Archiv für die Kategorie ‘Musikkritik’.

Musik, die ich nicht unkommentiert ins Regal stellen möchte, wie auch meine Halbjahresrückschauen finden hier Platz.

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Utopianisti – Utopianisti II / Utopianisti meets Black Motor & Jon Ballantyne

Utopianisti IIWährend ich eigentlich einige Zeilen für die überfällige 2014er Rückschau (ja, die kommt noch) schrieb, fiel mir dieses Album in die Hände, von dem ich dachte, es eigne sich als spätes Album des Jahres 2014 – leider erschien es bereits im November 2013. Das ist ein bisschen schade.

Nicht aus Italien, wie es der Name vielleicht vermuten lässt, sondern aus Finnland kommen die Musiker von Utopianisti. Kommen? Nein, vielmehr handelt es sich um ein Soloprojekt eines gewissen Herrn Markus Pajakkala. „Solo“ ist allerdings auch nicht so ganz richtig, sind doch auf dem vorliegenden Album insgesamt 27 weitere Musiker an Saxophonen, Posaunen, Gitarren und dergleichen zu hören.

Bei dem vorliegenden Album handelt es sich um ein Doppelalbum, das wohl aus zwei einzelnen Alben namens „Utopianisti II“ und „Utopianisti meets Black Motor & Jon Ballantyne“ besteht. Acht der dreizehn Stücke gehören somit zum zweiten regulären Album von Utopianisti, vier weitere entstanden in Zusammenarbeit mit Jon Ballantyne, einem kanadischen Pianisten und Komponisten, und dem finnischen Free-Jazz-Trio Black Motor, deren Kontrabassist Ville Rauhala auch in zwei Stücken von „Utopianisti II“ aushilft.

Wie das klingt? Insbesondere sehr instrumental, lediglich drei Stücke („The Vultures were hungry“, dessen Text aus nicht viel mehr als diesem Satz besteht, „Spanking Time“, das mit seinen Rockremineszenzen und dem gesprochenen Text nicht nur vom Titel her an Captain Beefheart erinnert, und „Tango Succubus pt. 2“, das tatsächlich einen Tangorhythmus hat, für das Verständnis dessen Kontexts jedoch mein Finnisch zu schlecht ist) beinhalten Gesang, der allerdings auch eher als gestaltendes Element dient. Gestaltet, apropos, wird hier reichlich: Big-Band-Jazz, Opernhaftes, Retro-Prog, Jazzrock, Zappaeskes. Vor allem eben: Jazz. Viel, viel Jazz, gewürzt mit avantgardistischen Beigaben, dass man vor Begeisterung gar nicht so richtig zur Ruhe kommt. Jazz ist Fahrstuhlmusik? In so einem Fahrstuhl würd‘ ich gern kurz stecken bleiben – oder doch besser nicht, denn das Haus, zu dem der Fahrstuhl gehört, mag vermutlich ein auch sonst sehr wohnliches sein, in dem man ungern irgendwelche Vorgänge verpassen möchte.

Der Teil des Albums, in dem Black Motor und Jon Ballantyne mitspielen, beginnt mit „The Sundays of love and peace“ dem Titel entsprechend beinahe brav, Freiformjazz mit Saxophon- und Klavierdominanz erklingt. Auch die folgende „Mechanoid makeout music“ wird aber ihrem Titel gerecht: Ein elektronischer Rhythmus und mancherlei Gefiepse werden von Schlagzeug und geradezu nervösem Saxophon (Sami Sippola ist ein Name, den man sich vielleicht merken sollte) überdeckt. Bei „Utopianisti meets Black Motor & Jon Ballantyne“ tritt der avantgardistische Aspekt in der Musik von Utopianisti insgesamt etwas zurück und weicht einem nichtsdestotrotz alles andere als gemäßigen Freiformjazz.

Wer mitgezählt hat: Thematisiert wurden bisher nur acht und vier, also zwölf, von dreizehn Stücken. Das dreizehnte, „U.L.J.C. (The Unnecessary Leftover Jam Compilation)“, ist Teil keines der beiden Teilalben, sondern besteht aus neuneinhalb Minuten Improvisationen und – nun – übrig gebliebenen Jams. Ein opulentes Ende zu einem gelungenen Album.

Der Hör- und Kaufbefehl wird hiermit erteilt.

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Die Fantastischen Vier – Rekord

Die Fantastischen Vier - Rekord(Vorbemerkung: Aus verschiedenen Gründen muss ich die eigentlich für Ende Dezember geplante Halbjahresrückschau 12/2014 wohl auf Anfang 2015 legen. Daher greife ich ihr schon mal ungeduldig vor.)

Das Vorgängeralbum „Für dich immer noch Fanta Sie“ war in jeder Hinsicht eine Enttäuschung; man war geneigt, den von Smudo, einem der Fantastischen Viere, gern ins Feld geführten Drogenkonsum der vier Herren dafür verantwortlich zu machen, dass es kraftlos und müde wirkte.

Nun, entweder sind sie von den Drogen weggekommen oder sie haben einen besseren Dealer gefunden, denn „Rekord“, das diesjährige Album der nunmehr 25-jährigen Rapcombo, hat alles, was der geneigte Hörer, der das unvergessene „Lauschgift“ aus dem letzten Jahrhundert für eins der besten deutschsprachigen Rapalben der vergangenen Jahrzehnte hält, auf „Fanta Sie“ – ich kürze das jetzt mal ab – schmerzlich vermisste.

