Archiv für die Kategorie ‘Musik’.

Liedzitate und Erinnerungen an gute Lieder säumen meine Artikel. Jedenfalls diejenigen in dieser Kategorie.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Rio Reiser – Alles Lüge

Gute Nachrichten: Wir brauchen die Piratenpartei nicht mehr. Wir haben jetzt die SPD!

Die alte Tante SPD setzt aufs Internet: In den kommenden Jahren wollen die Genossen zur neuen Netzpartei werden und so junge Wähler zurückgewinnen.

Gibt es schon konkrete Pläne? Aber natürlich!

Jeder Mittelständler muss in den nächsten Jahren in die Cloud um wettbewerbsfähig zu bleiben. (…) Datenschutz im nationalen Maßstab reicht nicht aus, wenn wir gegenüber den USA oder Asien in der digitalen Wirtschaft konkurrenzfähig werden wollen.

Genau – die derzeitige Gesetzgebung, die es unnötig erschwert, personenbezogene Daten auf Servern in (zum Beispiel) den USA zu speichern, ist rückständig. Das muss aufhören! Zum Glück haben wir die SPD, die sich dafür einsetzt, dass deutsche Datenschutzrichtlinien bald der Vergangenheit angehören, hippe Jugendpartei, die sie nun mal ist.

Auf diesen Schreck erst mal ein wenig Musik.

Rio Reiser & Band – Alles Lüge 1986

(Ich weiß auch nicht, wie ich jetzt auf dieses Lied komme.)

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
The Tiger Lillies – Either Or

The Tiger Lillies - Either OrAus der Welt der Politik zurück zur Musik. Noch so ein Album, das 2013 vergessen hat, bei mir vorstellig zu werden, ist übrigens „Either Or“ des britischen Trios The Tiger Lillies, dessen älteres Stück „Killer“ ich hier im Oktober empfahl. Ich habe ja spätestens seit dem Debütalbum der Stolen Babies ein offenes Ohr für Kabarett-Zirkusmusik mit düsterem Flair und werde hier keinesfalls enttäuscht.

Prägend für die Musik der Tiger Lillies sind Besetzung und Konzept. Auf der Website ist zu lesen: The Tiger Lillies bieten jeder einzelnen Beschreibung die Stirn und handeln innerhalb ihrer eigenen exzentrischen Definitionen. Also gilt es zu paraphrasieren.

Frontmann und Gründer Martyn Jacques gibt bei den Tiger Lillies mit Maske und Akkordeon (manchmal auch Ukulele oder Klavier) den traurigen Clown, der, umrahmt von Adrian Stout (Bass, Singende Säge, Theremin) und Mike Pickering (Schlagzeug, Perkussion), im Falsett skurrile Texte zum Besten gibt:

She licks my cock, it’s kind of sad
as an actress I spose she’s bad
Sailor

Nein, leichte Familienunterhaltung möge der geneigte Leser bitte woanders suchen. Aber darum geht es auch nicht. The Tiger Lillies wollen ihrem Publikum keinen ruhigen Abend bereiten, sie wollen es desorientieren und fordern, schockieren und dadurch amüsieren. Das gelingt ihnen vortrefflich.

Dabei ist das literarische Niveau durchaus hoch. Waren unter den bisherigen Alben der Tiger Lillies neben einer Oper („Die Weberischen“) auch Adaptionen des „Struwwelpeters“ und der Werke Edward Goreys, stellte diesmal die dänische Philosophie die Muse dar: Bereits der Titel des Albums ist ein Zitat des Zweiteilers „Entweder – Oder“ von Søren Kierkegaard, die Texte sind überwiegend vom letzten Kapitel in „Entweder“ inspiriert. Dass The Tiger Lillies im Gegensatz zu Kierkegaard dem Christentum in der Öffentlichkeit eher kritisch gegenüberstehen, weiß dem Rezensenten ein Schmunzeln zu entlocken.

