Archiv für die Kategorie ‘Musikkritik’.

Musik, die ich nicht unkommentiert ins Regal stellen möchte, wie auch meine Halbjahresrückschauen finden hier Platz.

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Kurzkritik: Combat Astronomy – Kundalini Apocalypse

Combat Astronomy - Kundanini ApocalypseNach so viel schlimmer Politik wird es Zeit, sich wieder auf die ätherische Kraft Kundalini im Körper zu konzentrieren, um vom Zustand der völligen Bestürzung in den der absoluten Glückseligkeit überzugehen. Dabei hilft bekanntlich Musik.

James Huggetts Musikprojekt Combat Astronomy („bekämpfe Astronomie!“) macht ebensolche. 2013 erschien mit „Kundalini Apocalypse“ das sechste Studioalbum von Combat Astronomy, die momentan als Duo aktive „Band“ wird hier unter Anderem von Elaine di Falco, seit 2008 Sängerin von Thinking Plague (von mir bereits 2012 ausführlich gewürdigt), unterstützt. Was gibt’s zu hören?

Vor allem Bass:

James Huggetts mächtiger Bass dominiert diese Musik so deutlich, dass man erst einmal wenig von dem mitbekommt, was hier sonst noch passiert.

Dabei ist das so manches. Nehmen wir als Beispiel Stück 2, „Path Finders“: Vereinzelt erklingt ein schräges Saxophon über einem anhaltenden Chorteppich, plötzlich zerreißt’s die Stille: Bass, Schlagzeug, Gitarre, dazu weiterhin das gelegentliche Saxophon. Frau di Falco steuert Gesang bei, der gar keinen Text hat. Verrückt. Zwischendurch allerlei Elektronik, Keyboardgeklimper, schon wieder der Chor. Bratz, bratz-bratz. Freiformjazz auf Metaluntergrund. Abrupt endet jedenfalls letzterer, während ersterer anhält. Keine Sorge, das Pfeifen seid nicht ihr, das ist Teil des Stücks. Assoziation: broken.heart.collector (ohne die Holzinstrumente).

So ähnlich funktioniert die komplette „Kundalini Apocalypse“. Zwar scheint mein Chakra nach dem Hören noch immer unverändert zu sein, aber schön war’s halt doch. Hopefully some of you wind up checking this thing out and find out about a cool band though, if you’re interested in jazz and metal fusions. Das klingt nach mir.

Außer bei Amazon gibt’s „Kundalini Apocalypse“ übrigens auch via Bandcamp zum Kauf, an letzterem Ort auch als Komplettstream. Kost‘ ja nichts.


An dieser Stelle übrigens meinen verbindlichsten Dank an den Feminismus, der mich nun endlich dazu bewegt hat, dem CCC beizutreten.

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Egg – The Civil Surface

Egg - The Civil SurfaceMit den Wilde Flowers (benannt nach Oscar Wilde), einer Hochschulband aus Canterbury, und Delivery aus London nahm Mitte der 1960-er Jahre – als die Leute bevorzugt Schlager und die Beatles hörten – eine musikalische Entwicklung ihren Lauf, die (wegen der Wilde Flowers) später als „Canterbury Sound“ oder „Canterbury Scene“ bekannt wurde.

Diese „Szene“, die teilweise noch heute aktive Bands wie Soft Machine, Gong und Caravan umfasste und heute auch von von diesen inspirierten Gruppen wie The Tangent und Argos am Leben gehalten wird, vermengte Rockmusik mit jazzigen Improvisationen, ausufernden Instrumentalexperimenten und oft skurrilen (oder gar keinen) Texten. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Jazzrock, wie ihn später etwa King Crimson populär machten, waren Blas- und Tasteninstrumente oft dominante Instrumente. Dass zwischen den Gruppen ein reger Austausch an Ideen und Musikern stattfand, sorgte im ersten Jahrzehnt für eine rasante Entwicklung.

Noch bevor die „Canterbury Scene“ Anfang der 1970-er Jahre ihren Höhepunkt erreichte, benannte sich die Schülerband Uriel nach dem Ausstieg von Steve Hillage (Gitarre, später bei Khan und Gong sowie Gründer des Technoprojekts System 7) in The Egg um und warf das „The“ wenig später fort; unter dem Namen Arzachel kamen Uriel 1969 ein letztes Mal als Quartett zusammen, um ein jedenfalls interessantes Psychedelic-Rock-Album aufzunehmen.

Egg machten also zu dritt weiter, nahmen ein namenloses Debüt (1970) und „The Polite Force“ (1971) auf und zerstreuten sich 1972 erst einmal in alle Winde: Keyboarder und Organist Dave Stewart ging vorübergehend zu Hatfield and the North, Schlagzeuger Clive Brooks versuchte sich mit The Groundhogs als Bluesrocker. Bassist und Hauptkomponist Mont Campbell beteiligte sich 1975 an der Gründung von National Health als Ableger von Hatfield and the North sowie Gilgamesh. Während der Vorbereitungen zu dieser Gründung ergab sich die Gelegenheit, bis dahin nur live gespielte Stücke aus dem Repertoire von Egg aufzunehmen. Für dieses letzte Egg-Album holte sich das Trio im August 1974 Steve Hillage, die Northettes (den Chor von Hatfield and the North), Tim Hodgkinson (Henry Cow), Lindsay Cooper (National Health) und einige weitere Weggefährten ins Studio. (Die Canterbury-„Szene“, wie bereits erwähnt, war damals recht eng miteinander verflochten.)

