Archiv für die Kategorie ‘Politik’.

Politik regt mich auf, und wenn ich mich aufrege, muss ich schreiben, sonst gibt’s Tote.

NerdkramsPiratenpartei
Gnus und das Usenet: NNTP mal anders

Das Usenet ist ein Teil des Internets, der viel zu wenig Beachtung findet. Tatsächlich gibt es dort mehr zu sehen als nur irgendwelche Raubkopien, wie die Verfügbarkeit von allerlei Programmen zum Herunterladen von Raubkopien aus dem Usenet (darunter auch kommerzielle Angebote wie UseNeXT) suggeriert; zum Beispiel das „Sync-Forum“ der Piratenpartei, also die meisten ihrer Mailinglisten, ist wie auch manche Mailingliste für freie Software per Usenet verfügbar. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das eigene Mailpostfach bleibt sauber, die Filterfunktionen sind effizienter, obendrein ist’s auch deutlich cooler.

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Piratenpartei
Piratenleaks, 27. August 2013

Nachdem im Wahljahr 2013 von einigen Parteien schon unschöne Details aus der Vergangenheit (bei der F.D.P. das mit der Abstimmung gegen doppelte Staatsbürgerschaft und Gleichberechtigung bei Eheschließungen, bei den Grünen das mit dem Kinderficken) an die Oberfläche gespült wurden, können natürlich auch die Piraten nicht hinten anstehen.

Klar ist gerade in einer digital vernetzten Partei die Gefahr groß, dass sich Klüngel bildet. Nur selten wird das öffentlich gemacht.

Aktuell wird auf der internen Mailingliste des niedersächsischen Landesvorstands ein pikanter Sachverhalt diskutiert: Offenbar existierte (Vorsicht: Verweis auf NSA-Google!) bis vor kurzem eine Mailingliste namens „Pressekoordination der Landesverbände“, in die nicht alle Pressesprecher und nicht alle Landesvorstände, wohl aber allerlei ehemalige Vorstände Einsicht erhalten. Die Diskussion auf der Mailingliste ist recht erhellend:

Spiegelung in Textform (Quelle)

Nun wurden, wohl um Spuren zu verwischen, folgende drei „Tickets“, also Anträge, gestellt, die wahlweise die Veröffentlichung oder die Löschung des vorhandenen Archivs besagter Mailingliste zum Inhalt haben. (Leider ist mir das Archiv selbst nicht zugänglich.)

Lesenswert ist hierbei vor allem der Kontrast zwischen Befürwortern und Gegnern der Freigabe. Für Rechenkünstler übrigens noch folgendes Gedankenspiel: Der niedersächsische Landesvorstand hat zurzeit 11 Mitglieder, um eine Freigabe des Archivs zu erreichen, müsste es also mindestens 6 Dafür-Stimmen geben. Dass es keine sechste gibt (und nicht einmal der erste Vorsitzende bislang abgestimmt hat), ist vermutlich kein Zufall, wenn man den Chatausschnitt von der Mailingliste berücksichtigt.

Ich fasse zusammen: Ein ehemaliges Mitglied des Landesvorstands (Thomas Gaul), der momentan als Koordinator für die Pirate Party International tätig ist, hat also mithilfe einer geheimen Mailingliste, in die nicht jeder reinkommt (wir erinnern uns), und eines als Beisitzer erneut gewählten Mitglieds des Landesvorstands (Mario Espenschied) selbigen Vorstand offenbar voll im Griff und schreckt beim Versuch, diesen Griff halten zu können, auch vor Erpressungsversuchen nicht zurück. Und wie er sich darüber freut! Natürlich könnte man diesen Herrn einfach unsanft vor die Tür setzen, aber so kurz vor der Wahl ist schlechte publicity womöglich nicht erstrebenswert. Die basisdemokratische Mitbestimmung (OpenAntrag hatte ich ja bereits als positive Neuerung herausgestellt) nimmt gelegentlich imposante Ausmaße an.

Der niedersächsische Landesvorstand wird zurzeit von Kevin Price geleitet, der in seinen E-Mails an den Landesverband Niedersachsen nicht selten das Transparenzgebot erwähnt, dem er sich selbst unterworfen sieht. Ich übernehme das jetzt mal für ihn.

