreiberlingen belagert, dennoch weiß ich: Es wird ein großartiges Album sein.

Nur, um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Ich halte es für gut und richtig, wenn die Menschen um die musikalische Entwicklung und den Einfluss der Prekariatsmedien besorgt sind und in den Hitparaden lieber Qualitätsmusik als teuer bezahlte Kurzzeitunterhaltung sehen möchten. Dann bitte ich aber um Konsequenz. Ich möchte nicht nur für etwas weniger als 1/52 des Jahres einen einzigen Hitparadenplatz von womöglich Blümchen besetzt sehen, ich möchte, dass die Hitparaden als solche nicht mehr als Anzeigetafel für den höchsten Werbeetat dienen. Hat man sich zumindest darauf geeinigt, bin ich selbst gern bereit, an derlei Aktionen teilzunehmen.

Bis dahin jedenfalls wird mein Tonträgerregal auch weiterhin ausschließlich von Qualität und Jugendsünden bewohnt. Es scheint dort recht gemütlich zu sein.

(Apropos „Idioten“: 120 Kilometer lange Menschenkette gegen Atomkraft, was allein die Anreise wohl an Atomstrom gekostet haben mag?)

In den NachrichtenKaufbefehleSonstiges
Niveauloser Pornotext

Apropos Titten dann auch mal; da stolpere ich doch versehentlich über einen weiteren Artikel der Machart „Frau mit irgendeinem Titel hat etwas herausgefunden„.

Pornografie habe, so besagt die vorgestellte Studie, einen negativen Einfluss auf das Sexualleben Jugendlicher. Ich zitiere und kommentiere mal wild drauflos (ihr wisst ja, Meinungen und das alles), heute ausnahmsweise bewusst mit extra viel Augenzwinkern und eingeklammertem „hähä“ gewürzt, dies alles möglichst niveaulos in der Hoffnung, nicht so bald irgendwelche Ehrungen als sog. „Blogger“ zu erhalten, s.o.:

So erlegen sich vor allem Jungen vermehrt einen Leistungsdruck auf, …

Seltsam; man sollte meinen, der Leistungsdruck folge allein aus der Wollust der Sexualpartnerin. Wenn’s halt nicht funktioniert, ist man ein Schlappschwanz, schnurz, ob man sich vorher die Salami gerieben hat oder nicht. Leistungsdruck ist einer der mannigfaltigen Gründe, warum Beziehungen nicht oder nur unter Selbstaufgabe überhaupt dauerhaft funktionieren können. Auch Hochleistungssportler brauchen mal Urlaub.

… wohingegen Mädchen ein falsches und zumeist unerreichbares Schönheitsideal verfolgen, das sie von den Pornos aufgezeigt bekommen.

Ein Schönheitsideal, das sich aus Pornofilmen ableiten lässt? So etwas wie: Maximal 40 kg schwer (um nicht zu schreiben: fett), ein Gesicht aus der Herbst-Plastikkollektion zusammengestellt oder bei kleinerem Budget wenigstens die wirklich gruselig aussehenden Stellen mit fünf bis sechs verschiedenen, räusper, Pflegecremes behandelt, nach billigem Gardinenstoff oder wenigstens gefärbtem Kunstrasen aussehendes „Haar“, Lippen wie ein Pavianarsch und ein selbst unter einem Pelzmantel noch wie von einem blinden, einarmigen Russendoktor angeleimt aussehender Brustersatz?

Na, schönen Dank.

Viele Jugendliche ließen sich demnach in ihrem Werteverständnis beeinflussen und nehmen für eigene sexuelle Kontakte Drehbücher von Pornos als gedankliche Vorlage.

Beim Beischlaf mit dem jeweils verfügbaren Partner an Szenen aus Pornofilmen zu denken ist ja auch wahrlich erschreckend. Zum Glück sind wenigstens die meisten Mädchen nicht derart fantasielos und denken beim Beischlaf mit ihrer jeweils großen Liebe bevorzugt an Til Schweiger, Johnny Depp, Vin Diesel und/oder George Clooney. Aber Pornos, nee. Das wäre doch nicht fair.