„The Civil Surface“ enthält außer einigen – hehe – Blasquartetten mit „Enneagram“, „Wring Out the Ground (Loosely Now)“ und „Germ Patrol“ auch drei Stücke im typisch vertrackten und der Band Egg eigenen Canterbury-Stil:

Stellt Euch vor, Ihr wärt ein Keyboarder. Eure rechte Hand müsste zusammen mit dem Drummer im 15/8-Takt spielen, eure Linke dagegen eine immer wiederkehrende Figur im 10/8-Takt, die der Bassist, als wäre das nicht schon genug, gleichzeitig in einer 11/8-Version spielt. Das geht nicht? „Enneagram“ hören! Das ergibt keinen Sinn? „Enneagram“ hören!
Nik Brückner, Babyblaue Seiten

In „Wring Out the Ground (Loosely Now)“ ist Mont Campbell zum einzigen Mal auf „The Civil Surface“ als Sänger zu hören.

Mont Campbell verließ National Health 1976, nannte sich ab 1977 Dirk Campbell und tauchte erst unter, dann 1996 mit seinem ersten Soloalbum „Music from a Round Tower“ wieder auf. Auch seine Mitstreiter sind bis heute nicht untätig: Dave Stewart arbeitet seit den frühen 1980-er Jahren mit Barbara Gaskin (The Northettes sowie Spirogyra) zusammen, veröffentlicht gelegentlich Musik und schreibt Bücher, Clive Brooks spielte zunächst Schlagzeug bei Liar und war anschließend vorrangig als Schlagzeugtechniker für Pink Floyd und andere Gruppen aktiv. Nachhaltigen Eindruck hinterließen alle drei allerdings beinahe nur mit ihrem Frühwerk.

Durchaus nicht zu Unrecht, wie ich finde.

In den NachrichtenKaufbefehleMusikkritikPiratenpartei
Kurzkritik: thisquietarmy – Phantom Limbs

Ich könnte mich an dieser Stelle noch etwas ausführlicher zum noch immer schwelenden #Bombergate und zum vermeintlichen Mitgliederschwund der Piratenpartei infolge einer saudämlichen Aktion einzelner Verwirrter äußern; tatsächlich haben einige langjährige engagierte Piraten, frustriert von dem frenetischen Applaus, den die beiden Protagonistinnen für ihr Loblied auf die Bombardierung Dresdens von einschlägig bekannten Berliner Piraten wie Oliver Höfinghoff („ihr habt den Krieg verloren!“, keine Pointe) bekamen, zu meinem persönlichen Bedauern vorübergehend abgemustert. Einige Landesverbände der Piratenpartei – bezeichnenderweise ist Höfinghoffs/Helms Berlin nicht darunter – haben sich inzwischen einer Erklärung angeschlossen, die eine Unvereinbarkeit politischer Gewalt mit liberalen piratischen Idealen zu verstehen gibt, wofür es prompt Kritik aus Berlin hagelte. Ja, die Berliner. Ein drolliges Land voller bornierter Schwachköpfe; an diesem Durchschnitt ändert auch der herausragende Christopher Lauer nur wenig.

Aber eigentlich wollte ich hier weniger über Politik reden und mehr über Musik, schon aus Gründen der Entspannung. Von Musik werde ich nur selten in Rage versetzt.

thisquietarmy - Phantom Limbs2012 veröffentlichte Eric Quach („thisquietarmy“) nach dem großartigen „Vessels“ mit dem bereits 2009 aufgenommenen „Phantom Limbs“ („Phantomgliedmaßen“) ein weiteres beachtliches Werk, dessen einziges Instrument wiederum die Gitarre ist. Das Unterwassermotiv wurde nicht beibehalten, auf „Phantom Limbs“ geht es stattdessen ziemlich gespenstisch zu.

Das eröffnende „Phantom Eye“ beginnt mit dissonantem Brummen. Allmählich kommen weitere Gitarrenklänge hinzu, die ruhige Anfangsstimmung wird von energischen, sich verdichtenden Riffs komplimentiert, nach sechseinhalb Minuten implodiert „Phantom Eye“ mit seiner Klimax. Das folgende „Phantom Brain“ wird von ambienten drones dominiert, zunächst klar instrumental identifizierbar, dann dunkler und bedrohlicher werdend, bis das Klanggebilde schließlich ausgeblendet wird. Ob diese Ausblendung sinnvoll ist, bleibt unklar; „Phantom Pain“, das die drones wieder in ihre Bestandteile zerlegt, lebt ebenfalls von ihren Effekten.

„Phantom Voltage“, das letzte und mit Abstand längste der vier Stücke, ist zugleich das ungewöhnlichste: Es beginnt mit Stille, langsam setzen einzelne Klänge ein. Talk Talks „Spirit of Eden“ als Vergleich zu bemühen mag etwas überzogen sein, Ähnlichkeiten sind aber durchaus gegeben. Wird da ein Rhythmus geklopft? Nein, es ebbt wieder ab. Wieder einmal wird alles dichter. Der Geist wird schwer. Zurücklehnen und genießen. Würde man von dieser Musik träumen, man träumte wohl, man säße auf einer Wolke und sähe von dort aus einen dieser anspruchsvollen Horrorfilme (zum Beispiel über das „Bombergate“) in Pastellfarben. Schön.

„Phantom Limbs“ – stream- und kaufbar hier – ist in all seiner Dunkel- und Schlichtheit großartig und die ideale Begleitung zu einem Glas Whiskey zum Feierabend; oder eben auch ganz ohne Whiskey. Ihr könntet das mal ausprobieren.

