Archiv für die Kategorie ‘und so’.

Was nicht passt, wird passend gemacht.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Reflections in Cosmo

Reflections in CosmoUnter den bisherigen musikalischen Erscheinungen des Jahres 2017 sind in meinen Ohren nur vergleichsweise wenige Studioalben eine positive Ausnahmeerscheinung. Das Debütalbum von Reflections in Cosmo (Amazon.de, TIDAL) zählt trotz des bescheuerten Coverbilds (für diese Schriftart würde ich den Gestalter feuern und verklagen) ganz klar dazu.

Reflections in Cosmo ist eine Musikgruppe, die von der Presse vermutlich „Supergroup“ genannt würde, denn sie ist ein Quartett aus dem Motorpsycho-Umfeld, in dem neben deren Hans Magnus Ryan auch der Keyboarder Ståle Storløkken, der Saxophonist Kjetil Møster und der mir bisher zumindest unbekannte Schlagzeuger Thomas Strønen gemeinsam Mitglied sind.

Aus der Besetzung ließe sich folgern, dass hier ordentlich freegejazzt wird, aus dem Bandnamen hingegen, dass Spacerock hier die Oberhand hat, aber das ist nicht einmal unbedingt der Fall; stattdessen ist hier, ähnlich wie auf dem diesjährigen, leider etwas langweiligeren Album „Signal 9“ der Kanadier Miriodor, eine durchaus packende Spielart des instrumentalen Jazzrocks zu hören.

Reflections In Cosmo – Balklava

Die vier Musiker spielen gekonnt mit natürlich Spacerock, integrieren aber auch Jazzmetal und Stoner Rock wie selbstverständlich in ihre Musik. Ihr Jazzhintergrund wird dabei immer wieder deutlich, was nicht zuletzt auch Kjetil Møsters Dominanz zu verdanken ist. Das geht gut ins Ohr, das erfreut die Sinne.

Dazu passen: Herbst, Kopfhörer und Bier.

Prost.

Persönliches
Die Welt ist zu laut.

Es klingt – wo immer man zu welcher Tageszeit auch ist – nach Menschen. Unzählige Verkehrsschilder, einander oft bedingend, aber trotzdem sicherheitshalber explizit separat aufgestellt seiend, bitten gleichermaßen um Beachtung wie das mediale Überangebot, das das Beiwerk stellt. Im „Wahlkampf“ (als sei es für irgendwen von Belang, welche Lüge in der laufenden Saison auf wessen Plakaten steht) nur noch von Pseudopolitik übertroffene Allgegenwart von Bildern und Animiertem und Funktionsmusik lässt kaum eine Gelegenheit zum Abschalten, zur Ruhe.

Auf Bahnhöfen wird man in viel zu kurzen Abständen durchweg darüber informiert, dass man sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt lassen und – offensichtlich viel wichtiger – sein albernes Gequalme auf die gekennzeichneten Raucherbereiche beschränken solle, denn Rauch macht an gelben Linien bekanntlich immer Halt, weil er weiß, er darf da nicht raus. Diese Durchsagen erfolgen oft im Kanon, weil eine zeitliche Abstimmung offenbar nicht mehr ins Budget gepasst hat. So Durchsagen sind bestimmt teuer in der Herstellung, deswegen laufen sie in einer Schleife, die, wäre sie Warteschlangengeräusch am Telefon, sicherlich längst das passende Unternehmen in die Insolvenz getrieben hätte. Dieser unbedingte Drang nach Information, er ist, was Kommunikation unnötig zum Selbstzweck werden lasst.

Sunn O))) – Black Wedding

Die unterschätzte Tugend des Fressehaltens wird zunichte gemacht von der Werbebranche, für die immer und ausnahmslos gilt, dass nur Lautsein gewinnt, und es zählt längst nicht mehr das Produkt selbst. Heute fand wieder einmal eine Demonstration zum Schutz der Grundrechte statt und auf den einschlägigen Websites werden fleißig selfies geteilt, denn aus „Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Freiheit klaut“ ist längst ein „guck mal, Mutti, ich bin hier und ich bin laut“ geworden. Der Lärm als Selbstzweck, als Rauschmittel, nicht mehr mit Transportfunktion versehen.

