Oh! Ein Jahresbeginn! Ihr wisst, was das bedeutet, nämlich, dass es Zeit für die einzig richtige (d.h. meine) Liste der besten Musikalben des Jahres 2025 ist. Man sehe mir nach, dass ich das gestern (haha, Jahresrückblicke im November, hahaha) erschienene neue Album von Ulver trotzdem nicht rechtzeitig zu hören geschafft habe. Ich führe es daher nur der Form halber auf.
Ergänzend sei festgehalten: Die Musikgruppe Skillet Lickers, inzwischen in der vierten Generation aktiv, feiert im nun begonnenen Jahr ihren 100. Geburtstag. Die Rolling Stones sollten sich nicht so aufführen mit ihren Jubiläen.
Zur Punkmusik des Jahres 2025 erlaube ich mir – schon im April 2025, während ich diese Einleitung niederschreibe – eine desillusionierte Vorabbemerkung: Musiker, die sich in ihren Texten über das Üble auf der Welt beklagen, treiben damit, wenn sie es ein Lied lang machen, etwas Hörenswertes, wenn sie es zwei Lieder lang machen, etwas wenigstens Interessantes; aber wenn man als Musiker seine komplette Karriere auf zwei bis drei leicht mitgebrüllte Parolen beschränkt und also außer dem erkenntnisarmen „Polizei doof und Nazis schlecht“ nicht viel mitzuteilen hat, dann verschwendet man damit meine Zeit und das mag ich nicht so. Macht doch mal was mit Blumen oder Autos.
Der bis heute von vielen unterschätzte, doch inzwischen verstorbene Lou Reed sprach schon Ende der 1960er Jahre mit den Velvet Underground, was an damals zeitgenössischer Musik eine Last ist: „Cheap simian melodies, hillbilly outgush for illiterate ramblings, for cheap understanding, for mass understanding, (…) business and business and cheap, stupid lyrics and simple mass reverse while the real thing is dying“ („The Murder Mystery“). Ich wünschte, die seitdem geradezu explodierte Menge an Musik, die auf uns einprasselt, könnte wenigstens mit schierer Masse diesen Effekt umkehren. Stattdessen war es gar nicht so leicht, Behaltenswertes im Jahr 2025 zu finden – manches hatte seine Höhepunkte (so etwa „All That Is Over“ von Sprints), machte diesen Eindruck aber mit Fülltiteln zunichte, wieder anderes war einfach nur enttäuschend bis ermüdend. Mein persönliches Ergebnis dessen, was neben der überwältigenden Menge an Lächerlichkeit übrig blieb, folgt.
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Kratzen – III
„Wo ich mir Zukunft versprach / liegt nun Vergangenheit brach.“ (Immer)Kratzen, das „2017 in Köln gegründete Trio“, „verbindet Krautrock und New Wave. Sie nennen es Krautwave“ (Kratzen über Kratzen) und eigentlich könnte ich das so stehen lassen.
Motorik-Beat, New-Wave-Gitarren, Gesang mit NDW-konformem Hall; harter Tobak ist es nicht, womit ich diese Liste beginnen lasse, aber ich habe es mir auch nicht zur wesentlichen Aufgabe gemacht, möglichst vielen Lesern auf die Nüsse zu gehen, sondern, diese jährlichen Zusammenfassungen zu nutzen, um meinerseits eine Ausrede zu haben, endlich mal wieder mehr Musik zu hören. Klappt, würde ich behaupten.
Was sonst noch drinsteckt, ist Postpunk, aber das ist ja auch wieder ein weites Feld. Mehr Smiths als The Fall, das sei erklärt. Krautrockfans mögen’s hören mögen.
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Nachdem das erledigt wäre, kann es ja jetzt doch losgehen mit dem harten Tobak. Von der von mir schon an anderer Stelle empfohlenen kalifornischen Helen Scarsdale Agency kommt zerbrechlicher Industrial aus Schweden in Form des Albums „lågliv“, was Schwedisch ist und ungefähr „das Leben eines Taugenichts“ bedeutet.
Das erste der beiden fast zwanzigminütigen Stücke, „enhet / röda sten / sömngång / punkt“, klingt eingangs wie eine Phonographenaufnahme eines Kinderkarussells, die in einem Sado-Maso-Studio neben einer Metall verarbeitenden Fabrik abgespielt wird, dazu murmelt Sofie Herner etwas ins Diktaphon, das zu verstehen ich in skandinavischen Sprachen zu wenig versiert bin. Bald kommt eine gerade gestimmt werdende E‑Gitarre hinzu, bevor etwa zur Halbzeit alles in sich zusammenfällt und eine dämonische Spieluhr kurz die Führung übernimmt, bis schließlich ein panischer Mönchschor ein Regal mittels Bohrmaschine an der Wand zu befestigen beginnt und anschließend Applaus empfängt. Klingt irre? Ist es auch. Sollte ich dereinst beerdigt werden, möchte ich, dass im Rahmen der Feierlichkeiten („Trauerfeier“ ist ja auch noch so ein Wort, mit dem man in „unserem“ „Kulturkreis“ wenig anzufangen vermag) unter anderem irgendwas von dieser Plattenfirma läuft. Damit die normalen Menschen mich weniger vermissen. (Diese sind hiermit ausgeladen.)
Das zweite Stück ist anders seltsam. Stimmverfremdungsübungen unter Wasser werden begleitet von zunächst tropischer Perkussion, dann von einem kläffenden viel zu kleinen Hund, dann wieder von einer dystopischen Fabrik, woraufhin eine verstimmte Westerngitarre kurz solieren darf. Der Gitarrist flüchtet jedoch vor einem Gewitter, die Stimmverfremdungsübungen klappen aber anscheinend auch bei Gewitter. Finde ich gut.
Das Leben ist zu kurz für Musik, die nicht herausfordert. „lågliv“ fordert heraus.
Stream und Vinyl: Bandcamp.
