Nerdkrams
Öde Events: Es droht der #35c3.

Dieser Artikel ist Teil 6 von 7 der Serie Congresskrise(n)

Nur noch wenige Wochen bis zum nächsten Gewaltexzess in Leipzig: Auch in diesem Jahr findet wieder ein „Chaos Communication Congress” statt, traditionell ein Treffen allerlei bunter Figuren; selbst Demonstranten, die wünschten, „Merkel” solle „weg”, tragen noch Jahre später stolz Shirts vom „Congress”. Man wird sehen, ob „Ahkahkah” (medial dümmlicher Spitzname für Annegret Kramp-Karrenbauer) von denselben Menschen hinsichtlich ihres Wegmüssens aufgeklärt werden wird. Ich würde mir ja wünschen, dass auch der eher linksgerichtete Block auf solchen Demonstrationen mal mit „Congress”-Klamotten statt im identitären Einheitsschwarz aufläuft. Das wäre witzig, wenn die dann einander vermöbeln.

Sie haben ja auch nichts gelernt, sie haben noch immer wenig Interesse daran, Menschen, die den Unterschied zwischen „Linux installieren” und „Hacker sein” verstehen, einen Mehrwert zu bieten, der über ein paar mäßig interessante Videos, die man später zu Hause durchskippen kann und danach entweder genervt oder gelangweilt ist, hinausgeht. In der Liste der „Events”Vorträge wäre wohl ein furchtbar trockenes Wort dafür, dass auf der Bühne ein Ödling mit einem MacBook steht und mit einem schrecklichen Akzent, denn die Vereinsmeier mögen lieber gebrochen englisches Genuschel als überzeugend vorgetragene Beiträge in einer flüssig gesprochenen Sprache, PDFs vorliest – stehen ohnehin wieder einmal ein paar Beispiele für schlechten Geschmack und vor allem geistige Distanz von der Hackerethik. Es sollte mich kaum wundern, bliebe der Saal, in dem diese erklärt wird, weitgehend leer.

Ich könnte mich jetzt positiv dazu äußern, dass es auf dem diesjährigen „Congress” ein paar Vorträge („Events”, argh) geben wird, die beruhigend viel mit dem zu tun haben, was mich ursprünglich mal zum CCC geführt hatte, nämlich diesmal tatsächlich alle in „Science” und „Security”, aber das wäre erstens nicht besonders interessant zu lesen und zweitens wurden auch diesmal die anderen tracks, vor allem „Ethics, Society & Politics”, mit Dingen vollgemacht, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht nur weiteren schönen „Science”- und „Security”-Vorträgen den Platz wegnehmen, sondern auch eine Gruppe von Menschen anzieht, die sich mit meinem Sodbrennen bestens verstehen.

Bereits am Donnerstag, dem 27. Dezember, erläutert Caro Keller das Selbstverständnis derer, die sich dort freiwillig einfinden:

Das zu leisten ist unsere Aufgabe: die Aufgabe der Gesellschaft, die Aufgabe einer antifaschistischen und antirassistischen Linken.

NSU hier, AfD da, auch Nico Semsrott darf über den „Rechtsruck”, bekanntlich sein einziges Thema, dozieren. Biste nicht „links” genug, biste keiner von uns. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie die diesjährige Nomenklatur deutscher Qualitätsmedien aufgestellt ist, aber ich fürchte, ein Trinkspiel mit dem Wort „Hackerkongress” wäre auch dieses Jahr wieder tödlich. Nüchtern ertragen das Elend aber nicht einmal die Teilnehmer selbst, was immerhin erklärt, warum in den letzten Jahren auf der Seite „Dating” im Congresswiki, auf der es grundsätzlich nicht nur ums Ficken, sondern um jede Art von Suchen und Finden geht („Hacker sucht Hardware”, „Hacker sucht Software”, „Hacker sucht Hacker” und so weiter), der Abschnitt für willige Drogenkäufer (33C3, 34C3, ältere Seiten wurden bereits aus Datenschutzgründen gelöscht) immer unter den vollsten war. Vortragen werden daher auch die Organisatoren der saudummen Aktion „AfD wegbassen”, die mit ihrem Auftritt die Hoffnung verbinden, „ein anderes, vielleicht gar neues Level von Aktivismus zu erreichen”. Welche Art von Geräuschen wohl die nächste sein wird, mit der sie Politik besingen werden?

