Huch! Ein neues Jahr! Dabei war ich noch gar nicht damit fertig, das alte zu verarbeiten. Selbst in der Musikwelt war einiges los: Die von wenigstens mir gemochten 417.3 haben sich aufgelöst, die tollen Kombynat Robotron haben derweil ein neues Album veröffentlicht. Bei „Betreutes Proggen“ nörgelte Klaus Reckert, dass nach dem Veröffentlichen seiner Jahresbestenliste immer noch neue gute Musikalben rauskamen. Es bereitet mir ja immer ein bisschen mehr oder weniger heimliche Schadenfreude, dass jemand lange vor dem Ende eines Jahres eine vermeintliche „Jahresrückschau“ veröffentlicht und dann die wichtigsten Dinge gar nicht drin hat, weil das Jahr noch weitergeht und seine Liste nicht. Hihi.
Die nach einem Stück von Can benannte Motorik-Krautband You Doo Right hat mit „From the Heights of Our Pastureland“ ein schönes Album voller psychedelischem Gitarrenkrach veröffentlichen lassen, das leider ein paar Schwächen und Längen aufzuweisen hat, die den Hörgenuss doch merklich schmälern und mich unbefriedigt ließen. Schade. Außer Konkurrenz verbleiben diesmal aufgrund früherer Rezensionen die neuen Alben von Jim Haynes und faust.
Hadmut Danisch fragt, ob das „große Zeitalter“ der Musik „vorbei“ sei. Finden wir es heraus!
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Kreidler – Twists (A Visitor Arrives)Obwohl sie wieder nur noch zu dritt sind, schaffen Kreidler es, einen beständigen groove in die Tiefe gehen zu lassen.
Auf dem weitgehend instrumentalen 2024er Album „Twists (A Visitor Arrives)“ herrscht neben einem allgegenwärtigen grollenden Bassfundament ein bemerkenswertes Zusammenspiel aus der guten alten Berliner Schule – es surrt, blubbert und fiept stückweise unentwegt – und entspanntem Jazz vor. Das höre ich so in dieser Kombination auch nicht allzu oft, auch bei Kreidler war mir der Jazzanteil nie so dominant begegnet. Einen Anteil daran könnten vielleicht auch die Gastbeiträge an Posaune („Polaris“) und Saxophon („Tanger Telex“) haben. „Twists (A Visitor Arrives)“ könnte damit bereits jetzt zu meinem Lieblingsalbum von Kreidler avanciert sein. Auch mal ein schöner Start ins Jahr (zum Zeitpunkt des Hörens und der Niederschrift ist’s erst der 14. Januar).
In zwei Stücken lassen sich die drei Herren auch stimmlich unterstützen: „Loisaida Sisters“ wird von einem Herrn intoniert, der sich Khan of Finland nennt und natürlich in Berlin heimisch ist, während in „Hands“ Natalia Beridse, die, glaubt man dem Internet, als TBA (wem?) bekannt geworden ist, irgendwas über Hände erzählt. Obwohl gerade erstgenanntes Stück so nah an der zeitgenössischen Tanzpopmusik ist wie sonst kaum eines von Kreidler, verwässern die Gastbeiträge doch nicht den gesamten Eindruck. Man habe sich durch meine Empfehlungen gehört und brauche jetzt Therapie, gab man mir anlässlich der letztjährigen Rückschau zu verstehen. Für Freunde von Krautrock, 70er-Elektronik und durchaus auch zeitgenössischer anspruchsvoller Tanzmusik ist „Twists (A Visitor Arrives)“ als Therapie vielleicht durchaus geeignet. Gefallen tut’s jedenfalls schon mal.
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Schubmodul – Lost In Kelp ForestBei dem Bandnamen denkt unsereins ja entweder an leichtfüßigen Spacerock oder an schräge Krautelektronik. Beides ist nicht der Fall. Schubmodul aus Bochum spielen auf „Lost In Kelp Forest“, ihrem zweiten, bereits im Sommer 2023 aufgenommenen Album, stattdessen schwere Kost.
Ich höre Stoner‑, aber auch Postrock. Das Album ist überwiegend instrumentell, doch kommen mehrere gesprochene samples vor, die die Handlung in Form eines Radioberichts sozusagen einrahmen. Es geht offenbar um ein U‑Boot namens Renegade One (so heißt auch das dritte Stück), in dem ohne Genehmigung psychedelische Drogen aus Seetang hergestellt werden oder so. Passt schon, so klingt das Album auch. (Dass momentan – 28. Dezember – ausgerechnet die blaue Version der Platte noch bei Bandcamp zu haben ist und die nicht wasserfarbene nicht, ist zumindest bemerkenswert.)
Vergleiche für diejenigen unter meinen Lesern, die unbedingt Vergleiche brauchen: Colour Haze und God Is An Astronaut. Zwischen diesen Polen liegt die Welt von Schubmodul und sie ist farbenreich. Stoner‑, Space- und Heavy Rock geben einander hier sozusagen die Klinke in die Hand, untermalt von wunderbar atmosphärischen und immer etwas entrückten Gitarrenflächen. In dieser musikalischen Nische war 2024, so weit es meine eigene Aufmerksamkeit betrifft, gar nicht so viel los, bei Schubmodul stimmt dafür um so mehr. Volle Kraft voraus, sozusagen.
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Lustmord – Much Unseen Is Also HereLustmord ist der von deutscher Malerei inspirierte Künstlername des Walisers Brian Williams, selbst „der Gustave Doré der Musik“ (Internet), der seit 1980, nach eigener Aussage überredet von Mitgliedern von Throbbing Gristle, Aufnahmen tätigt, die klingen, wie sie heißen. Live tritt er selten auf, doch Zeit für Aufnahmen nimmt er sich bisweilen.
