Archiv für die Kategorie ‘Musik’.

Liedzitate und Erinnerungen an gute Lieder säumen meine Artikel. Jedenfalls diejenigen in dieser Kategorie.

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Karokh – Needle, Thread & Nail Polish

Karokh - Needle, Thread & Nail PolishWisst ihr noch, Karokh? Waren sie 2014 noch eine Überraschung für mich, so hatte ich sie im Folgejahr doch wieder völlig aus den Augen verloren. Um so erfreulicher ist ihre Rückkehr in zumindest mein Bewusstsein.

Nur 31:31 Minuten lang ist das mit einem kurzen Tweet angekündigte zweite Album der sieben Osloer, dafür gibt es außer MP3 auch Vinyl dazu. „Nadel, Faden und Nagelpolitur”, früher haben sich nur schlimme Folkbands solche Titel ausgedacht, aber früher gab es auch viel zu viele davon. Dies jedoch ist Karokh. Karokh ist gut. Hören wir doch mal rein.

„Poke” beginnt mit zurückgehaltenem Gitarrenrhythmus, es klingt nach Südsee und ein bisschen Grunge. Es setzen Trompete und Synthesizer ein – ah, doch keine Karibik-CD, sondern feiner Jazzrock mit Genreausflügen in interessante Richtungen. Ina Sagstuen ist noch immer eine beeindruckende Sängerin mit Talent zur Vokalakrobatik, überhaupt ist Gleichförmigkeit für das Septett noch immer nicht von Bedeutung. Wohl kalkulierte Misstöne erinnern daran, dass man dem RIO (mitunter: Thinking Plague) näher ist und bleiben will als dem Beliebigkeitspop. Dass weite Strecken des Liedes mit einem eingängigen Kopfnickrhythmus unterlegt sind, kontrastiert das schräge Hauptprogramm, dessen gefühlte Dissonanz es nahezu unmöglich macht, diesem Drang nachzugeben, vortrefflich. Ich mag das.

Apropos Kontraste: Lasst euch von „Smile”, etwa vier Minuten lang ein quasi minimalistisches, hypnotisches Stück, nicht in falscher Sicherheit wiegen; seine verstörende zweite Hälfte, eine recht wilde Schlacht der Instrumente, lässt keine Einwände mehr gelten. Dagegen klingt „Boogies” teils geradezu düster nach einem surrealen Traum, in dem Primus und Devo gemeinsam Peter Hammill covern (oder umgekehrt), wäre da nicht der widerspenstige Bass, der sich in die Wahrnehmung fräst und wie zum Trotz auch als letzter Ton abklingt. Leichte Kost ist ja dann doch eher was für „SPIEGEL ONLINE” als für unsereinen; das haben wir jetzt davon.

Das Titelstück als vorletztes: Ah, Sechziger-Jahre-Rock. Oder? Nein, eine Explosion:

Karokh – Needle, Thread and Nail Polish

Das viereinhalbminütige und in seiner Eingängig- und Kantenlosigkeit beinahe singletaugliche „Chude”, das das Album beschließt, rundet es zugleich würdig ab. Karokh haben sich auf ihrem Zweitling nicht einfach „weiterentwickelt”, wie man es ja gern umschreibt, sondern sind noch experimenteller, noch verspielter geworden. So kann es bleiben.

Die Plattenfirma für das Album heißt „No Forevers”. Hoffentlich ist das nicht ernst gemeint.

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Kein Fragment (Klammern). // Bryan Ferry – Bitter-Sweet

Käuzchen in mondloser Nacht(… und dann ist Montag und man hat wieder einmal versagt, weil man es oder wenigstens sich selbst nicht abwarten konnte und man vor Sichgutfühlen manchmal eben doch die Lage verkennt und zeigt, was man für mühsam unter Kontrolle bekommen hielt, weil man einfach nicht verstehen kann, was man hat und warum man es hat und dass nichts, aber auch gar nichts ein Zufall ist. Man bekommt, was man verdient.

Es ist Montag und man weiß genau, was daran falsch ist.

Bryan Ferry – Bitter-Sweet

Es ist immer zu früh, um einander verloren zu geben, und doch: man ahnt, wie sich ein Käuzchen fühlt; und schreit.)