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Anderes Land, andere Musik. Bank Myna kommen aus Paris und tragen den Namen eines südasiatischen Vogels, hierzulande eher als Ufermaina bekannt. Ihr 2025er Album „Eimuria“, angeblich live eingespielt, hingegen wurde, glaubt man dem Internet, nach einem alten Wort für Glut benannt, was irgendwie passt.
Ich höre kräftigen Postrock mit einigem Gedrone und weiblichem (und zum Glück englischsprachigem) Gesang, zumindest mich ein bisschen an Anna von Hausswolff erinnernd, was aber auch daran liegt, dass ich einfach zu wenige Vergleiche kenne, was vermutlich vor allem an mir selbst liegt. Das Internet findet, dieses Album könnte Fans von Earth und BIG|BRAVE gefallen, und weil ich Earth und BIG|BRAVE ebenfalls mag, könnte das hinkommen. „Eimuria“ ist ziemlich intensiv und damit genau das, was uns Kopfhörerhörern bisweilen den Tag versüßt.
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Pearl Handled Revolver – Tales You LosePearl Handled Revolver sind eine Gruppe von Musikern aus Großbritannien, die das selten bestellte Feld zwischen Funk, Blues, Psychedelic Rock und R’n’B zu beackern behauptet. Ihr fünftes Album sei ein „Kopfsprung in ihre tiefsten Grooves und Psychedelic-Rock-Erkundungen“, fabuliert der Pressetext. Das lässt aufhorchen.
Dieses – wohl ihr fünftes – Album atmet dann auch in der Tat den Geist der 70er. Ich höre Bluesrock mit viel Hammondorgel und gelegentliche Psychedelic-Ausbrüche (völlig zutreffend betiteltes Lied, das klingt, wie es heißt: „Junkies“). Spontan tun sich mir Assoziationen an Brother Grimm und Joe Bonamassa auf, etwas Deep Purple auch. Sänger Lee Vernon wird bisweilen mit Jim Morrison verglichen, was stimmlich schon irgendwie hinkommt und zur Musik auch passt, nur dass Pearl Handled Revolver es mit spärlich instrumentierten Spannungsbögen nicht so haben. Früher hätte man „Tales You Lose“ wohl fetzig genannt, und weil ich es mag, wie man früher geredet hat, mache ich das jetzt einfach auch.
„Pearl Handled Revolver“ ist das 2025er Album für diejenigen, die eigentlich lieber ein neues Album aus den 70ern hätten. So könnten die Doors heute klingen, taten sie aber nie.
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Nytt Land – Songs of the ShamanNytt Land, weiß die Wikipedia, sei eine „Nordic-Ritual-Folk-Band“ aus Sibirien. Der Sänger spielt nebenbei Flöte und Talharpa und nennt sich „Nordman“, zwei der fünf Musiker spielen unter anderem Maultrommel, zwei weitere wenigstens eine Trommel. Die von mir auffindbaren Texte der verschiedenen Alben sind auf Sprachen wie Altnordisch, Färöisch oder Isländisch gehalten. Wer jetzt schon keinen Bock mehr hat, der möge dieses Album überspringen.
Den Übriggebliebenen wünsche ich einen wachen Geist und die Bereitschaft für völlig Anderes, denn das werdet ihr brauchen. Die Band selbst schreibt zum Album, dort interpretierten sie, daher auch der Titel, „traditionelle schamanische Lieder oder Zaubersprüche der mandschu-tungusischen Ethno-Linguistikgruppen Sibiriens. Diese Lieder verwenden alte musikalische Techniken wie Kehlkopfgesang und Trommeln und wurden in ihrer Originalsprache aufgenommen“. Als der vermutlich nicht Einzige hier im Internet, dem das sibirische Schamanentum weitgehend unbekannt ist, der aber für das Erfahren von Naturreligionen und traditionellen Kulturen grundsätzlich empfänglich ist, respektiere ich die Ernsthaftigkeit des Unterfangens (es wurde, versichern die Musiker, darauf verzichtet, Zaubersprüche aufzunehmen, die Schaden verursachen könnten) und lausche dem, was hier zelebriert wird.
Ich möchte „Hoge Yage“, das mir noch Wochen später einen der merkwürdigeren Ohrwürmer meines Lebens bereiten sollte, exemplarisch für „Songs of the Shaman“ herausgreifen. Es beginnt mit rhythmischer Perkussion, woraufhin Sängerin „Krauka“ selbige mit Beschwörungsformeln in einer mir gänzlich unbekannten Sprache übersingt. Irgendwann setzen Maultrommel und Kehlkopfgesang im Hintergrund ein, die dieses in der Tat wie das, was ich banausenhafter Westeuropäer mir unter einem magischen Geistertanz vorstelle, klingende Ereignis begleiten, bis schließlich nach fünf Minuten nur noch ein wenig energisch stampfende Trommel übrigbleibt und dann verstummt. Ich fühle mich hinterher wie durch das Jenseits spaziert. Auch mal interessant.
Was für eine verrückte Idee. Was für ein verrücktes Album.
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Technicolor Blood – Evolution NowUnd da wir vorhin schon beim Postrock waren, machen wir mit Postpunk weiter und landen folgerichtig bei Technicolor Blood aus Montreal. Die dortige Postrockszene ist international bekannt, aber auf seinem wohl zweiten Studioalbum haben die vier Herren es sich anders überlegt.
Eine Prise Fuzz und Stoner haben sie wohlweislich aufgenommen, um das vermeintlich fertigbeackerte Feld des Postpunks wenigstens nicht mit immer denselben öden Pflanzen überwuchern zu lassen; dabei verzichten sie allerdings großteils auf ein Übermaß an Verzerrung, und auch der Gesang hält sich in der Abmischung zurück. Das Internet zieht hier Vergleiche zu den ziemlich guten Verstärker (denen aus Kentucky, nicht den anderen) und hat damit gar nicht mal Unrecht. Schwer psychedelisch (heavy psychedelic) sei dieses Album, steht anderswo, dafür ist dann aber doch zu wenig „zähes Gewaber“ (eine der schönsten Beschreibungen von Pink-Floyd-Musik, die ich je gelesen habe) enthalten. „Evolution Now“ sitzt irgendwo zwischen den Stühlen und ist deswegen interessant, es also sowohl in diese Liste aufzunehmen als auch zwischen zwei stilistisch andere Alben zu setzen erschien mir folgerichtig.