(Quelle: Internet.)


Nachtrag 1: Soeben wurden zwei der drei Tickets geöffnet, Kevin hat jetzt auch abgestimmt.

Nachtrag 2: Um 3:56 Uhr hat Kevin Price sich – laut eigener Aussage zwei Wochen nach erstmaliger Kenntnisnahme vom Sachverhalt – öffentlich zu dem Vorfall geäußert (Spiegel hier).

MontagsmusikPiratenpartei
Hannes Wader und Die Toten Hosen – Heute hier, morgen dort

Gelegentlich werde ich gefragt, wieso ich immer noch in dieser Piratenpartei bin. Nun, einer der Gründe ist der, dass sie als einzige größere Partei ihre Wahlversprechen hält, auch, wenn es manchmal etwas länger dauert. Das Versprechen, dass im Fall einer Wahl die Stimme der Bürger mehr Gewicht erhalten wird, wurde nun etwa mittels einer neuen software mit dem herzerweichend dämlichen Namen OpenAntrag (nur echt mit BinnenMajuskel) umgesetzt, über das jeder Bürger „seiner“ Fraktion einen Antrag übermitteln kann, der dann, wenn er nicht allzu konträr den Grundpfeilern der Piratenpartei zuwiderläuft, im jeweiligen Parlament eingebracht wird. Am bescheuerten Namen soll’s ja dann auch nicht mehr scheitern. (Wenn’s wenigstens OpenSource wäre!) – Gelegentlich (ganz, ganz selten) glaubt man ja dann doch noch in das Gute in dieser Partei, wenn’s halt weniger Spinner in ihr gäbe.

Gelegentlich (ganz, ganz selten) glaubt man ja dann auch noch an das Gute in der Musikindustrie. Den diesjährigen „Echo“ (so ein medial zelebrierter Musikpreis, mithilfe dessen die Popindustrie die Popindustrie dafür belohnt, eine Popindustrie zu sein) gewannen neben allerlei Musikern, die man vermutlich nicht einmal kennen sollte, auch Led Zeppelin und Hannes Wader. Hannes Wader, der jungen Generation womöglich bis dato unbekannt, ist ein Volkssänger (nicht zu verwechseln mit Schlagersängern), der in den 1970er Jahren mit allerlei Gesellschaftspolitischem Bekanntheit erlangt hatte.

Man möge aber nur nicht glauben, die Musikindustrie sei bereit, einem nicht mit ihrer Fixierung auf die musikalischen Vorlieben junger Leute kompatiblen Musiker, gleichwie legendär er auch sein mag, eine eigene Bühne zu bieten. Da fehlt’s am Punk, und Campino kann den Text nicht. Irgendwas ist ja immer.

Und wie passend!

So vergeht Jahr um Jahr,
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war.

Guten Morgen.

NetzfundstückePolitik
„She was very pleased.“

Warum sind die Amerikaner eigentlich so unsagbar naiv? Nun, vielleicht auch deshalb, weil sie von Kindesbeinen an mit der Mär von Sicherheit aufwachsen, die sie beschützt und ihr Freund, nicht jedoch ihr Feind ist.

Eine beliebte Kinderbuchreihe ist etwa „Olivia“ von Ian Falconer, in der ein Schwein namens Olivia durch die Welt reist und blöde Dinge tut. Da bietet es sich doch an, gelegentlich Hinweise auf die Welt zu hinterlassen, in der man als Kind heutzutage so aufwächst, denn auch ein vermenschlichtes Schwein bekommt keine Sonderbehandlung; wenn es etwa nach Venedig fliegen will, muss es erst mal an der Flughafensicherheit vorbei:

She was very pleased

Als sie durch den Flughafen gingen, wurde Olivia nach Waffen durchsucht. Sie war äußerst zufrieden.

(Frei übersetzt – die deutsche Fassung habe ich leider momentan nicht vorliegen.)

Seht ihr, Kinder, der Staat passt auf euch auf – er guckt jedes Mal nach, ob ihr nicht vielleicht doch Terroristen seid. Wenn das kein Grund zum Lächeln ist…?