In der Akte-X-Episode „Drei Wünsche“ galt vor sechzehn Jahren als Lösung für den Wunsch nach Weltfrieden, die Existenz aller Menschen zu beenden. Allmählich scheint mir das gar nicht mehr so zynisch zu sein. Bei der kommenden Bundestagswahl werde ich nur Parteien wählen, von denen ich bis jetzt noch nie etwas gehört habe, denn nur sie geben mir Ruhe.

In den NachrichtenPolitik
Das unerträgliche Gepöbel junger Politikerinnen

Wir schreiben das Jahr 2014. In einer der hässlicheren deutschen Städte zieht sich eine damalige chancenreiche Kandidatin der Piratenpartei Deutschland halb aus, um die britischen Luftstreitkräfte schriftlich um die erneute Bombardierung derselben Stadt zu bitten. Der Fall findet internationale Aufmerksamkeit und sorgt für parteiinternen Zwist, der schließlich, weil der Rauswurf zu lange dauert, zum Austritt eines Teils des „antideutschen“ Flügels führt. Die meisten dieser Flügelkämpfer finden Zuflucht bei den „Linken“, der aufgrund der prominenten Neuzugänge schnell einige namhafte gemäßigte Mitglieder entfliehen, weil sie das absehbare Elend lieber von außen betrachten wollen.

Der ehemaligen Piratenkandidatin tat das nach eigener Aussage furchtbar leid, nicht so gemeint, hupsi. In der „Linken“ wird sie später – wie auch andere dümmlich handelnde Exmitglieder ihres Exflügels – hoch angesehen sein und für sie im Berliner Abgeordnetenhaus (das waren die mit dem Flughafen) herumsitzen. So weit, so sprechend für die Zustände in Berlin.

Ein Sprung ins Jahr 2017: Eine junge Hamburger „Politikerin“, die ebenfalls für die „Linke“ in den Bundestag einziehen möchte und anderswo mit weinendem Emoji bekanntgibt, sie möchte Deutschland „nie mehr wieder sehen“, bittet – wenigstens mal mit Klamotten an – herzend um eine Liste von Trottelpornos, also von Filmen, die den Tod einer bestimmten Menschengruppe (hier: Deutscher) abbilden. Weil es nicht jeder so amüsant findet, dass sich jemand merklich besser fühlt, wenn er seinen (und selbst den eigenen) Mitbürgern beim Sterben zusieht, wurde natürlich auch in mitunter deutlich übertriebenem und ähnlich unangebrachtem Maße darauf reagiert, denn wenn eine junge Deutsche Deutsche sterben sehen möchte, dann gilt das doch sicher auch für die eigene Familie und die eigene Person, nicht wahr?

Nein, natürlich nicht wahr, es war nicht so gemeint, hupsi:

In einem Statement charakterisierte Rambatz ihr Posting als eine Mischung aus „Unbedarftheit und eigensinniger Ironie“ und klagte über Morddrohungen und „rechten Shitstorm“. Ihr Post sei lediglich „satirisch überspitzt“ gewesen, nun werde sie jedoch „mit Mord und Vergewaltigung bedroht“.

Denn der deutsche Staat, das muss man doch verstehen, ist zwar eine eklige Einrichtung, die man nie wieder sehen möchte und deren Bewohner bitteschön zwecks Belustigung mindestens virtuell sterben sollten, aber das ist natürlich ironisch überspitzte, unbedarfte Satire, was man schon daran erkennt, dass es kein bisschen witzig ist. Satire und Ironie (ich hätte jetzt eher auf Zynismus getippt) dürfen bekanntlich alles, auch gewaltsamen Tod spaßig finden, so lange es der Tod anderer Menschen ist und der so Wünschende nicht rechts ist, denn dann ist es nicht mehr lustig.

