Archiv für die Kategorie ‘Politik’.

Politik regt mich auf, und wenn ich mich aufrege, muss ich schreiben, sonst gibt’s Tote.

NetzfundstückePolitik
Kurz verlinkt: Rheumapolitik

Es stellt sich heraus, dass in die Rentenkasse vor allem von denjenigen hineingegriffen wird, die, wären sie nicht in der Politik, selbst etwas davon hätten:

Das Durchschnittsalter der Wahlberechtigten liegt bei knapp 53 Jahren. Das Durchschnittsalter der Mitglieder von SPD und CDU liegt noch darüber, nämlich bei 60. (…) Die Parteien sind daher nicht die treibende Kraft der Gesellschaft, sondern ihr Bremsklotz. Leidenschaftliche (enthusiastische oder gar mitreißende) Auseinandersetzungen darf man von ihnen nicht erwarten.

Vielleicht ist diese Zwangsverrentung ab einem bestimmten Alter in bestimmten Berufen doch gar keine so schlechte Idee.

(via Schwerdtfegr)

In den NachrichtenPolitik
Kurz notiert zum „linksunten“-Verbot

Während man auf „SPIEGEL ONLINE“ lesen kann, dass es offenbar „linksextreme Internetseiten“ gibt, die also nachts vermutlich heimlich Steindateien auf Naziserver schmeißen, schwelt in den sozialen Netzwerken unter bedauerlicher Ausblendung der Frage, ob die unbedingte Freiheit des Internets nicht vielleicht auch irgendwas mit der unbedingten Freiheit, Blödsinn in es hineinzuschreiben, zu tun hat, die Diskussion darüber, warum der Staat in seinem traditionellen linken Halbjahr vor einer Wahl jetzt zur Abwechslung mal etwas gegen Linksextremismus tue, denn so sei der Wunsch nach der Löschung von Hass im Netz doch bitteschön nicht gemeint gewesen; und warum denn so Naziseiten immer noch online seien, obwohl jene doch viel schlimmer seien, denn „linksunten“ habe ja nicht nur zur Gewalt angeleitet und aufgerufen, sondern auch etwas zur Aufklärung von NSU- und ähnlichen Fällen beigetragen, als würde das jede Begeisterung für die Gefährdung eines unbeschadeten Lebens von Zivilisten und Polizisten invalidieren und als setze unter anderem die Störung des zivilen Bahnverkehrs in Deutschland ein merkliches Zeichen gegen das Unrecht im Nahen Osten, was jedenfalls mir nicht wesentlich schmerzärmer aufstößt als die Wiederholung der so alten wie dummen Geschichte, die Regierung des Dritten Reichs habe immerhin auch Arbeitslosigkeit ab- und Infrastruktur aufgebaut, so schlimm könne sie also gar nicht gewesen sein.

PersönlichesPiratenpartei
Warum Basisdemokratie kein Blankoscheck sein darf

Davon, dass die zeitliche Nähe zwischen dem Niedergang der Hackerkultur und dem gesellschaftlichen Aufstieg von Leuten, deren wesentliches Interesse der Neudefinition ihres Geschlechts gilt, war hier bereits 2016 die Rede, ich stellte hierfür einen Zusammenhang zwischen dem Chaos Computer Club und der Piratenpartei her, wobei ich insbesondere die Folgen für ersteren Verein thematisierte. Aus aktuellem Anlass möchte ich heute einmal die andere Seite geringfügig genauer beleuchten.

Es gibt nämlich gute Gründe, dass es mehrere Parteien gibt, und diese liegen nicht nur darin, dass die Existenz nur einer Partei dem jedenfalls papiernen Anspruch der Repräsentation des ganzen heterogenen Volks zuwiderliefe, weswegen im Übrigen auch eine prozentuale „Hürde“ für den Einstieg in irgendein Parlament meiner Auffassung von Volksvertretung nicht entspricht. Es gibt, bewusst griffig verkürzt, mit den „Grünen“ eine Ökopartei, es gibt mit der SPD eine ehemalige Arbeiterpartei, es gibt eine BGE-Partei dieses Namens, es gibt eine erschreckend apolitische „Partei“ namens PARTEI, es gibt mit der „Union“ sogar zwei Parteien für den politisch apathischen Durchschnittsbürger; es gibt außerdem eine Partei, die sich für netzpolitische Belange einzusetzen pflegte, und ihr Name ist Piratenpartei.

Die Piratenpartei, aufgebaut in und dank der Annahme, jeder Beitrag sei eine große Hilfe bei der Umsetzung der politischen Pläne, was später als „Basisdemokratie“ zusammengefasst wurde, kämpfte überzeugend dafür, dass die Belange derer, die 2017 kollektiv beleidigend als „die Netzgemeinde“ bezeichnet werden, als sei das Netz eine abweichlerfreie Sekte und kein Kommunikationsmedium, eine größere Rolle in der Bundespolitik spielen sollten. Bedauerlicherweise wurde die Bereitschaft, keinen am Thema Interessierten abzuweisen, bald dergestalt fehlinterpretiert, dass davon ausgegangen wurde, dass jede noch so bescheuerte Idee, der in anderen Parteien nicht genug zugehört wurde, bei der Piratenpartei gut aufgehoben sei, von Kernkraftkritik über Radikalfeminismus bis hin zum leistungslosen Gratisgeld („BGE“).

