Archiv für August 2011

KaufbefehleMusikkritik
The Book of Knots – Traineater

Während ich heute mein freitägliches Lauschpensum absolvierte, erreichte außer einer Menge belanglosen Zeugs auch dieses eine Album meine Ohren und ließ mich interessiert aufhorchen.

The Book of Knots ist ein Musikerkollektiv aus New York, das sich für (vorerst) drei Alben mit einigen Gastmusikern zusammengefunden hatte, mit „Garden of Fainting Stars“ in diesem Jahr den Abschluss der Trilogie veröffentlichte und nun vielleicht weiter existiert, vielleicht aber auch nicht. „Traineater“, „Zugesser“, ist das zweite Album und erschien 2007.

Die beteiligten Musiker stammen überwiegend aus dem Avantgarde-Metal-Sektor um die mittlerweile aufgelösten Sleepytime Gorilla Museum. Als Gastmusiker sind unter anderem Tom Waits und Trey Spruance zu hören, woraus man bei entsprechendem Hintergrundwissen schon erahnen kann, wie das Album so klingt. Besitzt man dieses Hintergrundwissen nicht, so fällt die Beschreibung etwas ausführlicher aus:

Im Kern besteht The Book of Knots aus Matthias Bossi (unter anderem Schlagzeug und Gesang), Joel Hamilton (unter anderem Gitarren und Gesang), Tony Maimone (diverse Bässe und Gesang) und seit „Traineater“ auch Carla Kihlstedt (unter anderem Geigen und Gesang), nicht zu verwechseln mit Carla Bozulich, die, wenn ich nicht irre, hier lediglich als Gastmusikerin den Gesang in „View From The Watertower“ übernimmt.

Das zentrale Thema von The Book of Knots lautet „Niedergang“. Handelten die Texte auf dem Debüt von dem Niedergang der US-amerikanischen Fischerdörfe, so ist es auf „Traineater“ der „Rostgürtel“, der nordamerikanische „Ruhrpott“ also, dessen langsames Siechen hier besungen wird. (Einige Leser kennen dieses Prinzip vielleicht von der Band Big Big Train, die auch gern ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückgreift, allerdings in die britische.) Anders (etwas esoterischer) ausgedrückt:

The Book Of Knots erzählen auch auf ihrem zweiten Album nicht etwa die pathetische Science Fiction einer Revolution der Maschinen, sondern inszenieren die stoische Zerstörungskraft einer riesigen, außer Kontrolle geratenen Hurrikan-Apparatur, der es herzlich egal ist, ob sie Rosenfelder niedermäht oder irgendeinen Cyborg zum nächstbesten Bauernopfer zermatscht.

Das klingt geschrieben so radikal wie gehört, besticht aber gerade auch durch seine melodiösen, beinahe ruhigen Momente, die dem Hörer zwischendurch auch mal ein wenig Verschnaufpause gewähren. Es muss ja nicht immer hoch hergehen. Belege gefällig?

Auf YouTube gibt es zum Beispiel das großartige „Pray“ mit dem bereits erwähnten Tom Waits zu hören und das eröffnende „View From The Watertower“ ohne Tom Waits in einer nicht üblen Liveversion zu sehen. Wer es mag, der möge es kaufen. Der Rest möge die Augen verdrehen, „was für ein schrecklicher Lärm!“ skandieren und sich wieder seiner Easy-Listening-Radiobeschallung zuwenden. Aber zumindest ist er dann um eine Erfahrung reicher.

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt LV: Gedankenverbot

Die tolle Idee des Tages kommt von David Cameron, Premierminister von Großbritannien, der Proteste in einer Demokratie eigentlich ganz gut findet, so lange sie weit weg stattfinden, und darum erwägt, dem ungezogenen Pöbel einfach das Internet wegzunehmen:

Der britische Premier droht den Krawallmachern mit der Armee – und überlegt, ihre Nutzung von Netzen wie Facebook und Twitter zu beschränken.

Eine Rebellion des Volkes ist nämlich nicht etwa ein Zeichen dafür, dass die gegenwärtige Regierung womöglich ein paar nicht ganz unbedeutende Fehler gemacht hat, sondern nur so eine Phase. Es liegt nahe, dass die Proteste umgehend verstummen, wenn Facebook und Twitter nicht mehr gehen; das hat in Ägypten ja auch gut funktioniert, wo man aufgrund laufender Proteste einfach mal den Stecker gezogen hat.

