Archiv für die Kategorie ‘Musikkritik’.

Musik, die ich nicht unkommentiert ins Regal stellen möchte, wie auch meine Halbjahresrückschauen finden hier Platz.

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Kurzkritik: Hookworms – The Hum

Hookworms - The HumTief in meiner Musikkiste habe ich Hakenwürmer gefunden.

Hookworms sind eine britische Band, die 2010 gegründet wurde und gelegentlich mit den hier schon angepriesenen Wooden Shjips zu den „Neo-Psychedelic“-Bands gezählt wird. Die fünf Herren nennen sich JN, SS, MJ, MB und JW und auch sonst gilt es bei dieser Band, sich auf die Musik zu konzentrieren. 2014 erschien ihr viertes und bis heute aktuelles Studioalbum „The Hum“. In Großbritannien erreichte es Platz 22 der Albenhitparade, was über Großbritannien sicherlich manches aussagt.

„The Hum“. Das Summen. Hmm, hmm, schepper! Hier wird gerockt (Stoner, Indie) und gepunkt (Post), aber nicht gerollt. Obwohl es mit elektronischem Wabern und Schlagzeug beginnt, als hätte man es hier mit einer dieser schrecklichen Teenagerkapellen zu tun, aber das trügt, denn schnell setzt der ziemlich einmalige Gesang von „MB“ ein, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und kräftig hallend, angeblich, um die eigene Unsicherheit zu überspielen, aber tatsächlich wohl auch der Effekte wegen, was ich ausdrücklich gutzuheißen beabsichtige. Psychedelia in Hochform.

Hookworms – The Impasse (Official Audio)

Ich neige ja dazu, überall Musikgruppen sozusagen wiederzuerkennen, die ich sehr schätze, und auf „The Hum“ habe ich ständig die Frage im Kopf, ob die grandiosen Velvet Underground wohl heute so ähnlich klängen, wenn sie heute noch klängen und dabei von einer dieser neuen Retro-Psychedelic-Bands (ich würde Vibravoid empfehlen) gecovert, begleitet oder sonstwas würden. Das folgende orgelklanglastige „On Leaving“ setzt das insofern fort, als mir sofort Vergleiche mit den Raveonettes und ähnlichen Bands einfallen.

Bemerkenswert sind im Übrigen die drei instrumentalen Übergangsstücke „iv“, „v“ und „vi“, die das Äquivalent zu „i“, „ii“ und „iii“ vom ebenso überzeugenden Vorgängeralbum „Pearl Mystic“ (2013) bilden und im Wesentlichen aus Drones bestehen, sozusagen als Ruhe zwischen dem Sturm. Das hohe Niveau halten Hookworms bis zum letzten, nochmals druckvollen Stück „Retreat“ durch, Langeweile kommt hier nicht auf.

Hookworms – Retreat

Ihr seht mich erfreut.

The Hum. Kann man mal hören.

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Arenna – Given to Emptiness

Arenna - Given to EmptinessNoch so ein Album, das man nicht unerwähnt lassen sollte. Arenna – mit Doppel-N, nicht die schlimme Neoprogkapelle des ehemaligen Marillion-Schlagzeugers – ist ein spanisches Quintett, das 2015 nach vier Jahren sein zweites Album „Given to Emptiness“ veröffentlicht hat.

Was mich an spanischer wie an italienischer Rockmusik meist besonders stört, ist der Gesang in der Landessprache – nicht, weil mir die Kenntnisse fehlten, dem Text inhaltlich zu folgen, sondern, weil es einfach nicht gut klingt; wohl wissend, dass das subjektiv ist. Arenna umgehen dies, indem sie einfach auf Englisch singen. Nun könnte man eigentlich mal wieder Götz Alsmann huldigend zitieren, der einmal sagte, man könne in einer fremden Sprache keine Texte schreiben, die von Herzen kommen, und damit wahrscheinlich sogar Recht hatte, und sich nicht entscheiden können, ob man nicht vielleicht doch lieber schlechter klingenden Gesang gehabt hätte oder gleich gar keinen, obwohl man die Texte dann wiederum wahrscheinlich insgesamt vermissen würde. Man könnte aber auch einfach zur Abwechslung mal das Gute hervorheben: Das sonst stiltypische anstrengende Überfrachten des Gesangs mit Echoeffekten besticht hier durch Abwesenheit.

Ach, der Stil. Das hatten wir ja noch gar nicht.

