Nerdkrams
Todo.txt und Org­mo­de: War­um kom­pli­ziert, wenn’s auch ein­fach geht?

Zu den Din­gen, die den durch­schnitt­li­chen Benut­zer meh­re­rer Com­pu­ter (etwa Lap­top und Smart­phone und Spiel-PC) trotz (oder wegen) all des Webzweinull­quat­sches immer noch zu über­for­dern schei­nen, gehört es offen­bar, eine Liste zu erle­di­gen­der Din­ge anzu­fer­ti­gen, die auf allen benutz­ten Syste­men glei­cher­ma­ßen zur Ver­fü­gung steht. Wie sonst ist es zu erklä­ren, dass immer wie­der neue Vari­an­ten des Kon­zepts „Liste von Din­gen mit Datums­an­ga­be“ als neu­es kom­men­des Ding ange­prie­sen wer­den?

All die Wun­der­lists, Tood­le­dos und Astrids haben jeden­falls eines gemein­sam: Sie machen es zu kom­pli­ziert.

Frü­her, bevor der Com­pu­ter Din­ge ver­kom­pli­zier­te, bestan­den sol­che Listen noch aus rei­nem Text, wich­ti­ge dead­lines wur­den gele­gent­lich auch in papier­nen Kalen­dern notiert. Beson­de­re Spei­cher­for­ma­te waren nicht not­wen­dig, auch kei­ne Dechif­frier­me­tho­den: Benö­tigt wur­den ledig­lich Lese- und Schreib­kennt­nis­se.

Im Jahr 2003 ent­stand mit dem org­mo­de ein erstaun­lich spä­ter Ver­such, die­ses ein­fa­che Kon­zept in digi­ta­ler Form nach­zu­bil­den. Die ent­ste­hen­den Datei­en ent­hal­ten Prio­ri­tä­ten, Datums­an­ga­ben und auch sonst aller­lei Infor­ma­tio­nen, die man für ein todo benö­ti­gen könn­te. Der essen­zi­el­le Vor­teil gegen­über oben genann­ten Alter­na­ti­ven: Die .org-Datei­en sind rei­ne Text­da­tei­en ohne beson­de­re For­mat­an­wei­sun­gen – sie las­sen sich in jedem Text­edi­tor feh­ler­los und ein­fach bear­bei­ten. Mit Mobi­le­Org gibt es auch eine Android-app inklu­si­ve einer Mög­lich­keit, die .org-Datei­en per Inter­net frei­zu­ge­ben, was für uns Mehr­ge­rä­te­nut­zer ein deut­li­ches Plus ist. (Ob die­se app ein wid­get zur schnel­len Über­sicht noch zu erle­di­gen­der Auf­ga­ben besitzt, weiß ich lei­der nicht.)

Doof am org­mo­de ist es, dass man mehr oder weni­ger an Emacs gebun­den ist. Eini­ge wei­te­re Text­edi­to­ren neben Emacs, der die Refe­renz­im­ple­men­tie­rung des org­mo­des bis heu­te beher­bergt, haben inzwi­schen auch Syn­tax­high­light­ing und wei­te­re Unter­stüt­zung für das org­mo­de-For­mat als Plug­in erhal­ten; stets aktu­ell ist jedoch nur die Ori­gi­nal­ver­si­on, Inkom­pa­ti­bi­li­tä­ten nicht aus­ge­schlos­sen. Außer­dem hat die Auf­tei­lung in meh­re­re Datei­en zwar struk­tu­rel­le Vor­tei­le, aber den Nach­teil, dass es kom­pli­zier­ter wird, alle Auf­ga­ben im Blick zu behal­ten.

Die von mir zur­zeit bevor­zug­te Alter­na­ti­ve ist Todo.txt. Die­ses For­mat folgt ähn­li­chen Ziel­set­zun­gen wie der org­mo­de, ist jedoch frei von den erwähn­ten Nach­tei­len: Zum Einen gibt es kei­nen Stan­dard­edi­tor für das For­mat (es ist nicht ein­mal ein offi­zi­el­les Plug­in vor­han­den), zum Ande­ren beschränkt sich das For­mat auf eine ein­zi­ge Datei (eben die Datei Todo.txt), was nicht nur die Über­sicht, son­dern auch das Syn­chro­ni­sie­ren erleich­tert. (Offi­zi­ell wird zur­zeit nur Drop­box unter­stützt, natür­lich funk­tio­niert aber auch jeder ande­re ähn­li­che cloud-Dienst.) Dafür ist es mög­lich, für jeden Ein­trag eine Prio­ri­tät, Anfangs- und End­da­tum, einen „Kon­text“ und ein „Pro­jekt“ fest­zu­le­gen. Es gilt: Jede Auf­ga­be ent­spricht einer Zei­le.

