Archiv für die Kategorie ‘Nerdkrams’.

Hier geht’s um Software – je nerdiger, desto besser.

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Die Wirbelsäule fegen – warum?

Eins dieser Sprachwirrnisse, die mich immer wieder zu amüsieren vermögen, ist die konsequente Gleichsetzung von jmdm. etw. zukehren, -wenden mit jmdm. etw. kehren. Wenn ich, zum Beispiel, den Nachbarn den Gehweg kehre, dann meist, weil es geschneit hat. Manchmal kehre ich auch Dinge unter den Teppich oder schlicht um. Wonach mir allerdings auch noch nicht der Sinn stand, ist es, mit einem Kehrgerät anderen natürlichen oder juristischen Personen den Körper reinigend zu traktieren; um so erstaunlicher erscheint dies angesichts des Umstandes, dass es zu den normalen Tätigkeit mancher Menschen zu gehören scheint, anderen Menschen den Rücken zu kehren.

Das kann unmöglich auf Dauer gut für den Rücken sein; aber es schafft zusätzliche Arbeitsplätze im Bereich des Kehrwesens und andererseits, gleichsam als Ausgleich, des Kraftsports:

Der Bundesgerichtshof stärkt Anlegern den Rücken: (…).

Ha ha. Na ja.


„Ha ha“ mit einem „uff“ ist zudem dies:
Da bringt also ein Vater seine Tochter um, weil sie es wagt, mit einem Jugendlichen anzubandeln, was, versteht sich, eine furchtbare Tragödie ist; so weit, so wunderlich. Das Schlusswort des Vaters während der Gerichtsverhandlung hat mich allerdings noch mehr überrascht:

In seinem Schlusswort sagte der Angeklagte: „Ich habe sie getötet, um sie zu schützen.“ Er habe Angst gehabt, dass Büsra entführt werden oder ihr sonst etwas zustoßen könne.

Klar, der Bengel hat vermutlich weniger Interesse an ihr, wenn sie tot ist. Sie sollte froh sein, dass man sich so um sie sorgt!


Sonderlich intelligent wirken auch die Versuche von Drehbuchschreibern, aus nichtigem Anlass moderne Technik in ihre Handlung einzuweben, nicht immer; so wurde bspw. gestern auf RTL eine Folge der Serie Law & Order ausgestrahlt, in der unter anderem ein Blogger gespielt wurde, der eine Liste aller Kommentatoren mit ihrer jeweiligen, aufgemerkt, Loginadresse führt.

Nicht online: Mit einem Stift. In einem Buch.
So richtig analog.

Nur so als klischeehafte Frage: Wie hoch wären meine Chancen, wenn ich vermutete, der Drehbuchschreiber ist ein Konservativer über 40 Jahren, richtig zu liegen?

(Heute in’ner Uni übrigens per Zufall bemerkt: Wer wegen der Entwicklung künstlicher Intelligenz bereits jetzt Angst um seine Zukunft hat, möge sich einmal mit Cpt. Kirk unterhalten. Tipp für Gourmets: Mit Ton ist es noch eindrucksvoller.)

In den NachrichtenNerdkrams
Pong!

Da es, immerhin seit mindestens Juli 2009 bekannt, noch immer in mancherlei Neuigkeitenrubrik Erwähnung findet, ist es noch nicht zu spät, wenn ich mich nun erdreiste, selbst auch mein pikantes Gewürz einzubringen.

Die Meldung ist geradezu spektakulär: Die Universal Studios haben die Rechte an Asteroids zwecks Verfilmung erworben. Asteroids – Vertreter meiner Generation kennen das wahrscheinlich noch – war, unter Vorbehalt, der erste heimcomputertaugliche space shooter, also das ebensolche Weltraumschießspiel, der seit 1979 zahlreiche Generationen mit seinem ausgeklügelten Spielprinzip und seiner faszinierenden Grafik an den Bildschirm zu fesseln weiß:

Nach Kinoerfolgen wie Doom ist es nur logisch, dass es jetzt auch Kultspielen (wobei aber doch „Kult“ die Verehrung von eingeschworenen Geheimbünden quasi bedingt und eben das Gegenteil bedeutet, aber es verkauft sich besser als „abgelutschtes Standardspiel“) filmisch an den Kragen geht, und das Drehbuch ist ja eigentlich schon fertig. (Wird es dann eigentlich auch das Spiel zum Film zum Spiel geben, ganz in alter Covermanier, und wer wird eigentlich die Asteroiden spielen?)

Auch eine Trilogie ist denkbar:

„Asteroids – der Film“, „Asteroids 2: Froggeralarm“ (die Wahl eines Hauptdarstellers wird sicher ebenfalls recht interessant) und schließlich, als Krönung, der Abschluss unter der Regie von mindestens Steven Spielberg, ein Meisterwerk des Surrealismus‘:

PONG: Die Asteroiden schlagen zurück!

In den Hauptrollen könnten zum Beispiel Keira Knightley, Natalie Portman und Danny DeVito brillieren, die Laufzeit wird nicht unter zwei Stunden betragen, aus dem Stoff lässt sich ’ne Menge machen. Wird bei den Filmfestspielen ordentlich abräumen, jawollja.

Apropos „argh“: Als ich, über diesen Beitrag sinnierend, durch die Straßen der Stadt schlenderte, rannten mir zwei Bälger Jungexemplare Mensch über den Weg. Das laufende Spiel hieß offenbar Fangen, und so quäkte der Flüchtende der beiden Jungmenschen fröhlich: „Fang mich doch, du Eierloch!“. Ja, er sprach genau dies.

Die verwendete Bezeichnung für den Mitspieler ist so schön doof, dass man sie fortan als Leser dieses Textes bitte in seinen aktiven Wortschatz aufnehmen möge. Besten Dank.

