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Musik 12/2020 — Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 24 von 29 der Serie Jahres­rück­blick

Na gut, wenig­stens eine späte Musikrückschau für das schreck­liche Jahr 2020 gibt es — nur ger­ingfügig ver­spätet — doch noch. Man verzei­he mir, dass sie kürz­er ist als son­st — bei eini­gen anderen Alben kon­nte ich nicht an mich hal­ten und ließ mich zu ein­er Rezen­sion prae­cox hin­reißen. Man wüh­le in der Blogkat­e­gorie, so’s gefällt: Von Eminem über das gar nicht so geschriebene Kom­by­nat Robot­ron bis hin zu — obwohl deutschsprachiger Gesang nach­weis­lich krank macht — den Die Ärzte war stilis­tisch alles Notwendi­ge dabei, sog­ar ein biss­chen Postrock. Mir sei verziehen, dass ich auf verän­derte Hörge­wohn­heit­en auch dies­mal keine Rück­sicht nehme: Ist ein Stück länger als vier Minuten, so wird es hier trotz­dem zum Rein­hören emp­fohlen; nicht (nur), weil ich Sadist bin, son­dern auch, weil ich Musik mag.

Und zwar fol­gende:

  1. Toundra — Das Cab­i­net des Dr. Cali­gari

    “Das Cab­i­net des Dr. Cali­gari”, weiß die Wikipedia, sei “ein deutsch­er Hor­ror­film von Robert Wiene aus dem Jahr 1920”, den ich aber nie gese­hen habe, weil mich Hor­ror­filme schon hin­sichtlich ihrer beab­sichtigten Wirkung nicht inter­essieren. Wohl aber inter­essiere ich mich für Musik. Es verbinden bei­des miteinan­der aber unter anderem Toundra aus Madrid, die das hun­dertjährige Jubiläum des Films genutzt haben, um ihn noch mal anders zu ver­to­nen.

    Der Film beste­ht aus sechs Akten und der Titelse­quenz, eben­so ist auch dieses Album aufgeteilt, denn es soll als Begleitung des­sel­ben wiedergegeben wer­den (hierzu siehe “Rein­hören”). Zu hören gibt es “Film-Musik” im Wortsinne, wobei auch das genre — ich glaube immer noch nicht an die Exis­tenz von Gen­res — passt, denn Toundra spie­len seit ihrer Grün­dung im Jahr 2007 meist instru­men­tal­en Postrock mit gele­gentlichen Aus­flü­gen in den Post­met­al, also mit etwas verz­er­rteren Gitar­ren, etwas lauterem Bass und etwas hek­tis­cherem Schlagzeug. Ein Rezensent im Inter­net fand “Das Cab­i­net des Dr. Cali­gari” (das Album) lang­weilig, ich finde es wenig­stens ungewöhn­lich, denn das vorherse­hbare Laut-leise-Spiel ste­ht hier zugun­sten der Syn­chronität von Bild und Ton zurück, wofür man wahrschein­lich dann doch gle­ichzeit­ig den Film sehen muss.

    Rein­hören: Auf Vimeo wer­den Film und Album zugle­ich abge­spielt, anson­sten gibt es das Album natür­lich auch in Schnipseln auf Amazon.de und in Gänze per TIDAL.

  2. Heads. — Push

    Heads. — der Punkt gehört zum Namen — aus Berlin (und Aus­tralien) sind namentlich ein Symp­tom der mod­er­nen Zeit, die Köpfe über Inhalt stellt. Trotz­dem ist der Inhalt gar nicht mal furcht­bar: Ich höre Nois­e­rock mit deut­lichem britis­chem Akzent im Gesang. Glob­al­isierung wirkt.

    Der Anfang (“Emp­ty Towns”), der als reprise im let­zten Stück nochmals aufge­grif­f­en wird, wirkt bedrohlich, kommt aber fast irreführend san­ft daher. Nach ein­er über­raschen­den Welle aus Noise, Met­al und Post­punk drosselt die Band mit dem Indie-Rock-Lied “Loy­al­ty” das Tem­po wieder etwas herunter. Die etwas nölige Stimme des Sängers stört mich ein biss­chen, aber Lou Reed hat es ja auch in meinen Plat­ten­schrank geschafft. Der Ver­gle­ich sei unfair, heißt es jet­zt vom Pub­likum? Ja, das ist er wahrschein­lich. Was ich aus­drück­en wollte: Dieses Album reißt nicht mal der Gesang noch runter. Das ist doch auch schön.