Man verstehe mich nicht falsch: Wer jemandem höchstselbst Gewalt androht, der ist ausnahmslos ein Mensch, mit dem man nicht näher etwas zu tun haben wollen sollte, weder in der Politik noch in der Kneipe. Die satirisch überspitzten und bestimmt auch total ironischen und unbedarften Reaktionen von Menschen, die den Spaß an gewaltsam sterbenden Völkern unabhängig von der Form ihres Einwands zu Recht für einigermaßen widerlich halten, rechtfertigen jedoch im Nachhinein keineswegs, dass jemand, der das verhasste Deutschland trotzdem mitregieren will (denn auch ein Arbeitgeber, den man scheiße findet, zahlt manchmal ein ausreichendes Gehalt), das mit der Menschenwürde in einem solchen Umfang aktiv missversteht.

Anders als im Fall ihrer deutschlandkritischen Berliner Parteikollegen hat hier der Bundesvorstand der Partei jedoch nicht helfend interveniert, sondern die Abgabe des Listenplatzes empfohlen. Im nächsten gewählten Parlament wird Sarah Rambatz also ziemlich sicher keinen Platz erhalten, was der „Linken“ zwar grundsätzlich positiv anzurechnen ist, mich aber vor die Frage stellt, warum die Freude über den Filmtod von Deutschen so viel schwerer zu wiegen scheint als die Bitte um die reelle Bombardierung deutscher Großstädte.

Vielleicht hätte sie sich auch ausziehen und beschriften sollen.

Warum sie sich in einer Partei organisiert haben, kann ich mir nicht erklären.
Hannes Kling

In den NachrichtenNetzfundstücke
Liegengebliebenes vom 6. September 2017

Angenommen, dass die explizit wie implizit geäußerte Gleichsetzung von AfD und NSDAP sowie von Mitgliedern der jeweiligen Partei mit Schlägern der SA/SS durch irgendwas auch nur im Ansatz moralisch zu rechtfertigen und nicht von vornherein ein Grund ist, jedwelches Gespräch mit dem Gleichsetzer umgehend abzubrechen und ihn unter dringenden Verdacht des Wahnsinns zu stellen: Dass der abscheuliche Fernsehkasper Jan Böhmermann Altnazis wie den ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens einfach wegleugnet, passt bis jetzt ganz gut in mein Bild von seinem Publikum.


Dreiste Solarstromlobbyisten frohlockten Ende August ins Internet rein, dass bald die Energiekapazitäten für Solarenergie diejenigen für Kernkraft übersteigen würden. Was freilich nicht im Artikel steht, ist, dass auch ein großes leeres Fass eine große Kapazität hat, nur drin ist dann halt nichts. Eine leere Batterie treibt unabhängig von ihrer Größe („Kapazität“) nun mal keine Großstadt an.


ZOMG H4Xx0rZ! (1): Werbebanner schürfen Bitcoins. Es gibt keine Entschuldigung mehr, Werbung nicht zu blockieren.


ZOMG H4Xx0rZ! (2): Wenn Computerlaien im Landtag von Sachsen-Anhalt auf alles klicken, was wie ein Verweis aussieht, und dadurch Schadsoftware ins Netzwerk holen, nennt man das offenbar einen „Hackerangriff“. Verdammter Putin!


Sowohl Angela Merkel als auch Martin Schulz wollen nicht, dass die Türkei in die EU kommt, behaupteten sie. Es ist also nicht davon auszugehen, dass die Türkei kein EU-Mitgliedsstaat wird.


Toxische Männlichkeit ist aberkanntes Heldentum.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Current 93 – I Remember the Berlin Boys

Was blüht denn da?Es ist Montag, schon jetzt nur schwer zu ertragen. Hier kommt man nur mit Kaffee raus. Der alte Trott muss dennoch wiedergefunden werden, sonst glauben die Leute noch, hier gäbe es immer nur so geilen Scheiß wie vorgestern. Hausgemachte Enttäuschungen sind die besten, das kennt man hier, man will es so.

Wenigstens politisch ist alles in diesem Land im Lot: Teile der deutschen Bundesregierung denken darüber nach, ob es vielleicht allmählich mal Zeit werden könnte, eine etwas weniger nachgiebige Haltung gegenüber der türkischen Innenpolitik – als ginge diese die deutsche Bundesregierung etwas an – walten zu lassen. Wenn es in dieser Geschwindigkeit weitergeht, erhält vielleicht der übernächste türkische Präsident einen vorsichtig formulierten Brief mit der leisen Bitte um Mäßigung.