Natürlich hat’s bei aller Liebe zur deutschen Sprache hier und da kleine Mängel (etwa: diesen einen Mensch, „Wie geliebt“), aber für’s Versmaß müssen im Rap eben manchmal Köpfe rollen. Um die disstracks der ersten Alben ist es ein wenig schade, die love-and-peace-Manier von Stücken wie „Frieden wie denn“ holt den Feierfreund doch ein wenig heraus aus seiner Feierstimmung, aber irgendwas ist ja immer. Frieden, Liebe.

Du bist der lebende Beweis für mich / für Elfen und Feen.
Gott ist mein Zeuge

Die erste Single „25“ mochte mancher schon etliche Wochen vor Veröffentlichung des Albums nicht mehr hören, abwechslungsreicher geht’s auf „Rekord“ aber schon zu. Zwar hält kein loses Konzept wie noch auf „Die 4. Dimension“ das Album zusammen, zwar gibt es keinen roten Faden wie noch auf „Lauschgift“, dennoch ist es ein stimmiges Gesamtwerk geworden, das man bei aller stilistischen vermeintlichen Zerrissenheit – wie’s in „Single“ empfohlen wird – auch als ein solches begreifen sollte, denn dann ergibt es plötzlich Sinn, dass mitten in die schönste Feierlaune eine Liebeserklärung platzt und die „Fantas“ anderswo, wo man es nicht erwartet (erwartet?) hätte, irgendeine bekannte Melodie nachsingen, deren Ursprung mir gerade partout nicht einfallen mag.

In einem Interview für Google Play, wo „Rekord“ momentan kurzzeitig gratis zu haben ist, gab Thomas D., der zweite der drei bekannteren Vier, kürzlich bekannt, die anstrengenden Hüpfbewegungen, die er bei Auftritten zu machen pflege, fielen ihm nicht mehr so leicht wie früher. Es ist eben so: Jünger werden die Menschen nicht. Wenn sich aber Älterwerden bei den Fantastischen Vieren in einem Album wie „Rekord“ manifestiert, bin ich auf ihr Alterswerk so gespannt wie auf kein anderes.

Wasch mein‘ Schwanz / hasch meine Blunts!
Das Spiel ist aus

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Dalbello – whomanfoursays

Dalbello - whomanfoursaysDas ansonsten weitgehend unauffällige, mir aber genehme Musikmagazin „eclipsed“ wies mich in seiner aktuellen Ausgabe auf „whomanfoursays“ von Dalbello hin, ein Musikalbum aus dem dunklen Jahrzehnt, was allein schon so seltsam ist, dass ich es mir nicht nehmen lassen wollte, doch mal reinzuhören. Das war gut so.

Die Musikindustrie ist schäbig, sie ist es in den schlimmen 1980-ern aber auch schon gewesen. Gleichform, Gleichklang. Synthesizer. New Wave. Postpunk. Langweilig. Und mitten in den schlimmen 1980ern – 1984 – taucht da eine Kanadierin auf, die vorher unter ihrem echten Namen Lisa Dal Bello trotz einer gewonnenen Auszeichnung als Most Promising Female Vocalist (Juno Award 1978) seltsamen Discopop unter die Leute brachte, und macht erst mal ein komisches Wortspiel. „Who man four says“. „Human forces“. Ohweh.

Einige Jahre zuvor war Mick Ronson, unter anderem Gitarrist für David Bowie und Lou Reed, eher zufällig auf die gerade pausierende Sängerin aufmerksam geworden und überredete sie zu einem weiteren Album. Für dieses Album hat er offenbar einige seiner eigenen musikalischen Einflüsse eingebracht, denn vom Discopop wandte sich Frau Dal Bello ebenso ab wie von ihrem Vornamen und dem störenden Leerzeichen. Die viel versprechende Stimme hielt ihr Wort, die Frisur auch.

Lisa Dalbello – Gonna Get Close to You – live

Texte? Ach, Texte. Eighties, bitch. Da konnt‘ man froh sein, wenn nicht jedes zweite bis dritte Wort „heart“ war. Man glaubt das irgendwo im Radio schon mal gehört zu haben, aber wahrscheinlich war’s dann doch Kate Bush. Die feinen Nuancen machen’s interessant und hörenswert, und die alten Marillion waren ja auch nicht so viel anders. Oder Madonna; es war ja nicht alles schlecht.

Dalbello live at Rockpalast 1985 – part 2 – Devious Nature

Die 80er sind dran, sie wollen ihre Musik zurück. Aber Dalbello bleibt hier.

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Queen – A Night At The Opera

queen-a-night-at-the-operaVon Queen hielt ich aus ähnlichem Grund nie allzu viel wie von Muse: Dieses Operettenhafte, Künstliche, Überhöhte tut mir beim Hören auch körperlich weh. Wenige Glanzstücke wie „Sheer Heart Attack“ und „Stone Cold Crazy“ stehen der grauenvollen „Bohemian Rhapsody“, dem von Fußballglotzern pervertierten „We Are The Champions“, dem prahlerischen „We Will Rock You“ und weiteren Unmöglichkeiten ziemlich wehrlos gegenüber. Freddie Mercury mag ein Stil prägender Sänger gewesen sein, aber seinen Stil mag ich nicht.

Blöderweise schließt man – schließe ich – wider besseren Wissens von einem einzigen wirklich schlechten Stück oft auf das ganze Album. Lückenfüller als solche zu erkennen vermag man nur, wenn man bereit ist, sich dem ganzen Album trotz der Abschreckung zu widmen. Vorurteile, die ich immer noch nicht ganz abgebaut habe, sind trotz mehrfacher Versuche, mich selbst vom Gegenteil zu überzeugen, zum Beispiel Marillions „Misplaced Childhood“ (wegen „Kayleigh“, dessen elende Ohrwurmmelodie einem auch nach fast 30 Jahren noch aus jedem zweiten Radiosender entgegennudelt) und eigentlich jedes Album von Queen, weil ich von Queen zuerst „Queen Rocks“, dieses seltsame best of aus den Neunzigern, besaß, auf dem zwar die gewohnten Mitklatschhymnen und einige selbst mir gefallende Lieder („Stone Cold Crazy“, „Sheer Heart Attack“, „One Vision“) zu finden sind, allerdings nichts, was umwerfend anders wäre.