    Auch später (“A Swarm­ing Tide”) lässt die Band dem Hör­er immer mal wieder eine kurze Ver­schnauf­pause, aber es stimmt schon: Viel Platz für fried­volle Momente wird hier nicht gelassen. Macht nichts. Ich habe eh schlechte Laune.

    Rein­hören: Einen Kom­plettstream gibt es bei TIDAL und Band­camp, dazu noch Schnipsel und Kauf auf Amazon.de.

  3. Dan­heim — Ska­panir

    Mon­golen­mönche beschwören antike Wikingergöt­ter im Kampfgetrom­mel. Her­rlich.

    Rein­hören: Amazon.de, son­st TIDAL.

  4. Chari­vari — Descent

    Vier Can-kundi­ge Englän­der huldigen postrock­end der Berlin­er Schule, es wird sphärisch gesun­gen. Mehr Text braucht es nicht.

    Rein­hören: Warum nicht mal TIDAL, Amazon.de oder Band­camp?

  5. taumel — there is no time to run away from here

    taumel sind nicht nur eine Beschrei­bung meines Heimwegs nach dem Stammtisch, son­dern auch zwei bis vier Her­ren aus Rhe­da-Wieden­brück.

    Es wer­den auf “there is no time to run away from here” fünf Stücke darge­boten, die die Titel “there is”, “no time”, “to run”, “away” und “from here” tra­gen, wobei die ersten bei­den ineinan­der überge­hen. Zu hören ist sehr langsamer Postrock ohne Gitar­renge­wit­ter. Wer die ver­meintlich ruhigeren Momente von Mog­wai mag, der mag auch dieses Album, wage ich zu ver­sprechen.

    Die hier aus­ge­bre­it­eten Klang­land­schaften sind eher ein Son­nenauf­gang über der Wüste als ein pras­sel­nder Wasser­fall. Ger­ade das von Manuel Viehmann gespielte Flügel­horn (beson­ders durch­drin­gend in der zweit­en Hälfte von “to run”) ver­mit­telt Hoff­nung, obwohl ich selb­st nicht so genau weiß, worauf. Trotz­dem fühlt sich dieses Album nach Gebor­gen­heit an und das kann man ja auch nicht von jedem Album behaupten. Das abschließende “from here”, getra­gen von Klavier und wenig Perkus­sion, ist insofern ein angemessen­er Abschluss, als es die Ruhe und Behäbigkeit von taumel auf die Spitze treibt.

    Das Album ist instru­men­tal: Kein Gesang, kein Gekreisch, kein Gestöhne. Die Leute hal­ten ja viel zu sel­ten die Fresse dieser Tage. Auch mal schön.

    Rein­hören: Band­camp, Amazon.de, TIDAL.

  6. Airbag — A Day at the Beach

    Ein schwieriges Album, gebe selb­st ich zu, der schwierige Alben ja dur­chaus zu schätzen weiß.

    Mit “Machines and Men” begin­nt die Band aus Oslo ihren “Tag am Strand” mit einem Überzehn­minüter, der den indus­tri­al­geimpften Art­pop der Achtziger nicht wieder­holt, son­dern ihm seine Rev­erenz erweist, wen­ngle­ich mit besserem Gesang und ohne die ollen Plas­tiko­rgeln. Der fol­gende Teil 1 des Titel­stücks verneigt sich vor Roxy Music und David Gilmour zugle­ich, ver­leugnet aber nicht das Selb­stver­ständ­nis von Airbag, die sich sowohl als “Clas­sic-Rock-” als auch als “Pro­gres­sive-Rock-Band” begreifen (Quelle: Inter­net). Das Ver­störend­ste an diesem Album ist das Cover­bild.