Der linken Twitteria geht inzwischen, salopp gesagt, voll einer ab, weil Vertreter der lustigen PARTEI das Grundrecht auf Privatheit und informationelle Selbstbestimmung des politischen Gegners missachteten und sich unerlaubt in deren Facebookgruppen ausbreiteten. Andersherum wäre das vermutlich gemeinhin als Protofaschismus und/oder als sonstwie ungut wahrgenommen worden, aber wenn man „Satire“ draufklebt, wird es zum Witz. Es ist beängstigend, wer heutzutage alles wählen darf. Die gerechte Strafe allerdings lässt nicht lange auf sich warten: „Klar bürgen wir für jemanden. Was? Dann haben wir Pflichten?“

Was jedenfalls ich noch immer lieber wähle als Parteien: Musik.

Current 93 – I Remember the Berlin Boys

Guten Morgen.

In den NachrichtenPolitik
Vorwärtsverteidigung (2)

Ah, die schrecklich bedrängte NATO wird endlich konkret, was ihre Verteidigung betrifft:

Die USA werfen Russland den Bruch eines wichtigen Abrüstungsabkommens vor[.] (…) Die USA vermuten dem Bericht nach, dass Russland schon seit 2008 gegen das Abkommen verstößt – doch auch Russland erhebt solche Vorwürfe gegen die USA. (…) Nach den Medieninformationen herrsche bei der Nato „ernste Besorgnis“.

Da helfe, glaubt man den Guten, nur (u.a.) das:

Ausbau der nuklearen Abschreckungskraft der Nato

Verdammter Putin. Erst lässt er Russland nicht unwidersprochen militärisch umzingeln und jetzt zwingt der einen auch noch zu mehr Atomwumms.

Wofür brauchen wir die NATO noch mal?

In den NachrichtenMir wird geschlecht
Grüne Armee Fraktion

Das, freilich, kommt mir durchaus bekannt vor:

Ich fand die Sprache unserer Erklärungen sehr schwer verständlich und kritisierte das auch. Aber Brigitte meinte nur: „Wer sich wirklich für unseren Kampf interessiert, versteht das auch.“

Darauf einen Genderstern.

In den NachrichtenNerdkrams
Kurz verlinkt: Lautsprecher, aber Leishörer

Da es noch immer Menschen für eine großartige Idee halten, sich vom eigenen Ersparten Dinge ins Schlafzimmer zu stellen, die menschliche Geräusche durch das Internet an irgendwelche Server zur Auswertung schicken können, sei vielleicht noch auf diese großartige Zusatzfunktion verwiesen:

Sprachgesteuerte digitale Assistenten lassen sich kapern, ohne dass der rechtmäßige Nutzer es hören kann.

Neu: Nichtsprachsteuerung! Selbstverständlich ist nicht davon auszugehen, dass diese Funktion einen Nutzen für irgendwem außer dem rechtmäßigen Besitzer des Geräts haben könnte, denn sonst wäre es ja ein geradezu rekordverdächtig dämliches Tun, sich einen solchen Assistenten ins Haus zu holen, nicht wahr?

Bonuspointe:

Diese Verzerrungen können Hacker ausnutzen, um Befehle auszulösen, die für Menschen (…) wie sinnloses Geplapper klingen (…).

Jetzt verstehe ich den Wahlkampf der Grünen!