Ist aber auch gar nicht so schwierig, denn eigentlich ist „Given to Emptiness“ vorrangig eine Stoner-Rock-Platte, wie Stoner Rock eben so klingt, nämlich vor allem laut: Gitarrenbreitwände, die sich zu einem musikalischen Rausch verdichten, den man in jeder Faser spürt. Fünf Sterne auf Amazon, sonst ja nicht gerade ein gutes Bewertungsportal für Qualitätsmusik. – Nein, Arenna machen das wirklich großartig.

Die Frage, ob sie’s könnten, einmal beiseite gelassen (denn das können sie): Das übliche „mehr vom Gleichen“ ist hier nicht zu erwarten. Hören wir nach dem die Messlatte in Schwindel erregende Höhen hängenden Anfang „Butes“, noch ein wenig benommen vom Staunen, doch mal in das fast neunminütige „Chroma“ hinein. Ist das Pink Floyd? Es gibt keinen Gesang, dafür den David-Gilmour-sound in den Gitarren, der sich allmählich zu einer Psychedelic/Stoner-Nummer verdichtet, die dabei nicht einmal gewollt klingt, sondern wie aus Versehen ins Schöne geraten.

Oder „Move Through Figurehead Lights“, ein bemerkenswertes Stück Folkrock und/oder Artverwandtes. So könnten Kansas klingen, wenn sie ihren weinerlichen Sänger ins Bett brächten und sich jemanden suchten, der singen und nicht jammern will.

Der Leere gegeben. Die Augen zu und immer ein wenig neben dem Rhythmus nicken, weil man taktlos ist.

Gute Reise.

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Karokh – Needle, Thread & Nail Polish

Karokh - Needle, Thread & Nail PolishWisst ihr noch, Karokh? Waren sie 2014 noch eine Überraschung für mich, so hatte ich sie im Folgejahr doch wieder völlig aus den Augen verloren. Um so erfreulicher ist ihre Rückkehr in zumindest mein Bewusstsein.

Nur 31:31 Minuten lang ist das mit einem kurzen Tweet angekündigte zweite Album der sieben Osloer, dafür gibt es außer MP3 auch Vinyl dazu. „Nadel, Faden und Nagelpolitur“, früher haben sich nur schlimme Folkbands solche Titel ausgedacht, aber früher gab es auch viel zu viele davon. Dies jedoch ist Karokh. Karokh ist gut. Hören wir doch mal rein.

„Poke“ beginnt mit zurückgehaltenem Gitarrenrhythmus, es klingt nach Südsee und ein bisschen Grunge. Es setzen Trompete und Synthesizer ein – ah, doch keine Karibik-CD, sondern feiner Jazzrock mit Genreausflügen in interessante Richtungen. Ina Sagstuen ist noch immer eine beeindruckende Sängerin mit Talent zur Vokalakrobatik, überhaupt ist Gleichförmigkeit für das Septett noch immer nicht von Bedeutung. Wohl kalkulierte Misstöne erinnern daran, dass man dem RIO (mitunter: Thinking Plague) näher ist und bleiben will als dem Beliebigkeitspop. Dass weite Strecken des Liedes mit einem eingängigen Kopfnickrhythmus unterlegt sind, kontrastiert das schräge Hauptprogramm, dessen gefühlte Dissonanz es nahezu unmöglich macht, diesem Drang nachzugeben, vortrefflich. Ich mag das.

Apropos Kontraste: Lasst euch von „Smile“, etwa vier Minuten lang ein quasi minimalistisches, hypnotisches Stück, nicht in falscher Sicherheit wiegen; seine verstörende zweite Hälfte, eine recht wilde Schlacht der Instrumente, lässt keine Einwände mehr gelten. Dagegen klingt „Boogies“ teils geradezu düster nach einem surrealen Traum, in dem Primus und Devo gemeinsam Peter Hammill covern (oder umgekehrt), wäre da nicht der widerspenstige Bass, der sich in die Wahrnehmung fräst und wie zum Trotz auch als letzter Ton abklingt. Leichte Kost ist ja dann doch eher was für „SPIEGEL ONLINE“ als für unsereinen; das haben wir jetzt davon.

Das Titelstück als vorletztes: Ah, Sechziger-Jahre-Rock. Oder? Nein, eine Explosion:

Karokh – Needle, Thread and Nail Polish

Das viereinhalbminütige und in seiner Eingängig- und Kantenlosigkeit beinahe singletaugliche „Chude“, das das Album beschließt, rundet es zugleich würdig ab. Karokh haben sich auf ihrem Zweitling nicht einfach „weiterentwickelt“, wie man es ja gern umschreibt, sondern sind noch experimenteller, noch verspielter geworden. So kann es bleiben.