Derweil kollabiert die Welt. Drei Bundesländer haben mit böser Miene Quatsch gewählt („Landtagswahlen sind eine Art kleine Bundestagswahl”, Hannelore Crolly, c/o „WELT ONLINE”) und Keith Emerson ist tot; Freitod, sagen sie und meinen wahrscheinlich nicht die drei Bundesländer. Weiter möchte man die Nachrichten auch gar nicht lesen und tut es dann doch. Die Märkte gehen durch die Decke, die Bosse tanzen Samba, alles flüchtet in Immobilien, der Makler reibt Hände ohne Ende, nur deine Lebensversicherung ist leider total im Arsch, Papi.

Die Kassen stimmen. Mittelstand, Geringverdiener? Das hat sich Erhard, seiner Partei zum Trotz, wahrscheinlich auch anders vorgestellt. Geht doch nach drüben. Uns geht es gut. Wir schaffen das, vor allem schaffen wir uns. Das gefällt nicht? Das macht nichts. Seht euch das Elend an und dann wählt etwas anderes. Die dehydrierten Greise, deren Verfall vom Gesundheitssystem in so enge Bahnen gelenkt wurde, dass es für ein Kreuzchen bei Scheißparteien alle zwei Jahre noch ausreicht, damit als Dankeschön mehr Geld zwecks Verprassens von ihrer Rente gestrichen werden kann, sind eure eigene Zukunft.

Diejenigen Wahlkreise in Sachsen-Anhalt, in denen die AfD nicht zur Wahl stand, gingen allesamt an die CDU; von der man aber auch genau das erwartet hätte. Die Politik von CDU und SPD wird keine bessere, wenn sie stattdessen von Grünen und AfD gemacht wird. Die Idiokratie frisst ihre Kinder.

Tief durchatmen. Sie werden kommen.

Guten Morgen.

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Marc Ribot Trio – Fat Man Blues

WachwachwachEs ist Montag, es ist Zeit, sich nochmals bevorzugt gemeinsam im Bett herumzudrehen (wenn nicht gar: zu wälzen), bevor die Pflicht ruft. Nachtschlafende Zeit harmoniert nicht mit Tageslicht.

Anderen ist die Fleischeslust eher fremd:

Über den freundlichen Wink an die Jungstudenten in Form von Kondomen herrschte ja noch ein leidlicher Konsens im Studentenrat. Doch dann kam der Plan zur Anschaffung von je 5 000 veganen Kondomen und 5 000 dem – so die Erläuterung – „sicheren Oralverkehr an Frauen“ gewidmeten Lecktüchern zur Abstimmung. Und wurde von der Mehrheit auch prompt gutgeheißen[.]

Denn wenn Erstsemester eins wirklich brauchen, dann sind es vegane Kondome und Lecktücher!

Aber wen interessieren schon solche Kinkerlitzchen, wenn es doch weit schlimmere Nachrichten zu vermelden gibt? Hessen hat gestern gewählt und die Rechtspopulisten haben gewonnen: Ungefähr vierzig Prozent der Wähler gaben CDU oder SPD ihre Stimme. Hessen hatte ich gar nicht als so rückständig in Erinnerung. Viel moderner versucht derweil „ZEIT ONLINE” zu sein, die einen Artikel über das Zeichen „@” anlässlich des Todes des Erfinders der E-Mail Ray Tomlinson „Very s@d news” betitelt, „Very satd news” also, was einerseits herrlich 90er, andererseits aber auch nicht weniger als dämlich ist.

Lasst uns ungeachtet all dessen beschwingt in die Woche starten.

Marc Ribot Trio Fat Man Blues

Guten Morgen.

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Kurzkritik: Terminal Function – Measuring the Abstract

Terminal Function - Measuring the AbstractWie geil ist das denn?

Aus Gründen, die für mich selbst gerade nicht offensichtlich sind, fand ich auf meinem digitalen Musikwühltisch kürzlich das Album „Measuring the Abstract” einer Band namens Terminal Function. Das klingt jetzt nach Elektrokäse, es ist aber – ja, was eigentlich?

Fest steht zumindest, dass es sich um fünf Herren aus Schweden handelt, deren aktuelles Album „Clockwork Sky” 2015 veröffentlicht wurde und das auf Amazon.de mitunter von Leuten gekauft wird, die auch die Band Animals as Leaders schätzen, was nicht nur musikalisch eine spannende Referenz ist. „Measuring the Abstract” ist allerdings das Debütalbum, 2008 veröffentlicht, und ich mag es.