    Der zweite und let­zte Überzehn­minüter “Into the Unknown” hebt nochmals die Nähe zu Pink Floyd her­vor: Das Stück ist — wie die meis­ten von Pink Floyd — ein­fach zu lang. Nein, Scherz bei­seite: Es geht um die Stim­mung. San­fte Gitar­ren­soli über wabern­den Key­boards gibt es nach der Effek­t­pause mit­ten­drin, schon zuvor aber ist das Bedrück­te, das auch über dem let­zten Pink-Floyd-Album (dem mit dem Fluss, nicht dem mit dem Puls) schwebt, das bes­tim­mende Ele­ment. Immer­hin das fol­gende “Sun­sets” reißt dann wieder mit 80er-Elek­trobeats aus dem milden Schlum­mer. Depeche Mode? Klingt doch alles gle­ich. Der Mit­nick­re­frain und die darin zu hörende Gitarre gefall­en. Davon ein ganzes Album und ich würde weniger skep­tis­che Kom­mentare anbrin­gen. Vielle­icht.

    Teil 2 des Titel­stücks davidg­ilmourt schon wieder. Für die, die es noch nicht ver­standen haben: Airbag find­en David Gilmour total schnafte. Für mehr von David Gilmour ein­fach Airbag hören. Ich ver­ste­he das Konzept, ich mag dieses Album (weil es die lang­weili­gen Teile von David Gilmours eige­nen Werken erset­zt, näm­lich den öden Gesang), aber für die, die eine eigen­ständi­ge Arbeit hören wollen, ist das hier nichts. Da hil­ft auch das abschließende “Mega­lo­ma­ni­ac”, mein Lieblingsstück auf dem Album, weil es den 80er-Art­pop, die 70er-Stim­mung, die über­raschen­den Stil­wech­sel und die bemerkenswerte Gitar­renar­beit miteinan­der vere­int, kaum.

    Abgeschreckt? Nein? Ich auch nicht.

    Rein­hören: Amazon.de hat Stream und Kauf und Hör­proben, bei Band­camp und TIDAL sind aber eben­falls Streams zu haben.

  7. Eliz­a­beth the last — Task

    Ich finde, viel mehr deutsche Bands soll­ten heißen wie eine Fig­ur aus ein­er hypo­thetis­chen Adelsper­si­flage, aber ich finde auch, es gibt zu wenige zeit­genös­sis­che Adelsper­si­fla­gen. Eliz­a­beth the last brin­gen jeden­falls instru­men­tal­en Doom-Post-Sonst­was­met­al zu Gehör, der mir zusagt. Ich mag ja so Gitar­ren­wände.

    Die fünf Stücke haben bis zu elfein­halb Minuten Länge und klin­gen genau so wie alles andere aus dem Genre; näm­lich wie etwas, das nicht zu ken­nen ich sehr schade fände. Fre­unde des Kopfnick­ens zu ver­schobe­nen Rhyth­men mögen ihren Nack­en ölen und ab geht’s.

    Ich habe schon mal ange­fan­gen.

    Rein­hören: Für Amazon.de hier ent­lang, für TIDAL dort ent­lang.

  8. The Ocean (Col­lec­tive) — Phanero­zoic II: Meso­zoic | Ceno­zoic

    Man merkt es den englis­chsprachi­gen lyrics nicht an, aber The Ocean (mitunter auch: The Ocean Col­lec­tive) sind eine Band aus Berlin (auu­u­us Berlin, jaja), die im Wesentlichen handw­erk­lich guten Pro­gres­sive Met­al spielt. Wer aus dieser musikalis­chen Ecke nur Tool ken­nt, der liegt mit diesem Ver­gle­ich nur wenig daneben, denn sich an Tool zu messen gelingt weni­gen. Ich per­sön­lich halte Tool aber für lang­weilig, deshalb höre ich stattdessen zum Beispiel The Ocean.