In den NachrichtenPolitik
Kurz notiert zum „linksunten“-Verbot

Während man auf „SPIEGEL ONLINE“ lesen kann, dass es offenbar „linksextreme Internetseiten“ gibt, die also nachts vermutlich heimlich Steindateien auf Naziserver schmeißen, schwelt in den sozialen Netzwerken unter bedauerlicher Ausblendung der Frage, ob die unbedingte Freiheit des Internets nicht vielleicht auch irgendwas mit der unbedingten Freiheit, Blödsinn in es hineinzuschreiben, zu tun hat, die Diskussion darüber, warum der Staat in seinem traditionellen linken Halbjahr vor einer Wahl jetzt zur Abwechslung mal etwas gegen Linksextremismus tue, denn so sei der Wunsch nach der Löschung von Hass im Netz doch bitteschön nicht gemeint gewesen; und warum denn so Naziseiten immer noch online seien, obwohl jene doch viel schlimmer seien, denn „linksunten“ habe ja nicht nur zur Gewalt angeleitet und aufgerufen, sondern auch etwas zur Aufklärung von NSU- und ähnlichen Fällen beigetragen, als würde das jede Begeisterung für die Gefährdung eines unbeschadeten Lebens von Zivilisten und Polizisten invalidieren und als setze unter anderem die Störung des zivilen Bahnverkehrs in Deutschland ein merkliches Zeichen gegen das Unrecht im Nahen Osten, was jedenfalls mir nicht wesentlich schmerzärmer aufstößt als die Wiederholung der so alten wie dummen Geschichte, die Regierung des Dritten Reichs habe immerhin auch Arbeitslosigkeit ab- und Infrastruktur aufgebaut, so schlimm könne sie also gar nicht gewesen sein.

PersönlichesPiratenpartei
Warum Basisdemokratie kein Blankoscheck sein darf

Davon, dass die zeitliche Nähe zwischen dem Niedergang der Hackerkultur und dem gesellschaftlichen Aufstieg von Leuten, deren wesentliches Interesse der Neudefinition ihres Geschlechts gilt, war hier bereits 2016 die Rede, ich stellte hierfür einen Zusammenhang zwischen dem Chaos Computer Club und der Piratenpartei her, wobei ich insbesondere die Folgen für ersteren Verein thematisierte. Aus aktuellem Anlass möchte ich heute einmal die andere Seite geringfügig genauer beleuchten.

Es gibt nämlich gute Gründe, dass es mehrere Parteien gibt, und diese liegen nicht nur darin, dass die Existenz nur einer Partei dem jedenfalls papiernen Anspruch der Repräsentation des ganzen heterogenen Volks zuwiderliefe, weswegen im Übrigen auch eine prozentuale „Hürde“ für den Einstieg in irgendein Parlament meiner Auffassung von Volksvertretung nicht entspricht. Es gibt, bewusst griffig verkürzt, mit den „Grünen“ eine Ökopartei, es gibt mit der SPD eine ehemalige Arbeiterpartei, es gibt eine BGE-Partei dieses Namens, es gibt eine erschreckend apolitische „Partei“ namens PARTEI, es gibt mit der „Union“ sogar zwei Parteien für den politisch apathischen Durchschnittsbürger; es gibt außerdem eine Partei, die sich für netzpolitische Belange einzusetzen pflegte, und ihr Name ist Piratenpartei.

Die Piratenpartei, aufgebaut in und dank der Annahme, jeder Beitrag sei eine große Hilfe bei der Umsetzung der politischen Pläne, was später als „Basisdemokratie“ zusammengefasst wurde, kämpfte überzeugend dafür, dass die Belange derer, die 2017 kollektiv beleidigend als „die Netzgemeinde“ bezeichnet werden, als sei das Netz eine abweichlerfreie Sekte und kein Kommunikationsmedium, eine größere Rolle in der Bundespolitik spielen sollten. Bedauerlicherweise wurde die Bereitschaft, keinen am Thema Interessierten abzuweisen, bald dergestalt fehlinterpretiert, dass davon ausgegangen wurde, dass jede noch so bescheuerte Idee, der in anderen Parteien nicht genug zugehört wurde, bei der Piratenpartei gut aufgehoben sei, von Kernkraftkritik über Radikalfeminismus bis hin zum leistungslosen Gratisgeld („BGE“).

Dass das klare und von allen anderen deutschen Parteien weit entfernte, somit einmalige Profil der Partei, die sich für eine politische Integration des Internets in gesellschaftliche Fragen einsetzt, seit 2011 zusehends mehr verwässert wurde, ist Teil des Problems, dessen Folgen sich in perverser Gesetzgebung und Vermehrung von Überwachungsmechanismen zeigen, und es gibt gute Gründe, daran denjenigen eine persönliche Schuld zu geben, die den Unterschied zwischen der Hilfe beim Aufbau einer schlagkräftigen Parteibasis und der Möglichkeit, seine eigene Agenda zu publizieren, nicht verstanden haben.

