Archiv für die Kategorie ‘Musik’.

Liedzitate und Erinnerungen an gute Lieder säumen meine Artikel. Jedenfalls diejenigen in dieser Kategorie.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Hookworms – The Hum

Hookworms - The HumTief in meiner Musikkiste habe ich Hakenwürmer gefunden.

Hookworms sind eine britische Band, die 2010 gegründet wurde und gelegentlich mit den hier schon angepriesenen Wooden Shjips zu den „Neo-Psychedelic”-Bands gezählt wird. Die fünf Herren nennen sich JN, SS, MJ, MB und JW und auch sonst gilt es bei dieser Band, sich auf die Musik zu konzentrieren. 2014 erschien ihr viertes und bis heute aktuelles Studioalbum „The Hum”. In Großbritannien erreichte es Platz 22 der Albenhitparade, was über Großbritannien sicherlich manches aussagt.

„The Hum”. Das Summen. Hmm, hmm, schepper! Hier wird gerockt (Stoner, Indie) und gepunkt (Post), aber nicht gerollt. Obwohl es mit elektronischem Wabern und Schlagzeug beginnt, als hätte man es hier mit einer dieser schrecklichen Teenagerkapellen zu tun, aber das trügt, denn schnell setzt der ziemlich einmalige Gesang von „MB” ein, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und kräftig hallend, angeblich, um die eigene Unsicherheit zu überspielen, aber tatsächlich wohl auch der Effekte wegen, was ich ausdrücklich gutzuheißen beabsichtige. Psychedelia in Hochform.

Hookworms – The Impasse (Official Audio)

Ich neige ja dazu, überall Musikgruppen sozusagen wiederzuerkennen, die ich sehr schätze, und auf „The Hum” habe ich ständig die Frage im Kopf, ob die grandiosen Velvet Underground wohl heute so ähnlich klängen, wenn sie heute noch klängen und dabei von einer dieser neuen Retro-Psychedelic-Bands (ich würde Vibravoid empfehlen) gecovert, begleitet oder sonstwas würden. Das folgende orgelklanglastige „On Leaving” setzt das insofern fort, als mir sofort Vergleiche mit den Raveonettes und ähnlichen Bands einfallen.

Bemerkenswert sind im Übrigen die drei instrumentalen Übergangsstücke „iv”, „v” und „vi”, die das Äquivalent zu „i”, „ii” und „iii” vom ebenso überzeugenden Vorgängeralbum „Pearl Mystic” (2013) bilden und im Wesentlichen aus Drones bestehen, sozusagen als Ruhe zwischen dem Sturm. Das hohe Niveau halten Hookworms bis zum letzten, nochmals druckvollen Stück „Retreat” durch, Langeweile kommt hier nicht auf.

Hookworms – Retreat

Ihr seht mich erfreut.

The Hum. Kann man mal hören.

In den NachrichtenMusik
Vinyl <3 (3): Datenverlust ist das neue "Das muss so sein".

Was ernten Leute wie ich, die lieber ihren Wohnplatz mit tonträgerbefüllten Regalen vollstellen als das viel bessere, weil vermeintlich portablere und damit flexiblere, Musikstreaming zum Nonplusultra zu erklären und alles wegzuwerfen, was anfassbare Musik ist, nicht immer wieder für ungläubiges Kopfschütteln: Streaming nehme einem doch nichts weg!

Klar, wenn man eben 15 Jahre alt ist und sich mit den nur wenig besseren Furzgeräuschen im Radio zufrieden zeigt, dann mag das stimmen, und es gibt auf so Plattformen ja durchaus auch ein paar erträgliche Musikgruppen. Einige wenige aber, darunter King Crimson, weigern sich standhaft, den mühsam erarbeiteten kreativen output durch Qualitätsreduktion quasi zerstören zu lassen, wiederum andere sind noch gar nicht von einer großen Plattenfirma, die entsprechende Verträge schließen würde, aufgenommen worden. Natürlich könnte man das ja parallel betreiben, es gibt ja inzwischen viele Neuveröffentlichungen auch als so genannten „MP3-Download”, man könnte also seine auch haptisch wertvolle Plattensammlung durch gefühllosen MP3- und Streaming-Quatsch ersetzen und hätte ein viel einfacheres Leben, so erzählte man mir erst vor einigen Tagen wieder.

