[ ] Ich bin ein Mensch
Menschheit (2026)
Nachdem KI-Unternehmen physische Bücher massenhaft eingescannt und zerstört haben, sind sie weltweit die Einzigen mit digitalen Kopien. Wissen wird dauerhaft auf privaten Servern monopolisiert.
Annas Archiv (englischsprachig), Archiv vom Archiv
Schöner lesezeichnen ohne Lesezeichen
Als jemand, der seit den Neunzigern Webbrowser verwendet, hatte ich mir sehr früh angewöhnt, Interessantes, über das ich im Web stolpere, in meine Lesezeichensammlung aufzunehmen. Als ich irgendwann anfing, ab und zu auch mal andere Browser auszuprobieren, war dieses Herumkopieren und/oder Importieren der bookmarks.html-Datei – wir hatten ja nichts – zwar etwas lästig, aber das musste ja auch nicht so oft sein. Bei meinen bisher letzten zwei Alltagsbrowsern – erst dem Netscape-Browser und seinen Nachfolgern, dann seit bald zehn Jahren Vivaldi – blieb ich ja einigermaßen lange.
Im Laufe der Jahre trennte ich meine Sammlung auf, „habe ich gelesen und will ich mir merken“ blieb an Ort und Stelle, aber „habe ich gerade gefunden und muss ich mir bei Gelegenheit genauer ansehen“ verlagerte sich passenderweise hin zu Später-lesen-Diensten: Erst nutzte ich hierfür (das erst in Pocket umbenannte und später eingestellte) Read-It-Later, dann vorübergehend Instapaper und das leider ziemlich fehlerbehaftete Wallabag, inzwischen habe ich dafür meine eigene Lösung entwickelt. Jetzt habe ich wenigstens jemanden, den ich beschimpfen kann, wenn etwas nicht funktioniert. (Leider ist dieser Jemand sehr faul.)
Da mit jedem größeren Browserwechsel auch die browsereigenen Synchronisierungsfunktionen gegenstandslos wurden, experimentierte ich eine Zeit lang mit anderen Möglichkeiten, Lesezeichen einigermaßen datenschutzfreundlich von einem Browser in den anderen zu bekommen. Aus verschiedenen Gründen bin ich auf Applegeräten jüngst dazu übergegangen, wieder häufiger den Safari-Browser zu verwenden, den ich während einer kurzen Zeit, in der ich sowohl Windows als auch macOS im Alltag nutzte, bereits etwas intensiver einsetzte und dessen Lesezeichen ich (unter Windows) mittels der iCloud mit Vivaldi abglich. Was jedoch nicht brauchbar zu funktionieren scheint, ist die iCloud-Integration von Vivaldi unter macOS, was ich erst herausgefunden habe, als ich mal wieder den Safari öffnete und dort von einigen Website-„Favoriten“ begrüßt wurde, deren zugehörige Benutzerkonten ich längst gelöscht hatte.
Ich hätte also schon wieder den aktuellsten Stand, also den aus Vivaldi, umständlich ex- und in Safari importieren müssen, was nicht ganz leicht ist, weil Safari Vivaldi als Browser nicht „kennt“.
Zeit also, darüber nachzudenken, wie viele Lesezeichen ich wirklich brauche.
Für eine Bestandsaufnahme griff ich abermals auf Buku zurück, das (inzwischen eine Weboberfläche mitbringt und) mir offenbarte, dass ich wohl über 370 Websites in der aktuellen „kannste immer mal brauchen“-Sammlung – vulgo: Lesezeichenleiste – hatte. Regelmäßig von dort aufgerufen hatte ich in den vergangenen Monaten exakt fünf (davon zwei tatsächlich immer noch aus dem „Morning Coffee“), die allermeisten Websites, die ich noch häufiger besuche, sind sowieso stets in irgendwelchen Tabs und Tabgruppen geöffnet. Defekte Links sind in der Zahl übrigens noch eingerechnet, da prüfen handelsübliche Webbrowser ja normalerweise selten den aktuellen Zustand.