Das Dargebotene erinnert an Bands wie TesseracT und Meshuggah, laut Eigenbeschreibung – dort gibt es das Album übrigens als Komplettstream – waren aber auch Dream Theater ein Vorbild. Die Plattenfirma etikettiert fleißig mit Pseudogenres wie „Extreme Brutal Death Metal”, und hört man nicht so genau hin, wenn Frontmann Victor Larsson heiser gegen das wahre Instrumentalgewitter anschreit, dann mag man das für treffend halten; ich selbst würde aber selbst dann Psychedelic-Mathcore-Postdjent bevorzugen, denn das hier ist mehr, weit mehr als nur Brüllen, Grunz und Röcheln.

In den acht Stücken, die zwischen 1 und 7 Minuten lang sind, gibt es mehr Takt- und Stimmungswechsel als in der Politik der F.D.P.; überhaupt: immer wieder Meshuggah (gleichfalls aus Schweden; alter Schwede!). Hier wird nicht nur gebrettert, hier bleibt auch Platz für ein wenig Chorgesang:

Terminal Function – Room 101

Ein Album zum Abhotten. (Sagt man das noch, „abhotten”?)

Yeah, sozusagen.

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Jane Getter Premonition – Surprised // Tortenpolitiker

Alles schläft, Eulchen wachtHurra, ein Schaltmontag! Nichts, was wir heute tun, wird Konsequenzen haben; um so wichtiger ist es, den Tag so zu beginnen, wie es kaum richtiger sein könnte, satt und zu zweit nämlich. Romantisch und doof wie Käuzchen und Mond.

Selbstverliebtheit überlassen wir also getrost denen, die sie verdienen. Donald Trump zum Beispiel gehe es – huch! – nur um Donald Trump, lässt Martin Klingst Leser von „ZEIT ONLINE” wissen, schreibt aber leider nicht dran, was trotz des Überangebots an medial verwertbarer heißer Luft, die offensichtlich raus muss, einen Nicht-US-Amerikaner außer bloßer Lust am Nonsens eigentlich an dieser Wahl interessieren sollte. Als hätte das Inland nicht genug Ärger!

Andererseits ist die Kindisierung der Politik auch hier ein Problem: Beatrix von Storch mit einer Torte beworfen, haha, „getortet”, roflol, sozusagen; das Netz sitzt deswegen seit gestern im Stuhlkreis und klatscht jauchzend, denn so etwas ist gut für den politischen Diskurs: Die Frau wähl’ ich nicht, die hat Torte im Gesicht. Hat die nicht auch irgendwas mit Ausländern gesagt? Haha, Torte! Die Piratenpartei als einstiges Sinnbild des politischen Hedonismus hat ihre Tortigkeit derweil vorübergehend ausgesetzt und das sei, so heißt es aus ihren Reihen, wahlweise schlecht oder gut für sie. Vielleicht lässt sich das mit einer Kuchenschlacht beilegen.

Was wir nun aber erst einmal beilegen, ist die Erinnerung daran, dass das Wochenende vorüber ist. Denken wir an etwas Schönes, denken wir an Musik.

Jane Getter Premonition featuring Corey Glover "Surprised" Live at the Iridium

Guten Morgen.

In den NachrichtenMusik
Zur Einweihung von Möbelhäusern braucht man kein Abitur

Diejenigen, die, wie ich, aus Medienkompetenzgründen Fernsehgroßereignisse samt und sonders zu meiden pflegen und deswegen selten rechtzeitig zur Stelle sind, um deren Abstimmungen überhaupt mitzubekommen, seien an dieser Stelle gewarnt: In – relativ zum gemachten Aufhebens – wenigen Wochen wird die „deutsche Björk” („STERN”), ein derzeit noch siebzehnjähriges Allerweltsmädchen mit einem furchtbaren Vornamen, von dem die „Hannoversche Allgemeine Zeitung” noch im Dezember 2015 annahm, es würde auf eine Teilnahme an dem Wettstreit verzichten, nach einem Achtungserfolg in der ebenso überflüssigen Fremdschamsendung „The Voice of Germany” in Stockholm mit, wie es sich für Germany eben so gehört, weiterem englischsprachigem Dudelpop versuchen, anlässlich des diesjährigen schrecklich bedeutsamen „Eurovision Song Contests” Deutschland wieder einmal zu einer Siegernation zu machen.