(Oh, heute ist übrigens der internationale Frauentag. Endlich ist die Bude mal sauber. Gute Sache, dieser Tag. Die Restzeit bis zum Schnitzel- und Blowjob-Tag 2010 beträgt, abermals übrigens, nur noch etwas mehr als 5 Tage. Ich bitte um freundliche Beachtung.)

In den NachrichtenNerdkrams
Einstweilige Verfügung gegen UseNeXT

Da predigt man seit Jahren, dass man als Filesharer eine recht platinfarbene Zukunft hat, jedenfalls verglichen mit denen, die ausreichend leicht zu begeistern sind, dass sie freiwillig Geld an einen Konzern zahlen, nur um sicher Schwarzkopien herunterladen zu können, und man wird trotz aller Erfolge der Industrie müde belächelt. „eMule ist eh tot“, und das schon seit mindestens zehn Jahren, versteht sich.

Zur Abwechslung geht es jetzt auch mal anderen Anbietern an den Kragen:

Der ‚GEMA‘ ist den eigenen Angaben zufolge erneut ein großer Erfolg gegen die Betreiber des Dienstes UseNeXT gelungen. Die am 17. Februar dieses Jahres verhandelte einstweilige Verfügung gegen den Zugangsanbieter zum Usenet hat das Landgericht Hamburg nun erlassen.

Das Urteil des Landgerichts in Hamburg bringt eine erweiterte Haftung für Zugangsvermittler mit sich. Laut einer veröffentlichten Mitteilung der GEMA haften diese nicht nur wenn sie explizit auf illegale Nutzungsmöglichkeiten ihres Angebots hinweisen. Auch wenn der beworbene Dienst nicht ausreichend zum Schutz der Rechteinhaber modifiziert wird, ist von einer Haftung die Rede.

Ich halte üblicherweise nicht viel von den Entscheidungen des LGs Hamburg, das bisweilen aufgrund fragwürdiger Entscheidungen Aufmerksamkeit von eher modernen Medien erlangt, aber diesmal, ausnahmsweise, darf es sich beglückwünscht fühlen.

Einem Unternehmen, das damit wirbt, dass man über es – nach Zahlung eines geringen Obulus‘ – nahezu unbegrenzten Zugriff auf nicht geringe Mengen gratis Software habe, kann man, so meine ich, durchaus Vorsatz unterstellen. Wenn UseNeXT, dank deren/dessen Angebot das Usenet der Mehrheit der Internetnutzer wohl nur mehr als Ansammlung fragwürdiger Inhalte bekannt ist, nun gezwungen ist, Inhalte herauszufiltern, dürfte dieses Angebot deutlich an Attraktivität verlieren. (Es erscheint mir angebracht, wieder einmal auf eMule hinzuweisen; jegliches Filtern von Inhalten wäre dank dezentralen Aufbaus wirkungslos.)

Tatsächlich ähnelt das Vorgehen von Unternehmen, die den Austausch von Geld gegen Schwarzkopien fördern, weit eher der traditionellen Hehlerei als P2P-Filesharing, das ja lediglich dem unentgeltlichen Datenaustausch dient. Ich hoffe, das Beispiel des LGs Hamburg macht Schule, und die Interessensvertreter kümmern sich nunmehr verstärkt um die kommerziellen Anbieter. Filesharing ist kein Verbrechen.

„UseNeXT? Ist eh tot.“

KaufbefehleMusikNerdkramsNetzfundstücke
Gleich klatscht et, Junge.

Aus der beliebten, unregelmäßig erweiterten Reihe „sehr seltsame Softwareprodukte“:

Der ClapCommander ermöglicht die Steuerung des Betriebssystems (Windows und ein funktionierend angeschlossenes Mikrofon vorausgesetzt) mittels Klatschens, vergleichbar etwa mit der in der Popkultur, unter anderem in South Park (Staffel 2, Episode 10, bei etwa 5:00 Minuten), zitierten Klatschsteuerung für Beleuchtungseinheiten. (Der genaue Fachterminus ist mir gerade nicht bekannt, inhaltliche Ergänzungen diesbezüglich werden gern gesehen.) Ein nettes Spielzeug ist dies allemal, mit 19,95 US-Dollar auch nicht allzu teuer.


Apropos „nicht allzu teuer“; bei’en Schallgrenzen gibt’s recht prima klingende Alternative-Progressive-Rock-Metal-Musik auf die Ohren:

Lupenreiner Alternative mit reichlicher Dreingabe von Progressive und Metal. Melancholisch, stilsicher und mit ausgefeilter Rhythmik. Hier ist die Intelligenzia am rocken, hat ihren Spass und nickt anerkennend . Sauber gezupfte Gitarren, fettes Schlagzeug und die aussergewöhnliche Stimme von Sänger / Gitarristen Oliver Reinecke, die den Songs die gewisse Klasse geben. Respekt nach Karlsruhe. Zwar erinnert der Mann tatsächlich ein wenig im Stil und Phrasierung an Maynard James Keenan, aber das macht nichts. Er lebt die Songs, lässt sie wachsen und klingt außergewöhnlich.

Die Band Futile verscherbelt ihr Album 7 Nightmares im MP3-Format für lau und für zehn Euro als Gesamtkunstwerk. eMule-Freunde werden hier fündig.

Durchaus empfehlenswert.

NerdkramsNetzfundstückePiratenpartei
Keine Identicons für Andrease!

Gerade schaute ich wieder einmal in den Ordner für abgelehnte Kommentare und Verweise von anderen Webseiten und fand so heraus, dass ich unter anderem mehrfach von Ulf Hundeiker erwähnt wurde, der in seinem Beitrag ein wenig über das Muttersöhnchentum von Bushido referiert. Dabei verweist er unter anderem auch auf das Pepilog, genauer: auf einen Artikel dort, der Sidos tatsächlichen Namen zum Thema hat. (Ein Sido ist, so weit ich das mitbekommen habe, so was wie Bushido, nur anders.)