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Special Providence – Soul Alert

Special Providence - Soul AlertUnbedingt beachtenswert ist übrigens auch „Soul Alert“, das dritte und bislang letzte Studioalbum von Special Providence. Special Providence ist ein ungarisches Jazzrockquartett, das stilistische Abwechslung ebenso zu schätzen weiß wie ich. Sehr schön!

Auf Gesang wird bei den vier Herren mit den ulkigen Umlauten in ihren Namen traditionell verzichtet, für das zehnte Stück „Fences of Reality“ haben sie sich allerdings den ungarischen Sänger Balázs Tanka von der mir unbekannten Musikgruppe Turbo an Bord geholt; der allerdings, was ich bedaure, seinem Idiom ebenfalls das Englische vorzieht. Irgendwas ist ja immer.

Das Album ist exakt 1 Stunde lang, keine Sekunde mehr oder weniger. Diese Zeit wissen die Musiker durchaus gut zu nutzen. Das Eröffnungsstück „Babel Confusion“ beginnt (wie sollte es bei diesem Titel auch anders sein?) mit Stimmengewirr, nach einem kurzen Progressive-Metal-Intermezzo geht es aber jazzig weiter. Bassist Attila Fehérvári beherrscht sein Instrument und wagt sich damit auch mal in den Vordergrund; selten, wenn „Babel Confusion“ wieder in Metalgefilde abdriftet und Gitarrist Márton Kertész brillieren darf, fügt er sich in die Rhythmussektion ein. Der Progressive Rock mitsamt seinen Spielarten zieht sich nicht nur durch dieses Stück, sondern durch das ganze Album.

Apropos „stilistische Abwechslung“: „Lazy Boy“, das zweite Stück, wird durchzogen von einem merkwürdigen New-Wave-beat mit einer ebensolchen Melodie, die den Jazzrock nur unzureichend zu verdecken versucht. Zum Glück! Nach dreieinhalb Minuten plötzlich: Techno. Techno? Noch bevor man fertig ist, sich darüber zu wundern, bläst wieder der Progressive Metal aus dem Kopfhörer, dazu gibt’s Rave vom Keyboard. Dann: Symphonic Progressive Rock. Dann wieder: Progressive Metal. Langweilig ist „Soul Alert“ jetzt schon nicht. Dass Keyboarder Zoltan Cséry gelegentlich, etwa zu Beginn von „Asparagus“ („Spargel“, ahja), Easy Listening zu simulieren versucht, soll davon nicht ablenken.

An Ideen mangelt es den Musikern von Special Providence nicht, „K2“ entwickelt sich binnen weniger Sekunden von einem minimalistischen Elektronikstück über Jazz zum Symphonic Rock und wieder zurück. Aufmerksamkeit wird empfohlen, auch für das nur 3:49 Minuten lange „Standing Still“, das trotz seines Namens noch einmal der etwas lauteren Gangart der Rockmusik huldigt, bevor es mit dem Titelstück „Soul Alert“ wieder jazzrockig zugeht.

Sonst so? „Fences of Reality“. Bass, Schlagzeug, Keyboardteppich. Die Melodie kenn‘ ich doch irgendwoher? Ah, „Lazy Boy“ wird hier zweitverwertet, und zwar besser. Balázs Tanka singt, nein, ruft einen Text, den ich gerade nicht fehlerfrei zusammenbekomme, auf hörenswerte Weise ins Mikrofon hinein, und dann ist das Album auch schon vorbei.

Auf ihrer Website beschreiben Special Providence ihre Musik als „Progjazzrockmetalturbochill“. Seltsam ist sie zweifelsohne, und mir persönlich geht das Keyboard gelegentlich ein wenig auf die Nerven; aber – ich wiederhole mich – irgendwas ist ja immer. Einen Stream von „Soul Alert“ gibt es jedenfalls auf Bandcamp.com zu hören. Möglicherweise solltet ihr das tun.

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The Tiger Lillies – Either Or

The Tiger Lillies - Either OrAus der Welt der Politik zurück zur Musik. Noch so ein Album, das 2013 vergessen hat, bei mir vorstellig zu werden, ist übrigens „Either Or“ des britischen Trios The Tiger Lillies, dessen älteres Stück „Killer“ ich hier im Oktober empfahl. Ich habe ja spätestens seit dem Debütalbum der Stolen Babies ein offenes Ohr für Kabarett-Zirkusmusik mit düsterem Flair und werde hier keinesfalls enttäuscht.

Prägend für die Musik der Tiger Lillies sind Besetzung und Konzept. Auf der Website ist zu lesen: The Tiger Lillies bieten jeder einzelnen Beschreibung die Stirn und handeln innerhalb ihrer eigenen exzentrischen Definitionen. Also gilt es zu paraphrasieren.

Frontmann und Gründer Martyn Jacques gibt bei den Tiger Lillies mit Maske und Akkordeon (manchmal auch Ukulele oder Klavier) den traurigen Clown, der, umrahmt von Adrian Stout (Bass, Singende Säge, Theremin) und Mike Pickering (Schlagzeug, Perkussion), im Falsett skurrile Texte zum Besten gibt:

She licks my cock, it’s kind of sad
as an actress I spose she’s bad
Sailor

Nein, leichte Familienunterhaltung möge der geneigte Leser bitte woanders suchen. Aber darum geht es auch nicht. The Tiger Lillies wollen ihrem Publikum keinen ruhigen Abend bereiten, sie wollen es desorientieren und fordern, schockieren und dadurch amüsieren. Das gelingt ihnen vortrefflich.