Inwiefern „ganz Deutschland” sich darüber nun freuen sollte oder nicht, möchte ich hier eigentlich nicht weiter diskutieren, weil ich mich wohl nur wiederholte; allein sah ich heute im lokalen Quatschblatt ein paraphrasiertes Gespräch mit dem Leiter der Schule der designierten Enttäuschenden, denn natürlich ist ein solcher Schulleiter geradezu als Koryphäe zu begreifen, wenn man etwas über eine Person herausfinden möchte, der also brav solches sprach:

[Sie] könne selber entscheiden, ob sie sich weiterhin beurlauben lassen wolle, sagte der Schulleiter. Alternativ könne sie, wann immer möglich, im Unterricht erscheinen und versuchen, das Abitur zu bestehen.

Natürlich gibt es Gegenbeispiele, der Frontmann von Scooter etwa – die Kirschen sind nicht wichtig – hatte einst sogar ein Studium begonnen. Aber was genau nehmen oft ganz gut ausgebildete Flüchtlinge diesem Land eigentlich weg?

ComputerIn den NachrichtenMir wird geschlechtMontagsmusikPolitik
Jethro Tull – Bourée

MontagskauzMontag. Nein, Moment: Montag! Welch famoser Kontrast ein verregneter Montag doch ist, wenn man das Wochenende stattdessen zu zweit verbrachte! Dieses Unterangebot an Sonntagen, übrigens, gilt es vom freien Markt baldmöglichst zu korrigieren.

Apropos Sonntag: Auf dem Bundesparteitag der Piratenpartei Deutschland, der gestern endete, hatte ein Organisator der AG SingleMalt einen Antrag eingereicht, der prompt angenommen wurde: Die Parteiprogramme sollen künftig geschlechtersensible Sprache berücksichtigen. Schade, dass der gute Ruf von Whiskey darunter leiden muss, denn nüchtern kommt hoffentlich niemand auf so eine beknackte Idee. Und die Netzpolitik? Nun ja: Über 5.000 Menschen in Deutschland sind stündlich so doof, dass sie alles anklicken, was wie eine Datei aussieht. „heise online” rät zu mehr Sicherheitsupdates, ich rate unverändert zu einem Pflichtführerschein für das Internet.

Keine Sorge, es gibt Schüsslersalze gegen Leichtgläubigkeit. Wenn es schon anderweitig an Sicherheitsmaßnahmen gegen Idiotie mangelt: Jeb Bush, weder klügerer noch talentierterer ehemals potenzieller Nachfolger des Nachfolgers von George W. Bush, twitterte vor nicht allzu langer Zeit ein Symbolbild für Amerika, namentlich eine Waffe mit seinem Namen darauf, denn wenn so ein Amerikaner etwas wählen kann, was tötet, dann macht er das auch, weshalb die dortige „Cosmopolitan” ihren Leserinnen nicht etwa dazu rät, von Waffenträgern fernzubleiben, sondern sich nur auf solche einzulassen, die einen Waffenschein besitzen. Die meucheln nicht, die wollen nur spielen.

Die deutsche „JOY” indes – die mit Emma Watson vorne drauf – stellt fest: „Fell-Klamotten machen Männer verrückt!” (Seite 52). Ob ich mich über eine Frau mit Plüschpantoffeln nicht eher köstlich amüsierte als dadurch verrückt zu werden, möchte ich nicht klar beurteilen können, beschränke mich somit auf die Feststellung, dass ich Informationen über die Männer total stier („kann je nach Kontext entweder supergut oder superblöde bedeuten”, Seite 49) finde.

Ebenfalls total stier: Jethro Tull.

Jethro Tull – Bourée, TV Broadcast 1999 HD

Guten Morgen.

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Kurzkritik: Kula Shaker – K 2.0

Kula Shaker - K 2.0Ein Jahr kann anscheinend gar nicht so jung sein, dass es nicht schon musikalisch zu begeistern wüsste. Nach dem etwas mauen Anfang des Jahres 2016 mit dem schnarchlangweiligen Sternenalbum des grotesken Popstars David Bowie kommt aktuell aus, immerhin, Großbritannien etwas Abwechslung ins Heim, namentlich das neue Album „K 2.0” des Quartetts Kula Shaker.