God almighty you are king
pissing hailstones on me fling
No Sense

Kurt Weills Brecht-Interpretationen seien, so geben es die Musiker an, wichtige Einflüsse für ihre Musik gewesen. In der Tat versprüht auch „Either Or“ den Charme klassischer Chansons, ohne dabei altbacken zu wirken. Alte Ideen müssen nicht immer langweilig sein.

"Gutter" by The Tiger Lillies – LIVE at Principal Club

Ist ja auch mal nicht schlecht.


Derweil ist SPIEGEL ONLINE völlig außer sich:

Kanzlerin Merkel hält im Bundestag eine Regierungserklärung – im Sitzen. Das hat’s noch nie zuvor gegeben.

Davon werden wir noch unseren Großneffen erzählen!

Montagsmusik
Circle – Eripwre

So einen Montag könnte man übrigens auch schlechter einläuten als mit dem akustischen Koffeinschub „Eripwre“ der finnischen Kraut-Psychedeliker Circle.

Guten Morgen!

Montagsmusik
Caspar Brötzmann Massaker – The Tribe

Ach ja: Montag!

Müde? Das macht nichts. Kaffee und das Caspar Brötzmann Massaker werden diesen Zustand alsbald korrigieren.

Caspar Brötzmann Massaker – The Tribe

Guten Morgen!

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Naam – The Ballad of the Starchild Vol. 1

Naam - The Ballad of the Starchild Vol. 1Eine durchaus hörenswerte Mixtur aus Fuzzgitarren, Hallgesang und Elektrofrickeleien bieten Naam aus New York dem Hörer auf „The Ballad of the Starchild Vol. 1“, einem EP mit 5 Stücken drauf, erschienen bereits 2012. Auf Äußerlichkeiten geben die New Yorker nicht viel, „naam“ ist ein Lehnwort aus dem Sanskrit und bedeutet auf Thai etwa „Name“. Warum auch nicht?

Es sind die inneren Werte, die zählen, und an denen mangelt es wahrlich nicht. Ja, natürlich fischt man in bekannten Gewässern, das Coverbild (hier rechts im Bild) deutet’s schon an. Pink Floyd und Colour Haze. Hard Rock und Stoner Rock. Kleckern und klotzen. Is‘ schließlich New York, Mann. Hypnotisch, treibend. Ausnahme: „Sentry of Skies“, die kurze musikalische Ruhepause. Sehr willkommen, man wird ja auch nicht jünger.

Wenn Naam nicht den gleichen Fehler machen wie andere herausragende Musikgruppen und sich jetzt einfach auflösen, wird es hoffentlich auch eine „Ballad of the Starchild Vol. 2“ geben. Das fände ich sicher gut.

Montagsmusik
District 97 – Open Your Eyes

Eines der erstaunlicheren Ereignisse rund um „American Idol“, die US-amerikanische Fassung von „Deutschland sucht den Superstar“, ist die Geschichte von Leslie Hunt, deren Solokarriere nach ihrer dortigen „Entdeckung“ branchentypisch schleppend verlief; statt allerdings das Schicksal der anderen ausgesonderten Teilnehmer zu teilen und einen richtigen Beruf ergreifen zu müssen, bekam sie die Gelegenheit, der bis dahin instrumental agierenden Retro-Prog-Band District 97 beizutreten.

District 97 wurden 2006 gegründet, sind aber durchaus keine Unbekannten mehr; nach zwei Studio- und zwei Livealben gaben sie 2013 einige Konzerte mit John Wetton (UK, King Crimson, Asia, Uriah Heep und andere), auf denen sie mancherlei King-Crimson-Stück (etwa Fallen Angel) spielten; und das gar nicht mal schlecht.

Dass Frau Hunt bei diesen Auftritten eher wenig zu Wort kam, ist nicht allzu verwunderlich, King Crimson hatten nie eine Sängerin. Ein bisschen schade ist es aber schon, denn trotz ihrer Teilnahme an besagter Fernsehsendung kann sie erstaunlich unnervig singen. Zum Beispiel so:

District 97-Open Your Eyes (Official Music Video)

In diesem Sinne: Guten Morgen!

