Archiv für die Kategorie ‘Persönliches’.

Ich rede nicht gern über mich, aber manchmal schreibe ich. Und dann schreibe ich das hier.

Persönliches
Honig im Kopf: Bummzisch, Neujahr 2016!

Laut, teuer und sinnlos, so muss Silvester sein. Die Deutschen freuen sich nicht leise, wenn der Kalender ihnen das schon mal gestattet, sie wollen laut und deutlich jedem, der es noch nicht wusste, zeigen: Seht her, wir sind doof. Von 2014 gelernt: Die im Dezember Verstorbenen, insbesondere die Sonderlinge, bekommen in den Föjetongs die ihnen zustehende Aufmerksamkeit, obwohl Jahresrückblicke zusammen mit den Schokoweihnachtsmännern schon im Oktober quasi durch waren. Sind ihre Namen wirklich wichtig?

Die „Stiftung für Zukunftsfragen“ ermittelte vor ein paar Tagen, dass über die Hälfte der Befragten im Jahr 2015 „angstvoll in die Zukunft“ blickte, dabei gibt es in der Gegenwart doch genug zu beklagen. 2015 haben wir verloren, unsere Freiheit und unser Miteinander. Dieser Weg wird kein lei- einfacher sein. Anders, nicht schlechter!

Manches war ja doch ganz schön. Mehr davon, nur ein bisschen mehr. Ein Leben voller Wochenenden mit ihr und Musik und überdies und vor allem ohne die Abers wäre wahrscheinlich wundervoll. Adler müsste man sein und weniger doof. 2015 war eben auch: Behäbiges Erkennen, was wichtig ist.

Schon seit Wochen werden gute Vorsätze angekündigt, als wolle man sich gegenseitig in der Zahl seiner Laster übertrumpfen; nur, wer weiß, dass er sich falsch verhält, kann den guten Vorsatz fassen, diesen Fehler nicht zu wiederholen, und spart sich dann doch lieber das komplizierte Nachdenken darüber, warum er nicht vor dem Silvesterabend damit beginnen kann. Und so sitzt man am Ende doch wieder umgeben vom Funkenregen, in dem so vieles verpufft, irgendwo im Halbdunklen und macht, was man ja irgendwie zuverlässig am besten kann: man vermisst. Silvestereinsamkeit ist schöner, wenn man sie nicht teilen muss.

Hallo, 2016. Du wirst es schwer haben.

Persönliches
Kein Fragment. II

(… und wieder einmal macht man den Fehler, sich vorübergehend nicht mit anderen Dingen zu beschäftigen, und hat sofort wieder dieses beklemmende Gefühl, das sich einstellt, wenn der Kopf nicht da ist, wo er sein sollte, an der Schulter oder auf dem Bauch nämlich, und man solle sich doch mal ranhalten, damit es endlich wieder deprimierende Texte zu lesen gäbe, weil man inzwischen zum Unterrichtsmaterial avanciert sei, wahrscheinlich geht es um Tragikomödien oder so, aber man weiß es nicht und ist verstört, wie es dieses elende Jahrzehnt ja auch bzw. nicht besser verdient hat. Ein Königreich für ein Tier (zum Beispiel Großbritannien) und endlich etwas Ruhe; wieder nicht genug vergnügt für einen extrovertierten Ausdruck der Traurigkeit, ein Zittern auf den Lippen und zum Teufel mit dem elenden Immunsystem, so wird das nichts mit einem anständigen Herrentod (i.e. Männergrippe). Glück und Gesundheit. Vor allem Glück.)

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 9 dreiföddel)

„Kisses for me, save all your kisses for me.“
— Brotherhood of Man: Save Your Kisses For Me


… Er wusste nicht, was all das zu bedeuten hatte. Sicher, er hatte vieles falsch gemacht. Sie hatte ihm beigestanden, er hatte es ihr nie gedankt; schlimmer noch: er hatte nie verstanden, selbst beizustehen. Aber war sie nicht schon so oft fort gewesen, hatte er nicht trotzdem nie lange auf sie verzichten müssen?