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Amplifier – Gargantuan
„I’m running from the future and the past.“ (Guilty Pleasure)Vor einigen Jahren habe ich mal irgendwo geschrieben, dass ich die (britische, nicht jedoch ihre belgischen Namensvettern) Band Placebo für schwer erträglich halte, weil ich zwar nicht unbedingt was gegen allgegenwärtige Keyboards habe, aber der elend nölige Sänger mir nicht so recht Freude bereitet. Zum Glück haben Amplifier eine andere Besetzung.
Manche eher experimentierfreudige Bands, die mit Amplifier gern mal ins New-Artrock-Wasser geworfen werden, etwa die zu Recht hochgeschätzten Oceansize und die aufgrund der Trennung vor – huch! – auch schon wieder bald zwanzig Jahren in den Neuveröffentlichungen sehr fehlenden Aereogramme, hat die Zeit sozusagen auf dem Gewissen, aber Amplifier, seit wenigen Jahren nur noch als Duo aktiv, ziehen’s seit 1999 durch. Das ist erst mal eine Leistung. Dass Steve Durose von ebendiesen Oceansize nach deren Auflösung bis 2020 auch bei Amplifier spielte, spricht im Übrigen vermutlich für sich.
Nun also „Gargantuan“. Die für Amplifier nicht unbedingt ungewöhnliche Keyboarddominanz rückt „Gargantuan“, ich habe es eingangs angedeutet, in die (sehr grobe) Nähe von Placebo, aber ohne deren ständige Fanfaren. Eingebettet wird das in eine zusehends intensivere Weltraumlandschaft; als begönne man „Gargantuan“ auf der Autobahn („Gateway“), beobachtete, wie die Umgebung zusehends futuristischer wird („King Kong“), und flöge schließlich („Long Road“) entspannt durch das All. Dass die eher alltagsorientierten Texte mit dem musikalischen Thema wenig zu tun haben, darf als egal gelten, denn darum geht es ja auch nicht immer. Zu den Keyboards gesellen sich schneidend riffende Gitarren und ein hellwaches Schlagzeug mit Bewegungsdrang. Die zwei Herren bauen hier ein monolithisches Klangungetüm auf, das für die vollständige Entzifferung vermutlich mehr Hördurchläufe braucht; fest steht, dass es reich belohnt wird.
Amplifier scheinen insofern auch 2025 noch eine gute Anlaufstelle für diejenigen Hörer zu sein, die in der Schnittmenge aus New Artrock und Spacerock nach neuen Ideen suchen. Möge es munden. (Oder wie heißt das bei Musik? Möge sie ohren?)
Stream, Download und/oder Kauf: Amazon.de, Bandcamp, TIDAL.
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Dave Schmidt, vorrangig als Sula Bassana bekannt für ungefähr zweiundfünfzig (plus/minus fünfzig) Musikprojekte aus dem weiten Bereich der psychedelischen Rockmusik, nahm 2023, glaubt man dem Internet, an einer Veranstaltung in ausgerechnet Hannover teil, in deren Rahmen eine weitere Gruppe (ein weiteres Projekt?) namens Minerall ins Leben gerufen wurde, dessen Debütalbum mit dem schier entzückenden Namen „Bügeln“ bei mir 2024 schon Montagsmusik spielen durfte. „Strömung“ ist nun das zweite Album, entstanden wohl im Rahmen derselben Aufnahmesitzung.
Dargeboten wird in den beiden Stücken zu je „ungefähr“ zwanzig Minuten Länge – nun – eine Art Motorik-Spacerock. Ein stoisches Schlagzeug, bedient übrigens von Tommy Handschick, regelmäßigen Lesern meiner fragwürdigen Texte schon mal als Teil von Kombynat Robotron begegnet, begleitet ein waberndes Geräuschungetüm, das bisweilen an Hawkwind erinnert, ansonsten aber wie ein Amalgam der musikalischen Hintergründe der beteiligten Musiker klingt.
Vierzig Minuten Kopfreise für die, die dafür keine anderen Drogen als Musik brauchen; Menschen wie mich und möglicherweise auch die, die hier immer noch mitlesen, also. Bitte, gern geschehen.
Stream (Vinyl ist gerade schwer erhältlich, existiert aber wohl auch): Bandcamp.
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mclusky – the world is still here and so are we
„Tell me you’re precious without being pissed on!“ (kafka-esque novelist franz kafka)Mal was anderes, nämlich erdiger Rock. Mclusky, derzeit anscheinend wie auch der Titel dieses Albums sowie sämtliche Stücke darauf konsequent klein geschrieben, sind eine Post-Hardcore-Band, aber davon merkt man nichts, aus Cardiff, aber davon auch nicht. Ihr neuestes, viertes Album, nämlich dieses, wurde bei Ipecac veröffentlicht, was, wie der geneigte Musikfreund weiß, als Kriterium zum Interesseschüren durchaus hinreichend ist. Eine „Schönheit“ sei das Album, etikettiert die „VISIONS“, aber klassisch schön will es gar nicht sein.