KaufbefehleMusikkritik
Fantasy – Paint A Picture

Fantasy - Paint A PictureDie 1970er Jahre waren derart voller junger, aufstrebender Musikgruppen insbesondere aus Großbritannien, dass es nur wenige von ihnen zu so etwas wie Ruhm gebracht haben. Fantasy gehören zu denen, denen ihre Konkurrenz zum Verhängnis geworden ist.

Fantasy (nicht die US-amerikanische Discoband gleichen Namens) wurden um 1970 herum als Chapel Farm gegründet, änderten mit dem Unfalltod ihres Bassisten, der an seinem achtzehnten Geburtstag betrunken zu unachtsam an Klippen entlangbalanciert war, und folgenden Umbesetzungen aber ihren Namen in Firequeen und begannen Demobänder an Plattenfirmen zu verschicken. Polydor nahm sie unter der Bedingung unter Vertrag, dass sie den Namen Firequeen durch irgendetwas Unblödes ersetzten; so wurde es eben Fantasy. (Bei Polydor standen später unter anderem Bro’Sis und Take That unter Vertrag. Tempora mutantur.) Polydor gewährte Fantasy dann einen Dreijahresvertrag und warf 1973 das Debütalbum „Paint A Picture“ auf den Markt.

Diese Formulierung ist treffend gewählt, denn ein kommerzieller Erfolg blieb aus. Fantasy waren ihrer Zeit nicht voraus, sondern waren spät dran. Für symphonische Rockmusik mit einer Vielfalt an Einflüssen und unblöden Texten von bis dahin unbekannten Gruppen wollte sich in der Zeit zwischen Hardrock und Punk kaum noch jemand Zeit nehmen. Auf Druck Polydors wurde in einem Tag die Single „Politely Insane“ geschrieben und aufgenommen, um den kommerziellen Erfolg zu steigern. Wenn ich 2014 höre, was Plattenfirmen 1973 für verkaufenswert hielten, muss ich ja immer fast ein bisschen weinen.

Fantasy – Politely Insane (1973)

Gentle Giant („Young Man’s Fortune“), Caravan („Silent Mine“), Starcastle, die frühen Van der Graaf Generator, (natürlich) Genesis und allerlei andere zeitgenössische Bands standen für „Paint A Picture“ musikalisch Pate, die Gitarre setzt genau da die richtigen Akzente, wo man sie braucht, und selbst der Gesang, meist der Flaschenhals einer Band aus dieser Musikrichtung, vermag zu gefallen.

Zum Folgealbum „Beyond The Beyond“, das 1974 aufgenommen werden sollte, kam es dann aber vorerst nicht mehr. Wohl aufgrund des nicht erfolgten Durchbruchs mit „Paint A Picture“ ließ Polydor die Gruppe fallen, die sich anschließend enttäuscht auflöste. Dass das Album 1992 doch noch erschien (wenn auch nur auf CD), ist insofern eine erfreuliche Überraschung. Andererseits: Wer weiß, was passiert wäre, hätte Polydor damals Fantasys Potenzial erkannt?

Wenigstens ist ihre Musik unvergänglich.

In den NachrichtenMontagsmusik
Neneh Cherry & The Thing – Dream Baby Dream

Krawall, Krawall! Ein nennenswerter Teil von Hamburg ist momentan Gefahrengebiet, selbst Anwohner werden prinzipiell darum gebeten, den Bereich weiträumig zu meiden, ganz besonders aber „relevante Personengruppen“, also vermutlich jeder, der aussieht wie einer von diesen Linken. Dies sei aufgrund „wiederholter Angriffe gegen Polizisten“ geschehen, was selbstverständlich ohne jeden erkennbaren Anlass geschehen sei.

Der Rechtsbeistand der Gegenseite sieht das anders, selbst der „Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizistinnen und Polizisten (Hamburger Signal) e.V“ ist empört:

Die Hamburger Polizei führt sich auf wie eine Ordnungsmacht des finsteren Mittelalters.

Da hilft nur noch eine wirklich große Explosion. Oder Jazz.

Ich versuche es mal mit Jazz.