Diesmal schien es anders, so lange waren sie selten getrennt. Etwas schien zu glühen, als er einen kurzen Blick auf sie erhaschen konnte. War sie in der kurzen Zeit noch schöner geworden? Dennoch mied sie ihn. Es war ein sauberer Abgang, natürlich, etwas anderes konnte man ihr kaum nachsagen, aber es war trotz allem ein Abgang. Der Tag der toten Ente. Er wurde nicht schlau aus ihr.

Sie würde ihn niemals seinem Schicksal überlassen, dessen war er sich sicher. Trotz allem war da immer mehr gewesen als ein Nebeneinanderleben, jedenfalls hatte er das immer gehofft. Nun aber war es zum ersten Mal sie, die ihn brauchte; und er hatte wieder einmal versagt.

Sie hatte die vermeintlich letzte offene Tür zugeschlagen. Er fühlte sich allein. Aber gerade, als er den Faden für gerissen hielt, tauchte sie wieder auf. Wenige Zeilen genügten, die ihn zum Strahlen brachten, weil sie von ihr kamen, bevor sie wieder verschwand und ihn mit all den Monden allein ließ.

Sein Harren blieb ziellos. Was sollte er tun? …


„Es ist mir absolut egal, ob du nur noch mit mir spielst; tu, was du willst.“
— Die Ärzte: Mach die Augen zu

In den NachrichtenPersönliches
Bring Your Own Fäkalnachweis

Das mit diesen Wertcoupons, die man auf Bahnhofstoiletten bekommt, ist so teuflisch, dass ich selbst gern darauf gekommen wäre und im Wortsinne mit Scheiße Geld verdient hätte.

Für die, die das nicht kennen: Wenn man auf einem durchschnittlichen deutschen Bahnhof einen Euro einwirft, um seine Notdurft verrichten zu dürfen, bekommt man dafür einen Gutschein über 50 Cent zurück, den man dann in bahnhofseigenen Geschäften einlösen kann – natürlich beschränkt auf einen Gutschein pro Person und Bestellung, denn sonst kann man seine Verdauungsbelege ja einfach lange genug sammeln und sich dann irgendwann bei Burger King quasi gratis in den Herztod schlemmen. (Sagt man das bei Burger King eigentlich so, „schlemmen“?) Der Versuch, einen solchen Wertcoupon einzulösen, besagt doch eigentlich nur: Seht her, ich habe ausgiebig gekackt und möchte nun meinen Lohn erhalten!

Mein ausdrücklicher Glückwunsch hierbei geht an die Frau, die gestern vergebens versuchte, fünf dieser Gutscheine in einer Fast-Food-Filiale einzulösen, und dabei recht aufdringlich Unverständnis über die Beschränkung sowie Befürchtungen über die Gültigkeitsdauer äußerte. Stimme und Habitus erinnerten mich dermaßen an die Figur der Lorraine Swanson aus der US-amerikanischen Serie „MADtv“, dass es mir vergleichsweise schwer fiel, dem Vorgang keine übermäßige Aufmerksamkeit zu widmen. Im Krieg waren Essensmarken noch mit weniger Überwindung von Scham verbunden.

Sie haben ja keine Wahl:

Bahnhofstoiletten werden bereits seit mehreren Jahrzehnten an Toilettenbetreiber verpachtet, da die Betreibung von Toilettenanlagen nicht zwingend zum Kerngeschäft eines Eisenbahninfrastrukturunternehmens gehört. (…) Eine wirtschaftliche Betreibung der Anlagen macht die Erhebung eines Nutzungsentgeltes erforderlich. (…) Eine Betreibung auf diesem Niveau ist nur mittels eines angemessenen Nutzungsentgelts in Höhe von einem Euro je Nutzer umsetzbar.

Was dann ja andererseits erklärt, wieso das Niveau von Zugtoiletten so niedrig ist. Das Sauberhalten gehört nicht zwingend zum Kerngeschäft der Bahn. Die haben ja kein Geld.

So lange bleiben sie hängen, wie es nach den Gesetzen der Hygiene möglich ist.
Adolf Hitler, 1922


Gute Nachrichten übrigens: Jemand hat endlich RFC 1149 implementiert!