Was mir aber Lesezeichen direkt im Browser bringen, von denen ich nicht weiß, ob ich sie überhaupt jemals wieder aufrufen werde und welchen Webbrowser ich dafür dann nutzen werde, war eine folgerichtige Anschlussfrage. Beantwortet habe ich sie mit einem harten Schnitt: Seit gestern Abend habe ich in keinem von mir oft genutzten Webbrowser mehr auch nur ein einziges Lesezeichen. Meine „TODO“-Linkliste verbleibt in meiner Installation von 42links, die bisherige Lesezeichenleiste ist vollständig in Buku und GNU Emacs verschoben worden. Dort ist sie auch leichter aufzuräumen. Die fünf häufigeren Links sind leicht wiederzufinden, aber ich kenne sie mittlerweile auch auswendig, was ein weiteres Argument dagegen ist, sie dauerhaft griffbereit vorzuhalten. – Bisher habe ich nicht den Eindruck, dass mir jetzt etwas Wichtiges fehlt, was sicher auch manches über meine Lesezeichensammlung aussagt. Oft scheint ein „habe ich gelesen und will ich mir merken“ eher ein „habe ich gelesen und kann jetzt weg“ zu sein. Meine Vermutung ist, dass ich damit nicht allein bin.
Und den Webbrowser zu wechseln, und sei es nur vorübergehend, bereitet jetzt auch wieder weniger Kopfzerbrechen.
Miniaturen (4.8.26)
Ich habe heute schon viermal bestätigt, dass ich ein Mensch bin. Das ist gut fürs Selbstbewusstsein.
Die Liste an popkulturellen Phänomenen, von denen ich nichts mitbekomme, wächst nahezu täglich. Das vermittelt mir ein erstaunlich zufriedenes Gefühl.
„Man sollte Männer und Frauen nicht gegeneinander ausspielen. Es weiß doch jeder, dass die Einen viel besser sind als die Anderen“ oder so ([a]).
Je länger ich mich mit Computern beschäftige, desto mehr Zeit geht dadurch verloren, dass ich die fixe Idee habe, eine wesentliche Komponente durch eine interessant wirkende Alternative auszutauschen, mich dann mit dem Ersatz anzufreunden versuche, krachend daran scheitere und schließlich kleinlaut zum vorherigen Zustand zurückkehre. Das ist ein bisschen wie mit der Politik.
The Rolling Stones – Side Effects // Der GEMA viel Erfolg
Es ist Montag. Heute schon QR-Codes gescannt? – Apropos Technik: Ein Unsympath hat Gedichtautomaten erfunden. Alles daran regt mich ganz fürchterlich auf.
Anderswo wird der Technik endlich mal gezeigt, wo der Frosch die Locken hat, der Hammer hängt sowie der Barthel den Most holt: Ausgerechnet die GEMA – möge eine künftige Revolution ihre Geschäftsgrundlage hinterfragen! – steht ausnahmsweise mal auf einer einigermaßen gesunden Seite des Weltgeschehens und versucht das Unternehmen Suno rechtlich daran zu hindern, mit der Datengrundlage ungezählter Lieder von ungezählten Musikern eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Ich wünsche ihr dieses eine Mal nachhaltigen Erfolg. Und dass sie uns trotzdem nicht mehr allzu lange erhalten bleibt.
Der wahre Zweck von KI ist es, den Reichen Zugang zu Können zu verschaffen, ohne den Könnern Zugang zu Reichtum zu gewähren.
Joseph Browning
Eine Momentaufnahme aus dem grassierenden Wahlkampf allerorten: Parteien, die mittels Händchenhebens der Preiserhöhung des bekloppt benannten Deutschlandtickets zugestimmt haben, finden, es sollten viel mehr Menschen mit Bus und Bahn fahren. (Dass diejenigen, die für ihre BahnCard 100 keinen Cent bezahlen mussten, nicht verstehen, warum die Deutsche Bahn nicht für jeden Bürger eine ganz hervorragende Alternative zum eigenen Auto anbietet, überrascht niemanden, der noch bei Trost ist.) Selbst die SPD habe die traditionellen linken Wochen vor Wahlen eingeläutet, lese ich bei „taz.de“. Sie schwimmen, die Felle.
Aber die Anbetung der Macht ist eine der verächtlichsten Formen der Idolatrie und des Knechtsgeistes.