    Es gibt schon im ersten, mich bere­its hin­re­ichend überzeugten Stück “Tri­as­sic” — das Album umfasst die erzäh­lerische Zeitspanne vom Trias bis zum Holozän — bret­ternde, aber auch mal frick­el­nde Gitar­ren und Wech­sel zwis­chen san­ftem Gesang und hartem Gegröl (“growl­ing”), später auf dem Album kom­men unter anderem Bläs­er hinzu. Über ver­schiedene Erdzeital­ter haben The Ocean unter­schiedlich viel zu erzählen: “Juras­sic | Cre­ta­ceous” ist 13:25 Minuten lang, weist aber auch Län­gen auf, also mehrere Momente, die man auch kürzen kön­nte, ohne wichtige Botschaften stre­ichen zu müssen; “Miocene | Pliocene” hinge­gen dauert nur 4:40 Minuten, ist dabei aber auch nicht zu kurz. Was will man über Mio- und Pliozän auch groß erzählen?

    Dass The Ocean neben der Fähigkeit zu Brachialem bis hin zum Black Met­al (“Pleis­tocene”) auch viel Wert auf Atmo­sphäre leg­en, beweisen die auf diesem Album nicht sel­te­nen Momente wie die lei­der etwas zu kurze Shoegazev­er­schnauf­pause “Oligocene”. Das abschließende “Holocene” greift stilis­tisch und textlich nochmals die The­men von “Tri­as­sic” auf, ist nur etwas reich­er instru­men­tiert. Die Geschichte ist ein Kreis, jedes Ende ist auch ein neuer Anfang. Das Album “Phanero­zoic II: Meso­zoic | Ceno­zoic” gibt es für Gesangss­cheue auch als Instru­men­talver­sion. Sind die Texte also wichtig? Ist irgend­was wichtig?

    Ander­swo nan­nte man “Phanero­zoic II: Meso­zoic | Ceno­zoic” zusam­menge­fasst große Kun­st. Und ist das nicht alles, worauf es ankommt — die Kun­st?

    Rein­hören: TIDAL, Band­camp oder halt Amazon.de.

  9. Jesu — Ter­mi­nus

    Jes­sas! Jesu — gegrün­det in der Zeit, in der die Mit­glieder von God­flesh lieber etwas anderes machen woll­ten als bei God­flesh zu spie­len — ist ein englis­ches Band­pro­jekt um die einzige per­son­elle Kon­stante Justin Broad­rick, der eigentlich auch alle Instru­mente neb­st Mikro­fon allein aufnehmen kön­nte, aber das nicht immer tut.

    Obwohl Justin Broad­rick der Ansicht ist, seine Musik sei vor allem Pop, was der lästi­gen Genre­diskus­sion zumin­d­est eine angenehm absurde Kom­po­nente beifügt, nehme ich hier haupt­säch­lich Shoegaze und Elec­tron­i­ca als Zutat­en wahr, hin­re­ichend aus­gedehnt, dass es die zweiein­halb Minuten, die im Radio zwis­chen zwei Wer­be­blöck­en derzeit zur Ver­fü­gung ste­hen, mehrfach über­bele­gen müsste. Glück gehabt. Radio­hör­er sind sich­er nicht das angenehm­ste Pub­likum.

    Meine erste Assozi­a­tion waren Aere­ogramme, aber das kann auch daran liegen, dass ich Aere­ogramme zu lange nicht mehr gehört habe, während ich das hier auf­schreibe. Die Musik von Jesu ist aber weit weniger rock­ig, eher aus­ladend-atmo­sphärisch. Zwar blitzt gele­gentlich (etwa im Titel­stück) auch mal rein­ras­siger Postrock her­vor, das Album wird aber beherrscht von melan­cholis­chen Arrange­ments, denen ander­swo nachge­sagt wird, sie ver­sprüht­en Ein­samkeit, Depres­sion und Reue. Das stimmt sog­ar.

    “Ter­mi­nus” ist — wie so viele Postrock- und Shoegazeal­ben — eigentlich ein sehr gutes Herb­stal­bum gewor­den, also eines, zu dem man drin­sitzt, während es draußen reg­net, und schwere Getränke zu sich nimmt, aber im Herb­st habe ich diese Liste ja bere­its prokras­tiniert. Tut mir leid.