„Und Piggeldy ging mit Frederick nach Hause.“
— Gottfried Kramer

(via Elias Schwerdfeger)

In den NachrichtenPolitik
Die Kanzlerin steht ihren Mann

Nun, da die Kanzlerin die Sache mit der NSA gewohnt souverän erledigt hat, hat sie sich ein wenig Urlaub redlich verdient. Zunächst machte sie aber gestern Halt im KZ Dachau, von wo aus sie zu einem Wahlkampfauftritt in einem Bierzelt weiterreiste. Für den Wahlkampf nimmt man doch so ein bisschen Betroffenheit gern in Kauf, wenn man bei der CDU ist. Die CSU Puchheim findet das gut, von Renate Künast (das war die mit der Heuchelei) vernahm man das gewohnte Tammtamm, sie sei darob, ich zitiere, „empört“. Empört!!1

Etwas schade ist es nur, dass das Agenturbild offenbar nachträglich retuschiert wurde:

Kanzlerin in Dachau (unecht)

Da fehlt doch was!

Kanzlerin in Dachau (echt)

Na also – jetzt stimmt es. Alles muss man selber machen!

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt CLXXXIII: Der Guardian, die Kanzlerin, das Brot und die Spiele

Die Staaten, die heute noch eine Monarchie (und sei’s nur symbolisch) erlauben, sind für progressives Denken nicht unbedingt prädestiniert. Das Gegenteil eines progressiven Staates indes ist eine Diktatur, wenn nicht gar der Rückfall in den Faschismus. Eine Diktatur zeichnet unter anderem aus, dass sie die Pressefreiheit notfalls auch gewaltsam den eigenen Anweisungen unterordnet.

So ist’s etwa gestern im Hause Guardian geschehen, als der britische Geheimdienst dem Lebenspartner von Glenn Greenwald (das war der, der auf den Snowden-Enthüllungen sitzt und dieselben zwecks Auflagenmehrung nur scheibchenweise rausrückt) mal eben die Festplatten zerstört hat. (Nicht, dass ich die Zerstörung von Macbooks nicht prinzipiell verständlich fände!) Der Sinn dahinter dürfte es gewesen sein, die relevanten Aufzeichnungen zu vernichten.

Dass es heutzutage zur Vernichtung wichtiger Daten normalerweise nicht genügt, ein paar Festplatten zu zertrümmern, kommt einem solchen Regime natürlich nicht in den Sinn, aber das soll nun auch nicht weiter verwundern. Es ist sogar beruhigend, dass die technische Fachkompetenz des britischen Geheimdienstes nicht ausreicht, um zu erkennen, dass ein Journalist, der auf brisanten Daten sitzt, rechtzeitig entsprechende Vorkehrungen getroffen hat, zumal er das selbst gesagt hatte. (Zu beurteilen, was für eine Regierung die Bestrafung von Menschen anordnet, nur weil sie blöderweise Familienmitglieder eines anderen Menschen, an den man nicht so leicht unbeschadet rankommt, sind, überlasse ich übrigens dem Leser.)

Wo sind nun eigentlich diejenigen, die sonst bei jedem ernst zu nehmenden diktatorischen Bestreben irgendwas von Wehren und Anfängen brüllen? – Ach so, Großbritannien ist weit weg. Würde das in Deutschland passieren, wäre hier der Teufel los. Vielleicht würde sogar jemand eine Petition unterzeichnen! Zum Glück sind alle Fragen in der NSA-Affäre geklärt, sagt die Kanzlerin. Sonst wäre noch jemand ernsthaft empört.

„Vor allem durch zweierlei ist das römische Volk im Bann zu halten, durch Speisung und durch Spiele.“
— M. Cornelius Fronto, principia historiae

(via Fefe)

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt CLXXXII: Schwein ausnahmsweise zum Fressen bereit

Ach, apropos Wahlkampf – Frau Merkel hat schon die Zeit nach der kommenden Bundestagswahl geplant:

Niemand strebe eine große Koalition an. Doch wäre es „völlig unglaubwürdig“, wenn sie diese Möglichkeit ausschlösse.

Eine unglaubwürdige Angela Merkel wäre doch wahrlich eine unangenehme Überraschung, die uns alle sehr verwundern würde. Niemand hat die Absicht, eine große Koalition zu errichten, aber wenn’s halt dem Machterhalt dient, warum nicht?