Derjenige, der solcherlei sprach, ist treuer Applekunde, weil Apple einfach alles richtig mache.

Außer natürlich, man versucht Apple Music zu nutzen, das absichtlich – das muss so – nach erfolgter Anmeldung jede Musikdatei auf der Festplatte mit dem eigenen Datenbestand abgleicht, assimiliert und von der Festplatte löscht. Man kann sich die Musik ja danach einfach wieder anhören, nur eben über Apple Music (also im Zweifel kaputtkomprimiert), und vielleicht findet es sogar die gleiche Aufnahme; Pech, wer bisher seltene Bootlegaufnahmen populärer Lieder besaß.

For about ten years, I’ve been warning people, “hang onto your media. One day, you won’t buy a movie. You’ll buy the right to watch a movie, and that movie will be served to you. If the companies serving the movie don’t want you to see it, or they want to change something, they will have the power to do so. They can alter history, and they can make you keep paying for things that you formerly could have bought. Information will be a utility rather than a possession. Even information that you yourself have created will require unending, recurring payments just to access.”

Manchmal ist es beunruhigend, Recht zu haben.


Nachtrag vom 15. Mai 2016: Apple weiß nicht, wieso iTunes Dateien löscht. Da lohnt sich doch der Umstieg gleich doppelt.

In den NachrichtenMontagsmusikPersönliches
Sunn O))) (live) // #emonichtblog

Sei wachsam. Sie wird kommen.Befund: Montag. Ursache: Unklar. Therapie: Vielleicht hilft es, einfach ein bisschen zu schreien. Ein Tag, so hässlich wie Hannover. – Montag ist ja auch: sich fühlen wie Dilbert, nur mit noch weniger Menschen. Mit Menschen hält man es ja doch nicht lange aus. (Was sie wohl gerade tut?) Gibt es eigentlich ein passenderes Wort als Nostalgie für die Sehnsucht nach früher? Damals, bei Camel und Meer.

Die Männer leiden am meisten darunter. Männer sind gefühlsduseliger. Weiß ein beliebiger Geier, wieso das immer montags passiert; außer natürlich, weil ein Sonntag schon aus dem Gewohnheitsrecht heraus und insbesondere wegen blöder Herzscheiße nicht so enden sollte und man es doch allmähliich doch satt hat, wie ein Teenager auf seine Lämpchen zu starren. These vintage years.

Palim-palim, die Nachrichten. Wir sind wieder wer.

Die Bundesregierung jedenfalls hat dem amerikanischen Ansinnen nachgegeben und sich bereit erklärt, aufgrund des subjektiven Bedrohungsgefühls erstmal 1000 Soldaten mit an die litauisch-russische Grenze zu schicken.

Die Vorwärtsverteidigung wird siegen, keine Gnade dem Aggressor. Wir wollen ja nur helfen; wie damals, als der Iwan der DDR nur helfen wollte, jedenfalls dabei, wiederum der Sowjetunion zu helfen. Für ein Kriegsheer vor der eigenen Grenze hätte also ganz offensichtlich niemand mehr Verständnis als Putin. Von deutschem Boden geht kein Krieg aus, wenn der Boden in Litauen liegt.

Montag, du unflätiges Wort. Es hilft, vielleicht, Musik. Musik, so schwarz wie etwas anderes, das auch schwarz ist. Eloquenz hab’ ich voll drauf.

SUNN O))) live at Southwest Terror Fest III, Oct. 18th, 2014 (FULL SET)

Schon besser.

Guten Morgen.

In den NachrichtenMontagsmusikPersönliches
Rod Stewart – Baby Jane

Irgendwas ist komisch heuteEin Montag, an dem kaum noch etwas ist, wie es war. Wenn sonntags das kleine pelzige Wesen kommt, scheint montags die Sonne; so oder so ähnlich heißt es bei Paul Maar, aber draußen ist es heute eigentlich nur leer und verbraucht, als lauerten die Zeitfresser nur noch darauf, dass man aufgibt. Kein Seufzen, ein Stöhnen allemal, vom Montag mit dem Zielfernrohr mitten ins Gemächt getroffen. Paulchen Panda hat die Uhr versteckt.