Man möge sich nicht täuschen lassen: Die angebliche Magie des Buchstaben „K”, die die Bandgeschichte seit der frühen Umbenennung in „The Kays” begleitet, mag in diesen Titel eingeflossen sein, eine bloße Fortsetzung oder gar Neueinspielung des nunmehr zwanzigjährigen Debütalbums „K” aber ist hier nicht erfolgt. Das wäre auch zu einfach. Alte Stärken aber bleiben bestehen.

Mit „Infinite Sun” eröffnen indische Klänge wie einst bei den Beatles das Album, ein Chor singt indianische Weisen und neuheidnisches Liedgut: We are one in the infinite sun / fly like an eagle // She changes everything she touches / and everything she touches changes. Esoterisch? Nein. Abgedreht? Natürlich!

Die Beatles, apropos, sind hier ohnehin allgegenwärtig, vielleicht auch, weil Crispian Mills mitunter gesanglich nicht allzu weit von John Lennon entfernt ist. Von Eintönigkeit auszugehen täte Kula Shaker trotzdem Unrecht: Auf „K 2.0” stehen Psychedelic Rock („Infinite Sun”), Funkrock („Get Right Get Ready”), Country („Death Of Democracy”, trotzdem ganz in Ordnung) und der beinahe unvermeidliche Britpop („Mountain Lifter”) harmonisch nebeneinander wie sonst nur weniges.

Kula Shaker – Infinite Sun

Jetzt bloß nicht nachlassen, 2016.

In den NachrichtenMontagsmusik
Maserati – Monoliths

Nicht im Bild: KäuzchenWelch ein Montag, welch ein Fest. Valentin hieß Karl und mehr möchte man nicht wissen müssen. Zu zweit ist Tristesse fast auszuhalten und Verliebtheit sowieso.

Das Fernsehen aber nur schwerlich. Laut den Nachrichten, die ja gelegentlich ihre eigene Metaebene bilden, diskutierten kürzlich diverse Berufsschwätzer bei einer Frau Anne Will – von meinen Gebühren!!1 – ebendort über die Frage, ob Großmächte moralisch handelten. Ganz schön viel Sendezeit für ein einfaches „Nö, lol”. Andererseits scheint anlässlich der dortigen Kämpfe zwischen Sympathisanten der Leute mit prima Bomben („dem Westen”) und Sympathisanten der Leute mit weniger prima Bomben („den Russen”) manchmal nicht völlig klar, wer nun eigentlich für das Gute demonstriert.

Früher hatte das, was mancher unter einer Demonstration verstehen mag, wenigstens noch einen klangvollen Namen, heute heißt eine solche, wie jüngst in Augsburg, zum Beispiel Amore statt Peng Peng. Glotz glotz, nix kapier. Sackhüpfen gegen Rechts. Sollte sich bis dahin noch ein halbwegs Erwachsener unter den Anwesenden befunden haben, so hat man danach vermutlich nie wieder etwas von ihm gehört.

Von wem man übrigens allerdings wirklich mal wieder mehr hören sollte, sind Maserati. Fangen wir doch gleich heute damit an.

Maserati – Monoliths (Live on KEXP)

Guten Morgen.

Montagsmusik
3epkano – Here’s Hoping

Und die Eule blickte stumm...Es ist Montag und so fühlt er sich auch an, was aber nicht so sehr ins Gewicht fällt, da man seinen Sonntag schon am Sonnabend hatte und überhaupt gerade alles durcheinander scheint, insbesondere der Kopf. Visionen retten nicht alles, oft nicht einmal ihren Besitzer. Letzte Ausfahrt: Anschmiegen mit Fingerspitzen(-)gefühl. (Und dann: Wohnmobil einparken und nicht mehr wegfahren.) Welch feine Narretei. Alaaf, helau!

Aus der Welt der Computerei gibt es derweil Folgendes zu vermelden: In einen Lenovo-Laptop einen Drittanbieter-Akku einzubauen ist nur so lange eine gute Idee, bis man ihn laden möchte; das geht nämlich nicht, ohne den Akkucontroller zu patchen. Offensichtlich werfen Lenovo-Akkus derart hohe Gewinne ab, dass eine Aufrechterhaltung der Verkaufszahlen auch zu Ungunsten der bereits zahlenden Kunden geboten ist. Vielleicht sollte man sich von Lenovo sowieso fernhalten. Wer nun aber stattdessen zu einem Apple-Gerät greifen möchte, der sollte auch lieber spendabel sein: Nicht autorisierte Reparaturen werden bestraft.