Ein Bei­spiel:

(A) 2013-06-04 Schreibe Artikel über Todo.txt +nichtblog @online

Die­se Zei­le besagt: Die höchst­prio­ri­sier­te („(A)“) Auf­ga­be – Teil des Pro­jekts „nicht­blog“ im Kon­text „online“ – wur­de am 4. Juni 2013 geplant. Hier­bei sind fast alle Anga­ben optio­nal – vali­de wäre also auch ein­fach:

Schreibe Artikel über todo.txt

Eine aus­führ­li­che For­mat­be­schrei­bung (eng­lisch­spra­chig) ist im Pro­jekt­wi­ki zu fin­den.

Es gibt diver­se Desk­tope­di­to­ren für Todo.txt, unter ande­rem für Win­dows und Linux. Eini­ge von ihnen sind auf der Pro­jekt­web­site ver­linkt. Ich mei­ner­seits benut­ze in der Regel den von mir bereits 2011 geprie­se­nen Edi­tor Sub­li­me Text für die­se Auf­ga­be – immer­hin han­delt es sich bekannt­lich um „nor­ma­le“ Text­da­tei­en. Um mir das trotz­dem ein biss­chen zu ver­ein­fa­chen, ent­wick­le ich gele­gent­lich ein Syn­tax-High­light­ing-Plug­in für Sub­li­me Text, das Farb­ko­die­run­gen für die ein­zel­nen Ele­men­te hin­zu­fügt.

Außer dem recht mäch­ti­gen Kom­man­do­zei­len­skript „Todo.txt CLI“ gibt es von der Ent­wick­le­rin auch eine mobi­le app für iOS und Android, die ein Drop­box­kon­to zwar zwin­gend vor­aus­setzt, aber alles Nöti­ge mit­bringt. Auch ein wid­get ist ver­füg­bar:

Todo.txt-Widget (Screenshot von Gina Trapani, lizenziert unter by-nc-sa)

Natür­lich ist das alles weni­ger cool als die umfang­reich gestal­te­te Hype-app der Wahl zu benut­zen. Anders­her­um betrach­tet aber: Todo.txt und .org-Datei­en wer­den noch ver­füg- und benutz­bar sein, wenn die klei­nen Unter­neh­men, die für die Alter­na­ti­ven ver­ant­wort­lich sind, längst nicht mehr exi­stie­ren.

Man kann es auch über­trei­ben mit dem ver­meint­li­chen Kom­fort.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLXIV: „Wann kommt die Flut?“

Was macht eigent­lich Ange­la Mer­kel gera­de? Da Wahl­jahr ist, macht sie das mit der Volks­nä­he:

Bei ihrer Rei­se in die Hoch­was­ser­ge­bie­te hat Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel den geschä­dig­ten Men­schen Gel­der des Bun­des zuge­sagt.

Das Wort „Rei­se“ fin­de ich hier wie auch den „Besuch“ in der Über­schrift „Kanz­le­rin besucht über­flu­te­te Gebie­te“ sehr gelun­gen – Ange­la Mer­kel als Kata­stro­phen­tou­ri­stin? Dann fühlt sie sich in der „ehe­ma­li­gen“ DDR ja gleich dop­pelt zu Hau­se. (Im Fol­ge­satz ist von einer „Tour“ die Rede. Sport­lich!)

Mer­kel trug Wan­der­schu­he statt Gum­mi­stie­fel und ver­sprach den Men­schen schnel­le Hil­fe.

Natür­lich trug sie kei­ne Gum­mi­stie­fel, denn sie war ja auch nicht dort, um anzu­packen. Wäh­rend etwa Mit­glie­der der Pira­ten­par­tei Sand­säcke schlepp­ten, schwa­dro­nier­te die Kanz­le­rin vom Geld:

Der Bund wer­de 100 Mil­lio­nen Euro als Sofort­hil­fe für die betrof­fe­nen Regio­nen bereit­stel­len, sag­te Mer­kel am Mitt­woch in Pas­sau. (…) „Wenn die Mit­tel sehr schnell abflie­ßen, wer­den wir sicher noch mal bera­ten“, füg­te Mer­kel hin­zu.

Hehe, „abflie­ßen“. Hehe­he.

Par­don.

Pas­saus Ober­bür­ger­mei­ster Jür­gen Dup­per (SPD) dank­te der Kanz­le­rin für das „kla­re Signal“ (…).