„Much Unseen is Also Here“, erschienen im März 2024, zu beschreiben ist schwierig. Es ist ein Album, auf dem vordergründig fast nichts passiert und hintenrum wird man traurig. Auf Bandcamp trägt das Album das Etikett „weird shit“, was als Genrebezeichnung mal passen mag, andere mögen’s dronehaltiges Dark Ambient für uns Freunde der gepflegten Langsamkeit nennen und haben damit trotzdem Recht. Es sind Geräusche ohne Gesang, ohne Rhythmus, ohne Melodie, nicht einmal wirklich mit Instrumenten (sieht man von der einzeln klagenden Oboe in „Invocation of the Nameless One“ ab). „Their Souls Asunder“, das fast zwölfminütige sechste der acht Stücke, kommt zumindest vorübergehend mit einer Stimme daher, aber leichte Kost geht trotzdem anders. Der Geist eines Mönchs beschwört wortlos die Toten.
„Much Unseen is Also Here“ ist eines dieser Alben, nach deren durchgehendem Konsum man sich fühlt, als hätte man am selben Tag die Wohnung, die Arbeitsstelle und die Liebe seines Lebens sowie zwei Zähne verloren. Immerhin: Ist eins davon wirklich passiert, dann wird es mit dem Album fast erträglicher. Warum die menschliche Psyche so funktioniert, dass genau dieser Effekt den Hörer fesselt, weiß ich nicht. Ich freue mich, dieses Album gehört zu haben, und das nicht nur, weil es jetzt vorbei ist. Ihr solltet das auch tun.
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24/7 Diva Heaven – Gift
„Whatever you do: it’s never enough“ (Rat Race)Täglich und rund um die Uhr im Divenhimmel wähnen sich die drei auf- und abgedrehten Musikerinnen von 24/7 Diva Heaven. Wie der Name schon verrät, haben wir es hier mit einer Musikgruppe aus Berlin zu tun.
Diese nahmen auf ihrem zweiten Studioalbum „Gift“ genau die Art von Musik auf, die von Berlin nicht anders zu erwarten ist: Rotziger Garagenpunk mit Grungeaffinität, natürlich auf Englisch vorgetragen, unter vier Minuten pro Lied. Dass ausgerechnet das Titellied, immerhin nominell fast dreieinhalb Minuten lang, langweilig ausgeblendet statt mit einem anständigen Ende versehen wurde, ist der einzige relevante Kritikpunkt, den ich hier hätte. Dabei nörgele ich doch so gern!
24/7 Diva Heaven klingen nach den 90ern und sehen sich selbst als in der Riot-Grrrl-Tradition stehend, sind aber trotzdem auch in der gegenwärtigen Szene gut vernetzt: Es gab etwa eine gemeinsame Tour mit den meinerseits hochgeschätzten Team Scheisse, auf „Gift“ wiederum ist (in „These Days“) Arnim Teutoburg-Weiß von ausgerechnet den Beatsteaks am Mikrofon zu hören. Das macht aber nichts. „Gift“ ist ein ziemlich rundes Ding (also nicht die Tonträger jetzt, wobei: die natürlich auch) geworden, das die vornehme Zurückhaltung einer Diva nicht etwa schlicht vermeidet, sondern sie mit Anlauf in den Arsch fickt. Ohne Gleitgel.
„Gift“ ist ein erfreulich lautes, dreckiges, kraftvolles Album, das unter all den lauten, dreckigen, kraftvollen Alben des Jahres 2024 immer noch hervorragt. Dafür gibt’s meine Empfehlung.
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Present – this is NOT the endIm März 2021 ist Roger Trigaux, Gitarrist auf den ersten beiden Alben der belgischen Kammerrockband Univers Zéro, im Alter von 69 Jahren verstorben. Dieser Umstand bedeutet unumgänglich auch das Ende von Present, derjenigen Musikgruppe, die er nach seinem Ausstieg bei Univers Zéro im Mai 1979 gegründet hatte, um – im Gegensatz zur eher klassisch orientierten Musik seiner früheren Combo – das „Rock“ in „Kammerrock“ stärker zu betonen und gleichzeitig mehr Platz für seine eigenen Kompositionen zu haben.
Bis zu seinem Tod arbeitete Roger Trigaux an der hier dargebotenen Musik, die schließlich – das bis dahin letzte Studioalbum „High Infidelity“ stammt von 2001, live kam zuletzt 2009 „Barbaro (ma non troppo)“ auf den Markt – nach langer Zeit ohne Lebenszeichen der Band Anfang 2024 endlich veröffentlicht wurde. Der Titel „this is NOT the end“ sei, ließ man die Hörer wissen, ein Ergebnis des an Roger Trigaux gerichteten Drängens, mit Present dürfe es doch noch nicht vorbei sein. Dass dem nun trotzdem wohl so ist, gibt dem Titel eine zusätzliche Metaebene. Ich mag Metaebenen.