Dass das klare und von allen anderen deutschen Parteien weit entfernte, somit einmalige Profil der Partei, die sich für eine politische Integration des Internets in gesellschaftliche Fragen einsetzt, seit 2011 zusehends mehr verwässert wurde, ist Teil des Problems, dessen Folgen sich in perverser Gesetzgebung und Vermehrung von Überwachungsmechanismen zeigen, und es gibt gute Gründe, daran denjenigen eine persönliche Schuld zu geben, die den Unterschied zwischen der Hilfe beim Aufbau einer schlagkräftigen Parteibasis und der Möglichkeit, seine eigene Agenda zu publizieren, nicht verstanden haben.

Ich erkläre das Problem einmal mit einer Analogie: Nehmen wir an, es gibt jemanden, der zu Hause „kein Internet“ hat und dessen Hobbys Rübenzucht und Taubenjagd sind. Welche Partei vertritt seine persönlichen Interessen am besten, in welcher würde er sich willkommen fühlen und gar mit seiner Expertise diese Partei voranbringen? In einer netzpolitischen, einer wirtschaftsorientierten gar?

Eine Partei, man verzeihe mir den Zirkelschluss, heißt Partei, weil sie Partei für eine bestimmte Gruppe (ihre Klientel, ihre Stammwählerschaft eben) ergreift, nicht aber zwangsläufig für jeden geistigen Totalausfall, der gerade was sagen will. Offene Arme für jeden Fantasten haben schon ganz andere Projekte als bloß eine Partei zerstört. Wenn jemand offensichtlich völlig andere politische Vorstellungen als ich selbst habe, dann nehme ich das zur Kenntnis, weiß aber auch, dass ein Konsens nicht funktionieren kann, weshalb ich diesen Jemand auch nicht „einzubinden“ und „teilhaben“ zu lassen versuche. Es ist ein gewaltiger Fehler, als Partei anzunehmen, dass jeder Knallkopf Gehör finden sollte, wofür Zeit geopfert werden müsste, die stattdessen auch in sinnvollere Tätigkeiten, zum Beispiel für den Kampf für anständige Netzpolitik, investiert werden könnte. Parteien sind keine Buchklubs.

Die Piratenpartei – Offenlegung: noch immer mit meiner Mitgliedschaft ausgestattet – ist konzeptionell eine netzpolitische Partei, zusammengesetzt zweifellos aus Menschen verschiedenster Art. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Wer jedoch zwar vor vielfältigen Ideen nur so überschäumt, jedoch keinerlei Interesse an einer modernen Netz- oder wenigstens Urheberrechtspolitik hat, der ist in einer politischen, innerparteilichen Diskussion mit mir persönlich nicht willkommen, weil er anders als diejenigen, die wenigstens in den Themen, die der Piratenpartei überhaupt einen Grund zum Fortbestand verleihen, eine diskussionswürdige Meinung vertreten, lediglich ein Klotz am Bein wäre, denn er hat zur Umsetzung der Ziele, für die diese Partei überhaupt existiert, nichts beizutragen, was es wert wäre, gehört zu werden.

Eine Partei muss auch mal sagen: Leute, ihr seid uns hier echt im Weg.

(Zweitverwertet aus einer Diskussion auf Twitter.)

FotografieMir wird geschlecht
Wenn Sie arbeiten, will ich das Gehalt.

Feminismus in einem Bild:

Gleicher Lohn für keine Arbeit.

Politik
Westliche Werte des Tages (2)

Im begehbaren Programmhaus der CDU hängt auch ein Kreuz. Es zeigt, welchen Werten wir verpflichtet sind!
Peter Tauber

In den NachrichtenMir wird geschlecht
Googles eingebildetes Frauenproblem

In der Reihe der Technikorganisationen, in denen ein zersetzendes Klima herrscht, seit Krawallfeministen allerlei Geschlechts die Ansicht durchzuboxen versuchen, ein kuscheliges Miteinander sei in der EDV mindestens genau so wichtig wie, vermutlich aber noch weitaus wichtiger als Produktivität (denn gegenseitiges Verständnis dafür, wenn man sich heute geschlechtsmäßig als Apache-Kampfhubschrauber fühlt, hat einem Unternehmen gefälligst mehr zu bedeuten als dass man deswegen heute leider nicht produktiv arbeiten kann #aufschrei), steht nach dem Tor-Projekt und GitHub jetzt, wie man liest, auch Google.

Google, eines dieser Unternehmen, die stolz einen „Code of Conduct“ vor sich hertragen und natürlich eine eigens für Diversität zuständige Vizepräsidentin überbezahlen, als sei Geschäftserfolg zweitrangig, versucht gerade einen Sturm im Wasserglas zu überwinden, nachdem einer seiner Angestellten, der in einem internen Schreiben die Ansicht vertrat, dass Frauen in der EDV nicht völlig grundlos unterrepräsentiert sind, sondern womöglich einfach naturgemäß andere Interessen haben, womit der Wunsch Googles, Frauen aktiv zu fördern, letztlich Männer diskriminiere, als Beweis dafür, dass er damit völlig Recht hatte, der Arbeitslosigkeit übergeben wurde.

