Archiv für die Kategorie ‘Musik’.

Liedzitate und Erinnerungen an gute Lieder säumen meine Artikel. Jedenfalls diejenigen in dieser Kategorie.

MusikkritikPersönliches
Umfassende Konzertkritik: King Crimson (3. Oktober 2016, Hamburg)

Alter.

Cirkus! Epitaph! Starless!

Einfach nur: Alter.

(Abb. ähnlich)

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Tomahawk – God Hates a Coward // Digitale Abgründe in Brüssel

stellt-euch-vor-es-ist-montag-und-ihr-sitzt-nur-muede-rumEs ist Montag, ein Tag der deutschen Einheit, ob wir wollen oder nicht. Der Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, wusste, dass Volksabstimmungen gar nicht so gut sind. Folgerichtig empfehlen Deutschlands Linke für den heutigen Tag in bekannt bigotter Weise einen von lästigen Dingen wie Gemeinschaftssinn oder Menschlichkeit befreiten Aufstand des antikapitalistischen Pöbels gegen dieses verdammte Land. Nur hierbleiben wollen sie schon, weil es hier so einfach ist, halbwegs gut zu überleben. Wenn man niemanden in Dresden kennt, ist die Forderung nach einer Einebnung der Stadt bedeutend einfacher zu stellen. Der Mensch ist dem Menschen ein Dingsbums. Ein unglaublich blöder, manchmal, noch dazu. Wer nicht über seinen Schatten springen kann, der hat einerseits Physik verstanden, ist aber andererseits weniger gut geeignet für das, was zählt (i.e. Geborgenheit und etwas Musik). Was fehlt? I wo: Wer. Eine Woche zurück und ein neuer Versuch, noch mal im Arm statt immer nur im Bett einschlafen, mehr muss es ja gar nicht sein.

Da wir gerade bei Blöden waren: Den „Grünen“ gefällt es gar nicht, wenn ein Unternehmen zu viele Kunden hat, denn dann muss eine „missbrauchsunabhängige Entflechtungsmöglichkeit“ her. Ich würde ja die missbrauchsunabhängige Entflechtung der „Grünen“ befürworten, aber dann muss die ja irgendwer anders nehmen. Allerdings ist „Digitalpolitik“ (allein das Wort schon!) auch nicht für jeden Menschen geeignet; der EU-Digitalkommissar Günther Oettinger etwa hat bisher offenkundig noch nicht mal eine Suchmaschine benutzt, was zumindest die einzige Erklärung für seine Theorie ist, dass kaum ein Nutzer einer solchen Suchmaschine jemals auf ein Suchergebnis klickt. Die lesen alles immer nur in Google, die Leute. Seine Partei, die CDU, hat derweil den Feminismus am Hals: Die Beteiligten hätten (…) vereinbart, das Thema Sexismus „ab sofort (…) in verschiedenen Gremien (…) zu diskutieren“, was mich doch hoffnungsfroh stimmt, dass demnächst Ruhe ist, denn an einer gremienübergreifenden Feministinnengruppe (meinten Sie: Grippe?) haben sich bekanntlich schon ganz andere Parteien verschluckt.

Bitte keine Postkarten aus dem Iran! Stattdessen: Musik aus Amerika. Ist ja auch mal ganz nett.

God Hates A Coward – Tomahawk (live)

Guten Morgen.

In den NachrichtenMusik
Hasspopkultur

Die – mit großem Abstand – Überschrift des gestrigen Tages lautete:

„Justin-Bieber-Videos werden am häufigsten als Hass eingestuft“

Da macht sich doch die neue Diskussionsqualitätsoffensive der Bundesregierung schon bezahlt. Nach dem erfolgreichen Feldtest mit Justin Bieber möchte ich Tonaufnahmen von Phil Collins als Objekt weiterer Löschungen empfehlen. Das würde immens zu meiner Friedfertigkeit beitragen.

KaufbefehleMusikkritik
tesa – G H O S T

tesa-g-h-o-s-tIn einem unbekannten Land – Riga? Wo ist das noch mal? – nahm das Trio tesa (wie das Klebeband), bestehend aus Davis und Janis Burmeisters sowie Karlis Tones, vor einiger Zeit sein drittes Album „G H O S T“ auf, das im Januar 2015 und erneut im August 2016 – auch auf Vinyl – veröffentlicht wurde. So gruselig, wie es heißt, ist es aber gar nicht.