Und was wäre selbst eine Studie ohne Pointe? Sie folgt:

Weibliche Studienteilnehmer sehen Pornos hingegen eher als eklig an. Sie gestanden Jungen aber weitestgehend den Konsum im Stillen zu. Während einer Partnerschaft – so die geschlechtsunabhängige Meinung – sei der Pornokonsum aber tabu.

„Eklig“ ist’s, fremden Menschen beim Kopulieren zuzusehen, nicht unbedingt, meist ist es eher belustigend. Was allerdings ein anständiges junges Frollein ist, das hält nicht viel von dermaßen triebgesteuerter Drittunterhaltung; es legt, wie auch Hauke Brost und Marie Theres Kroetz-Relin in dem ansonsten nicht allzu überflüssigen Buch Wie Frauen ticken vor Jahren richtig anmerkten, lieber selbst Hand oder optional batteriebetriebenen Handersatz an, natürlich nur nicht in einer Partnerschaft, egal, ob der Partner mal ein paar Wochen abkömmlich ist. Man ist ja eine treue Seele und dies immer schon gewesen.

Wenn allerdings die Frau aus Gründen gerade keinerlei Interesse an Zuneigung hat, ist’s dem Partner nicht gestattet, es ihr gleichzutun. Schön auf das Butterbrot spucken, damit niemand anders es bekommt. Geht ja mal gar nicht, wenn der Partner eigene sexuelle Bedürfnisse hat. Ach, herrje. Hier bitte einen passenden Pejorativ einfügen.

Apropos Pejorative, die überflüssige Meldung des gestrigen Tages legte SPIEGEL Online vor:

Der Tod vier deutscher Soldaten ausgerechnet bei einem solchen Trainingseinsatz zeigt: Die Missionen sind für die Bundeswehr in Wahrheit brandgefährlich.

Ach?

KaufbefehleMusikPersönliches
Für dich.

Die Fantastischen Vier: „Ewig“.
Gefälligst käuflich zu erwerbendes Album: „Viel“.
Danke.

Wie lange ist das jetzt her? War das ein anderes Leben?
Denn ich weiß nichts mehr von dir außer was wir erlebten.
Hab keine Ahnung, was du machst oder wo du jetzt bist,
weiß nicht, wen du vermisst, und war das jemals ich?
Hab noch irgendwo ’ne Nummer, doch was hilft mir die schon?
Das mit uns beiden war noch leider vorm Mobiltelefon;
und selbst, wär’s noch die gleiche, ich glaub, ich würd es nie wagen,
denn wenn ich dich erreiche, was soll ich dir denn sagen?

Dachte ehrlich, das mit uns hätt sich schon ewig erledigt,
doch jetzt denk ich mehr denn je an dich zurück und versteh nicht:
War es ein wenig zu viel, oder war’s nur viel zu wenig?
Sag mal, geht das nur mir so oder geht es dir ähnlich?

Ach.

In den NachrichtenKaufbefehlePolitik
Europäisches Gebrabbel

Oh, nein, ooohhhh, neeeeeiiiiin:

Die Europäische Kommission will alle EU-Staaten verpflichten, den Zugang zu kinderpornografischen Web-Seiten zu blockieren. Die geplanten Internetsperren sind Teil einer umfassenden Richtlinie zum Kinderschutz, die „mit den dunklen Ecken des Internets und den kriminellen Bildern von Kindesmissbrauch aufräumen“, wie die EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström in einem Gastbeitrag für die Online-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schreibt. Den Entwurf der Richtlinie will Malström an diesem Montag in Brüssel vorstellen.

Wollen’s die Länder nicht, will’s halt die EU, dann können die Länder nichts dafür.