Auf dem Album – leider (wie auch die anderen Present-Alben) nicht auf Schallplatte erhältlich – sind drei Stücke zu finden, namentlich „Contre“ sowie das zweigeteilte Titelstück. Teil 2 kommt auf dem Album vor Teil 1. Das ist witzig. Musikalisch würde ich jetzt von „keinen Überraschungen“ schreiben, denn natürlich klingen Present auch nach über vierzig Jahren noch wie die schlecht gelaunte Gothicschwester von Univers Zéro. Der klassische Unterbau, der dieser Art von Musik zugrundeliegt, ist auch hier zu hören, wozu Kurt Budé (Saxophon, Klarinette und Bassklarinette) insbesondere im Titelstück, in dem es eigentlich fortwährend knarzt und brummt, einen nennenswerten Teil beiträgt, begleitet von Liesbeth Lambrecht (sonst bei Aranis) an der Violine. Dem gegenüber stehen Roger Trigaux’ schneidende Gitarre und immer wieder – doch – überraschende Ausbrüche in vermeintlich ruhigen Abschnitten. Der avantgardistische Reiz dieser Musik wird von ständigen Tempowechseln unterstrichen, wobei die Musiker es schaffen, nie ungewollt hektisch zu klingen. Manchmal greift der Bandchef zum Mikrofon und rezitiert einen Text, was im Internet mit einer französischen Version von Captain Beefheart verglichen wird. Passt schon. Keine Ahnung, was er sagt (Französisch hat mich nie interessiert), aber es ist hinreichend gut in die Musik eingebunden, dass es mir eigentlich auch völlig egal ist.
Zum Ende des Albums, in der zweiten Hälfte von „Teil 1“ des Titelstücks also, hin werfen die acht Musiker noch mal alles in die Waagschale, nach einer mehrminütigen orchestralen Eruption klingt das Album ruhig aus. Ein toller Abschluss für eine tolle Karriere. Schade, dass ich nie das Vergnügen hatte, diese Musik live zu erleben.
Reinhören: Amazon.de, Bandcamp.com (nur auszugsweise).
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The Messthetics and James Brandon LewisUngefähr 2016 gründeten die früheren Fugazi-Mitglieder Joe Lally und Brendan Canty gemeinsam mit dem Gitarristen Anthony Pirog, der vorher nicht bei Fugazi gewesen war, das Instrumentaltrio The Messthetics. Anders als Fugazi spielen sie unter diesem Namen eine Art Jazzpunk.
Nach zwei Alben zu dritt überraschten sie zumindest einen Teil der Musikwelt mit einer Zusammenarbeit mit dem Jazzsaxophonisten James Brandon Lewis, der mit dem James Brandon Lewis Quartet („erinnert an den musikalischen Geist von David Murray, John Coltrane oder Albert Ayler und beeindruckt durch ihre überschäumende Energie, Dringlichkeit und Kraft“) einen Deutschen Jazzpreis 2023 in der Kategorie „Band des Jahres international“ bekommen hatte, was ich gar nicht mitbekommen hatte, weil Jazz zwar interessant, aber nicht so interessant ist. Um so schöner, den Herrn jetzt doch noch kennengelernt zu haben.
Und er harmoniert prächtig mit den Messthetics, wie Liveauftritte belegen. Zu viert bringen die Musiker weiterhin instrumentalen, tanzbaren Jazzrock mit ordentlich Wumms hervor. Alles auf diesem Album macht Spaß, wenn man – wie ich – für gut gemachte gelegentliche Jazzlastigkeit nichts einzuwenden hat. Und wenn die Welt eines immer, immer zu wenig hat, dann ist es: Spaß.
Da helfe ich doch gern.
Reinhören: Amazon.de, Bandcamp.com, TIDAL.
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Goddess Limax Black – monstranz„Göttin Schnegelschwarz“, soso. Immerhin: Langsam sind sie ja, nur nicht unbedingt schleimig. Die sechs Stücke tragen Titel wie „Sabbatheske, die“ und – mit neuneinhalb Minuten Länge das aufmerksamkeitsforderndste Stück – „Die freudenreichen Geheimnisse/Die schmerzhaften Geheimnisse/Die glorreichen Geheimnisse“, zu dessen Instrumentenbeginn diverse christliche Gebete, von Avemaria bis zum Apostolischen Glaubensbekenntnis, angenehm monoton, aber mit etwas zu viel Hall vorgetragen werden. Man muss die Institution Kirche nicht mögen, um dem etwas abgewinnen zu können.
Trotz dieser quasi wie eine Monstranz (hehe) zur Schau getragenen Andächtigkeit bleibt die Fantasie erhalten: Gesang im eigentlichen Sinne gibt es hier nicht.
Die drei Österreicher in klassischer Rockbesetzung (plus Synthesizer, der, wenn mich mein Gehör nicht trügt, gern für Hintergrundklangflächen zum Einsatz kommt) nehmen sich auf ihrem bereits Anfang Januar 2024 veröffentlichten, doch bereits 2023 aufgenommenen Album „monstranz“ jede Menge Zeit, hier gibt es kaum mehr als schleppenden Doom mit mächtigen Drones. Genau das, was ich jetzt brauche!
Bisweilen wird das Grollen von schweren Gitarrenriffen zerschnitten, ohne dass diese ihm dabei wirklich Einhalt gebieten könnten. Ein unaufhaltsamer, aber zähflüssiger Mahlstrom bohrt sich ins Ohr.
„monstranz“ wirke „wie ein Versuch, inmitten all des Chaos’ Ordnung zu finden“, schrieb Raphael Lukas Genovese im März und hat damit natürlich völlig Recht.
Reinhören: Amazon.de, Bandcamp.com, TIDAL.