Im Februar 2011 forderte David Cameron übrigens den Rücktritt des libyschen Staatsoberhauptes Gaddafi, da dieser friedliche Proteste im eigenen Land mit militärischen Mitteln zu verhindern versuchte. Dieser David Cameron nun erwägt ebenfalls den Einsatz von Wasserwerfern, um die (allerdings nicht gleichfalls friedfertigen) Protestanten zum Schweigen zu bringen. Die passende Reaktion darauf lautet so: Muammar al-Gaddafi fordert David Camerons Rücktritt, die Proteste seien ein Zeichen dafür, dass er unfähig sei zu regieren.

Wäre ich David Cameron, würde mir das zu denken geben; leider ist aber schon David Cameron David Cameron, und ob David Cameron viel darüber nachdenkt, was außerhalb seines Büros so geschieht, weiß ich nicht so genau. Spätestens jetzt aber bin ich überzeugt davon, dass man das zumindest ein bisschen in Zweifel ziehen sollte.


Nachtrag: Zu den möglichen Folgen der Proteste hat Stefan Sasse noch ein paar lesenswerte Gedanken geäußert.

PersönlichesWie die Anderen
Wie die Anderen (1): Milch und Zucker

(Vorbemerkung: Dies ist der Auftakt zu meiner losen Reihe „Wie die Anderen“, diesmal inspiriert von Caschy.)

Dürfte vielleicht einigen meiner Leser nicht bekannt sein: Ich bin ja beruflich und in der Freizeit vor allem Informatiker. Und was macht ein Informatiker so, wenn er nicht gerade an seinen Gadgets rumspielt oder seine sozialen Profile aufhübscht? Klar – er trinkt Kaffee.

Wer kennt das nicht? Man kommt morgens, mittags und abends einfach nicht in die Hufe. Wir Informatiker haben da Abhilfe: Einfach die Kaffeemaschine befüllen, anmachen und kurz warten. Geht easy-peasy und ruckzuck. :wink:

Blöd nur, wenn man seinen Kaffee gern mit Milch trinken würde, denn dann wird erst Unboxing fällig. Das macht normalerweise tierischen Spaß, ist aber bei Milch nicht leicht. Zwischen den Deckel und das Naturprodukt haben die Abfüller nämlich manchmal noch so ein Ding geschraubt, das man ganz easy-peasy abziehen können soll. Sitzt aber meist bombenfest, das Ding. Gibt es zum Beispiel mit Ring oben dran und sieht hinterher so aus:

Lust auf Kaffee hat man dann allerdings eigentlich keine mehr. Bloß nicht auf Zucker umsteigen. Alternativen? Fehlanzeige. :-S

Zu gewinnen gibt es diesmal nichts, aber ich frage mal in die Runde: Und ihr so?

(Nachbemerkung: Sollte ich eine der Marotten der in dieser Reihe parodierten Blogger versehentlich nicht eingebaut haben, so seid ihr natürlich herzlich eingeladen, es besser zu machen – gern mit Trackback und/oder Kommentar hier unten drunter.)

In den NachrichtenMusikPersönliches
Prominentenseuche gebrochenes Herz

Vor all der Panik wegen verzockter Milliarden an nicht einmal real vorhandener Währung wird doch glatt vergessen, dass auch weiterhin Leute sterben. Um eine leidlich brauchbare Überleitung hinzubekommen, hole ich aber mal etwas weiter aus:

Vor einigen Tagen fuhr ich mit dem Regionalzug durch die Gegend. Ich schätze die Regionalzüge hier sehr, denn sie bieten reichhaltige Einblicke in menschliche Abgründe. In besagtem Regionalzug nun, mir schräg gegenüber, saß, sommerlich gekleidet, ein nicht unhübsches Mädchen von etwa 16 Jahren, das sich, wie man trotz ihrer Ohrhörer vernehmen konnte, der Techno- oder jedenfalls Ravemusik hingab. Mit dem Rücken ihr zugewandt saß ein bärtiger Mann mit Hut, der aussah, als würde er im Dezember seine Rente als Nikolaus aufbessern.

Diesen Mann nun hatte keinesfalls der Geist der Weihnacht erfüllt, denn er stand irgendwann auf, drehte sich um, beugte sich über sie und nuschelte „mach das aus, das stört mich“ in seinen beeindruckenden Bart hinein. Ich überlegte, ob ich einwerfen sollte, dass ich mich in meiner Gemütsruhe eher von seinem Gemurmel als von ihrer Beschallung gestört fühlte, aber da saß er auch schon wieder, und die Musik blieb, wie sie war; daher widmete ich mich wiederum lauschend den übrigen Reisenden.