Obwohl natürlich der Anfang mit seinem dumpfen Dröhnen etwas anderes ahnen lässt, an Doom und Noise mag man etwa denken; tatsächlich haben wir es hier aber mit veritablem, geradezu großartig groovendem Postrock zu tun, der sich jedes Filigrane selbst in ruhigeren Momenten wohl zu verkneifen weiß.

Tesa – G – (2016 Ghost) Post Rock / Post Metal Instrumental

Die drei Letten agieren in einem mächtigen Kraftfeld aus Bands wie Oceansize, Neurosis und vor allem Maserati, ersparen dem Hörer aber den bloßen Abklatsch. Die fünf Titel heißen „G“, „H“, „O“, „S“ sowie „T“ (bestimmt hat das irgendwas zu bedeuten) und gehen erfreulicherweise teilweise derart nahtlos ineinander über, dass man sie als zusammenhängendes Stück zu betrachten gewillt ist, in dessen Zentrum das mal majestätisch brüllende, mal energisch nach vorn preschende „O“ mit beinahe 12 Minuten Laufzeit steht, ohne dass dies beim Hören auffallen würde. Es passiert so viel, Stilwechsel (das kurze „S“ könnte mit seiner dreckigen Spielweise sogar alten Punks gefallen) eingeschlossen.

Gesang wäre nur störend. Sicher, gelegentlich schreit, dezent im Hintergrundrauschen versteckt, eine Stimme Texte wie the greed has burnt a fire, they will never sleep again“ („T“), aber wer, der nicht mitliest, würde das überhaupt bemerken? Nein, nein: Freunde der gehobenen Sangeskunst sind hier sicherlich nicht so leicht zu begeistern, Langeweile will trotzdem nicht aufkommen. Wer hat da gesagt, der Postrock hätte alles erzählt, was es zu erzählen gab?

Keine Kompromisse.

In den NachrichtenMontagsmusik
Archive – Meon

"Vertrauen in die Menschheit"? Bei einer Wahl? Ach, woher denn.Es ist Montag und das Wetter wagt einen ersten dezenten, aber durchaus nicht missverständlichen Hinweis auf die Jahreszeit. Es ist nicht alles warm, was scheint, auch wenn sie zu wärmen scheint, Entfernung optional.

Leider nicht entfernt allerdings: Berlin hat gewählt und die rechtspopulistische SPD bleibt trotz Christopher Lauer stärkste Kraft. Offenbar mögen Berliner keine Menschen, was einiges erklären könnte. Raus sind die Berliner Piraten, die sich in den fünf Jahren ihrer Beteiligung an der Landespolitik vor allem dadurch hervorgetan haben, die Politik der Grünen zu machen. Aber warum sollte eine Partei, die als Partei des digitalen Wandels ins Abgeordnetenhaus gewählt wurde, auch mal was anderes machen als ihre Wähler zu enttäuschen?

Apropos Digitalwandler: Die Qualität der Tonausgabe vom iPhone ist schlecht. Aber wer, dem Technik wichtiger als Form ist, kauft sich schon ein iPhone? Siri, mach‘ mal die Tür auf. Smart und klug sind eben keine Synonyme. Dazu passt: Smartphonenutzer lesen weniger. Macht ja auch keinen Spaß auf den Winzbildschirmen. – Vielleicht ist die schleichende Vermenschlichung des einst Guten auch vom Schicksal vorbestimmt, vielleicht steht sie in den Sternen. Blöd nur, wer sein Horoskop zu kennen glaubt: Sein Sternzeichen stimmt wahrscheinlich nicht. Hokus pokus.

Magie, sowieso.

Archive – Meon – LIVE

Guten Morgen.

Mir wird geschlechtMusik
Kurz verlinkt: Identifikationspenisse

Lesenswert, übrigens: Offenbar gibt es eine lauter werdende Minderheit, die auch in der Musik das Vorhandensein der richtigen Geschlechtsmerkmale über das Talent stellen möchte.

Als würde das Geschlecht darüber entscheiden, ob jemand ein guter, spannender oder langweiliger Künstler ist. (…) Als würden Konzertbesucher – männlich oder weiblich – das Konzerterlebnis danach bewerten, ob die gespielten Komponisten oder gar die Person am Pult Geschlechtsgenossen sind oder nicht.

Ich für meinen Teil wäre nicht völlig unzufrieden damit, spielten Radios mal was anderes als 90er-Pop mit Ohren betäubendem Frauengesang; aber ich bin natürlich auch ein bisschen eigen, was Musik betrifft.