    Man höre “Ter­mi­nus” dann also etwas später, zum Beispiel noch heute. Es ist nie zu spät.

    Rein­hören: Möglich ist das unter anderem auf Amazon.de und TIDAL.

  10. Six Days of Calm — The Ocean’s Lul­la­by

    Leise Töne und ein Stim­mengewirr eröff­nen “The Ocean’s Lul­la­by”, das Debü­tal­bum der “filmis­chen Postrock­gruppe” (Six Days of Calm über Six Days of Calm) Six Days of Calm aus Würzburg. Gesun­gen wird nicht, stattdessen gibt es Klang­wel­ten und nur manch­mal nicht weit­er bedeut­same Sprach­sam­ples. Filmisch “bassd scho”, wie man in Würzburg ver­mut­lich sagen würde (ich bin ja nicht dort), ich würde Natur­doku­men­ta­tio­nen annehmen, irgend­was mit Bergen und Seen.

    Dass Band­grün­der Marc Fis­ch­er sich zuvor als Lied­schreiber im Met­al­core aufge­hal­ten haben soll, wäre nicht anzunehmen, denn natür­lich (bere­its im eröff­nen­den “Breathe”) wird hier auch mal instru­men­tal eskaliert, aber über­wiegend hat man es mit weit­en Klangflächen (“Loss”) zu tun, in denen selb­st das Schlagzeug manch­mal nur als Bei­w­erk, aber nicht als wesentlich­es Rhyth­musin­stru­ment zu Ein­satz kommt. Mir fall­en 65daysofstatic und God Is An Astro­naut als Ver­gle­ich ein, aber (sel­ten) auch Ocean­size und die doch sehr ver­mis­sten Dear John Let­ter. (Wenn ihr das — was mich über­raschen sollte — lest: Car­pet ist nicht gut. Macht das bitte nicht mehr.)

    Six Days of Calm tra­gen ihren Namen nicht zu Unrecht. Das zu oft gehörte Laut-Leise-Spiel beto­nen sie auf dem Leise, das majestätisch erhabene und doch befreiend aus­laufende Ende von “Loss” ste­ht dieser Ein­schätzung wie auch die anderen lauteren Momente (beson­ders uner­wartet: “Obscure”) nicht ent­ge­gen, zumal das anschließende “Reflec­tions” mit Stre­ich­ern und melan­cholis­ch­er Schön­heit bere­its den Kon­tra­punkt set­zt.

    Wer Postrock vor allem mit musikalis­ch­er Schön­heit verbindet und den Gitar­ren­tür­men ander­er Gen­rekol­le­gen weniger abgewin­nen kann, der möge es hier­mit ver­suchen. Ist nicht schlecht gewor­den.

    Rein­hören: Lock­er bleiben und entspan­nt — gern auch erst in sechs Tagen — Amazon.de, Band­camp oder TIDAL aufrufen.

  11. pg.lost — Oscil­late

    Zwar gewohnte instru­men­tale Postrock­kost, wie üblich ver­fein­ert mit raf­finiert­er Elek­tron­ik, tis­chen pg.lost auf ihrem nicht mehr ganz neuen, aber noch aktuellen Album “Oscil­late”, das — nun ja — auch im alten Laut-Leise-Spiel oszil­liert, auf. Für Fre­unde der Gitar­ren­bre­itwände ist das — wie immer — ein Muss-Hör (was stimmt heute eigentlich nicht mit mir?), für Postrock­nichtken­ner ist es kein sper­riger Ein­stieg. Ich empfehl’s.

    Rein­hören: Amazon.de und TIDAL haben das Album im Reper­toire, eben­so Band­camp.

  12. Lee Ranal­do & Raül Refree — Names of North End Women

    Was kommt dabei her­aus, wenn ein spanis­ch­er Kom­pon­ist und ein ehe­ma­liges Son­ic-Youth-Mit­glied zusam­men ein Album aufnehmen? Es ist nicht, wonach es aussieht!