Irgendwann stand der grimmige Herr dann auf und verließ den Zug. Allerdings nahm er hierfür einen kleinen Umweg in Kauf, nur um an dem nicht unhübschen Mädchen vorüberzugehen und sie nochmals ob ihres Hörverhaltens als Störerin bezeichnen zu können. Wieso ihm das nun, da er den Zug ohnehin verließ, noch so wichtig war, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, das Mädchen jedenfalls wandte sich anschließend ihren offenbaren Freundinnen zu, die vor ihr saßen, und in breitem Jugendslang und wild gestikulierend spotteten sie über das betagte Verhalten des betagten Herrn.

Tja, werden nun die Leser einwenden, da treffen wieder völlig unterschiedliche Generationen und Gesellschaftsschichten aufeinander, und mit über 60 ist man dann so, wie man mit unter 20 nie sein wollte. So unterschiedlich sind ihre Sorgen aber gar nicht.

In dieser Woche zum Beispiel sind die Boulevardmagazine im Zeitschriftenregal erfüllt von Trauer, weil zwei Personen des öffentlichen Lebens abgenippelt verstorben sind. Den Tod von Amy Winehouse thematisierte ich ja bereits. „Wer ist Amy Winehouse?“, fragen nun die älteren Menschen. Amy Winehouse, das antworte ich ihnen, war eine Sängerin, die beim vorwiegend jungen Publikum beliebte Weisen intonierte. Vergleichbar ist sie etwa mit Bernd Clüver, gleichfalls inzwischen toter Musiker, dessen „Junge mit der Mundharmonika“ einst ebenfalls Massen begeisterte.

Und so prangte heute in trauter Einigkeit in nämlichem Zeitschriftenregal das Gesicht von Amy Winehouse gleich neben dem von Bernd Clüver. Und während man bei der BRAVO spekulierte, ob Frau Winehouse wohl an gebrochenem Herzen starb („Starb sie an gebrochenem Herzen?“), ist man bei der „Neuen Post“ bodenständiger genau so überdreht esoterisch und fragt anlässlich Herrn Clüvers Ablebens: „Starb er an gebrochenem Herzen?“.

Das mit dem gebrochenen Herzen scheint ja eine brandgefährliche Sache zu sein. (Ob daran die Killerspiele schuld sind?)
Da ist es beinahe schon beruhigend, dass ein berühmter Toter garantiert an etwas anderem verstarb: Knut.

(Danke an V.!)

Wie die Anderen
Wie die Anderen: Ein Experiment

Eine Ankündigung in eigener Sache:

Seit ich hier wieder etwas regelmäßiger schreibe, erfahre ich hin und wieder Kritik, ich würde stilistisch allzu deutlich von anderen Insinternetschreibern inspiriert, sei gar ein Kopist.

Wahr ist, dass mein Schreibstil, wie wohl der der meisten Menschen, die nicht nur schreiben, sondern auch lesen, im Laufe der Jahre von einigen Autoren beeinflusst wurde, gelegentlich auch von Bloggern. Falsch ist aber, dass ich deshalb gänzlich auf einen eigenen Stil verzichte. Um diese Kritik künftig etwas abzuschwächen, werde ich in den nächsten Wochen, vielleicht auch Tagen, versuchen, einige Beiträge im Schreibstil bekannter und vielleicht weniger bekannter Blogger zu verfassen, und hoffe, dass meine geneigte Leserschaft den Unterschied bemerkt. Zur Sicherheit werde ich jedenfalls diese Artikel gesondert kennzeichnen.

Anregungen nehme ich selbstverständlich gern entgegen.

KaufbefehleMontagsmusik
Nine Inch Nails – The Becoming

Eine Begebenheit erinnerte mich jüngst daran, dass „The Downward Spiral“ der großartigen Nine Inch Nails auch schon wieder 17 Jahre her ist:

NIN: The Becoming live at Sasquatch Festival 5.24.09 [HD]

The me that you know, he used to have feelings,
but the blood has stopped pumping and he is left to decay.
The me that you know, he is now made up of wires,
and even when I’m right with you I’m so far away.

Zeitlose Psychose.
(Reimt sich.)

FotografieSonstiges
Sparen Sie sich reich!

Heute in der beliebten Serie „Die Qualitätsoffensive der Bahn“:

Sparpreise!

