Ich trinke nicht mehr so viel, bis ich die Wahrheit sage,
hab’ ich gesagt.
Sarah Lesch: Notiz
2025 habe ich darüber nachgedacht, ob ich wieder mehr Prosa schreiben sollte. (In einem Anfall von jugendlichem Leichtsinn hatte ich schon 2024 im Kreise von Zeugen ein Buch über meine Erfahrungen in der Kommunalpolitik versprochen, vor allem mir selbst.) Daraufhin habe ich wochenlang über Schreibmaschinen analoger und simulierter Natur mein Wissen aufgefrischt, vorübergehend ernsthaft über die Anschaffung eines Laptops aus den frühen 90ern nachgedacht, weil Schreiben normalerweise leichter von der Hand geht, wenn man gar keine Möglichkeit hat, sich mit Gedaddel und/oder Geblinke aus dem Internet abzulenken, dann habe ich die Filmadaption von Naked Lunch gesehen und jetzt brauche ich erst mal eine Ehefrau, bevor ich das mit dem Schreiben ernsthaft weiterverfolgen kann.
2025 war auch ein Geburtstag, so rund, wie es der Körper schon eine Weile vormacht. Es wird zusehends schwieriger, dem etwas entgegenzusetzen. Dass der Mensch so lange lebt, ist medizinisch ein Irrweg. Aber seelisch auch. — Dazu passt: Ich habe im vergangenen November unerwartet eine Muse wiedergesehen, die sicherheitshalber völlig vergessen zu haben mir einfach nicht liegt. Das war gefährlich schön. Ist das jetzt eigentlich das mit der heißen Herdplatte?
Glücklich war ich auch nur, wenn ich nicht verliebt war.
Wolfgang Herrndorf
Krieg hin, Krieg her: Die andere Menschentradition, das Küssen, sei sooo vor 20 Millionen Jahren, verbreitet das Hipsterportal „T‑Online“, aber schön ist’s ja dann auch immer noch. Die Menschen haben „Vorsätze“ für das neue Jahr, statt das, was sie vorhaben, einfach mal jetzt zu machen, und finden, das sei anerkennenswert. Prokrastination ist ein Volkssport, auf den sogar der Fußball neidisch schielt. — Ich wurde 2025 danach gefragt und habe jetzt eine Antwort: Falls mein Leben jemals verfilmt werden sollte, möchte ich mittlerweile, dass Scarlett Johansson mich spielt. Sie hat viel mit mir gemeinsam, zum Beispiel ist auch sie bisher nicht mit Natalie Portman zusammen. Bei mir prangere ich das aber noch etwas mehr an als bei ihr.
2025. Ein Jahr zwischen zwei verschiedenen Depressionen, keine davon klinisch erwiesen (weil die Kopfarztpraxen schon zu voll sind mit Leuten, die da gar nicht hingehören), jede davon hausgemacht. Homo homini Vollidiot est. Ich lebe ja in einer reichen Stadt in einem reichen Land auf einem friedlichen Kontinent und müsste insofern glücklich sein, sagen alle und meinen das dann aber gar nicht, weil es ihr Konto füllt, dass das gar nicht stimmt, aber jeder es glaubt.
Im Rausche reden die Menschen viel und wissen nicht, was.
Heimdall (Lokasenna)
Die ersten Böller in jedenfalls meiner Hörweite begannen diesmal erst eine Woche zu früh. Das muss diese Rezession sein. Jetzt gerade ist von dieser allerdings nur wenig zu sehen: Wie jedes Jahr sprengen die Deutschen den Gegenwert zweier Wocheneinkäufe in die Luft, weil man das halt so macht, und wenn man sich morgen mit rosa Glitzer einreibt und in der nächstbesten Kirche „Kuckuck! Kuckuck!“ ruft, dann ist das nicht etwa grenzbescheuert, sondern Tradition. An Silvester ärgere ich mich immer noch ein bisschen mehr darüber, dass ich grundlegend Sympathie für Hunde habe, freue mich aber im Gegenzug darüber, dass meiner Schadenfreude bezüglich pyromaner Menschen in den morgigen Notfallnachrichten wohl wieder hinreichend Genüge getan werden wird.
(Der Löwe sprengt sich wenigstens nicht die Finger weg.)
2026 also. Die Zukunft ist da. Los geht’s.

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