Karl Popper, „Über Geschichtsschreibung und über den Sinn der Geschichte“, 1962
Lesenswert: Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), inzwischen in mancherlei Neugründung gespalten, hatte um 2024 herum zweimal infolge widersprüchlicher Partikularinteressen ihre Ausrichtung geändert. Vieles daran kommt aus der Piratenpartei und aus sonstigen vulnerablen Zirkeln bekannt vor. Aus nichts davon wird jemand etwas lernen. Es ist der Ton, es ist immer der Ton. The thing is never addressed. The tone is addressed forever.
Schönere Töne: Musik.
Guten Morgen.
Mit dem Mörder gegen Totschlag
Für die CDU Deutschlands ganz klar: Es gibt keinen Völkermord in Gaza, wir stehen an der Seite Israels und der Ukraine im Kampf gegen den Terror und Aggression.
Dann ist ja alles gut.
Messermänner, die vor Autodeutschen fliehen (reprise 2026)
Nackte Zahlen:
Anzahl der Terroranschläge in Deutschland, die 2026 mit einer Vorratsdatenspeicherung verhindert worden wären:
0
Anzahl der Terroranschläge in Deutschland, die 2026 mit mehr Videoüberwachung verhindert worden wären:
0
Anzahl der Terroranschläge in Deutschland, die 2026 mit einer Messerverbotszone verhindert worden wären:
0
Anzahl der Terroranschläge in Deutschland, die 2026 mit Absperrungen gegen Automobile verhindert worden wären:
2
(2025)
Ausgeschlandet
Die Europäische Fußball-Union (UEFA) beschloss während einer digitalen Schaltkonferenz aller 55 Mitgliedsverbände (von 211 FIFA-Verbänden) am Donnerstag den Boykott aller FIFA-Turniere für den Fall, dass Infantino sein Vorhaben weiterverfolgt. Dies ist angesichts der jüngsten Mitteilung der Fall.
Die ausbleibende Teilnahme am Lieblingssport von Funktionären – Zurückruderei – vorausgesetzt: Kein Verlust, für niemanden.
Liegengebliebenes vom 28. Juli 2026
Unnötig unpopuläre Wahrheit: Möglicherweise sollten Regierungen ihre öffentliche Kommunikation nicht unbedingt über privatwirtschaftliche US-Plattformen (englischsprachig) abwickeln; aber da seien ja alle und man müsse das Volk ja „abholen“ (nicht wie früher, mehr so metaphorisch). Eine gute Regierung ginge stattdessen voran und ließe das Volk folgen, aber dafür müsste ja jemand dort sein wollen, wo die Regierung ist.
Erfreulich: Zusehends größere Teile der deutschsprachigen Bloggeria finden es ranzdämlich (formulieren es nur netter), wenn jemand eine „persönliche“ Website mit Texten befüllt, die er aber gar nicht selber schreibt, sondern einen Wahrscheinlichkeitsrechner („KI“) erwürfeln lässt. In den Kommentaren meldete sich umgehend ein „Blogger“ zu Wort, der es total gut findet, dass er der „KI“ wegen „seine“ Texte nicht mehr selber schreiben muss. Das sei ja immerhin auch Aufwand und das alles.
Zwar verhält es sich so, dass man keine Website haben muss, wenn man sich bockmäßig außerstande fühlt, dem damit verbundenen Aufwand gerecht zu werden, aber diese Erkenntnis setzt sich nur langsam durch. Man will die Texte, die man nicht selbst geschrieben hat, ja auch irgendwo hinschreiben und bei REWE und ALDI hat man schon Hausverbot, weil man alle anderen Kunden am Schwarzen Brett einfach nicht unbehelligt lassen konnte; und Graffiti sind in diesem Umfang illegal. Schade.
(Gibt es eigentlich inzwischen hinreichend gute „KI“s, die den ganzen anderen Quatsch mit der Websitepflege auch gleich übernehmen? Eine „eigene“ Website, in die man selbst allenfalls eine halbe Stunde Zeit „investiert“ hat und auf der fortan irgendwelche Computer mit der Welt reden – das wär’s doch. Aber die Werbebanner nicht vergessen. Die halbe Stunde Zeit muss sich ja lohnen.)
(Das Internet war ein Fehler.)