MontagsmusikPersönliches
Discipline. – Before the Storm

EulenkaterMont-argh. Holterdipolter, da kullert das Niveau unter’m Wochenende hervor. Wenn die Piratenpartei wählt, dann wählt sie gern von der Getränkekarte. Da geht wenigstens nichts kaputt. Wir sind ja nicht zum Spaß da.

Andererseits: Spaß? Bei jedem „Tor!“-Ruf im Fernsehen befürchtet man, dass gleich sein Gesicht zu sehen ist, wenn man es schon schafft, entscheidende Elfmeter in ein Eigentor zu verwandeln, und sich der Ouroboros nicht zu drehen aufhört; der Konsequenz aus der Konsequenz kann man nicht mit Umkehrschlüssen begegnen. Es funktioniert nur, wenn man es nicht versucht, und es schlägt pompös fehl, wenn man sich anstrengt, es aktiv nicht zu versuchen. Das magische Feuer brennt wohl nur einmal im Leben, danach zählt, was man selbst zu leisten vermag. Wie hat man das damals eigentlich geschafft? Manchmal, nur manchmal ist der freie Fall noch aufzuhalten, und man streckt die Arme aus und streift zumindest weiches Fell, das sich einfügt wie dafür gemacht. Perfekte Momente kennt man ja auch nur als „hoppla, da war wieder einer“, wie Sternschnuppen und Vollmonde, man ist ja nicht mehr nur nicht der Schnellste, sondern nun auch noch nicht mehr der Jüngste.

Recht hast du, klagendes Käuzchen in der Ferne. Dir fehlt sie auch, nicht?

And I can’t remember before the storm or the ocean.

Discipline band Before The Storm / Blueprint

I can still see the sun in your eyes,
and I can see you there like it’s yesterday.

Morgen.

MusikPersönliches
Sein oder ich sein? (Fünf Jahre danach.)

(Und irgendwann wacht man auf und ist zum ersten Mal im Leben älter als man sich fühlt. Was war denn das jetzt? Man ist doch kein bisschen reifer, weiser, besser als noch gestern geworden. Ist das das Leben oder war es das oder wird es das gewesen sein? Man war ja noch lange keine 30 und ist es bis zum letzten Tag auch nicht geworden. Wie alt ist eigentlich zu alt für wen, für was? Vor lauter Perspektiven sieht man sich selbst schon nicht mehr im Spiegel, was mit zusehends voranschreitender Alterung eine immer erfreulichere Aussicht ist. Die grauen Haare auf dem Kissen sind Zeuge genug des eigenen Versagens, des eigenen Verrats an sich selbst. Man sollte, man müsste, man hatte nur nicht. Kein Voran, kein Bestand. Die Evolution der Gesellschaft frisst zuerst die, die sie fürchten. Das Leben überholt immer zweimal, während man kurz rastet. Man hat längst verloren, zuletzt schließlich seinen Humor.)

… und jeder Sonnenstrahl trifft dich wie ’ne Kugel aus Stahl,
schießt Bilder in deinen Kopf, die dir vor Stunden egal,
und alte Wunden fangen wieder zu bluten an,
du starrst nur Löcher in die Luft, hundert Minuten lang …

(Die Fantastischen Vier: Hey!)

(Erschöpft ab.)

FotografiePersönliches
Türkisch für Anfänger

Dem aufmerksamen Leser dieser Zeilen ist womöglich mein unübliches Schweigen der letzten Tage auf dieser Internetpräsenz nicht entgangen. Die Zeit, die ich ansonsten mit weltmännischer Attitüde und hoher Kunst verbringe, habe ich indes diesmal anderweitig zu füllen beschlossen und mit der besten, liebreizendsten Begleitung, die ein alter Griesgram wie ich eigentlich kaum verdient haben dürfte, eine Reise in ein fernes Land angetreten.