Ich meinerseits halte ja – anders, als der Feminismus, den andererseits eine Unterrepräsentierung in mies bezahlten Handwerksberufen augenscheinlich keineswegs zu interessieren scheint, denn „Geschlechtergerechtigkeit“, also leistungsunabhängig hohes Gehalt, soll es bitteschön nur dort geben, wo genug Nettogeld reinkommt, es gern hätte – nach wie vor sehr viel vom Verdienstprinzip. Wer scheiße programmiert, der ist auch dann jemand, der scheiße programmiert, wenn er ein gefälligst wertzuschätzendes Geschlecht hat und/oder zu haben glaubt. Daran ändert auch ein Verhaltenskodex bemerkenswert wenig. Ein Geschlecht zu haben ist noch kein sinnvoller Beitrag für die Gesellschaft. Selbstredend ist die mediale Rezeption seitens fachferner Autoren eine andere: Im „Tagesspiegel“ zum Beispiel behauptet Oliver Voss von vornherein, Informatik sei einst Frauensache gewesen, als bestehe zwischen dem Umstand, dass für das Programmieren von Computern in deren Frühzeit, also in den 1940-er Jahren, kaum lebendige, nicht gefangene und nicht anderweitig beschäftigte Männer zu finden waren, und dem Fakt, dass gerade ein Weltkrieg stattfand, keinerlei Zusammenhang. Frauen hatten eben nicht besonders viel zu tun und waren auch eher ungern an der Front.

Dabei scheint der ursprüngliche Fehler, der bei Google (und so weiter) gemacht wurde, allein der zu sein, das Geschlecht überhaupt zu einem entscheidenden Kriterium für irgendetwas gemacht zu haben. In einer Welt, die Geschlechtergrenzen einreißen soll (es gebe, sagt man, sowieso unzählbar viele Geschlechter), ist der Versuch, ein bestimmtes Geschlecht stärker aktiv einzubinden als ein anderes, ein moralischer Rückschritt, der sich ins linksregressive Narrativ der Zeit zwar harmonisch einfügt, dessen Folgeschäden jedoch unabsehbar bleiben.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Bask – Shake The Soot // Christian Lindners italienische Bewegung

Ob dort draußen wohl ein Panda ist?Es ist Montag. Penis! Was tut man nicht alles zur Stimmungsaufhellung an einem Tag wie diesem (nämlich: Montag)? Das Sommerloch ist da und es langweilt mich. Es geht mit großen Schritten auf diverse Wahlen zu und da redet man nicht mehr so gern über wichtige Themen, obwohl das Reden wahrlich fehlt (auch: synonym). Das Käuzchen verzweifelt leise.

Das ist auch wenig überraschend, die Verdrossenheit hat Gründe; welcher Automobilkonzern auch immer – in Niedersachsen voraussichtlich Volkswagen, wissen die unseriösen Journalisten von „SPIEGEL ONLINE“ – die nächsten paar Wahlen gewinnen wird, seine Partei macht sich sicherheitshalber schon vorher lächerlich. Berliner wissen nicht erst jetzt: SPD, Linke und Grüne sind ein Griff ins Klo.

Andere Parteien, andere Sitten: Nach der CDU, Italien und der EU spricht sich nun auch Christian Lindner dafür aus, dass Deutschland die europäische Flüchtlingspolitik anwendet. Postwendend fanden sich auf Twitter Schreihälse, die diese Forderung mit denen der „Identitären Bewegung“ gleichsetzten, versäumten dabei aber zu erklären, was sie en detail daran störe; klar: wenn die medial auserkorenen Bösewichte etwas gut finden, dann kann das, was sie gut finden, gar nicht gut sein. Niemals nicht.

Was aber unbestreitbar gut ist und bleibt: Musik.

Bask – Shake The Soot

Guten Morgen.

In den NachrichtenWirtschaft
Abschließend angemerkt zum Abgasskandälchen und seinen Folgen

So bescheuert, als Reaktion darauf, dass sich überraschend herausgestellt hat, dass die eigene Annahme, ein Auto mit Auspuff hinten dran gehe vergleichsweise schonend mit der Umwelt um, völlig hirnrissig war, nicht etwa über sein Verhältnis zu Autos und/oder der Umwelt, sondern darüber, wen man nun wie für diesen Hirnriss verklagen kann, nachzudenken, muss man ja auch erst mal sein.

Mir wird geschlechtSonstiges
Medienkritik CVI: Si tacuisses…

Das Magazin „Hohe Luft“ – Untertitel: „Für alle, die Lust am Denken haben“ – gehört zu den wenigen Magazinen, deren Erscheinungen ich regelmäßig zumindest inhaltlich zur Kenntnis nehme. Das wesentliche Thema des Magazins ist die Philosophie, und während Adorno und Altgriechen in der Redaktion offenbar als gesetzt gelten, hat doch jede einzelne Ausgabe ein anderes Hauptthema. Wie auch in der vor vielen Jahren noch grundsätzlich lesenswerten „c’t“, die irgendwann um 2014 herum zum Linux-Fanmagazin verkommen ist, nehme ich jedoch auch in der „Hohen Luft“ allmählich einen qualitativen Verfall wahr.

Normalerweise geht es an dieser Stelle um Frauenmagazine und ihr merkwürdiges Bild von Männern. So ähnlich ist es auch heute, denn die Redaktion der „Hohen Luft“ hat eine recht hohe Frauenquote. Selten aber war das so offensichtlich wie diesmal.

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Politik
Die Verteidigung Europas mit den Mitteln des Boulevards

Manches ändert sich nie.Die bisherige Sicherung der europäischen Außengrenzen zwecks Lösung der „Flüchtlingsfrage“ (Stefan Winterbauer, Meedia.de) bestand neben riesigen Zäunenniemand hat die Absicht und so weiter – unter anderem auch aus aktiver Sicherung durch die Agentur Frontex und ihrer Nachfolgeorganisation. Die amtierende deutsche Bundesregierung beschreibt deren Aufgabe so:

Die neue Agentur ist leistungsfähiger und besser ausgerüstet, um den migrations- und sicherheitspolitischen Herausforderungen an Europas Außengrenzen zu begegnen. Erweiterte Zuständigkeiten und neue Befugnisse werden es ihr erlauben, erfolgreich zu arbeiten.