Keep those dreams burnin‘ forever!

Guten Morgen.

MusikPersönliches
Vinyl <3 / Ein Plädoyer.

caschy frug heute:

Ich weiss (sic! A.d.V.) gar nicht mehr, wann ich wirklich das letzte Musik-Album mal gekauft habe. Wie schaut es bei euch aus?

Ich meinerseits habe mein bislang letztes Musikalbum erst in dieser Woche gekauft, weil der Wille, Dinge zu besitzen, mir wie wohl den meisten Menschen gegeben ist; Musik, die mir gefällt, wie früher Videokassetten für einen begrenzten Zeitraum zu mieten (und gegebenenfalls zu verlängern) widerspricht meinem Selbstverständnis. Ein gutes Musikalbum möchte ich ja auch in ein paar Jahrzehnten noch ohne weiteren Aufpreis hören können, nicht nur bis Ende der Woche (oder des Jahres).

Bei caschy in den Kommentaren merkt Stephan Lipphardt an:

Ich nutze ausschließlich Streaming. (…) Datenträger, CDs, MP3, LPs etc. finde ich nur noch unhandlich.

Fürwahr, „MP3s“ sind schon ziemlich sperrig, damit zu verreisen ist ein Ärgernis sondergleichen. Die passen ja nicht mal ins Handgepäck. Herr Lipphardt ist also umgestiegen auf Streaming (laut caschy somit auf ein sterbendes Pferd), denn ein Tablet oder einen Laptop (oder gar einen Desktoprechner) findet er offensichtlich nicht so sperrig wie einen MP3-Spieler. Musik im chronisch kaputtkomprimierten MP3-Format, so las ich kürzlich, ermüde das Gehirn; wahrscheinlich ist ungefähr so etwas damit gemeint. (Andere Kommentatoren, etwa Michael Meyer, bringen auf caschys Frage hin ja auch nur noch ein „Spotify <3“ hervor. Längere Texte kann Mitmensch Trendnutzer auf seinem gadget sowieso nicht mehr fehlerfrei tippen.)

Viele Musikgruppen haben sich entsprechend orientiert und verkaufen ihre Werke primär auf Schallplatte mit beigelegtem Downloadcode oder ganz ohne physischen Tonträger. (Der Musikgruppe, deren CD ich vor wenigen Tagen erwarb, nahm ich allerdings nur eine CD-Pressung ab, dies schon deshalb, weil die einzige physische Alternative eine Kassette gewesen wäre.) In einer Zeit, in der nur noch zwei Arten von Leuten CDs kaufen, einerseits diejenigen, die sie sowieso gleich nach Erhalt digitalisieren und dann nie wieder aus dem Schrank holen wollen, andererseits diejenigen, denen es um das artwork und die Haptik geht, ist das erfreulich konsequent. Eine Schallplatte hat obendrein normalerweise eine deutlich längere „Lebensdauer“ als das chemisch instabile Medium CD, technisch gesehen ist auch das heute leider übliche Kaputtkomprimieren der enthaltenen Musik auf Kosten der Dynamik auf Vinyl deutlich schwieriger als das einer CD. Die CD ist ein sterbendes Medium, und so schlimm ist das nicht.

Wen wundert es da noch, dass Plattenspieler mit USB-Anschluss einen steigenden Marktanteil haben? Ein Musikalbum hört man als Freund von Nichtdownloads sowieso nicht pro Lied, sondern im Gesamten, und die Digitalisierung ist denkbar einfach – der Plattenspieler ist ein Toneingangsgerät wie sonst zum Beispiel ein Mikrofon. Zu dieser Digitalisierung sind nicht mal „Ripping“-Programme nötig wie noch bei der CD, ein einfacher Audiorecorder, wie er selbst in Windows seit vielen Jahren enthalten ist, genügt vollkommen.