    “Names of North End Women” ist ein erstaunlich ruhiges Album gewor­den, das mehr an Leonard Cohen, John Cale und die Doors als an Son­ic Youth erin­nert, wen­ngle­ich mitunter (zum ersten Mal in “Words Out of the Haze”) Gitar­ren­ef­fek­te plöt­zlich auf­tauchen und eben­so plöt­zlich wieder ver­schwinden, deren Herkun­ft sich schw­er leug­nen lässt.

    Kom­poniert wurde, behauptet das Inter­net, auf Marim­ba und Vibraphon, daher läuten Stücke wie “New Brain Tra­jec­to­ry” auch wie diese deut­lich lästigeren Wei­h­nacht­slieder, die jet­zt zum Glück erst mal wieder nicht mehr zum Besten gegeben wer­den. Dazu gibt es ver­schiedene andere Instru­mente vom Band, eigene und fremde Gedichte (oft als Spo­ken-Word-Vor­trag) sowie die erwäh­n­ten Gitar­ren, sel­ten akustisch von Elek­tron­ik zer­ris­sen, die gemein­sam schö­nen Melo­di­en fol­gen, die auch in Folk und Pop nicht auf­fall­en wür­den. Das Ergeb­nis ist ein vorder­gründig angenehm entspan­ntes, aber doch brodel­ndes (man höre hierzu ins­beson­dere das Titel­stück) Stück Musik von zwei Men­schen, die nie­man­dem mehr ihr Kön­nen beweisen müssen.

    Habe ich eigentlich schon die schö­nen Melo­di­en ange­priesen?

    Rein­hören: Diese Melo­di­en gibt es auch unter anderem auf Amazon.de und TIDAL zu erkun­den.

  13. The Bur­den Remains — flu­id
    “Isch Schick­sau nume Pro­jek­tion und wär isch de Pro­jäk­ter?” (Frem­di Gstaade)

    “Aus isch teilt”, so heißt das erste Stück auf “flu­id”, dem 2020er Album des Schweiz­er Quar­tetts The Bur­den Remains. Zu mein­er großen sowohl Ent­täuschung als auch Freude wird trotz des Band­na­mens nicht auf Englisch oder gar Schwäbisch gesun­gen, son­dern, mit Aus­nahme des Instru­men­talsechsminüters “Flussab­wärts”, auf Schweiz­erdeutsch, stilecht mit über­be­ton­tem “K”. Das kön­nte den Band­na­men erk­lären. Hihi. “Gesun­gen” ist ander­er­seits auch falsch: Es wird geschrien. Fein.

    Melodisch kommt mal ein von einem wahren Schlagzeugtrom­melfeuer begleit­eter Post­punk (“Aus isch teilt”), mal ein schön ambi­ent­flächiger Laut-leise-Postrock (“I de Fluet ver­haut”), oft aber auch sog­ar gut passender Schram­mel­met­al mit, immer­hin, hüb­sch brum­men­dem Bass aus dem Kopfhör­er. Für Fre­unde zurück­hal­tender Feinkun­st ist “flu­id” sicher­lich ungeeignet, aber Lärm muss ja auch nicht immer stil­voll sein.

    Rein­hören: “flu­id” gibt es auf Band­camp, TIDAL und natür­lich Amazon.de auszugsweise oder kom­plett zu hören.

  14. Nep­tun­ian Max­i­mal­ism — Éons

    Genug der selt­samen Sprachen aus frem­den Län­dern — kom­men wir zu … Moment, ich muss nach­le­sen … ein­er zumeist grun­zend intonierten rekon­stru­ierten men­schlichen Pro­to­sprache, begleit­et von vier Musik­ern aus Bel­gien. Von dieser Sprache ist während der zwei Stun­den und acht Minuten, die dieses Album dauert, allerd­ings wenig zu hören, denn das weit­ge­hend instru­men­tale Album behan­delt zwar (schon wieder!) ein Erdzeital­ter, begin­nt aber the­ma­tisch mit der Zeit nach dem Anthro­pozän, in der intel­li­gente Ele­fan­ten regieren. Fol­gerichtig sind Sax­ophon und Trompete zeitweise dom­i­nante Instru­mente. Nach etwa zwanzig Minuten zer­schnei­det erst­mals eine ver­gle­ich­sweise rock­ige Gitarre die Atmo­sphäre, löst sich aber sogle­ich in einen Klangtep­pich auf.