Dabei ist das literarische Niveau durchaus hoch. Waren unter den bisherigen Alben der Tiger Lillies neben einer Oper („Die Weberischen“) auch Adaptionen des „Struwwelpeters“ und der Werke Edward Goreys, stellte diesmal die dänische Philosophie die Muse dar: Bereits der Titel des Albums ist ein Zitat des Zweiteilers „Entweder – Oder“ von Søren Kierkegaard, die Texte sind überwiegend vom letzten Kapitel in „Entweder“ inspiriert. Dass The Tiger Lillies im Gegensatz zu Kierkegaard dem Christentum in der Öffentlichkeit eher kritisch gegenüberstehen, weiß dem Rezensenten ein Schmunzeln zu entlocken.

God almighty you are king
pissing hailstones on me fling
No Sense

Kurt Weills Brecht-Interpretationen seien, so geben es die Musiker an, wichtige Einflüsse für ihre Musik gewesen. In der Tat versprüht auch „Either Or“ den Charme klassischer Chansons, ohne dabei altbacken zu wirken. Alte Ideen müssen nicht immer langweilig sein.

"Gutter" by The Tiger Lillies – LIVE at Principal Club

Ist ja auch mal nicht schlecht.


Derweil ist SPIEGEL ONLINE völlig außer sich:

Kanzlerin Merkel hält im Bundestag eine Regierungserklärung – im Sitzen. Das hat’s noch nie zuvor gegeben.

Davon werden wir noch unseren Großneffen erzählen!

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Kurzkritik: Naam – The Ballad of the Starchild Vol. 1

Naam - The Ballad of the Starchild Vol. 1Eine durchaus hörenswerte Mixtur aus Fuzzgitarren, Hallgesang und Elektrofrickeleien bieten Naam aus New York dem Hörer auf „The Ballad of the Starchild Vol. 1“, einem EP mit 5 Stücken drauf, erschienen bereits 2012. Auf Äußerlichkeiten geben die New Yorker nicht viel, „naam“ ist ein Lehnwort aus dem Sanskrit und bedeutet auf Thai etwa „Name“. Warum auch nicht?

Es sind die inneren Werte, die zählen, und an denen mangelt es wahrlich nicht. Ja, natürlich fischt man in bekannten Gewässern, das Coverbild (hier rechts im Bild) deutet’s schon an. Pink Floyd und Colour Haze. Hard Rock und Stoner Rock. Kleckern und klotzen. Is‘ schließlich New York, Mann. Hypnotisch, treibend. Ausnahme: „Sentry of Skies“, die kurze musikalische Ruhepause. Sehr willkommen, man wird ja auch nicht jünger.

Wenn Naam nicht den gleichen Fehler machen wie andere herausragende Musikgruppen und sich jetzt einfach auflösen, wird es hoffentlich auch eine „Ballad of the Starchild Vol. 2“ geben. Das fände ich sicher gut.

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Fantasy – Paint A Picture

Fantasy - Paint A PictureDie 1970er Jahre waren derart voller junger, aufstrebender Musikgruppen insbesondere aus Großbritannien, dass es nur wenige von ihnen zu so etwas wie Ruhm gebracht haben. Fantasy gehören zu denen, denen ihre Konkurrenz zum Verhängnis geworden ist.

Fantasy (nicht die US-amerikanische Discoband gleichen Namens) wurden um 1970 herum als Chapel Farm gegründet, änderten mit dem Unfalltod ihres Bassisten, der an seinem achtzehnten Geburtstag betrunken zu unachtsam an Klippen entlangbalanciert war, und folgenden Umbesetzungen aber ihren Namen in Firequeen und begannen Demobänder an Plattenfirmen zu verschicken. Polydor nahm sie unter der Bedingung unter Vertrag, dass sie den Namen Firequeen durch irgendetwas Unblödes ersetzten; so wurde es eben Fantasy. (Bei Polydor standen später unter anderem Bro’Sis und Take That unter Vertrag. Tempora mutantur.) Polydor gewährte Fantasy dann einen Dreijahresvertrag und warf 1973 das Debütalbum „Paint A Picture“ auf den Markt.

Diese Formulierung ist treffend gewählt, denn ein kommerzieller Erfolg blieb aus. Fantasy waren ihrer Zeit nicht voraus, sondern waren spät dran. Für symphonische Rockmusik mit einer Vielfalt an Einflüssen und unblöden Texten von bis dahin unbekannten Gruppen wollte sich in der Zeit zwischen Hardrock und Punk kaum noch jemand Zeit nehmen. Auf Druck Polydors wurde in einem Tag die Single „Politely Insane“ geschrieben und aufgenommen, um den kommerziellen Erfolg zu steigern. Wenn ich 2014 höre, was Plattenfirmen 1973 für verkaufenswert hielten, muss ich ja immer fast ein bisschen weinen.

Fantasy – Politely Insane (1973)

Gentle Giant („Young Man’s Fortune“), Caravan („Silent Mine“), Starcastle, die frühen Van der Graaf Generator, (natürlich) Genesis und allerlei andere zeitgenössische Bands standen für „Paint A Picture“ musikalisch Pate, die Gitarre setzt genau da die richtigen Akzente, wo man sie braucht, und selbst der Gesang, meist der Flaschenhals einer Band aus dieser Musikrichtung, vermag zu gefallen.