Ich erkläre das Problem einmal mit einer Analogie: Nehmen wir an, es gibt jemanden, der zu Hause „kein Internet“ hat und dessen Hobbys Rübenzucht und Taubenjagd sind. Welche Partei vertritt seine persönlichen Interessen am besten, in welcher würde er sich willkommen fühlen und gar mit seiner Expertise diese Partei voranbringen? In einer netzpolitischen, einer wirtschaftsorientierten gar?

Eine Partei, man verzeihe mir den Zirkelschluss, heißt Partei, weil sie Partei für eine bestimmte Gruppe (ihre Klientel, ihre Stammwählerschaft eben) ergreift, nicht aber zwangsläufig für jeden geistigen Totalausfall, der gerade was sagen will. Offene Arme für jeden Fantasten haben schon ganz andere Projekte als bloß eine Partei zerstört. Wenn jemand offensichtlich völlig andere politische Vorstellungen als ich selbst habe, dann nehme ich das zur Kenntnis, weiß aber auch, dass ein Konsens nicht funktionieren kann, weshalb ich diesen Jemand auch nicht „einzubinden“ und „teilhaben“ zu lassen versuche. Es ist ein gewaltiger Fehler, als Partei anzunehmen, dass jeder Knallkopf Gehör finden sollte, wofür Zeit geopfert werden müsste, die stattdessen auch in sinnvollere Tätigkeiten, zum Beispiel für den Kampf für anständige Netzpolitik, investiert werden könnte. Parteien sind keine Buchklubs.

Die Piratenpartei – Offenlegung: noch immer mit meiner Mitgliedschaft ausgestattet – ist konzeptionell eine netzpolitische Partei, zusammengesetzt zweifellos aus Menschen verschiedenster Art. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Wer jedoch zwar vor vielfältigen Ideen nur so überschäumt, jedoch keinerlei Interesse an einer modernen Netz- oder wenigstens Urheberrechtspolitik hat, der ist in einer politischen, innerparteilichen Diskussion mit mir persönlich nicht willkommen, weil er anders als diejenigen, die wenigstens in den Themen, die der Piratenpartei überhaupt einen Grund zum Fortbestand verleihen, eine diskussionswürdige Meinung vertreten, lediglich ein Klotz am Bein wäre, denn er hat zur Umsetzung der Ziele, für die diese Partei überhaupt existiert, nichts beizutragen, was es wert wäre, gehört zu werden.

Eine Partei muss auch mal sagen: Leute, ihr seid uns hier echt im Weg.

(Zweitverwertet aus einer Diskussion auf Twitter.)

ComputerIn den Nachrichten
Das Internet ist kaputt und kein Nazi ist daran schuld (Nachtrag).

Ein Gedankenspiel: In naher Zukunft wird ein Rechtsaußen mit der Absicht, einen von ihm ungeliebten, weil provokanten linken Benutzer loszuwerden, eine Spendenkampagne eröffnen, um das führende soziale Netzwerk – der Einfachheit halber nehmen wir an, es sei Facebook – zu kaufen. Befeuert von einem weltweiten überwiegend positiven Medienecho wird das ein riesiger Erfolg: Binnen weniger Wochen ist das übernommene Facebook nicht nur um einen, sondern um viele Benutzer ärmer, denn wenn man schon mal einen Sperrknopf gekauft hat, dann will man ihn auch nutzen. Sehr bald ist freie Rede nur noch eine schwächer werdende Erinnerung in diesem Netzwerk, die verbleibenden Benutzer akzeptieren das aber, denn es war ja immerhin auch ein Provokant unter den Entfernten.

Will man das?

Will man das?

Die ehemalige CIA-Agentin Valerie Plame Wilson hat eine Crowfunding-Kampagne gestartet, um genügend Aktien des Unternehmens Twitter zu kaufen, und so Einfluss nehmen zu können. Ihr Ziel: Donald Trump zu verbannen.

Stille wird unterschätzt.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Skinny Puppy – VIVIsectVI

Skinny Puppy - VIVIsectVIIch höre aber auch immer einen Scheiß.