(Wieso eine Koalition mit der SPD noch „groß“ genannt wird, weiß ich aber nicht.)

„Die Zeit ist immer reif, es fragt sich nur, wofür.“
— François Mauriac

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt CLXXXI: Wahlkämpferische Ideale

Es ist Wahlkampf, und es sollte niemanden mehr überraschen, wenn die Kanzlerin das aus der Zeitung erfahren hat. Dass in einem solchen Wahlkampf das politische Miteinander der Parteien in eher rauem Tonfall vor sich geht, ist wenig erstaunlich. Erstaunlich hingegen ist die Wiederentdeckung von längst vergessen geglaubten Idealen, die gerade offenbar fast jede Partei betrifft.

Sogar die CDU/CSU, die sonst christliche Werte hochhält und sich in der Diskussion um den Missbrauch katholischer Schutzbefohlener wohlweislich zurückgehalten hat, hat plötzlich bemerkt, dass Pädophilie bei den Grünen nicht mehr so ganz dem Zeitgeist entspricht. Das Maß sei voll.

Erika Steinbach, Schmalhans des Tages am 2. Februar 2012, hat auch schon die Schuldigen ausgemacht und fordert – ein jeder stelle sich jetzt bitte Erika Steinbach auf einer Apfelsinenkiste vor – den Rücktritt zweier Grüner. Für die NZZ konstatiert Ulrich Schmid treffend:

Man hätte sich solche Rigorosität gewünscht, als es um die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ging.

Aber es ist Wahlkampf, da sind die Parteien befüllt mit Leuten mit einem klaren Ziel vor Augen und übersprudelnd vor Ideen.

Und mit Erika Steinbach. Schade drum.

PolitikWirtschaft
„Wählen Sie mich! Wählen Sie den Markt! >:(„

Erinnert sich noch jemand an die F.D.P., die Partei des Marktes, der Großspenden und des Kapitals, die stets den Markt gegen die Bürger zu verteidigen wusste und sich im März 2010 gegen eine Sonderabgabe für Banken ausgesprochen hatte, denn es sei nicht schlüssig, Institute, die vom Steuerzahler durch die Krise getragen wurden, dafür auch noch zu bestrafen; und die Partei, die als herausragende Qualität angibt, ihre Farbe sei heller als schwarz?

Diese F.D.P. würde gern im September gewählt werden. Wo es aber 2012 noch zu einem Lächeln im Anzug gereicht hat, wurde ersteres nun eingespart. Wissenschon, die Krise. Und womit ködert man enttäuschte Wähler dieser Tage? Richtig: Mit mehr Markt!

FDP - Mehr Markt

Und wer würde diesem Blick schon misstrauen?

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt CLXXX: „Mörder begrüßen Todesstrafe“

Nachdem PRISM einigen Bürgern klar gemacht hat, dass sorglose Kommunikation keine gute Idee ist, kommen sie wieder aus ihren Löchern, die DE-Mails und Netzpolitiker dieses Landes: Verschlüsselte Verbindungen werden als „E-Mail Made in Germany“ angepriesen. Für einen brauchbaren Markennamen reicht’s eben nicht, und was englisch klingt, ist beliebt. Nun gut, das tut „PRISM“ auch, aber von so was lassen sich Werbetreibende ja nicht aufhalten.

Dass das Problem bei PRISM nicht die unverschlüsselte Verbindung zwischen Mailprogramm und Mailserver ist, sondern der Mailserver selbst, ist da auch nur bedingt von Belang. Schlangenöl verkauft sich gut, Virenscanner finden ja auch reißenden Absatz.

Ein besonders putziges Bonmot ist aber die entsprechende Pressemitteilung der CDU/CSU:

´Weder Privat- noch Wirtschaftsgeheimnisse sind hierzulande schutzlos.

Ich bedanke mich hierfür übrigens ausdrücklich bei den Parteien SPD und Die Grünen, die damals unter Frank-Walter Steinmeier das entsprechende Abkommen mit den USA geschlossen hatten, und bei CDU/CSU und F.D.P., die als Bundesregierung geschlossen hinter der Überwachung stehen; ist ja nur zu unserem Besten.