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Monkey3 – Welcome To The MachineVier Schweizer gehen auf’s Ganze (so hätte es früher als deutscher Film geheißen) und veröffentlichten mit „Welcome To The Machine“ im Februar 2024 ein Album, das sie selbst ein „Magnum Opus“ nennen, ein großes Werk also. Rein von der Länge her mag das stimmen, kommen Monkey3 doch mit nur fünf Stücken auf eine solide Laufzeit von fast fünfzig Minuten.
Das Titelbild des Albums zeigt ein futuristisches Dingsda im Weltall und passend hierzu nutzen die Musiker diese Laufzeit, um in gewohnt hoher Qualität außerweltliche Klangflächen zu malen. In diese Zeit drücken sie aber, wie auch auf vorherigen Alben, keinen Gesang hinein, sondern füllen sie mit treibendem Schlagzeug und singenden Gitarren. Ein „Meisterstück der psychedelischen Rockmusik“ nannte ein Rezensent irgendwo im Internet dieses Album und das ist nicht mal unbedingt übertrieben. Nach einem Science-Fiction-würdigen intro brettern die Musiker direkt los und halten das Tempo erst mal. Das wenigstens in seiner ersten Hälfte entspannt groovende „Collision“ kann die nervöse Grundstimmung des Albums nicht kaschieren und soll das wahrscheinlich auch gar nicht. Dass das Mittelstück „Kali Yuga“ in God-Is-an-Astronaut-Gewässern fischt, soll mir altem Postrockfreund ja nur recht und billig sein.
Auf „Welcome To The Machine“ gehe es, heißt es, um den Konflikt zwischen Mensch und Maschine. Den kann wohl jeder nachempfinden, der schon mal mit Linux arbeiten musste. Unter anderem in Ermangelung von Texten ist es nicht leicht, diesem Konzept inhaltlich zu folgen. Rob Walsh schlug daher vor, „Welcome To The Machine“ nicht an diesem Konzept zu messen, sondern es als das zu betrachten, was es ist: Ein durchweg gelungenes Musikalbum einer durchweg gelungenen Band. More of the same ist es sicherlich: Wer Monkey3 bestellt, der bekommt auch Monkey3. Aber wie albern wäre es, darüber zu klagen?
Reinhören: Amazon.de, Bandcamp.com (auch hier wieder nur auszugsweise), TIDAL.
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Apropos Postrock.
Deutlich langsamer als die Schweizer (ironisch, nicht?) gehen die Hamburger Halma, wiederkehrende Leser erinnern sich an sie, nach fünf Jahren ohne ein neues Album auf den vier Stücken von „Driving by Numbers“ zu Werke. Gesungen wird nicht (interessehalber: warum gibt eine Hamburger Musikgruppe einem weitgehend textlosen Album einen englischsprachigen Titel?), dafür wird ordentlich gegroovt. Dass so ein E‑Bass, hier seit einigen Jahren von Gundi Voigt bedient, ein fantastisches Melodieninstrument ist, ist in diesem Genre (allein das Wort schon!) keine unbekannte Feststellung, doch sie will auch weiterhin gemacht werden. Diese Ehre erweise ich ihr gern.
Unter dem Bass – auch mal eine interessante Schichtung – wird von Bariton- und anderer Gitarre ein dichtes Netz gewoben. Falls er mal runterfällt. Herz- und Kernstück des Albums scheint dabei der „Slow Song“ zu sein, der, mit seinem Titel in die Irre führend, gar kein Song (dt. „Singstück“), aber durchaus slow und folgerichtig dreizehn Minuten lang ist. Wer langsamer erzählt, dem sei auch mehr Zeit vergönnt. Mitten in diesem „Song“ nämlich, der Weg dahin wird treffend gepflastert, scheint die bis dahin gewohnt gemächliche Gruppe kurz zu eskalieren, sägender Noise fegt irrlichternd über das Fundament; schnell aber besinnen sich die vier Musiker wieder dessen, was sie eigentlich tun wollten, und kehren dorthin zurück, wo dann auch das letzte, das Titelstück anschließt (das zwar durchaus mit Text beginnt, aber nicht mit englischsprachigem Gesang, sondern mit anderssprachigen Wortsamples; versteh’ ich nicht), nämlich zu mitwippbarem Postrock mit krautrockigem Motorikschlagzeug. Als Verbeugung vor ihrer eigenen Geschichte und insbesondere ihren früheren Alben lassen Halma dieses Titelstück ambient ausklingen, und obwohl ich Ambientmusik schrecklich langweilig finde, fällt mir nichts ein, was ich hieran auszusetzen hätte.
Schönes Album, auch wenn’s mir etwas zu kurz vorkommt; was bei ungefähr vierzig Minuten Gesamtlaufzeit aber auch nicht mehr ist als ein Gefühl. Gefühle sind ja immer so eine Sache. Mich freut, dass es Halma noch gibt. Mögen viele weitere Alben folgen.
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Noch mal etwas Postrock, weil nur schwere Gitarren vieles, was 2024 („in 2024“, wie Menschen, deren Umgang mit Sprache einer Prügelei gleichkommt, es nennen) geschehen ist, erträglich machen konnten: Aus Russland (buh!) kommt Sergei Guselnikov und damit auch sein Einmannprojekt So Far as I Know.
Dass eine Sängerin namens Katya Zlobina, die, verrät das Internet, sonst für eine Ambientgruppe namens Vena Portae singt, im zweiten Stück, „Tana Mao“, einen mir unverständlichen Text intoniert, ist das Einzige, das mich am Album „Awe“ stört, denn auch dieses Stück ist recht ambient geraten. Ambientmusik finde ich schrecklich ermüdend. Es hält mich jedoch der Rest des Albums quasi in awe, denn die übrigen sieben Stücke, jedes – der Stilrichtung zum Trotz – unter sieben Minuten lang, wobei das Titelstück „Awe“ es nicht einmal auf derer zwei schafft, exerzieren das vorzügliche Laut-Leise-Spiel des Postrocks auf gelungene Art durch.