Dann habe ich mir noch mal Queens „A Night At The Opera“ von 1975 angehört, weil das Internet fand, ich hätte da was verpasst. Ja, habe ich wirklich.

Schon das erste Stück, „Death On Two Legs (Dedicated to…)“, hat mit dem fröhlichen Poprock der Radio-Queen nicht viel zu tun. Leise Klavierklänge werden allmählich begleitet von anschwellender, beklemmender Perkussion. Es folgt ein Ohrwurm fördernder Rock’n’Roll-Teil, in dem sich E-Gitarre und Klavier ein Gefecht liefern, während Freddie Mercury für Norman Sheffield, den vormaligen Manager der Band, ein nicht sehr fröhliches Liedchen zum Besten gibt: „You suck my blood like a leech / You break the law and you breach“, Brian May brilliert dazu mit vortrefflichen Gitarrensoli. An den „zornigen“ Freddie Mercury könnte ich mich gewöhnen.

Queen – Death on Two Legs

Ganz anders der „Prophet’s Song“, die bessere „Bohemian Rhapsody“: Wiederum ein Geräusch-Intro, das mich an Wind und Meer erinnern lässt, Gitarre und Klavier setzen mit einem ersten Refrain ein: „Oh oh, people of the earth / listen to the warning, the seer he said: / ‚Beware the storm that gathers here. / Listen to the wise man!'“ Einen Genrewechsel später geben Bass und Schlagzeug einen treibenden Marschrhythmus vor. Der zweite mehrstimmige Refrain wirkt beinahe bedrohlich. Bedrohlichkeit ist sowieso eine nennenswerte Eigenschaft dieses Stücks, aber da ist auch noch der Mittelteil: Freddie Mercury singt im Terzett mit zwei seiner eigenen Echos und klingt nicht mal dann nach Operettenkram. Anschließend finden die Musiker zurück zum musikalischen Thema des Anfangs.

Queen – The Prophets Song

Natürlich ist auch „A Night At The Opera“ kein perfektes Album, natürlich hat es Längen, Ecken und Kanten.

Aber – ich korrigiere mich ausnahmsweise gern – „A Night At The Opera“, in seiner Dunkel- wie Vertracktheit das musikalische Gegenstück zum im Folgejahr veröffentlichten „A Day At The Races“, ist nach meinem Eindruck wohl eines der besten Musikalben von Queen, es sollte nicht ungehört verklingen.

Aber die „Bohemian Rhapsody“ hätt‘ wirklich nicht sein müssen.


Auch mal schön: SPD stimmt gegen Verbindlichkeit von SPD-Konventsbeschluss. Wen wundert’s?

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Kurzkritik: Dead Sara

Dead SaraIch bin ja meist ein Anhänger der leisen Töne, mitunter so leise, dass ich sie selbst kaum vernehmen kann. Das Eintauchen in die Musik bedarf nicht vieler Dezibel. Selten, ganz selten aber finde ich auch an Rockmusik Gefallen, die nicht lange zögert, sondern direkt auf den Punkt kommt.

Das Debütalbum von Dead Sara zum Beispiel.

Dead Sara ist in diesem Fall keine tote Frau, sondern ein Rockquartett – zwei Männer, zwei Frauen, von denen ebenfalls keine Sara heißt – aus Los Angeles, das 2013 mit Muse gemeinsam auf Tour war und trotzdem nicht scheiße klingt. Das soll ihnen erst mal wer nachmachen. Ach, „Rock“ ist ja wieder viel zu kurz gegriffen:

Dead Sara | Test On My Patience Live @ The Viper Room 2.27.12

Ist das Garagengrunge? Ist es Stonerpunk? Nein, Dead Sara nennen sich selbst eine Rockband mit monströsen Gitarrenriffen und einem wirklich fantastischen Gesang. Emily Armstrong sticht als Frontfrau unter den zeitgenössischen Frontfrauen der Rockmusik vortrefflich hervor, die großartige Grace Slick von den nicht minder großartigen Jefferson Airplane, heißt es, bewundert sie.

Dead Sara stehen Nirvana musikalisch nahe, gelegentliche AC/DC-Anleihen („Timed Blues“) auf dem Album hingegen sind vermutlich nur Zufall, aber fallen nicht einmal als Fremdkörper auf. Selbst die Single (kennt ihr eigentlich noch CD-Singles?) „Weatherman“ ist klasse:

Dead Sara – "Weatherman"

Ich möchte das jetzt einfach mal empfohlen haben.

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Erst mal ’nen Tee: Margin – Psychedelic Teatime

Margin - Psychedelic TeatimeEine angenehme musikalische Überraschung dieses Jahres ist übrigens, dass Pink Floyd, ungeachtet des Todes ihres Keyboarders Richard Wright, noch in diesem Jahr ein neues Studioalbum veröffentlichen wollen. Pink Floyd haben mit ihrem Frühwerk ja so einige Bands beeinflusst, viele Musiker, die irgendwas mit Psychedelic Rock machen, berufen sich auf die Combo.

Darunter auch Margin. Margin, ein Berliner Musikprojekt um den Multiinstrumentalisten Lutz Meinert, veröffentlichte Ende Juni 2014 sein Debütalbum „Psychedelic Teatime“, das, wie man’s im Rezensentengeschäft auszudrücken pflegt, den Geist der Pink Floyd atmet, aber eben doch mehr ist als eine bloße Kopie.