Auf einem meiner Streifzüge durch die Wikipedia wegen eines eigentlich ganz anderen Themas – ich kann niemandem empfehlen, die Wikipedia zu durchstreifen – stieß ich aus Versehen auf die kanadische Post-Industrial-Band Skinny Puppy und bekam urplötzlich Lust, die Tauschbörse meines Vertrauens nach ihr zu fragen. Das erstbeste Ergebnis war deren Album „VIVIsectVI“ (Amazon.de), was, vermutlich, irgendwas mit „666“ zu tun hat, von 1988, und es ist so grauenhaft, dass es mir schon wieder erschreckend gut gefällt.

VX Gas Attack – Skinny Puppy

Tonband- und effektlastige elektronische Tanzmusik, von beteiligten Musikern selbst als „Psychedelic Industrial“ bezeichnet, mit verzerrt vorgetragenen Texten über Naturschutz, Vergewaltigung und Chemiewaffen, als hätten Throbbing Gristle versehentlich mal die falschen Drogen genommen, bricht hier über den sonst jazzumschmeichelten Rezensenten herein.

Was ist das und warum kann ich es nicht einfach wegmachen?

Human Disease (S.K.U.M.M.) – Skinny Puppy

All is a disease. Die Texte, angeblich via Bewusstseinsstrom und somit eigentlich unabsichtlich entstanden, sind mindestens so verstörend wie ihre Verpackung und vielleicht ist das ein Teil der Anziehungskraft, die „VIVIsectVI“ ausübt. Man sollte ja stets den Horizont, den Tellerrand und so weiter zu weiten bereit sein, bis nur noch ein großes Loch übrig bleibt. In so Serien kommt aus großen Löchern ja gern einmal allerlei Ungemach.

Dreams amaze me, time escapes me („Dogshit“).

Man wird ziemlich blöd davon. Auch mal schön.

FotografieMir wird geschlecht
Wenn Sie arbeiten, will ich das Gehalt.

Feminismus in einem Bild:

Gleicher Lohn für keine Arbeit.

In den Nachrichten
Medienkritik in Kürze: Polizei findet Terrorautos in Barcelona

Auf „ZEIT ONLINE“ gibt Karsten Polke-Majewski – prima Name eigentlich – anlässlich der kürzlich erfolgten Anschläge in Barcelona anderthalb gesicherte Fakten bekannt:

Ein (…) Lieferwagen ist (…) in die Fußgängerzone La Rambla in Barcelona gefahren und hat mindestens 13 Menschen getötet. (…) Die Polizei soll zudem ein weiteres Auto gefunden haben, vielleicht sollte es als Fluchtwagen dienen.

Erst fährt ein Lieferwagen von ganz allein irgendwo rein und dann steht irgendwo in Barcelona auch noch ein zweites Auto herum, das vielleicht dem Lieferwagen als Fluchtwagen dienen sollte und vielleicht auch nicht. Die Automobilindustrie schreckt auch vor nichts mehr zurück.

(via @MarvinWendland1)

ComputerIn den Nachrichten
Das Internet ist kaputt und kein Nazi trägt daran die Schuld.

Waffennarretei und Einwanderungskritik, ließ dieser Tage das Essensportal Instagram seine Benutzer wissen, seien selbstredend gern gesehen, aber Fotos fetter Igel würden keineswegs geduldet und ihre Verbreitung führe versehentlich zum sofortigen Ausschluss des Verursachers.

Ob es insofern eine besonders gute Idee ist, Algorithmen statt Menschen über richtig und falsch, über legal und illegal, über den Unterschied zwischen Igelfotos und zum Beispiel Kinderpornografie entscheiden zu lassen, ist eine Frage, die sich unkritisch technikhörige, weil klickhungrige Massenmedien bedauerlicherweise viel zu selten stellen, was nicht nur Unsinn wie Instagram betrifft, sondern auch viel weiter reichende Auswirkungen hat, was wir nicht erst seit den Gesetz gewordenen Denkfehlern von Heiko Maas wissen. Bis zur endgültigen moralischen Klärung dieses Problems verbleiben immerhin noch Menschen an den Schalthebeln, denen der Konsens, der so etwas wie eine weltweite Vernetzung überhaupt erst sinnvoll machte, nicht ganz so wichtig ist wie ihr eigener moralischer Standpunkt, weshalb sie ohne Not auch schon mal an den Grundpfeilern des Internets rütteln, um das Böse angemessen zu besiegen.