Gesichtspalme


Lesetipp zum nochmaligen Thema Menschen mit furchtbaren Stimmen und Kaufbefehl für Bücherfreunde:

Auf Cicero.de zitiert Max Goldt aus seiner aktuellen Textsammlung „Ein Buch namens Zimbo“, aktuell, passenderweise, einen Text zu den Topoi „Menschen, die in der Öffentlichkeit reden, aber es besser bleiben lassen sollten“ sowie „Menschen, die nicht unbedingt so aussehen, wie man sie gern sehen würde“, inklusive Mitschrift aus einer Gesprächssendung, die zweiteres betraf, aber auch zu ersterem passt:

„… Ich bin ein denkender Mensch, und ein denkender Mensch ändert seine Meinung, aber ich glaube, ich bin so ’n Mensch, ich glaub, ich würde das, so viele Leute haben mich mal gefragt, also was würdest du machen, wenn ja, so, und ich habe schon immer etwas weniger Brust gehabt, hab aber da einfach tierisch wahnsinnig doll Angst, daß, wenn ich da was machen würde, daß ich Angst hätte, daß ich das spüren könnte …“

Lesen, amüsiert wiehern und das verdammte Buch kaufen, s’il vous plaît!

In den NachrichtenKaufbefehleMusikkritik
Musikalischer Wahnsinn: The Hirsch Effekt

„Endlich“, noch vor Frühlingsbeginn, schwindet die Kälte, und Sonnenstrahlen statt des gewohnten Frostes wecken aus unruhigen Träumen. Zeit also, den trüben Postrock einmal beiseite zu legen und sich fröhlicheren Klängen zuzuwenden:

Die Fachpresse ist gerade begeistert von den Klängen der Hannoveraner The Hirsch Effekt, und wer die Fachpresse kennt, der weiß, dass sie oft völlig daneben liegt. Nicht in diesem Fall!

Genreschubladen halte ich für blöde, und auch auf das Debütalbum Holon : hiberno von The Hirsch Effekt, das ab morgen die Läden bereichert, würde ich nur ungern solche anwenden müssen; allein, es ist Musik. Irgendwo zwischen Indie, Pop/Rock, Metal und Avantgarde bewegt sich das Trio nebst Hilfsmusikern, die leider heutzutage unüblichen deutschen Texte sind zudem die vermutlich schönsten seit Long Live The Parts von Ira. Jedes Stück ein Kunstwerk, irre führend der beinahe unauffällige Trailer zum Album. Einen roten Faden zu erkennen vermag jedenfalls ich nicht, die Liste der Titel, die einen Zusammenhang suggeriert, ist auch nur wenig hilfreich. Wer diesem Album lauschen will, sollte nicht versuchen, es zu erfassen. Konzentration – ja, gerne – nur nicht auf das Beiwerk. Augen zu und durch.

Genug der Theorie, auf MySpace gibt es die Praxis.
Eine vertonte Achterbahnfahrt irgendwo zwischen Sleepytime Gorilla Museum und Coheed and Cambria.

Ein guter Einstieg in den musikalischen Frühling 2010. :)


Nachtrag zum Thema Musik: Die Musikindustrie solle Schwarzkopierer nicht mehr Piraten nennen, weil das Wort zu positiv besetzt sei, forderte die Chefin der International Actors Federation kürzlich. Die Schuld daran trage Johnny Depp. Frei übersetzt: „Wir wollen alle ein bisschen wie Johnny Depp sein, aber hier geht es um eine kriminelle Handlung“.

Wir halten also fest: Rauben und morden – was in der Trilogie „Fluch der Karibik“ durchaus vorkommt – sind positiv besetzt, das Herunterladen von Nullen und Einsen jedoch schlimmer als Raub, Mord und Schiffsentführung zusammen. Schön, dass wir das erfahren durften.

(Eigentlich ist es nur schade, dass diese Meinung nicht von einem Vertreter der Musikindustrie abgesondert wurde; das hätte noch ein wenig besser gepasst.)

In den NachrichtenKaufbefehleMusikkritik
Morphine, Frau Käßmann und der Genderismus

Bei Durchsicht meiner Musiksammlung fiel mir auf, dass ich hier noch gar nichts über die offenbar weithin unbekannte Musikgruppe Morphine geschrieben habe. Das hole ich doch prompt nach:

Morphine war eine recht possierliche Band aus den USA, die bis zum Tod ihres Sängers Mark Sandman im Jahr 1999 ihren ganz eigenen „Low rock“, der Elemente aus Blues, Jazz und Rock verbindet, praktizierte. Obgleich es nie zu weltweitem Ruhm kam und auch das Video zu „Early to Bed“ bei den Grammy Awards gegen Janet Jackson verlor, so reichte es doch zu weitgehend positiven Kritiken in Fachmagazinen wie dem Rolling Stone.

