Archiv für die Kategorie ‘Musik’.

Liedzitate und Erinnerungen an gute Lieder säumen meine Artikel. Jedenfalls diejenigen in dieser Kategorie.

In den NachrichtenMontagsmusikPiratenpartei
New Order – Crystal // #lmvnds162

Es geht doch nichts über ein belebendes WochenendeEin Blick auf den Kalender schlägt für heute den Montag vor, dabei war doch gerade noch Donnerstag. Urplötzlich bricht die Gewissheit herein, dass reflektiert-reflexartiges Politikspiel, für die Seele wird gesorgt, seinen Reiz schon immer aus der Beschäftigung mit dem Dissens zog, weshalb es den Dissens erneut zur Maxime zu erheben galt. Bis einer heult oder wenigstens trinkt. Die Eulenspiegelei als Chance zu begreifen flößt, sláinte!, den Lebenssaft ein, als wäre es gestern gewesen. Wer liest schon Parteiprogramme? Wertdiskussionen zwischen Wertefreien können etwas Würze gelegentlich gebrauchen.

Wenn schon der Rest der Welt gleichermaßen mitspinnt: Elektroautos sollen Geräusche machen, damit doofe Fußgänger weniger oft überrascht und überfahren werden. Verpflichten wir sie doch auch gleich dazu, Benzin zu verbrauchen, damit ein fehlerhafter Akku weniger Schaden anrichtet! Man könnte es dann normales Auto nennen. Andererseits: Was ist schon noch normal? Eure Kopfhörer können euch belauschen, also redet besser künftig etwas leiser mit ihnen.

(Um nur nicht den „Ausgefidelt“-Witz zum aberdutzendsten Mal zu machen -) Eben noch quietschfidel, jetzt schon verklärt; oder aber auch: „Moralische Reinheit, dieses ewige Thema in diesem Spektrum, die kann man einem freundlicherweise auch nur andichten – denn die Realität erlaubt einem solche Kopfgeburten nicht.“

Beziehungsweise: New Order, weil man vor lauter Politik und Gedöns mal wieder das (meinten Sie: die?) Wichtigste, natürlich, vergessen hat.

New Order – Crystal [OFFICIAL MUSIC VIDEO]

Guten Morgen.

MontagsmusikPolitik
Gong – The Isle of Everywhere // Alternativ: Los.

Wie, es ist Montag?!Jahaha, es ist Montag, der letzte Montag vor’m Advent, was, glaubt man den Geschäften in einer beliebigen Innenstadt, eine ziemlich große Sache zu sein scheint. Vielleicht gehe ich dieses Jahr da auch mal hin. Vorerst allerdings gilt der Kummer, hat sich doch abermals die Lage nur geringfügig verändert; man ist und bleibt eben vorrangig, wie Oma noch wusste, ’nen Happen detsch. Wohl bekomm’s.

Es ist Montag, es ist auch schon wieder Politik. Mir macht das ja selbst keinen Spaß. Vielleicht könnte man Wahlkampf, Wahl und Wahlberichterstattung künftig völlig unterlassen, denn eine Wahl, deren Ergebnis (ich schreibe jetzt nicht: wie noch vor kurzem einen Kontinent weiter) schon vorher so unausweichlich scheint, dass sie nicht einmal mehr Nuancen kennt, ist Ressourcenverschwendung: Oskar Lafontaine (73) sagt, er möchte frischen Wind in die Politik bringen, indem er zum dritten Mal in Folge den Chefkandidaten seiner Partei im Saarland gibt. Mir läuft es noch etliche Kilometer vom Saarland entfernt kalt den Rücken hinunter. Auch in der Bundespolitik ist mit Überraschungen nicht zu rechnen: Angela Merkel bleibt und, schlimmer noch, der für NSA-Skandälchen und Abbau des Sozialstaats maßgeblich mitverantwortliche Frank-Walter Steinmeier lässt sich schon jetzt den künftigen Bundespräsidenten nennen, denn, haha, natürlich könnte man, also der Bürger, 2017 eine Partei mit einem eigenen Gegenkandidaten wählen, aber, hahaha, doch nicht hier. Macht doch keiner. Will doch keiner. Ist doch alles bestens hier.