Auch ich nutze gelegentlich Streaming, manchmal per Bandcamp, manchmal per Grooveshark, manchmal per Spotify, manchmal auch per Amazon. Ich nutze es als Hörprobe, um zu wissen, ob sich die Anschaffung des jeweiligen Musikalbums lohnen könnte. Blindkäufe wage ich nur gelegentlich, sie enden zu häufig mit einem mauen Eindruck. Bei diesem Streaming geht es aber auch genau darum: „Nur mal reinhören.“ Niemals käme ich auf die Idee, mit der Begründung, es gebe ja einen preiswerten Stream davon, vom Kauf eines grandiosen Musikalbums abzusehen. Zwar belegen die Musikalben Platz im Schrank, aber sie gehen vollständig in meinen Besitz über. Wenn meine Festplatte mal explodiert oder meine Abonnements allesamt auslaufen – die Musik bleibt verfügbar, lässt sich jederzeit zur portablen Nutzung in eines dieser „verlustfreien“ Formate überführen und wird jeden digitalen Trend, jeden cloud-Anbieter überleben.

CDs „halten“ bei sorgsamem Umgang etwa zehn Jahre (oder wenig mehr), dann frisst sich die Chemie langsam durch die Tonschicht, und selbst das ist im schnelllebigen Internet eine lange Zeit. Eine Schallplatte hingegen überlebt, wenn er sie nicht gerade als Pizzateller oder für ähnliche Perversitäten verwendet, bei ebensolchem Umgang oft sogar ihren Besitzer.

Dieter Bohlens „Superstars“ werden es vermutlich nie auf eine Schallplatte schaffen. Allein das sollte Anreiz genug sein.

Montagsmusik
Tocotronic – Sag alles ab

Es lässt zumindest hoffen, wenn Jugendliche es aus eigener Kraft schaffen, sich von Suchtmitteln zu befreien, die ihr Leben zerstören. Zum Beispiel Facebook.

Als ich es meinen Kollegen mitgeteilt habe, waren die regelrecht schockiert. Die meisten konnten es gar nicht glauben. Die ersten Tage war es dann auch wirklich schwer, die Verlockung war gross, das Profil wieder zu aktivieren. Doch ich blieb stark.

Darauf erst mal ’ne Dosis Rock.

Tocotronic – Sag alles ab

Reiß‘ deine Fesseln doch entzwei und lass‘ das Dreckschwein mal zu Hause!
Die Zeit der Schmerzen ist vorbei, die Karriere macht mal Pause!

Guten Morgen!

MusikNetzfundstücke
Medienkritik in Kürze: „Nein, die andere Freiheit.“

Zu der medialen Wahrnehmung der seltsamen Musikgruppe „Frei.Wild“ hatte ich mich ja bereits abfallend geäußert, damals noch ohne große Kenntnis von der tatsächlich gespielten Musik. Über meine Verwandtschaft kam ich mittlerweile mit selbiger in Kontakt und kann zumindest verstehen, wieso sie polarisiert; auf mich wirkt das Dargebotene schlicht laienhaft. Nun hat sich jüngst herausgestellt, dass auch diese Musiker einige „Fanshirts“ („Bandpullis“) feilbieten, also Motivbekleidung für ihre Gutfinder.

Eines dieser Shirts trägt außer dem Namen der Musikgruppe den Schriftzug „Scheiß auf Gutmenschen und Moralapostel“, ein anderes „Freiheit“. Ein Shirt mit dem Motiv „Ehre“ oder anderen historisch belasteten Begriffen konnte ich im „Onlineshop“ der Band bei einer kurzen Recherche soeben nicht finden. Hanning Voigts von der „Frankfurter Rundschau“ aber schon:

Und die Bandpullis so: „Freiheit“, „Ehre“, „Scheiß auf Gutmenschen“. Das ist nicht rechtsradikal?

Nö, Hanning, isset unabhängig von der Band selbst nicht, schon deshalb, weil ein „Ehre“-„Bandpulli“ augenscheinlich nicht existiert (wobei die Gleichung „Ehre = rechtsradikal“ auch noch etwas ist, über das wir uns mal unterhalten müssten). Zu den anderen beiden „Bandpullis“ fällt mir allerdings schon etwas mehr ein. Moment, ich muss nur kurz die Hand aus dem Gesicht bekommen.