In den NachrichtenMusik
Musikindustrie beklagt erfolgreiche Werbung durch sich selbst und ist empört.

Wie man eine Studie gründlich missversteht, erklärt heute mal wieder die Musikindustrie (nur echt mit typischen heise-Sätzen wie „In Schwellenländern wie Mexiko oder Brasilien sowie in Südkorea und Italien lauschen über zwei Drittel der Onliner zu Songs auf dem Handy“, was auch immer der letzte Teil des Satzes grammatikalisch überhaupt heißen soll):

82 Prozent der Besucher des Videoportals (YouTube, A.d.V) nutzen die Plattform, um sich Musik-Clips anzuschauen und Songs zu hören. (…) 58 Prozent [von ihnen] stoßen dort auf musikalische Neuentdeckungen. (…) Für die Labels wird damit deutlich, dass die Gratis-Services zunehmend als Alternative genutzt werden, um nicht für Musik bezahlen zu müssen.

Oder eben auch, dass die kostenlose Werbung ganz gut funktioniert, nicht?

Ich selbst habe auf YouTube schon manchen Künstler „entdeckt“, der sonst meiner Aufmerksamkeit völlig entgangen wäre, was schade gewesen wäre. Allerdings ist das Phänomen, dass es – Panik! Panik! – Musik kostenlos im Internet zu hören gibt, kein neues: Als ich noch jünger war, hörte ich in neue Musikalben lieber via Napster (später: Audiogalaxy, KaZaA, bis heute: eMule) hinein als mich hinterher über einen Fehlkauf zu ärgern. Taschengeld und Musikverschwendung passen nicht so gut zueinander. Seitdem hat sich viel geändert: Ich kann mir heute mehr Musik leisten als früher, „muss“ es aber seltener.

Was der Pionier Myspace einst etablierte, nämlich Platz für Musiker, die ihre Werke kostenlos der Öffentlichkeit zum Anhören zur Verfügung stellen wollten, ist heute vor allem dank Bandcamp so beliebt und vielgenutzt wie nie zuvor. Diese Loslösung von klassischen Vertriebswegen – mithin auch: von YouTube, denn die dortige Tonqualität hält sich doch meist in engen Grenzen, was die Aufregung über YouTube noch anachronistischer scheinen lässt als sie es ohnehin ist – bedeutet auch einen Wechsel der Paradigmen und mehr Freiheiten (sowie geringfügig mehr Pflichten) für die Musiker selbst. Manche lassen ihre Alben im Voraus von ihren fans bezahlen („Crowdfunding“), manche stemmen diese Bürde selbst, verlassen sich aber dafür hinsichtlich der Werbung auf die crowd, die über Musikblogs wie Schallgrenzen, Nicorola und 33rpmPVC ihren Teil dazu beiträgt, dass geile Musik auch geile Aufmerksamkeit erfährt. Die wesentliche Rolle einer Plattenfirma, Finanzierung und Vermarktung nämlich, füllt heute ein Musiker, der technisch versierte Freunde oder selbst ausreichend viel Interesse am Thema hat, dank der verdammten Digitalisierung bei Bedarf gänzlich allein aus.

Das Internet, diese Tod und Unglück bringende Hydra, ist insofern natürlich ein Feind der Plattenfirmen; den sie indes nicht schlagen können, so sehr sie es auch versuchen. Das haben sie zum Teil bereits erkannt, immerhin unterhält unter anderem Vevo (eine Partnerschaft zwischen, Sony Music „Entertainment“ und der Universal Music Group) außerhalb der Einflusssphäre der GEMA jeweils einen gut gefüllten YouTube-Kanal für eine ganze Menge an reichen, schönen, berühmten und teilweise nicht völlig üblen Musikern aus dem eigenen Portfolio und Lizenzverträge mit den einschlägigen Streamingdiensten, die sich insbesondere dadurch auszeichnen, dass die Musiker noch weniger Geld dafür bekommen als es ohnehin bereits der Fall ist, tun ihr Übriges. Die Musikindustrie fand nun also überrascht heraus, dass dadurch, dass sie kostenlos Musik zur Verfügung stellt, viele Menschen diese kostenlose Musik auch hören, ohne etwas dafür zu bezahlen. Wenn das doch nur jemand geahnt hätte!