Die Bür­ger arbei­ten schwer und ver­su­chen irgend­wie ihr Hab und Gut vor dem Total­ver­lust zu bewah­ren; die Kanz­le­rin trägt Wan­der­schu­he und schaut mal vor­bei. Auch ich als Wäh­ler dan­ke für das „kla­re Signal“.

Gern wie­der!

Musikkritik
Kurz­kri­tik: Mr Aver­ell – Grid­lock

Mr Averell - GridlockWas macht eigent­lich David Jack­son? Nun, seit sei­nem Aus­stieg bei Van der Graaf Gene­ra­tor vor eini­gen Jah­ren blieb der Stil prä­gen­de Saxo­pho­nist nicht musi­ka­lisch untä­tig und tat sich mit ver­schie­de­nen ande­ren Künst­lern zusam­men. Einer die­ser Künst­ler ist René van Com­me­née, ein nie­der­län­di­scher Künst­ler, der gele­gent­lich auch was mit Musik macht. Sein neue­stes Pro­jekt, eher lie­d­ori­en­tiert, heißt Mr Aver­ell (offen­bar ohne den Punkt). Ich hab’s mir mal ange­hört.

Dass das Album mit der Geräusch­col­la­ge „Lock“ beginnt, ist zwar ein viel ver­spre­chen­der Anfang, lei­der fällt das Niveau schnell. Der Gesang Herrn van Com­me­nées erin­nert an Joe Cocker, Tom Waits und den spä­ten Bob Dylan, jedoch deut­lich jün­ger. So klingt „Break the mir­ror“ auch eher nach einem See­manns­lied als nach einer Avant­gar­de­kom­po­si­ti­on. Gele­gent­lich dür­fen aber auch ande­re Per­so­nen ans Mikro­fon, im fol­gen­den „Kiss the girl!“ zum Bei­spiel die mir bis­lang unbe­kann­te Lene Lovich. David Jack­son steu­ert Dop­pel­horn­spiel dazu bei, neben ihm sind auf dem Album auch Hugh Ban­ton (Orgel), Stuart Gor­don (Gei­ge, Elek­tro­nik), John Ellis (diver­se Sai­ten­in­stru­men­te) und Judge Smith (Eupho­ni­um) zu hören, alle­samt aus ver­schie­de­nen Inkar­na­tio­nen von Van der Graaf Gene­ra­tor bekannt. „Kiss the girl!“ klingt ent­spre­chend wie eine sehr fröh­li­che, bei­na­he dem Pop zuge­hö­ri­ge Tanz­ver­si­on von Van der Graaf Gene­ra­tor. (War­um wird so etwas eigent­lich nie als Sin­gle ver­öf­fent­licht?)

Wei­te Strecken von „Grid­lock“ wer­den von René van Com­me­nées Akkor­de­on (See­manns­lie­der – da sind sie wie­der) domi­niert. Das klingt nur ober­fläch­lich lang­wei­lig. Immer wie­der wird der Hörer davor bewahrt, ein­zu­schla­fen, etwa mit dem belu­sti­gen­den, plötz­li­chen Refrain von „Boxes“. René van Com­me­née kann aber auch den Ham­mill: Der schon vom Titel her ham­mil­les­que „The fear of dre­a­ming (For Mari­jke)“ könn­te eben­so wie das drei­zehn­se­kün­di­ge „100 pres­ents“ von des­sen Solo­wer­ken stam­men. Fröh­li­cher wird’s dann wie­der im Titel­stück („Grid­lock“), in dem wie­der­um Lene Lovich Herrn van Com­me­nées Duett­part­ne­rin ist, und auch das abschlie­ßen­de „Rideehoo!!“ ist wohl fröh­lich gemeint, klingt aber eher nach einer Mischung aus Kir­mes- und Coun­try­mu­sik.

Wer sich von der illu­stren Gäste­li­ste hat täu­schen las­sen, der sei vor „Grid­lock“ gewarnt. Für ein RIO-Album ist es zu lie­d­ori­en­tiert, einem VdGG-Anhän­ger dürf­te es deut­lich an Span­nung feh­len. Licht­blicke sind die sel­te­nen star­ken Momen­te von David Jack­son eben­so wie die Duet­te mit Lene Lovich, eine Frau, zu der ich wahr­schein­lich auch mal Genaue­res erle­sen soll­te; lei­der gibt es zu weni­ge von die­sen.

Die Musik­pres­se fin­det „Grid­lock“ ziem­lich klas­se. Aber was kann man von denen auch erwar­ten?