    “Éons” beste­ht aus drei wesentlichen Teilen, der Erde, dem Mond und der Sonne gewid­met. Ich bin mir nicht ganz sich­er, was das für ein genre sein soll — eine Verquick­ung von Kam­mer-Avant-Prog (ich weigere mich, die offen­sichtliche Ref­erenz Univers Zéro hier uner­wäh­nt zu lassen) mit zap­paesquem Free Jazz käme dem Ergeb­nis schon nahe, wäre aber deut­lich unvoll­ständig. Zwei Stun­den. Acht Minuten. Fün­fundzwanzig Sekun­den, aber darauf mag es auch nicht mehr ankom­men. Die Dreifach-LP ist auf Bandcamp.com längst ausverkauft, und zwar nicht meinetwe­gen. Schade eigentlich. Nach etwa ein­er Stunde, natür­lich höre ich selb­st dieses Album am Stück, fällt seine Länge tat­säch­lich nicht mehr auf — ich habe, während ich dies hier auf­schreibe, tat­säch­lich die Zeit vergessen. Jet­zt, da ich nachgucke, sehe ich, dass ich mit dem zweit­en Teil des Albums fast durch bin. Dass zwei der vier Musik­er jew­eils auch ein Schlagzeug bedi­enen, kommt hier gut zum Tra­gen, denn das (welch­es?) Schlagzeug peitscht den Jaz­zun­ter­bau dom­i­nant voran. Dass die über zehn (bis zu 18:32) Minuten lan­gen Stücke erst noch fol­gen wer­den, tut dem Genuss keinen Abbruch: Mit steigen­der Dauer des Hörens steigt auch der Spaß am Gehörten. Ich mag es, wenn ich nicht anfange, meinen Jubel in Worte zu fassen, und dann drei Absätze später fest­stelle, dass mir fast die Ohren eingeschlafen sind, weil dem starken Anfang ein starkes Nach­lassen fol­gt. Nein, hier steckt Zeit in bei­de Rich­tun­gen drin und das ist gut.

    Eine space opera sei in “Éons” drin, befind­et die Selb­st­beschrei­bung, aber wenn “Éons” eine Oper ist, dann finde ich Fred­die Mer­cury zwar immer noch scheiße, aber sollte wahrschein­lich viel öfter mal Opern hören. Etwas spacig begin­nt der dritte Teil, “To the Sun”, der auch tat­säch­lich über zehn Minuten braucht, um wieder den Kam­mer­prog vom Anfang in Erin­nerung zu rufen, mit seinem bedrohlichen, flächi­gen Brum­men zwar doch, aber Gläs­er wer­den hier nicht zer­sun­gen. Muss ja auch nicht sein, das ist immer­hin teuer. Anders als “To the Earth” (Japanisch und Akkadisch) und “To the Moon” (Henochi­an­isch und Tibetisch) tra­gen in “To the Sun” alle Titel griechis­che Namen. Keine schöne Aus­sicht, dass das Zeital­ter der Ele­fan­ten wieder mit alten Griechen endet. Ander­er­seits: Das let­zte Stück trägt den aus­nahm­sweise englis­chen Unter­ti­tel “We Are, We Were and We Will Have Been” — “wir sind, wir waren und wir wer­den gewe­sen sein”. Das schöne Futur II gibt ein Bonus­bi­enchen im Heft, das ist ein klares Bestanden.

    Rein­hören: Neben Band­camp — dem Por­tal mit der ausverkauften Dreifach-LP — fall­en mir spon­tan auch Amazon.de und TIDAL, bei­de von vorn­here­in ohne Viny­lange­bot, ein.

  15. Ing­ri­na — Siste Lys

    Ing­ri­na wiederum kom­men aus Frankre­ich, aber das merkt man ihnen nicht an. “Atmos­pher­ic Met­al” soll das hier sein und das ist es für­wahr: Zwei Schlagzeuger, drei Gitar­ris­ten, ein Bassist und Gesang, der klingt, als käme er direkt aus einem höl­lis­chen Abgrund — da lässt sich schon ordentlich Atmo­sphäre erzeu­gen.