In dessen Kommentarbereich (also dem Pepilog-Kommentarbereich, nicht dem von Sido), in dem sich die Freunde seltsamer Klänge battleten gegenseitig mit nicht unbedingt allzu freundlichen Namen bedachten, wird zur leichteren Unterscheidung der Nutzer die Technik der Identicons verwendet.

Ein Identicon ist, kurz gesagt, eine computergenerierte Grafik, die aus dem Hashwert (einer Art Quersumme) der eigenen IP-Adresse berechnet wird und somit jede IP-Adresse weltweit eindeutig darstellen kann. Eine ähnliche Technik verwendet auch die Netzpräsenz, in deren Rahmen dieser Text hier erscheint; die so genannten „Gravatare“, die im Kommentarbereich neben dem eigenen Namen erscheinen, sofern man die verwendete Mailadresse kostenfrei angemeldet hat, werden allerdings nicht dynamisch erzeugt, sondern können selbst eingestellt werden. (Dies auch, weil ich die möglichen Alternativen, unter anderem eben solche Identicons, nicht sonderlich hübscher als die weiße Silhouette vor grauem Hintergrund, die als Standard-Gravatar dient, finde.)

Genug des Exkurses. Ich besuchte also das Pepilog und schaute gedankenverloren in die Grafikspalte, weil die Kommentare nun wirklich nicht sonderlich erwähnenswert schienen, bewegte mich durch die Seite, bis mein Blick an etwas haften blieb, und stutzte ein wenig, schaute noch mal hin und musste grinsen:

Gern auch noch mal in groß:

Damit mich niemand falsch versteht: Ich kenne die Swastika durchaus auch ohne knallroten, diagonal durch sie gezogenen Strich, und ich bin wahrlich weit davon entfernt, jegliche Symbolik, die man revisionistisch verstehen könnte, auch so zu verstehen, aber ein wenig wunderlich mutet mir das schon an, dass mir da noch keine empörten Aufschreie irgendwelcher Zentralräte zu Ohren gekommen sind; zumal doch diese Identicons aufgrund des verwendeten Algorithmus‘, also tatsächlich zufällig und unbeabsichtigt, alle recht ähnlich aussehen:

Sollte jetzt irgendein Leser dieses Textes und Betrachter der eingebundenen Grafiken in Personalunion ernsthaft und ohne wie auch immer geartete Ironie entsprechende Maßnahmen gegen jegliche Internetpräsenzen erwägen, die Gebrauch von dieser Technik machen, so bitte ich um eine kurze Mitteilung. Eine solche Gelegenheit zu einer Gesichtspalme kann ich nicht ungenutzt verstreichen lassen.


(Im Piratenforum rollen übrigens sozusagen Köpfe, nachdem es kürzlich zu einigen unschönen Machtspielchen gekommen war. Die Parteiführung hat die Verantwortlichen, die noch nicht freiwillig zurückgetreten waren, ihres Sonderstatus‘ enthoben und somit erste Sanktionen verhängt. Es ist, fürchte ich, aber nur noch eine Frage der Zeit, bis auch diese durchaus begrüßenswerte Entwicklung jemandem begegnet, der ihretwegen Zeter und Mordio schreit. Dabei wäre die Energie, die in solchem Kinderkram steckt, anderswo wahrlich besser aufgehoben; andererseits: Wer sich mit solchen Kleinigkeiten aufhält, stört wenigstens nicht bei der Parteiarbeit.)

MusikNerdkramsNetzfundstücke
Google Buzz: Entschuldigung, kann ja mal passieren.

Aus aktuellem Anlass folgt noch einmal ein Beitrag zum Thema Google, ich bitte um Nachsicht. :-)

Google hat wieder einmal eine neue Nicht-Innovation zu bieten: Das soziale Netzwerk „Buzz“, das als Facebook-Alternative angepriesen wird und den ebenfalls umstrittenen E-Mail-Dienst GMail um „soziale“ Funktionen erweitert, ist das derzeitige „kommende Ding“ für mancherlei Personen, ungeachtet der Tatsache, dass Google selbst inzwischen öffentlich „schwere Patzer“ eingestand:

Googles direkt nach dem Start heftig kritisierter Social-Networking-Dienst Buzz wird umgebaut, zum dritten Mal innerhalb von vier Tagen. Vor allem die eingebauten Datenschutz-Lecks sollen offenbar gestopft werden – allerdings nicht alle. Der Buzz-Start ist ein Desaster.

Es ist wahrlich nicht so, dass diese Meldung sonderlich überraschend käme, es ist nur erschreckend, dass aus den wiederholten Datenschutzproblemen der Google-Dienste kein Google-Nutzer (erst mal anmelden, ist von Google, ob wir’s brauchen, sehen wir dann) seine Konsequenzen zieht, obgleich es wahrlich genug Alternativen zu jedem von Googles Diensten gibt, von denen keiner für auch nur annähernd schwer wiegende Bedenken bekannt ist.

Und wer ein wahrer Googlefreund ist, der verzeiht seinem Lieblingskonzern auch Aussagen wie diese:

Man habe „schnell erkannt, dass man nicht alles ganz richtig gemacht habe“, so Jackson, „das tut uns sehr leid“.

Google verstößt mit jedem neuen Dienst gegen fast jede mir bekannte Vorstellung von Datenschutz und Privatsphäre (hat eigentlich mal einer von euch die AGB von Google Wave gelesen, in denen sinngemäß steht, Google nehme sich das Recht heraus, jedes bei Google Wave erstellte Dokument beliebig zu modifizieren und zu veröffentlichen?), und statt mal etwas daran zu ändern, versichern sie lieber, wie Leid es ihnen tue. Unglaublich.