Ah, ein klarer Gedanke. Ab in die Nachrichten! – Dass der unglaublich dämliche Digitalcourage e.V. sich allenfalls zur Fremdscham eignet, ist keine Neuigkeit; überraschenderweise aber hat derweil die Potemkinisierung Hannovers nicht zu unbegrenzter Liebe zu ausländischen Staatsoberhäuptern geführt: Das Obama-Fieber ist vorbei, als wäre so ein Fieber etwas, was man unbedingt behalten möchte.

Und sonst so? Das Arschloch 2016 war wieder auf Kneipentour und hat einen dieser lästigen Popmusiker geholt, aber allmählich hat man dann doch auch genug von diesem gierigen Jahr. Apropos genug: Wissenschaftler haben versehentlich offenbar unbegrenzt oft aufladbare Batterien erfunden. (Vieles wirkt so endgültig in dieser Zeit, aber wie oft kann es das schon sein? Wie lang ist eine Ewigkeit? Wie oft ist das letzte Mal auch das nächste, bevor es nur noch das letzte war?)

Und warum müssen meine Leser das eigentlich immer ausbaden?

Rod Stewart – Baby Jane

Guten Morgen.

In den NachrichtenMontagsmusik
June of 44 – Cut Your Face

Och!Es ist Montag. Es könnte schlimmer sein, man könnte in Magdeburg wohnen; aber sein Leben hat man trotzdem nicht im Griff. Der laufende Friedensprozess wird zurzeit durch heftige Kampfhandlungen gestört und genau so fühlt es sich auch an, wie heftige Kampfhandlungen mit sich selbst, wohl wissend, dass man das handicap hat, bei einem Kampf mit sich selbst grundsätzlich als Verlierer hervorzugehen.

Allein: auch Männer haben Gefühle (es sind, glaubt man Farin Urlaub, ungefähr drei). Manche führen sogar eine langjährige Beziehung mit einer Karotte:

Dass es dann zu einer besonderen Beziehung zwischen dieser Plüschmöhre und mir kam, lag vor allem an meiner damaligen Freundin. (…) Ich mochte es, Dörte anzuschauen. Und da es gerade die Zeit der ersten Digitalkameras war und ich viel überschüssige Energie in experimentelle Fotografie investierte, hatte ich den Wunsch, meine Freundin an unterschiedlichen Orten zu fotografieren. (…) Auf Unverständnis folgte Streit, dann Wut, dann Trotz, dann meine Möhre. Statt Dörte fotografierte ich fortan nur noch mein Lieblingsgemüse.

Apropos Dinge, die eine Tugend sind: Die diesmonatige „JOY” empfiehlt 26 „Moves & Posen” (sic!), die eine Frau anwenden soll, wenn sie beim Bumsen sexy aussehen will. Es wird Frühling. Merkt ihr’s? Italienische Polizisten verteidigen sich als Pizzaboten, Mamma mia, der Witz über Ressentiments schreibt sich ja fast von allein.

Aber es ist Montag. Das ist nicht witzig. Das ist eher so.

June Of 44 – Cut Your Face

Guten Morgen.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
The Raveonettes – Aly, Walk With Me

Was, Montag?!„Natur hat die Neigung zum Plural, nur Steinen ist der Plural egal.”
— Foyer des Arts: Zwei Refrains


Es ist – hurra! – Montag. Während Mitglieder der offenbar von allen guten Geistern verlassenen Berliner „Linken”, deren maßgebliche Karrierequalifikation es bisher war, mehr oder weniger fehlerfrei fremde Texte vorzulesen, vergebens versuchen, ihr hauptsächliches Feindbild per Akklamation zu verwirklichen, hat man nicht einmal mehr die Muße, um sich anständig darüber zu echauffieren, weil man ja schon immer wusste, was andere nun schmerzvoll erfahren müssen, und derweil ganz andere Sorgen sich manifestieren, namentlich die Entbehrung (meinten Sie: Entbärung?), die selbst ein Wochenende hinter Schleier legt. Das muss nicht so, das ist kaputt.

