Vor all der Panik wegen verzockter Milliarden an nicht einmal real vorhandener Währung wird doch glatt vergessen, dass auch weiterhin Leute sterben. Um eine leidlich brauchbare Überleitung hinzubekommen, hole ich aber mal etwas weiter aus:
Vor einigen Tagen fuhr ich mit dem Regionalzug durch die Gegend. Ich schätze die Regionalzüge hier sehr, denn sie bieten reichhaltige Einblicke in menschliche Abgründe. In besagtem Regionalzug nun, mir schräg gegenüber, saß, sommerlich gekleidet, ein nicht unhübsches Mädchen von etwa 16 Jahren, das sich, wie man trotz ihrer Ohrhörer vernehmen konnte, der Techno- oder jedenfalls Ravemusik hingab. Mit dem Rücken ihr zugewandt saß ein bärtiger Mann mit Hut, der aussah, als würde er im Dezember seine Rente als Nikolaus aufbessern.
Diesen Mann nun hatte keinesfalls der Geist der Weihnacht erfüllt, denn er stand irgendwann auf, drehte sich um, beugte sich über sie und nuschelte “mach das aus, das stört mich” in seinen beeindruckenden Bart hinein. Ich überlegte, ob ich einwerfen sollte, dass ich mich in meiner Gemütsruhe eher von seinem Gemurmel als von ihrer Beschallung gestört fühlte, aber da saß er auch schon wieder, und die Musik blieb, wie sie war; daher widmete ich mich wiederum lauschend den übrigen Reisenden.
Irgendwann stand der grimmige Herr dann auf und verließ den Zug. Allerdings nahm er hierfür einen kleinen Umweg in Kauf, nur um an dem nicht unhübschen Mädchen vorüberzugehen und sie nochmals ob ihres Hörverhaltens als Störerin bezeichnen zu können. Wieso ihm das nun, da er den Zug ohnehin verließ, noch so wichtig war, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, das Mädchen jedenfalls wandte sich anschließend ihren offenbaren Freundinnen zu, die vor ihr saßen, und in breitem Jugendslang und wild gestikulierend spotteten sie über das betagte Verhalten des betagten Herrn.
Tja, werden nun die Leser einwenden, da treffen wieder völlig unterschiedliche Generationen und Gesellschaftsschichten aufeinander, und mit über 60 ist man dann so, wie man mit unter 20 nie sein wollte. So unterschiedlich sind ihre Sorgen aber gar nicht.
In dieser Woche zum Beispiel sind die Boulevardmagazine im Zeitschriftenregal erfüllt von Trauer, weil zwei Personen des öffentlichen Lebens abgenippelt verstorben sind. Den Tod von Amy Winehouse thematisierte ich ja bereits. “Wer ist Amy Winehouse?”, fragen nun die älteren Menschen. Amy Winehouse, das antworte ich ihnen, war eine Sängerin, die beim vorwiegend jungen Publikum beliebte Weisen intonierte. Vergleichbar ist sie etwa mit Bernd Clüver, gleichfalls inzwischen toter Musiker, dessen “Junge mit der Mundharmonika” einst ebenfalls Massen begeisterte.
Und so prangte heute in trauter Einigkeit in nämlichem Zeitschriftenregal das Gesicht von Amy Winehouse gleich neben dem von Bernd Clüver. Und während man bei der BRAVO spekulierte, ob Frau Winehouse wohl an gebrochenem Herzen starb (“Starb sie an gebrochenem Herzen?”), ist man bei der “Neuen Post” bodenständiger genau so überdreht esoterisch und fragt anlässlich Herrn Clüvers Ablebens: “Starb er an gebrochenem Herzen?”.
Das mit dem gebrochenen Herzen scheint ja eine brandgefährliche Sache zu sein. (Ob daran die Killerspiele schuld sind?)
Da ist es beinahe schon beruhigend, dass ein berühmter Toter garantiert an etwas anderem verstarb: Knut.
(Danke an V.!)



Du hast NIPPEL geschrieben!
Ich kann diesen Hinweis nicht gutheißen.
Killerspiele, Altgrüne, Zionisten und vorallem natürlich Griechen sind Schuld. Und vorallem weißt du was richtig Brandgefährlich ist? London.
Hihi, brandgefährlich…
Musst du auch nicht.
Nett von mir, nicht? <3
Keineswegs. Und nur, weil ich oben junge Mädchen erwähnte, muss ich hier kein Jungemädchenfeeling aufkommen lassen. Ich bitte meine geneigte Leserschar, die Nutzung merkwürdiger Zeichenketten wie “xD”, “<3” u.vglb. auf ein Minimum zu reduzieren.
Spießer, elender.
Ich darf das — ich bin alt.
Ach ja…damals: Ich erinnere mich, dass Du einst Deine Ausflüge zum Anlass genommen hattest, wesentlich ausführlicher über Deine Mitreisenden zu spotten. Diese Zeit wünsche ich mir nicht allein aus nostalgischen Gründen zurück.
Darf man hoffen?
Diesmal war die Erzählung über den alten Mann ja nur Zierde, daher fasste ich mich diesbezüglich etwas kürzer. Ich hoffe ebenfalls, es ereignet sich wieder einmal etwas, das eine ausladende Beschreibung verdient.
dann solltest du einfach öfter mit der Bahn fahren.
Das wäre nicht im Interesse meiner geistigen Gesundheit.
Was zum…welche geistige Gesundheit?
Eben. Kommt vom Bahnfahren.