Entfiele YouTube, entfiele also nichts als ein weiterer Vertriebsweg. Für das Gros der fiesen Verbrecher vor dem Bildschirm, die diesen Vertriebsweg als potenzielle Kunden gern weiterhin beschreiten würden, würde sich allenfalls ein digitales Lesezeichen ändern, für die Lizenzinhaber aber wird sich die fehlende Möglichkeit der Gratispropaganda über YouTube mit ziemlicher Sicherheit sehr unangenehm auf die Bilanzen auswirken.

Im Originalartikel heißt es weiterhin:

Nutzerrechte müssten aber so gestaltet sein, dass sie nicht Geschäftsmodellen Vorschub leisteten, „die letztlich nur schmarotzen und die Kreativen und ihre Partner nicht an den Einnahmen partizipieren lassen“.

Zum Beispiel dem der Musikindustrie, die ihren Künstlern, wenn es ganz blöd kommt, ungefähr 4,5 Prozent von den Einnahmen eines Albums abgibt. Für Musik bezahlen, geht es nach ihrem Willen, also vor allem diejenigen, die sie überhaupt erst aufnehmen.

Der Tod der Musikindustrie wird ein rettender sein. Stoßen wir darauf an!

(via Schwerdtfegr)


Meine diesjährige Kandidatur blieb erwartungsgemäß hinter den Erwartungen zurück. Vielleicht hätte ein anderes Wahlkampfmotto geholfen: Wählen Sie mich bloß nicht!

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Paolo Conte – Via con me // Total versifft!

kaffeeEs ist Montag, das ist selten ein gutes Zeichen. This is penis. In Niedersachsen wurde gewählt, die CDU hat gewonnen. Bringt ja eh‘ nix. Die da oben. Was sie wollen. Immer.

In den letzten Wochen kochte zum wiederholten Male ein Thema hoch, das ich für zum wiederholten Male begraben hielt: Auf Twitter gibt es Trolle. Doch, wirklich! Wie gewohnt werden pseudonyme Prangerseiten erstellt, auf denen sich irgendwelche Würstchen darüber aufregen, dass Selbstdarsteller und gewaltbegeisterte Feministinnen, die sich auf Twitter, auf YouTube und/oder in ihren Blogs fortwährend im Glanz ihrer eigenen Großartigkeit zu sonnen versuchen, für ihre oft dümmlichen Aussagen auch mal ausgelacht und nicht nur ausgiebig verehrt werden. Da habe sich, erzählt die Gegenseite, eine homogene Gruppe von Leuten zusammengeschlossen, um sich auf Einzelne einzuschießen, ohne dass diese ihnen etwas getan haben; leider kam ich bei meinen eigenen Recherchen nicht besonders weit, denn viele der beteiligten Accounts haben mich blockiert, ohne dass ich ihnen etwas getan habe, denn bei den Guten gibt es eigene Prangerlisten, erstellt von sehr merkwürdigen Feministinnen wie Randi Harper und Jasna Strick, auf denen ich mitunter selbst draufstehe, weil ich mit den falschen Leuten nicht jede Kommunikation unterlasse oder so ähnlich. Und diese Guten, die unkritisch fremde Hasslisten abonnieren, beschweren sich dann, dass ihnen nicht jeder für ihr selbstgerechtes Geschwalle den Arsch pudert, unterstützt von den Medien, die sich ja immer wieder freuen, auf der Seite der Gerechtigkeit mal mit ihrem Holzschwert fuchteln zu dürfen; um dann, wenn sie entlarvt wurden, natürlich von nichts mehr zu wissen zu meinen. Ist ja alles bloß Internet.

Wenn dieses Internet und Linux aufeinander treffen, fallen Späne: Eine Linux-Malware greift aktuell IoT-Geräte wie IP-Kameras mit veralteter Firmware an. Ist ja Linux, ist ja sicher.

Chips, Chips; sie und ein Seufzen.

Paolo Conte – Via con me

Guten Morgen.

In den NachrichtenMusik
Apple klinkt sich aus.