Natürlich gibt es auch hier Alleinstellungsmerkmale, sonst wäre das Album die Aufnahme in diese Liste nicht wert; am deutlichsten vielleicht das immer mal wieder anklingende Spiel mit der musikalischen Unsauberkeit. Das Stück „When Stars Collide and Fall Upon Us“ etwa klingt genau, wie es heißt, nämlich nach Kollision und trudelndem Absturz: auch die Gitarren brettern hier nicht nur in einem fort, sondern sie stolpern und stürzen, was ich so auch nur selten gehört habe. Von solchen Momenten gibt es auf „Awe“ (dem Album) manchen, was mir dem geneigten Postrockgeneigten selbiges Album zu empfehlen geradezu aufdrängt. Hiermit geschehen.
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Gurriers – Come and See
„I want that sentimental feeling to come right back online.“ (Des Goblin)Wir bleiben bei der Post, wechseln aber in den Punk, denn Gurriers aus Dublin sind eine erstklassige Postpunkband, stilecht mit grollendem Bass und, hier und da, Noiserock- und Shoegazestreusel, die den Kuchen „Come and See“ perfektionieren und nicht nur verzieren. Ich kam und sah (akustischerweise) und war verzückt.
Ich höre (Banause, der ich bin) Kaiser Chiefs, Fontaines D.C. und eine ordentliche Portion The Fall („Des Goblin“). Gurriers beherrschen ruhige Momente ebenso wie das Reinsteigern in die Ekstase („Sign of the Times“). Keine negativen Überraschungen, dafür positive Erfahrungen. Man solle dazu „tanzen, als würde niemand zusehen“, schreibt Julia Mason. Mach‘ ich und schweige derweil.
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Apropos Postpunk: Einen hab’ ich noch!
Aus dem Heimatland des Postpunks, genauer: aus Birmingham, stammt das Quartett Outlander. Allzu aktiv sind sie nicht, die Veröffentlichungen betreffend, seit dem Vorgängeralbum „The Valium Machine“ sind immerhin ungefähr fünf Jahre vergangen. Obwohl natürlich eine gewisse Retroartigkeit dem Stil selbst anhaftet, klingt „Acts of Harm“ erfreulich zeitlos. Ich mag das.
Entstanden sei „Acts of Harm“, lässt man die Hörer wissen, anfangs isoliert (es gab wohl irgendwo eine größere Epidemie von irgendwas), dann per Zusammenfügens des Stückwerks. Es gehe um die Versöhnung mit dem Erwachsensein und das „fragile Gleichgewicht der Normalität in der modernen Gesellschaft“. Wie passend.
In der Tat vereinen Outlander auf „Acts of Harm“ Verzweiflung mit Hoffnung beziehungsweise musikalische Kälte mit verheißungsvollen Melodien. Hier und da, gerade im letzten Teil des Albums, schlägt der Postpunk in Postrock um, Gitarrenwände eingeschlossen, aber die Grundstimmung bleibt bestehen. „Acts of Harm“ ist so grau wie sein Titelbild, aber die Wolken lichten sich immer mal wieder, um zu signalisieren, dass nicht alles trüb bleiben wird, als reichte die Musik immer mal wieder ein Seil, um sich selbst aus dem Treibsand zu ziehen. Acts of Harm? Acts of Hope. Auch ein unterschätztes Gefühl im Jahr 2024.
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The Hard Quartet
„Rustling up some liquid hash to make some colours flash“ (Heel Highway)Die Musikgruppe des Namens The Hard Quartet ist tatsächlich ein Quartett, bestehend aus Emmett Kelly, Stephen Malkmus, Matt Sweeney und Jim White, jeweils bekannt aus anderen musikalischen Zusammenhängen, wobei Malkmus’ Pavement vermutlich der bekannteste Zusammenhang sind.
Musikalisch bedient wird sich bei Gruppen wie Sonic Youth, The Velvet Underground und den Dandy Warhols: Es gibt irgendwie dreckigen, verwaschenen 70er-Jahre-Rock’n’Roll mit Lo-Fi-Attitüde und mächtig Druck auf die Ohren. Abwechslung ist trotzdem gegeben: Auf das punkige „Renegade“ etwa folgt mit „Heel Highway“ direkt ein ruhiges Stück, an anderer Stelle werden Glam Rock („Chrome Mess“) oder Hardrock („Action for Military Boys“) gewürdigt. Damit es nicht langweilig wird.
Apropos „nicht langweilig“: Gesang ist gerade bei einem von mehreren Teilnehmern gleichzeitig komponierten Album oft ein schwieriges Kriterium (regelmäßige Leser wissen, dass ich Musikalben gern mal nur deshalb nicht empfehle, weil der Vokalinterpret zu oft nicht die Klappe hält), aber die Stimme von Stephen Malkmus, der hier den Großteil des Gesangs absolviert, passt zur Musik wie Faust aufs Auge, Arsch auf Eimer oder andere Dinge, die gut zueinander passen. „The Hard Quartet“ (das Album) ist eine gelungene Verbeugung vor einer der Hochzeiten der Rockmusik und ich kann nicht mal da etwas finden, das mich stört.
Wie ärgerlich. Wie schön.