Zum Folgealbum „Beyond The Beyond“, das 1974 aufgenommen werden sollte, kam es dann aber vorerst nicht mehr. Wohl aufgrund des nicht erfolgten Durchbruchs mit „Paint A Picture“ ließ Polydor die Gruppe fallen, die sich anschließend enttäuscht auflöste. Dass das Album 1992 doch noch erschien (wenn auch nur auf CD), ist insofern eine erfreuliche Überraschung. Andererseits: Wer weiß, was passiert wäre, hätte Polydor damals Fantasys Potenzial erkannt?

Wenigstens ist ihre Musik unvergänglich.

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Musik 12/2013 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 13 von 18 der Serie Jahresrückblick

Aber hallo, werte Leser und Musikfreunde, da ist doch tatsächlich schon wieder Ende Dezember; Zeit also, wie zuletzt im Juni die musikalischen Perlen aus dem großen Haufen an diesjährigen Veröffentlichungen herauszupicken. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten in die Vergessenheit.

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Møster! – Edvard Lygre Møster

Møster! - Edvard Lygre MøsterVerstörend wie sonst nur die Weltpolitik hätte sich „Edvard Lygre Møster“ gleich auf zweifachem Weg in die Jahresbestenliste 2013 geschummelt: Erstens ist’s ein Livealbum, dem man das kaum anhört, und dann ist es auch noch 2011 aufgenommen worden. So wird das nix mit meinem „Album des Jahres“. Dabei hätte „Edvard Lygre Møster“ ansonsten ziemlich gute Chancen auf diesen Titel.

Wie schon auf meinem Album des Jahres 2012 spielt Ståle Storløkken auch hier – an Synthesizer und Fender Rhodes – wieder mit. Der Mann scheint ein Gespür für avantgardesque tolle Musik zu haben, man sollte seine musikalischen Aktivitäten also auch weiterhin verfolgen. Møster!, eigentlich ein Soloprojekt des norwegischen Saxophonisten Kjetil Møster (sonst bei Ultralyd und mit anderen Bands wie Low Frequency in Stereo aktiv), ist hier ein Viermannunternehmen; außerdem dabei sind Nikolai Eilertsen, Bassist bei den famosen elephant9 (ebenfalls mit Ståle Storløkken), und Schlagzeuger Kenneth Kapstad, der seit 2007 mit Motorpsycho zusammen musiziert. Das Ergebnis dieses Zusammenspiels ist ein druckvoller instrumentaler Jazz, bei dem kein Instrument zu kurz kommt, was ihn positiv von dem ollen Trompetenkrams von Miles Davis abhebt, das mich immer, Sakrileg!, schon eher gelangweilt hat; aber ich schweife ab.

Was ein Edvard Lygre ist, vermag ich aufgrund mangelnder Norwegischkenntnisse nicht zu wissen. Ist das nicht aber sowieso beinahe egal? Ich lasse lieber die Musik für sich sprechen. Und die geht, Verzeihung!, tierisch ab. Ist das erste Stück „Plastic Disco“ (12:10 Minuten; keine Sorge, bumm-tschack bleibt hier aus) schon ein prachtvoller Vorbote für das Folgende, drehen die vier Herren danach erst so richtig auf. In „Ransom Bird“ ist erstmals tatsächlich etwas Publikum (jubelnd) zu hören. Wer könnte es ihm angehörs der schieren Instrumenteneskapade, herausragend vorangetrieben von Schlagzeug und Bass, schon verdenken? Das Internet schreibt hier von „rauschhafter Ekstase“, und ich könnte es kaum besser umschreiben.

Es folgt mit „Composition Task #1“ ein ziemlich normal jazziges Stück, das mit sieben Minuten Laufzeit auch das kürzeste auf dem Album ist, bis nach einigen Minuten Kjetil Møster sein Saxophonspiel ins Schräge abgleiten lässt, wo er sich gut auszukennen scheint. „Composition Task #1“ nimmt nach Stück 1 und 2 dennoch eine Sonderrolle ein; eine „Composition Task #2“ gibt es auf dem Album nicht. Den Abschluss bildet „The Boat“, in dem das Saxophon über eine Viertelstunde lang allerlei Elektronischem, gespielt von drei der vier Musiker (plus Schlagzeuger), mehr Raum lässt. Møster! können also sogar Spacerock, und ziemlich guten noch dazu.

Entspannender Radiojazz ist auf „Edvard Lygre Møster“ tatsächlich nicht zu hören. Das ist aber auch nicht schlimm. „Lounge-Jazz“? Jazz für jede Gelegenheit! Hörproben? Amazon. Aber wer liest schon nur einzelne Seiten in einem Buch?

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Continental – All A Man Can Do

Zur Vorgeschichte bitte hier entlang.


Continental - All A Man Can DoAn manchem kommt man ja doch nicht einfach vorbei. An Verkehrsunfällen, an Explosionen und an CDs, die seit mehreren Wochen ungeduldig neben dem Laptop liegen und darauf warten, dass man sich endlich mal mit ihnen beschäftigt. Ich gebe nun nach und widme mich mal diesem Album, Felix wird’s freuen.

Continental also, irgendwie aus dem Dunstkreis der Dropkick Murphys emporgestiegen, mischen, so behauptet’s der Pressetext, „ehrliches Songwriting mit eingängigen Melodien, die sich irgendwo zwischen Blues, Folk, Country und dem Spirit der 77-Punk Ära (sic!) bewegen“. Eigentlich könnte man den Genrequark ja ganz weglassen, aber dann wird der Zettel halt nicht voll. (Im Ausland wird „All A Man Can Do“ übrigens mit einem noch hässlicheren Coverbild verkauft.) Auf einem beigelegten Foto der Band sind Vater und Sohn Barton zu sehen. Schlagzeuger Tom Mazalewski bleibt ebenso unsichtbar wie die sechs Gastmusiker, von denen ich keinen einzigen namentlich kenne. Wie klischeehaft!