Man stelle sich vor, wie groß der Aufschrei wäre, würde Microsoft ähnlich verfahren; die Rufe nach Zerschlagung des Konzerns trieben unüberhörbar durch die Netze. Warum Google von einigen Journalisten und den meisten Nutzern einen Freischein für gänzlich unpiratige und somit benutzerunfreundliche Unternehmensprinzipien („Don’t be evil!“ ist natürlich auch eine Frage der Perspektive) bekommt, ist für mich unverständlich. Kann einer meiner geschätzten Leser mir da weiterhelfen?


Nachtrag von 22:22 Uhr: Mir ist gerade wieder eingefallen, woran mich „Buzz“ erinnert.

„The toys are us, and we don’t even know.“

NerdkramsNetzfundstücke
Knuddelt euren Entwickler!

Weil ich über den heutigen Aufmarsch links- und rechtsradikaler Staatsfeinde schon ausreichend geschrieben hatte und ich mich über das Thema Schweiz, das noch viel Zündstoff zu bieten scheint, auch schon genug echauffierte, bleibt auch der heutige Tag hier politikfrei.

Stattdessen eine prima Aktion, die ich als Valentinstagverächter durchaus gutheißen kann:

Die FSF Europa lädt dazu ein, den morgigen Valentinstag statt für Herzchen und Blumen dafür zu verwenden, dem Entwickler bevorzugter Gratisanwendungen ein Dankeschön und/oder eine Spende zukommen zu lassen oder ihn einfach mal zu umarmen.

Natürlich nicht, ohne vorher zu fragen:

  • Send them a message thanking them for their work
  • Buy your favourite project some chocolates
  • Hug a developer (ask permission first!)
  • Buy your favourite developer a drink
  • Send a book to your favourite contributor

Ich habe mein Soll in diesem Jahr schon erfüllt. Für alle, die es mir gleich tun möchten:
Ich nehme auch Umarmungen entgegen.

Ausnahmsweise.

KaufbefehleMusikNerdkrams
Höchst erfreulicher Briefwechsel wegen eines Wikipedia-Löschantrages

Für all diejenigen meiner Leser, die sich für die Antwort auf die total spannende Frage interessieren, wie es eigentlich in meinem Posteingang aussieht, folgt hier eine kurze Antwort aus aktuellem Anlass:
Eine vortreffliche Mail landete gestern in meinem Posteingang und veranlasst mich zu einer Korrektur.

Während einer meiner zahlreichen in der deutschsprachigen Wikipedia versumpften Stunden bemerkte ich, eher zufällig, einen Löschantrag auf das Lemma The Void’s Last Stand, was einerseits gut war, denn sonst hätte sich die folgende Geschichte nicht ergeben, und andererseits geradezu danach zu schreien schien, dass ich mir das mal ansehe.

The Void’s Last Stand, ihr erinnert euch sicher, ist die Aachener Antwort auf The Mars Volta und ihr Debütalbum eine Wucht. Meine eilig hingeschmierte Lobeshymne auf diese wirre Geräuschansammlung wurde prompt auf der Internetseite der Band zitiert, und ich werde immer noch gut unterhalten, lausche ich wieder einmal den Klängen dieser Musiker; Grund genug, mich in der Löschdiskussion wie auch im Artikel selbst kreativ zu betätigen. Der Begriff „Löschipedia„, der gern für die deutschsprachige Wikipedia verwendet wird (weil’s hier eben so etwas wie Mindestvoraussetzungen für Artikel gibt und nicht jeder Schmonz enzyklopädisch wertvoll ist), ist bei ständig steigenden Artikelzahlen (es gibt natürlich auch immer weniger, was noch nicht geschrieben wurde) jedenfalls bestenfalls Bockmist.

Das Ziel der de.WP (ich kürze das jetzt mal ab) ist es keinesfalls, alles nur erdenkliche Wissen der Menschheit zu sammeln, andernfalls hätte ebenso jedes Lebewesen, über das irgendjemandem irgendetwas bekannt ist, einen eigenen Artikel verdient, mich eingeschlossen; vielmehr geht es um den Aufbau einer Enzyklopädie über Themen aus allen Fachbereichen, sei es Recht, Biologie oder Musik. Dass bloße Werbetexte ebenso keinen Platz in einem solchen Komplex bekommen sollten wie Diffamierungsaufsätze („Felix aus der 9b riecht nach Nillenkäse!“) oder nicht genehmigte Kopien urheberrechtlich geschützter Kolumnen, stellt, so sollte man meinen, keine besondere Hürde dar, und es kann doch eigentlich auch nicht allzu schwer sein, für zum Beispiel eine Musikgruppe, der man über die Grenzen des eigenen Heimatdorfes hinausgehende Bekanntheit unterstellt, Nachweise zu finden, die ihr selbige bescheinigen, und wenn doch, sollte man mal in Erwägung ziehen, dass man mit seiner Einschätzung vielleicht doch daneben lag. Schon toll, diese Wikipedia, so lange alles drinsteht, was man sucht; und fehlt etwas, bloß nicht selbst Hand anlegen, lieber warten, bis es jemand anders tut, und sich derweil darüber aufregen, dass man nie findet, was man sucht, und überhaupt, warum selbst einen Artikel schreiben, wenn keine Gegenleistung in Form von mindestens ausführlichen Dankesschreiben von den Administratoren höchstpersönlich zu erwarten ist? Das ist ja wohl das Mindeste!

An dem Beispiel so einer gemeinschaftlich erarbeiteten Enzyklopädie inklusive gemeinschaftlich erarbeitetem Regelwerk kann man die soziale Kompetenz der Mitwirkenden erkennen. Die digitale Bohème als Spiegelbild der modernen Ellenbogengesellschaft – klingt wie ein prima Buchtitel. (Eventuelle Autoren, die jetzt auf dumme Gedanken kommen, werden gebeten, sich rechtzeitig aus der Deckung zu trauen.)