Ist mir auch ein Rätsel, wieso die AfD so beliebt ist.

Musik? Oh, ja, bitte!

GONG 'The Isle of Everywhere' – Live (1997)

Guten Morgen.

In den NachrichtenMusikPiratenpartei
In aller Kürze: GEMA zu Hause, du alte Scheiße.

Da ganz Deutschland sich derzeit über den – mit etwas Pech – kommenden Bundespräsidenten Steineimer amüsiert, geht beinahe das wirklich Interessante im Rauschen unter: Die Bereicherung an geistigem Eigentum Dritter durch GEMA und Musikverlage ist illegal. Ich wiederhole: Die Bereicherung an geistigem Eigentum Dritter durch GEMA und Musikverlage ist illegal.

Nicht mal die Piratenpartei kann man mehr für unzurechnungsfähig halten. :motz:

In den NachrichtenMontagsmusikPolitik
Jethro Tull – Sweet Dream

herbst-symbolbildEs ist Montag und prinzipiell sehr schön; draußen kühlt es und drinnen, jaja!, wärmt man einander an der Gewissheit, heute noch zu leben; warum dann nicht einfach beisammen? Eigentlich ist das alles ja ganz einfach, eigentlich ist man aber auch gelegentlich ein wenig zweckgebunden verstimmt, womöglich auch der trotzdem überraschenden Linderung wegen, die um so besser wird, je mehr man sie als solche wahrnimmt.

Anderswo pocht flatter auf die Solidarität („alles / was uns fehlt / ist die Solidarität“, schrummschrumm!), punktgenau pfeifen die immergleichen „Grünen“ auf alte Zöpfe und heißen den Klassenfeind herzlich willkommen: Dieter Zetsche („Daimler-Chef“, „SPIEGEL ONLINE“) sprach auf deren Parteitag und plötzlich erscheint eine Koalition der Billigen aus „Grünen“ und F.D.P. nicht mehr so abwegig wie noch vor wenigen Jahren. Tempora mutantur.

Andere Koalitionen hinterlassen nicht einmal mehr verstimmte Wähler: Während das bürgerliche Spießertum sich noch über die doofe Demokratie in den USA aufregte, nutzte die doofe Demokratie im Inland die Gelegenheit und beschloss abermals die weitere logistische Unterstützung der Zivilistenmeuchelei im Irak und in Syrien. Es ist wirklich unbegreiflich, wieso so viele Menschen dort entweichen wollen, überdies in das Land, das überhaupt erst manchen Fluchtgrund liefert. Ein gewisser Masochismus mag dem gemeinen Syrer zu eigen sein, andererseits: dann könnt‘ er auch gleich dort bleiben und sich meucheln lassen, wie sich das für einen guten Kollateralschaden gehört. Ganz schön undankbar.

Musik? Aber ja doch.

Jethro Tull – Sweet Dreams / For a Thousand Mothers Live 1969 HD

Guten Morgen.

Musik
Cohen.

Leonard Cohen – Sisters of Mercy – live 1972

Aus Gründen.

In den NachrichtenMontagsmusik
Alcest – Je suis d’ailleurs // Jeder und die.

Symbolbild: Busfahren.Es ist, um Himmels Willen!, Montag, aber wie gewohnt hat man es durch schiere Blödheit geschafft, dem Montag als Wendepunkt den Stachel zu nehmen. Memo: Blödheit ab und zu mal als Chance begreifen. Gender müsste man sein: Inklusion sofort! Stattdessen bleibt ein Kauz unter einem schwächer werdenden Mond. Der Winter kommt.

Dies auch im metaphorischen Sinne, versteht sich: Auf „heise online“ wurde investigativ enthüllt, dass Überwachung nicht nur jeden, sondern sogar Politiker treffen kann; eine journalistische Meisterleistung, die ihresgleichen vergeblich sucht und die diverse Preise verdient hätte, wären Preise nicht meist als Kompliment gemeint. Dabei kann man sich doch gegen Überwachung inzwischen vortrefflich schützen: Einfach eine hässliche Sonnenbrille aufsetzen. Vielleicht stellt sich demnächst heraus, dass diese Erfindung nur ein Trollversuch war, mittels dessen die Kreativen möglichst viele Leute dazu zu bringen versuchen, sich so ein Ding aufzusetzen. Ich nehm‘ gleich drei.

