Mein Kalender teilt mir mit, dass der Stefanitag endlich vorüber ist. Das bedeutet, dass auch der Weihnachtsrummel ein Ende gefunden hat und man endlich wieder in den Nachrichten blättern darf, ohne ständig über Verkehrsunfälle, Baumbrände und irgendwelchen “Frieden” zu stolpern, von dem sich die Zivilisten in Afghanistan und im Irak wahrlich nicht viel kaufen können, nehme ich an; und die große Umtauschaktion findet ja traditionell erst am Montag statt.
Wie ja ohnehin wieder mindestens Beelzebub tobte:
“Es kamen zwar auch ein paar Menschen um ihr Leben, aber viel wichtiger: Gottesdienste fielen aus! Das Ende ist nah!”; irgendwas an dieser Formulierung macht mir Angst.
Und Angst belebt ja bekanntlich das Geschäft der so genannten christlichen Kirchen, die nicht müde werden, ständig die Maßlosigkeit der Gesellschaft anzuprangern, ohne zu merken, dass sie selbst viel dazu beitragen, zum Beispiel, indem sie andächtig an Gedenkveranstaltungen für Suizidopfer teilnehmen:
Schauen Sie mal in Ihre Tageszeitung, Rubrik Todesanzeigen, nach den Geburtsdaten. Das sind sicherlich nicht alles Unfälle oder krebstote Jugendliche. Wenn es so weitergeht kann sich EKD-Bischöfin Käßmann auf die Schulter klopfen.
Selbstmord als christlich akzeptierte Methode, der Sinnlosigkeit zu entrinnen; immerhin das hat sich in den letzten Jahrhunderten geändert. Mit dem Tod an sich verfährt man aber inzwischen genau umgekehrt. War er früher ein natürliches Ereignis, wird er inzwischen zum nationalen Großereignis stilisiert, je nach Todesart (Amok?) und/oder Bekanntheit (Musiker? Sportler?) mit unterschiedlich langer Sendezeit, und es halten immer wieder neue Menschen, die den Namenszusatz “Experte” bekommen, weil es aus ihrer Rede allein nicht hervorgeht und damit man sie wenigstens nicht ignoriert, ihr Gesicht in die Kamera und reden über Dinge, die noch nie ein Teil ihres Lebens waren, und die geifernde Meute will immer noch mehr davon.
Gegen Pietät ist nichts einzuwenden, aber sie wird oft und offenbar gern falsch verstanden. Selbst die beliebte Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens verwechselt Menschlich- und Strebsamkeit mit Hartherzigkeit:
Ebenezer Scrooge ist ein Vertreter des Bürgertums. Hat es so jemand wirklich verdient, als Buhmann zu gelten?
Amen.
(Auch schön übrigens: Präsident Ahmadinedschad nennt europäische Politiker dumm und landet mit dieser, wie üblich, “ungeheuerlichen Entgleisung” prompt in den Schlagzeilen. Wenn das so einfach ist, möchte ich auch mal: Angela Merkel ist eine langweilige alte Hexe! — So, das müsste reichen.)



Eine Generation zuvor noch wurden Suizidopfer von der Kirche vor den Kirchhofsmauern begraben, ohne dass je ein geistlicher Anteil nahm. Was tut die Kirche derzeit nicht alles, um mal wieder ein bisschen mehr Aufmerksamkeit auf sich zu lenken (in meinem Fall irrelevant, ich werde nicht wieder eintreten). Sollte nicht mal wieder ein prominentes Kirchenoberhaupt das Zeitliche segnen? Das wäre der (kurzfristige) “Bringer”. Überhaupt: Wäre es nicht eine Überlegung wert, nur noch “Übergangspäpste” einzusetzen?
Das ist doch bereits der Fall.