Die Plattenfirma für das Album heißt „No Forevers“. Hoffentlich ist das nicht ernst gemeint.

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Kurzkritik: Terminal Function – Measuring the Abstract

Terminal Function - Measuring the AbstractWie geil ist das denn?

Aus Gründen, die für mich selbst gerade nicht offensichtlich sind, fand ich auf meinem digitalen Musikwühltisch kürzlich das Album „Measuring the Abstract“ einer Band namens Terminal Function. Das klingt jetzt nach Elektrokäse, es ist aber – ja, was eigentlich?

Fest steht zumindest, dass es sich um fünf Herren aus Schweden handelt, deren aktuelles Album „Clockwork Sky“ 2015 veröffentlicht wurde und das auf Amazon.de mitunter von Leuten gekauft wird, die auch die Band Animals as Leaders schätzen, was nicht nur musikalisch eine spannende Referenz ist. „Measuring the Abstract“ ist allerdings das Debütalbum, 2008 veröffentlicht, und ich mag es.

Das Dargebotene erinnert an Bands wie TesseracT und Meshuggah, laut Eigenbeschreibung – dort gibt es das Album übrigens als Komplettstream – waren aber auch Dream Theater ein Vorbild. Die Plattenfirma etikettiert fleißig mit Pseudogenres wie „Extreme Brutal Death Metal“, und hört man nicht so genau hin, wenn Frontmann Victor Larsson heiser gegen das wahre Instrumentalgewitter anschreit, dann mag man das für treffend halten; ich selbst würde aber selbst dann Psychedelic-Mathcore-Postdjent bevorzugen, denn das hier ist mehr, weit mehr als nur Brüllen, Grunz und Röcheln.

In den acht Stücken, die zwischen 1 und 7 Minuten lang sind, gibt es mehr Takt- und Stimmungswechsel als in der Politik der F.D.P.; überhaupt: immer wieder Meshuggah (gleichfalls aus Schweden; alter Schwede!). Hier wird nicht nur gebrettert, hier bleibt auch Platz für ein wenig Chorgesang:

Terminal Function – Room 101

Ein Album zum Abhotten. (Sagt man das noch, „abhotten“?)

Yeah, sozusagen.

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Kurzkritik: Kula Shaker – K 2.0

Kula Shaker - K 2.0Ein Jahr kann anscheinend gar nicht so jung sein, dass es nicht schon musikalisch zu begeistern wüsste. Nach dem etwas mauen Anfang des Jahres 2016 mit dem schnarchlangweiligen Sternenalbum des grotesken Popstars David Bowie kommt aktuell aus, immerhin, Großbritannien etwas Abwechslung ins Heim, namentlich das neue Album „K 2.0“ des Quartetts Kula Shaker.

Man möge sich nicht täuschen lassen: Die angebliche Magie des Buchstaben „K“, die die Bandgeschichte seit der frühen Umbenennung in „The Kays“ begleitet, mag in diesen Titel eingeflossen sein, eine bloße Fortsetzung oder gar Neueinspielung des nunmehr zwanzigjährigen Debütalbums „K“ aber ist hier nicht erfolgt. Das wäre auch zu einfach. Alte Stärken aber bleiben bestehen.

Mit „Infinite Sun“ eröffnen indische Klänge wie einst bei den Beatles das Album, ein Chor singt indianische Weisen und neuheidnisches Liedgut: We are one in the infinite sun / fly like an eagle // She changes everything she touches / and everything she touches changes. Esoterisch? Nein. Abgedreht? Natürlich!

Die Beatles, apropos, sind hier ohnehin allgegenwärtig, vielleicht auch, weil Crispian Mills mitunter gesanglich nicht allzu weit von John Lennon entfernt ist. Von Eintönigkeit auszugehen täte Kula Shaker trotzdem Unrecht: Auf „K 2.0“ stehen Psychedelic Rock („Infinite Sun“), Funkrock („Get Right Get Ready“), Country („Death Of Democracy“, trotzdem ganz in Ordnung) und der beinahe unvermeidliche Britpop („Mountain Lifter“) harmonisch nebeneinander wie sonst nur weniges.

Kula Shaker – Infinite Sun

Jetzt bloß nicht nachlassen, 2016.

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KoMaRa – KoMaRa

KoMaRaWelch schöner Krach!

So gern ich mich auch mit musikalischem Wohlklang befasse, so gern schweife ich doch immer wieder ab. Manchmal, wenn Weltschmerz Schönes zu bitterem Witz werden lässt, ist Sanftheit vielleicht auch nicht das Rechte. Ein Hoch gibt es da auf Combos wie KoMaRa auszusprechen, die die Lust am Kontra ausleben.