Verzeihung, mir entglitt das Thema. Zeit, es wieder einzufangen:

Als ich gerade an der Verbesserung und, hoffentlich, Rettung des Artikels arbeitete, schrieb mir Sänger Jonas Wingens, der wie ich bisweilen in der progrock-dt-Mailingliste mitdiskutiert, eine Dankesmail, aus der sich ein Dialog entwickelte, in dessen Verlauf es, natürlich, auch um das bereits erwähnte Album ging. Zufällig erfuhr ich so, dass es inzwischen eine Neuauflage mit ausreichend gut lesbaren Buchstaben gibt, die, wohl weil die Produktion so großer Buchstaben übermäßig viel Geld und Arbeit kostet, nicht mehr im Eigenvertrieb für 4 Euro exkl. Versand (selbst schuld, wer meinen Kaufempfehlungen nicht rechtzeitig Folge leistet), sondern für einen etwas höheren Betrag via Long Hair Music – ein CD-Vertrieb, der auch sonst überaus gute Musik im Katalog feilbietet – erhältlich ist. Sollte nun also jemand als Neuleser hier eintreffen und meine Jahresrückschau 2009 lesen: Mein damaliger Kritikpunkt bezgl. der Schriftgröße ist hiermit nichtig.

Und jetzt bleibt zu hoffen, dass der Löschantrag in der Wikipedia abgelehnt wird. Die Entscheidung fällt demnächst.

In den NachrichtenNerdkramsNetzfundstückePolitik
Kurz verlinkt VII: Grotesk, grandios und irgendwas ohne „g“.

Grotesk: Die schwarz-gelbe Koalition überlegt sich nun ein „Löschgesetz“ statt der „Internetsperren“.

„Die gegenwärtige Bundesregierung beabsichtigt eine Gesetzesinitiative zur Löschung kinderpornografischer Inhalte im Internet“, heißt es in dem fünfseitigen Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt. Die Regierung will also ein Gesetz, aber ein anderes.

Man werde sich bis dahin „auf der Grundlage des Zugangserschwerungsgesetzes ausschließlich und intensiv für die Löschung derartiger Seiten einsetzen, Zugangssperren aber nicht vornehmen“ (…).

Das gefällt mir natürlich erstens inhaltlich, weil es das Thema Internetzensur weitgehend vom Tisch (von welchem auch immer) fegen dürfte, und zweitens propagandistisch, weil der Einfluss und der Zulauf der Piratenpartei eben offenbar doch bereits groß genug sind; ich frage mich jedoch, wie ich mir diese Gesetzesinitiative vorstellen soll, die „auf der Grundlage des Zugangserschwerungsgesetzes“ fußen soll. Es ist nicht legal, Kinderpornografie ins Internet zu stellen, und daran, dass Provider hierzulande nicht erst seit kurzem verpflichtet sind, gegebenenfalls illegale Inhalte umgehend zu entfernen, meine ich mich ebenfalls zu erinnern. Ohne Jux: Das geplante Gesetz würde mich tatsächlich mal interessieren. (Nachtrag vom 10. Februar: Wird wohl nichts mit Entwarnung, schade.)

Grandios nach all dem eintönigen Politikgeschwafel (war dann erst mal wieder mein letzter Beitrag zur Politik, isch schwör): Auf Feynsinn.org gibt es eine fiktive Kurzgeschichte zu lesen, in der die durch stundenlanges Warten auf Ereignisse verschwendete Lebenszeit einen neuen Wert bekommt. Man stelle sich vor, sie sei wie eine Parkuhr. Lesenswert!

Apropos: Außer mir scheinen sich noch zahlreiche weitere Personen über den Entschluss der Betreiber von sf.net echauffiert zu haben, „Schurkenstaaten“ auszusperren, und so hat man als Projektverwalter dort nunmehr selbst die Wahl, ob man seine Projekte auch für Nordkoreaner oder ähnliche Schurken öffnen möchte; rein rechtlich natürlich nur, wenn man kein US-Amerikaner ist – das ist, immerhin resp. leider, schon ein Fortschritt.


Und wer übrigens schon immer mal sehen wollte, wie einfach sich so ein Panzerschrank öffnen lässt, der möge hier hinklicken und sich an dem Anblick ergötzen.

In den NachrichtenMusikkritikNerdkrams
Tocotronic – Schall und Wahn

Tocotronic ist eine dieser Musikgruppen, von denen man schon mal irgendwo irgendwas gehört hat und mit denen man irgendwas assoziieren kann, selbst ohne bewusst ein Lied von ihnen zu kennen. Was mir spontan bei Tocotronic einfällt: Popkultur. Spex, musikexpress und wie sie alle heißen. Und was mir wiederum bei Popkultur einfällt: Allein das Wort schon!

Vor drei Jahren kam ich erstmals bewusst mit der Musik von Tocotronic in Berührung, begann mich mit deren frühen Alben anzufreunden. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein„, zitierte auch ich schon und empfand es schon Jahre, bevor ich das Lied kannte, wie wohl die meisten Jugendlichen bisweilen einem Herdentrieb und dem Wunsch folgend, irgendwo Anschluss zu finden. Was das für ein Genre war, war mir damals einigermaßen egal; irgendwie auffällig eigenständiges Indiegeschrammel mit deutschen Texten, die nicht immer einen Sinn ergaben, manchmal aber auch einen, der nach der Hineininterpretation einer möglichst Zeigefinger schwingenden Bedeutung geradezu zu schreien schien; „Geschrammel“ möchte ich hier übrigens keinesfalls als Wertung, lediglich als Beschreibung verstanden wissen.