Wo muss denn unbedingt mehr Internet rein? Richtig: in Thermometer. Smarter Krempel für den Allerwertesten, ab Werk für’n Arsch.

Ihr seht, montags sind Stimmung und Niveau im Keller. Zumindest für die Stimmung lässt sich etwas tun, zum Beispiel mittels der wunderbaren Musik von Alcest.

Alcest – Je Suis D'ailleurs [taken from "Kodama", out on September 30th]

Guten Morgen.

In den NachrichtenMontagsmusik
Ahkmed – Last Hour of Light // Friedenskrisen

nur-noch-eine-tasse-kaffeeEs ist später Montag als sonst, nur hat man es kaum bemerkt, weil die eingeschobene Stunde am Sonntag keine produktive war und Brückentage auch immer nur die Anderen betreffen. Moderner Technik wegen beschränkt sich die Umstellung der angezeigten Uhrzeit ohnehin längst meist darauf, dass man noch ein bisschen länger im Bett bleibt. Ob der Unsinn nicht ganz ausbleiben sollte, möge jemand mit legislativer Befugnis entscheiden, bedauerlicherweise ist bislang keine Änderung in Sicht. Russland hat die Zeitumstellerei schon vor Jahren unterbunden, und wer will schon wie der Iwan sein?

Andererseits: Deutschland stimmt gegen ein Verbot von Masssenvernichtungswaffen, vermutlich verkaufen die sich so gut. Wenig vernichtet man als deutscher Friedenspolitiker so ungern wie Exportgewinne. Wenn man nur lange genug wartet, werden aber offenbar auch die krudesten Parteiversuche rational: Auf dem „grünen“ Netzkongress etwa war Veganes unbeliebt. Bestimmt wurden bereits Krisensitzungen einberufen.

Krisen sind ja sowieso so ein Montagsding. Der so genannte „Journalismus“ steckt ebenso tief in derselben wie Politik, Gesellschaft und Kultur – hui, Brüste! – und natürlich man selbst, weil man sich und das alles und den Montag insbesondere nur ungern noch ertragen mochte, wäre da nicht die Musik, die so vieles besser macht.

Machen wir also einen kleinen Umweg, bevor der Montag beginnt.

ahkmed – last hour of light

Guten Morgen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Ryley Walker – Primrose Green

ryley-walker-primrose-greenKommen wir zu etwas schönem, kommen wir zu Musik.

Ryley Walker, 1989 geboren, singt und spielt Gitarre auf Aufnahmen, die eigentlich gar nicht nach Herren seines Alters klingen. Nach einem sozusagen rasanten Aufstieg in der prinzipiell viel zu großen Musikszene Chicagos veröffentlichte er seit 2014 bis heute bereits vier Alben und mindestens drei EPs, Ideen scheint er also zu haben. „Primrose Green“, 2015 erschienen, ist das zweite dieser Alben.

Ryley Walker – "Primrose Green" (Official Audio)

Was ist davon zu halten? Nun: Eine Menge. Ryley Walker steckt musikalisch tief in den 1960ern und, hilfsweise Mitmusiker auf den Studioaufnahmen (hier: sechs) hin oder her, erweckt keinesfalls den Eindruck, er habe nicht viel mitzuteilen. Verdammte Hippiemusik oder eben: Folkjazz mit Gefühl bis hin zum gelegentlichen, unerwarteten Ausbruch, ohne gewollt zu klingen, mitunter auch mal am Etikett des RIO entlangstreifend, ohne es aufgeklebt zu bekommen. Singer/songwriter nennen das jene, die Musik nur hören, aber nicht fühlen wollen, weil er hier, man höre und staune, singt und schreibt.

Ausbruch? Aber natürlich. Ryley Walker reißt mit, notfalls mit Nachdruck.

Ryley Walker – Sweet Satisfaction

Natürlich ist „Primrose Green“ auch der Schwermut, der elenden, ein Motor, was unvermeidlich ist, wenn stiller Folk den psychedelischen Pop als Teil seiner selbst begreift, denn dicht ist sie, die Woge, die den Hörer auf die Reise schickt; zuvörderst aber bleibt ein sanftes Gefühl der Befreiung mit Rückständen von Fernweh zurück.