Nein, auf „the world is still here and so are we“ geht es so sumpfig zu wie einst bei den wundervollen Shellac. Hier und da („chekhov’s guns“) bricht der Crossover-Nu-Metal der frühen 2000er hervor, aber im Wesentlichen haben wir es hier mit kräftig gepfeffertem Noiserock und ebensolchen Texten (etwa in „people person“: „exploding kids can kill the mood / can kill the mood if kid explosions aren’t your heart’s desire“; der „tagesschau“ gefällt das) zu tun. Nur drei der Texte haben ein „explizite Lyrik“-Etikett, aber danach suche ich mir die Musik hier ja auch nicht aus. Textlich soll es gar keinen Spaß machen, aber musikalisch geht es gar nicht anders. Misanthroper Krach ist anders schön. „Blabbermouth“ zieht das Fazit, es sei „egal, ob irgendwer von uns versteht, was hier passiert“, wenn es doch „dermaßen gut“ klinge. Stimmt.
Nörgelei? Klar: Das Album könnte meinetwegen länger sein. Aber es ist ja vermutlich nicht das letzte.
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Das Ableben von Jon Hiseman hat seine Jazzrockcombo zum Glück nicht ihre Zelte abbrechen lassen, sondern, wie es sich anhört, erst recht befeuert. Das kennt man so ähnlich ja von Gong. Am Schlagzeug sitzt in seiner Nachfolge seit 2020 Malcolm Mortimore, einigen Lesern möglicherweise von Gentle Giant (oder jedenfalls von deren Album „Three Friends“) bekannt und auch sonst seit Jahrzehnten recht umtriebig, weiterhin an Bord sind von der „alten“ Garde seit 1969 bzw. 1970 „Clem“ Clempson (Gitarre, Keyboards), Mark Clarke (Bass) und Chris Farlowe (Gesang). So viel zu den nackten Zahlen.
„XI“, das – ätsch! – neunte Studioalbum (sofern man die zwei EPs „Bread & Circuses“ und „The Kettle“ nicht mitzählt) dieser verdienten Combo, beginnt schon mit ordentlich Groove. Chris Farlowe hat auch mit mittlerweile 85 Jahren immer noch den Soul von früher und auch sonst schließt man nahtlos an die eigene Geschichte an: der springende Herr auf dem Titelbild war so ähnlich schon auf dem Livealbum von 1971 zu sehen.
Es ist festzuhalten, dass die Musiker im Alter anscheinend ihren zweiten Frühling erfahren, denn während die letzten Studioalben bis 2014 weithin als enttäuschend wahrgenommen werden, geht es seit dem Vorgänger „Restoration“ (2022) wieder qualitativ aufwärts, und wer – wie ich – die „Valentyne Suite“ für bisher unerreicht im Schaffen Colosseums hält, der dürfte schon angesichts der Titelliste feststellen, dass hier eine fast neunminütige „English Garden Suite“ enthalten ist, die rein instrumental gehalten ist und am ehesten wie früher klingt. Natürlich sollte keine Musikgruppe auf jede Weiterentwicklung verzichten, man betrachte diesen Einwurf daher vielmehr als nostalgisches Seufzen denn als plumpe Kritik am Neuen. Um die „Suite“ herumgewoben sind zeitlose Stücke wie das eröffnende, funkige „Not Getting Through“, das jedenfalls mich an die jüngeren Uriah-Heep-Werke erinnernde „Hunters“ und die ausnahmsweise von Mark Clarke gesungene (weil wohl auch geschriebene) Bluesrockhymne „Gypsy“. Ich gebe zu, die Geschichte von Colosseum in den letzten Jahren eher vernachlässigt zu haben, und kann daher nicht mit hinreichender Treffsicherheit Vergleiche zu den vorherigen Alben ziehen, aber als für sich allein stehendes „Alterswerk“, das „XI“ wohl ist, ist es mehr als nur erfreulich.
Schön, dass das Colosseum noch steht. Es lebe (noch lange und) hoch.
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SUMAC and Moor Mother – The Film
„Seems like every time there’s a bomb, there’s a round of applause“ (Scene 5: Breathing Fire)Kratzen wir mal am anderen Extrem.
Für das Album „The Film“ hat sich das Postmetaltrio SUMAC mit der Experimentalmusikerin Moor Mother, die sonst bei der Free-Jazz-Combo Irreversible Entanglements ins Mikrofon spricht, zusammengetan. Zu hören gibt es folgerichtig eine Art Free Jazzmetal, recht frei im Rhythmus, verfeinert von besagter Musikerin, die ausweislich des Internets sowohl Synthesizer und Effektgeräte als auch das Mikrofon bedient. Gesang ist das nicht, stattdessen wird überwiegend Politisches teils ruhig, teils aufgeregt erzählt. Am Ende des zweiten Stücks, „Scene 2: The Run“, kommt Growling ins Spiel. Das macht aber wohl wer anders.
Die Grundstimmung von „The Film“ ist verstörend. Ich weiß nicht, ob es dazu tatsächlich einen Film gibt, aber ansehen würde ich mir einen solchen schon. Mich erinnert das Album streckenweise an „Lulu“, teils an „The Cherry Thing“, aber hektischer. Dass das Album in den letzten fünf Minuten trotzdem eher sanft ausklingt, macht’s zu einer runden Sache. (Sind Tonträger nicht meistens rund?) Empfehlung abseits dieser Liste: Etwas von Irreversible Entanglements zur Einstimmung hören. Dann ist „The Film“ nur folgerichtig.
Stream, Kassette, CD, Vinyl, Downloads: Amazon.de, Bandcamp, TIDAL.
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Von 2005 bis 2008 nannte sich die brasilianische Progmetalband Daydream XI stattdessen Osmium. Dies ist eine andere Gruppe, aber der Name war ja wieder frei. Diejenigen OSMIUM die im Juni 2025 ihr namenloses (oder eigenbenanntes?) Debütalbum rausbrachten, um das es hier gehen soll, sind stattdessen ein Quartett aus Berlin.