KoMaRa sind die drei Herren David Kollar (slowakischer Experimentaljazzgitarrist), Paolo Raineri (italienischer Trompeter) und der Schlagzeuger Pat Mastelotto (King Crimson, Mr. Mister, Stick Men, HoBoLeMa, ToPaMaRa und manch weiterer Zeitvertreib), die sich 2014 zusammengetan haben, um gemeinsam einer bemerkenswerten Spielart modernen Jazzes ihren Tribut zu zollen. Ihr gemeinsames Debütalbum, das ebenfalls, glaubt man dem Internet, den Namen „KoMaRa“ trägt, war im Jahr 2015 in mancher Bestenliste zu finden und hat sich meiner Aufmerksamkeit dennoch bisher erfolgreich entzogen. Zeit, das zu ändern.

Pat Mastelotto, David Kollar, Paolo Raineri – KOMARA live in Prague 2014

Zwar sind vereinzelt mal geflüsterte, mal wie aus der Ferne gerufene Sprachbeiträge von Paolo Raineri und mit den Gaststimmen von Leashya Fitzpatrick-Munyon und Bill Munyon zu hören, aber „KoMaRa“ ist über weite Strecken hinweg ein Instrumentalalbum. Das ist prima, denn auf Gesang ist diese Musik auch keinesfalls eingestellt. Dumpfes Schlagzeug, düstere Elektronik und verstörende Trompeten ergeben eine Mischung, die den Kopf angenehm freibläst.

Bereits das erste Stück „Dirty Smelly“ – ein Titel, der das seltsame Coverbild dieses Albums ganz gut abbildet – verheiratet eine Free-Jazz-Adaption der 80er-Trilogie der eigens reformierten King Crimson mit Experimentalrock von Boris’scher Qualität, das folgende „37 Forms“ vereint nach beinahe harmlos jazzigem Beginn einen atmosphärischen Postrock mit RIO/Avant-Fetzen und Hardrockeinsprengseln. Eine bedrohliche Stimme murmelt etwas, das wie eine Verwünschung klingt, und wird sogleich wieder vertrieben von der irrlichternden Trompete. Übertroffen wird dieses herrliche Durcheinander schließlich vom dissonant-hektischen „Afterbirth“ und dem seltsam zerrissenen „God Has Left This Place“, das nach weiterem Murmeln übergeht in eine bizarre Klangwelt, deren mechanisch-blecherner Rhythmus immer wieder von verzweifelten Misstönen von Elektronik, Trompete und den beiden Ergänzungsstimmen zerschnitten wird. „I have to get out!“

Mit „Inciting Incidents“ – spoken words über Rauschen – findet dieses Album einen angemessenen Abschluss. Die Orientierungslosigkeit, die sich nach seinem Ausklingen einstellt, fühlt sich eigentlich gar nicht schlecht an.

Wahrlich: ein schöner Krach.

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Musik 12/2015 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 1 von 18 der Serie Jahresrückblick

Die bisher schönste Nachricht des Jahres 2015 war es, dass Phil Collins nie wieder ein Lied komponieren möchte. Das ist vielleicht in der gewaltigen Nachrichtenmenge völlig untergegangen; vor nicht allzu langer Zeit berichtete Stefan Niggemeier in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ davon, dass Claus Kleber anlässlich seiner Honorarprofessur beklagte, dass die Jugend zu einem bedeutenden Teil Nachrichten nur noch häppchenweise statt in vollständiger Darbietungsform zur Kenntnis nehme; im selben Artikel war davon die Rede, dass es Nachrichten also so gehe wie Musik. Offensichtlich ist die Jugend über die Schönheit aktueller musikalischer Kleinode gar nicht mehr informiert (das liegt bestimmt an den zu kurz zusammengefassten Nachrichten). Höchste Zeit also, dass wir uns wieder einmal mit der primasten Musik des Jahres 2015 befassen.

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Kurzkritik: Grünlich Grau – Niederstes Gewänz

Niederstes GewänzGewänz. Was zur Hölle ist Gewänz?

Fest steht, dass in den 1990-er Jahren eine Band des Namens „Niederstes Gewänz“ wirkte. Offenbar geht diese Wortkreation zurück auf ein Zitat aus dem 1993 veröffentlichten Film „Doc Snyder hält die Welt in Atem“ von – wem auch sonst? – Helge Schneider. Ist doch albern. Woher „Grünlich Grau“, der Name der im Folgenden gemeinten Musikgruppe, stammt, konnte ich allerdings nicht eindeutig herausfinden.