Erstens: Gutmensch.

„Gutmensch“ ist einer dieser Begriffe, bei denen ich mir nicht ganz sicher bin, ob ihre Verwender überhaupt über ihre Bedeutung nachgedacht haben. Der Duden jedenfalls kennt den Gutmenschen als einen Menschen, der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend o. ä. empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält, sich für die Political Correctness einsetzt; einer wie der Brillenschlumpf zum Beispiel.

Ein „Gutmensch“ ist also ein besonders nachdrückliches Exemplar eines Moralapostels. Interessanterweise stört das Wort „Moralapostel“ Hanning Voigts anscheinend nicht im Geringsten. Früher musste man, um rechtsradikal zu sein, noch Ausländer hassen, heute genügt es, sich nicht in die eigene Moral reinreden zu lassen. Wen wundert’s da, dass die Medien entdecken, dass laut Medienberichten immer mehr Leute „dem Rechtsradikalismus“ nahestehen, wenn dessen Definition aus Mangel an Reflexionsvermögen immer weiter greift? Ein gesellschaftlicher Konsens ist wünschenswert, Sittenwächter aber sind es nicht, denn die Definitionsmacht über diesen Konsens obliegt nicht Einzelnen. (Anarchie ist die Herrschaft des Stärkeren. Das hat schon mal nicht funktioniert.)

Zweitens: Freiheit.

Leute, die Shirts mit „Freiheit“ drauf tragen, sind rechtsradikal. Ach nein, nicht ganz, Henning Voigts findet Freiheit ja auch dufte, aber nur andere Freiheit. Bedrückend: 57 Prozent der Deutschen ist die Freiheit besonders wichtig. Wenn „Frei.Wild“ auf die Shirts also nicht „Freiheit“, sondern „Freiheit (wie sie Hanning Voigts meint)“ drucken ließen, wäre alles in bester Ordnung, nehme ich an.

Wie genau er das meint und inwiefern sich seine Freiheit von „Frei.Wild“s Freiheit unterscheidet, weiß ich leider nicht, was die Entscheidung, ob ich jetzt die gute oder die schlechte Freiheit gut finde, allein in Herrn Voigts‘ Hände legt. Wie ärgerlich. Bis dieses Problem beseitigt wurde, werde ich also bis auf Weiteres jede Form der Freiheit ablehnen.

Wer möchte schon für einen Rechtsradikalen gehalten werden?

KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2013 – Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 13 von 18 der Serie Jahresrückblick

Aber hallo, werte Leser und Musikfreunde, da ist doch tatsächlich schon wieder Ende Dezember; Zeit also, wie zuletzt im Juni die musikalischen Perlen aus dem großen Haufen an diesjährigen Veröffentlichungen herauszupicken. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten in die Vergessenheit.

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Montagsmusik
Rammstein – Waidmanns Heil

Juhu – morgen ist Heiligabend!

Ist euch auch schon so weihnachtlich zumute wie mir? Zeit für etwas besinnliche Stimmungsmusik!

Guten Morgen und Halali.

Musik
Hirnlose Funktionsmusik

Süffisant kommentierte der „Nachtwächter“ den Unterschied zwischen Musikgenuss und Musikbeschallung:

Ich kann diese verkackten „Parties“ nicht mehr ertragen, deren Veranstalter versuchen, ein politisches Anliegen zu transportieren, aber in Wirklichkeit nur für massenhaft Bier, Schnaps, Kiffecken und hirnlose Funktionsmusik sorgen. Wenn sie wenigstens im Verlaufe einer solchen Nacht nur für zehn Minuten die Frage in den Raum würfen, was es denn eigentlich zu feiern gibt!

Wo’a Recht hat, hat’a Recht, und – das Politische jetzt einfach mal beiseite geschoben – ich finde den Term der hirnlosen Funktionsmusik tatsächlich treffend.