Klingeling, dingdong, die Nachrichten. Ein Flüchtlingsheim brennt, ein Syrer war’s. Man hat es auch nicht leicht als Neonazi heutzutage, diese Flüchtlinge nehmen einem sogar die Hobbys weg. Zu dem unlustigen Kasper Jan Böhmermann, den irgendwie gut zu finden selbst mir zu doof wäre, bleibt, übrigens, an dieser Stelle zur Abwechslung mal Serdar Somuncu zu zitieren: „Wir reden nicht über Geschmack.” – Das wäre im deutschen Fernsehen auch ein sehr kurzes Gespräch.

Und sonst so? In China gibt es flauschbefellte Pandabären, in Japan gibt es Igelkuscheln für acht Euro. Asiat müsste man sein, aber Betrübt ist ja auch ganz schön. Vielleicht sollte sich statt der ominösen free hugs einmal das Konzept der paid hugs durchsetzen; oder überhaupt: hugs.

Aly, walk with me in my dreams all through the night.

The Raveonettes – Aly, Walk With Me (Live on KEXP)

Guten Morgen.

MontagsmusikNetzfundstücke
Ben Levin Group – Freak Machine

Erst mal aufräumenMontag. Ich meine: MONTAG! Das Wochenende, so sangen die Wise Guys einst, war mal wieder süß und zart, montags gibt es dafür einen Tritt mit Anlauf; und den hat man dann auch noch verdient. Wenigstens hält sich das brüllende gelbe Biest am Himmel wenigstens heute vornehm zurück.

Und trotzdem fehlst du mir.
Die Ärzte: Sommer, Palmen, Sonnenschein

Es gibt aber auch nicht mehr viel zu lachen auf der Welt. Schon wieder nahmen ausgerechnet diejenigen Leute am diesjährigen 1. April teil, die bisher nicht mit ihrer herausragenden Witzigkeit auffielen. Es ist also bemerkenswert, dass der wohl amüsanteste Aprilscherz dieses Jahres von Comiczeichnern stammt, die sich einen gemeinsamen Witz ausgedacht haben, dessen Pointe es ist, dass er nicht mal besonders lustig ist. Das trifft meinen Humor vorzüglich.

Vielleicht sollten wir einfach alle durchdrehen.

Freak Machine Music Video – Ben Levin Group

Guten Morgen.

Montagsmusik
Monomyth – Huygens

Augen zu und durchStellt euch vor, es ist Montag und keiner geht hin.

Man wacht auf und weiß nicht, warum, weil man ja nicht raus muss, aber etwas drückt, nein, bedrückt so sehr, dass man auch ohne einen Blick auf den Kalender weiß, welcher Wochentag heute ist, was man ja seit den ersten Studiensemestern verlernt hatte. Die Gleichform kommt später, jaja. Was hat man sich eigentlich gedacht? Hat man sich überhaupt etwas gedacht?

Montagsfühligkeit. Zum Schreien.

Nicht hinzugehen fühlt sich auch ein bisschen wie Sachsen-Anhalt an, das aus der Sache (der Landtagswahl nämlich) eine wichtige Lektion mitgenommen hat:

„Dieses Zur-Tagesordnung-Übergehen ist wohl Teil des Schocks”, sagt David Begrich von der Arbeitsstelle Rechtsextremismus des Sachsen-Anhalter Demokratie-Vereins Miteinander.

Sich vor lauter (niemals auch: leiser) Schockiertheit erst einmal normal zu verhalten ist eine Eigenschaft, die so manchem Hysterischen zwar abgeht, aber nicht fehlt, nimmt man doch das mit der Empörung in manchen Kreisen zwar wahr, aber nur in den falschen Momenten auch sich zu Herzen, weil Plärren das Gegenteil von vernünftigem (also: wünschenswertem) Handeln ist, beziehungsweise: runter kommen sie immer.