Eine Art Panikindustrial, vom Pressetext als „elektromechanischer Metal“ beschimpft, gibt es hier zu hören, hergestellt mithilfe einer Klangkulisse aus dreierlei selbst entworfenen Instrumenten, zu dem der Stimmkünstler Rully Shabara stöhnt, röchelt und schreit. Assoziationen: Nine Inch Nails, Aphex Twin, Filmmusik für Weltkriegsdokus. Da, wo es mal ruhiger wird (etwa in „Osmium 4“), quietscht und brummt es in eine metallische Kälte hinein, so dass man selbst da ein kaum erklärliches Unwohlsein verspürt. Wahrscheinlich ist das Absicht. Es gibt ein lesenswertes Interview zu den Hintergründen des hier auf Platte Gepressten, das ich hiermit als weiterempfohlen betrachte. Ausweislich der Bandcampseite zum Album wird hier erfolgreich die Grenze zwischen der Ausdrucksform von Maschinen und derjenigen von Menschen verwischt, und ich stimme zu. So ähnlich müssen Cybermen klingen, wenn die jemals diesseits von Doctor Who vorkommen sollten. (Lange dauert das wohl auch nicht mehr.)
„Osmium“ (das Album) will gar nicht gefallen und tut es nach klassischen Kriterien auch nicht. Ein anderer Rezensent schrieb irgendwo, es sei geeignet, um den Kopf zwischen zwei Popmusikalben wieder zu erden, und wahrscheinlich stimmt das. Aber so viel Popmusik höre ich gar nicht. Nein, wer Gefälliges braucht, der braucht das Gegenteil von dem hier. „Osmium“ (das Album) verlangt stattdessen dem Hörer einen Sinn für die Avantgarde ab. Zum Glück habe ich den und bin daher angetan.
Stream, Vinyl und/oder Download: Amazon.de, Bandcamp, TIDAL.
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Zahlenverrückte – dies ist übrigens das dreizehnte Album auf dieser Liste – dürfen sich entzücken lassen: Auf den sieben Stücken auf „Sin“ vertonen Ranges aus Montana die sieben Todsünden, namentlich – soweit ich das verstanden habe – Hochmut („The Falcon Cannot Hear the Falconer“), Neid („Their Eyes Sewn Shut“), Wollust („Bound To The Black Wind“), Völlerei („Three Throats“), Gier („Prodigal“), Jähzorn („The Red Mist“) und Faulheit („Idle Hands“). Hand hoch, wer noch keine von ihnen (und sei’s Wollust) jemals begangen hat. Die Platte für siebenundzwanzig US-Dollar gibt es in sieben verschiedenen Farbvarianten, den Download für sieben US-Dollar. Ihr merkt: Subtil sind die Musiker nicht.
Das gilt nicht nur für die Verpackung und die Vermarktung, sondern auch für die Musik selbst. Zu hören gibt es weitgehend energischen Postrock mit dem alten Laut-leise-Spiel. Ranges erfinden das Genre nicht neu, aber bewegen sich treffsicher in ihm wie auf einer großen Spielwiese, so dass das, was hier aus dem Kopfhörer gewittert, nicht nach Schablone klingt, sondern danach, dass hier Musiker am Werk sind, die sich abreagieren wollen und es gar nicht so ungern hätten, wenn ihr Publikum sich ihnen anschließt.
Ranges malen breitwandig, aber keine gepunkteten Bergseen, sondern reißende Sturzfluten, die alles unter sich begraben, das sich ihnen in den Weg stellt. Hochemotionale Musik für diejenigen, deren Emotionen empfänglich für Musik sind. Selten klangen Todsünden so einladend, man möchte zu ihnen abhotten, wie die jungen Leute sagen bzw. mal sagten. Ich mache das mal und empfehle unterdessen weiter.
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We Lost the Sea – A Single FlowerDie jährliche Dosis Postrock wird überdies vorangebracht von einer Gruppe, die im Rahmen dieser Rezensionsreihe seit Jahren immer mal wieder zu Gast ist, nämlich We Lost the Sea. Deren 2025er Album „A Single Flower“ beginnt zurückhaltend mit Gitarre und ein wenig begleitendem Rhythmus, bevor nach etwas über drei Minuten erstmals das einsetzt, was der geneigte Postrockfreund vermutlich bereits erwartet, nämlich das volle Breitwandkino.
We Lost the Sea gestalten auch auf „A Single Flower“ prachtvolle Klanglandschaften, die über weite Strecken einem Freund des musikalischen Frühlings gefallen könnten. (Ist ja auch bald wieder so weit.) Gesungen wird nicht, was gut ist. Der etwas plumpe Discostampfrhythmus von „Everything Here is Black and Blinding“ zieht meine Bewertung etwas runter, aber irgendwas ist ja immer und We Lost the Sea versöhnen mich ja meist schnell.
Dass ausgerechnet im mit Abstand kürzesten Stück „The Gloaming“ Sophie Trudeau (bekannt mindestens von den nicht besonders eiligen Godspeed You! Black Emperor) am Streichinstrument aushilft, ist ein Detail, das wahrscheinlich mal wieder nur ich für bemerkenswert halte. Große Überraschungen gibt es darüberhinaus nicht und das ist auch gut so. Feine Scheibe.
Stream, Download und (Vinyl ist ausverkauft, aber trotzdem) Kauf: Amazon.de, Bandcamp, TIDAL.
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Half Past Four – Finding TimeIch weiß, ich weiß, ich empfehle hier eigentlich meist nur obskuren Krach. Das liegt daran, dass mir obskurer Krach gefällt. Doch machen wir uns nichts vor: Das hier ist Pop, aber guter.