Als ich noch jung und ein bisschen blöder war als heute, war die Welt der Steckverbindungen für Tontechnik eine einfache: Kopfhörer und Lautsprecher hatten einen DIN-Stecker, der auf exakt eine Weise in die dafür vorgesehene Buchse gepasst hat, und wenn man es mit „sanftem“ Druck auf eine andere Weise versucht hat, war der Stecker und damit das Gerät in der Regel hinüber. Zudem war der DIN-Stecker ein rein deutsches Phänomen, Audiozubehör zu importieren war also nur bedingt sinnvoll. Etwas später hatten sich neben den Cinch- die heute noch immer üblichen 3,5-Millimeter-Klinkenstecker durchgesetzt, die eine willkommene Verbesserung, auch und gerade bedientechnisch, darstellten: Sie passen in jedem Drehwinkel in die dafür vorgesehene Buchse, haben auch im Ausland (sofern man mal dort sein muss) eine ausreichende Verbreitung, nehmen deutlich weniger Platz weg und sind prinzipiell, notfalls in der 2,5-Millimeter-Ausführung, auch bei geringem freien Platz meist noch problemlos einzuplanen. Das ging jetzt jahrzehntelang gut; kaufte man einen neuen Kopfhörer, so passte sein Stecker in der Regel überall hinein, und war der Widerstand niedrig genug, klang er höchstwahrscheinlich auch überall gleichermaßen prima.

Ein Sprung ins Jahr 2016. Auf dem Appleblog SPIEGEL ONLINE (jetzt noch hässlicher) freut sich Matthias Kremp derzeit darüber, dass Apple bei seinem heute mit gewohnt großem Getöse, als habe man versehentlich Krebs geheilt, vorgestellten „neuen“ iPhone – jetzt auch in Diamantschwarz, wie man sich Diamanten eben so vorstellt – die Kopfhörerbuchse weglässt und stattdessen voll auf den hauseigenen, proprietären Lightningport sowie Bluetooth setzt. Als Musikfreund und Appleskeptiker finde ich das wenig überraschend, aber zumindest dieses Kommentars wert.

Wer brauche schon noch Audiokabel?, fragte mich hinsichtlich meiner Irritation über die Aufgabe des Quasistandards ein von Musik und Apple gleichermaßen überzeugter Arbeitskollege. Und rein theoretisch implizierte er das Richtige: Apples ersatzweise herausgebrachte Funkohrstöpsel, Batterielaufzeit fünf Stunden und somit nur was für Leute, denen die Berieselung eigentlich auch scheißegal ist, kosten nur lächerliche 160 US-Dollar, Apple legt seinen Lebensstil-gadgets einen Adapter für die Lightning-Schnittstelle bei, die nur für Applegeräte sinnvoll ist, und Bluetooth wird, den Datenverlust bei kabelloser Übertragung betreffend, auch immer besser; man muss nur beide Geräte in Sichtweite bringen, miteinander koppeln und schon, mit etwas Glück, funktioniert es. Das ist viel besser als einfach „Stecker rein und los“.

Spätestens 2017 wird es, den Medien zufolge, keine Kopfhörer mit Klinkenstecker mehr geben, proprietäre und komplizierte, verlustbehaftete Datenübertragung ist die Zukunft, Kinder. Merkt ja eh‘ keiner, den Unterschied.

Oder eben ein Schritt um Jahre zurück.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Blues Pills – Lady in Gold // Populismus vor Pommern

Montag (heute mal so)Es ist Montag. Kaum hat man sich, sich noch schlaftrunken in ihrer Nähe wähnend und von diesem Montag daher zumindest vorübergehend positiv beeindruckt, aus dem Bett geschält, treffen schon die ersten Schreckensnachrichten über einen herein: Die rechtspopulistische SPD hat in Mecklenburg-Vorpommern am Sonntag mehr Stimmen erzielt als es zu wünschen gewesen wäre, während die dortigen Grünen für fortwährende Beleidigung der Intelligenz ihrer Wähler mit dem Rauswurf bestraft wurden. Das Volk ist ein schlichtes, wie es scheint, folgerichtig hat auch die AfD an Bedeutung gewonnen. Die Kinder üben schon die ersten Anschläge. Alles Nazis? Mitnichten; und eine Lösung gibt es auch: Statt sich als eine der Parteien hervorzutun, die sich zusammentun, um einander die Finger in die Ohren zu stecken, wäre es zuweilen vermutlich nicht völlig verkehrt, den Ursachen für eine Radikalisierung des Wählers eine bürgernahe Politik entgegenzusetzen, statt die Vorbringer etwaiger Bedenken pauschal zu beschimpfen und sich ihrer Wünsche an die Politik in der Folge nicht weiter anzunehmen. Die AfD verdankt ihre Wahlergebnisse vor allem den anderen Parteien und am wenigsten sich selbst. Zur Beruhigung eine angenehme Meldung aus der Tierwelt: Pandabären sind keine gefährdete Tierart mehr. – So, jetzt geht’s wieder.