Anderes bestraft indes der Weltgeist: In Pisa starb der Schauspieler Raphael („Michael”, faz.net) Schumacher, indem er sich in einer inszenierten Erhängen-Szene tatsächlich selbst erhängte. Es hätte schlimmer kommen können: Das ursprüngliche Skript sah Tod durch Erschießen vor.

Draußen und in Livemedien tobt der Karneval, aber das Alternativangebot für diejenigen, die nicht mittoben möchten, könnte gar nicht groß genug sein. Ich trage mein Scherflein bei. Die Kopfhörer auf dem Kopf, den Partner zur Seite, die Augen geschlossen und die Klappe einfach auch mal.

Here's Hoping – 3epkano

Guten Morgen.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Purposeful Porpoise – Cycles

ChrrrrrrEs ist Montag, ab jetzt geht’s bergab. Das Sonntagsmiteinander erinnert stets daran, wie sehr es das Leben aufwertet und sich dadurch unverzichtbar macht. Stand up, stand up, stand up. Das Dasein als Aphorismus, man wollte es nicht anders. Attraktion macht Sprachgefühl kaputt und das ist eigentlich nur ein bisschen furchtbar.

Man könnte es ja auch schlimmer haben, man könnte stattdessen Staatsbesuch aus dem Iran bekommen. Erst mal die beschniedelten Statuen verstecken. Sonst glaubt der noch, Italiener hätten eine aufgeklärte Gesellschaft.

Darf man 2016 eigentlich noch von einer aufgeklärten Gesellschaft reden? Da fliegen immerhin Handgranaten auf Flüchtlingsheime, was ja nun nicht besonders zivilisiert wirkt; aber keine Sorge, die Schuldige ist vom Föjetong schon ermittelt worden: Frauke Petry (AfD) befürwortet bewaffneten Grenzschutz, was natürlich kontrovers diskutiert („AfD verbieten! Nazis auf’s Maul!” usw.) wird, denn die Deutschen sollen bitteschön nett zu Leuten sein, die hier reinwollen. Anderen geht das ja auch immer noch nicht schnell genug: Der offensichtlich nicht mehr völlig dichte Nato-Generalsekretär, ein Herr Stoltenberg, fordert mehr deutsche Berufsmörder beim Einsatz gegen das Böse. Irgendwo mehr Soldaten hinzuschicken war bekanntlich schon immer ein Garant für ein friedliches Miteinander.

Frieden ohne staatlich geförderte Gewalttäter können oder wollen sie nicht, aber „organisieren können die Deutschen” (Traudl Junge, 2001) allerdings, und dafür reicht es allemal: Hitler ist nun kein Ehrenbürger von Uetersen mehr. Das hat er nun davon.

Wir hingegen haben von diesem Montag auch Musik.

Purposeful Porpoise – Cycles

Guten Morgen.

In den NachrichtenMontagsmusikPiratenpartei
Explosions In The Sky – The Only Moment We Were Alone

KnutscheulenMontag, du Ekel! Er kommt auch jede Woche früher und kälter daher, diesmal allerdings unter wirklich guten Voraussetzungen. Öfter mal was ausprobieren, zu zweit kann nichts schiefgehen. Ein angemessener Dank kennt keine Worte.

Andere Leute reden zu viel: 93 von 150 Dresdnern sind rechtsohrig. Darf man 2016 noch Witze über Dresden und Richtungen machen? Dabei sind doch „Links” und „Rechts” mal wieder so aktuell wie selten zuvor: 36 politisch oft weniger nützliche Angehörige des eher am linken Rand fischenden Berliner Piratenumfelds, darunter natürlich Julia Schramm, betreiben jetzt Werbung für die „LINKE”. Postwendend hätte die Berliner Piratenpartei beinahe beschlossen, für die diesjährige Neuwahl des Abgeordnetenhauses nur mehr Parteimitglieder zuzulassen, was zu erstaunlichen Diskussionen führte. Natürlich lehne man die Piratenpartei ab, aber man wolle doch trotzdem für sie antreten dürfen, das habe man doch immer schon so gemacht. So ein Futtertrog lockt eben nicht immer nur die Elfen an. Anderswo greift man zumindest zu hemdsärmeligen Lösungen: Auf AfD-Wahlwerber wird mitunter scharf geschossen. Und Ihre Demokratie so?