Während das stets unzufriedene Volk des Heimatlands sich dieser Tage also, überwältigt davon, dass sich ihr Sehnen nach einem Sommer, wie er früher einmal war (R.C.), letztlich in Form einer Wärmephase („Hitzewelle“, die Medien) erfüllt hat, entsetzt stöhnend in kühle Schatten zurückzieht, liegt der Verfasser dieser Zeilen, ausgestattet mit Schirmchengetränk und Sonnenbrille, am Palmenstrand und versteht das Problem nicht; überdies in einem Land, das jedes Klischee mit hoffentlich unbeabsichtigter Selbstironie wahlweise zunichte macht oder voll und ganz bestätigt. Zwar gibt es weder Feze noch Kopftücher, dafür aber viele schnauzbärtige Herren auf Plakaten und an der Straße, an der andere Touristen mit dem otobüs oder einem taksi zum Hotel gefahren werden, das neben ARD und ZDF einen Fernsehsender namens Süper RTL kennt. Was bei Hallervorden noch politische Spitze sein durfte, genügt hier noch immer zur Neuausrichtung von Weltbildern (lies: des meinen).

Süper RTL

Genug Erlebnis darf’s bei all der angenehm sonnigen Entspannung dann doch sein, und so zieht es den Reisenden an einem strandarmen Tag in die Stadt (Antalya), wo es zu viel Eis und einen Basar gibt, an dessen Eingang man vor „getürkter Ware“ gewarnt wird. Erwähnte ich, dass dieses Land Klischees zu vernichten imstande ist? Antalya, bis auf Weiteres die Welthauptstadt der Selbstironie, zeigt sich hier von seiner besten Seite.

Daniel Klein

Döner

Echt ist allerdings die Kultur dahinter, viele Jahrhunderte Tradition stehen westlicher Verirrung diametral entgegen:

Kitsch Gewürze

Überhaupt ist in Antalya vieles größer, selbst der Spam denkt in größeren Dimensionen. Viagra-Cialis-Mails? Ach, i wo! Schnöde Mails sind der westlichen Industrie vermacht, dieser Adressatenkreis ist ein weit weiterer:

Viagra Cialis

Und trotz alldem: Eigentlich ist es ja doch ganz schön, dieses Land.

Antalya 1 Antalya 2 Antalya 3 Antalya 4

Warm hier heute, nicht wahr?

MusikPersönliches
Vinyl <3 (2): Wir haben verloren.

Zur Einstimmung auf den diesjährigen Record Store Day – ischa bald – schlenderte ich heute durch eine Filiale eines großen Medienvertriebskonzerns und nahm erfreut war, dass selbst die Vinylabteilung in einem doch eher für Laufkundschaft attraktiv gemachten Ladens in den letzten Jahren zumindest quantitativ um ein Vielfaches angewachsen war. Ein genauerer Blick aber ließ mich erahnen, dass die Vermutung, dass man selbst bei denen, die Musik allein nach den damit erzielten Umsätzen bewerten, erkannt habe, dass wir Musikliebhaber ein bedeutsames Klientel sind, vielleicht etwas vorschnell getroffen worden war.

Eine Plattenfirma „Edel“ – laut Wikipedia ein „Independent-Label“ – zu nennen und dann ausschließlich schlimme Schaudermusiker unter Vertrag zu nehmen ist ja auch irgendwie gehässig. Tatsächlich aber scheint man dort eine Menge Geld dafür auszugeben, den langweiligen Quatsch, den man gern als „Hits“ deklariert sehen würde, auch denjenigen unterzujubeln zu versuchen, die um „den Mainstream“ bewusst und aktiv einen Bogen zu machen versuchen. Dass kein Vinylregal in großen Ketten ohne Johnny Cash und irgendwelche hippen Indie-Rock-Bands auskommt, kann ich aus wirtschaftlicher Sicht noch verstehen, dies wird oft zumindest ausgeglichen von Can- und Gong-Platten; aber was sollen die weit von jedem Dasein als absichtlicher Musikhörer entfernten Individuen in der Zielgruppe der Plattenfirma „Edel“ mit einer Vinylversion eines Albums einer dieser Uff-Tscha-Combos anfangen? Einen Plattenspieler haben die wohl nicht, die Vorteile einer 180-Gramm-Vinylpressung lassen die sich wohl kaum beibringen. Passt ja nicht mal in das iPhone rein, so’ne Platte.