Monomyth – Huygens

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Arenna – Given to Emptiness

Arenna - Given to EmptinessNoch so ein Album, das man nicht unerwähnt lassen sollte. Arenna – mit Doppel-N, nicht die schlimme Neoprogkapelle des ehemaligen Marillion-Schlagzeugers – ist ein spanisches Quintett, das 2015 nach vier Jahren sein zweites Album „Given to Emptiness” veröffentlicht hat.

Was mich an spanischer wie an italienischer Rockmusik meist besonders stört, ist der Gesang in der Landessprache – nicht, weil mir die Kenntnisse fehlten, dem Text inhaltlich zu folgen, sondern, weil es einfach nicht gut klingt; wohl wissend, dass das subjektiv ist. Arenna umgehen dies, indem sie einfach auf Englisch singen. Nun könnte man eigentlich mal wieder Götz Alsmann huldigend zitieren, der einmal sagte, man könne in einer fremden Sprache keine Texte schreiben, die von Herzen kommen, und damit wahrscheinlich sogar Recht hatte, und sich nicht entscheiden können, ob man nicht vielleicht doch lieber schlechter klingenden Gesang gehabt hätte oder gleich gar keinen, obwohl man die Texte dann wiederum wahrscheinlich insgesamt vermissen würde. Man könnte aber auch einfach zur Abwechslung mal das Gute hervorheben: Das sonst stiltypische anstrengende Überfrachten des Gesangs mit Echoeffekten besticht hier durch Abwesenheit.

Ach, der Stil. Das hatten wir ja noch gar nicht.

Ist aber auch gar nicht so schwierig, denn eigentlich ist „Given to Emptiness” vorrangig eine Stoner-Rock-Platte, wie Stoner Rock eben so klingt, nämlich vor allem laut: Gitarrenbreitwände, die sich zu einem musikalischen Rausch verdichten, den man in jeder Faser spürt. Fünf Sterne auf Amazon, sonst ja nicht gerade ein gutes Bewertungsportal für Qualitätsmusik. – Nein, Arenna machen das wirklich großartig.

Die Frage, ob sie’s könnten, einmal beiseite gelassen (denn das können sie): Das übliche „mehr vom Gleichen” ist hier nicht zu erwarten. Hören wir nach dem die Messlatte in Schwindel erregende Höhen hängenden Anfang „Butes”, noch ein wenig benommen vom Staunen, doch mal in das fast neunminütige „Chroma” hinein. Ist das Pink Floyd? Es gibt keinen Gesang, dafür den David-Gilmour-sound in den Gitarren, der sich allmählich zu einer Psychedelic/Stoner-Nummer verdichtet, die dabei nicht einmal gewollt klingt, sondern wie aus Versehen ins Schöne geraten.

Oder „Move Through Figurehead Lights”, ein bemerkenswertes Stück Folkrock und/oder Artverwandtes. So könnten Kansas klingen, wenn sie ihren weinerlichen Sänger ins Bett brächten und sich jemanden suchten, der singen und nicht jammern will.

Der Leere gegeben. Die Augen zu und immer ein wenig neben dem Rhythmus nicken, weil man taktlos ist.

Gute Reise.

MontagsmusikNetzfundstücke
Leonard Cohen – Store Room

Flügel schonend fliegen.Montag, du Wochentag gewordener ausgestreckter Mittelfinger. Wenn die Aufteilung der Woche Menschenwerk ist, ist die bloße Beschaffenheit des Montags ein weiterer Grund zur Misanthropie.

Zumal doch schon Leute, die einem nicht montags begegnen, an der Sinnhaftigkeit menschlichen Daseins zweifeln lassen: Heterotopie auf der Toilette, die Selbsterniedrigung durch Imitation ist in der Bildchengesellschaft mit beängstigend wenig Schamgefühl verbunden. Ich bin ja nicht konservativ, aber ein wenig weniger Gaga wäre der zugeknöpften Zeit wirklich angemessen. Apropos Erniedrigung; ein Blick nach links. Sprachverhunzer, Twittertrolle, Kapuzenheinis, Gendersprallos. Ist das ‘links’? Kann man das „vereinen”? Will das irgendwer? Ist das Kunst oder kann das weg?