Dann kam „Kapitulation“, und es stellte einen Richtungswechsel dar: Die Lieder wurden nicht länger, aber ruhiger. Nach dem Abtritt von Blumfeld schienen Tocotronic, wenngleich noch immer kaum politisch textend, ihr musikalisches Erbe antreten zu wollen, und sie machten ihre Sache gut. Stücke wie Harmonie ist eine Strategie oder das Titellied zeigten eine veränderte Band, die längere Texte und mehr Melodie auf auch weiterhin nur kurzer Laufzeit unterbrachte, und selbst ihre juvenil-aggressiven, an frühe Ton Steine Scherben erinnernden Momente (Sag alles ab) klangen irgendwie reifer und, letztlich, besser. Es blieb Geschrammel, aber auf hohem Niveau.

Und jetzt also „Schall und Wahn“. Tocotronic haben sich mit „Kapitulation“ offenbar bei den üblichen Rezensenten beliebt gemacht, und so überschlagen sich die ins Internet schreibenden Hörer quasi vor blinder Begeisterung, und die wenigsten von ihnen versuchen dabei nicht, irgendwelchen Sinn hinter offenkundig albernen Liedern wie „Bitte oszillieren Sie“ zu finden, wirkliche Verrisse gibt es nicht einmal auf Amazon.de zu lesen, wo sich sonst die Schreihälse der Rezensentenszene zu tummeln pflegen. „Schall und Wahn“ ist ein Phänomen. Peter nennt die Presseschau hierzu sinngemäß eine blinde Heldenverehrung von schwafelnden Angebern, und damit hat er vermutlich ebenso Recht wie Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow, der, nach der Bedeutung der Texte befragt, eine zu naive Herangehensweise kritisiert. (Eine der besten Antworten, die ich von einem Musiker je auf eine dumme Frage lesen durfte: „Ich finde [die Frage], ehrlich gesagt, doof.“)

Das Album ist keine Offenbarung voller kryptischer Botschaften, die entschlüsselt werden müssten. Es ist allerdings tatsächlich das am ausgereiftesten klingende Album, das Tocotronic bislang veröffentlicht haben. Der auf „Kapitulation“ eingeschlagene Weg wird weiter verfolgt und geschliffen, in den Texten ist die Weltverbesserung Nonsens („Bitte oszillieren Sie“, „Macht es nicht selbst“) und Reflexion („Im Zweifel für den Zweifel“) gewichen. Mit „Stürmt das Schloss“, ein Lied in der Tradition von „Sag alles ab“, ist auch ein krachender Ohrwurm auf dem Album zu finden. (Ist „SdS“ eine Abkürzung für „Stürmt das Schloss“, oder hat es eine tiefere Bedeutung? Ein nicht zu unterschätzender Vorteil von Liedern, deren Text man versteht, ist es ja, dass die Interpretation allein einem selbst überlassen bleibt – so kann man einem Lied gleich mehrfach etwas abgewinnen und muss dafür nicht einmal kryptische Musikmagazine kaufen.)

Tocotronic sind erwachsen geworden, und sie unterlassen es zum Glück, das auch zu zeigen. Ich nehme an, „Schall und Wahn“ wird in diesem Jahr eins der wenigen guten Indierockalben bleiben, und ich freue mich über jeden Versuch, den Gegenbeweis anzutreten. Das Album gibt es derzeit auf Deezer.com zum Probehören. Nicht übel. Gar nicht übel.

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In den NachrichtenNerdkramsNetzfundstücke
Medienkritik XXI: Sprachschuld

Eins der interessantesten Sprachbilder, die Justizberichterstattungen zieren, ist das Schuldigsprechen, das mir soeben wieder einmal auf SPIEGEL Online auffiel:

Mord an Abtreibungsarzt: Todesschütze schuldig gesprochen lautet die Überschrift. Die Vorgeschichte wird kurz erwähnt:

Acht Monate nach der Ermordung des prominenten amerikanischen Abtreibungsarztes George Tiller ist der Todesschütze von einem Gericht im US-Bundesstaat Kansas schuldig gesprochen worden.

(…) Tiller war im Mai vergangenen Jahres im Foyer seiner Kirche in Wichita erschossen worden. Der 67-Jährige hatte eine von drei Kliniken in den USA geleitet, die auf Schwangerschaftsabbrüche im fortgeschrittenen Stadium spezialisiert sind.

Die von mir hervorgehobenen Satzteile sind hier besonders interessant, denn wir lernen:

1. Ein „Todesschütze“ ist noch nicht per se schuldig.
2. US-amerikanische Ärzte besitzen eigene Kirchen.

Und so ein Mordprozess ist in den Handfeuerwaffen nicht unbedingt kritisch gegenüber stehenden Vereinigten Staaten auch sonst recht seltsam:

Er gestand in seinem Prozess, den Arzt im Eingangsbereich der Kirche erschossen zu haben, bekannte sich aber nicht schuldig, weil der Mord an dem Abtreibungsarzt in seinen Augen gerechtfertigt war. Er habe Tiller davon abhalten wollen, „weitere Babys zu töten“. Er bereue die Tat nicht.

Daraus ergeben sich wiederum zwei Folgerungen:

1. Auch ein bekennender „Todesschütze“ ist noch nicht per se schuldig.
2. Reue scheint ein nötiger Aspekt zu sein, um unschuldig zu morden.

Bei SPIEGEL Online stimmt man diesem Aspekt zu, immerhin ist in Fettschrift bereits in der Einleitung zu lesen:

Der Angeklagte zeigte keine Reue vor Gericht: (…)

Hätte er es getan, was hätte sich geändert? Wäre er womöglich also nur schuld, nicht jedoch schuldig gewesen? Ich bin kein Jurastudent oder gar darüber hinaus in juristischen Fragen bewandert, jedoch hoffe ich, dass die deutsche Rechtsprechung da ein wenig undifferenzierter vorgeht. (Nachtrag: Aufklärung vom Fachmann gibt’s in den Kommentaren.)