„Im September (2010, A.d.V.) wird der Vorstand weitere Schritte unserer Kunden- und Qualitätsoffensive verstellen“, kündigte Grube bei der Vorstellung des Halbjahresergebnisses der Bahn an.

:?

Sonstiges
Party/-innen

Termini, die man erst seit der Allgegenwart des postfeministischen Sexismus nicht einmal mehr lesen kann, ohne kurz innezuhalten:

(Und dann entdecken, dass da entweder ein Bindestrich fehlt oder ein Schrägstrich überflüssig ist, endlich den Zusammenhang verstehen, ein wenig schmunzeln und was anderes machen.)

Netzfundstücke
Erschreckend: Apple.

In einer Welt, die täglich neue Hiobsbotschaften für ihre Bewohner bereithält, ist es nur mehr wenig verwunderlich, dass selbige in ständiger Angst leben. Fröhliche Beschwingheit ist seit dem 11. September ohnehin verpönt, Sorglosigkeit als Naivität verschrien.

Die Welt ist nicht mehr groß und weit und spannend, sie ist erschreckend. Das schlägt sich auch in unserem Wortschatz nieder: Was ehedem mit mannigfaltigen Adjektiven ausgezeichnet wurde, ist in diesen schreckensreichen Tagen erschreckend.

Ein kurzer Blick in die Wikipedia, einen der beredtesten Zeugen menschlichen Sprachwandels und -verfalls, offenbart bereits: Menschen werden erschreckt, wenn sie Gesichter genau ablesen können, und bereits geringe Unwägbarkeiten wie das Versäumen eines Löschantrages und Geldknappheit bei Formel-1-Rennen versetzen sie geradezu in Panik. Noch erschreckender („mehr als erschreckend“) als das Erschrecken ist eigentlich nur noch die Gleichgültigkeit:

(…) Mary stirbt (…) an einem Herzinfarkt. Rays Reaktion darauf ist mehr als erschreckend: Völlig gleichgültig verfolgt er die Arbeit der Sanitäter (…).

Wen wundert es da noch, dass manch einem vor lauter Panik der Wortschatz entgleitet?

Unibody-Gehäuse mit erschreckend präzisen Kanten und Spaltmaßen findet man sonst nur bei Alternativmodellen aus eigenem Hause.

Die Welt ist voller Gefahren.
Es ist erschreckend.

Spaß mit Spam
Hallo freund

Diese Anrede höre ich üblicherweise nur in der Fußgängerzone, wenn der kleine Sohn einer offenbar recht liberalen Mutter mal wieder Dummheiten macht. Das klingt dann ungefähr so: „Hal-looooo?! Fre-heuuuund?!“ (Man stelle sich zur besseren Visualisierung jedes Wort auf der ersten Silbe betont, aber auf der letzten gebrüllt vor.) Aber es ist keine liberale Mutter, die dergestalt ihren Sohn rügend um meine Aufmerksamkeit buhlt, sondern eine gewisse „Natasha“. Und sie geht gleich ziemlich ran, die Gute:

Hallo,

Ich würde Sie gerne kennen lernen

Nun mal langsam: Warum, woher, wann; die üblichen technischen Daten eben?

Mein Name ist Natascha und ich bin 26 Jahre alt, ich lebe in Russland.

Das könnte das mit dem Kennenlernen dann vielleicht doch ein bisschen erschweren. Aber wie sind Sie eigentlich an „mich“ geraten?

Ich habe Ihr Bild in der Agentur von Bekannten und Sie mochten mich.

(Ich frage mich ja manchmal, was es in Russland so alles für Agenturen gibt, und will das dann eigentlich doch lieber nicht wissen.)

Immerhin geben Sie zu, dass Sie oberflächlich sind. Ehrlichkeit ist in diesen Dingen heutzutage ein wahrlich seltener Schatz geworden.
Aber wie muss man sich das nun eigentlich vorstellen? Man besucht also als russische Frau, die ihren Namen je nach Gusto buchstabiert, Bekannte in denen ihrer Agentur, und die Bekannten drücken einem dann mit den Worten „wir mögen dich, hier hast du einen Kerl“ – auf Russisch natürlich – mein Bild in die Hand? Mich fröstelt ein wenig.

Ich möchte besser kennen zu lernen mit Ihnen und zu entsprechen.

Dann entsprechen Sie erst mal, bevor Sie sich aufdrängen; ich kenne Sie immerhin nicht, und Russland erscheint mir dann doch außerhalb meiner gewünschten Reichweite.

Ich habe auch meine Foto.

Äh – ich gratuliere.