Persönliches
Rha­bar­ber­frau­en / War­um es „das“ und nicht „der“ Bahn­ser­vice heißt

Gele­gent­lich bin ich, bedingt durch den Man­gel an ver­gleich­ba­ren Alter­na­ti­ven, in Zügen der Deut­schen Bahn unter­wegs. Nicht immer lässt es sich da ver­mei­den, ein Abteil mit Men­schen mit obsku­rer Erschei­nung und/oder obsku­rem Ver­hal­ten zu tei­len.

So auch heu­te, als mir gegen­über eine Frau in ihren geschätz­ten Vier­zi­gern saß. Das Erste, was ich von ihr aller­dings nach ihrem Ein­stieg bemerk­te, war ein auf­fal­lend forsch auf den Tisch zwi­schen uns geleg­tes „Emma“-Magazin. Nun, der erste Ein­druck zählt. Dass das Maga­zin nach der Plat­zie­rung sei­ner Besit­ze­rin selbst in deren Tasche ver­schwand (sie hat­te mich alles Not­wen­di­ge ja bereits wis­sen las­sen), macht Gese­he­nes also nicht unge­sche­hen. Nun saß ich ab einer Sta­ti­on – Hamm, wenn ich mich recht ent­sin­ne – einer Frau gegen­über, die Elke Hei­den­reich ähn­lich sah, stän­dig irgend­wel­che Noti­zen mach­te und gele­gent­lich zu Recht miss­trau­isch zu mir her­über­blick­te. Aus ihrem Ruck­sack aber rag­te nicht etwa besag­tes Maga­zin her­vor, son­dern Rha­bar­ber. Den Schaff­ner, der frag­te, ob sich unter den Fahr­gä­sten auch Zuge­stie­ge­ne befän­den (ver­mut­lich gehen Schaff­ner inzwi­schen davon aus, dass die mei­sten Pas­sa­gie­re bereits im Zug gebo­ren wer­den), wür­dig­te sie indes kei­nes Blickes.

Wahr­schein­lich schwarz fah­ren­de Frau­en über drei­ßig, die im Ruck­sack „Emma“ und Gemü­se trans­por­tie­ren – der neue Femi­nis­mus treibt gele­gent­lich skur­ri­le Blü­ten.

Aber auch ohne die­se Begeg­nun­gen ist das Fah­ren mit der Bahn oft ein Ver­gnü­gen für uns Lei­dens­fro­he. Ein Bei­spiel: Vor eini­gen Wochen mach­te ich den Feh­ler, aus der Gegend um Dort­mund nach Nie­der­sach­sen fah­ren zu wol­len. Dass die­se Strecke für ihre Attrak­ti­vi­tät auf Selbst­tö­ter bekannt ist, war bis dahin zwar ein Gerücht, das ich häu­fig gehört hat­te, mehr jedoch auch nicht.

Nun, an die­sem Tag wur­de ich eines Bes­se­ren belehrt. (Men­schen, die sich so umbrin­gen, dass es mög­lichst vie­len ande­ren Men­schen den Abend ver­dirbt, sind nicht mei­ne lieb­sten.) Infol­ge eines ent­spre­chen­den Zwi­schen­falls ver­pass­te ich mei­nen Anschluss­zug eben­so wie einen alter­na­ti­ven Zug wenig spä­ter. Die zumin­dest ver­stän­di­ge Schaff­ne­rin ver­wies mich nach eini­gen Tele­fo­na­ten dar­auf, dass sie nicht wei­ter­wis­se, und damit auf das Bahn­per­so­nal am Bahn­hof Han­no­ver. Aus­ge­rech­net Han­no­ver.

Das so genann­te „Ser­vice­per­so­nal“ in Han­no­ver, wo ich irgend­wann doch noch ankam, erklär­te mir, ich kön­ne auf der letz­ten Teil­strecke ein Taxi auf, immer­hin, Bahn­ko­sten nut­zen, wenn ich das im Fol­ge­zug bekannt­ge­ben wür­de, wo man mir ein ent­spre­chen­des „Ticket“ aus­stel­len kön­ne. Der Zug­be­glei­ter im Fol­ge­zug jedoch sah das anders; ihm zufol­ge sei die Schaff­ne­rin im ersten Zug dafür zustän­dig gewe­sen.

Kurz­fas­sung des Vor­gangs, um die tem­po­ra­len Kau­sa­li­tä­ten bes­ser dar­stel­len zu kön­nen: Zug 1 ver­weist mich an Per­so­nal auf dem Bahn­hof, Per­so­nal dort ver­weist mich an Zug 2, Zug 2 sagt, Zug 1 wäre zustän­dig gewe­sen, tja, Pech gehabt. Ange­sichts die­ser Logik­ket­te ist die selt­sa­me bahn­sei­ti­ge Auf­fas­sung davon, wie vie­le Sekun­den eine Minu­te hat, immer­hin ver­ständ­lich: Zeit­li­che Zusam­men­hän­ge soll­te man kon­se­quent mit glei­cher Ein­heit mes­sen.