Worum geht es? Nun, Grünlich Grau machen im positiven Sinne bekloppte Musik. Auf dem Album „Niederstes Gewänz“ schreiten „Kalle“, „Hannes“, „Kranz“ und „Frieder“ schleunig durch die Stile, vom 70er-Politrock („Bunker“) über Techno („Spacesurfer“) bis zu wirrstem RIO („294: Der Geschmack der Vorrichtung“) ist alles dabei. Die Sprache der (wenigen) Texte ist mal Französisch, mal Englisch und mal Deutsch; das ist, wie der geneigte Musikfreund spätestens seit Eclipse Sol-Air weiß, keineswegs verwirrend, sondern wunderbar passend. An Humor mangelt es der Band ohnehin nicht: Der Text von „Bunker“ zum Beispiel, so behauptet’s die Presseinformation, stamme von Hans Sprungfeld.

Auf Bandcamp.com und per eMule kann man sich das ganze verdammte Ding herunterladen, bei ersterer Möglichkeit auf Wunsch auch gegen eine Spende in beliebiger Höhe. Ich lege dies nahe.

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Von Hamstern und Toten (sowie: Electric Wizard – Time to Die)

Ah, es ist mal wieder Feiertag; nicht irgendein Feiertag, sondern der Feiertag:

Alarrrrma! Hamsterkäufe. Panik. Morgen gibt’s nix mehr. Übermorgen auch nicht. Nie wieder. Wir werden alle verhungern. Der Laden voll. Die Nerven blank. Die Honks in Hochform. Und der Wichser hinter mir fährt in meine Hacken. Könnt ja schneller gehen wenn er das tut.

Deutschland, du Land der liebenswerten Irren! Man sollte euch Kalender schenken, die zwei bis drei Tage vor einem eigentlich verkaufsoffenen, aber Feiertag in unregelmäßigen Abständen laut piepen und wild blinken und erst damit aufhören, wenn ihr eingekauft habt. Der Deutsche mag es nicht, wenn etwas laut piept und wild blinkt.

Wogegen der Deutsche allerdings nur wenig einzuwenden hat, denn sonst würde er aufhören, Parteien zu wählen, die die außenpolitische Nähe zu den USA befürworten, ist ja so was hier:

Während eines US-Luftangriffs in Kunduz wurde ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen getroffen, mindestens 19 Menschen starben. (…) Die US-Armee hatte am Morgen eingestanden, man habe in der Nähe des Hospitals Luftschläge ausgeführt, dabei könne es zu zivilen Opfern in dem nahegelegen Hospital gekommen sein. (…) Das Ziel der Luftangriffe in der nordafghanischen Stadt seien „Personen, die eine Gefahr für die Streitkräfte darstellten“ gewesen.

Das kann ja mal vorkommen. Muss man ja verstehen – da sitzen irgendwo Talibankämpfer im Gebüsch, da kann man auf so was wie ein Krankenhaus keine Rücksicht nehmen, da muss das Gebiet weiträumig eingeebnet werden. Sonst überlebt noch wer.

Was ja für ein Land mit durchschnittlich etwa einer Schießerei pro Tag (und das sind nur die erfassten) keine besonders radikale Haltung ist. Waffen schützen nun mal vor den Bösen, und ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass jemand, der kein Jäger ist und trotzdem eine Waffe trägt, ein Arschloch und kein Guter ist. Der zweite Zusatzartikel zur US-amerikanischen Verfassung implizierte im 18. Jahrhundert, dass jeder eine Muskete besitzen darf. Wie ungefährlich es doch in den Vereinigten Staaten wäre, besäße jeder nur eine Muskete!

Dazu passt vielleicht etwas Musik.

Electric-Wizard-Time-To-DieIn England, dem Land des Magiers Merlin, formierte sich 1993 eine Doom-Metal-Band namens „Electric Wizard“, „elektrischer Zauberer“ also. Inzwischen spielt die Gruppe mit dem vierten Schlagzeuger und dem fünften Bassisten ziemlich erfolgreich mit ihrem image, das trügt: Hinter Albumstiteln wie „Witchcult Today“ (2007) und „Legalise Drugs and Murder“ (2012) steckt letztlich Musik, die auch uns, die wir mit den meisten Spielarten des Metal nur bedingt etwas anfangen können, zu gefallen vermag. Vom guten Doom Metal zum guten Stoner-Rock ist es musikalisch nicht besonders weit. Ich persönlich nehme den Doom Metal einfach nicht ernst, dann macht er am meisten Spaß.