Bei „migrationspolitischen Herausforderungen“ handelt es sich vermutlich um den alljährlichen Wettbewerb um neue Rekorde betreffs der erfolgreich an der unbeschadeten Ankunft in Europa gehinderten Menschen. „Herausforderungen“ nennt die Bundesregierung diese Menschen, und während ich Menschen ebenfalls für ziemlich anstrengend halte, würde ich trotzdem lieber davon Abstand nehmen wollen, sie zu meinem eigenen Schutz ertrinken zu lassen.

Politisch für das Ertrinken all dieser Menschen verantwortlich ist in Deutschland wie auch auf höherer europäischer Ebene vor allem die CDU, die zu wählen immer noch zu viele Menschen nicht ausreichend anwidert; die gleiche CDU natürlich, die auch meine Überwachung fordert, um mich vor mir selbst zu schützen, und also eine ziemlich absurde Definition von „Schutz“ durchzusetzen versucht; ich besitze immerhin ausreichend viele Kenntnisse, um mich selbst „hacken“ zu können (nämlich: die meiner Passwörter). Gleichwohl kommen nur die Wenigsten der sonstwie abgebrühten Warner und Mahner auf die Idee, den längst fälligen Aufstand gegen die CDU zu proben, Parteitagsblockaden und „Nazis!“-Gebrüll auf allen Kanälen eingeschlossen, denn die CDU ist etabliert, da macht man so etwas nicht. Stattdessen belästigt man also irgendwelche Popelparteien, die bei der Selbstdemontage nun wirklich keine Hilfe von außen brauchen und deren außenpolitische Gefährlichkeit sowieso von überschaubarer Größe ist, mit seinem wichtigtuerischen Quatsch.

Identitäre Seefahrer und der Nationalismus

Zu den weiteren Gruppierungen, auf deren Ächtung sich die Bewahrer von Freiheit und Demokratie geeinigt zu haben scheinen, gehört auch die „Identitäre Bewegung“, die offenbar der aktionistische Arm der CDU ist und zum Beispiel dadurch, vom Brandenburger Tor ein Spruchband mit der Aufschrift „Sichere Grenzen – sichere Zukunft“ herabgelassen zu haben, was nicht nur der „Tagesspiegel“ anscheinend als Beleg dafür wertet, dass es sich hier um eine „völkische Bewegung“ handelt, medial auffällig geworden ist. Dass die Medien schon zuvor die von der „identitären Bewegung“ durchgeführte Demonstration gegen das „NetzDG“ (ich berichtete) als versuchte Stürmung bezeichneten, als sei wütender Protest gegen staatliche Zensurbestrebungen plötzlich gesellschaftsfeindliches Rebellentum, verwundert angesichts des sonstigen medialen Umgangs mit Gegnern dieses Gesetzes kaum: Wer was gegen Zensur hat, ist Nazi! – Wenn die Forderung nach „sicheren Grenzen“ (ob eine nicht sichere Grenze überhaupt noch eine Grenze oder bloß ein Rand ist, wäre sprachwissenschaftlich sicherlich auch nicht uninteressant, soll hier aber keine Rolle spielen) und damit einer „sicheren Zukunft“ jedoch bereits ein Zeichen für eine „völkische Bewegung“ mit „nationalistischen Botschaften“ ist, die man dringend im Auge behalten sollte, ist vielleicht das Wahlprogramm der CDU/CSU für die kommende Bundestagswahl doch noch einmal einen weiteren Blick wert, denn dort ist auf Seite 56 zu lesen:

Europa muss seine Außengrenzen wirksam gegen illegale Migration schützen, die Grenzschutzagentur Frontex stärken und das Europäische Asylsystem vollenden. Bis der Schutz der EU-Außengrenzen funktioniert, halten wir an Binnengrenzkontrollen fest.

Diese völkisch-nationalistische Bewegung sollte in der Tat dringend aus dem Bundestag ferngehalten werden. Dass Nationalismus faktisch Voraussetzung für die langfristige Existenz eines Staates und kein Synonym für Pfuipatriotismus ist, sich zum sprachlichen Verkleinern eines als gefährlich angesehenen politischen Gegners also kaum eignet, lasse ich ausnahmsweise einmal durchgehen. Während aber das Tragen von CDU-Signets als „Wahlkampf“ verharmlost wird und die Akteure gemeinhin „Konservative“ genannt werden, obwohl das mindestens passive Ertränken von Menschen in Not mit Bewahrung – so lautet der ursprüngliche Wortsinn von Konservativismus – weniger zu tun haben dürfte als mit der Reinhaltung der europäischen Rasse durch Ausschluss Externer, wird die Sympathie für eine Gruppe, die ebendiese Externen gewaltlos um ihre Heimkehr zu bitten beabsichtigt, aus genau dieser Ecke unter breitem Beifall aus dem Volk ihrerseits „Rassismus“ gescholten, wie es im Fall der jungen kanadischen YouTuberin Lauren Southern (das war die mit dem Patreon-Zwischenfall) passierte.

