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Schmalhans des Tages: Angela Merkel, CDU.

Dieser Artikel ist Teil 12 von 18 der Serie Schmal­hans des Tages

Was hat­ten wir denn lange nicht? Ach, richtig — einen Poli­tik­er, der Unsinn erzählt. Und wo son­st sollte er sitzen als in der CDU/CSU?

Dabei hat­te diese unheilige Union ja dur­chaus begonnen, sich dem Neu­land zu öff­nen. Wieso son­st sollte ein CSU-Min­is­ter auf Bundes‑, ein CDU-Poli­tik­er auf europäis­ch­er Ebene für das Inter­net zuständig sein? Und auch Angela Merkel, son­st nicht unbe­d­ingt für eine Mei­n­ung bekan­nt, besann sich laut Presse bere­its im Mai 2014 darauf, dass es mit­tler­weile Men­schen auch im Telekom-Deutsch­land gibt, die vom Inter­net leben müssen:

Kan­z­lerin Angela Merkel hat sich für ein­heitliche europäis­che Regeln im Urhe­ber­recht, beim Daten­schutz und für den Bre­it­ban­daus­bau stark gemacht.

So weit, so beängsti­gend. Zum Glück hat­te sich dies­bezüglich, wie gewohnt, sehr lange nichts getan, so dass man get­rost vergessen kon­nte, dass so etwas über­haupt ein­mal zur Sprache gekom­men war. Gestern hat Angela Merkel aber lei­der eine Rede gehal­ten, in der sie die anwe­senden Pres­sev­ertreter um noch mehr Bemühen um den dig­i­tal­en Stan­dort Deutsch­land bat; zuerst allerd­ings ver­packt in ver­bale Zuck­er­wat­te:

Sie haben, Herr Bur­da – das darf ich sagen –, von Anfang an auf die rev­o­lu­tionäre Verän­derung hingewiesen und immer wieder gesagt: Die Dig­i­tal­isierung wird unsere Welt so verän­dern, wie Guten­berg das mit seinem Buch­druck gemacht hat.

Bei “Her­rn Bur­da”, nehme ich an, dürfte es sich um Hubert Bur­da han­deln, seines Zeichens zweitre­ich­ster Ver­leger Deutsch­lands, Her­aus­ge­ber von Qual­itäts­magazi­nen wie “Focus” und “Bunte” und pop­ulis­tis­ch­er Pro­pa­gan­dist für das Leis­tungss­chmutzrecht, das bere­its kürzeste Zitate aus kosten­los ins Web gestell­ten Artikeln unwäg­baren juris­tis­chen Fol­gen aus­set­zt. Die Erfind­ung des Buch­drucks durch Johannes Guten­berg war wohl auch deshalb eine so umwälzende Neuigkeit, weil er die massen­hafte Repro­duk­tion beste­hen­der Werke erst effizient möglich machte. Hätte Hubert Bur­da damals bere­its gelebt und “gewirkt”, so wäre der Buch­druck ver­mut­lich ein Priv­i­leg der­er gewe­sen, die über­haupt kein Inter­esse an der unkon­trol­lier­baren Ver­bre­itung ihrer Texte hat­ten und haben. Bib­lio­theken wären heutzu­tage auch inhaltlich ein ziem­lich lang­weiliger Ort.

Zurück zur Rede:

Ver­lag­sun­ternehmen sind natür­lich darauf angewiesen, dass die wirtschaftlichen Kri­te­rien stim­men.

Natür­lich.

Wir haben in Deutsch­land Zeit­en ohne freie Presse erlebt. Und auch im wiedervere­in­ten Deutsch­land haben wir jet­zt 25 Jahre unab­hängi­gen Jour­nal­is­mus und medi­ale Vielfalt. (…) Ich glaube, wir kön­nen diesen Wert gar nicht hoch genug schätzen. Denn wenn wir in die Welt schauen, stellen wir fest, dass Presse­frei­heit trotz Dig­i­tal­isierung alles andere als selb­stver­ständlich ist.

Eine medi­ale Vielfalt, die durch Lob­by­is­ten wie Hubert Bur­da von Angela Merkels Bun­desregierung auf ein “dig­i­tales Haus­recht für Ver­lage” ges­tutzt wurde, ist in anderen Län­dern tat­säch­lich alles andere als selb­stver­ständlich, und das trotz der Dig­i­tal­isierung, weil die Welt gele­gentlich noch alle Tassen im Schrank hat und sie nicht Stück für Stück auf dem Boden zer­schellen lässt, nur um sich dann zu wun­dern, warum nie­mand mehr aus ein­er Tasse trinken möchte; aber wir schweifen ab.

Presse­frei­heit und Medi­en­vielfalt sind ein Wert an sich.

Allerd­ings ein­er (warum nur ein­er?), der nicht mehr so wichtig ist, wenn man ihn in Rela­tion zu wirk­lich wichti­gen Werten set­zt:

Das ist auch kein Wider­spruch zu dem, was ich am Anfang sagte, dass näm­lich Pressear­beit bzw. jour­nal­is­tis­che Arbeit auch wirtschaftlich erfol­gre­ich sein muss. (…) Wir haben auf der einen Seite Pro­duk­te, die aus anonymisierten Dat­en gewon­nen wer­den kön­nen. Das funk­tion­iert in Europa einiger­maßen. Doch auf der anderen Seite, wenn es um indi­vid­u­al­isierte Dat­en geht, wird es recht schwierig. Aber die Men­schen wer­den in Zukun­ft auch indi­vid­u­al­isierte Pro­duk­te, gle­ichzeit­ig aber natür­lich auch einen Schutz ihrer Pri­vat­sphäre haben wollen. Und das wird uns noch vor viele Abwä­gun­gen stellen.