Noch mehr Einschübe in Klammern: Ich beschäftige mich in freien Minuten gerade (unter anderem) aktiv und passiv mit der Erzeugung elektronischer Musik. Ein Traum (so weit isses also schon) offenbarte mir, dass der Projektname „Content Gandalf Gurke“ noch frei sein könnte. Das stimmt wahrscheinlich sogar. (Erstaunlicherweise ist gemäß meiner ungefähr zehnsekündigen Recherche sogar „Gandalf Gurke“ ohne den Vornamen „Content“ noch nahezu unbenutzt.) Jetzt muss ich wohl tatsächlich etwas (gut genug hinbekommen und dann) veröffentlichen, bevor mir jemand diesen großartigen Namen wegschnappt.
Der MANNdat e.V. hat eine hilfreiche Handreichung für betroffene und/oder stellvertreterbetroffene Gegner der die Gleichberechtigung der Geschlechter mit Anlauf statt Gleitgel anal penetrierenden (Vorbereitung auf die) Kriegsdienstpflicht für Männer.
Ich schnaubte kurz: „‚Nei-hein‘, ‚Ich war’s nicht‘ und andere neue Pentagon-Strategien, um Kriege zu gewinnen“ (ebenfalls englischsprachig).
Sand – Helicopter // Darf der Chef von Mullvad Eselchen häuten?
Es ist Montag. Eine der größeren europäischen microsoftarmen Alternativen zu Microsofts Nonsensplattform GitHub, Codeberg, gedenkt „KI“-Müll hostingbezogen auszusperren (englischsprachig, trotzdem). Die Natur heilt sich.
Apropos: Eine „KI“ habe im Web (!) Daten irgendwelcher Versicherter zusammengetragen, las ich vorgestern. Keines der berichterstattenden Medien fragte, warum diese Daten überhaupt auf einem Server außerhalb des Intranets herumlagen. Jedes hingegen fragte, wie man verhindern könne, dass sie gefunden werden können. Ich als der Versicherer uniVersa würde an dieser Stelle weniger über die Schlagzeilen als darüber nachdenken, was der von mir bezahlte Administrator eigentlich beruflich macht und ob ich für angemessene Bezahlung (war das das Problem?) keinen besseren finde, aber ich bin ja nicht der Versicherer uniVersa.
Offenlegung: Der Anonymes-VPN-Anbieter meines Vertrauens, Mullvad, hatte einen Vorfall, indem einer seiner Gründer Geld an eine blöde Partei gespendet hat. Nun verhält es sich so, dass ich eine Privatperson von dem ihr innewohnenden Vertragspartner unterscheiden kann und ich bei meinen Dienstmieten in der Regel die Frage, ob der Dienst mir von Nutzen ist, höher bewerte als die Frage, ob seine Chefs in ihrer Freizeit Eselchen häuten, obwohl ich Eselchen grundsätzlich sehr mag, ihre Häuter für schreckliche Menschen halte und gelegentlich selbst gern eines wäre, denn sie bekommen immerhin gratis Kost und Logis und keine Rechnungen mit der Post. Völlig folgerichtig mag ich unter Berücksichtigung des vorliegenden Kontextes (Kontext – auch so eine vergessene Kulturtechnik) den Ansatz von Mullvad, radical tolerance zu üben. Ein Dienst, der der Anonymisierung dienen will und soll, aber peinlich genau auf das private Treiben der Menschen achtet, hat seine einzige Aufgabe verfehlt. Ich persönlich hätte besagte Spende zwar weder getätigt noch, hätte der Spender mich vorher gefragt, befürwortet, aber ich bezahle Mullvad nicht dafür, dass sie politisch ein Zeichen setzen und/oder Haltung zeigen, sondern dafür, dass sie mir als Gegenleistung für die Herausrückung weniger Euro im Monat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Daten verschleiern. Alles Übrige ist kapitalistische Logik. Es gibt keine sozialen Unternehmen im Privatrecht. Sobald mal jemand einen nichtscheißen VPN-Dienst als e.V. rausbringt, bitte ich ansonsten um eine kurze Mitteilung per Kommentar, E‑Mail oder Höhlenmalerei.
Fast genau so alt wie Höhlenmalerei, klingt aber schöner: Musik.
Guten Morgen.