„ZEIT ONLINE“ (unisono mit anderen zeitgenössischen Publikationen) berichtet heute etwa vom Kampf „des Internets“ gegen „die Nazis“:

Wer sich als Websitebetreiber von einem (…) Unternehmen benachteiligt fühlt, kann theoretisch einfach zu einem anderen gehen. Doch faktisch werden viele dieser acht Ebenen von sehr wenigen, sehr mächtigen Unternehmen kontrolliert. Wer ihre Dienste nicht nutzen kann, ist im Netz unsichtbar, schwer erreichbar, angreifbar, geschäftsunfähig.

Der Hintergrund des Artikels ist, dass der verschlüsselungskritische Netzdienstbetreiber Cloudflare, der noch 2015 so tat, als sei ihm wichtig, dass Domänensperrungen allenfalls auf judikatives Urteil hin erfolgen müssten, auf die Eskalation der US-amerikanischen Scharmützel zwischen alternativen Rechten und regressiven Linken (irgendwas mit einem Auto) dergestalt reagierte, dass er die reißerische Website „Daily Stormer“ aus der öffentlichen Erreichbarkeit entfernte. Derjenige, der diese Entscheidung getroffen hatte, nämlich der Vorstandsvorsitzende von Cloudflare, verteidigte sie zunächst mit der Begründung, dass er die Autoren des „Daily Stormer“ für Arschlöcher halte, veröffentlichte jedoch außerdem einen doppelzüngigen Blogartikel, in dem er zwar zugab, dass Cloudflare hier eingegriffen hatte, um den Verdacht, das Unternehmen unterstütze heimlich Neonazis, zu zerstreuen, es gleichzeitig aber bedauerte, dass Cloudflare das überhaupt könne; als sei der Vorwurf, dass ein für die Neutralität des Internets nicht völlig unwichtiges Unternehmen sich nicht für die richtige politische Seite entscheidet, ein Anlass, ebendiese Neutralität über den Haufen zu werfen.

Ob man nun die Meinungsfreiheit weit genug auslegt, um ihre Ausübung auch „den Nazis“ zuzugestehen, oder nicht, spielt bei der Bewertung des bedeutsamsten Problems in dieser Sache jedenfalls keine Rolle, das da nämlich lautet: Je intensiver „die Nazis“ (oder wer auch immer die aktuell meistverachtete Gruppierung sein mag) weggelöscht werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie irgendwann eine ausreichend große Schlagkraft entwickelt haben, um ihr eigenes unzensiertes Gegennetz aufzubauen; womit sie, „die Nazis“, letztlich gewonnen hätten, denn dem gesundkonsolidierten Wohlfühlinternet, in dem es Einhornkotze und Nutella regnet, stünde ihr Abgrund entgegen, der sicherlich seine Ecken und Kanten haben dürfte, was den Humanismus betrifft, aber nichtsdestotrotz frei wäre. Anders gesagt: Unternehmen wie Cloudflare werden, wenn sich die Netzpolitik in bestehender Weise weiter entwickelt, die Schuld daran tragen, dass die Letzten, die sich noch über ein freies Internet freuen dürfen, irgendwann „die Nazis“ sein werden, während hierzulande in enger Zusammenarbeit mit Übersee die SPD, der bescheuerte Axel-Springer-Verlag und GitHub ihr bedauerlicherweise Bestes tun, um einen schon in der bloßen Theorie fatalen Kompromiss aus globaler Freiheit und kleingärtnerischem Verständnis von Recht und Unrecht zu finden und zu etablieren, notfalls mit juristischer Gewalt. Kann, wem jedes Mittel gegen das Böse Recht ist, noch der Gute sein?

Ins Darknet kann man ja auch nicht mehr. Da sind jetzt auch eure Eltern.