Oder kann es sein, dass man hier seitens der Plattenfirma die drollige Sitte, Vinyl-LPs Downloadcodes für eine kaputtkomprimierte MP3-Version des Albums beizufügen, kreativ ausnutzt? „Seht her, für nur knapp 30 Piepen kriegt ihr das Album, das ihr euch sonst für ’nen Euro gemietet hättet, als MP3 und zum Indenschrankstellen.“ Die nächste Hipstergeneration wird ihren älteren Geschwistern sehr peinlich sein. Früher, als man noch ein Instrument spielen oder wenigstens einigermaßen erträglich singen können musste, um als Musiker wenigstens leidlich erfolgreich sein zu können, war eine „Generation“ ja noch als „einige Jahrzehnte“ definiert, aber da wurde auch noch nicht so früh so viel geschnackselt.

Can. Gong. Johnny Cash. Madonna. Eminem. Die Website des großen Medienvertriebskonzerns führt „Vinyl“ als eigenständige Kategorie neben „Pop“ und „Sonstige“ auf, weil’s eben völlig egal ist. Pop. Rock. Jazz. Vinyl. Stream. iPods. Papas Gruftimusik. CDs. Hauptsache, es ist ein Poster dabei.

Im Januar 2014 freute ich mich:

Dieter Bohlens „Superstars“ werden es vermutlich nie auf eine Schallplatte schaffen.

Ich fürchte, wir haben verloren.

In den NachrichtenNetzfundstückePersönliches
Facebook / YouTube / Blogs

Was wir auch noch gelernt haben: Britische Breitbandnutzer haben ihr Netz lieber ungefiltert. Doch, echt! Die können sich das allerdings auch aussuchen und bleiben nicht wie diejenigen Deutschen, die die Nutzung von Proxys aus verschiedenen Gründen nicht bevorzugen, automatisch außen vor, weil zum Beispiel die GEMA Medien wegfiltert. Dass die eigentliche Absurdität daran ist, dass ausgerechnet die Deutschen die Feier zur Befreiung Auschwitzs nicht am heimischen Bildschirm mitverfolgen dürfen, ziehe ich im Übrigen in Zweifel; immerhin verzichtete man sogar darauf, die Befreier selbst einzuladen.

Apropos YouTube: „Schönen Account haben Sie da. Wäre doch schade, wenn dem was passiert.“ Damit geht YouTube vielleicht noch nicht so weit wie SPIEGEL ONLINE, die Urhebern deren eigene Werke teuer vermieten würden, aber wer weiß, welch‘ absurde Blüten Googles Drang nach Monetarisierung noch treiben wird.

Während die Deutschen doch sowieso schon genug Probleme haben: Gestern Vormittag war Facebook vorübergehend nicht erreichbar.

murica

Viele sind vielleicht auf schnelllebige Chats umgestiegen. Twitter führt nun Gruppenchats ein. 140 Zeichen für nichts zu sagen. Gestammel, das nicht von Dauer ist und sich von schrecklichen „Vlogs“ („Video-Weblogs“) wie – hihi – Signifi-Cunt (mindestens eine der beiden Protagonösen war hier gelegentlich Thema) nur in der Art der Darreichung und Nervigkeit unterscheidet. Wer wirklich etwas zu sagen hat, der schreibe ins Internet hinein. Ein gutes Blog besteht auch, wenn es niemand liest. Schreiben als Spiegel zur Seele. Schreiben als vertieftes Selbstgespräch, nicht begleitet von Gefälltmirs und Retweets, im Dialog mit sich selbst. Schreiben als Gesprächstherapie zum Tiefstpreis. Nur wo? Auf Facebook lieber nicht, da verschwindet es im Glückskeksstrudel. Medium.com war noch 2014 eine beliebte Alternative. Pustekuchen: Eure Texte gehören dann denen. Dem Mitmenschen Essensblogger – schönes Zitat auch: nur weil irgendwo Werbung möglich ist, gibt es keinen Grund, sie dort auch unbedingt zu platzieren – mag’s egal sein, er schreibt ja aus Freude am Genuss und hat sonst keine anderen Hobbys, aber intimste Gedanken, notdürftig eingehüllt in wattige Wortwolken zum Schutz des Ichs, gehören nicht in die Hände böser Schokoladenonkel und damit eigentlich auch nicht ins Internet, aber es filtert, es reinigt, es befreit. Raus mit dem Gedankenkraut, her mit neuem, immer neuem.