Es soll jetzt nicht der Eindruck entstehen, dass es auf dem „Congress” bloß um „die Rechten” gehen soll, denn immerhin sind die treuesten Besucher weder Hacker noch linke „Chaoten” (so nennt Annegret Kramp-Karrenbauer diejenigen verachtenswerten Arschlöcher, die im Protest gegen das böse Geld Dinge in Hamburg angezündet haben), sondern Vertreter jener Gruppe, deren Geschlecht einen ICD-10-Code hat und über die bei Novo im September 2018 stand:

Die zu LSBTI*QA mutierte – ja entgrenzte – Formel markiert nicht mehr ein politisches, sondern ein identitäres Programm, das nicht mehr nach Politiken, nach Rechten und Rechtslagen fragt, sondern nach Einverständnis mit einer Welt, in der die Geschlechter sich auflösen, nur noch als Konstruierte scheinen – und alles abgelehnt wird, was irgendwie schlicht und ergreifend heterosexuell oder homosexuell sich äußert.

Schon wieder Identitäre! Dieser Rechtsruck ist nicht aufzuhalten, ich erwarte stündlich Berichte über organisierte Antifa-Kaffeefahrten zwecks Eierwurfs auf die Leipziger Messe. – Keine Sorge, die Geschlechtspolizei kommt auch zu Wort: Zunächst darf Anne Roth über „digitale Gewalt” reden, was nicht bedeutet, dass man einander spitze Bits an den Kopf wirft, sondern für digitale Entsprechungen (Bingo!) von „Stalking, Kontrolle, Bedrohung, Erpressung, Beleidigung, Überwachung” steht. Was hat das mit dem Geschlecht zu tun? Nun, Anne Roth wäre nicht Anne Roth, wenn sie allgemein etwas gegen „digitale Gewalt” einzuwenden hätte: Es geht nur um digitale Gewalt gegen Frauen. Diese Einschränkung muss sein, alles andere wäre nicht inklusiv, nehme ich an. Wenn ich jetzt schreibe, was ich davon halte, tauche ich in dem Vortrag bestimmt als schlechtes Beispiel auf. Am Folgetag talkt Sophie Hiltner darüber, dass Männer und Frauen verschiedene Körper haben, was in der Medizin sehr wichtig sei, will das aber anscheinend mit der Behauptung verbinden, dass ein gender als soziales Geschlecht trotzdem existiere. Ich bin unsicher, was ich davon halten soll, gucke mir also nach dem Vortrag lieber erst mal die Reaktionen auf Twitter an.

Vielleicht wird er auch am Abend schon thematisiert, denn dann findet eine Podiumsdiskussion über „feministische Perspektiven” statt, in der verschiedene Initiativen, Frauen in der Technikbranche zu empowern, Reklame für sich machen dürfen. Jeder Hacker weiß: Wenn es auch nur eine einzige Eigenschaft anderer Technikaffiner gibt, die von größter Bedeutung ist, dann ist es ihr Geschlecht. Bloß nicht nach dem Können gehen, immer schön das Geschlecht – oder, noch besser für den Ruf, die Geschlechter – in den Vordergrund stellen. Zu blöd für elementares Schaltungsverständnis sein, aber schon mittags 72 Geschlechter gehabt haben. Empowerment!

„B.Rant” hatte Recht, die Kinder des „Congresses” sind am Heranwachsen und anscheinend gerade in der Pubertät. Es wäre denkbar, ihnen, während echte Hacker tagen, irgendwo in Leipzig ein Bällebad aufzubauen oder ihnen gar eine ganz eigene Halle zu mieten, in der sie vier Tage lang Hassparolen gegen „die Nazis”, „die Männer” und gute Musik grölen können, statt sich weiter unter Wissenschaftler und Sicherheitsforscher zu mischen. Wenn das nur am Geld scheitert, wäre ich sogar zu einer Spende bereit. – Vielleicht sollten wir um den „Congress” aber auch einfach einen Schutzwall errichten. Und Mexiko wird dafür bezahlen.


Nachtrag vom 28. Dezember 2018: Auch weiterhin besteht seitens der Veranstalter kein Interesse an der Durchsetzung der Hackerethik.

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Senfecke:

  1. Ob du es glaubst oder nicht, die Teilnahme am Kongress ist komplett freiwillig. Und wenn du etwas über Rechnersicherheit und Wissenschaft lernen willst, gibt es auch andere bessere Konferenzen. Aber das Niveau wäre wahrscheinlich zu hoch für dich und du könntest deswegen auch keine Blogartikel darüber schreiben.

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