Die spärliche Instrumentierung – Gitarren ertönen nur selten, stattdessen sind vor allem Saxophone zu hören – erzielt bisweilen eine hypnotische, meist aber mindestens beruhigende Wirkung. Als weiteren Beleg verweise ich auf das von mir bislang präferierte Lied „French Fries With Pepper„, wie „Early to Bed“ auf dem 1997 erschienenen Album „Like Swimming“ zu finden.

Musik für einen Abend nach einem langen, harten Tag.


Dass sich übrigens „alle“ darüber aufregen, dass Frau Käßmann sich einen kleinen Fauxpas erlaubt hat, begründet Bärbel Wartenberg-Potter mit dem Sexismus, der in Kirche und Gesellschaft noch immer vorherrsche; Günther Beckstein behauptet gar, Trunkenheit am Steuer wäre ihr längst verziehen worden, wäre sie ein Mann. (Sollte jemals jemand dem gemeinhin eher unbeliebten, aber nicht unbedingt weiblichen Jörg Haider, der bekanntlich ebenfalls betrunken am Steuer saß, seine Tat verzeihen und nicht noch nach Jahren „selbst schuld!“ skandieren, bin ich gern bereit, über diese These nochmals nachzudenken.)

Was all diese Befragten nicht zu beantworten vermögen, ist indes, wer denn etwas zu verzeihen hätte. Die EKD, die geschlossen hinter Frau Käßmann stand, bis sie in freier Entscheidung ihren Rücktritt einreichte? Die Medien gar, die, ständig und überall Sexismus witternd, lieber Dialoge mit Dritten führten, die dann erklärten, wieso sie hinter Frau Käßmann stehen?

Es sagt mehr über diese Dritten als über Margot Käßmann aus, wenn sie versuchen, deren Fall als direkte Folge eines gesellschaftlichen Genderismus‘ zu deuten. In bester Alice-Schwarzer-Tradition fabulieren sie über allgegenwärtigen Sexismus, ohne Belege zu nennen; Alice Schwarzer selbst hätte es auch lieber gesehen, wäre der Rücktritt nicht erfolgt, denn unabhängig von ihren Moralvorstellungen und ihrem Amt war Frau Käßmann eben primär eine Frau und somit nur Opfer der Scheinheiligkeit ihrer Kollegen, die ja überhaupt als Männer allesamt viel furchtbarer und per se verachtenswert seien, siehe die jüngsten Missbrauchsfälle seitens der Jesuiten. (Kein Scherz, die Frau reimt sich tatsächlich solche Vergleiche zusammen.)

Und so interessiert sich der Journalismus im Allgemeinen auch und vor allem für das Geschlecht und nicht für die Geisteshaltung des nächsten EKD-Ratsvorsitzenden. Die Frage, wer denn nun eigentlich die zahlreichen Personen seien, die Frau Käßmann allein deshalb loswerden wollten, weil sie eine Frau ist, bleibt unbeantwortet.

Schade.

KaufbefehleMusikNerdkramsNetzfundstücke
Gleich klatscht et, Junge.

Aus der beliebten, unregelmäßig erweiterten Reihe „sehr seltsame Softwareprodukte“:

Der ClapCommander ermöglicht die Steuerung des Betriebssystems (Windows und ein funktionierend angeschlossenes Mikrofon vorausgesetzt) mittels Klatschens, vergleichbar etwa mit der in der Popkultur, unter anderem in South Park (Staffel 2, Episode 10, bei etwa 5:00 Minuten), zitierten Klatschsteuerung für Beleuchtungseinheiten. (Der genaue Fachterminus ist mir gerade nicht bekannt, inhaltliche Ergänzungen diesbezüglich werden gern gesehen.) Ein nettes Spielzeug ist dies allemal, mit 19,95 US-Dollar auch nicht allzu teuer.