Klischeehaft sind zumindest nicht die Texte zur Musik. Keine Countrytexte, nichts mit Kühen. Ein Glück! Einzig „Hey Baby“ erfüllt mit der relativen Kürze seines Texts und dessen Inhalt alle Voraussetzungen, dass man es sich ebenso gut von einem anderen Musiker vorstellen könnte. Zum Beispiel Elvis.

One minute I feel alright, next minute I don’t feel alright;
hey baby, would you say, I’m doing a-OK?
Hey Baby

Aber zur Musik. Die geht recht klischeelos, äh, los: „Curious Spell“, sozusagen eine Eigencoverversion Rick Bartons, beginnt mit 80er-Ärzte-Gitarre, bekommt einen beschleunigten Refrain drübergestülpt und ist sonst nicht weiter schlimm. Ich möchte positiv erwähnen, dass mir der Gesang der beiden Bartons erfrischend wenig auf den Sack geht. Das ist ja durchaus nicht selbstverständlich. (Nebenbei bemerkt finde ich es immer ein wenig niedlich, wie es klingt, wenn man einen ganzen Satz auf dem Wort „shit“ betont, was auch hier passiert. Ha, ich bin so unanständig. Shit, hihi. Herrje.)

Nächstes Lied: „Shine“. Schon besser, keine Countrypopgitarre mehr als Intro. Erinnert mich ein bisschen an die Bluesrockscheiben im väterlichen Besitz. Solide, mit „aaaaaahhhhh“-Hintergrundgesang in der bridge. Na ja, sagen wir, ich hab schon Schlechteres gehört. „Downtown Lounge“: Erinnert mich an die frühen Rolling Stones, etwas energetischer vielleicht, aber der Text („All I want is someday to be next to you“) ist blöde. Was mir hier im Übrigen auch auffällt, sind die textlichen Wiederholungen, die „All A Man Can Do“ wie ein roter Faden durchziehen. Das Ende vom Lied? Einfach noch mal den Anfang hören. Das ist mal zwischendurch in Ordnung, aber nutzt sich irgendwann dann schon ein bisschen ab, spätestens jetzt. „Red“: Je länger ich dieses Album höre, desto deutlicher wird die klangliche Nähe zu den Rolling Stones (diesmal allerdings zu den etwas neueren). Warum stehen solche Vergleiche, mit denen der leidende Rezensent sich eher anfreunden kann als mit Countryscheiße, nie auf Werbezetteln?

Ich mag nun nicht jedes einzelne Lied separat besprechen, mit steigender Spieldauer pendelt sich „All A Man Can Do“ offenbar bei erwähntem Bluesrock ein, der Country traut sich nach dem ersten Lied nur selten (besonders schrecklich in „Wrecking Ball“) allzu aufdringlich raus. Gravierende Ausfälle gibt es außer „Hey Baby“ (das auch musikalisch vollkommen uninteressant ist) nicht, lobend erwähnen möchte ich allerdings noch das recht eingängige „Dogfight“ und das abschließende „Monday Morning“, das mit Hard-Rock-Refrain und -Gitarre aufwartet. Davon hätte ich mir auf den Album etwas mehr gewünscht.

Mein Fazit? Tja nun: Folk und „77-Punk“ suche ich vergebens, der Country erfüllt aber auch trotz der Ankündigungen eher eine Feigenblattfunktion. Es hätte also schlimmer kommen können. Ich betrachte „All A Man Can Do“ aus der Perspektive eines Musikhörers, der normalerweise eher zu Gentle Giant, Yes, The Dillinger Escape Plan und King Crimson als zu Papas Bluesrockplatten greift, daher möge man mir nachsehen, wenn mein Jubel sich in Grenzen hält. Als ein solcher bin ich zumindest positiv überrascht. Wer so Bluesrockzeug (und die Rolling Stones in ihren unexperimentellen Phasen) mag, der sollte mal nachsehen, ob er irgendwo reinhören kann. Die einschlägigen Reinhörwebseiten bleiben stumm, auch Spotify weiß nahezu keinen Rat. (Das, freilich, vermag nicht zu überraschen.)

Damit wäre das auch erledigt.

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Kurzkritik: Esmerine – La lechuza

Esmerine - La lechuzaMusik gewordene Trauer. „La lechuza“. Die Eule. Das kommt mir spanisch vor; Esmerine, gegründet vor nunmehr zehn Jahren, kommen trotzdem aus Kanada. Das Duo ist kein unbekanntes: Bruce Cawdron war vorher vornehmlich bei Godspeed You! Black Emperor, Rebecca Foon bei A Silver Mt. Zion aktiv, wobei letzteres wiederum ein Nebenprojekt der umtriebigen GY!BE-Musiker ist, was personelle Überschneidungen ebenso erklärt wie den Umstand, dass sich in Montréal alle Musiker gegenseitig zu kennen scheinen. Montréal, Stadt der GY!BE-Nebenprojekte.

Dieses Duo jedenfalls veröffentlichte 2011 mit „La lechuza“ ein Album, das mit dem mitunter verspielten Postrock des Hauptprojekts nicht allzu viel zu tun hat. Ähnlichkeiten? Klar. Esmerine machen Kammermusik mit Cello, Perkussion, Marimba und Melancholie. Auch ein schönes Instrument eigentlich. Gesang? Ja.