Europa Boot für Boot verteidigen

Im Jahr 2017 nämlich mietete sich eine von besagter YouTuberin beworbene Gruppe aus dem Kreis der „Identitären Bewegung“ unter dem Motto „Defend Europe“ – „verteidigt Europa“ – auf Spendenbasis ein Schiff (Allergikerwarnung: Primärquelle) mit dem vorgeblichen Ziel, das von Menschenhändlern gemachte Geschäft mit der Einwanderung vor der italienischen Küste durch „Interventions- und Aufklärungsarbeit“ zumindest einzudämmen, also die Folgen der menschenfeindlichen Politik der CDU geringfügig zu lindern. Das gefällt nicht allen, denn Flüchtlingspolitik ist ein Thema, über das der Diskurs oft von Emotionen und nicht Gedanken bestimmt wird. Die Waffen, die also aufgefahren wurden, waren wohl gewählt, denn man griff flugs zum Schärfsten, das man gerade herumliegen hatte, nämlich zu Twitter: Unter dem Hashtag „#DefundDefendEurope“ wurde dazu aufgerufen, den finanziellen Spielraum der „Identitären Bewegung“ in sichere Grenzen zu leiten, und das vermeintliche Scheitern fortan kommentiert. Medial begleitet wurde das Getagge natürlich von der „taz“, die den Vorwurf unsauberer journalistischer Arbeit zwar nicht sehr schätzt, sich aber trotzdem dazu hinreißen ließ, Beobachtung mit Recherche zu verwechseln, indem sie beziehungsweise ihr mit „Reportage & Recherche“ untertitelter Redakteur Christian Jakob, der mit seinen Lesern auf Twitter auch schon mal Blogartikel des fragwürdig agierenden „linken“ Autors Sören Kohlhuber teilt, in einem Artikel, in dem Lauren Southern „Laura Southern“ und das Boulevardblatt „Daily Mail“ in guter journalistischer Tradition „Krawallblatt“ genannt wird, behauptete, die Besatzung des Mietschiffs bestehe, haha, selbst aus illegal Migrierenden und „Defend Europe“ sei, was nicht bloß vereinfachend, sondern schlicht unrichtig ist, eine „Anti-Flüchtlings-Mission“. Dass die auf Facebook zu findende Gegendarstellung (Vorsicht: Facebook!) der Organisatoren demselben Christian Jakob zwar ebenfalls keinen Link (denn das Nennen von Quellen ist sooo 90er und außerdem Nazi), wohl aber eine Verschärfung des Tonfalls wert war, indem er sie pauschal in einen Sack mit der Aufschrift „die Neonationalisten“ – weit ist es nicht mehr bis „die Nazis“ – steckte, ist ein durchaus auskunftsfreudiger Umstand.

Über die Existenz – wovor eigentlich? – gut geschützter europäischer Außengrenzen ließe sich sicherlich ausführlich diskutieren und bestimmt ist das auch bereits vielfach passiert; die Verharmlosung der offenbar menschenfeindlichen und, glaubt man den Verharmlosern selbst, rassistischen CDU durch einseitige negative Konnotation gemäßigter Aktivisten ist jedoch kein Zeichen von Menschlichkeit, sondern Ausdruck eines blanken Zynismus, der, sofern man sich selbst als einen Humanisten verstanden wissen möchte, nicht bloß Skepsis ernten sollte.

Verständnisfrage zum Abschluss

Weil ich mich sehr ungern unabsichtlich unbeliebt mache, sich meine Informationsquellen jedoch nicht durch besondere Heterogenität hervortun, stelle ich die Frage, deren Antwort mir dabei helfen könnte, etwaige Fettnäpfe aus diesem Themenbereich zu umgehen, zum Abschluss einmal an dieser Stelle:

Die „Identitäre Bewegung“ ist moralisch abzulehnen und man sollte ihre Aktivitäten dringend unterbinden, weil sie den Zuzug illegal transportierter Flüchtlinge verhindern möchte, vor Ministerien gegen von der Allgemeinheit für grundrechtsfeindlich gehaltene Gesetze demonstriert und auf dem Brandenburger Tor sichere Grenzen fordert. Die CDU hingegen ist ein wertvoller, zu schützender Teil der parlamentarischen Demokratie, weil sie den Zuzug illegal transportierter Flüchtlinge verhindern möchte, im Bundestag für von der Allgemeinheit für grundrechtsfeindlich gehaltene Gesetze votiert und in ihrem Wahlprogramm sichere Grenzen fordert.

Stimmt das so?

In den NachrichtenMir wird geschlecht
Kurz gefragt (3): Peter Altmaier!

Herr Altmaier,

in Ihrer Funktion als Kanzleramtschef quatschten Sie einem Boulevardblatt (im Folgenden wiedergegeben von „Epoch Times“) hiermit vermutlich eine Seite voll:

Frauen seien auch in Deutschland noch nicht komplett gleichberechtigt, beklagte er: „Im Parlament sitzen deutlich mehr Männer, in den Chefetagen der großen Firmen gibt es fast keine Frauen.“

Frage: Worin besteht der Unterschied zwischen der Gleichberechtigung zweier Geschlechter und der Berücksichtigung des Geschlechts bei der Beförderung?

Die Kritik, dass die CDU nicht gerade als „Frauenpartei“ bekannt ist, wies Altmaier zurück. Immerhin stelle sie die erste Bundeskanzlerin.

Frage: Worin besteht der Unterschied zwischen einer „Frauenpartei“ und einer Partei, deren rechtlich höchste Repräsentantin eine Frau ist?