    “Siste Lys” ist schon namentlich eben­so ein Konzep­tal­bum wie der Vorgänger, das Debü­tal­bum “Etter Lys”, wobei drei der Stücke zwecks Neubear­beitung ein­fach noch mal ver­wen­det wur­den. Besagten Vorgänger kenne ich bish­er nicht, deswe­gen ist das nicht so schlimm. Manch­es hier klingt wie ein ver­tontes futur­is­tis­ches Indus­triegelände (“Walls”), aber es dominiert Wüsten­plan­e­tendzeit­stim­mung. Ich mag das. Alles auf “Siste Lys” ist Post-irgend­was: Post-Met­al, Post-Hard­core, mitunter (“Casu­al”) aber auch ein­fach nur Post-Rock. Bonus­fea­ture: Die gele­gentlichen Gitar­ren­bret­ter (“Now” et al.) spülen nach dem Genuss genüsslich aus­ge­walzter Vulkan­land­schaften wieder die Ohren frei.

    Rein­hören: Band­camp, TIDAL und — zum heute let­zten Mal — Amazon.de.

So, reicht jet­zt mit 2020. Auf 2021 aber komme ich bei Gele­gen­heit noch zu sprechen.

Bis dahin wün­sche ich höch­sten Genuss in allen Belan­gen.

Jahresrückblick

Musik 12/2019 — Favoriten und Analyse Musik 12/2022 — Favoriten und Analyse
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Senfecke:

  1. Ich finde, es wird mal Zeit für ein Musikquiz hier. Tux spielt Drum Solos an, und der Rest muss Band, Stück und Land errat­en.

  2. Da brauch ich ja wieder ewig bis ich das alles durchge­hört habe. Toll, dabei wollte ich doch die fün­fte Staffel vom Bach­e­lor schauen.

  3. Eine der Empfehlun­gen (Edit Pep­tide von Bub­blemath, ist schon ein wenig her) hat es über diesen Blog sog­ar mal bis in die Vor­lesun­gen an ein­er Musikhochschule geschafft — die Mühe find­et also Adressat*innen (m/w/d). ;-)

    Ein Leser mehr!

      • Ich habe ein paar Jahre (aus Grün­den) meine Musikgeschichtssem­inare (Mo., 13.00) immer mit den Pawlowschen Worten “Es ist Mon­tag!” begonnen, und Bub­blemath (und ein paar andere, Pom­rad, Col­lier und so) sind per­fekt für alle diejeni­gen, die vom Hochschul-Jazz die Schnau­ze voll haben…

        Dein Blog zieht also Kreise, nix abschreck­end — ganz im Gegen­teil! :-)

          • Fail!

            Soziopathie gibt’s bei uns zwar nur als Neben­fach (0,5 ECTS), wird aber anson­sten schon durchgängig in allen Ver­anstal­tun­gen qua­si durch Osmose unter­richtet.

            Wenn Du Bock hast, schickt mir doch mal ’ne Mail von Dein­er Weg­w­er­fadresse an meine Weg­w­er­fadresse: weg­w­erf­dreck ät webpunk­tde… ;-)

              • Soziopathie wird im all­ge­meinen immer noch unter­be­w­ertet!

                Ich rede mal mit der Kol­legin­Pro­fessX, die die Gen­der-Abteilung leit­et — vielle­icht kann Dir der Pro­mo­tion­sauschuß was anrech­nen. Lange Schach­tel­sätze zählen z.B. dop­pelt, Parteim­it­glied­schaft­szeit­en achtfach!!!11eins!

                  • Bloß nicht irgend­wo ein­treten, die gel­ten doch rück­wirk­end! Da kom­men schnell mal 2374 Semes­ter zusam­men, und zack! — schon feddich1!!1

                    Dr. soz.path.!

                    Ich möchte dann in dem Auss­chuß sitzen; als habil­i­tiert­er Soziopath ste­ht mir das zu! (Natür­lich nur über Zoom. Alles andere wäre igittp­fuibä!)

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