Sonstige Assoziationen? Vielleicht A Whisper In The Noise. Noch so’n Duo. Musikalische Jahreszeit: Herbst.

Das aktuelle Album „Dalmak“ erschien am 3. September 2013. Ich nehme an, es ist ebenfalls sehr gut. Reinhören? Hier entlang. Musik für Kopfhörer und ein Wohnzimmer mit Kamin. Schön.

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Bolus – Triangulate

Bolus - TriangulateDie kanadische Formation Bolus war meiner Aufmerksamkeit bisher erfolgreich entgangen. Mit ihrem dritten Album „Triangulate“, auf dem sie mit dem Beitritt von Bassist Daniel Avner vom Duo auf ein (na, so was!) Trio angewachsen sind, ändere ich das mal.

Das Intro zum eröffnenden „Forward Facing“, vermutlich mit einem Banjo instrumentiert, das im Verlauf des Albums noch häufiger Gehör findet, sollte keine falschen Erwartungen wecken. Das Ländliche ist ihre Sache aber nicht, stattdessen dominiert solide, teils komplexe Rockmusik. Waren frühere Musikalben von Bolus dem Vernehmen nach noch hörbar von den Landsleuten Rush (kanadische Hard-Rock-Band, die man im Übrigen auch kennen sollte) inspiriert, haben sich die Präferenzen auf „Triangulate“ verschoben, woran der Neuzugang vielleicht nicht ganz unschuldig ist.

Apropos Neuzugang: Ich bin ja ein großer Freund von dominantem, knackigen Bassspiel. Als ein solcher bin ich von dessen Leistung durchaus nicht abgeneigt. In dem kurzen Instrumentalstück „Backwards Man“ kann er als Frontmusiker ebenso vortrefflich brillieren wie als Teil der Rhythmusgruppe, die in den übrigen Stücken im Hintergrund die Fäden zieht.

Nun erwarte niemand, dass Bolus mit „Triangulate“ eine 180-Grad-Drehung vollführt haben; Rush (und viel Yes) sind vor allem in den Gesangspassagen noch immer präsent. Dass Bolus aber mehr sein wollen als nur der x-te Abklatsch dieser Musikgruppen, wird in Stücken wie „Smoke at the Mirror“ ebenso deutlich wie in „The Study of Madness“, das ebenso von Porcupine Tree oder deren Vordenker Steven Wilson stammen könnte, wäre da nicht der Stoner-Rock-Refrain.

Bolus – SMOKE AT THE MIRROR (Music Video)

Auch Metalrezensenten – jedenfalls die, die nicht nach einem Wachmacher suchen – finden positive Worte für „Triangulate“, von hohem Suchtpotenzial ist die Rede. Das ist sicherlich nicht verkehrt. Ein Genre zu vergeben halte ich trotzdem prinzipiell für nicht zweckdienlich, ich höre jedenfalls außer vorgenannten Referenzen auch ein deutlich eigenständiges Element heraus. Bei keinem der 13 Lieder entsteht Langeweile, Bolus halten ihr Niveau auf voller Albenlänge. Auf Bandcamp.com ist dies nachzuvollziehen.

„Triangulate“ ist funkiger Indie-Neo-Prog-Rock oder was auch immer. Und es ist ziemlich gut.

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Pop Will Eat Itself – Box Frenzy

Pop Will Eat Itself - Box FrenzyDie 1980-er Jahre sind nicht dafür bekannt, eine reichhaltige Quelle guter Musik zu sein. Die Neue Deutsche Welle und die Depressionsmusik von The Cure haben das dunkle Jahrzehnt der Musik überschattet wie (deine Mudda beziehungsweise) ein toter Deutscher in den Nachrichten grundsätzlich hundert tote Nichtdeutsche überschattet. Die wenigen Ausnahmen von dieser Regel gilt es wie Rosinen aus einem vergifteten Kuchen zu picken, denn zumindest bei der Wahl zwischen Rosinen und Gift gewinnen bei mir die Rosinen.

Zu diesen im positiven Sinne bemerkenswerten Hinterlassenschaften des dunklen Jahrzehnts gehört im Übrigen die britische Alternative-Rock-Band Pop Will Eat Itself, die 1987 mit „Box Frenzy“ ihr lobenswertes Debütalbum, reich gefüllt mit Sprachsamples, Beastie-Boys-Anleihen und einer ordentlichen Dosis Gitarre (und Plastikschlagzeug), vorlegten und sich Mitte der 1990er Jahre schließlich trennten.

Die derzeit auf Tour befindliche Reunion, zu deren Besetzung nur eines der ursprünglichen Mitglieder (allerdings immerhin der einstige Frontmann) gehört, wirkt auf Liveaufnahmen ein wenig kraftlos. Wie viel aufregender ist es da, dem Original aus den 80-ern zu lauschen, unzufrieden mit dem zu sein, was sich heutzutage „Rockband“ nennen darf, und dies deutlich anzuprangern, während man fröhlich zu „She’s Surreal“ von besagtem Debütalbum zappelt?