2018 erhoffte ich mir eine Fortsetzung ihres damals aktuellen Albums „Land of the Blind“. Diese liegt nun vor; der Titel „Finding Time“ ist da schon Programm. Für die, die’s damals nicht verfolgt haben, wie „gelesen“ heutzutage wohl heißt, fasse ich deren Treiben kurz zusammen: Half Past Four, ein kanadisches Quintett um die Sängerin Kyree Vibrant, die sonst was mit Filmen macht, habe sich vor ein paar Jahren, so teilt’s deren Website mit, dazu entschieden, sich vollständig dem Progressive Rock hinzugeben. Das sollte man nicht verwechseln: Das, was Musikgruppen heute machen, wenn sie versuchen, so zu klingen wie solche Musikgruppen, die in den 1970er Jahren progressive Musik gespielt haben, nennt man „Oldies“. „Retrorock“. Schlimmstenfalls, und das geht mancherseits als Beleidigung durch, „Neoprog“. (Das bedeutet nicht, dass ich Musikgruppen, die versuchen, so zu klingen wie solche Musikgruppen, die in den 1970er Jahren progressive Musik gespielt haben, unbedingt schlecht finde. Aber Wörter haben eine Bedeutung und „progressiv“ heißt „vorwärts“ und nicht „wie früher“.)
Natürlich steht auch neun Jahre nach dem Vorgänger die immer noch großartige Sängerin im Vordergrund. Auf ihrer eigenen Website zitiert sie gern Vergleiche mit Leslie Hunt, Kate Bush und Grace Slick. Lasse ich gelten. Beim Hören dachte ich gelegentlich an Lee Triffon, Kim Wilde (wieso auch immer) und – ja – auch Kate Bush, welche nicht die übelsten Drandenkkünstlerinnen sind. Die Musik dahinter, und da stimmt der Vergleich mit Leslie Hunt und damit District 97 auf mehr als eine Art, ist wohl tatsächlich als „moderner Progressive Rock“ zu begreifen: Unabhängig von den Titellängen, angesichts derer fast jeder Radio-DJ dankend abwinken würde, gibt es grundsätzlich radiotaugliche Ideen (das geht schon im eröffnenden „Tomorrowless“ los), die, damit niemand aus Versehen spontan Bock darauf bekommt, sich im Edeka an der Wursttheke anzustellen (Pawlow funktioniert), von Jazz- (man höre etwa „Branches“) und Mathrockideen durchzogen sind. „Handwerklich von höchster Qualität“ findet ein anderer Rezensent das und irrt nicht.
Mich freut, dass die Musiker wieder, nun, die Zeit gefunden haben, auch wenn wir es hier mit einem neuen Gitarristen zu tun haben, der jedoch bemerkenswerte Akzente setzt. Hoffentlich dauert das nächste Album nicht noch mal neun Jahre.
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Noch mal Jazz, diesmal nicht von alten Meistern, sondern von einem jungen (oder jedenfalls erst 1971 geborenen) Herrn, nämlich Vijay Iyer. Dieses in New York heimische, und man muss es wohl so nennen, Multitalent (die englischsprachige Wikipedia listet allein Komponist, Bandleader, Produzent, Autor und Professor auf; Jazzmusiker sind oft ein sehr eigenes Völkchen) ist nicht nur Kopf einiger Musikprojekte, sondern dann und wann auch mal gleichberechtigtes Mitglied, so auch im Trio Fieldwork, das seit 2002 vier Studioalben veröffentlichen ließ, wobei das dritte, „Door“ (2008), schon eine Weile zurückliegt. Die anderen beiden Musiker im Trio sind Tyshawn Sorey und Steve Lehman, beide selbst ausgewiesene Experten und Bandleader mit jeweils eigenem Wikipediaartikel. (Von wegen, ich hör’ immer nur obskuren Kram von Musikern, die niemand kennt…)
Hier also liegt nun das vierte Album von Fieldwork, „Thereupon“, vor. Gesungen wird nicht und das ist in Ordnung so. Das ganze Album durchzieht ein Mitwipp-Groove, dabei wird es aber nie wirklich beliebig; das Trio an Klavier, Saxophon und Schlagzeug durchzieht die neun Stücke mit einer Spielfreude, die ansteckend ist und also den Hörer (oder zumindest mich) hier und da zum Sitztanz verleitet. An traditionelle Jazzformen halten sich die Musiker eher aus Versehen, stattdessen entfachen sie einen wahren Wirbelsturm (entfacht man eigentlich Wirbelstürme?) aus Rhythmus, Melodie und gekonnt Improvisiertem, der mir durchaus mehr als einmal ein anerkennendes Nicken entlockt. Das ist Zustimmung genug.
Das und natürlich meine hiesige Empfehlung, die hiermit erteilt ist.
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La Dispute – No One Was Driving The Car
„You carved ‚Die Young‘ with a pen / in the skin below your neck“ (Steve)Den ungefähren Stil der US-Amerikaner La Dispute beschrieb ich bereits 2013, damals stellte ich „Geschepper und Geschrei“ (d.h. Screamo-Stil) fest. Es scheint sich seitdem manches geändert zu haben, denn geschrien wird hier kaum noch.
„No One Was Driving The Car“ ist das, was man wohl heutzutage ein Spoken-Word-Album nennt: Es wird viel gesprochen. Dabei klingt Sänger/Sprecher Jordan Dreyer allerdings sehr ungeduldig, als wäre die Schlange vorm Klo unerträglich lang. – In den letzten Jahren, erfährt man, sei die sonst grundsätzlich unpolitisch handelnde Band zusehends wütender geworden und das müsse jetzt raus. An den Texten, plumpe Parolen findet man hier nicht, erkennt man keine übermäßige Politisierung, wohl aber findet man in ihnen einen gewissen fatalistischen Weltschmerz. Es hat Gründe, dass auch das ein Wort ist, das es ins Englische geschafft hat.
Die Musik dazu ist gut treibend, kurzweilig im besten Sinne und bisweilen (Reinhörempfehlung: „Top-Sellers Banquet“) beinahe tanzbar. La Dispute sind hier wie The Fall auf Speed und die Pixies auf Techno, sowohl die Post als auch das Hardcore in „Post-Hardcore“. Gepaart mit der dem Album innewohnenden Verzweiflung an der Welt und dem ganzen Rest ergibt das ein gutes Stück Musik, von dem man entweder depressiv oder geradezu ansteckend fröhlich wird. Bei jedenfalls mir war’s Letzteres.