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Oranssi Pazuzu – Muuntautuja„Muuntautuja“ ist Finnisch und heißt Transformator. Entsprechend elektronisch gehen Oranssi Pazuzu auf ihrem so benannten 2024er Studioalbum zu Werke.
Ich fühle mich nicht nur einmal an Cave In erinnert, das geht beim Eröffner „Bioalkemisti“ schon los. Die erste Assoziation: Heiser intonierter Tanzmetal (oder heißt das noch „EBM“ wie früher?). Die Produktion „ersticke“ das Album auf eine nicht etwa störende, sondern sogar gefällige Art mit Verzerrungen aller Art, las ich so ähnlich anderswo und stimme zu. „Muuntautuja“ ist im Wesentlichen ein einziges Fuzzgewitter und ich mag es.
In irgendein Genre stecken lassen die Musiker das Album trotzdem nicht, das wäre auch zu langweilig. Es ist irgendwie auch Black Metal und Stoner Metal, es ist die Musik zu einem Horrorfilm, der in einer Achterbahn spielt, aber Oranssi Pazuzu erschaffen hier etwas noch Großartigeres, Atmosphärischeres, was sicher auch durch die Synthesizerflächen (das von einem fast schon sanften Rhythmus getragene „Hautatuuli“ ginge über weite Teile beinahe als Trip-Hop-Stück durch) hervorgerufen wird. Im reichlich geräuschverzierten Fastzehnminüter „Ikikäärme“ blitzt, Flügelspiel sei Dank, auch (ziemlich guter) Kammerprog hervor, der für Presentgenießer (hierzu siehe weiter oben) gar nicht so herausfordernd sein dürfte.
Mein Fazit: Eine, nun ja, krasse Scheibe. Nichts für schwache Nerven oder solche Menschen, die selbige gern behalten würden. „Muuntautuja“ sollte man als sportliche Herausforderung begreifen. Der Sport: Dazu abhotten. (Sagt man das noch, „abhotten“?) Ich fang’ schon mal an.
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Tess Parks – Pomegranate
„It feels like everyone should be dancing / maybe I should be dancing“ (Koalas)Zur Abwechslung mal wieder ein etwas ruhigeres Album von einer etwas ruhigeren Künstlerin. Tess Parks ist eine kanadische, jedoch in London wohnende Liedermacherin, die seit 2013 mittlerweile fünf Alben rausgebracht hat, wobei zwei davon mit Anton Newcombe (The Brian Jonestown Massacre) zusammen entstanden sind, „Pomegranate“ jedoch nicht. Glaubt man ihren Beiträgen in sozialen Medien, so verehrt die Künstlerin unter anderem Oasis und die Hippiekultur. Das merkt man.
Eine „Pomegranate“ nennt man hierzulande meist einen Granatapfel. Früher nahm man Granatäpfel gegen Durchfall, heute gegen schlechte Laune: „Pomegranate“ ist ein Album mit entspanntem Artpop für den Sommerabend auf der Veranda.
Den Stil nennt der Pressetext „nouveau-delic“, also neudelisch. Mit der indischen Hauptstadt hat das nichts zu tun. Ich höre natürlich Einflüsse des 90er-Pops, eine ordentliche Portion dessen, was im Radio „Classic Rock“ heißt, aber damals als Hippiemusik gemeint war, und durchaus auch Nick Cave und Leonard Cohen. Das ergibt Sinn, denn eigentlich wollte sie aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung, sofern das Internet nicht lügt (und das tut es bekanntlich nie), nie wieder Musik aufnehmen, doch haben ihre Mitmusiker, auf „Pomegranate“ sind es derer sieben, sie mit ein paar Musikvorschlägen davon überzeugt, doch weiterzumachen. Das finde ich sehr nett von ihnen. Das Album klinge, informiert der Pressetext weiter, nach Sehnsucht, Herzschmerz, aber auch Leichtigkeit und Freude. Stellt euch das mal kurz vor. Stellt ihr es euch vor? So klingt „Pomegranate“.
Möge Tess Parks ihren Antrieb nicht allzu bald wieder verlieren.
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zeug – Vessel
„The secret of joy / keeps me awake“ (D.A.R.V.O.)Mehr gute Neuigkeiten: Nach ein paar Download-EPs, zum Teil noch in anderer Besetzung – einzig Bassist und Sänger Vladislav Overchuk ist seit der ersten Demo-EP von Januar 2015 dabei -, hat das Berliner Trio zeug (konsequent klein geschrieben) endlich Leuten wie mir, die ihm schon recht früh mit der Frage nach richtigen Tonträgern auf die Nüsse gegangen sind, eine kaum in Worte zu fassende Freude gemacht und im Juni 2024 mit „Vessel“ sein erstes Vollzeitalbum auf Schallplatten rausgebracht. Schallplatten? Ja: Es sind derer zwei, wobei lediglich die vierte Seite mehr als ein Stück (nämlich „Holst“, etwas über 14 Minuten, und „Stoned in a Queer Age“, etwas unter neun Minuten lang) enthält.
Drunter machen sie’s nicht.
Ihren sowieso schon interessanten Stilmix aus Postrock, Doom und 70er-Psychedelik entwickeln zeug auf „Vessel“ weiter. Vieles, schon ab dem ersten Stück „Hydras“, atmet den Geist der Krautimprovisation. Die Texte werden weitgehend auf Englisch, zum Teil („Sete“, „D.A.R.V.O.“) auch auf Russisch gesungen, klingen aber trotzdem nicht schlecht. Das ist bei deutschen Musikgruppen ja auch nicht selbstverständlich. Klang ist den Musikern im Allgemeinen sehr wichtig: Einige Tonspuren, darunter Blechbläser, wurden im Großen Wasserspeicher in Berlin aufgenommen, um dessen besondere Klangeigenschaften zunutze zu machen. Nun bin ich kein Tontechniker und kann diese Angaben daher nicht qualifiziert überprüfen, doch als Konsument bin ich vom Ergebnis nicht weniger als begeistert.