Ebenfalls nicht zu den Elfen gehört die Telekom: Für 20 Euro im Monat kann man sich dort von der Störerhaftung freikaufen (natürlich mit Cisco-Routern, denn mit Cisco-Routern ist es selten ein Problem, vor Gericht den Übeltäter in Filesharingfällen nachzuweisen), womit die Abschaffung der Störerhaftung wohl bis auf Weiteres politisch erschwert sein dürfte. Der befreundeten Firma T-Systems nebst Mutterkonzern macht man doch als Staat nicht das Geschäft kaputt. Es gibt noch viel zu tun.

Aber vorher: Musik. Es ist Montag, da können Herz und Hirn einen kleinen Anschubser vertragen.

Explosions In The Sky – The Only Moment We Were Alone

Guten Morgen.

MontagsmusikMusik
Wooden Shjips – Flight

Heute (Symbolbild)So mag ich meine Montage, ohne Reue, nicht allein; naja, zumindest nicht allein. Tempora mutantur, irgendwas läuft nicht ganz so falsch. Das muss dieses Altwerden sein, von dem so oft die Rede ist. Ich glaube, ich finde das ganz in Ordnung so.

Im deutschsprachigen Teil Twitters derweil sind Tweets über das Privatleben von Menschen inzwischen ein Trend. Allmählich überrascht es mich kaum noch, dass klassische Medien immer wieder Tendenzen auf Twitter mit „der Stimmung des Volkes” verwechseln, obwohl das Volk eben auch vieles redet, dessen Kenntnis wohl kaum jemand für eine tatsächliche Bereicherung seines Lebens hielte. Wer sitzt in der Jury einer grauenvollen Sendung, die bereits gescheiterte Existenzen nach kurzem Aufblühen nachhaltig vernichtet? Wie alt ist die gegenwärtige Freundlin eines vor zwanzig Jahren vergleichs- wie überraschenderweise erfolgreichen Musikers? Wie teuer war die Frisur eines austauschbaren Berufsgesichts? Was hat das überhaupt alles zu bedeuten?

„Oh, was nicht wissen find’ ich toll!” (Patrick Star, c/o „SpongeBob Schwammkopf”).

ZEIT.de weiß indes: „Vinyl ist was für Hipster”. Es sei unmodern, friste ein Nischendasein und zahle sich kaum aus. Dabei geht es gar nicht immer um’s Geld, sondern um viel mehr.

Wooden Shjips – Flight (Live on KEXP)

Aber darauf müsst ihr schon selbst kommen.

Guten Morgen.

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KoMaRa – KoMaRa

KoMaRaWelch schöner Krach!

So gern ich mich auch mit musikalischem Wohlklang befasse, so gern schweife ich doch immer wieder ab. Manchmal, wenn Weltschmerz Schönes zu bitterem Witz werden lässt, ist Sanftheit vielleicht auch nicht das Rechte. Ein Hoch gibt es da auf Combos wie KoMaRa auszusprechen, die die Lust am Kontra ausleben.

KoMaRa sind die drei Herren David Kollar (slowakischer Experimentaljazzgitarrist), Paolo Raineri (italienischer Trompeter) und der Schlagzeuger Pat Mastelotto (King Crimson, Mr. Mister, Stick Men, HoBoLeMa, ToPaMaRa und manch weiterer Zeitvertreib), die sich 2014 zusammengetan haben, um gemeinsam einer bemerkenswerten Spielart modernen Jazzes ihren Tribut zu zollen. Ihr gemeinsames Debütalbum, das ebenfalls, glaubt man dem Internet, den Namen „KoMaRa” trägt, war im Jahr 2015 in mancher Bestenliste zu finden und hat sich meiner Aufmerksamkeit dennoch bisher erfolgreich entzogen. Zeit, das zu ändern.

Pat Mastelotto, David Kollar, Paolo Raineri – KOMARA live in Prague 2014

Zwar sind vereinzelt mal geflüsterte, mal wie aus der Ferne gerufene Sprachbeiträge von Paolo Raineri und mit den Gaststimmen von Leashya Fitzpatrick-Munyon und Bill Munyon zu hören, aber „KoMaRa” ist über weite Strecken hinweg ein Instrumentalalbum. Das ist prima, denn auf Gesang ist diese Musik auch keinesfalls eingestellt. Dumpfes Schlagzeug, düstere Elektronik und verstörende Trompeten ergeben eine Mischung, die den Kopf angenehm freibläst.