Solang’s nur die Miete im Oberstübchen bezahlt.

MusikPersönliches
Kein Fragment.

(… und dann, manchmal, unterbricht man sein Schweben und wagt einen vorsichtigen Blick zurück, um sogleich gleichsam zu erstarren; gewissermaßen und zuvörderst erstarren vor sich selbst, hat man doch endlich mal gelebt, aber halt zu spät und/oder zu früh und überhaupt mit größtmöglichem Aber; schee woar’s und dreckig, weil man nicht allein hätte sein wollen und sich statt mit Liebe mit Vorträgen befasst, aber wenn man auf der Flucht vor sich selbst in die verkehrte Richtung läuft, ist das eben schlecht für’s Karma. Sehnsuchtsfehler sind keine besseren. You know I wasn’t crazy [Cheer-Accident], aber das ändert sich ja schnell heutzutage. Rennen, rennen, so lange die Richtung stimmt. Nicht nicht verlieren zu wollen ist keine Dopplung, sondern halbiert. Warum man nicht endlich wieder „ein Fragment“ schreibe, wird man dann gefragt, denn man sei so unangenehm undeprimiert. Aber das ist man gar nicht. Man weiß es nur nicht mehr.)

In den NachrichtenPersönlichesPolitik
Nachtrag zu PEGIDA: Wer ist hier fremd?

Zu den PEGIDA-Demonstrationen (ich berichtete) ansonsten vielleicht noch eine kritische Beleuchtung dessen, was die Leute daran eigentlich so stört: Merkel verurteile „fremdenfeindliche Tendenzen“, schreibt man auf SPIEGEL ONLINE und nennt dabei eigentlich schon das Hauptproblem.

Nun beginnt Fremdenfeindlichkeit ja schon damit, dass man „Fremde“ zunächst einmal als Fremde wahrnimmt. Ich selbst halte mich für insofern „fremdenfeindlich“, als ich mir fremde Menschen in den meisten Fällen lieber nicht ertragen müsste, aber gegen die Ausländer und Moslems unter ihnen habe ich im Allgemeinen auch nicht mehr einzuwenden als gegen Inländer und Christen (gerade Letztere sind mir ohnehin besonders zuwider).

Haven’t we met? You’re some kind of beautiful stranger.
Madonna: Beautiful Stranger

Fremdenfeindlich. Feindlich gegen die Fremden. Fremd ist, mit wem man fremdelt. Die Bundeszentrale für politische Bildung weiß:

Fremd ist nur, was als solches erlebt wird. Nichts ist aus sich heraus und notwendig fremd. Das fremde Terrain erscheint im Erleben einfach vorhanden, tatsächlich ist es subjektiv gesetzt und Ergebnis willkürlicher Ordnungskriterien im Gefolge persönlicher Motive und gesellschaftlicher Konventionen.

Wer gegen Anhänger einer bestimmten Religion, Mitglieder einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht oder Einwanderer aus einer bestimmten Region populistisch agiert, der ist noch kein Feind des Fremden. Eine überzeichnete Analogie: Ich halte auch Ursula von der Leyen für jemanden, der lieber putzen und backen sollte als dieses Land in den Krieg zu führen, und habe gegen Frauen trotzdem prinzipiell nicht viel einzuwenden.