Abseits der Beiträge von Gastmusikern wurde, informieren zeug des Weiteren, das Album ohne jede Nachbearbeitung live an Bord der MS Loretta, mithin auf der Weser, aufgenommen. Es ist nicht alles schlecht in Bremen. Zum ersten Mal deutlich zum Einsatz kommen die Bläser in den letzten Minuten des zweiten Stücks „Sete“, wo sie die Stimmen der Sänger, es scheinen hier mehrere zu sein, als Teil der anschwellenden Doomkulisse langsam ertränken. Ergibt da schon Sinn, das mit dem Schiff. „D.A.R.V.O.“ beginnt mit eineinhalb Minuten Walzengeräuschen, und kaum will man nachsehen, was da beim Abspielen schiefgelaufen ist, setzen auch schon rumpelnd Schlagzeug und Bass ein. Eine Art Verschnaufpause ist das Stück trotzdem, denn gerade nach dem aufgekratzten „Sete“ ist der eher coole Postpunk der ersten paar Minuten geradezu ein Fels in der Brandung. Dass sich schnell immer weitere Spuren dazugesellen, bis sich (wieder) das Bahn bricht, was man wohl „geordnetes Chaos“ nennen kann, versteht sich von selbst. In der zweiten Hälfte gibt es ein kleines Päuschen in Form von Kammermusik mit Fagott, bevor der finale Klagegesang dieser Plattenseite einsetzt: „Before you break me now / my hand slips out / and my head breaks out“. Mitreißend.
„Stoned in a Queer Age“ ist nicht nur das mit Abstand kürzeste, sondern auch das merkwürdigste Stück auf „Vessel“: Es beginnt (textlich und musikalisch) beinahe wie ein Schlaflied und bleibt fast vier Minuten lang so, einzig vorangetrieben von energischem Trommeln. In der zweiten Hälfte hauen zeug allerdings, wie man so schön sagt, noch mal auf die Kacke, Blechbläser und beinahe erdrückten, aber wütenden Gesang und Punkrhythmusgitarre inbegriffen. Dass zeug hier buchstäblich bis zur letzten Minute des sowieso schon ambitionierten Debütalbums sozusagen den Fuß auf dem Gas lassen, spricht für sich und für es und für sie.
Es habe Projektmittel „der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien“ gegeben, informiert die Bandcampseite zum Album. Endlich tut mal einer was. „Vessel“ ist – jedenfalls jetzt gerade – mein Lieblingsalbum des Jahres 2024. Diese Auszeichnung vergebe ich ja nicht ganz so oft (d.h. genau einmal) und will also was heißen.
Reinhören: Bandcamp.com. Reicht.
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Grundeis – Every Second an OceanDie Shoegazegruppe Grundeis aus Hamburg vereint drei Dinge, die ich mag: Shoegaze, Hamburg und einen Namen, mit dem man Wortspiele machen kann („mir geht der Arsch auf“ selbiges, zum Beispiel).
Bevor Frontfrau Laura Müller, die nur unter Zuhilfenahme ihres Namens im Internet zu finden auch nicht so leicht ist, im kommenden Februar wieder unter dem anders interessanten Namen Undinyx soliert, legt ihre Band noch schnell den Nachfolger ihres mir bisher unbekannten Debütalbums „Amygdala“, nämlich „Every Second an Ocean“, vor. Katrin Riedl vom „Metal Hammer“ findet, das Album sei zu lang (es seien immerhin 14 Stücke drauf). Das macht nichts, die etwas über 43 Minuten Zeit habe ich heute gerade noch.
Diese etwas über 43 Minuten füllen die Musiker mit einer bisweilen hypnotischen („As Close As It Gets“), manchmal ruhigen („Every Second an Ocean“), immer aber fordernden Melancholie, die breitflächig daherkommt und trotzdem (Sprachbilder in Musikrezensionen sind ja immer so eine Sache) zerbrechlich bleibt, wobei der Sängerin bemerkenswert emotionaler Stimme sicherlich ein großer Anteil an der perfekten Verzahnung von Stimmung und Musik zuteilkommt. Dass manche Wechsel etwas überraschend scheinen, so löst etwa das für The-Cure-Freunde vermutlich noch genussbietendere, schwungvolle „Ignoring People“ die letzten Klänge des den Hörer sanft wiegenden Titelstücks ab, spricht für die Klasse, die Grundeis hier beweisen.
„Zu lang“. Pfff. Der „Metal Hammer“ ist zu lang. „Every Second an Ocean“ hingegen ist genau richtig. Chapeau.
Reinhören: Amazon.de, Bandcamp.com, TIDAL.
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Mal wieder etwas Albernes zwischendurch. Das kann ich guten Gewissens kurz halten, denn „futur passé“, fünf Lieder und keine vierzehn Minuten lang, ist es auch.
Ulnaris kommen aus dem Saarland, natürlich wird auf Französisch gesungen. Dies übernimmt Élodie Brochier, namentlich das einzige Bandmitglied, zu dem das auch passt. Nun ist es ja so, dass ich mit französischsprachigem Gesang bekanntlich kaum etwas anzufangen weiß, weil ich die Sprache weder beherrsche noch mag, sieht man von der abgedrehten Avantgarde ab. So ist es auch hier, denn das, was die drei Musiker und eine Sängerin hervorbringen, muss man wohl als eine Art Avantgardepunk bezeichnen.