Grandiose Idee des Monats: WLAN in Herzschrittmachern, weil ein Gerät ohne WLAN kein gutes Gerät sein kann. Was kann schon schiefgehen? – Aber es heißt ja, ein Mensch sollte niemals die Mode ignorieren, auch nicht in der Küche. Für „SPIEGEL ONLINE” ermittelte man, dass die Mode gerade autotherapeutisches Erkenntnisbacken umfasst. Ich backe verbrannten Kuchen, schon der Farbe wegen.

Erwähnte ich, dass Montag ist?

Leonard Cohen – Store Room (1967)

There’s nothing left to choose and there is so much more to lose.

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Karokh – Needle, Thread & Nail Polish

Karokh - Needle, Thread & Nail PolishWisst ihr noch, Karokh? Waren sie 2014 noch eine Überraschung für mich, so hatte ich sie im Folgejahr doch wieder völlig aus den Augen verloren. Um so erfreulicher ist ihre Rückkehr in zumindest mein Bewusstsein.

Nur 31:31 Minuten lang ist das mit einem kurzen Tweet angekündigte zweite Album der sieben Osloer, dafür gibt es außer MP3 auch Vinyl dazu. „Nadel, Faden und Nagelpolitur”, früher haben sich nur schlimme Folkbands solche Titel ausgedacht, aber früher gab es auch viel zu viele davon. Dies jedoch ist Karokh. Karokh ist gut. Hören wir doch mal rein.

„Poke” beginnt mit zurückgehaltenem Gitarrenrhythmus, es klingt nach Südsee und ein bisschen Grunge. Es setzen Trompete und Synthesizer ein – ah, doch keine Karibik-CD, sondern feiner Jazzrock mit Genreausflügen in interessante Richtungen. Ina Sagstuen ist noch immer eine beeindruckende Sängerin mit Talent zur Vokalakrobatik, überhaupt ist Gleichförmigkeit für das Septett noch immer nicht von Bedeutung. Wohl kalkulierte Misstöne erinnern daran, dass man dem RIO (mitunter: Thinking Plague) näher ist und bleiben will als dem Beliebigkeitspop. Dass weite Strecken des Liedes mit einem eingängigen Kopfnickrhythmus unterlegt sind, kontrastiert das schräge Hauptprogramm, dessen gefühlte Dissonanz es nahezu unmöglich macht, diesem Drang nachzugeben, vortrefflich. Ich mag das.

Apropos Kontraste: Lasst euch von „Smile”, etwa vier Minuten lang ein quasi minimalistisches, hypnotisches Stück, nicht in falscher Sicherheit wiegen; seine verstörende zweite Hälfte, eine recht wilde Schlacht der Instrumente, lässt keine Einwände mehr gelten. Dagegen klingt „Boogies” teils geradezu düster nach einem surrealen Traum, in dem Primus und Devo gemeinsam Peter Hammill covern (oder umgekehrt), wäre da nicht der widerspenstige Bass, der sich in die Wahrnehmung fräst und wie zum Trotz auch als letzter Ton abklingt. Leichte Kost ist ja dann doch eher was für „SPIEGEL ONLINE” als für unsereinen; das haben wir jetzt davon.

Das Titelstück als vorletztes: Ah, Sechziger-Jahre-Rock. Oder? Nein, eine Explosion:

Karokh – Needle, Thread and Nail Polish

Das viereinhalbminütige und in seiner Eingängig- und Kantenlosigkeit beinahe singletaugliche „Chude”, das das Album beschließt, rundet es zugleich würdig ab. Karokh haben sich auf ihrem Zweitling nicht einfach „weiterentwickelt”, wie man es ja gern umschreibt, sondern sind noch experimenteller, noch verspielter geworden. So kann es bleiben.

Die Plattenfirma für das Album heißt „No Forevers”. Hoffentlich ist das nicht ernst gemeint.

In den NachrichtenMontagsmusikPersönlichesPolitik
Kein Fragment (Klammern). // Bryan Ferry – Bitter-Sweet

Käuzchen in mondloser Nacht(… und dann ist Montag und man hat wieder einmal versagt, weil man es oder wenigstens sich selbst nicht abwarten konnte und man vor Sichgutfühlen manchmal eben doch die Lage verkennt und zeigt, was man für mühsam unter Kontrolle bekommen hielt, weil man einfach nicht verstehen kann, was man hat und warum man es hat und dass nichts, aber auch gar nichts ein Zufall ist. Man bekommt, was man verdient.