(Apropos undifferenziert: Dieses unsägliche iPad-Dings ist nicht nur mindestens überflüssig, sondern zudem vor neunzehn Jahren schon besser da gewesen. Nur, damit sich keiner beschwert, dass ich mich zu wenig mit diesem Hype befasse. Das soll’s dann jetzt aber auch gewesen sein.)

In den NachrichtenNerdkramsPolitik
Freiheit für den Schurkenstaat!

„Ja, spinne ich denn?“, so sollte eigentlich der erste Satz dieses Artikels lauten, aber allzu leicht wollte ich es meinen Kritikern auch nicht machen, also hole ich lieber etwas weiter aus:

Wie einige meiner treuen Leser womöglich bereits bemerkt haben, bin ich Entwickler diverser SourceForge.net (sf.net, bewusst nicht verlinkt) lagen, was insbesondere für Teamarbeit einige unschätzbare Vorteile mit sich brachte. Eine der wichtigsten Eigenschaften freier Software ist eben ihre Freiheit, die nicht durch lokale Gesetze wie zum Beispiel ein allzu enges Urheberrecht eingeschränkt werden kann. Laut dem GNU-Projekt, Wegbereiter der freien Software, ist an „frei“ wie in „freier Rede“ und nicht wie in „Freibier“ zu denken, was freie Software von bloßer Freeware (also Gratisprogramme mit Lizenzbeschränkungen) unterscheidet.

Dies war eigentlich eine unumstößliche Wahrheit, die nicht zuletzt dank milliardenschwerer Förderer wie eben sf.net aufrecht erhalten werden konnte.

Nun aber haben sich die Verantwortlichen in den Vereinigten Staaten zu Wort gemeldet, die von Freiheit (Stichwort: Guantánamo) ungefähr so viel verstehen wie unsere zuständigen Minister vom Internet, und fanden es natürlich gar nicht gut, dass im eigenen Land so viel von dieser Freiheit herrscht, von der auch andere profitieren, selbst so genannte „Schurkenstaaten“, die vor einigen Jahren jemand so bezeichnete, der den USA selbst einen nicht allzu guten Leumund einfuhr; und sie schwangen also ihren längeren Hebel (was ich mir wahrlich nicht vorstellen möchte) und beschlossen ungefähr folgendes:

sf.net solle fortan den fünf Staaten Kuba, dem Iran, Nordkorea, dem Sudan und Syrien jeglichen Zugang zu den eigenen Angeboten verwehren, da dies als „Export in Schurkenstaaten“ gewertet würde, und sf.net gehorchte; nicht aus Überzeugung, versteht sich, sondern weil die GPL und vergleichbare Lizenzen eben weniger Wert besäßen als US-amerikanische Impertinenz Gesetzgebung.

Eine am Montag erfolgte Stellungnahme endete im Wortlaut so:

We regret deeply that these sanctions may impact individuals who have no malicious intent along with those whom the rules are designed to punish. However, until either the designated governments alter the practices that got them on the sanctions list, or the US government’s policies change, the situation must remain as it is.

Frei übersetzt und zusammengefasst: Tja, schade, kann man aber nichts machen; sollen halt die bösen Schurkenstaaten sich kooperativ verhalten, dann ist alles wieder in Ordnung. Es muss dann doch sein: Ja, spinne ich denn?

Von weltweit ansässigen Programmierern erstellte Webseiten, Programme und Datenbanken unterliegen seit neuestem US-amerikanischen Exportbestimmungen („[t]he specific list of sanctions that affect our users concern the transfer and export of certain technology to foreign persons and governments on the sanctions list“, Hervorhebung von mir) und dürfen nicht aus fiesen Staaten wie Nordkorea heruntergeladen werden, weil die US-amerikanische Regierung das nicht so mag?

Wer irgendetwas auf eine US-amerikanische Webseite hochlädt (Google Code, heißt es, habe ähnliche Beschränkungen eingeführt), betreibt also nicht nur Export (komisch; ich war bislang der Ansicht, „Exportieren“ hieße „hinterher isses in einem anderen Land“), sondern überträgt auch noch die Vollmacht zur Lizenzänderung auf die zuständige Regierung. Michael Manske stellt richtig fest:

Man muss sich leider fragen inwieweit man sich bei in den USA betriebenen Plattformen noch des „Open“ in Open Source sicher sein kann.

Da bleibt es einem nur noch übrig, sich an den Kopf zu fassen, langsam bis 10 zu zählen und den geordneten Rückzug anzutreten. Mehrere Entwickler haben bereits Konsequenzen gezogen, ich meinerseits schaue mich auch bereits nach einer neuen, adäquaten Heimat für die letzten meiner dort verbliebenen Projekte um.

Ich rate allen Lesern, die ebenfalls unter einer freien Lizenz entwickeln, dazu, es mir gleichzutun. Freie Software ist kein Politikum, und sie darf es niemals werden. Und das Wichtigste ist: Freiheit gilt auch für „Schurkenstaaten“.

Um das zu erkennen, muss man wahrlich kein Schurke sein.

In den NachrichtenNerdkramsNetzfundstücke
Kurz verlinkt V: Von weltlichen Werten, Weltkonzernen und Weltsprachen

Weltliche Werte halten Einzug in das „Web 2.0“, das Netz, in dem man intimste Details mit „Freunden“ teilt oder zumindest mit irgendwelchen Leuten, die in einer „Freundesliste“ stehen; im Zweifel also mit der ganzen Welt. Und weil man ja nichts zu verbergen hat und man die „neue“ Technik gern dazu nutzt, Menschen gleicher Interessen kennen zu lernen, hat man in den USA einen neuen Trend der dortigen Netzbewohner aufgespürt:

Dank Blippy können Nachbarn und Freunde im Internet sehen, was der Einzelne per Kreditkarte bezahlt: Musik, Schuhe, Hotel mit der Geliebten. Das soll Spaß machen (…). Seit wenigen Tagen ist der Zugang für alle offen.