Ich bin angetan und empfehle wärmstens Imitation.

In den NachrichtenMontagsmusik
Argos – Not in This Picture

kein-montag-ohne-mond-kein-seufzen-ohne-kaeuzchenEs ist Montag; bla, bla und nochmals bla. Wir reden laut und sagen nichts, um wenigstens nicht still zu sein, und nehmen die tatsächliche Stille dabei gern in Kauf. Don’t you / forget about me, nebenbei die musikalische Frühasozialisierung verfluchen und dann weiter, nur weiter, nur weiter so. Er wirkte stets bemüht. Regie, kann ich den Sonntag davor noch mal sehen?

Es könnte schlimmer sein. Man könnte seine Söhne töten, damit sie später keine Frauen belästigen. Apropos: Frauen kaufen lieber Zigaretten mit Fotos von kranken Männern. Vielleicht sollte man für die Abbildungen eine Frauenquote einführen.

Wenigstens anderswo hat der Babo die Chabos voll im Griff: Der Iwan darf in den USA nicht beim Wählen zugucken. Eine anständige Demokratie braucht weder Computer noch Beobachter. Wer was anderes behauptet, ist Putinversteher, gesellschaftlich geächtet und unten durch.

Obenauf hingegen: Musik.

Guten Morgen.

In den NachrichtenMontagsmusik
Grobschnitt – Solar Music // Von Baumküssern und anderen Linken

montag-symbolbildEs ist Montag, aber man redet es sich schön, weil unbedingte Voraussetzung für einen Montag ja ist, dass zuvor ein Sonntag stattfand, aber davon kann keine Rede sein. Für den Mondtag mag es reichen, schon wegen des Voll-, Quatsch, Supermondes, ein Wort wie aus einem Welterfolg von Scooter, jedenfalls: Montags hat man auch schon mal bessere Zeiten (zum Beispiel nachmittags an Sonntagen) gesehen. Als wäre es erst gestern gewesen.

Gute Nachrichten allerdings – die Ursache für das Waldsterben ist gefunden: DJ Bobo küsst jeden Tag zwei Bäume. Dass das nicht verboten ist, gehört zu den unverständlichen Eigenheiten der Schweiz. Wobei man als Deutscher, was Eigenheiten angeht, vielleicht besser schweigen sollte; außer einer Bahn mit Beschwerdekultur und verklemmten Großmäulern mit Penisneid leisten wir uns andererseits insbesondere auch vorsätzlich verängstigte Linke, denen es ihre eigene politische Agenda verbietet, ein leidlich zivilisiertes Miteinander auch von Kulturfremden einzufordern. Die wissen das ja nicht besser. Wenn das eigene Weltbild vernagelt ist, hilft ein erhobener Zeigefinger nicht beim Blick auf das Leben, das wirklich passiert. Nicht in jedem Kokon wird man zum Schmetterling.

Zu viel Offenheit, andererseits, ist auch nicht gut, zum Beispiel, wenn sie smarte Elektronik befällt: Zwölf Jahre alter OpenSSH-Bug gefährdet unzählige IoT-Geräte, da weiß man diesen Open-Source-Quatsch doch gleich richtig zu würdigen. Kann ja nix passieren, kann ja jeder reingucken.

Manchmal wäre Verreisen, weit weg von all dem, eine überlegenswerte Alternative.

Oder, noch besser, Musik.

Grobschnitt – Solar Music – Live

Guten Morgen.

In den NachrichtenMir wird geschlechtMusik
Dichten soll sich wieder lohnen, aber Anna-Lena Scholz ist nicht inspiriert.