Wer “indi­vid­u­al­isierte Pro­duk­te, die aus anonymisierten Dat­en gewon­nen wer­den kön­nen”, vul­go “per­son­al­isierte Reklame”, in Zukun­ft haben wollen wird, ist lei­der kein Teil der Rede, son­st wüsste ich, von welchen Men­schen ich mich kün­ftig lieber fern­hal­ten sollte, aber dass diese Reklame in Abwä­gun­gen zumm Schutz der Pri­vat­sphäre ein­be­zo­gen wer­den sollte, ist beängsti­gend. Daten­schutz ja, aber nur, wenn es zur Wer­bung passt? Das kann ich doch unmöglich richtig ver­standen haben!

Bal­ance von Sicher­heit und Frei­heit im Netz – dabei stellt sich die Frage eines ein­heitlichen europäis­chen Daten­schutzrechts. (…) Wir haben jet­zt aber einen Trilog mit dem Europäis­chen Par­la­ment, bei dem wir auf­passen müssen, dass der Daten­schutz nicht die Ober­hand über die wirtschaftliche Ver­ar­beitung der Dat­en gewin­nt.

Kotz

Die Entschei­dung ist jet­zt sozusagen in der heißen Phase, hat aber den Vorteil – Stich­wort Grund­verord­nung –, dass wir dann unmit­tel­bar gel­tendes Recht für ganz Europa haben. Das heißt, wir haben keine schwierige Umset­zungsphase von Richtlin­ien in nationales Recht, son­dern einen ein­heitlichen Gel­tungszeit­punkt.

Von Fir­lefanz wie nationalem Recht lässt sich so eine Angela Merkel doch nicht aufhal­ten! Irgen­deinen Vorteil muss dieses Europa ja haben.

Auf dem Weg zu einem mod­er­nen Recht­srah­men gibt es die ver­schieden­sten Anliegen. (…) Da sind Sie allerd­ings nicht so sehr daran inter­essiert, dass möglichst viele Verkehrs­dat­en gespe­ichert wer­den. Das wird ins­beson­dere von Jour­nal­is­ten arg­wöh­nisch betra­chtet. Das ver­ste­he ich auch. (…) Das Recht auf unbeobachtete Kom­mu­nika­tion ist und bleibt erhal­ten. Die jew­eili­gen Telekom­mu­nika­tion­sun­ternehmen erfassen die Dat­en.

Das Recht auf unbeobachtete Kom­mu­nika­tion bleibt erhal­ten. Beobachtet wer­den Sie weit­er­hin nur von Geheim­di­en­sten und staatlich geförderten Inter­net­zu­gangsan­bi­etern. Keine Panik!

Alle haben auf den dig­i­tal­en Wan­del reagiert.

O_o

Sie als Pres­sev­er­leger haben genau­so wie die Rund­funkanstal­ten Online-Ange­bote entwick­elt. Sie stellen Anwen­dun­gen für die mobile Nutzung bere­it.

Der “dig­i­tale Wan­del” besagt offen­sichtlich keineswegs freien Zugang zu freien Infor­ma­tio­nen, son­dern neue Ver­mark­tungsmöglichkeit­en für alte Geschäftsmod­elle. Das haben Hubert Bur­da und seine Waf­fen­brüder pri­ma erkan­nt. Man möchte sie beina­he ein­mal stre­icheln. Und die zuständi­gen Min­is­ter natür­lich auch:

Sie, Herr Bur­da, haben gesagt, mit Kom­mis­sar Oet­tinger haben wir für all die Bere­iche, die ich genan­nt habe, einen sehr kundi­gen und engagierten Ansprech­part­ner. Jean-Claude Junck­er liebt es nicht, wenn ich von „unserem deutschen Kom­mis­sar“ spreche, son­dern er möchte, dass sich alle Kom­mis­sare für alle ver­ant­wortlich fühlen und nicht nur für ein Land. Aber: Gün­ther Oet­tinger macht das pri­ma.

:lachtot:

Medi­en, Kun­st und Kul­tur informieren, provozieren, inspiri­eren. Sie brin­gen uns zum Nach­denken. Auf diese geisti­gen und kreativ­en Impulse kön­nen und wollen wir nicht verzicht­en.

Die geisti­gen und kreativ­en Impulse, die sich Gier­hälse wie Hubert Bur­da von der Bun­desregierung schützen ließen, beste­hen übri­gens darin, Mel­dun­gen der Presseagen­turen kopieren und ver­bre­it­en zu kön­nen. Die ein­gangs erwäh­nte Nachricht zur Rede von 2014, die ursprünglich von der Deutschen Presse-Agen­tur veröf­fentlicht wor­den war, kann ich zurzeit wort­gle­ich und gratis auf zwei Nachricht­en­por­tal­en find­en — bei­de ver­bi­eten mir in ihrer Rolle als Vertei­di­ger des Leis­tungss­chmutzrechts, “ihre” Mel­dung mein­er­seits ohne aus­drück­liche Genehmi­gung zu veröf­fentlichen. Endlich tut Deutsch­land mal was, um Kreative vor zu viel input zu schützen!

Wir bleiben in engem Kon­takt, um den Wan­del in diesen Zeit­en richtig zu bew­erk­stel­li­gen.

Das fürchte ich auch.

Schmalhans des Tages

Schmal­hans des Tages: Alexan­der Dobrindt, CSU. Schmal­hans des Tages: Torsten Albig, SPD.