Spaß! Feiern! Gute Laune! Diese albernen bunten Hütchen aufsetzen, der Welt seine Rechnungen präsentieren und pausenlos dümmlich grinsen. (Hat irgendein verrückter Wissenschaftler eigentlich irgendwann mal Nervengas in US-amerikanische Belüftungsanlagen gekippt? Anders kann ich mir das nicht erklären.)

Der ebenfalls US-amerikanische Weltkonzern Apple wirft mal wieder ein neues, nutzloses Produkt auf den Markt, und die berichtenden Pressevertreter überschlagen sich mal wieder geradezu in Lobhudeleien. Eine Analyse des SPIEGEL-Online-Berichtes hat Nicolas Neubauer vorgenommen, die zeigt, warum man Berichterstattungen über Apple-Produkte grundsätzlich kritisch gegenüber stehen sollte. Lesenswert und amüsant.

Apropos amüsant: Ein Leser wies mich mit den Worten „selten so fremdgeschämt wie in diesem vid, und zeitgleich kriegste übelst wut“ (in Originalschreibweise) auf dieses Video hin, in dem der zur Endlagerung in Brüssel vorgesehene baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger die so genannte Weltsprache Englisch als Amtssprache der Europäischen Union (deren Mitgliedsstaaten eben immer noch mehrheitlich deutschsprachig sind, was gern vergessen wird) anpreist und seine eigenen Kenntnisse dieser Sprache demonstriert. Um Himmels Willen, möchte ich da beinahe ausrufen, nein, bitte nicht!

In den NachrichtenNerdkrams
formspring.me: Keine weiteren Fragen.

Eine der unmöglichsten Auswüchse dieses Web zweipunktnull ist derzeit der Dienst formspring.me (aus reinem Trotz ohne anklickbaren Verweis), den zwar, wieder mal, alle nutzen, aber von dem keiner so genau weiß, wofür eigentlich. Angeboten wird ein schlichtes Formular, das dazu genutzt werden soll, dem Besitzer (möglichst kurze) Fragen zu stellen; sozusagen Twitter in Dialogform.

Da die Fragen grundsätzlich anonym gestellt werden, kann man formspring.me prima nutzen, um Selbstvermarktung (Dialoge mit sich selbst) wie auch Pöbeleien an den Mann zu bringen. Welchen guten Zweck also kann dieser Dienst erfüllen?

Franziska Bluhm schrieb richtig:

Freunde fragen direkt, per Mail oder Telefon, Bekannte vermutlich auch und die meisten Internetler haben ja mittlerweile zigtausend Möglichkeiten der Kommunikation.

Was macht also den Reiz aus? Ich weiß es nicht. Vielleicht gehört erstmal ein großes Ego dazu, sich da überhaupt anzumelden. Man muss ja schließlich erst einmal davon ausgehen, dass die Welt da draußen wirklich Fragen stellen will (…).

Ich kenne selbst einige formspring.me-Nutzer, keiner davon konnte mir bisher einen brauchbaren Grund für seine Teilnahme nennen. Das häufigste Argument: formspring.me ist das kommende Ding oder vergleichbares. Die Meinungen gehen entsprechend auseinander: Die einen beklagen die mangelnde Transparenz und nennen formspring.me eine bloße Werbeaktion des Anbieters, die anderen werfen wieder mal Unsinnstermini wie „das bessere Twitter“ in den luftleeren Raum und freuen sich, dass sie endlich die Möglichkeit haben, wildfremden Menschen ihr Privatleben zu offenbaren.

Guter Vorsatz für 2010: Auch diesen Dienst erfolgreich meiden.

Ohne weiteren Kommentar zum Schluss noch meine Lieblingsnachricht der letzten Tage: Guantánamo kann noch nicht geschlossen werden, weil sie erst Geld für ein anderes Gefängnis brauchen, in dem sie dann, vermutlich, eigentlich genau das gleiche praktizieren werden.

(Der jährliche Gedanke an Heiligabend: Wer nur einmal im Jahr in die Kirche rennt und lieben Leuten Geschenke macht, hat einen Grundgedanken des Weihnachts-„Festes“ gründlich missverstanden und sollte sich schämen.)

Nerdkrams
vis, Vim, vi

Mein Vim mit deaktivierten überflüssigen Leisten beim Schreiben dieses Textes.Da ich in den letzten Tagen schon Kommilitonen, Onlineforen und das IRC damit belästigt habe, ist es nur konsequent, dass ich mich auch hier wieder einmal mit einem Thema befasse, das eher meine computeraffinen Leser interessieren dürfte und das alle anderen Besucher wahrscheinlich Augen rollend überlesen werden:

Vim ist der beste Vielzweckeditor dieses Planeten.

Ursprünglich als ein quelloffener Nachbau des inzwischen über 30 Jahre alten UNIX-Programms vi (kurz für visual) programmiert, hat sich Vim inzwischen dank des eingebauten Skriptinterpreters zu einem der flexibelsten und mächtigsten plattformunabhängigen Texteditoren gemausert, dessen Tastenkürzel längst auch in anderen Programmen genutzt werden und, einmal auswendig gelernt, die eigene Produktivität um ein Vielfaches erhöhen können. Einmal Vim, nie wieder etwas anderes. Häufig benutzte Tastenfolgen können sogar als Makro gespeichert werden, so dass auch komplexe Textänderungen durch das Drücken weniger Tasten immer wieder wiederholt werden können.

Dieser Beitrag soll dem Zweck dienen, interessierten Lesern einen kurzen Überblick über Vim unter Windows (erbitte Verzeihung für diese Einschränkung) zu vermitteln und zu zeigen, dass Bedienkonzepte aus einer Zeit, in der Tastaturen noch ganz anders aussahen und Betriebssysteme nicht selten UNIX hießen, nicht automatisch Schnee von gestern sein müssen, sondern auch heute noch viele Vorteile bieten.

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