Die Bahn hat auch nicht mehr jedes Tee­ser­vice im Schrank.

„Die Erhal­tung der Reichs­bahn und ihre mög­lichst schnel­le Zurück­füh­rung in die Macht des Rei­ches ist eine Auf­ga­be, die uns nicht nur wirt­schaft­lich, son­dern auch mora­lisch ver­pflich­tet.“
– Adolf Hit­ler, 23. März 1933

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLXIII: Na, auch anti­de­mo­kra­tisch?

Ihr enga­giert euch in einer die­ser „NGOs“, die­ser Arbeits­krei­se und Arbeits­grup­pen, etwa dem AK Zen­sur oder dem Ver­ein „Mehr Demo­kra­tie“? Dann hat unser Innen­mi­ni­ster schlech­te Nach­rich­ten für euch:

Das Dos­sier zur „Neu­aus­rich­tung der Beob­ach­tungs­pra­xis“ beschreibt dem Bericht zufol­ge sechs Lin­ken-Grup­pie­run­gen als ver­fas­sungs­feind­lich. (…) Indi­zi­en für eine anti­de­mo­kra­ti­sche Gesin­nung sei­en (sic!) bereits der Ver­such, mit außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewe­gun­gen zu pak­tie­ren (…).

„Wir sind Ter­ro­ri­sten, wir bom­ben euch ins All.“
– Hei­ter bis Wol­kig: „Ter­ro­ri­sten“

In den Nachrichten
Andrej Holm, rela­tiv recher­chiert.

Auf SPIEGEL ONLINE ver­wie­sen zwei Autoren gestern auf eine Stu­die, die belegt, dass häus­li­che Gewalt gegen Män­ner durch­aus gele­gent­lich vor­kommt. Gemäß der Stu­die – die sexu­el­le Gewalt wur­de lei­der nicht berück­sich­tigt – sind Frau­en und Män­ner bei­na­he gleich­auf.

Man­chen Autoren scheint es schwer­zu­fal­len, dem Grund­satz zu fol­gen, der Leser möge Gebrauch von sei­ner eige­nen Medi­en­kom­pe­tenz (gera­de in Bezug auf Stu­di­en und den SPIEGEL im All­ge­mei­nen) machen, und so dau­er­te es nicht lan­ge, bis Andrej Holm für den „Frei­tag“ die Stu­die ver­riss. Sei­ner Absicht, die SPIE­GEL-Autoren als frau­en­feind­li­che Mies­lin­ge dar­zu­stel­len, kommt der Ver­riss aber eher nicht zupass:

Nur ein knap­pes Vier­tel der Gewalt­er­fah­run­gen gegen Frau­en (1,2%) wird von den ein­ge­stan­de­nen Gewalt­tä­tig­kei­ten von Män­nern (0,3%) gedeckt.

Um die bei­den Pro­zent­wer­te jedoch gegen­ein­an­der auf­rech­nen zu kön­nen, ist es not­wen­dig, dass die abso­lu­ten Zah­len iden­tisch sind, also gleich­viel Männ­lein und Weib­lein befragt wur­den. Der Stu­die ist zu ent­neh­men, dass das Quatsch ist:

Akti­ve und pas­si­ve Erfah­run­gen kör­per­li­cher und psy­chi­scher Gewalt wur­den im Alters­be­reich von 18 bis 64 Jah­ren bei ins­ge­samt 5939 Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mern, davon 3149 Frau­en und 2790 Män­ner (unge­wich­te­te Anga­ben) erho­ben.

Somit ist davon aus­zu­ge­hen, dass Andrej Holm die Zah­len sehr wohl bekannt sind – die blo­ßen Pro­zent­wer­te, die ver­hält­nis­mä­ßig gering schei­nen, besit­zen also kaum rele­van­te Aus­sa­ge­kraft. 0,3 Pro­zent von 3149 sind eben nicht 0,3 Pro­zent von 2790. Somit macht Andrej Holm den glei­chen Feh­ler, den er den SPIE­GEL-Autoren vor­wirft, wenn er blo­ße Ver­hält­nis­se bemüht:

Die Dif­fe­renz zwi­schen Gewalt­er­fah­rung von Män­nern (6,9%) und ihren eige­nen Gewalt­tä­tig­kei­ten (3,9%) fällt dabei deut­lich grö­ßer aus als bei den Frau­en (3,3% vs. 3,4%).