Stream, Download und/oder Tonträger (Letztere nur bei Amazon): Amazon.de, Bandcamp, TIDAL.
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Deaf Club – We Demand a Permanent State of HappinessApropos nervöse Musik.
Deaf Club klingen an Gesang und Instrumenten eigentlich fortwährend wie vom wilden Affen gebissen. Sie „verlangen“ auf ihrem zweiten Album „andauernde Glückseligkeit“ und das hört man auch. Deaf Club spielen einen fiebrigen, hochexplosiven Hardcorepunk für Menschen, die heute noch zu wenig Kaffee hatten. Dass das Coverbild des Albums die Friedensbewegung grafisch zitiert, ist ein schönes Detail, das mit dem Inhalt des Albums allerdings kaum korreliert. Friedlich ist hier gar nichts.
„Panik schürenden Punkrock“ nannte das „New Noise Magazine“ das, was Deaf Club hier anrichten, und dem ist kaum zu widersprechen. „We Demand a Permanent State of Happiness“ ist musikalisches Chaos der angenehmeren Art. Manchmal schrille (gelungene Vorabsingle: „Nihilist for Dummies“), stets aber fiese Gitarren fliegen aus dem Kopfhörer, worüber der sowieso eifrige Justin Pearson energisch ins Mikrofon schreit, während ein überdrehter Schlagzeuger die Trommelfelle windelweich prügelt. Mr. Bungle treffen auf Dillinger Escape Plan. „We Demand a Permanent State of Happiness“ gibt dem geneigten Hörer fortwährend auf die Fresse und das fühlt sich nicht mal schlecht an.
Live sei es immer besser als auf Platte, heißt es über Rockmusik. Das gehe mehr ab. Nun habe ich Deaf Club bisher nicht live gesehen, aber wenn da noch mehr geht, fürchte ich, ich muss da sowohl mal hin als auch hinterher dringend meine Ohren untersuchen lassen. Aber das wird’s wert gewesen sein.
Krasse Scheibe.
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Zatokrev – …Bring Mirrors To The SurfaceZatokrev, man ahnt es angesichts des Namens, kommen selbstverständlich – richtig – aus Basel. Zu ihren musikalischen Vorbildern gehören, glaubt man dem Internet, die großartigen Neurosis, zu Gehör bringen sie folgerichtig schweren, atmosphärischen Postmetal.
Das Album walzt sich ins Gehör wie sonst nur Bayern München durch die Bundesliga, ist dabei aber auch deutlich weniger langweilig. Dabei geben sie dem Hörer genug Zeit, sich auf das einzulassen, was ihm, man muss es wohl so ausdrücken, hier druckvoll widerfährt: Fünf der Stücke sind über neun Minuten lang. Tatkräftige Hilfe erhalten die Schweizer von Kollegen von Minsk, mit denen sie schon 2018 zusammen ihr bis dahin letztes Studiolebenszeichen, nämlich eine Split-EP, rausgebracht hatten, ebenso wie von einigen weiteren Kollegen aus der Szene. Das Gastspiel des Zeal-&-Ardor-Frontmanns Manuel Gagneux („Unwinding Spirits“) ist auf diesem Album nur als folgerichtig zu verstehen.
Beinahe aus dem Rahmen fallen dagegen die beiden sehr gegensätzlichen Stücke „Blood“ und „Faint“: Während Letzteres ein (zu kurzes, aber) wahres Noisegewitter über den unvorbereiteten Hörer einbricht, was mir als altem Krachfreund das Album ja erst so richtig veredelt, nimmt „Blood“ ab etwa der Hälfte der Laufzeit das Tempo etwas heraus. Wer zuhört und jetzt glaubt, er könne kurz verschnaufen, der möge sich damit ein bisschen beeilen, denn bereits im folgenden „The Only Voice“ geben Zatokrev wieder Vollgas.
„…Bring Mirrors To The Surface“ ist ein musikalischer Mahlstrom, von dem sich mitreißen zu lassen nicht die schlechteste Idee ist. Die Rückkehr an Land hat was Reinigendes. Ich mag das.
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TV Cult kommen aus Köln, aber verzichten zu meiner Freude auf Mundartgesang. Das kann man ja von hinreichend bekannten Musikgruppen aus Köln nicht immer behaupten.
Was Pearl Handled Revolver (siehe oben) für die 70er sind, sind TV Cult für die (besseren) 80er. Mögt ihr Joy Division und/oder Idles? Dann mögt ihr auch TV Cult. „Industry“, ihr zweites Studioalbum, klingt vor allem dreckig, heiseren Gesang gibt’s gratis obendrauf. Das Album trage, las ich anderswo, seinen Namen unter anderem, um der gewaltigen Arbeit Rechnung zu tragen, die in die Produktion des Albums geflossen ist. Kann sein.
Gut gemacht ist es auf jeden Fall: Hier und da fließen im Hintergrund des mal wütend, meist frustriert daherkommenden Rhythmusfundaments Synthesizermelodien ein (wie früher), Ohrwurmpotential hat für die, die sich jetzt schon angesprochen fühlen, sowieso vieles, wobei ich mich selbst immer wieder dabei erwische, dass ich ja eigentlich noch mal „Overpressure“ hören könnte.
„Aber das ist doch alles schon mal da gewesen!“ mögt ihr jetzt denken. Das verhält sich bei Musik ja in den letzten Jahrzehnten des Öfteren so. Aber muss denn immer alles noch nie da gewesen sein? – Innovation? Nein. Tolle Musik? Ja!
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Aus Norwegen stammt das Punkrockquartett mit dem urnorwegischen Namen LÜT. Zuvor, weiß das Internet, spielten sie seit 2010 als The Wolves zusammen, nennen sich seit 2015 LÜT und hatten zwei Alben und diverse Besetzungsänderungen hinter sich gebracht, bevor sie 2022 noch mal von vorn anfingen und nun in Originalbesetzung ein konsequent selbstbetiteltes Album aufnahmen. So weit die Geschichte.