Bob Dylan hat, das hat wohl inzwischen selbst derjenige Großteil der Menschheit, dem umgehängte Medaillen einfach mal schnuppe sind, mitbekommen, jüngst wenig überraschend den Nobelpreis für Literatur, genauer: für, überwiegend, seine Liedtexte, erhalten. #Steinmeier gefällt das. Bob Dylan wurde auch deshalb ausgezeichnet, weil er nun seit über 50 Jahren, allen Ausfällen (man munkelt, es seien religiöse Alben unter seinem Namen erschienen) zum Trotz, Gedichte geschrieben und vertont hat, die den soundtrack ganzer sog. Bewegungen bildeten, seltsame Stimme hin oder her. Irgendwelche Antworten werden noch heute in den Wind geblasen, Bob Dylan aber verweilte nicht lange. Ikone sein zu wollen hat ihm ohnehin offenbar nie gelegen: Als ihm die verdammten Hippies zu viel Aufmerksamkeit zuteil werden ließen, offenbar in der Hoffnung, er möge für den Rest seines Lebens ihre Lieblingslieder quasi als menschliches Radio wiedergeben, steckte er seine Gitarre in die Steckdose und beschloss, dass die Lagerfeuerlieder künftig andere Menschen machen mögen. So behauptet es jedenfalls die Legende.

Bob Dylan – Maggie's Farm (Champaign 1985).mp4

Bob Dylan ist nicht erfolgreich geworden, weil er dem Idealbild eines glatten Künstlers entsprach, sondern gerade auch wegen seiner Texte. Friedenshymnen wurden bald von subtiler, selten auch brachialer Gesellschaftskritik abgelöst – selbst der Präsident der USA, zum Beispiel, habe manchmal nichts an („It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)“, Übersetzung von mir), was jahrzehntelang von Jubeln des Publikums begleitet wurde, die sind’s eben auch nicht mehr gewohnt – und blieben zumindest bis Anfang der 1970-er Jahre beeindruckend wort- und bildreich, wie man es sonst nur von wenigen anderen Musikern wie etwa Leonard Cohen kannte.

Dass gereimte Texte, seien sie nun gesungen, gesprochen oder gerülpst, meist zweifelsfrei als Literatur (zumal Lyrik) auszumachen sind, lässt die „historische Zäsur“ (Michael Hübl, Ressortleiter für Kultur bei den „Badischen Neuesten Nachrichten“) noch erstaunlicher wirken. Hat sonst noch niemand aus Musikerkreisen so nachdrücklich gewirkt? Um einen Literaturnobelpreis zu erhalten, hatte der Preisstifter immerhin einst verfügt, selbiger Preis möge derjenigen Person verliehen (muss man den dann eigentlich wieder zurückgeben?) werden, die auf dem Felde der Literatur die herausragendste Arbeit im positiven Sinne verrichtet hat, und daran bestehen vermutlich nur geringe Zweifel.

Bob Dylan Ballad Of a Thin Man

Doof ist nur, dass Bob Dylan ein Mann ist, ein alter weißer obendrein, was die „Geisteswissenschaftsjournalistin“ – das ist vermutlich jemand, der für zu viel Geld zu lange Texte über Leute schreibt, die beruflich tatsächlich geistige Arbeit verrichten – Anna-Lena „Doc“ Scholz zu dem Hinweis veranlasste, dass es wohl nicht sehr inspirierend (ich nehme an: für andersartige Menschen) sei, wenn der diesjährige Nobelpreis ausschließlich an „Männer über 65“ verliehen werde, was ja schon deshalb nicht stimmt, weil drei der elf Preisträger noch nicht über 65 Jahre alt sind, aber Journalismus hat mit Recherche eben nur am Rande etwas zu tun. Welche herausragenden Leistungen junger Frauen von den Preisverleihern nicht ausreichend berücksichtigt worden sein sollen, teilte sie bedauerlicherweise nicht mit, so dass ich nur raten kann: Ist Anna-Lena Scholz offensichtlich seit Beginn ihrer beruflichen Laufbahn nur deshalb nicht ausreichend inspiriert, um Bemerkenswertes zu schaffen, weil die Preisträger 2016 allesamt im Ruf stehen, über ein naturgemäß männliches Geschlechtsteil zu verfügen? Den Scholzpreis für besondere Weiblichkeit bekommen sie so sicher nicht!