Auch auf dem aktuellen, 2014 veröffentlichten Studioalbum „Time to Die“ wird die Freude befeuert: Titel wie „Destroy Those Who Love God“ und „Lucifer’s Slaves“ amüsieren mich, wenn ich mir vorstelle, dass es vielleicht tatsächlich Leute gibt, die das alles furchtbar ernst nehmen. Dabei steckt hinter der Attitüde wirklich Hörenswertes:

Das Album beginnt mit dem Plätschern eines Baches. Allmählich setzen Schlagzeug und Orgelklänge ein, ein Erzähler hält einen kurzen Monolog und es wird schlagartig düster: „Incense for the Damned“ ist eine schneidende Gitarre über treibendem Bass- und Schlagzeug-Fundament, Frontmann Justin Oborn steuert verzerrten Gesang bei: “ I don’t give a fuck about anyone / or your society. I just need / incense for the Damned“, die Sex Pistols hätten es nicht besser ausdrücken können. Doom Metal ist vielleicht letztlich auch nur eine Spielart der Punkkultur, aber da kenne ich mich nicht besonders gut aus.

Electric Wizard – Incense For The Damned [HQ]

Das folgende Titelstück „Time to Die“ bleibt ohne weitere Auffälligkeit, interessanter ist das elfeinhalbminütige „I Am Nothing“, das mit seinem hypnotischen Rhythmus und der repetitiven Melodie, die beinahe vom Gesang, der in der zweiten Hälfte allerdings gar nicht mehr vorkommt, ablenken, denjenigen belohnt, der einen guten musikalischen trip zu würdigen weiß, aus dem man von den Sprachfetzen in „Destroy Those Who Love God“ nur vorübergehend herausgerissen wird, bis man in „Funeral of your Mind“ wieder in den Strudel gerät und dort bis zum letzten Stück, dem krautrocklastigen „Saturn Dethroned“, das wiederum mit einem Bachplätschern endet, in ihm gefangen (obwohl sich das wirklich gut anfühlt) bleibt. Das muss dieser „Höllentrip“ sein, von dem alle reden.

Prima Album, das.

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Kürzestkritik: Arenna – Beats of Olarizu

Beats of OlarizuOlárizu ist, so vermeldet’s das Internet, der Name einer Grünfläche in Spanien, die vor einigen Jahrhunderten einmal ein Dorf war. Mir ist nicht bekannt, wie es dort klingt, allerdings hat bereits 2011 die gleichfalls spanische Band Arenna – aktuelles Album: „Given to Emptiness“ – mit ihrem Debütalbum „Beats of Olarizu“ dies zu vertonen versucht.

Sechs Stücke zwischen fünf und 31 (davon etwa 11 Minuten Stille und einige Geräusche) prasseln hier auf den Hörer ein; wobei „Prasseln“ wahrscheinlich auch schon wieder das falsche Wort ist, denn die fünf Herren denken sich etwas dabei, was nicht nur eher untypische Liedtitel wie „Metamorphosis in Ic [0​,​9168 g​/​cm³]“ – es handelt sich, wie’s das Internet weiß, um die Dichte von Wasser bei 0 Grad Celsius – in Verbindung mit einem überdies dazu passenden Text implizieren. Zu hören ist knackiger Stoner Rock mit einem stilfernen Gesang, der über weite Strecken Jethro Tulls Ian Anderson in Erinnerung ruft, als er noch gut bei Stimme war.

Es scheint wirklich schön zu sein auf der Wiese.

Mir wird geschlechtMusikkritik
HMPLFRN: Miss Platnum lacht nicht zuletzt

1993 sangen Illegal 2001 auf ihrem Debütalbum in einem beachtlichen Refrain: „Mädchen sind doof / Mädchen sind doof, alle doof“. Von diesem Schock haben sich deutsche Musikerinnen sehr lange nicht erholt, bis schließlich Miss Platnum kam und deren Ehre zu verteidigen versuchte.

Miss Platnum, die Älteren unter uns erinnern sich womöglich noch an ihre klugen Gesangsbeiträge („yeah / oh“) in Marterias überdurchschnittlich gelungenem Gassenhauer „Lila Wolken“, ist laut Presseinformationen „ein nicht wegzudenkender Teil der urbanen deutschen Musikszene“. Für sie (wie für mich) sei „das alles Popmusik“, dennoch seien „Schubladen“ für sie „genauso uninteressant wie Gendertalk“.

Wirklich? In ihrem derzeit vielerorts zu hörenden „Lied“ „MDCHN (Mädchen sind die besseren Jungs)“ (sic!) – leider lässt sie die Vokale beim Intonieren nicht weg – hört sich das ganz anders an.