Das Album ist allerdings schon sehr klischeehaft, angefangen vom Titel und Coverbild (Tee als Symbol für Drogen hatten ja bereits Gong mit „Flying Teapot“ etabliert) und längst nicht endend mit der Aufteilung. Den Anfang nämlich macht mit über dreiundzwanzig Minuten Länge das fünfteilige „A Mysterious Cup of Tea“, das mit dem Geräusch des Eingießens von Tee beginnt. Leise Klavier- und Tassenklänge gesellen sich dazu. Hätten Pink Floyd ein Konzeptalbum über’s Teetrinken gemacht, hätte es wohl ähnlich begonnen. Hier dominiert allerdings nicht die Gitarre, sondern Keyboard/Synthesizer und Schlagzeug liegen im Vordergrund. Gesang folgt im zweiten Teil, und natürlich geht es um Tee und um Pink Floyd: „A saucerful of secret sounds…“.

Überhaupt: Pink Floyd. „Psychedelic Teatime“ besteht aus fünf Stücken, aber in keinem davon wird die Ähnlichkeit so deutlich. Das Überwerk „Echoes“ klingt hier ebenso immer wieder an wie spätere Glanzstücke wie „High Hopes“.

Zum Schluss klappert die Teetasse noch mal, und der „Psychedelic Underground“ bricht los, zunächst als „Short Trip“. Dreieinhalb Minuten lang brettert feinster Psychedelic-Lärm auf den Hörer herein, im Text geht’s um den verrückten Hutmacher (cf. „Alice im Wunderland“), der eine seltsame Tasse Tee trinkt, und damit „willkommen im psychedelischen Untergrund“. Ich werd‘ das Gefühl nicht los, dass gar kein Tee gemeint ist.

„Landscapes on the Sky“ ist ein nettes, aber musikalisch uninteressantes Füllsel, das instrumentale Space-/Krautrockstück „Last Exit to Pluto“ mit seinem dominanten Bass indes weiß zu gefallen. Der Rezensent sitztanzt die Bassmelodie mit und ist höchst erfreut. Es gilt diese Freude in voller Länge auszukosten, denn nach viel zu kurz scheinenden zehn plus x Minuten ist sie schon wieder vorbei. Nicht jedoch das Album selbst, denn es fehlt noch „Psychedelic Underground – The Long Trip“.

Dieser wiederholt zunächst den „Short Trip“, wiederum mit einer Anspielung auf das pinkfloydsche „A Saucerful of Secrets“, wird aber noch verspielter. Zehneinhalb Minuten feinster psychedelischer Artrock. Ich weiß das sehr zu schätzen.

Hörproben stellt die Website der mir bislang unbekannten Plattenfirma Madvedge bereit, eine Vinylaufnahme scheint es aber leider nicht zu geben; auch Amazon.de kennt nur die CD- und die MP3-Version. Egal, seien wir mal nicht kleinlich, den Trip ist’s wert.

Wohl bekomm’s!

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Genres sind soo 90er: Boris – Noise

Boris - NoiseBei „Boris“ denkt mancher vielleicht an Russland, manch anderer an Tennis. Die japanische Formation, die sich ebenfalls Boris nennt, hat mit „Noise“ allerdings eines der bemerkenswertesten Musikalben des Jahres 2014 veröffentlicht. Auf dem Coverbild seht ihr einen Stuhl. Setzt euch erst mal hin!

Nun ist ein neues Boris-Album keine Überraschung, immerhin erscheint ein solches seit der Bandgründung 1996 beinahe jährlich. Abnutzungserscheinungen aber sind den drei Musikern fremd, sie bleiben kreativ. Was wird gespielt? „Drone Metal“ und „Progressive Rock“ stehen im Internet als Etiketten dran, und Etiketten sind, wie der geneigte Leser weiß, nur Feigenblätter.

Laut Presse ist’s mit Genres auch nicht getan:

[Noise] verstärkt Boris‘ endloses Streben nach musikalischen Extremen und lässt zugleich aggressiven, intensiven Rock in neue Gebiete vordringen. Die Band vermengt hier meisterhaft Sludge-Rock, Blasen bildenden Crustpunk, schimmernden Shoegaze, episch donnernden Doom, psychedelische Melodien und so ziemlich alles, was sie je gemacht haben.

Dabei beginnt „Melody“ noch behutsam mit leiser Gitarre und Synthesizer, wenig später aber bricht der rock los, es gibt Elektronik und Indie und ordentlich Bass:

Boris preschen nach vorn. Mit Progressive Rock, wie man ihn sich vorstellt, hat das nicht viel zu tun, und das ist nicht schlimm. Im folgenden „Vanilla“ winken die guten alten Mars Volta aus der Mottenkiste und bringen eine Ladung Metal mit. Wer es lieber behäbig und rhythmisch mag, der kommt in „Ghost of Romance“ und in „Heavy Rain“, dessen Anfang ich irgendwoher – Red Hot Chili Peppers? – zu kennen glaube.

Was kann da noch kommen? Japanischer Gitarrenpop! „Taiyo no baka“. Ich verstehe kein Wort. Verhallter Gesang aus allen Richtungen, dazu treibende Gitarre und ein Die Ärzte würdiger Surfrock-Refrain. Eiderdaus.

Boris – 太陽のバカ (Taiyo no Baka)

Andere Bands würden mit so etwas ein Album beginnen oder beenden, Boris sind aber nicht andere Bands. Wenn ihr eine Band wärt und hinter einem dreieinhalbminütigen Poprocklied noch Platz auf dem Album hättet, was würdet ihr noch in die tracklist aufnehmen wollen?