Gucken wir uns das mal genauer an. Von den sechs Nobelpreiskategorien Physik, Chemie, Physiologie/Medizin, Literatur, Frieden und Wirtschaftswissenschaften wäre Frau Scholz – sie beschäftigt sich laut Selbstdarstellung außer mit Literatur auch mit der Theorie- und Ideengeschichte der Germanistik sowie mit, als hätte ich es geahnt, feministischer Theorie und literaturwissenschaftlicher Geschlechterforschung, insgesamt also eher mit esoterischen als mit nützlichen Themen – qua Kenntnisstand zumindest für den Nobelpreis für Literatur potenziell qualifiziert. Für das Goldene Brett 2016 kamen ihre Bemühungen um den Feminismus allerdings leider auch zu spät, diesjähriger Preisträger ist, hihi, ein Mann. Nun besteht eine „herausragende Leistung“ im Preissinne nicht darin, dass man Bücher rezensiert, sonst hätte ich sicherlich auch bereits mehrfach den Friedensnobelpreis verliehen bekommen, immerhin rezensiere ich hier mehr oder weniger regelmäßig Texte über Scharmützel irgendwo auf der Welt.

Nein, wer nur Bote eines Werkes ist, der schafft dadurch keine kreative Großtat, die es zu würdigen gilt. Die bisher einzige Zweifachnobelpreisträgerin Marie Curie ließ sich nicht davon abhalten, dass die vorherigen für ihre Verdienste in Physik und Chemie Ausgezeichneten allesamt Männer waren, sie hat einfach gearbeitet, und das in einer Zeit, in der Frauen noch weit davon entfernt waren, das Privileg zu besitzen, die ganze Welt mit ihren regressiven Ansichten über die Relevanz von Geschlechtern bei der Würdigung der Leistungen einer Person zu behelligen; und auch Bob Dylan wäre sicherlich der Letzte, der die Inspiration durch seine Zeitgenossen nicht zu umfassen wüsste: Ohne die Weltgewandtheit seiner einstigen Freundin Suze Rotolo und ohne die Unterstützung seiner folgenden Freundin Joan Baez, selbst erfolgreiche Musikerin, hätte seine Lyrik möglicherweise niemals die nunmehr quasi gekrönte Qualität erreicht, über die manch Geisteswissenschaftsjournalistin heute aufgrund seines (oder auch ihres) Geschlechts die Nase rümpft.

Vielleicht sollte Frau Scholz es mal mit Singen versuchen.

Bildung ist eine Ressource, die von jeher ungleich verteilt wird.
Anna-Lena Scholz

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Moon Circle – Moon Circle

moon-circlePotztausend, schon wieder so ein Album, das Spaß macht. 2016, was ist los mit dir?

Das natürlich französische Trio Moon Circle – Gitarre, Schlagzeug, Bass/Flüstern/Geschrei – hat pünktlich am 1. Januar dieses Jahres ein wirklich feines Album via Bandcamp veröffentlicht, das mich beinahe zum Luftgitarren angeregt hätte, was durchaus ungewöhnlich ist, neige ich doch eher zum stillen Genuss.

Bei Titeln wie „Lost In The Gang-bang (Where Are You?)“, „Attack Of The Nudist Zombies“ und „Cum Together“ möge man süffisant grinsen, wenn es beliebt, aber musikalisch ist von Pubertät hier nichts zu spüren. Texte gibt es eher so zwischendurch, nach einer kurzen Texteinlage im Eröffnungsstück ist erst mal eine Weile Ruhe. Wenn sich das ändert, dann ist es nicht völlig unamüsant. Der extrovertierte Gesang in „Chase The Hunter“ etwa macht keinen Hehl daraus, dass diese Band nichts ernst meint oder auch nur ernst nimmt. Yeah.

Moon Circle – Lost In the Gang-bang (where are you ?)

Genres, ach, drauf geschissen; wer’s braucht: Gitarrenbetonter Stoner-Krautrock mit dem gewissen Etwas. „Spaceship’s Rising“ zitiert, vielleicht sogar: parodiert vorübergehend den Spacerock mit seinen doch oft etwas merkwürdigen Effekten, nur um dann mal eben sozusagen im Vorbeifliegen etlichen aufstrebenden Postrockkapellen Konkurrenz zu machen, aber das könnte auch trügen. Hier passiert noch mehr als es scheint, aber zur Ruhe kommt man trotzdem nur selten und das ist auch gut so.