Bereits das erste Stück „Dirty Smelly” – ein Titel, der das seltsame Coverbild dieses Albums ganz gut abbildet – verheiratet eine Free-Jazz-Adaption der 80er-Trilogie der eigens reformierten King Crimson mit Experimentalrock von Boris’scher Qualität, das folgende „37 Forms” vereint nach beinahe harmlos jazzigem Beginn einen atmosphärischen Postrock mit RIO/Avant-Fetzen und Hardrockeinsprengseln. Eine bedrohliche Stimme murmelt etwas, das wie eine Verwünschung klingt, und wird sogleich wieder vertrieben von der irrlichternden Trompete. Übertroffen wird dieses herrliche Durcheinander schließlich vom dissonant-hektischen „Afterbirth” und dem seltsam zerrissenen „God Has Left This Place”, das nach weiterem Murmeln übergeht in eine bizarre Klangwelt, deren mechanisch-blecherner Rhythmus immer wieder von verzweifelten Misstönen von Elektronik, Trompete und den beiden Ergänzungsstimmen zerschnitten wird. „I have to get out!”

Mit „Inciting Incidents” – spoken words über Rauschen – findet dieses Album einen angemessenen Abschluss. Die Orientierungslosigkeit, die sich nach seinem Ausklingen einstellt, fühlt sich eigentlich gar nicht schlecht an.

Wahrlich: ein schöner Krach.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
System of a Down – B.Y.O.B. // Zu den Waffen!

KriegseuleEin Montagmorgen fernab vom längst gewohnten Beisammensein zählt zu den größeren Ärgernissen des Kalenders. Andererseits: Endlich mal Motivation, etwas zu bewegen (im Zweifel: sich). Sehnsucht, du Liebesteufel. Mit einem Teelöffel Zucker ist Schwermut manchmal erträglicher, aber die Rezession, Sie verstehen?

Wahrscheinlich nicht, denn die Nachrichten sind schon weitergezogen. Pleite sind immer noch alle, aber es stört keinen mehr. (Was macht eigentlich der Bundestrojaner?) Es ist ja auch nach Köln – im „Postcolognialismus”, witzelt man auf Twitter in ermüdender Häufigkeit – nicht alles furchtbar, wenn man nicht gerade in Berlin wohnt, denn endlich funktionieren auch deutsche Behörden wieder. Doch, wirklich!

BND und NSA setzen jetzt ihre gemeinsame Arbeit fort.

Die NSA zeigte sich immerhin entgegenkommend: Sie begründet nun, warum sie bestimmte Begriffe mitlesen möchte. Ach so, hat man da beim BND gesagt, na, wenn die NSA begründen kann, warum sie zum Beispiel jede Nachricht mitlesen möchte, in der „Emil” steht, dann wird das schon seine Richtigkeit haben. Die wissen schon, was richtig ist. Die Telekom würde doch nicht einfach ihren Ruf verspielen.

BND und NSA setzen jetzt ihre gemeinsame Arbeit fort. Wer hat da „Russland” gerufen? Ja, gegen den Klassenfeind müssen wir doch zusammenhalten, der überfällt einfach andere Länder und hat ein komisches Verständnis von Menschenrechten, ganz anders als der Westen. Die USA schauen derweil mal an der Grenze zu Nordkorea vorbei. Ein paar Friedensbomber zu Diplomatiezwecken, weiter nichts. Es ist, das sei gesagt, allmählich etwas schwierig, noch ein friedfertiger Mensch zu sein, dem Waffengewalt zuwider ist.

BND und NSA setzen jetzt ihre gemeinsame Arbeit fort. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Je désespérais. Habt ihr auch alle schon „Ich bin gegen Überwachung!” in euren Twitteravatar geschrieben? Die Mumble-Demonstration findet wie immer um sechzehn Uhr statt. Es gibt Schnittchen.

Keine Fragen. Alles wird gut. Ein bisschen Lärm weht den Unmut sicherlich hinweg.

System Of A Down – B.Y.O.B (MTV EMA Music Awards 2005)

Schade. Hat nicht geholfen.

Guten Morgen.