Richtig: Einen „Longtrack“. Ein langes Stück eben. „Angel“, 18:41 Minuten lang, ist allein ein überzeugender Grund, „Noise“ wertzuschätzen. Behäbiger Postrock, Shoegaze, sucht euch was aus. Der Musikfreund sitzt mit Kopfhörern und geschlossenen Augen davor und nickt mit dem Beat. Vergleiche? dear john letter fallen mir ein, auch Godspeed You! Black Emperor und Mogwai. Gesang ist Nebensache.

Moment, war nicht von Drone Metal die Rede? Der kommt im Anschluss: „Quicksilver“, noch mal 9:50 Minuten lang, lebt sechseinhalb Minuten lang vom Hämmern des Schlagzeugs und dem Kreischen von Sänger und Gitarre; die dann allmählich ausklingt und drones weicht. Sunn O))) seien nahe, heißt es, aber auf so etwas ist bei Boris kein Verlass. Genres? Konstanten? Wofür?

Wo der arme Saturn-Mitarbeiter dieses Album einsortieren wird, ist also wahrscheinlich allein dem Zufall überlassen. Schneller werdet ihr woanders fündig: „Noise“ könnt ihr streamen oder kaufen; wenn ihr Bandcamp.com aus irgendwelchen Gründen meiden wollt, gibt’s das Album auch auf Amazon.de. Gefällt mir.

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Musik 06/2014 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 14 von 18 der Serie Jahresrückblick

Huch, schon Mitte Juli! Hättet ihr mir nicht was sagen können?

Ein halbes Jahr ist längst vorbei, und ihr wisst, was das bedeutet: Hier gibt’s Musik satt – alles, was bis Ende Juni so in meiner Bestenliste gelandet ist – zu lesen. Entgegen der öffentlichen Meinung ist die Nummerierung allerdings willkürlich gewählt. Ranglisten sind Firlefanz.

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Kurzkritik: Last Remaining Pinnacle – 64

Last Remaining Pinnacle - 64Das US-amerikanische Duo Last Remaining Pinnacle beziehungsweise ihr damals aktuelles Album „Visitors“ fand ich 2012 bereits sehr gut, in der Folge allerdings hörte ich nicht mehr viel von der Band. Heute nun traf eine E-Mail ein: Am kommenden Mittwoch, dem 21. Mai 2014, und somit genau zwei Jahre nach „Visitors“ erscheint mit „64“ ein neues Last-Remaining-Pinnacle-Album namens „64“.

Warum „64“? Darauf geht die E-Mail nicht ein. Es sind auch tatsächlich nur acht und nicht etwa 64 neue Stücke enthalten. Last Remaining Pinnacle bleiben sich und dem Garage-Noise-Rock dabei treu: Verzerrte Gitarre, peitschendes Schlagzeug und gewohnt effektreicher, krautiger Gesang erfreuen den Sonic Youth und The Velvet Underground schätzenden Musikfreund außerordentlich.

Wenige Durchhänger wie das zäh dahinfließende „Forces“ fallen da auch nicht weiter ins Gewicht, allein schon das großartige „Hallow Sky“ rechtfertigt die Geduld. Mit „Mantle Rotation 4 (C.M.E.)“ ist auch ein Nachfolger des schon 2012 gesondert erwähnten „Mantle Rotation 3“ auf „64“ zu finden, und allmählich scheint es mir, als sollte ich demnächst einmal Ausschau nach den ersten beiden Teilen der „Mantle Rotation“ halten.

Hören und vorbestellen könnt ihr „64“ per Bandcamp. Das Konzept „zahle, so viel du willst“ scheint sich bei „Visitors“ wohl nicht bewährt zu haben, „64“ kostet in jeder Darreichungsform – leider nicht auf Vinyl – mindestens 8 US-Dollar. Ich sage: Gut angelegtes Geld!

Krieg zum Beispiel wäre deutlich teurer.

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Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – Fuck Off Get Free We Pour Light on Everything

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra - Fuck Off Get Free We Pour Light on EverythingDie Band mit dem elend langen Namen, der in seiner aktuellen Form noch nicht einmal der längste der Bandgeschichte ist (diesen Rekord dürfte „Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band with Choir“ im Jahr 2003 bis auf Weiteres halten), ist eines der unzähligen weiteren Musikprojekte, die aus dem als Dronetrio gegründeten und quasi nebenbei weiterhin aktiven Kollektiv Godspeed You! Black Emperor (kurz GY!BE) hervorgingen. Der „Choir“ im ehemaligen Bandnamen ist allerdings immer noch da, alle fünf derzeitigen Bandmitglieder bedienen gelegentlich auch mal das Mikrofon. Nach vier Jahren gibt es nun also wieder ein neues Studioalbum.

Schon auf dem Vorgängeralbum „Kollaps Tradixionales“ von 2010 reicherten die Musiker den musikalischen Weltschmerz, der bis dahin überwiegend als Schwermut und Trauer daherkam, mit zorniger Verzweiflung an; seit der Geburt von Ezra, dem gemeinsamen Sohn zweier Bandmitglieder, ist diese Verzweiflung, wie man weiß, schierer Wut gewichen; Wut auf die Politik im Besonderen, die dem friedfertigen Miteinander der Menschen Steine in den Weg zu legen pflegt. So wütend wie auf „Fuck Off Get Free We Pour Light on Everything“ hat man Efrim Menuck seit dem „GY!BE“-Debüt „f#a#∞“ von 1997 nur selten gehört.