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Katie Dey – asdfasdf

katie dey - asdfasdfVor ein paar Jahren, als YouTube noch cool und nicht von blondierten Dummen mit anstrengender Stimme und geschminkten dreizehnjährigen Jungs bevölkert war, machten sich Menschen mit einem unfassbar schwarzen Humor daran, dort Dinge zu veröffentlichen, die fürderhin zum Teil kultisch verehrt wurden, darunter die „asdfmovies“ (ass-duff-movies).

asdfmovie 1-8 (Complete Collection)

Bei Nico, der nach elf Jahren und ungezählten Rückzügen von der Bloggerei zum Glück immer noch ab und zu über Musik berichtet, fand ich jüngst ein ebenso verschrobenes Werk von der mir zuvor unbekannten Musikerin Katie Dey. Der Name der EP: „asdfasdf“. Das kann man sich gut merken.

Das Minialbum klingt skandinavisch, ist aber australisch. Eine eigenartige Klangmischung aus sigurrósquem Ambient („fear o the dark“), Poprock von einer ausgeleierten Kassette („unkillable“), Lo-Fi-Noiserock („h o e“) und Dubstepelementen überrascht den Hörer mit einer Eingängigkeit, die zusätzlich verwirrt.

katie dey – fear o the dark

Ein Musik gewordenes WTF, das im noch vergleichsweise unverbrauchten 2015 bisher eine Ausnahmeerscheinung darstellt. Ich mag das.

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Larry Coryell – The Lift

Och nööö...Glück im Unglück aus der EU: Netzneutralität wird vielleicht wieder gestrichen, dafür sind Auslandstelefonate vielleicht bald noch günstiger. Telefon, ihr wisst schon, diese App mit dem komischen Symbol, die ihr noch nie gebraucht habt.

Andererseits ist Montag, und der Montag verschlingt, was sich ihm in den Weg stellt. Fast ebenso verschlungen sind die Pfade, auf denen mir das Album „The Lift“ von Larry Coryell über den Weg lief. Larry Coryell ist ein US-amerikanischer Jazzgitarrist, der in den 1970-er Jahren mit Größen wie Charles Mingus zusammen gespielt hatte und nebenbei noch Zeit für seine eigene Fusionband The Eleventh House fand. Auf seinem aktuellen – es sind inzwischen über sechzig – unter eigenem Namen veröffentlichten Album „The Lift“, aufgenommen 2012, ist gitarrengetragener, weitgehend instrumentaler Jazz zu hören, der sicherlich nicht der schlechteste ist.

Larry Coryell – Going Up

Guten Morgen.

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The Hirsch Effekt: holon : agnosie / Die Devolution der Popmusik

Musik, die wir hören, Musik, die uns begeistert; je neuer sie ist, desto schlechter scheint sie zu werden. Stimmt das? Gemäß einer jüngst veröffentlichten Studie über die Entwicklung der Popmusik in der schlimmen US-amerikanischen Hitparade von 1960 bis 2010 zumindest zum Teil: Zwar scheint der New Wave endlich überwunden, aber auch der Jazz geht zurück.

Genres

Der Trend geht zur Verflachung. Der Kropf links und in den charts ist der Hip-Hop. Woher die Rettung nehmen?

The-Hirsch-Effekt-Holon-AgnosieDie Rettung kann nur in Schüben erfolgen. Auch aus Deutschland? Ach, Helene Fischer und Heino; nein, Hannover. Doch, wirklich! Das verrückte Trio The Hirsch Effekt, das hier schon häufiger Thema war, schließt in diesem Jahr mit „holon : agnosie“ („das Seiende: Erkenntnis“) seine erste Albentrilogie würdig ab. Im April 2014 kündigten die Musiker an, das dritte Album werde „eingängiger“, sie würden ja auch nicht jünger. Zum Glück haben sie ihre Drohung nur sehr kurz wahrgemacht.

Du wirst Staub / bap bap badap, bap bap badap,
wie ich auch / bap bap badap, bap bap badap
Bezoar

Es gab bei allen Ähnlichkeiten inklusive der kryptischen Liedtitel allerdings tatsächlich einige Änderungen bei The Hirsch Effekt: Philipp Wende gab kurz nach der Veröffentlichung von „holon : anamnesis“ das Schlagzeug an Moritz Schmidt ab und die Texte haben fast vergessen, dass der Ich-Erzähler 2010 noch seiner Verflossenen nachgeweint hat. Wie einst King Crimson vollziehen auch The Hirsch Effekt auf „holon : agnosie“ eine Hinwendung zur Gesellschaftskritik, exemplarisch etwa auszumachen in „Jayus“ („Statt nach links und rechts / guckt jeder nur / in seine Scheiß-Hand“, die grassesquen Zeilenumbrüche sind Teil des Konzepts). Dankbar ist man den drei Herren dann zumindest für das Textblatt, denn wo auf dem Debüt noch zu sachten Melodien geschwelgt wurde, gibt’s inzwischen das volle Brett.