Apropos „nicht allzu teuer“; bei’en Schallgrenzen gibt’s recht prima klingende Alternative-Progressive-Rock-Metal-Musik auf die Ohren:

Lupenreiner Alternative mit reichlicher Dreingabe von Progressive und Metal. Melancholisch, stilsicher und mit ausgefeilter Rhythmik. Hier ist die Intelligenzia am rocken, hat ihren Spass und nickt anerkennend . Sauber gezupfte Gitarren, fettes Schlagzeug und die aussergewöhnliche Stimme von Sänger / Gitarristen Oliver Reinecke, die den Songs die gewisse Klasse geben. Respekt nach Karlsruhe. Zwar erinnert der Mann tatsächlich ein wenig im Stil und Phrasierung an Maynard James Keenan, aber das macht nichts. Er lebt die Songs, lässt sie wachsen und klingt außergewöhnlich.

Die Band Futile verscherbelt ihr Album 7 Nightmares im MP3-Format für lau und für zehn Euro als Gesamtkunstwerk. eMule-Freunde werden hier fündig.

Durchaus empfehlenswert.

KaufbefehleMusikNerdkrams
Höchst erfreulicher Briefwechsel wegen eines Wikipedia-Löschantrages

Für all diejenigen meiner Leser, die sich für die Antwort auf die total spannende Frage interessieren, wie es eigentlich in meinem Posteingang aussieht, folgt hier eine kurze Antwort aus aktuellem Anlass:
Eine vortreffliche Mail landete gestern in meinem Posteingang und veranlasst mich zu einer Korrektur.

Während einer meiner zahlreichen in der deutschsprachigen Wikipedia versumpften Stunden bemerkte ich, eher zufällig, einen Löschantrag auf das Lemma The Void’s Last Stand, was einerseits gut war, denn sonst hätte sich die folgende Geschichte nicht ergeben, und andererseits geradezu danach zu schreien schien, dass ich mir das mal ansehe.

The Void’s Last Stand, ihr erinnert euch sicher, ist die Aachener Antwort auf The Mars Volta und ihr Debütalbum eine Wucht. Meine eilig hingeschmierte Lobeshymne auf diese wirre Geräuschansammlung wurde prompt auf der Internetseite der Band zitiert, und ich werde immer noch gut unterhalten, lausche ich wieder einmal den Klängen dieser Musiker; Grund genug, mich in der Löschdiskussion wie auch im Artikel selbst kreativ zu betätigen. Der Begriff „Löschipedia„, der gern für die deutschsprachige Wikipedia verwendet wird (weil’s hier eben so etwas wie Mindestvoraussetzungen für Artikel gibt und nicht jeder Schmonz enzyklopädisch wertvoll ist), ist bei ständig steigenden Artikelzahlen (es gibt natürlich auch immer weniger, was noch nicht geschrieben wurde) jedenfalls bestenfalls Bockmist.

Das Ziel der de.WP (ich kürze das jetzt mal ab) ist es keinesfalls, alles nur erdenkliche Wissen der Menschheit zu sammeln, andernfalls hätte ebenso jedes Lebewesen, über das irgendjemandem irgendetwas bekannt ist, einen eigenen Artikel verdient, mich eingeschlossen; vielmehr geht es um den Aufbau einer Enzyklopädie über Themen aus allen Fachbereichen, sei es Recht, Biologie oder Musik. Dass bloße Werbetexte ebenso keinen Platz in einem solchen Komplex bekommen sollten wie Diffamierungsaufsätze („Felix aus der 9b riecht nach Nillenkäse!“) oder nicht genehmigte Kopien urheberrechtlich geschützter Kolumnen, stellt, so sollte man meinen, keine besondere Hürde dar, und es kann doch eigentlich auch nicht allzu schwer sein, für zum Beispiel eine Musikgruppe, der man über die Grenzen des eigenen Heimatdorfes hinausgehende Bekanntheit unterstellt, Nachweise zu finden, die ihr selbige bescheinigen, und wenn doch, sollte man mal in Erwägung ziehen, dass man mit seiner Einschätzung vielleicht doch daneben lag. Schon toll, diese Wikipedia, so lange alles drinsteht, was man sucht; und fehlt etwas, bloß nicht selbst Hand anlegen, lieber warten, bis es jemand anders tut, und sich derweil darüber aufregen, dass man nie findet, was man sucht, und überhaupt, warum selbst einen Artikel schreiben, wenn keine Gegenleistung in Form von mindestens ausführlichen Dankesschreiben von den Administratoren höchstpersönlich zu erwarten ist? Das ist ja wohl das Mindeste!