Auch als Sommerurlaubslektüre hat sich Altmaier das Thema Frauenrechte vorgenommen.

Frage: Worin besteht der Unterschied zwischen Frauen- und Menschenrechten?

U. A. w. g.!

In den NachrichtenPolitik
Kurz notiert zum parteilichen Engagement anlässlich der Paraden zum „CSD“ in Berlin

Die diesjährigen Paraden zum „Christopher Street Day“ in Berlin, traditionell Ausdrucksform von sexueller und damit maximal persönlicher Freiheit, wurden flankiert von der wie gewohnt langweiligen Berliner SPD und der örtlichen „Linken“, die sogleich befand, man sollte irgendeine Liebe „gleichstellen“, sowie Vertretern des ethisch abtrünnigen Berliner Landesverbandes der Piratenpartei, der sich davon überzeugt gab, die sexuelle Ausrichtung ihrer „Doppelspitze“ – allein das Wort schon – sei ein Wahlanreiz für irgendwen außer ihm selbst, womit parteiübergreifend der Wunsch nach Politisierung der Liebe festzustellen ist, als handele es sich bei der Tiefe der Zuneigung zu einem oder beliebig vielen Menschen oder Gegenständen um ein Thema, das sich in einem Satz mit Bundeswehreinsätzen, Rentenkassen oder Importbeschränkungen semantisch wohl fühlte, denn was gerade in jedem dieser unsäglichen Wahljahre gern missachtet wird, ist, dass nicht jeder Lebensbereich einer ist, in dem ein starker Staat etwas zu suchen hat, und jede Partei, die sich zwecks bloßer Werbung für den Fluss von mehr bundesgeförderten Wahlkampfmittel (d.h. Kohle) in die eigene Kasse dazu herablässt, die Entscheidung darüber, wer („alle“) mit wem („allen“) eine Beziehung führen darf, zu einer politischen und damit auch eigenen zu erklären, sollte jede einzige Stimme derer, um die sie so lautstark werben, moralisch auf Jahre hinweg verspielt haben und nie wieder auch nur in der finanziellen Lage sein können, sich noch einmal mit lautem Getöse zum Entscheider über sexuelle Freiheit zu erklären.

In den NachrichtenWirtschaft
Das auch mit Spielgeld nicht gelöste Problem: Ein Nachtrag.

In meinem Exkurs über den Bitcoin- und Ethereumwahnsinn habe ich versehentlich einen Teilaspekt zu beleuchten vergessen, der etwa zur gleichen Zeit wieder tagesaktuell wurde. Mir sei gestattet, dies an dieser Stelle nachzuholen.

Eine wichtige Schwäche der vorhandenen Zahlungsmittel nämlich, da gebe ich den Ideenhabern der „Kryptowährungen“, wenn auch ungern, Recht, ist die zentralistische Struktur der damit verbundenen Konten, was bedeutet, dass es als übliche Konstellation gilt, dass das Schicksal des irgendwo gelagerten Geldes in den Händen einer einzigen Person oder wenigstens Institution liegt, der damit zumindest – von einschlägigen Gesetzen abgesehen, möglichen Übeltätern nämlich sind Gesetze oft nicht unbedingt die wichtigsten Regelwerke – die Möglichkeit gelassen wird, besagtes Geld an sich zu nehmen oder den Geldtransfer Einzelner zu unterbinden. Dies wäre mit einer verteilten Bezahlinfrastruktur lösbar, wird aber ausgerechnet von „Kryptowährungen“ beibehalten: Klaut mir jemand die virtuelle Geldbörse, kommt künftig ihm sämtlicher Geldfluss in diese virtuelle Geldbörse zugute. Ohne eine Kontrollinstanz, die mir diese virtuelle Geldbörse nach wie auch immer gearteter Autorisierung wieder zurückgeben kann, könnte ich sehr schnell sehr große wenigstens finanzielle Probleme bekommen.

Die De-facto-Alternativen zu Bargeld oder Schuldscheinen in Form einer Kreditkarte sind zumindest im Web derzeit die frühere eBay-Tochter PayPal, die dafür bekannt geworden ist, ihren Kunden das Ersparte wegzunehmen, weil ihren Entscheidern nicht gefällt, was die Kunden damit tun, und Patreon, eine Art Vermittlungsdienst zwischen Künstlern und Kunstfreunden. Dass die mediale Diskussion über die Geschäftspraktiken solcher Dienste stark von politischen Vorlieben statt von objektiver Ethik geprägt ist, dass die faktische Enteignung von Wikileaks durch PayPal und Amazon also empörte Reaktionen hervorrief, die dieswöchige faktische Enteignung einer YouTuberin aus vorgeschobenen Gründen durch Patreon jedoch Schadenfreude, ist unangenehm menschlich, lenkt aber auch von dem vermutlich einzig bedeutsamen Fakt ab: Das Internet braucht heute nötiger als bislang ein nicht an jeweils einen einzigen Anbieter gebundenes Protokoll zur Übertragung von gesetzlichen Zahlungsmitteln.

Sicher ist, dass eine Erweiterung des Zahlungsmittelbegriffs um irgendwelche „Coins“ dieses Bedürfnis nicht stillt.