Damit wir uns verstehen: PEGIDA, DÜGIDA, BOGIDA und all die übrigen Häuflein seltsamer Menschen sind wohl überwiegend politisch unsichere Demonstranten, deren Wut sich gegen das Falsche richtet, gegen den Boten nämlich, nicht jedoch das zerrüttete Sozialsystem. Das ist ein bisschen schade. Ihnen aber pauschal Feindlichkeit gegenüber Fremdem vorzuwerfen setzt womöglich ein falsches Signal. Unter den Demonstranten sind von ihrer Tageszeitung verblödete Unmündige sicherlich ebenso wie stramme Rechte und Opportunisten zu finden. Man mag sie einen Pöbel nennen, einen Haufen Leute, die beinahe so effizient wie ihre Gegendemonstranten („NOPEGIDA“) wertvolle Lebenszeit anderer Leute mit ihrem Unsinn verplempern. Das Wort Fremdenfeindlichkeit aber ist fremdenfeindlicher als jedes Graffito auf Hauswänden.

Du kennst mich doch, ich hab‘ nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier!
Methusalix, in: Asterix, „Das Geschenk Cäsars“

Persönliches
2014, revisited. / Murmeltiertag.

2014 war ja auch ein Jahr des Man-hätte-es-wissen-Könnens.

Man hätte wissen können, dass Pfründe Moral stets überwiegen. Man hätte wissen können, dass Musiker im sterbefähigen Alter selbiges eines Tages ereilen wird. Man hätte überdies aber, still in sich hinein, wissen können, dass es diesmal wieder nicht klappt und das Mal danach auch nicht und dass man eigentlich auch die Finger lassen sollte von allem, was menschelt.

Wusste man es nicht? Wollte man es nicht wissen?

Überhaupt, Selbstbestimmungsrecht. Und immer diese Jahresrückblicke, diese elenden Gesichter in diesen elenden Medien, die elenden Unsinn in Mikrofone von elenden Schwindlern reinsprechen. Blöd für jeden, der im Dezember stirbt, der kommt dann nicht mehr vor. Und die eigenen Ziele? Verfehlt, weit verfehlt, wie auch den Abgabetermin für den eigenen musikalischen Jahresrückblick. Kleine Lichter verglimmen im Sog der Nichts. Und dann doch wieder nur: Raketen. (Schönes todo auch: häufiger von „verglimmen“ reden.) Vorsätze breche ich künftig nur noch vor Mitternacht, dann mutieren sie nicht. Ach nein, das waren Gremlins, oder?

Mit Unmut zum Umsturz das Ego zu Tode geduzt. Nicht reich, berühmt, fündig geworden. Sängerin müsste man sein. Früher war mehr Gewinnspiel. Errungenschaft 2014: Jemandem, dem man eigentlich nichts Böses wollte, erklärt zu haben, wer Helene Fischer ist. My only friend, the end. Ein Jahr des Ausverkaufs. Irgendwo zündet jemand ein Feuerwerk. Jemand lacht. Irgendwer macht den alten Witz, man möge, haha, gut reinrutschen. Den Gürtel enger zu schnallen macht noch keine schmale Hüfte. Was ist, ist. Hallo, Sehnsucht, du auch hier? Nimm dir einen Stuhl, mach‘ es dir bequem, schau‘ auf den Sommer. Wir seufzen im Chor, während die Zeitzone erbebt.

Alle Jahre wieder (demotiviert genuschelt). Jazz, zwo, drei, vier. Kein Kuss an Silvester.
Prosit Neujahr.

PersönlichesSonstiges
Wie Kabel Deutschland mich einmal nicht als Kunden wollte

Hallo, Kabel Deutschland,

ich beschäftige mich ja schon eine Weile mit euch, nicht nur, weil ihr mit eurer „Flatrate“-Drosselung ein Vorreiter in etwas wart, das nicht sehr vorbildlich ist, sondern auch, weil ihr ja quasi allgegenwärtig seid.

Und es wurde nicht besser, als euch Vodafone kaufte und die schlimme Marke O2 mitbrachte, deren Kundendienst weder viel mit Kunden noch mit Dienst zu tun hat. Vodafone ist mir zumindest in lustiger Erinnerung, seit die Vertreter dieser Firma auch für euch zuständig sind: Als mir einmal einer von ihnen einer eurer Prospekte andrehen wollte und ich ihn auf sein Vodafone-Namensschild ansprach, verdeckte er es schnell. Es muss eine Freude sein, für eure Chefs zu arbeiten.