An dem Beispiel so einer gemeinschaftlich erarbeiteten Enzyklopädie inklusive gemeinschaftlich erarbeitetem Regelwerk kann man die soziale Kompetenz der Mitwirkenden erkennen. Die digitale Bohème als Spiegelbild der modernen Ellenbogengesellschaft – klingt wie ein prima Buchtitel. (Eventuelle Autoren, die jetzt auf dumme Gedanken kommen, werden gebeten, sich rechtzeitig aus der Deckung zu trauen.)

Verzeihung, mir entglitt das Thema. Zeit, es wieder einzufangen:

Als ich gerade an der Verbesserung und, hoffentlich, Rettung des Artikels arbeitete, schrieb mir Sänger Jonas Wingens, der wie ich bisweilen in der progrock-dt-Mailingliste mitdiskutiert, eine Dankesmail, aus der sich ein Dialog entwickelte, in dessen Verlauf es, natürlich, auch um das bereits erwähnte Album ging. Zufällig erfuhr ich so, dass es inzwischen eine Neuauflage mit ausreichend gut lesbaren Buchstaben gibt, die, wohl weil die Produktion so großer Buchstaben übermäßig viel Geld und Arbeit kostet, nicht mehr im Eigenvertrieb für 4 Euro exkl. Versand (selbst schuld, wer meinen Kaufempfehlungen nicht rechtzeitig Folge leistet), sondern für einen etwas höheren Betrag via Long Hair Music – ein CD-Vertrieb, der auch sonst überaus gute Musik im Katalog feilbietet – erhältlich ist. Sollte nun also jemand als Neuleser hier eintreffen und meine Jahresrückschau 2009 lesen: Mein damaliger Kritikpunkt bezgl. der Schriftgröße ist hiermit nichtig.

Und jetzt bleibt zu hoffen, dass der Löschantrag in der Wikipedia abgelehnt wird. Die Entscheidung fällt demnächst.

Kaufbefehle
Humorkritik: Kai Magnus Sting

Kürzlich schaute ich versehentlich bei der anfangs überdurchschnittlichen, inzwischen leider nur noch zum Brechen schlechten so genannten Unterhaltungssendung TV Total hinein; nun, nicht ganz versehentlich, da an diesem Abend die Sängerin von Jennifer Rostock zu Gast sein sollte (deren Dialog dann, forciert durch die gegenüber seinen Studiogästen leider längst üblich verkrampft wirkende Albernheit des Gastgebers, doch eher unspannend und infantil blieb) und ich gerade ausreichend gute Laune hatte. Zuvor allerdings trat ein Kabarettist auf, dessen Hektik, Stimme und Witz mich an Hennes Bender („Scheiße, ich muss pissen!“) erinnerten und mir überaus zusagten. Dargeboten wurde ein Teil seines „dialogischen Epiloges“, des letzten Titels seines anschließend von Gastgeber Stefan Raab angepriesenen und auch käuflich zu erwerbenden Programms „Weil Sie es sind“ von immerhin auch schon 2004.

Nach dem nunmehr aus Interessensgründen erfolgten Konsum des vollständigen Werkes habe ich das Bedürfnis nach einer selbst verfassten Rezension nebst Empfehlung desselben. Beides folgt:

Kai Magnus Sting ist wahrlich kein Freund der leisen Töne, er ist im Gegenteil laut und provokant. Witze über Johannes Heesters („Schöner runder Geburtstag“, was selbst schon viel aussagt), die Zeugen Jehovas und natürlich die unvermeidlichen Frauen mit ihrem oft gedankenlosen Geschwätz ziehen sich, einem roten Faden nicht unähnlich, durch sein Programm. Dabei wirkt er niemals wie ein unartiger kleiner Junge (cf. Ingo Appelt) und vermeidet es trotz des roten Fadens, ständig die gleichen Witze zu erzählen (cf. Mario Barth). Brachial wird es nie, nur bisweilen ein wenig zotig, was durchaus willkommen ist; von völlig unspaßigen Zeitgenossen wie Oliver Pocher oder eben Stefan Raab (vom Wirken der Dame „Cindy aus Marzahn“ habe ich bislang noch keinen Eindruck gewinnen müssen, kann sie mir aber durchaus ebenfalls in dieser Aufzählung vorstellen) einmal abgesehen sind Komiker ja heutzutage eher auf den hintergründigen Witz bedacht.