Daten gehören in sichere Rechenzentren in Deutschland, Provider müssen ihren Nutzern praktikable Verschlüsselungsmöglichkeiten anbieten und E-Mails müssen mit Sicherheitsstandards gekennzeichnet werden.

Richtig ist: Daten gehören in sichere Rechenzentren, die Geheimdiensten keinen Zugriff gewähren, Mailverkehr wird nicht dadurch verschlüsselt, dass man die Verbindung zum Server chiffriert, und was CDU/CSU unter Sicherheitsstandards verstehen, kann ich nur raten – vielleicht ein TÜV-Siegel?

Wir haben großes Vertrauen in die IT-Sicherheits-Kompetenz deutscher Unternehmen. Deutsche Standards der Daten- und E-Mail-Sicherheit könnten zum Erfolgsmodell werden.

Wenn die Bundesregierung zu Protokoll gibt, sie habe in jemanden großes Vertrauen, dann spricht das normalerweise nicht für ihn. Wenn weiterhin nicht Ende-zu-Ende-verschlüsseltes E-Mailen ein deutscher Standard sein soll, habe ich jedenfalls ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache.

Auch der Innenminister, der unlängst vom Supergrundrecht Überwachtwerden faselte, freut sich über die neue Sicherheit:

Mit dieser Verschlüsselung werden die Zugriffsmöglichkeiten Unberechtigter weiter erschwert.

Und so’n Geheimdienst ist ja kein Unberechtigter, sondern ein Freund, nicht?

„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“
— Emanuel Geibel, 19. Jahrhundert

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt CLXXIX: „Aber wir lieben doch alle Menschen!“

Tja, hm:

In Deutschland sollen öffentliche Kantinen in Zukunft an einem Tag der Woche auf Fleisch verzichten. So fordern es zumindest die Grünen in ihrem Programm zur Bundestagswahl. (…) [Michael Fuchs] verweist auch darauf, dass die Grünen oder einige ihrer Repräsentanten schon Zirkustiere, Heizpilze, Zigarettenautomaten, Werbung für Geländewagen oder chemische Weichmacher in Sexspielzeug verbieten wollten. (…) Die Parteichefin der Grünen, Claudia Roth, hält den Vorwurf einer „Verbots-Partei“ für völlig unbegründet.

Weil nämlich:

„Man muss nicht jeden Tag zwei Burger essen“, sagte Göring-Eckardt. Auch für den Tier- und den Klimaschutz sei eine Reduzierung des Fleischkonsums förderlich.

(Hervorhebung von mir.)

Natürlich könnte man den Kantinen einfach weiterhin freistellen, was sie verkaufen, und davon ausgehen, dass ein durchschnittlicher Mensch durchaus zum Selberdenken fähig ist, aber so’n Staat weiß eben besser, was gut für den Bürger ist. Energiesparlampen, Vitamin-B12-freie Ernährung und Krieg im Kosovo zum Beispiel. Nächster Schritt: Fleischfreie Tage in Supermärkten, Schlachtereien und Fast-Food-Filialen.

„Du erklärst mir immer wieder, was erlaubt ist und was nicht,
lenkst mein Leben jeden Tag und bist durchtbar fürsorglich;
ach, was wär‘ ich ohne dich?“
— Farin Urlaub: Lieber Staat

In den NachrichtenWirtschaft
„Wie viele Milliarden brauchen Sie?“

(Aus aktuellem Anlass mal wieder ein wenig Laienwirtschaft. Ergänzungen sind willkommen – tatsächlich ist dies nicht mein Fachgebiet.)

Den Nachrichten – Verlinkung leider unerwünscht – ist gegenwärtig zu entnehmen, dass wie jedes Jahr darüber nachgedacht wird, die höchstverschuldeten deutschen Bundesländer, darunter das Saarland, einfach wegzufusionieren. Was aus den Schulden des jeweiligen Landes werden soll, ist dabei leider nicht klar geregelt; wahrscheinlich gehen diese dann in das Portfolio des übernehmenden Landes über. Vielleicht möchte Frankreich uns das Saarland ja immer noch abnehmen.