Lucifer’s Friend, Hawkwind, Jimi Hendrix, der Stoner Rock an sich und, ja, durchaus auch Bands wie Russian Circles klingen in Moon Circles Erstlings-LP an. Mögen noch mehr solcher Alben folgen!

In den NachrichtenMontagsmusik
Electric Orange – Organized Suffering // Immer dieser Antikriegsismus!

blumen-jetztEs ist Montag und man hätte es beinahe nicht gemerkt, weil der Sonntag erst nicht wie ein Sonntag schien und irgendwie dann doch. Traditionen haben Charme, wenn man es nur richtig anstellt. Wenn schon der Rest der Welt bekloppt scheint: Ab 2030 soll für Autos nur noch Kohle und kein Benzin mehr verheizt werden dürfen. Da freut sich die Umwelt schon jetzt.

Die Bundeskanzlerin hat vor ein paar Tagen vermutet, Kritik am undemokratischen Zustandekommen der gegenwärtig diskutierten Freihandelsabkommen sei wohl als Antiamerikanismus zu werten, ein Freihandelsabkommen mit Russland würde viel weniger Kritik mit sich bringen. Dabei hat der Antiamerikanismus in der Gesellschaft ganz andere Zusammenhänge, zum Beispiel den, dass die USA nicht gerade dazu neigen, das friedliche Gleichgewicht auf der Erde aufrecht zu erhalten. Ein Freihandelsabkommen mit Russland wäre aus ganz anderen Gründen eine nette Geste. Russland hat es ganz allgemein begründet satt, dass es von feindlichen Truppen (i.e. „uns“) umgeben ist: Russland kündigt Plutonium-Abkommen mit den USA, bis die USA ihre Drohgebärden einstellen. Da helfen nur mehr Panzer. Mehr Panzer haben schon immer gut Probleme gelöst, wenn Russland sich zu wehren versuchte.

In weiteren Nachrichten: Kurdisches Kinderfernsehen gefährdet die nationale Sicherheit der Türkei. Klar: Fernsehen macht blöd und blöde Bürger sind nicht mehr wehrfähig. Ein deutschlandweites Fernsehverbot könnte vermutlich auch dieses Land vorübergehend zur Erholung führen.

Bis dahin lassen wir den Fernseher einfach anlasslos aus und hören stattdessen ein wenig Musik.

Electric Orange- Organized Suffering

Guten Morgen.

In den NachrichtenMir wird geschlechtMusik
Liegengebliebenes vom 8. Oktober 2016

Selbstverständlich geht es den meisten Applekunden ausschließlich um die überragende Technik, was dieses Produkt nahezu schlüssig erklärt: Eine Kerze, die nach neuem Mac riecht.


Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen, haben sie gesagt. Die machen Firmen menschlicher, haben sie gesagt.


Eigentlich jedes Mal, wenn ich Vinyl anpreise, kann ich mir sicher sein, dass einige Leser geräuschvoll oder auch völlig lautlos mit dem Kopf schütteln und mich einen rückständigen Konservativen schimpfen, der mit einer rein digitalen Musiksammlung so viel anfangen kann wie ihr Opa mit Rockmusik. Streaming ist die Zukunft und in jeder Hinsicht einer anständigen Plattensammlung überlegen. Mit einer Plattensammlung zum Beispiel fängt man sich nicht mal Malware ein. Voll doof.


Aus der beliebten Reihe „was für ein rückständiger Konservativer könnte denn was gegen den Fortschritt haben?“ übrigens auch: Insulinpumpen lassen sich im Vorbeigehen hacken.


Abschließend das Zitat der Woche, das bitteschön prominent im öffentlichen Raum platziert gehört: „[W]enn die Frage, ob die Bombe gut ist oder ob die Bombe böse ist, beinahe immer damit beantwortet werden kann, wer die Bombe abgeworfen hat, dann kannst du dir völlig sicher sein, dass du schon längst im Krieg bist.“

MusikkritikPersönliches
Umfassende Konzertkritik: King Crimson (3. Oktober 2016, Hamburg)

Alter.

Cirkus! Epitaph! Starless!

Einfach nur: Alter.

(Abb. ähnlich)