Aus der Welt der Technik: Aufgrund diverser Leaks ist Tor gerade mal wieder in aller Munde, aber Tor ist völlig uninteressant geworden, seit dort offenbar übersexualisierte SJWs das Ruder übernommen haben und die engagierten Technik-nerds das nicht mehr ertragen. Ein Opferstuhlkreis schafft wohl kaum ein angemessenes Klima zur sinnvollen Weiterentwicklung und Pflege eines derart komplexen Netzes. Wenn doch heutzutage schon überall so ein Netz drinsteckt: Probleme mit dem Auto? Einfach aus- und wieder einschalten!

Jetzt aber erst einmal abschalten.

BLUES PILLS – Lady In Gold (OFFICIAL VIDEO)

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: MaidaVale – Tales of the Wicked West

MaidaVale - Tales of the Wicked WestMaida Vale ist eine Haltestelle der Londoner U-Bahn sowie der Name eines Studiokomplexes der BBC, in dem unter anderem John Peel regelmäßig aufnahm. Eine Band danach zu benennen ist, je nachdem, entweder zumindest ungewöhnlich oder entsetzlich banal. Das schwedische Frauenquartett MaidaVale, gegründet 2012, hat es trotzdem gewagt und legte erst im kürzlich vergangenen August mit seinem Debütalbum „Tales of the Wicked West“ eines dieser Alben vor, deren Grandiosität eine Würdigung mehr als nur verdient hat.

Der häufig im Internet zu findende Vergleich mit den Blues Pills, ebenfalls eine schwedische Retro-Band mit Sängerin, ist ein bisschen unfair, ABBA haben mit MaidaVale ja auch nicht viel gemeinsam. Wo Blues Pills es mit Retro-Rock versuchen, gibt es von MaidaVale sozusagen die volle Breitseite: Psychedelischer Bluesrock (Led Zeppelin, Jimi Hendrix) trifft auf drogenschweren 70-er Krautrock; die Gitarre singt aus vollem Hals, das Schlagzeug treibt sie voran, dazu spielt Linn Johannesson einen knackigen Bass mit ordentlich groove, während Matilda Roth mit einer unglaublich passenden, in den letzten Jahrzehnten leider viel zu selten gewordenen Stimme von „Rassismus, Kriegswahn und zwischenmenschlichen Minenfeldern“ (Jochen König) singt.

MaidaVale – (If You Want The Smoke) Be The Fire

Den musikalischen trip halten also nur die Texte vom Entstehen ab, so dass man immerhin die Wahl hat, ob man verreisen oder sich über die Welt aufregen möchte. Zwei Alben in einem also – wo sonst gibt es das? Kleine Experimente wie das einminütige „Truth/Lies“, ein verzerrtes Experimentalstück in irgendwie Talk-Talk-Tradition, ergänzen das Album ganz gut, aber hauptsächlich bleibt keine Zeit zum Ausruhen. Das ist gut, denn so kann man „Tales of the Wicked West“ – die subtile Spitze im Titel wird erst im Zusammenspiel mit den Themen offensichtlich – vorbehaltlos in sich aufnehmen und wirken lassen.

MAIDAVALE – DIRTY WAR (Live in Studio Underjord)

Das abschließende „Heaven and Earth“, das es angeblich nicht auf alle Versionen des Albums geschafft hat, lässt auf elf Minuten Länge erstmals und schließlich Raum zum Durchatmen. Etwaige Erinnerungen an das Yes-Album gleichen Namens sind kurzzeitig auszublenden. Gesungen wird hier nicht mehr, stattdessen versuchen MaidaVale sich an einer Art „Post-Bluesrock“: Eine einfache Gitarrenmelodie in acht Takten beginnt und zieht sich bis zum Ausklang des Stücks und damit des Albums durch, es setzt die spacige Gitarre ein und soliert in einer Weise, dass dem geneigten Hörer die Sinne ejakulieren. Ein musikalischer Wochenendausflug ans Wildwasser mit einer Pfeife in der Hand. Eine sehr angenehme Reise.

Auf Bandcamp gibt es das komplette Album zum Anhören und Kaufen, Vinylfreunde werden momentan allerdings nur auf Amazon.de fündig.