Dabei ist das mit den Schulden doch eigentlich seit 2009 so gut wie erledigt:: Berlin, Bremen, das Saarland, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein dürfen nur noch bis Ende 2019 Schulden machen, danach ist Schluss; in anderen Worten: Dem immensen Schuldenberg darf danach nichts mehr hinzugefügt werden. Zum Vergleich: Wenn ich ein paar hundert Millionen Euro Schulden hätte und sechseinhalb Jahre Aufschub für die Rückzahlung erbäte, meine Bank wäre nicht mehr allzu freundlich zu mir – aber ich bin ja kein Land.

Interessant ist das Konsolidierungshilfengesetz (Konsul, hi, ähm, KonsHilfG) aber auch für diejenigen zu lesen, die bisher noch nicht verstanden haben, wieso es im Volksmund heißt, der Staat ziehe seinen Bürgern das Geld aus der Tasche, denn der geplante Schuldenabbau (es heißt, wohlgemerkt, Schuldenbremse, nicht Schuldenprellbock – es wird also nichts abrupt angehalten, es dauert künftig nur etwas länger) geht natürlich nicht einfach so. Die Länder bekommen jedes Jahr insgesamt 800 Millionen Euro für die Portokasse spendiert, die sie dann bis 2020 sparen sollen. Woher diese 800 Millionen kommen, ist natürlich ebenfalls gesetzlich geregelt (§ 3 KonsHilfG):

Die sich aus der Gewährung der Konsolidierungshilfen ergebende Finanzierungslast wird hälftig von Bund und Ländern getragen. Der Anteil des Bundes an den Zahlungen nach § 1 Absatz 2 beträgt jährlich 400 Millionen Euro.

Legende: Der Bund, das sind die Steuerzahler, und die Länder, das sind ebenfalls die Steuerzahler; nur eben diejenigen, die blöderweise in den Ländern wohnen, die mit ihrem Geld besser umgehen können. Wer vor 2020 innerhalb Deutschlands umziehen möchte, sollte sich also eines der Bundesländer aussuchen, die nicht im KonsHilfG aufgeführt sind. Man weiß ja nie.

Die 800 Millionen Euro sind übrigens offenbar nicht dafür gedacht, damit Schulden abzubauen; § 2 Abs. 1 KonsHilfG stellt diese Finanzspritze vielmehr als nettes Geschenk dar:

Gewährte Konsolidierungshilfen bleiben bei der Ermittlung des Finanzierungssaldos unberücksichtigt.

Selbst, wenn also bis 2020 besagte Länder ein ausgeglichenes Saldo vorweisen können, werden die insgesamt 800 Millionen Euro sozusagen schlicht aus den Büchern gestrichen. Man möchte ja kein Bundesland unnötig bestrafen. Und wenn sie das nicht schaffen? Tja, dann gibt’s halt im entsprechenden Jahr kein Extrabonbon aus dem Topf und einen mahnenden Blick (§ 2 Abs. 3 KonsHilfG):

Wird die Einhaltung der Obergrenzen des Finanzierungssaldos nach Absatz 2 nicht festgestellt, verwarnt der Stabilitätsrat das betroffene Land. Der Anspruch des betroffenen Landes auf Konsolidierungshilfe für dieses Jahr entfällt.

Zum Vergleich: Die Bundesländer haben 2012 insgesamt einen Schuldenberg von fast 649 Milliarden Euro aufgehäuft, Tendenz steigend. Dass der Euro Deutschland von den lästigen Pflichten aus dem Vertrag von Maastricht befreit hat (für den es 2003 immerhin noch eine Jubiläumsbriefmarke gab), ist da vielleicht zumindest ein interessiertes „Oho!“ wert.

Nochmals zum Vergleich: Die Schweiz, größter Einzelgläubiger Deutschlands und außerhalb der Eurozone liegend, hat zurzeit (mit Stand von jetzt gerade) eine tägliche Neuverschuldung von minus 3,463 Millionen Euro.

Peter Bofinger – das war der „Wirtschaftsweise“, der stabile Währungen für Teufelszeug hält – hat gesagt, es sei falsch, Schulden mit Methoden zu bekämpfen, die Verluste für Gläubiger bedeuten könnten. Vielleicht sollten wir Deutschland einfach an die Schweiz angliedern.