Wenn ich dich mochte, und Sie interessiert sind – bitte mailen Sie mir.

Ich fühle mich beinahe ein wenig geschmeichelt. Ihre Interessensgenossinnen pflegen anlässlich dieses Anliegens bedingungslose Forderungen zu stellen, Sie lassen mir die Entscheidung auch verbal frei. Dann bin ich mal so frei …

Warten auf Ihre Antwort.

Natasha.

… und nehme an, die Agentur Ihrer Bekannten wird Ihnen meine Entscheidung alsbald mitteilen. Schauen Sie einfach mal wieder dort vorbei!

Mit hinterhältigem Lächeln,
unleserlich.

In den Nachrichten
Tuten und Blasen

Und falls es echt noch jemandem nicht so ganz klar war, wieso einem die ganze Krise in den USA gerade irgendwie bekannt vorkommt, leistet man als überbezahlter Sesselfurzer doch gern mal Abhilfe:

Facebook-Anteilseigner Peter Thiel glaubt nicht an eine neue Finanzblase bei Internetunternehmen. Statt jetzt einzuknicken, müsse man noch viel stärker in Zukunftstechnologien investieren. Dem SPIEGEL sagte der Milliardär, die Hightech-Industrie verspreche weiter Wachstum und Fortschritt. (…) Thiel sieht nicht „den Wahnsinn von früher“ wiederkehren, sondern im Gegenteil eine „kulturelle Transformation“. (…) Das Silicon Valley sei nun an der Spitze gelandet, als einziger Ort, „der noch Wachstum und Fortschritt verspricht“.

Klar würde so ein Facebook-Anteilseigner nie sagen, dass es eine ziemliche Schnapsidee wäre, sein sonstwie ergaunertes Geld in das Web 2.0, was immer das jetzt genau auch sein soll, zu pumpen. Nein, diese Dotcom-Blase wird niemals platzen, denn anders als noch vor einem Jahrzehnt spekuliert man nicht darauf, dass die Unternehmen, in die man Geld investiert, satte Gewinne abwerfen, sondern nur darauf, dass der Markt, in dem sie sich etablieren wollen, stabil bleibt; was ja dann auch irgendwie dasselbe Ergebnis hat.

Gerade aus einer „Krise“ herausgerutscht und wieder ein paar Kröten auf dem Konto zeigt man sich in Investitionskreisen also wieder wagemutig. Man hat es allerdings auch leicht heutzutage, als Investor stinkreich zu werden, denn man muss kein Glück mehr haben oder gar ökonomische Weitsicht, sondern die jeweiligen Unternehmen versprechen Wachstum und Fortschritt, was selbstverständlich nur bedeuten kann, dass es bergauf geht und man sich mit dem Investieren besser ein bisschen beeilen sollte, und nicht etwa, dass so ein Unternehmen natürlich schön blöd wäre, möglichen Aktionären zu sagen: So, Leute, wir sind dann in Bälde mal pleite.

Die tatsächlichen Unternehmenswerte liegen eben im runderneuerten Web zweidreiviertel ebenso in der Cloud wie die Aussichten auf Gewinn aus diesen Unternehmenswerten. Die Logik scheint bestechend: So etwas ist ja erst vor kurzem gewaltig in die Hose gegangen, der kollektive Gemeinsinn macht den gleichen Fehler nicht zweimal in so kurzer Zeit und wird schon rechtzeitig die Kurve kratzen bekommen.

Und Peter Thiel hat das verstanden:

„Es gibt keine Blase, nicht bei Facebook, nicht bei LinkedIn und bei keinem der anderen bekannten Unternehmen“, so Thiel im SPIEGEL.

Denn das hätte sich ja wohl schon herumgesprochen, wenn es eine Blase gäbe, die kurz vorm Platzen ist, das hat ja damals auch schon gut funktioniert. Wo der tatsächliche Firmenwert von zum Beispiel Facebook liegt, dessen einziges stetes Kapital seine Kunden – vielmehr: ihre Daten – sind, wagt ein Facebook-Anteilseigner natürlich nicht zu hinterfragen. Wird schon alles seine Richtigkeit haben, sonst würde man den Wert wohl kaum so hoch schätzen.

Krise? Was für eine Krise?

KaufbefehleMontagsmusik
Suchtmaschine – Mortadella Normal

Suchtmaschine Live at CUBE Paderborn Mortadella Normal

Das montägliche Kopfnicken garantiert in dieser Woche die Band Suchtmaschine. Aber brecht euch nichts!