Ein Großteil des hier Enthaltenen ist auf Norwegisch, das gut klingt, aber mir nicht geläufig ist, gesungen, eine Ausnahme ist einzig das auch noch schwächste Lied auf dem Album, „Glücksschmied“, in dem ausgerechnet Bela B., wohl selbst der Gruppe zugeneigt und mit den Die Ärzte bereits nach ihnen aufgetreten seiend, den ansonsten norwegischen Refrain auf Deutsch singt und eine einigermaßen uninteressante Strophe beisteuert. Das Lied hat es freilich nicht ganz leicht, denn LÜT machen auch in ihrer Muttersprache Spaß und gehen ab. Eine musikalische Nähe zu zeitgenössischem Deutschpunk (d.h. „Indie“) kann ich ausmachen, verstehe aber immerhin kein Wort. Dafür gibt es ziemlich viele Hummeln im Hintern.
Das Album ist tatsächlich nur etwas über eine halbe Stunde lang, aber die Zeit wird komplett durchgeprescht. Wer Ruhe haben will, der ist hier falsch. Finde ich gut und gehe dazu ab.
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Jo Montgomerie – Ephemeral RitualsVon der Helen Scarsdale Agency gab es 2025 noch mehr Gutes für die Freunde gepflegter Geräusche. Die mir zuvor unbekannte Jo Montgomerie aus Manchester etwa, dort etikettiert unter „Musique concrète“, was gar nicht schlecht passt, hat eine sieben Stücke enthaltene CD / einen sieben Stücke enthaltenden Download rausgebracht.
Wer nicht zwingend Rhythmus, Harmonie oder auch nur Melodie braucht, sondern ganz zufrieden damit ist, etwas zu haben, das den Kopf mehr befreit als ihn anzustrengen, ohne dabei in die seichte Fahrstuhl- bzw. Bügelmusik zu kippen, dem könnten die Rituale gefallen. Jo Montgomerie webt einen Geräuschteppich mit allerlei Zirpen, Phonographenpulsieren, Donnergrollen und auch mal Telefonklingeln (sehr schön: das in Übereinstimmung mit seinem Titel immer näher zu kommen scheinende „you better run“) ins Ohr des unvorbereiteten Hörers, um den sich „Ephemeral Rituals“ wie eine Blase legt und über eine – Helen-Scarsdale-Agency-erfahrene Leser haben das vermutlich schon geahnt – verlassene, aber noch voll funktionstüchtige Fabrik mitten in einer futuristischen Wüstengegend trägt, während er nach und nach nicht nur seine Ängste, sondern unweigerlich auch seine Hoffnung verliert, bevor sie ihn am Schluss (auch gut benannt: das fordernd blechern grollende „everything is silent“) wieder absetzt und verlässt, als wäre nie etwas geschehen.
Ich habe eine Schwäche für Musik wie diese. Sie hat etwas Kathartisches an sich, eine irgendwie befreiende Wirkung eben. Die milde Klaustrophobie, die damit einhergeht, ist ein Nebeneffekt, der wieder verschwindet. Was bleibt, ist Stille.
Stream, Download und/oder Kauf: Bandcamp 1, Bandcamp 2.
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Baker-Beck-Wyskida – Trzecia (Drugi)Ehemals Supergroupiges zum Schluss.
Baker-Beck-Wyskida waren Aidan Baker (Nadja u.a.), Tim Wyskida (zumindest mir vor allem von Insect Ark bekannt) und der vor der Fertigstellung des Albums verstorbene Daron Beck (Pinkish Black). Enthalten sind vier Stücke zwischen 8:18 und 14:30 Minuten, die vor allem denen gefallen dürften, die gegen instrumentales Elektronisches nichts einzuwenden haben. Baker-Beck-Wyskida erschaffen große Atmosphäre, ohne dabei so ermüdend zu werden wie weiland Tangerine Dream in ihren schwächsten Phasen.
Das dritte Stück „Dziewiåty“ poltert nach dem flächigen, hier und da auch mal spacig hüpfenden Beginn ziemlich unerwartet los. Industrial, wo man ihn nicht erwartet, ist mein liebster Industrial. Ich denke kurz an „Ravvivando“ von Faust und bin entzückt. Dem gegenüber steht das vierte und zweitlängste Stück mit dem kein bisschen verwirrenden Titel „Dziesiåty“, das ähnlich industriellen Klängen eine schwermütige Stimmung zur Seite stellt, die mich an ein Begräbnis denken lässt, dissonant unterstützt. Keine Ahnung, ob Daron Beck wusste, dass sein Ableben nicht mehr lange dauern würde, aber es würde es erklären. Zu Grabe getragen hat dieses Stück jedenfalls mindestens dieses Album.
Schön, es noch gehört zu haben.
Reicht. Ergänzungen? Gern hier drunter. Genörgel? Später vielleicht. Weiteres, wenn alles Relevante beim Alten bleibt, gibt es hier in einem Jahr.











Ach, so viele Buchstaben – und so viel Musik. Es war nicht alles schlecht in 2025. Danke!
Immer noch jedoch schreiben Menschen „in 2025“ statt „2025“. Seufz. Gern geschehen.
Ergänzung:
Cloakroom – Last leg of the human table
https://cloakroom.bandcamp.com/album/last-leg-of-the-human-table
(Hat mich ziemlich abgeholt, weil irgendwie Stoner-Downtempo-Hillbillie-Punk-Metal oder so. Genretechnisch schwer festzunageln, i like that kind of stuff.)
(16) – Guide for the misguided
https://16theband.bandcamp.com/album/guides-for-the-misguided
(Schwer, variantenreich, fett)
Unto others – Never, Neverland
(Straighter Metal/Rock mit (glaube) Sisters of Mercy-Gedächtnisgesang, läuft oft auf meinen Geräten)