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – What We Loved Was Not Enough (Live at Lee's Palace)

Die von Ezra gesprochene Zeile am Anfang des Albums – „We live on the island called Montreal, and we make a lot of noise because we love each other!“ – gibt also auch dessen Richtung vor: Hier wird die Liebe der Menschen zueinander mit Musik verteidigt. Verteidigt werden muss sie offenbar zumindest gegen die Politik, nicht gegen die Kirche, denn jüdischer Glaube bleibt ebenso ein Antrieb wie die Vaterschaft:

Lord, let my son live long enough to see that mountain torn down!
Austerity Blues

Mit „f#a#∞“, der vertonten Apokalypse, hat „Fuck Off Get Free We Pour Light on Everything“ insofern auch die Endzeitstimmung gemeinsam: And the day has come when we no longer feel („What We Loved Was Not Enough“), mechanisch agiert ein Mensch in fremder Dunkelheit eben anders. Befreit euch, wir begießen alles mit Licht.

Großartige Musik.

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Kurzkritik: Incura – Incura

IncuraKanada, du unterschätztes geografisches Anhängsel der USA! Was nicht alles aus dir kommt: OpenBSD, Cobie Smulders, Kuchen mit Semikolon und Incura.

Incura sind ein RIO/Avant-Quintett, das kammermusikalische Elemente, Progressive Metal und Indie-Rock zu einem recht hörbaren und erstaunlich radiotauglichen Geflecht verknüpft. Die markante Stimme von Sänger Kyle Gruninger ist eine willkommene Abwechslung in jenen musikalischen Gefilden, in denen seine vier Mitstreiter – mal gefällig, mal verspielt – wildern. 2013 (hierzulande erst kürzlich) erschien nach einigen Jahren des Bandbestehens bei der überhaupt recht beachtlichen Plattenfirma InsideOut das Debütalbum von Incura, auf dem die Band allerlei Feines zu Gehör bringt, zum Beispiel „Who You Are“.

Who You Are – Official Music Video

Auch für Freunde gepflegten Gitarrengewitters ist im Übrigen was dabei:

Incura – Here To Blame Animated Music Video

Nicht nur an Ostern ein sehr vergnügliches Album.

Guten Morgen!

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The Rolling Stones – Their Satanic Majesties Request

The Rolling Stones - Their Satanic Majesties RequestNennt mal ein paar Lieder der Beatles! – Das ist nicht so schwer, ein Teil von ihnen (es gibt ja genug) wird sowieso von den Sendern tagein, tagaus einem beinahe wehrlosen Publikum vorgespielt. Ein besonders bedrückendes Beispiel war der Sender Radio 21, der vor ein paar Jahren die Angewohnheit hatte, jeden Morgen ein paar Beatles-Lieder zu spielen, inzwischen vermutlich aber damit aufgehört hat.

Und jetzt nennt mal ein paar Lieder der Rolling Stones!

„Satisfaction“, ja. „Start Me Up“, auch richtig. „Paint It, Black“ und „Sympathy for the Devil“, vielleicht noch „Angie“ und „Gimme Shelter“. War’s das? Meistens. Das ist eigentlich erstaunlich: Nach über 50 Jahren im Musikgeschäft haben „die Stones“ deutlich mehr hinterlassen, was man kennen könnte. Klar, es war auch viel Unfug dabei, zum Beispiel das überflüssige „Tattoo You“, aber auch einige wahre Albenperlen wie „Some Girls“ und das deutlich unterbewertete „Their Satanic Majesties Request“.

Letzteres, ein halbes Jahr nach „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ der Beatles veröffentlicht, wird oft als Versuch missverstanden, jenes zu kopieren. Während aber von „Sgt. Pepper“ entgegen dem ursprünglichen Konzept nicht viel mehr übrig blieb als eine unzusammenhängende Liedsammlung, deren „Rahmenhandlung“ um eine Musikgruppe namens „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ auf ein Minimum gekürzt wurde und deren „psychedelische Elemente“ im Gegensatz zu Pink Floyds wiederum 1967 erschienenen Debüt allenfalls den Geist der Hippies atmeten, machten die Rolling Stones es von Anfang an richtig.

Das wohl bekannteste Stück auf „Their Satanic Majesties Request“ – „She’s a Rainbow“ – ist trotz der beachtlichen Instrumentierung zugleich das untypischste:

Rolling Stones – She's A Rainbow 1966

Wie so oft in den Jahren um 1967 herum wurde auf „Their Satanic Majesties Request“ nämlich daneben allerlei Unfug getrieben; sei’s ein schnarchender Bill Wyman in „In Another Land“, sei’s das beschauliche Lagerfeuerlied „Sing This All Together“, das die erste LP-Seite (mit John Lennon und Paul McCartney als Hintergrundsänger) eröffnet und in einer etwas längeren, aber völlig anderen, psychedelisch-durchgedrehten Version (nicht der folgenden) wieder schließt:

Das alles ist noch kein Grund, „Their Satanic Majesties Request“ überragend zu finden; aber da ist auch noch „Citadel“.

„Citadel“ – one of the most underrated Stones songs ever – ist das psychedelische Lied der Rolling Stones, klingt natürlich nach John Lennon, Jefferson Airplane, The United States of America und …And You Will Know Us by the Trail of Dead (und zwar gleichzeitig) und kann gar nicht genug gewürdigt werden:

Citadel – Rolling Stones

Dass „Citadel“ wie auch die meisten anderen Stücke auf diesem Album nie live gespielt wurde, ist ebenso bedauerlich wie die Rückkehr der Rolling Stones zum gewohnten Bluesrock mit dem Nachfolgealbum „Beggars Banquet“ 1968. Mitgründer Brian Jones blieb nicht mehr lange in der Band – vermutlich wegen übertriebenen Drogenkonsums zog er sich wie Syd Barrett immer mehr zurück, 1969 wurde er vor die Tür gesetzt und starb noch im selben Jahr. „Their Satanic Majesties Request“ verschwand im Folgenden weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung, was etwas schade ist.