Im Grunde nämlich funktioniert die Musik von Ulnaris jedenfalls auf „futur passé“ so, dass Gitarre, Bass und Schlagzeug ein nur auf den ersten Blick gewöhnliches Punkfundament legen, dessen stilistische Vorhersehbarkeit aber hier gefesselt und geknebelt in den Keller gesperrt wurde. Oft hat Punk Berührungspunkte mit Ska und Reggae, der Punk von Ulnaris berührt alles. Darüber singt, flüstert und jubelt Élodie Brochier auf eine derart verspielte Weise, dass es eine wahre Freude ist.
Zu meinem Bedauern gibt es „futur passé“ nur als Download und/oder Stream, daher schreibe ich hier nicht: Was für eine verrückte, geile Scheibe! Stattdessen schreibe ich also: Was für ein verrückter, geiler Download und/oder Stream! Davon gern mehr.
Reinhören: Bandcamp.com, TIDAL.
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The Body – The Crying Out of Things
„Dreams are worthless while in the hold of what we now know“ (Last Things)Ich mag ja Musikalben, die so heißen, wie sie klingen. „The Crying Out of Things“ ist eines von ihnen.
Bert Kaempfert hat mal gesagt, er möchte „Musik machen, die nicht stört“, ich jedoch möchte Musik hören, die stört. Hier bin ich richtig aufgehoben, hier fühle ich mich wohl. Dabei beginnt es mit „Last Things“ noch beinahe harmlos, als hätten Aereogramme sich von Trent Reznor produzieren lassen. Zum Glück täuscht das.
Nahezu alles, was nach den ersten paar Momenten auf „The Crying Out of Things“ geschieht, ist nämlich das genaue Gegenteil von Harmlosigkeit, mithin ein aus elektronischer Tanzmusik, Joy-Division-Bootlegs („All Worries“) und exorzistisch wertvoller Urschreitherapie gekonnt komponierter Krach, von dem ich noch während des Hörens das dringende Bedürfnis bekam, mir erst mit einem Hammer auf die Finger zu hauen und dann die Schallplatte zu kaufen. Die ist ganz hübsch, wenn ich das richtig gesehen habe. Deutlich aus dem Rahmen fällt allenfalls das zweieinhalbminütige „The Citadel Unconquered“, das sich auch von einem der härteren Nebenprojekte von Godspeed You! Black Emperor nicht allzu schlecht machen könnte.
Irgendwo im Internet las ich, dieses Album höre sich an wie der Moment, an dem man das Bewusstsein nach einem Autounfall verliert und/oder zurückerlangt. Kann schon sein. Es ist ganz großartiger Radau für Menschen wie mich, die Musik mögen, die jede Tanzfläche augenblicklich leeren. Warum tanzen, wenn man sich auch anders abregen kann?
Gefällt mir.
Reinhören: Amazon.de, Bandcamp.com, TIDAL.
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Sleepytime Gorilla Museum – of the Last Human BeingUnd da wir gerade beim Krach waren: Nach einer längeren Pause mit vielerlei sonstigen Projekten haben Sleepytime Gorilla Museum, die von 2001 bis 2007 mit Zirkusmetal (den Begriff habe ich mir gerade ausgedacht) die Progressive-Rock-Szene zumindest nicht kalt gelassen haben, in gleicher Besetzung das seit 2011 angekündigte Album „of the Last Human Being“ mittlerweile fertiggestellt und rausgebracht.
Der frühere Perkussionist Moe! Staiano – das Ausrufezeichen scheint Teil des Namens zu sein – lässt hier als Gast im tatsächlich treibenden This-Heat-Cover „S. P. Q. R.“ noch einmal von sich hören. Ob er fehlt, wie das Internet es formuliert, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen, jedenfalls aber bekommen die übrigen fünf Musiker auch ohne ihn einen ordentlichen Rhythmus zustande. Große Veränderungen im Stil sind ohnehin ausgeblieben. Mich freut, dass Musiker auch nach über zehn Jahren mit solcher Musik nicht die Lust daran verlieren.
Modern sind immerhin die Texte: „The Gift“ etwa kritisiert die Allgegenwart von Computertechnik, die Sänger (nach wie vor Männlein und Weiblein) schlagen stattdessen vor: Geh doch mal wieder raus! (Wissen die eigentlich, wie kalt es ist?) In „Save It!“ meine ich gar Anleihen an Primus zu erkennen, aber Sleepytime Gorilla Museum bleiben trotzdem auch 2024 noch ganz sie selbst, reichlichen Geigeneinsatz eingeschlossen. Mit dem „Rose-Colored Song“ klingt das Album ebenso ruhig und unaufgeregt aus wie diese Liste.
Reinhören: Amazon.de, Bandcamp.com, TIDAL.
Reicht? Reicht. Wie 2025 das überbieten will, weiß ich nicht, aber ich hoffe, die Musiker und Produzenten betrachten das als Ansporn und nicht als ausweglose Situation. Der Musikfreund dankt’s. Alles Übrige in einem Jahr an dieser Stelle.






+1
Bei Nummer 19 passt der Titel nicht zum Text, Vessel ist bereits als Nummer 16 rezensiert worden.
Man merkt halt, dass dir das Album gefallen hat
Wieso? Da stand doch nie was anderes! …
(Ja, hat es.)