Was darf sich Mitmensch Musikfreund darunter vorstellen? „Pop“ ist die falsche Antwort, Pop ist zwar meist hirnlos, erfüllt aber auch außer Gewinngenerierung keine Funktion. Nun, partytaugliche Musik dient in der Regel nicht dem Transport weiser Weisen. Musik aus der Flasche dem Computer, die immer irgendwie ähnlich klingt (dazu unten mehr), soll nicht den Geist, sondern die Körperfunktionen anregen; vermutlich den Brechreiz.

Ich bin ja, unglücklich zustande gekommene soziale Kontakte tragen die Schuld, durchaus bewandert in der Welt solcher Klänge. Bevor ich einen Musikgeschmack hatte, gefiel mir so manches auch aus ihr; viele meiner ersten CDs stammten von „Künstlern“ namens DJ Tonka, DJ Motte und dergleichen. DJ Bobo mochte ich aber damals schon nicht besonders. Ebenso besitze ich bis heute eine Kopie des „Flat Beats“ von Mr. Oizo, der schon im vorletzten Jahrzehnt den allseits als innovativer Musikstil gepriesenen Dubstep vorwegnahm. In Deutschland nicht verfügbar.

Dubstep, das konnte ich als jemand, der Diskotheken normalerweise nicht mal von außen sehen will, bislang in Erfahrung bringen, ist allgemein ein herausragendes Beispiel für Musik, deren einziger Zweck das Funktionieren ist:

DJing und EDM (Electronic Dance Music) heißt für mich: Wie schnell können wir neue Musik rausbringen? Und wie schnell können wir sie den Leuten zeigen? (…) Wenn es elektronisch ist, wenn du zu tanzen kannst – es könnte alles sein in Zukunft.
Skrillex

Neben dieser EDM hat vor allem auch EBM, „elektronische Körpermusik“, eine gewisse Bekanntheit erlangt. Dazu gehören Staubkind ebenso wie zumindest Nachtmahr und Combichrist:

Combichrist – I Want Your Blood (Live on Mania TV)

Der Stil trägt seinen Namen zumindest mit Recht. Funktionsmusik. Die Konsumenten hören sie entweder, weil sie nicht gefragt wurden, oder, weil sie sich Bewegung erhoffen, die sie ohne sie nicht mit genügend Überzeugung bekämen. Zappeln macht mehr Spaß, wenn andere mitzappeln. Nur wem?

Dabei unterscheidet sich die Funktionsmusik EDM/EBM insofern von der Nichtfunktionsmusik Pop, als letztere außer Hintergrundrauschen keine unmittelbare Funktion auf den Hörer ausübt. Warum sich Menschen, die Musik machen können, selbst in diese Rolle zwängen, ist mir nicht ganz klar. Wird wohl das Geld sein. Gibt es auch Ausnahmen? Natürlich: Den Jazz. Da soll keiner tanzen, den zahllosen Jazztanzgruppen sei’s trotzdem verziehen. Dann sitzen die Mädchen wenigstens nicht den ganzen Tag nur doof vor ihrem iPad rum, sondern hören gute Musik; obwohl Miles Davis natürlich auch nur langweiliges Getröte gemacht hat. (Weitere Ausnahme: Avantgardemusik. „Musik um der Musik Willen“, nicht, um irgendjemandem etwas zu beweisen. Aber die versteht wieder keiner.)

Ich weiß nicht, ob es schon positive wissenschaftliche Erkenntnisse über die Frage gibt, ob Funktionsmusik blöd oder wenigstens rammdösig macht. Angehörs der Diskussionskultur zwischen Hörern dieser Art von Beschallung ist ein Zusammenhang jedenfalls nicht auszuschließen.

Zum Glück habe ich Kopfhörer, die ich nicht nur als Accessoire um den Hals trage.


Interessantes Konzept auch:

Acme has a very simple mouse interface, the first button selects text, the second button selects text, and the third button also selects text.

Kann man sich merken.

Montagsmusik
Snöhamn – Du vilar nu

Es ist Montag. Es ist Winter. Auch innen drin.

Alles gesagt, alles gedacht. Was bleibt, sind Snöhamn und das Meer.

Snöhamn – Du vilar nu

Guten Morgen.