Iovi und Bovi
Das weitläufige Überwachungssystem des Madison Square Garden kann Gäste sekundengenau überwachen. Für das Probeessen des Popstars [Taylor Swift, A.d.V.] machten die Eigentümer jedoch eine Ausnahme.
Nützlich, so ’ne Videoüberwachung.
Macht und Qualifikation
Wer 50 Prozent der Machtansprüche stelle, der müsse auch 50 Prozent der existenziellen Risiken tragen, weiß der MANNdat e.V. und hat damit natürlich völlig Recht. Mich überrascht nicht, dass die Wahlumfragen aussehen, wie sie nun mal aussehen. (Dass die Bösen den Sexismus zulasten der Männer einstellen werden, wenn sie mal die Möglichkeit dazu bekommen, halte ich übrigens für ausgeschlossen.)
Die Fünfprozenthürde, die uns allen „die Demokratie“ sichert, ist jedenfalls seit ihrer Einführung vor allem aus Humoristensicht Gold wert: Demnächst, so wird gemunkelt, erwische sie mit der SPD unter Umständen eine ihrer größten Fürsprecherinnen. Der Grund: 95 oder mehr Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt sind die Partei und ihre auf Plakate gestempelten Vortänzer schlicht leid. Man könnte – jenseits der Debatte darüber, ob man überhaupt noch die SPD in einem Landtag sehen wollen sollte – daraus etwas lernen, wenn man die SPD ist und Lust darauf hätte, den Großteil der Wahlberechtigten hinter sich zu versammeln, indem man zum Beispiel ausnahmsweise mal den Koalitionsgedanken in der Prioritätenliste noch hinter die Ermordung Rosa Luxemburgs einsortierte und mit Überzeugung das verträte, was unverbesserliche Optimisten „Arbeiterpolitik“ nennen (es wird sich doch bestimmt noch wenigstens eins der älteren SPD-Mitglieder an Arbeiter erinnern und kann davon erzählen?); oder man verlässt eben zum ersten Mal nach 1949 wieder ein paar Landtage, diesmal selbstverschuldeterweise, und lernt durch Schmerz.
Nur ohne Lernen.
Apropos Schmerz. Selbst die Kanzlerschaft Friedrich Merz’ lässt Raum für Jux (Archivversion):
Nach übereinstimmenden Medienberichten sagte der als Schnieder-Nachfolger vorgesehene CDU-Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler kurzfristig ab. Als Begründung führte er demnach mangelnde Erfahrung im Verkehrsbereich an.
Sollte der Bundeskanzler nicht also besser Finanzminister sein?
(Siehe auch: Postillon.)
Kurzkritik: Conrad Schnitzler – Gold
Lange nichts mehr über Musik geschrieben.
Als jemand, dem das Frühwerk Conrad Schnitzlers mit Kluster, (mittlerweile) Tangerine Dream und auch solo sehr zusagt, halte ich „Gold“ (Bandcamp, TIDAL) für ein höchst überzeugendes Album, musikalisch in der Tradition von „Blau“ und durchaus auch „Rot“ stehend, in deren Entstehungszeit ab 1974 auch dieses spät – fast dreißig Jahre später – erstmals veröffentlichte Album fällt.
Schnitzler experimentiert hier ein weiteres Mal mit allerlei elektronisch erzeugten Instrumenten, kurz höre ich sogar ein Akkordeon. Rhythmen und Harmonien sucht man hier freilich vergebens, „Gold“ ist ein Album der freien Form. Es zirpt, plingt und knarzt munter umher, erst in „Stück 12“ (alle Stücke sind zwar vergleichsweise kurz, jedoch auch eigentlich unbetitelt) kommt infolge der elektronischen Perkussion fast so etwas wie Tanzstimmung auf; wobei man selbst hierzu kaum tanzen kann, dazu passiert einfach zu viel. Eine orientalisch klingende Fast-Flöte improvisiert über heftigem Zwitschern und Blubbern über die quasi solierende Perkussion. Ist das Weltraumtechno? Mit dem folgenden 13. Stück, das klingt wie eine kühle, leere Fabrikhalle als Musik (langjährige Leser wissen, dass ich dieser klirrenden Kälte meist etwas abgewinnen kann), kommt auch etwas Industrial ins Spiel.