Mit Ausnahme des Saarlands, versteht sich.

(Mit Dank an L.!)

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt CLXXVII: Bestes Gewissen

Verteidigungsminister und Doktor, inzwischen beides a.D., von und zu Guttenberg (CSU), Februar 2011:

Ich habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt.

Bildungsministerin und Doktorin, inzwischen beides a.D., Schavan (CDU), Dezember 2012 in fast gleichem Wortlaut und konsequent ohne Quellenangabe:

Ich habe meine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen erstellt.

Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU), Juli 2013:

Ich habe meine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt.

Aktueller Beschluss der CDU zum Thema Bildung:

Unser Ziel ist die Bildungsrepublik Deutschland:
(…)

  • Ein Land, in dem der Aufstieg durch Bildung jedem Menschen offensteht.
  • Eine Bildungspolitik in einer föderalen Ordnung, in der jede politische Ebene zur Leistungsfähigkeit des Bildungssystems ihren Beitrag leistet und ihre Verantwortung wahrnimmt.

„Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD.“
— Die Ärzte: Lasse redn

Mir wird geschlechtNetzfundstückePersönliches
Breitbeinige Macht

Der Feminismus hat neben einigen akzeptablen Ansätzen zur Weltverbesserung (etwa der Abschaffung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern) auch einige spinnerte Ideen hervorgebracht, etwa die Frauenquote (denn eine moderne Frau möchte offensichtlich die Vaginaquote von Mannes Gnaden – von wegen selbstbestimmt – erfüllen und nicht mit so etwas Lästigem wie Kompetenz überzeugen müssen) und die kaum noch auszumerzende Überzeugung, dass alles, was ein Mann nicht gebückt tut, automatisch ein Zeichen von Macht sei.

Sexismus sei ein rein männliches Phänomen, denn ein Mann, so ließ mich ein überzeugter Feminist (männlich) unlängst wissen, habe Macht, die eine Frau nicht habe, und daher könne eine Frau nicht sexistisch sein. Nun, dieser Feminist sollte einmal mit offenen Augen durch die Welt gehen. Männerfeindlicher Sexismus in der Werbung? Aber natürlich! Oder darf’s etwas subtiler sein? Dann stellt euch mal diese Satzanfänge vor: „Männer sind …“ und „Jungen sollen nicht …“. Euch fällt sofort mindestens eine Ergänzung ein? Glückwunsch: Ihr seid Sexisten.

Ach, die männliche Macht spiegelt sich auch in der Gewalt gegen Frauen?

[E]twa 30% der Frauen und der Männer sind gewaltaktiv -, jedoch in jeweils unterschiedlichen Formen: Männer tendieren stärker zu (sichtbarer) physischer Gewalt, Frauen stärker zu (unsichtbarer) Kontrollgewalt und verbaler Gewalt. (…) Dabei erleiden Männer stärker als Frauen physische Gewalt, aber in etwa zu gleichen Anteilen wie Frauen sexualisierte Gewalt.

Beziehungsweise eben: Drei Viertel aller Opfer sind Männer. Solche Prozentangaben stützen sich wohlgemerkt meist auf die Zahlen, die öffentlich verfügbar sind. Ein Mann, dem von einer Frau Gewalt angetan wird, geht damit jedoch nicht allzu gern an die Öffentlichkeit, er würde vermutlich meist ausgelacht oder zum Einzelfall gemacht. In der Gesellschaft ist das Bild des starken Mannes fest verwurzelt. Das wird schon im Kindesalter gelehrt: „Jungen weinen nicht.“ Ob das die Jungen auch so sehen?

Ich persönlich, friedfertig, wie ich bin, habe in meinem Leben jedenfalls schon mehr (unter anderem verbale) Gewalt durch Frauen erfahren als ich jemals ausüben würde. Es wäre einfach nicht zielführend, mein Gegenüber wüst zu beschimpfen – einen Disput löse ich bevorzugt mit den besseren Argumenten. Als Mann aber habe ich Macht, da muss ich mir so etwas natürlich gefallen lassen. Als ich mich kürzlich (blöderweise) in eine Feminismusdiskussion einschaltete und mein Leid beschrieb, hieß es jedenfalls, es sei sicherlich blöd, dass mir das passiert ist, aber ich sei immer noch die Minderheit und habe gefälligst zu akzeptieren, dass ich ein strukturell mächtiger Mann sei.