Dass O2 Kunden schon mal ablehnt, weil sie im falschen Stadtbezirk wohnen, kann ich euch natürlich schwer vorwerfen. Auch, dass euer Kundendienst im Internet (Vorsicht: JavaScript-Pflicht) nicht besonders positiv bewertet wird, kann ja mal passieren – wer zufrieden ist, hat selten was zu nörgeln. Dass ihr das Gebot der Netzneutralität nicht kennt, ist für den Verbraucher zu verschmerzen. Ihr müsst ja auch von irgendwas leben.

Aber mir scheint, ihr werdet einfach zu groß.

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LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 9 einhalb, lose)

„Für mich ist die Welt nicht mehr in Ordnung,
nicht früh um 7 und auch nicht nach der Tagesschau.“
— Ton Steine Scherben: Wir müssen hier raus


… Es war ihr Stolz, der sie scheitern ließ.

Er hatte sich das alles so viel leichter vorgestellt. Aber es gab so viel, was sie auseinanderdrückte, und obwohl er jedes Mal glaubte stärker zu sein, fühlte er sich doch schuldig an seiner eigenen Unzulänglichkeit.

Wohl hatte er geahnt, dass das nicht gutgehen würde. Was konnte er ihr schon bieten außer seinem Herzen, das sich danach sehnte, die ruhelose Phase zu beenden, und vielleicht seinem Leben, das er noch führen wollte. Mit ihr? Das klang verlockend. Er fühlte sich zum ersten Mal im Leben gereift, als er bei ihr war, zum ersten Mal wie jemand, der sein Spiegelbild noch ertrug.

Und doch: Je mehr er sich nach ihr sehnte, nach ihr griff, nach ihr rief, desto schwieriger schien es ihm, Schritt halten zu können. Sie war ihm immer überlegen, sie lebte. Sie schien unerreichbar, das faszinierte ihn. Er fühlte sich ihr nicht gewachsen, doch er hatte sich schon viel zu oft unterschätzt. Was konnte er verlieren, wenn er es wagte? Dieses Mal, nahm er sich vor, würde es für immer sein. Die richtige Zeit, der richtige Ort, das richtige Gefühl. Und doch, bei allem, was sie ihm in lauen Sommernächten gestanden hatte, war er immer zu feige gewesen, erfüllt von der Furcht sich aufzugeben, sich auf sie einzulassen.

Das alles war nun viele Wochen her, sie war längst weitergezogen und hatte, wer weiß?, ihn längst vergessen. Er aber blieb zurück, allein und voller Erinnerungen an ihr Lächeln, ihre Wärme.

Und er wusste, was das bedeutete. …


„Liebe, Liebe, Liebelei,
morgen ist sie vielleicht vorbei.“
— Tony Holiday: Tanze Samba mit mir.

MontagsmusikPersönliches
The Rolling Stones – Gimme Shelter

Schräges KäuzchenEs ist Montag. Ich weiß auch nicht, wie wir das immer machen.

Draußen ziehen Wolken vorbei und verdecken Erkenntnisse und Himmelskörper. Die OECD fand jetzt heraus, dass Leute mit weniger Geld weniger kaufen können. Mitmensch Durchschnittsbürger sitzt auf seinen Milliarden und dreht sich noch mal rum, weil Aufstehen sich ja dann doch nicht lohnt; der nächste Krieg kommt bestimmt. Außen so kaputt wie man’s innen eben schon aufgegeben hat.

Wenn der eigentliche Krieg doch sowieso der Krieg gegen sich selbst ist, der Kampf gegen die Bequemlichkeit und um sich und das, was man sich wünscht. Schutz und Zuflucht nur im Schreiben, draußen sind Menschen, und das an einem Montag. Ihr macht es einem schwer. Kryptik ist für Narren, auf die Zwölf versteht jeder. Es schlägt Dreizehn (bzw. halb neun).

The Rolling Stones – Gimme Shelter – the best version ever.

War, children, it’s just a shot away.

Guten Morgen.