Es ist Montag und man weiß genau, was daran falsch ist.

Bryan Ferry – Bitter-Sweet

Es ist immer zu früh, um einander verloren zu geben, und doch: man ahnt, wie sich ein Käuzchen fühlt; und schreit.)


Derweil kollabiert die Welt. Drei Bundesländer haben mit böser Miene Quatsch gewählt („Landtagswahlen sind eine Art kleine Bundestagswahl”, Hannelore Crolly, c/o „WELT ONLINE”) und Keith Emerson ist tot; Freitod, sagen sie und meinen wahrscheinlich nicht die drei Bundesländer. Weiter möchte man die Nachrichten auch gar nicht lesen und tut es dann doch. Die Märkte gehen durch die Decke, die Bosse tanzen Samba, alles flüchtet in Immobilien, der Makler reibt Hände ohne Ende, nur deine Lebensversicherung ist leider total im Arsch, Papi.

Die Kassen stimmen. Mittelstand, Geringverdiener? Das hat sich Erhard, seiner Partei zum Trotz, wahrscheinlich auch anders vorgestellt. Geht doch nach drüben. Uns geht es gut. Wir schaffen das, vor allem schaffen wir uns. Das gefällt nicht? Das macht nichts. Seht euch das Elend an und dann wählt etwas anderes. Die dehydrierten Greise, deren Verfall vom Gesundheitssystem in so enge Bahnen gelenkt wurde, dass es für ein Kreuzchen bei Scheißparteien alle zwei Jahre noch ausreicht, damit als Dankeschön mehr Geld zwecks Verprassens von ihrer Rente gestrichen werden kann, sind eure eigene Zukunft.

Diejenigen Wahlkreise in Sachsen-Anhalt, in denen die AfD nicht zur Wahl stand, gingen allesamt an die CDU; von der man aber auch genau das erwartet hätte. Die Politik von CDU und SPD wird keine bessere, wenn sie stattdessen von Grünen und AfD gemacht wird. Die Idiokratie frisst ihre Kinder.

Tief durchatmen. Sie werden kommen.

Guten Morgen.

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Marc Ribot Trio – Fat Man Blues

WachwachwachEs ist Montag, es ist Zeit, sich nochmals bevorzugt gemeinsam im Bett herumzudrehen (wenn nicht gar: zu wälzen), bevor die Pflicht ruft. Nachtschlafende Zeit harmoniert nicht mit Tageslicht.

Anderen ist die Fleischeslust eher fremd:

Über den freundlichen Wink an die Jungstudenten in Form von Kondomen herrschte ja noch ein leidlicher Konsens im Studentenrat. Doch dann kam der Plan zur Anschaffung von je 5 000 veganen Kondomen und 5 000 dem – so die Erläuterung – „sicheren Oralverkehr an Frauen“ gewidmeten Lecktüchern zur Abstimmung. Und wurde von der Mehrheit auch prompt gutgeheißen[.]

Denn wenn Erstsemester eins wirklich brauchen, dann sind es vegane Kondome und Lecktücher!

Aber wen interessieren schon solche Kinkerlitzchen, wenn es doch weit schlimmere Nachrichten zu vermelden gibt? Hessen hat gestern gewählt und die Rechtspopulisten haben gewonnen: Ungefähr vierzig Prozent der Wähler gaben CDU oder SPD ihre Stimme. Hessen hatte ich gar nicht als so rückständig in Erinnerung. Viel moderner versucht derweil „ZEIT ONLINE” zu sein, die einen Artikel über das Zeichen „@” anlässlich des Todes des Erfinders der E-Mail Ray Tomlinson „Very s@d news” betitelt, „Very satd news” also, was einerseits herrlich 90er, andererseits aber auch nicht weniger als dämlich ist.

Lasst uns ungeachtet all dessen beschwingt in die Woche starten.