(Dass die Dif­fe­renz bei Frau­en ins Nega­ti­ve geht, die Gewalt­ver­hält­nis­se also kon­trär sind, sei hier aus didak­ti­schen Grün­den nicht wei­ter berück­sich­tigt.)

Ob die Unter­schie­de in den abso­lu­ten Zah­len nun eher für Herrn Holm oder für die SPIE­GEL-Autoren spre­chen, sei außer Acht gelas­sen. Gewitzt und somit beacht­lich ist vor die­sem Hin­ter­grund jedoch Herrn Holms Fest­stel­lung, dass „mehr Frau­en als Män­ner von Gewalt­er­fah­run­gen in der Part­ner­schaft berich­ten“; Kunst­stück, wenn mehr Frau­en als Män­ner befragt wer­den, nicht wahr?

Jour­na­lis­mus: Die Fähig­keit, Medi­en­kom­pe­tenz der gewünsch­ten Dis­kus­si­ons­rich­tung unter­zu­ord­nen.

Und ich neh­me doch so ungern den SPIEGEL in Schutz!

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLXII: Ein kla­res Signal; wie aus der Pisto­le geschos­sen.

Was macht eigent­lich Gui­do Wester­wel­le (F.D.P., das war die Par­tei mit dem lusti­gen Vor­sit­zen­den) gera­de? Nun, er ist immer noch Außen­mi­ni­ster Deutsch­lands, und als ein sol­cher hat­te er sich jüngst mit sei­nen Amts­kol­le­gen aus dem Rest der Euro­päi­schen Uni­on zusam­men­ge­setzt und sich dar­über unter­hal­ten, wie man mit Syri­en, in dem gera­de ein Bür­ger­krieg statt­fin­det, umzu­ge­hen hat.

End­lich gibt es eine Lösung:

Am Ende konn­ten sich die Außen­mi­ni­ster nicht auf eine Ver­län­ge­rung des EU-Waf­fen­em­bar­gos eini­gen – und damit ihren Streit in der Fra­ge von Waf­fen­lie­fe­run­gen bei­le­gen. Damit läuft das Embar­go gegen Syri­en auto­ma­tisch an die­sem Frei­tag um Mit­ter­nacht aus.

Eigent­lich löst das nicht nur das Syrien‑, son­dern auch das Kri­sen­pro­blem: Deutsch­land als trei­ben­de Kraft im welt­wei­ten Waf­fen­han­del benö­tigt drin­gend einen neu­en Auf­schwung, und der wäre so zumin­dest sicher­ge­stellt, wenn auch nicht lan­ge. Jeden­falls für Erleich­te­rung ist so gesorgt:

In deut­schen Ver­hand­lungs­krei­sen herrsch­te danach gro­ße Erleich­te­rung über den Kom­pro­miss. „Alles ande­re wäre ein fata­les Signal gewe­sen, des Nicht­han­dels an Assad und der Hand­lungs­un­fä­hig­keit der EU“, hieß es am Diens­tag.

Denn, genau!, was sol­len die Leu­te den­ken, wenn die EU sich nicht ein­mal dafür ent­schei­den kann, Waf­fen in ein Kriegs­ge­biet zu lie­fern? Undenk­bar, sage ich.

Auf die EU ist eben Ver­lass.

Montagsmusik
Schizofran­tiK – Men Wit­hout Souls

Was machen momen­tan eigent­lich High Wheel, die nach mei­nem Dafür­hal­ten viel zu wenig beach­te­ten bay­ri­schen Retro-Prog-Musi­ker, die zuletzt 2006 das Live­al­bum „Live Befo­re The Storm“ ver­öf­fent­licht haben?

Nun, so genau weiß ich es nicht. Der Gitar­rist und der Bas­sist jedoch tauch­ten unlängst als Hin­ter­grund­chor bei den gleich­falls bay­ri­schen Funk-Prog-Ver­rück­ten Schizofran­tiK auf:

Schizofran­tiK – „men wit­hout souls“

Die­ses Bay­ern soll­te man wahr­schein­lich im Auge behal­ten.

Zunächst aber: Guten Mor­gen!

Netzfundstücke
Gute Lau­ne dank Bahn-App!

Als gele­gent­li­cher Bahn­rei­sen­der wer­de ich häu­fig Zeu­ge der Qua­li­täts­of­fen­si­ve der Deut­schen Bahn. Aktu­ell spül­te mir die­se Offen­si­ve eine Umfra­ge zu den diver­sen Dien­sten der Deut­schen Bahn ins Post­fach, die zwei­fels­oh­ne ihres­glei­chen sucht.