„Gold“ macht Spaß und ist enorm kurzweilig für diejenigen Menschen, die (wie ich) viele der bekanntesten Hervorbringungen der „Berliner Schule“, die oft so klingen wie eine Lavalampe aussieht, für unglaublich langweilig halten. Kein typisches Conrad-Schnitzler-Album, für mich aber (vielleicht auch deshalb) eines der besten.
Neulich bei der Strategiebesprechung des Bundesinnenministeriums
„Scheiße Bernd (die Älteren erinnern sich), die AfD wird in Umfragen immer stärker! Was sollen wir nur tun?“
„Wir könnten die Freiheit der Bürger stärken. Je weniger Staat, desto weniger wird ein AfD-Innenminister später ausrichten kö-“
„So ein Unsinn! Nein, was wir brauchen, ist – ganz im Gegenteil – noch wesentlich mehr Staat! Der Bürger muss jederzeit Angst davor haben, dass der Staat ihm die Tür eintreten könnte, und er darf auf keinen Fall einen sicheren Computer besitzen, an den der Staat nicht von außen herankommt. ‚Journalisten‘ und ‚Anwälte‘, pah. Das haben die sich doch ausgedacht. So etwas existiert gar nicht. Ihr werdet sehen: dann ist die AfD machtlos!“
„Genial!“
Thomas D – Nur Mut // „Mögen Sie Tod?“
Es ist Montag. Hallo! Zufällig sah ich dieser Tage eine Werbung für ein Produkt namens „City Light“, das wohl aus beleuchteten Werbetafeln besteht. Alles, was man über den Zustand der Menschheit in unserer postindustriellen, postironischen und postmodernen Zeit wissen muss, ist in dieser Namenswahl zu finden.
Der üble Tötungskonzern Palantir, Vertragspartner von allerlei Unrechtsregimes, schreibt „Golem“, stelle am liebsten denjenigen Menschenschlag ein, der kein Problem damit hat, dass seine „Arbeit“ Menschen tötet. Mord ist ja immer leicht toleriert, wenn man nicht dort ist, wo er stattfindet. Das ist ein bisschen wie mit der Wehrpflicht: Je weiter man von der Front entfernt in seiner Villa haust, desto großartiger findet man die Vorstellung, dass die Jugend in einem Land, das man auf der Weltkarte nicht mal annähernd verorten könnte, in den Tod geschickt wird. Man ist ja nicht die Jugend. – „Palantir“ kommt vermutlich aus einer Indianersprache und heißt ebenfalls vermutlich so viel wie „Drecksäcke“. Vermutungen zum Namen unseres allerliebsten Ministers für Verteidigung stelle ich hier im Übrigen nicht an. (Mich überrascht immer weniger, dass die Volksvertretung sich bevorzugt im gepanzerten Fahrzeug unters Volk begibt. Mich überrascht ebenfalls immer weniger, was daraus folgt.)
Quasi zum selben Thema ein gelungenes Zitat zu Reinhard Mey, das 2014 aufgeschrieben wurde, mir jedoch neulich erst begegnet ist:
Dann weigerte er sich auch noch, in komplett übersteigerten Maß an Deutschland zu leiden. Vor allem war er zu sehr Mensch und hatte zu viel Verständnis.
Medienkritik: In der dieswöchigen Folge der „Anstalt“ wird sich fast eine Stunde lang im Wesentlichen über das Wahlprogramm der sachsen-anhaltinischen AfD ausgelassen. Nun kann man dessen Inhalt nebst Partei sicherlich begründbar irgendwie nicht gut finden, aber die Implikation, dass Wahlprogramme seit 1949 irgendeine Partei nach einer Wahl noch interessieren, ist witzig. Glauben die Menschen ohne jede Ironie (zugegeben: Agitation und Ironie – zwei unvereinbare Ziele), ausgerechnet die AfD wäre, soweit es ihre Wahlversprechen betrifft, die einzige ehrliche Partei? Wenn ja: warum?
Statt keiner Angst: Nur Mut.
Guten Morgen.
(Nachtrag: Der Montagspanda war ein Duplikat. Um Verwirrung zu vermeiden, wurde er entfernt. Ich bitte um Nachsicht.)