Pop Will Eat Itself – She's Surreal – Night Network

Die Antwort ist wenig überraschend: Es ist sehr viel aufregender. Zwar hat man das alles schon mal irgendwo – womöglich bei den Beastie Boys – gehört, aber erzählt der Welt mit dem begrenzten Tonvermögen eines Menschen doch einmal eine völlig neue Geschichte. Und an Vielseitigkeit mangelte es Pop Will Eat Itself nicht, ich bin gar versucht, sie als weniger verrückte Version von Cheer-Accident zu bezeichnen. Doofen Elektropop („U.B.L.U.D.“) haben sie auf „Box Frenzy“ immerhin genau so unterbringen können wie das, was die Autoren der Wikipedia wahrscheinlich dazu veranlasste, Pop Will Eat Itself in die Nähe der „Dance“-Musik zu rücken:

Pop Will Eat Itself – live in session on Night Network in 1988

Negativ anlasten kann ich „Box Frenzy“ allenfalls den „Plastik“-Klang des Albums; aber das waren eben die 80-er Jahre, da war ein Schlagzeug aus der Dose eine Offenbarung und nichts, worüber man sich aufgeregt hat. Das könnte man dann eigentlich mal nachholen. Aber das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Box Frenzy“ tatsächlich Spaß macht. Diesen Spaß teile ich mit euch, weil ich (wegen des Albums) gerade gut gelaunt bin. Da habt ihr noch mal Glück gehabt.

Vergnügt euch und vergesst nicht, gelegentlich gute Musik in euer Leben zu lassen. Wie trist wäre es ohne sie?

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Fehlfarben – Herbstwind

Während die deutsche Medienlandschaft ein weiteres Mal unter Beweis stellt, dass sie zu blöde ist, das substanzlose Gebrüll einer feministischen Minderheit in der Piratenpartei von der an sich lobenswerten Politik zu unterscheiden, für die diese Partei steht, dreht die Welt sich weiter – schwupps! ist schon wieder Montag.

Für die dieswöchige Montagsmusik muss ich vermutlich erst einmal etwas erklären, nämlich, warum ich, anders als sonst, keinen YouTube-Link setze. Die Antwort ist banal: Das heute anzupreisende Stück Musik ist dort zurzeit nicht verfügbar (oder ich suche nur falsch). Ich habe tatsächlich lange mit mir gerungen, ob ich stattdessen musicmp3, ein offiziell russisches Streamingportal (hier aufgrund unklarer rechtlicher Situation nicht verlinkt), als Quelle angeben sollte, wo das dieswöchige Montagsstück natürlich zu finden ist, aber in diesen Tagen weiß man ja nie so genau, welche Branchen die florierende Abmahnwirtschaft gerade beackert.

Stattdessen: Spotify oder Grooveshark. Eines dieser Enteignungsportale. Beide haben das gesuchte Stück. Warum es gerade dieses sein muss? Muss es wahrscheinlich nicht – aber, und da bin ich als jemand, dem Texte bekanntlich nicht ganz unwichtig sind, ich halte dieses Stück für eines der textlich großartigsten, die eine deutschsprachig musizierende Musikgruppe in diesem Jahrtausend bislang zustande gebracht hat. Peter Hein sei zu preisen für diese Zeilen.

Die Fehlfarben, vor über dreißig Jahren mit „Monarchie und Alltag“ und insbesondere Liedern wie „Ein Jahr (es geht voran)“ („Keine Atempause / Geschichte wird gemacht / es geht voran“, kennta) Vorreiter des deutschsprachigen Postpunk, der Neuen Deutschen Welle und sicher noch so allerlei Musik, waren trotz gelegentlichen Tiefgangs nur selten so brillant wie auf „Xenophonie“. Noch so ein Album, das ich 2012 rechtzeitig zu hören vergessen habe. „Herbstwind“, ein schwermütiger und synthesizerlastiger Fastzehnminüter, ist der krönende Abschluss und ein, mindestens, verdammtes Meisterwerk.

Labt euch daran. Auf Spotify oder auf Grooveshark oder auf einem dieser Portale, die man in eurer Lieblingssuchmaschine halt so findet. Vergesst das gestrige unsägliche TV-„Duell“. Geratet trotzdem in Schwermut. Hört den Text. Versteht den Text. Macht das Beste daraus.

Guten Morgen.

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Kurzkritik: In the Silence – A Fair Dream Gone Mad

In The Silence - A Fair Dream Gone MadFür die Jahresliste 2012 leider etwas zu spät erreichte mich das Album „A Fair Dream Gone Mad“ des kalifornischen Quartetts In the Silence.

Silent, also still, sind sie jedoch nicht. Als tags haben sich In The Silence die Genres Hard Rock, Metal, Prog, Progressive Rock, Rock, Gothic Metal, Metal, Post-Metal und Progressive Metal angeheftet. Genres sind was für alte Leute und Musikjournalisten. (Na gut, „Postrock“ lasse ich gelten.) Gothic und Prog(-ressive Rock) erkenne ich als Hörer hier aber auch nicht, trotzdem weiß ich wohl zu schätzen, was ich höre. In the Silence – wenn’s denn unbedingt einer dieser klischeehaften Vergleiche sein muss, klingt wie Toc.Sin ohne Layn und mit noch mehr Eiern. Von Anfang an dominiert eine treibende Rhythmusabteilung, die sich über weite Teile des Albums mit schneidenden Gitarren vermengt.

Zu viel Text? Nun, das vorletzte Stück „All the Pieces“ fasst all die Stücke auf „A Fair Dream Gone Mad“ gut zusammen:

Auf Bandcamp sind zumindest vier der acht Stücke frei hörbar, mittlerweile haben In the Silence jedoch die Plattenfirma gewechselt und stehen nun bei Sensory Records unter Vertrag, die immerhin auch per Amazon.de vertreiben – Hörproben für die vier anderen Stücke sind also auch im Internet zu finden.

„A Fair Dream Gone Mad“ ist für diejenigen, die für Gitarrenmusik mit angenehm unauffälligem Gesang empfänglich sind, höchst empfehlenswert. Folgt dieser Empfehlung zahlreich!