„Ihre Schaff­ner sind unfreund­lich, Ihre Prei­se zu hoch und Ihre Fahr­plä­ne nicht mal als Klo­pa­pier taug­lich“ lau­te­te lei­der kei­ne Aus­wahl­mög­lich­keit; statt­des­sen frag­te man mich unter ande­rem nach mei­nen Erfah­run­gen mit den mobi­len apps der Deut­schen Bahn. Ach, die Funk­tio­na­li­tät? Weit gefehlt!

Bahnumfrage

„Jede Zel­le mei­nes Kör­pers ist glück­lich, jede Kör­per­zel­le fühlt sich wohl.“
– aus bekann­tem Video mir unbe­kann­ten Ursprungs


Apro­pos glück­lich: Drü­ben auf Gera­spo­ra erklär­te ich aber­mals, war­um der Zau­ber der Pira­ten­par­tei ver­flo­gen scheint.

MusikIn den Nachrichten
Medi­en­kri­tik in Kür­ze: Der SPIEGEL und die Begleit­so­li­sten

Nein, Hans Hiel­scher (SPIEGEL ONLINE), ein­fach nein:

Der Jazz-Kon­tra­bas­sist Charnett Mof­fett ent­puppt sich mit sei­nem Album als vir­tuo­ser Solist. Auch ande­re Künst­ler befrei­en sich von ihrer Rol­le als Hin­ter­grund­mu­si­ker.

Der Kon­tra­bas­sist ist im Jazz kei­nes­wegs dazu ver­dammt, ein Hin­ter­grund­mu­si­ker zu sein, nur, weil sein Name nicht pro­mi­nent auf dem Schall­plat­ten­co­ver zu fin­den ist. Sei­ne Arbeit ist ein tra­gen­des Ele­ment eines jeden Jazz­al­bums, gern auch ersetzt durch einen E‑Bass-Spie­ler – der dann wie­der­um eben­falls kein blo­ßer Hin­ter­grund­mu­si­ker ist, auf ewig dafür zustän­dig, dem Sän­ger zur Pro­mi­nenz zu ver­hel­fen.

Aber ich ver­ste­he Sie, Hans Hiel­scher, schon, wenn Sie davon aus­ge­hen, dass nur rele­vant ist, wer die Kame­ras auf sich fixie­ren lässt. Es ist aber nicht die Schuld der Bas­si­sten, wenn „Musik­jour­na­li­sten“ wie Sie, Hans Hiel­scher, immer nur die Front­per­son abzu­bil­den pfle­gen. Wenn Sie sich nicht dafür inter­es­sie­ren, dass eine Musik­grup­pe nicht nur aus einem Sän­ger oder einem Gitar­ri­sten besteht, soll­ten Sie das mit der Musik bei SPIEGEL ONLINE ande­rer­seits viel­leicht ein­fach las­sen.

PolitikIn den Nachrichten
Die SPD, die ewi­ge Zwei­te.

Sig­mar Gabri­el hat sich als gegen­wär­ti­ger Par­tei­chef der SPD ver­mut­lich schon dar­an gewöhnt, gele­gent­lich nicht ganz die Wahr­heit zu sagen und das mit den Idea­len nicht mehr ganz so ernst zu neh­men wie die Grün­der der Par­tei. Nach dem bis­lang letz­ten sei­tens Deutsch­lands so dekla­rier­ten Welt­krieg hat sich die SPD etwa gegen die Wie­der­auf­rü­stung des Lan­des gewehrt, heu­te fin­det sie das mit dem Leu­te­tot­schie­ßen nicht mehr all­zu furcht­bar. Die „Regie­rung Schrö­der“ hat so man­ches Land von bewaff­ne­ten Trup­pen befrie­den las­sen. Was die Agen­da 2010 noch mit den heh­ren Zie­len von Fer­di­nand Lass­alle zu tun haben soll, ist mir im Übri­gen auch immer noch nicht ganz klar.

Dass jemand, der in so gro­ßem Stil sei­ne Kli­en­tel belügt, auch in eigent­lich belang­lo­sem Kon­text nicht immer die Wahr­heit sagt, soll­te nie­man­den ernst­haft über­ra­schen. Dass Sig­mar Gabri­el die BILD belügt, ver­dient aber zumin­dest aner­ken­nen­des Schmun­zeln.

Fol­gen­des gab er zu Pro­to­koll:

(…) Denn die SPD ist die älte­ste demo­kra­ti­sche Par­tei Euro­pas.

So weit, so Quatsch.