MontagsmusikPiratenparteiPolitik
Red Bazar – Paragon // Von Linken und Schiffern

Warm hier heute, finden Sie nicht?Es ist Montag, Tag 1 nach der friedlichen Explosion inmitten sonnigsten Wetters, das selbst den Mond blendete. Die Piratenpartei hat vieles komplizierter gemacht. Patrick wer? Na, Schiffer! Wie in Claudia Schiffer! Welch treffender Name für einen Piratenkapitän, welch bedeutsame Verwandtschaft. Kann ja nur gut werden mit so einer Cousine, sonst wäre das medial gar kein Thema, nicht wahr? Nichts könnte mich dazu bringen, einem einzigen, erst recht nicht so vielen seriösen Journalisten vorzuwerfen, er wäre mehr an solchem Firlefanz als an Politik interessiert. Das wäre doch auch wirklich unangebracht von mir. – Gab es denn auch Politik? Immerhin: Forschungsanstrengungen zur friedlichen Nutzung der Kernfusion sind sinnvoll. Zur Hölle mit den Hippies.

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag lässt wissen, dass die CDU/CSU keinesfalls eine linke Partei zu sein beabsichtigt. Das ist nun sicherlich sehr überraschend und auch ein wenig enttäuschend für ihr linksautonomes Wählerklientel. Mindestens genau so überrascht ist mal wieder die Onlineredaktion des heise-Verlags, die panisch vermeldete, dass Passwörter, die ihr auf den Computern fremder Leute (in der so genannten „Cloud“) ablegt, möglicherweise gar nicht so gut versteckt sind, dass da niemand reingucken kann. Aber ist ja so praktisch, das alles.

Man kann sich das Leben aber, statt einfacher, auch deutlich schwerer machen, zum Beispiel, indem man seine sexuellen Vorlieben zum Politikum macht: „Derzeit werden die LGBT-Rechte von einer Kopfgeburt aus der Rechtsabteilung von Anti-LGBT-Gruppen attackiert“, gut, andere Menschen finden ja auch Lokomotiven interessant. So lange die offensichtlich bedeutsamen gesellschaftlichen Probleme in den USA so aussehen, hat die Welt zumindest nicht zu befürchten, dass es noch schlimmer wird.

Machen wir sie doch so lange ein bisschen besser, zum Beispiel mit Musik.

Guten Morgen.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Wassermanns Fiebertraum – Jetzt oder nie // Mänbäng!

Die Bahn kommtEs tagt der Mond, es klagt der Kauz; Montag, Mist. Dabei hat sich das Wochenende schon länger angefühlt als nötig und man war selbst schuld daran. Andererseits: Hurra – ein gefühlt langes Wochenende! Die Kunst besteht darin, umzuschalten und Störungen als Angebot aufzufassen.

Weil man ja eigentlich doch schon gern mal wieder lachen würde, zum Beispiel über Nordkoreas „Netflix“-Konkurrenten, der lustigerweise Manbang heißt, was man doch bitteschön nicht unbedingt englisch aussprechen sollte (gesellschaftliche Unart auch: „Mänbäng“ lesen). Fast genau so lustig: Twitter hat jetzt einen Qualitätsfilter, was ungefähr gleichbedeutend mit einem Schönheitsfilter für Hannover wäre, er ließe nämlich nur noch vereinzelte Ruinen durch; einstellbar, jaja, aber wer würde das wollen?

Die Bundesregierung hat angekündigt, dass es demnächst ratsam sein könnte, Vorräte angelegt zu haben. Wie damals im Krieg, die Älteren erinnern sich wahrscheinlich noch. Habt Angst! Hört ihr? Angst! Nach der Burka sollen jetzt auch Rucksäcke auf öffentlichen Plätzen verboten werden. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis endlich auch mal jemand das terroristische Essen von Leberwurstbrot im Zug verbietet. Das wäre schön.

Noch schöner, allerdings: Musik.

Hier.

Wassermanns Fiebertraum – Jetzt oder Nie (Official Music Video)

Guten Morgen.

Montagsmusik
Oranssi Pazuzu – Tyhjä Temppeli // Mehr Roboter wagen.

Urlaubsvertretung (flauschig)Es ist Montag, es gibt wahrlich Schöneres und das ist noch nicht einmal allzu lange her, aber man macht eben auch beim Dummsein nur ungern halbe Sachen. Als wär’s gestern gewesen, einander im Arm habend die Zeit zu vergessen und des Mondes tadelndem Blick keine Beachtung zu schenken, weil, als es perfekt schien, man doch selbst missachtet zu haben weiß. Wenn schon blöde, dann wenigstens mit Anlauf.

Apropos Anlauf. Neues aus Olympia: Deutschland ist erwartungsgemäß ganz gut im Schießen. In Syrien kommt ihm das zugute: In Aleppo kämpft Al Qaida, unterstützt von den USA, Deutschland, Türkei, Saudi-Arabien und Katar; die zahlen eben gut, muss man ja verstehen.