Marc Ribot Trio Fat Man Blues

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Terminal Function – Measuring the Abstract

Terminal Function - Measuring the AbstractWie geil ist das denn?

Aus Gründen, die für mich selbst gerade nicht offensichtlich sind, fand ich auf meinem digitalen Musikwühltisch kürzlich das Album „Measuring the Abstract” einer Band namens Terminal Function. Das klingt jetzt nach Elektrokäse, es ist aber – ja, was eigentlich?

Fest steht zumindest, dass es sich um fünf Herren aus Schweden handelt, deren aktuelles Album „Clockwork Sky” 2015 veröffentlicht wurde und das auf Amazon.de mitunter von Leuten gekauft wird, die auch die Band Animals as Leaders schätzen, was nicht nur musikalisch eine spannende Referenz ist. „Measuring the Abstract” ist allerdings das Debütalbum, 2008 veröffentlicht, und ich mag es.

Das Dargebotene erinnert an Bands wie TesseracT und Meshuggah, laut Eigenbeschreibung – dort gibt es das Album übrigens als Komplettstream – waren aber auch Dream Theater ein Vorbild. Die Plattenfirma etikettiert fleißig mit Pseudogenres wie „Extreme Brutal Death Metal”, und hört man nicht so genau hin, wenn Frontmann Victor Larsson heiser gegen das wahre Instrumentalgewitter anschreit, dann mag man das für treffend halten; ich selbst würde aber selbst dann Psychedelic-Mathcore-Postdjent bevorzugen, denn das hier ist mehr, weit mehr als nur Brüllen, Grunz und Röcheln.

In den acht Stücken, die zwischen 1 und 7 Minuten lang sind, gibt es mehr Takt- und Stimmungswechsel als in der Politik der F.D.P.; überhaupt: immer wieder Meshuggah (gleichfalls aus Schweden; alter Schwede!). Hier wird nicht nur gebrettert, hier bleibt auch Platz für ein wenig Chorgesang:

Terminal Function – Room 101

Ein Album zum Abhotten. (Sagt man das noch, „abhotten”?)

Yeah, sozusagen.

In den NachrichtenMontagsmusikPiratenparteiPolitik
Jane Getter Premonition – Surprised // Tortenpolitiker

Alles schläft, Eulchen wachtHurra, ein Schaltmontag! Nichts, was wir heute tun, wird Konsequenzen haben; um so wichtiger ist es, den Tag so zu beginnen, wie es kaum richtiger sein könnte, satt und zu zweit nämlich. Romantisch und doof wie Käuzchen und Mond.

Selbstverliebtheit überlassen wir also getrost denen, die sie verdienen. Donald Trump zum Beispiel gehe es – huch! – nur um Donald Trump, lässt Martin Klingst Leser von „ZEIT ONLINE” wissen, schreibt aber leider nicht dran, was trotz des Überangebots an medial verwertbarer heißer Luft, die offensichtlich raus muss, einen Nicht-US-Amerikaner außer bloßer Lust am Nonsens eigentlich an dieser Wahl interessieren sollte. Als hätte das Inland nicht genug Ärger!

Andererseits ist die Kindisierung der Politik auch hier ein Problem: Beatrix von Storch mit einer Torte beworfen, haha, „getortet”, roflol, sozusagen; das Netz sitzt deswegen seit gestern im Stuhlkreis und klatscht jauchzend, denn so etwas ist gut für den politischen Diskurs: Die Frau wähl’ ich nicht, die hat Torte im Gesicht. Hat die nicht auch irgendwas mit Ausländern gesagt? Haha, Torte! Die Piratenpartei als einstiges Sinnbild des politischen Hedonismus hat ihre Tortigkeit derweil vorübergehend ausgesetzt und das sei, so heißt es aus ihren Reihen, wahlweise schlecht oder gut für sie. Vielleicht lässt sich das mit einer Kuchenschlacht beilegen.

Was wir nun aber erst einmal beilegen, ist die Erinnerung daran, dass das Wochenende vorüber ist. Denken wir an etwas Schönes, denken wir an Musik.

Jane Getter Premonition featuring Corey Glover "Surprised" Live at the Iridium

Guten Morgen.