Zugegeben, Mädchen müssen im Sportunterricht für die gleiche Bewertung weniger gute Leistungen vollbringen, werden (dank Frauenquoten) oft bevorzugt eingestellt, sind damit seltener arbeitslos, bekommen später mehr Rente und in einem Sorgerechtsstreit in der Regel auch die gemeinsamen Kinder zugesprochen. Viel Macht bleibt mir da nicht mehr übrig. Ich habe nicht mal mehr die Macht, vor Wut zum Hulk zu werden, denn dabei würde meine Kleidung platzen, und gemäß § 183,1 StGB ist öffentliche Nacktheit strafbar – sofern man ein Mann ist.

Ja: Ich bin ein Mann! Naturgegeben ist mein Machoverhalten, und jedes Zucken meiner Gliedmaßen signalisiert meine Gewaltbereitschaft. Oi, bin ich böse! – Das sehen vermutlich auch Frauen in der U-Bahn so:

Ich saß in der U-Bahn und dachte an nichts Böses, als ich die Frau fluchen hörte. Sie war um die 50 und hatte ihre Einkaufstüten auf einen Sitz ein paar Reihen weiter vorne gewuchtet. Jetzt zischte sie den Mann auf dem gegenüberliegenden Platz an: „Müssen Sie so breitbeinig dasitzen? Es gibt auch noch andere Menschen hier!“ Allerdings hatte sie noch einen Sitzplatz für sich selbst und ihre Tüten gefunden. Der Mann, um die 40 und augenscheinlich mit Migrationshintergrund, schaute verwirrt von seinem Handy auf. Die Frau beruhigte sich gar nicht. „Sie sitzen da, als seien Sie alleine auf der Welt….“ Der Mann sah entgeistert aus, vielleicht verstand er die Frau noch nicht einmal. Er stand auf und setze (sic!) sich woanders hin.

Breitbeiniges Sitzen – für Frauen ebenso untypisch wie im Stehen zu pinkeln – ist offenbar ein Zeichen von männlicher Macht. Ich wüsste ja schon gern, welchen Vorschlag die Frau um die 50 zur Platzierung des kleinen Unterschieds zwischen den Beinen gemacht hätte und ob die anderen Menschen hier nicht vielleicht bequemer sitzen sollten als Einkaufstüten, aber leider wurde sie nicht gefragt.

Darauf erst mal ein schönes blutiges Fruststeak.

In den NachrichtenMir wird geschlechtNerdkramsPolitik
Kurz verlinkt CLXXVI: Schlagzeilen vom 24. Juli 2013

Guter Anfang: Anträge der NPD werden aus Prinzip abgelehnt, unabhängig von deren Inhalt. Warum klappt das mit der CDU nicht auch?


Ach, CDU, die anderen sind auch nicht besser, sagt ihr? Stimmt: Sigmar Gabriel von der Vorratsdaten-SPD zeigt mal wieder mit dem Finger auf andere, nur nicht auf die Schuldigen. Klar, es ist Wahlkampf, da sind Worthülsen zum Thema Totalüberwachung unvermeidbar, nicht?


Aber die Deutschen wollen es ja auch nicht anders. SwiftKey (Android-Tastatur) synchronisiert das Getippe jetzt mit der cloud. Praktisch, jetzt muss man nicht mehr Facebook, Google, Apple und Microsoft um Kooperation bitten, sondern kann die getippten Texte noch während der Eingabe auswerten. Außerdem toll: SwiftKey kann nun „Trending Phrases“ herunterladen, das heißt, relevante Ereignisse des Tages (etwa das mit dem königlichen Nachwuchs) sind automatisch „bekannte Begriffe“. Hui.


Königlicher Nachwuchs? Ach so, der neue Thronfolger ist wieder nur ein Junge. Frechheit, finden Feministinnen. Muss William wohl noch mal ran.

„Wir alle werden verrückt geboren. Manche bleiben es.“
— Samuel Beckett, Warten auf Godot