Bei allen Problemen, die ein Computer so hat (wusstet ihr zum Beispiel, dass euer Flachbildschirm gekapert werden kann?), wünscht man sich manchmal doch weniger Menschlichkeit in all dem Tohuwabohu. Man wies mich vor einigen Tagen darauf hin, dass selbst Roboter menschlicher seien als manche Menschen, wie ein Experiment von vor einigen Jahren beweise: Nach einer Weile entwickeln sie, die Roboter, einen eigenen Altruismus und lernen dessen Vorzüge zu schätzen. Und die Menschen? Sie füttern Enten mit ihren Kindern. Was ja, andererseits, auch irgendwie wieder niedlich ist.

Was allerdings keinesfalls niedlich ist, sind Montage, aber dagegen kann man etwas machen, nämlich die Musik an.

Oranssi Pazuzu – Tyhjä Temppeli

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Katie Dey – Flood Network

katie dey - Flood NetworkIm Juni 2015 freute ich mich über das Debütalbum der australischen Künstlerin Katie Dey im Fazit folgendermaßen:

Ein Musik gewordenes WTF, das im noch vergleichsweise unverbrauchten 2015 bisher eine Ausnahmeerscheinung darstellt.

Nachdem es einige Tage lang für symbolische 1.000 US-Dollar zu haben war, erschien gestern (mitsamt erheblicher Preissenkung) endlich das Nachfolgealbum namens „Flood Network“, weiterhin mit merkwürdigem artwork und Bandcamp-Stream.

Mit 17 Titeln und insgesamt 32:12 Minuten Laufzeit ist „Flood Network“ erneut recht kurz ausgefallen. Den roten Faden stellen acht Instrumentalstücke namens „(F1)“ bis „(F8)“ dar, die sich mit den übrigen Stücken abwechseln. Keineswegs sollte allerdings davon ausgegangen werden, dass ein stilistischer Zusammenhang besteht. Frau Dey macht auch weiterhin unter Missachtung konservativer Vorstellungen von einem musikalischen Rahmen, wonach ihr der Sinn steht, was „Flood Network“ schon in der Theorie an Wert gewinnen lässt. Und die Praxis?

Katie Dey – Fleas (Official Music Video)

„Flood Network“ ist die irgendwie konsequente Weiterentwicklung von „asdfasdf“. Bereits das eröffnende „All“ stolpert in gerade mal anderthalb Minuten mit Sigur-Rós-Stampfrhythmus, psychedelischer Akustikgitarre und brüchigem Gesang aus dem Lautsprecher in die weit offenen Ohren und Arme des Rezensenten und geht ausnahmsweise dann doch über in das fast halbminütige Intermezzo „(F1)“, das mit einem Hilferuf allerdings nichts zu tun zu haben scheint, sondern ein wenig Elektronik für das folgende „Fleas“ vorbereitet, das überhaupt in den seltsamen Radioclubbeats von 2016 aufgewachsen zu sein scheint. Spulen wir mal ein bisschen vor und bemerken wir eine Steigerung, denn natürlich gibt es dann doch noch so was Ähnliches wie einen longtrack, das Duo aus „Debt“ und „(F8)“ nämlich, das eine gemeinsame Melodie vereint; und natürlich, schon wieder, Sigur Rós zu guter Letzt, in „It’s Simpler To Make Home on the Ground“ nämlich, wenn auch abermals nur instrumental.

So I sit around / making animal sounds out of cutlery.
Fear o‘ the Light

Gesang ist Nebensache. Die Frau macht Musik nur für sich und lässt uns an sich teilhaben. Musik für die Leute machen andere Leute schon genug. Stagnation? Na, meinetwegen, denn das bedeutet immerhin, dass die Qualität nicht nachlässt. „Flood Network“ ist so undurchdringlich wie sein Vorgänger, ich wage nicht einmal zu ahnen, ob es mich bei all seiner Schräge absichtlich melancholischer stimmt.

„Flood Network“ ist die musikalische Begleitung für das Gefühl nach einem vertanen Tag, einem verlorenen Wochenende, einem verregneten Urlaub am Meer, nach zu viel Alkohol und zu viel Chemie, der Ton zum Film im Kopf nach dem Schrei der Natur – ein in Gänze wundervolles Album also. Nehmt euch die Zeit, es ist sie wert.