Ich empfehle jenen, die (wie ich) an den Rolling Stones vor allem ihre gelegentlichen Experimente (Disco und Punk auf „Some Girls“ sowie eben dieses hier) schätzen, diese Wahrnehmung zurückzugewinnen, stilecht auf Vinyl (weil’s schöner ist) oder eben auf einem Tonträger eurer Wahl. Der Rest kann’s natürlich ignorieren, aber dann verpasst er was.

Open our heads, let the pictures come!
The Rolling Stones: Sing This All Together

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Kurzkritik: Combat Astronomy – Kundalini Apocalypse

Combat Astronomy - Kundanini ApocalypseNach so viel schlimmer Politik wird es Zeit, sich wieder auf die ätherische Kraft Kundalini im Körper zu konzentrieren, um vom Zustand der völligen Bestürzung in den der absoluten Glückseligkeit überzugehen. Dabei hilft bekanntlich Musik.

James Huggetts Musikprojekt Combat Astronomy („bekämpfe Astronomie!“) macht ebensolche. 2013 erschien mit „Kundalini Apocalypse“ das sechste Studioalbum von Combat Astronomy, die momentan als Duo aktive „Band“ wird hier unter Anderem von Elaine di Falco, seit 2008 Sängerin von Thinking Plague (von mir bereits 2012 ausführlich gewürdigt), unterstützt. Was gibt’s zu hören?

Vor allem Bass:

James Huggetts mächtiger Bass dominiert diese Musik so deutlich, dass man erst einmal wenig von dem mitbekommt, was hier sonst noch passiert.

Dabei ist das so manches. Nehmen wir als Beispiel Stück 2, „Path Finders“: Vereinzelt erklingt ein schräges Saxophon über einem anhaltenden Chorteppich, plötzlich zerreißt’s die Stille: Bass, Schlagzeug, Gitarre, dazu weiterhin das gelegentliche Saxophon. Frau di Falco steuert Gesang bei, der gar keinen Text hat. Verrückt. Zwischendurch allerlei Elektronik, Keyboardgeklimper, schon wieder der Chor. Bratz, bratz-bratz. Freiformjazz auf Metaluntergrund. Abrupt endet jedenfalls letzterer, während ersterer anhält. Keine Sorge, das Pfeifen seid nicht ihr, das ist Teil des Stücks. Assoziation: broken.heart.collector (ohne die Holzinstrumente).

So ähnlich funktioniert die komplette „Kundalini Apocalypse“. Zwar scheint mein Chakra nach dem Hören noch immer unverändert zu sein, aber schön war’s halt doch. Hopefully some of you wind up checking this thing out and find out about a cool band though, if you’re interested in jazz and metal fusions. Das klingt nach mir.

Außer bei Amazon gibt’s „Kundalini Apocalypse“ übrigens auch via Bandcamp zum Kauf, an letzterem Ort auch als Komplettstream. Kost‘ ja nichts.


An dieser Stelle übrigens meinen verbindlichsten Dank an den Feminismus, der mich nun endlich dazu bewegt hat, dem CCC beizutreten.

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Egg – The Civil Surface

Egg - The Civil SurfaceMit den Wilde Flowers (benannt nach Oscar Wilde), einer Hochschulband aus Canterbury, und Delivery aus London nahm Mitte der 1960-er Jahre – als die Leute bevorzugt Schlager und die Beatles hörten – eine musikalische Entwicklung ihren Lauf, die (wegen der Wilde Flowers) später als „Canterbury Sound“ oder „Canterbury Scene“ bekannt wurde.

Diese „Szene“, die teilweise noch heute aktive Bands wie Soft Machine, Gong und Caravan umfasste und heute auch von von diesen inspirierten Gruppen wie The Tangent und Argos am Leben gehalten wird, vermengte Rockmusik mit jazzigen Improvisationen, ausufernden Instrumentalexperimenten und oft skurrilen (oder gar keinen) Texten. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Jazzrock, wie ihn später etwa King Crimson populär machten, waren Blas- und Tasteninstrumente oft dominante Instrumente. Dass zwischen den Gruppen ein reger Austausch an Ideen und Musikern stattfand, sorgte im ersten Jahrzehnt für eine rasante Entwicklung.

Noch bevor die „Canterbury Scene“ Anfang der 1970-er Jahre ihren Höhepunkt erreichte, benannte sich die Schülerband Uriel nach dem Ausstieg von Steve Hillage (Gitarre, später bei Khan und Gong sowie Gründer des Technoprojekts System 7) in The Egg um und warf das „The“ wenig später fort; unter dem Namen Arzachel kamen Uriel 1969 ein letztes Mal als Quartett zusammen, um ein jedenfalls interessantes Psychedelic-Rock-Album aufzunehmen.

Egg machten also zu dritt weiter, nahmen ein namenloses Debüt (1970) und „The Polite Force“ (1971) auf und zerstreuten sich 1972 erst einmal in alle Winde: Keyboarder und Organist Dave Stewart ging vorübergehend zu Hatfield and the North, Schlagzeuger Clive Brooks versuchte sich mit The Groundhogs als Bluesrocker. Bassist und Hauptkomponist Mont Campbell beteiligte sich 1975 an der Gründung von National Health als Ableger von Hatfield and the North sowie Gilgamesh. Während der Vorbereitungen zu dieser Gründung ergab sich die Gelegenheit, bis dahin nur live gespielte Stücke aus dem Repertoire von Egg aufzunehmen. Für dieses letzte Egg-Album holte sich das Trio im August 1974 Steve Hillage, die Northettes (den Chor von Hatfield and the North), Tim Hodgkinson (Henry Cow), Lindsay Cooper (National Health) und einige weitere Weggefährten ins Studio. (Die Canterbury-„Szene“, wie bereits erwähnt, war damals recht eng miteinander verflochten.)