In den NachrichtenPolitik
„Stasi 2.0“ (Alternativfassung)

Oder eben auch so:

Ein gemeinsames Abhörzentrum soll die Sicherheitsbehörden in Ostdeutschland effizienter machen. (…) Es gehe nicht darum, den „rechtstreuen Bürger auszuschnüffeln“, versucht Sachsens Innenminister Ulbig zu beruhigen. (…) Das Abhörzentrum – offiziell Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) Gemeinsames Kompetenz- und Dienstleistungszentrum (GKDZ) genannt – soll Ende 2019 in Leipzig in Betrieb gehen. Darin soll die polizeiliche Kommunikationsüberwachung der fünf Länder gebündelt werden.

Niemand hat die Absicht, den Begriff der Rechtstreue besonders weit auszulegen.

Was HeidelbergCement wohl gerade macht?

NerdkramsWirtschaft
Die Strafe der Spielgeldmillionäre

Eine der wenigen unbeschränkt gültigen Börsenweisheiten lautet ungefähr so: Investiere niemals Geld, das du nicht verlieren möchtest. Das gilt vor allem dann, wenn das Ziel der Investition keinen greifbaren Gegenwert besitzt.

Bezogen auf den greifbaren Gegenwert dessen, was versierte Schwafler als „Fiatgeld“ bezeichnen und was gewöhnlichen Menschen schlicht als Geld bekannt ist, besteht zweifelsohne kein besonders großer Diskussionsbedarf: Über gedrucktes oder geprägtes Geld, längst nicht mehr von Edelmetallen gedeckt, besteht inzwischen seit Jahrhunderten ein gesellschaftlicher Konsens, der ungefähr absehbar macht, gegen welche Waren man es in vielen Geschäften eintauschen kann. Es handelt sich somit eigentlich nur um staatlich akzeptierte Äquivalente zu Muscheln und Schafen. Dass die Umsetzung dieses Konzeptes mit steigender Inflation, sinkenden Zinsen und psychologisch wirkendem Unsinn wie dem Abzug eines Cents vom Preis, damit die Zahl vor dem Komma kleiner ist, bislang mindestens etwas unglücklich verlaufen ist, halte ich auch ohne selbst vorgenommene vorherige statistische Erhebung für einen Konsens der meisten Menschen, die in der wirtschaftlichen Nahrungskette nicht ganz hinten stehen.

Um zumindest einen Teil dieser konzeptionellen Herausforderungen zu umgehen, wurde zwischen 2008 und 2009 die dezentrale Währung „Bitcoin“ ins Leben gerufen. Bei Bitcoins handelt es sich im Wesentlichen um eine Art nicht papiernes Spielgeld ähnlich dem in „Monopoly“ verwendetes, dessen realer Gegenwert in den zur Erzeugung nötigen Stromkosten, die aufgrund der Art der „Berechnung“ neuer Bitcoins fortwährend steigen, besteht; man verschwendet also elektrische Energie, um gehashte Hexadezimalwerte in eine immer größer werdende verteilte Datenbank („Blockchain“) zu schreiben. Wie zum Beweis dafür, wie egal Menschen entgegen der allgemeinen Annahme realer Besitz wirklich ist, bekommt jemand, der einen dieser Hexadezimalwerte einer Bitcoin-Tauschbörse oder einem Mitmenschen verkauft, heute deutlich über 2.000 Euro dafür. Weil dieses Konzept so schön einfach umzusetzen und zu modifizieren ist, gibt es mittlerweile über 800 miteinander konkurrierende, teilweise voneinander abstammende „Blockchains“ beziehungsweise darin gespeicherte Arten von Hashwerten („Kryptowährungen“), von denen einige nach Großinvestition durch Banken und/oder EDV-Konzerne einen höheren Europreis erzielen können als andere. Der nennenswerte Unterschied zwischen Aktionären und Kryptoinvestoren besteht also darin, dass Kryptoinvestoren nichts zum Gelingen der realen Wirtschaft beitragen, sondern ihr Geld aus dem Fenster werfen und hoffen, dass unten jemand steht, der das Geld freiwillig verdoppelt und wieder zurückwirft, statt einfach damit wegzurennen, was manchmal funktioniert und meistens eben nicht. Die eigene Sammlung an Hashwerten wird in der Regel in so genannten wallets abgelegt, was Englisch ist und „Portemonnaie“ bedeutet, aber eigentlich nur eine lokal herumliegende Datei ist. Es gibt bekanntlich kaum einen besseren Ablageplatz für „Geld“ als eine lokal herumliegende Datei.

Um das Zurückwerfen des aus dem Fenster geworfenen Geldes schmackhafter zu machen, gibt es mit „ICOs“, „Initial Coin Offerings“, eine „Blockchain“-Alternative zur Erstzeichnung an einer Börse: Jemand würde gern eine neue „Blockchain“, eine Tauschplattform für Hashwerte, eine neue Hashwertart oder sonstigen virtuellen Krempel programmieren und sammelt zur Finanzierung dieser Unternehmung irgendwelche Hashwerte (derzeit wird gern eine Bezahlung in Ethereum, der momentan zweitplatzierten Hashwährung, verlangt) ein. Die Gegenleistung besteht nach Ablauf der Erstzeichnungsfrist dann meist in Anteilsscheinen in Form von oft wiederum neuartig gehashten Hexadezimalwerten zum Vorzugspreis, die dann vielleicht im Wert steigen und vielleicht auch nicht, was, abhängig von der erfolgten Verwendung des eingenommenen echten Geldes, dann ein riesiger Verlust ist oder vielleicht auch nicht. Scheiterte etwa ein „ICO“, dessen Einkünfte in die Förderung einer Pandapopulation fließen sollten, so wäre dies sicherlich bedrückender als das Scheitern manch anderer Geschäfte. Dass die „ICO“-Idee aus wirtschaftlicher Sicht, berücksichtigt man die andauernde Hyperinflation und -deflation der Wechselkurse zwischen den Hashwerten (allein Bitcoins gewinnen oder verlieren am Tag mitunter dreistellige Dollarbeträge pro „Stück“), eigentlich nur Idioten anziehen sollte, hat bekanntlich noch fast niemanden an irgendetwas gehindert: Allein im Ankündigungsforum des virtuellen Szenetreffs bitcointalk.org nähme das Trinkspiel, für jeden neuen „Smart Contract“, was das gegenwärtige Lieblingsquatschwort der Krypteria ist und ungefähr bedeutet, dass die Hashwerte, die man irgendwo hinschickt, beim Gegenüber weniger wahrscheinlich nicht ankommen als üblich, einen Schnaps frei wählbarer Menge zu trinken, binnen erschreckend kurzer Zeit ein tödliches Ende.

