Immer wieder lese und höre ich die Feststellung, „Hass“ (nuancierte Aversion kommt im Sprachgebrauch zu vieler Menschen leider nur noch selten vor) sei „keine Meinung“, was ja erst mal stimmt, sondern müsse verboten werden, was ja erst mal nicht stimmt. Ich darf Menschen verachten und das ist auch gut so.
Das ist in der heutigen Zeit sicherlich unpopulär, wie ein Blick in die Zeitungen belegt. Es verkündete (Archivversion) etwa anlässlich einer daselbst heute Abend stattfindenden Demonstration der Oberbürgermeister von Marburg, dass Martin Sellner, derzeit vor allem bekannt für sein Buch „Remigration“ über Remigration, ausgerechnet dort eine Lesung aus besagtem Buch abzuhalten gedenke und dies denen in Marburg („wir in Marburg“) nicht so recht zusage:
Ausgerechnet diese weltoffene Stadt hat Martin Sellner nun für seine Lesereise ausgewählt.
Und deshalb:
„Wir wollen deutlich machen, dass wir in Marburg zusammenstehen. (…) Die Universitätsstadt Marburg erachtet diese menschenfeindlichen Thesen als eine Gefahr für unser Gemeinwesen sowie für die Demokratie und Verfassung in unserem Land.“ (…) Die Stadt (…) fördert aktiv das Eintreten für Demokratie und gegen Ausgrenzung und Diskriminierung.
Nun ist das Wesen der Demokratie aber eben nicht dafür geeignet, vor Meinungen zu schützen, sondern dafür, Meinungen zu schützen. Es mag missfallen, doch selbst der geäußerte Wunsch nach der Rückführung von Menschen anderer Herkunft („Ausländer raus!“) ist nicht etwa demokratiefeindlich, sondern im Gegenteil nur in einer freiheitlichen Gesellschaft überhaupt erlaubt.
„Ganz Berlin“, verlautbarten Demonstranten insofern erst im Januar dieses Jahres in Berlin, hasse die Vertreter einer bestimmten Partei, was auf irgendeine popkulturelle Art einerseits als Grundlage für Aufsätze taugt, aber — Erich-Fromm-Zitate hin oder her — sich andererseits nur schwer mit der Ansicht vereinbaren lässt, „Hass“, die erbärmlichste Form der Abneigung, sei ein Ausdruck derer, die dieser freiheitlichen Gesellschaft nichts von Wert hinzuzufügen hätten. Nun gehöre ich nicht zu den Menschen, die Hass in sich tragen, wohl aber empfinde ich Zorn. Ich zürne zwar niemandem aufgrund seiner Herkunft, seines Geschlechts oder anderer langweiliger Eigenschaften, doch gelang es schon manchem Menschen, meinen individuellen Zorn auf sich zu ziehen, und mancher Gruppe, meinen gruppenbezogenen Zorn für sich zu gewinnen, wozu Gruppen, die für mich zu sprechen glauben, ohne mich gefragt zu haben, zweifelsfrei zählen. Letztere treten insbesondere während Fußball- und Terrorgroßereignissen des Öfteren auf den Plan und sagen dann Dinge wie „ganz Deutschland“ und „wir alle“ und das empfinde ich dann jedes Mal als Frechheit.
Viel Freude bereitet mir wenigstens vorübergehend auch die Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen, die in Bus und Bahn laut grauenhafte Musik hören wollen, denn diese Menschen sind, so weit es meine eigene Wahrnehmung betrifft, wirklich schrecklich, und auch für Soldaten (sind Mörder) habe ich weder positive Gedanken noch positive Worte zu finden im Sinne. Wäre „Soldaten und Menschen, die in Bus und Bahn laut grauenhafte Musik hören wollen, raus!“ nicht so eine unhandliche Parole, so gefiele es mir wohl, sie zu rufen. Sollte der Oberbürgermeister von Marburg sich jetzt dazu bewogen sehen, gegen eine Lesung meines aktuellen Buches demonstrieren zu wollen, so sei er beschwichtigt: Ich habe ja noch kein Buch veröffentlichen lassen und war auch noch nie in Marburg. (Dass Marburg die freundliche Schwesterstadt von Warburg, wo ich ebenfalls noch nie war, sei, ist ein Scherz, den ich mir mal ausgedacht habe, doch bedarf er offenbar bisweilen einer Erläuterung. Scherze, die einer Erläuterung bedürfen, sind mir oft selbst unangenehm; so auch diesmal.)
Auf diese von mir in Beispielen angeführte Weise ist wohl fast jeder Einwohner des Landes zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit fähig und willens, aber es liegt mir fern, diese Menschenfeindlichkeit mit politischen Forderungen eindämmen zu wollen. Aversionen verschwinden nicht, indem man sie verbietet, und schon das Recht darauf, den Unmut über das Gebaren gezielt zu benennender Mitmenschen öffentlich in Worte zu fassen, kann vor Schlimmerem bewahren. Aufgestaute Wut ist die gefährlichste Wut.
Vulgo: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Na toll; nicht nur teile ich die im Artikel dargelegten Ansichten, ich habe auch ein Buch veröffentlicht und war bereits in Marburg. Wer denkt eigentlich an uns veröffentlicht Habende Marbugbesucher? Haben wir denn gar keine Rechte?
Rechte will man in Marburg ja nicht haben, habe ich gelesen. Aber eine Lesung des Säzzers wäre eine Ausrede, dass ich mal dort hinfahre.
Seit wann ist der den rechts?
Aber, er hat doch recht(?)