„The Civil Surface“ enthält außer einigen – hehe – Blasquartetten mit „Enneagram“, „Wring Out the Ground (Loosely Now)“ und „Germ Patrol“ auch drei Stücke im typisch vertrackten und der Band Egg eigenen Canterbury-Stil:

Stellt Euch vor, Ihr wärt ein Keyboarder. Eure rechte Hand müsste zusammen mit dem Drummer im 15/8-Takt spielen, eure Linke dagegen eine immer wiederkehrende Figur im 10/8-Takt, die der Bassist, als wäre das nicht schon genug, gleichzeitig in einer 11/8-Version spielt. Das geht nicht? „Enneagram“ hören! Das ergibt keinen Sinn? „Enneagram“ hören!
Nik Brückner, Babyblaue Seiten

In „Wring Out the Ground (Loosely Now)“ ist Mont Campbell zum einzigen Mal auf „The Civil Surface“ als Sänger zu hören.

Mont Campbell verließ National Health 1976, nannte sich ab 1977 Dirk Campbell und tauchte erst unter, dann 1996 mit seinem ersten Soloalbum „Music from a Round Tower“ wieder auf. Auch seine Mitstreiter sind bis heute nicht untätig: Dave Stewart arbeitet seit den frühen 1980-er Jahren mit Barbara Gaskin (The Northettes sowie Spirogyra) zusammen, veröffentlicht gelegentlich Musik und schreibt Bücher, Clive Brooks spielte zunächst Schlagzeug bei Liar und war anschließend vorrangig als Schlagzeugtechniker für Pink Floyd und andere Gruppen aktiv. Nachhaltigen Eindruck hinterließen alle drei allerdings beinahe nur mit ihrem Frühwerk.

Durchaus nicht zu Unrecht, wie ich finde.

In den NachrichtenKaufbefehleMusikkritikPiratenpartei
Kurzkritik: thisquietarmy – Phantom Limbs

Ich könnte mich an dieser Stelle noch etwas ausführlicher zum noch immer schwelenden #Bombergate und zum vermeintlichen Mitgliederschwund der Piratenpartei infolge einer saudämlichen Aktion einzelner Verwirrter äußern; tatsächlich haben einige langjährige engagierte Piraten, frustriert von dem frenetischen Applaus, den die beiden Protagonistinnen für ihr Loblied auf die Bombardierung Dresdens von einschlägig bekannten Berliner Piraten wie Oliver Höfinghoff („ihr habt den Krieg verloren!“, keine Pointe) bekamen, zu meinem persönlichen Bedauern vorübergehend abgemustert. Einige Landesverbände der Piratenpartei – bezeichnenderweise ist Höfinghoffs/Helms Berlin nicht darunter – haben sich inzwischen einer Erklärung angeschlossen, die eine Unvereinbarkeit politischer Gewalt mit liberalen piratischen Idealen zu verstehen gibt, wofür es prompt Kritik aus Berlin hagelte. Ja, die Berliner. Ein drolliges Land voller bornierter Schwachköpfe; an diesem Durchschnitt ändert auch der herausragende Christopher Lauer nur wenig.

Aber eigentlich wollte ich hier weniger über Politik reden und mehr über Musik, schon aus Gründen der Entspannung. Von Musik werde ich nur selten in Rage versetzt.

thisquietarmy - Phantom Limbs2012 veröffentlichte Eric Quach („thisquietarmy“) nach dem großartigen „Vessels“ mit dem bereits 2009 aufgenommenen „Phantom Limbs“ („Phantomgliedmaßen“) ein weiteres beachtliches Werk, dessen einziges Instrument wiederum die Gitarre ist. Das Unterwassermotiv wurde nicht beibehalten, auf „Phantom Limbs“ geht es stattdessen ziemlich gespenstisch zu.

Das eröffnende „Phantom Eye“ beginnt mit dissonantem Brummen. Allmählich kommen weitere Gitarrenklänge hinzu, die ruhige Anfangsstimmung wird von energischen, sich verdichtenden Riffs komplimentiert, nach sechseinhalb Minuten implodiert „Phantom Eye“ mit seiner Klimax. Das folgende „Phantom Brain“ wird von ambienten drones dominiert, zunächst klar instrumental identifizierbar, dann dunkler und bedrohlicher werdend, bis das Klanggebilde schließlich ausgeblendet wird. Ob diese Ausblendung sinnvoll ist, bleibt unklar; „Phantom Pain“, das die drones wieder in ihre Bestandteile zerlegt, lebt ebenfalls von ihren Effekten.

„Phantom Voltage“, das letzte und mit Abstand längste der vier Stücke, ist zugleich das ungewöhnlichste: Es beginnt mit Stille, langsam setzen einzelne Klänge ein. Talk Talks „Spirit of Eden“ als Vergleich zu bemühen mag etwas überzogen sein, Ähnlichkeiten sind aber durchaus gegeben. Wird da ein Rhythmus geklopft? Nein, es ebbt wieder ab. Wieder einmal wird alles dichter. Der Geist wird schwer. Zurücklehnen und genießen. Würde man von dieser Musik träumen, man träumte wohl, man säße auf einer Wolke und sähe von dort aus einen dieser anspruchsvollen Horrorfilme (zum Beispiel über das „Bombergate“) in Pastellfarben. Schön.

„Phantom Limbs“ – stream- und kaufbar hier – ist in all seiner Dunkel- und Schlichtheit großartig und die ideale Begleitung zu einem Glas Whiskey zum Feierabend; oder eben auch ganz ohne Whiskey. Ihr könntet das mal ausprobieren.