Damit ist eigentlich schon alles Notwendige gesagt bzw. geschrieben. Noch ein Ausschnitt gefällig?
Auf YouTube (Achtung: Cookies abschalten, Google usw.) gibt es einen Auftritt im WDR („NightWash“) zu sehen, in dem Kai Magnus Sting auch aus diesem Programm zitiert und – falls ein dies lesender Schreiberling des Feuilletons gerade auf der Suche nach einer passenden Umschreibung ist – die Aufregung zum Stilmittel erhebt.

Lauft und kauft!

KaufbefehleMusikkritikNetzfundstücke
The National – Alligator

Eigentlich hätte jetzt hier ein geschliffen formulierter Text voll zynischer Wortspiele stehen sollen, der die derzeit durch die Blogs geisternde Geschichte von der bislang blödesten Abmahnung des Jahrzehnts zum Thema hätte und in dem ich mich über die eigentlich überaus unangenehme Verbindung aus fehlender technischer Sachkenntnis und Geld für Anwälte beklagen wollte, aber bevor ich ihn schließlich fixierte, beschloss ich, noch einmal einen Blick in den immer noch stetig wachsenden Sammelordner noch zu hörender Musikalben zu werfen, schob also das erstbeste Werk in mein Abspielgerät, setzte die Kopfhörer auf und war ausreichend fasziniert, um stattdessen einen Text über die gehörte Musik zu verfassen.

Das Album „Alligator“ der US-amerikanischen Band The National ist inzwischen fünf Jahre alt, aber es hat sich bislang erfolgreich meinen Ohren entzogen; wohl auch, weil mir das Nachfolgewerk „Boxer“ eher ab- als zusagen wollte und weil ich deshalb erst mal verdrängt habe, je etwas von dieser Musikgruppe konsumiert zu haben. Ich hoffe nicht, dass es ein Zeichen fortschreitenden Alters ist, aber „Alligator“ trifft derzeit genau neben meinen musikalischen Nerv. (Würde es meinen Nerv treffen, würde es schmerzen, daher ist daneben gerade gut. Ach, Wortspiele, die man erklären muss, sind keine guten solchen.)

Peter vergleicht The National mit den Editors (die ich nicht mag) und Interpol (die ich nicht kenne), auf Amazon.de zieht man mit Joy Division und den Tindersticks dann immerhin Vergleiche, die ich einigermaßen verstehe und für richtig halte. Mischt man alles zusammen, was man so über dieses Album liest, so enthält es mindestens melancholischen Indie-Americana-Post-Punk-Rock, und weil sich das vermutlich dann doch lieber keiner merken will, nenne ich es einfach mal eine Melange aus letzteren beiden Bands und freue mich tierisch darüber, so eine schöne kurze Beschreibung formuliert zu haben. Die ist wenigstens schön griffig.

Dieses Album also, das (schrieb ich das schon?) mir sehr gefällt, drückt in Text, Gesang und Instrumentierung eine verzweifelte Melancholie aus, wie sie mir in all meiner Melodramatik gerade recht kommt. Musik für einsame Seelen, die für feige Depressionen dann doch wieder nicht einsam genug sind.

I got two sets of headphones, I miss you like hell
Won’t you come here and stay with me
Why don’t you come here and stay with me

Ungekünstelte Lyrik ist gute Lyrik, und vertont klingt sie so oder auch so. Kaufen, hören und auf die Texte achten. Ersteres und zweiteres in dieser Reihenfolge, dritteres gleichzeitig mit zweiterem. (Davor oder danach geht natürlich auch.)