Überraschenderweise ist die dezentrale Schöpfung von gegenwertloser Handelsware über ein nicht nur von wohlwollenden Asketen genutztes Netz aus modifizierbaren Maschinen gar nicht mal aus Sicherheitsgründen eine überragend gute Idee. Ein Währungssystem mit menschlicher Beteiligung kann und wird früher oder später an der fehlenden Perfektion des Menschen zugrunde gehen; und die Unperfektesten sitzen meist am langen Hebel.

Eine der beliebteren wallet-Umsetzungen für Ethereum-Hashwerte trägt den Namen „Parity“ und läuft dort, wo reale Werte am schlechtesten aufgehoben wären, nämlich innerhalb der meistangegriffenen Komponente von Desktopcomputern, d.h. im Webbrowser. Als gäbe das noch nicht genug Anlass zum Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der Mitglieder der um „Parity“ herum entstandenen Gemeinschaft, verfügt es obendrein um eine Funktion namens „Multi-Sig-Wallets“, die im Wesentlichen das Geschehen dadurch noch spannender macht, dass mehrere Leute auf das virtuelle „Portemonnaie“ zugreifen können. Eine grandiose Idee. Was kann da schon passieren?

Ach, richtig:

Unbekannte haben eine inzwischen geschlossene Sicherheitslücke im Ethereum-Client des Unternehmens Parity genutzt, um 153.000 Ether auf ihr eigenes Konto zu überweisen. Beim aktuellen Kurs der Kryptowährung sind das umgerechnet etwa 30 Millionen US-Dollar. Der Diebstahl und die Lücke wurden sofort entdeckt. Daraufhin tat sich spontan eine Gruppe namens White Hat Group zusammen und nutzte die gleiche Schwachstelle, um weitere 377.116 Ether aus noch nicht geplünderten Konten zu sichern.

Wie hier zu sehen ist, ist eine „Kryptowährung“ viel besser als anderes Geld, denn wenn irgendjemand an mein reguläres Portemonnaie herankommt, um etwas herauszunehmen, wird sich keine Gruppe zusammenfinden, die den Rest des Geldes in meinem Portemonnaie sichert; und wenn doch, dann hießen sie gleichfalls Diebe und nicht Sicherer. – Zum Glück gibt es mit „ICOs“ eine bequeme und sehr sichere Anlagemöglichkeit für die gesammelten Hashwerte, denn wer hat schon gern ständig ein volles Portemonnaie dabei? Das endet dann manchmal aber statt mit einer Pleite des Projekts auch so:

Unbekannte Angreifer hackten die Website des Projekts Coindash und änderten dort die Kryptogeld-Adresse, an die Investoren bei einem Crowdfunding Geld schicken sollten. Die falsche Adresse war nur wenige Minuten online – genug für einen Millionen-Coup.

(Beide Meldungen sind von heute.)

Wer sein Geld auf die Fensterbank legt, der sollte eben besser nicht im Erdgeschoss wohnen.

Dass die jeweils betroffene „Währung“ Ethereum trotzdem weiter im Wert steigt, spricht zumindest nicht für ein Problembewusstsein der Anleger, denn nach wie vor sind Webbrowser nicht vom Handel mit Kryptogedöns ausgeschlossen. Werfen wir einfach mehr Geld drauf. Dass das Draufwerfen von mehr Geld auf lange Sicht mehr zerstört als repariert, ist einem Zyniker wie mir da ein schwacher Trost: Möglicherweise wird sich in wenigen Wochen die auf großes Wachstum nicht vorbereitete Problemursache Bitcoin zweiteilen, wie es bei Ethereum schon im Juli 2016 – wenn auch, hihi, aus Sicherheitsgründen – passiert ist. Wenn das eintritt, werden diejenigen, die jetzt noch viel Zeit damit verschwenden, ihren Mitmenschen ungefragt von ihrem Reichtum und/oder ihrem guten Riecher zu erzählen, was eine Art Nebenwirkung von Bitcoinbesitz zu sein scheint, möglicherweise vorübergehend ein wenig leiser sein. Das wird schön.

Erinnert sich noch jemand an „Second Life“?

(Offenlegung: Ich habe gelegentlich den einen oder anderen Cent in eine dieser weniger medial beworbenen Spielwährungen investiert, die sich nach wie vor weigert, mich zu einem arroganten reichen Schnösel werden zu lassen. Das stört mich aus vorgenannten Gründen jedoch nicht im Geringsten.)