Die SPD wur­de, wie heu­te jedes gute Geschichts­buch (eben­so wie die Wiki­pe­dia) lehrt, als Par­tei am 27. Mai 1875 als Ver­ei­ni­gung der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter­par­tei (SDAP, gegrün­det 1869) und des All­ge­mei­nen Deut­schen Arbei­ter­ver­eins (ADAV, 1863) als „Sozia­li­sti­sche Arbei­ter­par­tei Deutsch­lands“ (SAPD) – die „Sozi­al­de­mo­kra­tie“ kam erst spä­ter in den Namen – kon­sti­tu­iert. Zu die­sem Zeit­punkt bestand die Deut­sche Zen­trums­par­tei, eben­so wie die SPD nur wäh­rend des Drit­ten Rei­ches kurz­zei­tig auf­ge­löst, bereits seit fast fünf Jah­ren. Auch dann, wenn man, wie Sig­mar Gabri­el, die Wur­zeln ver­folgt, nicht also die Par­tei­grün­dung 1875, son­dern die Grün­dung eines Vor­läu­fers 1863, als Stich­tag fest­legt, soll­te sich die SPD mit dem Titel des ewi­gen Zwei­ten abfin­den – der Katho­li­sche Klub als Pio­nier der poli­ti­schen Katho­li­ken­be­we­gung in Deutsch­land fand sich bereits wäh­rend der Natio­nal­ver­samm­lung 1848 zusam­men, die Ursprün­ge der Zen­trums­par­tei lie­gen also 15 Jah­re vor denen der SPD. Alles Gute zum 165. Geburts­tag, lie­be Zen­trums­par­tei.

Aber die SPD hat ja sonst nichts mehr. Auch kei­nen Stil.

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Kurz ver­linkt CLXI: Cas­ca­da? Mer­kel ist schuld!

Zum ersten Mal seit Jah­ren ist der dies­jäh­ri­ge „Euro­vi­si­on Song Con­test“, der offen­bar in den letz­ten Tagen sein Fina­le fand, von mir unbe­merkt vor­über­ge­zo­gen. Deutsch­land hat offen­bar einen nicht all­zu guten Platz errun­gen. War­um? Tho­mas Schrei­ber (ARD) weiß es:

„Wir sind in einer schwie­ri­gen Situa­ti­on. Es gibt sicher auch eine poli­ti­sche Lage“, sag­te Schrei­ber. „Ich will nicht sagen ’18 Punk­te für Ange­la Mer­kel‘. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cas­ca­da, son­dern da stand auch Deutsch­land auf der Büh­ne“, sag­te der ARD-Mann.

Cas­ca­da sind mir ja bis­her nur ein­mal posi­tiv auf­ge­fal­len: Deren Sän­ge­rin Nata­lie Hor­ler zier­te vor eini­gen Mona­ten die Titel­sei­te des deutsch­spra­chi­gen „Playboy“-Magazins. Das war inter­es­sant. Anson­sten ken­ne ich Cas­ca­da als ödes Dis­co­ge­stamp­fe zu eng­lisch­spra­chi­gen Aller­welts­tex­ten. Da steht Deutsch­land auf der Büh­ne, mei­ne Damen und Her­ren; wie eben auch vor eini­gen Jah­ren:

Gewon­nen hat eine bar­fü­ßi­ge 20-Jäh­ri­ge mit viel Charme und einem ein­gän­gi­gen Lied­chen – jung und herz­er­fri­schend wie vor drei Jah­ren Lena Mey­er-Land­rut.

„Satel­li­te“, jung und herz­er­fri­schend und unglaub­lich belang­los. Deutsch­land, Nor­we­gen, Groß­bri­tan­ni­en oder Taka-Tuka-Land – wofür steht es? Was ehe­dem ein Län­der­wett­streit sein durf­te, des­sen Prot­ago­ni­sten ver­such­ten, mit Lokal­ko­lo­rit („Ein biss­chen Frie­den“) zu sie­gen, ist heut­zu­ta­ge nur mehr eine herz­lo­se Schlacht dar­um, wel­ches Land den Kom­po­ni­sten für die am wenig­sten gleich­för­mi­ge Ein­heits­pop­schei­ße beher­bergt, die den­noch radio­taug­lich sein muss. Es geht längst nicht mehr um den Inhalt, nur noch um die Form.

Lie­ber hat man sich hier für einen abge­schmack­ten Auf­guss, also im Grun­de gar nicht ent­schie­den, als ein Risi­ko ein­zu­ge­hen. Lie­ber wur­stelt man sich durch, als beherzt auch mal ein groß­ar­ti­ges Schei­tern in Kauf neh­men zu wol­len. Lie­ber tut man hier nichts, als etwas zu wagen.

So gese­hen: Viel­leicht ist doch Ange­la Mer­kel schuld.

Das aller­dings bezweif­le ich ein wenig.