Die Agnosie, gleichsam eine Erlösung, ist trotz alldem beherrschendes Thema. Genug der invertierten Trauer. Dass „Fixum“, der Abschluss des eigentlichen „Holon“-Themas, bereits seit über einem Jahr auf Konzerten zu hören war und somit wohl das älteste Lied auf dem Album ist, mag erklären, wieso es den eleganten Brückenschlag von den „alten“ zu den „neuen“ Liedern schafft:

Schau dich noch zweimal /
jetzt um und /
lass bloß nichts liegen /
wenn du gehst /
Jedes Ende /
hat seinen /
Preis

Eingängig? Ach, woher denn! Es mathrockt die Gitarre, dass man vor lauter Taktzählen vergisst, sich beim Sitztanzen nicht wehzutun. Hannover. Da kriegt man früher oder später einen Haschmich.

Die Zumutung des Jahres und schon jetzt eines der Alben desselben, aber hallo. Und das Vinyl ist auch noch hübsch. Reinhören? Reinhören!

Rockt.

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Black Merda – Black Merda

Black MerdaIn meiner Musikgrabbelkiste fand ich heute das Debütalbum einer Musikgruppe namens Black Merda. „Black Merda“? Mit mierda hat das nichts zu tun, aber fremde Sprachen sind schon ein guter Anhaltspunkt. Vielmehr handelt es sich um eine afroamerikanische Schreibweise von „Black Murder“, was auch gleich viel schöner klingt.

Die Wurzeln von Black Merda liegen in den frühen 1960er Jahren, als eine junge Band, die Impacts, sich allmählich in die Soul Agents umbenannte und sich als musikalische Unterstützung für verschiedene Soul- und R&B-Künstler betätigte. Während ihrer Zusammenarbeit mit dem Soulsänger Edwin Starr wurden die anfangs drei, später vier Herren auf die Musik von The Who und insbesondere Jimi Hendrix aufmerksam, ihr Cover von „Foxy Lady“ (1967) zeigte bereits einen Stilwechsel an. Tatsächlich verwandelte die Musik der Soul Agents sich in den folgenden Monaten immer mehr in einen psychedelischen Funk mit Souleinschlag; 1968 erfolgte schließlich die endgültige Entscheidung für einen Neuanfang als Rockband namens Black Murder (wissenschon, Rassenverfolgung und so).

Namen hin oder her – 1970 folgte schließlich die Veröffentlichung des Debütalbums und ich sehe, dass es gut war. Das Genre: Unverändert. Schüfe ich Genrenamen, nännte ich’s Soulfunk, aber das gibt es bestimmt schon.

Don Was – Black Merda – "Cynthy-Ruth"

Textlich, oh Lord, ist auf dem Album zum Teil offensichtlich, aus welcher Notlage heraus die afroamerikanische christliche Musik des 20. Jahrhunderts entstand und wie tief sie sich ins kollektive Bewusstsein eines Volkes eingegraben hat. „That’s The Way It Goes“ (hier) und „I Don’t Want To Die“ – diese Titel! – sind neben obigem „Cynthy-Ruth“ die Lieder des Albums, die es stilistisch zusammenfassen: Jimi Hendrix trifft auf Gospelgesang und Herbie Hancock. Ich bin begeistert und nicke ein bisschen am Takt vorbei.

Mit dem zweiten Album „Long Burn the Fire“, 1972 veröffentlicht, hatte man seitens der Vermarkter allerdings schon wieder das Interesse an Black Merda (inzwischen als „Mer-Da“ beworben) verloren. Das waren turbulente Zeiten. Die Mitglieder zerstreuten sich und nahmen ihre Tätigkeiten als Studiomusiker wieder auf. 2005, ein Jahr nach dem Tod ihres früheren Schlagzeugers Tyrone Hite, kamen Black Merda wieder zusammen und veröffentlichten weitere neue Studioalben.

Manchmal kommen sie wieder.


Nachtrag, apropos: Das dritte Album von The Hirsch Effekt ist da und es ist super. Mehr dazu später.