NerdkramsNetzfundstücke
Brainless: Programmieranfänger spielen Buzzwordbingo.

An dem Vorschlag, Programmieren überall zum Pflichtfach zu machen, auf dass das Überangebot an fähigen Programmierern, die keine Stelle finden, weil niemand bereit ist, ihre Fähigkeiten angemessen zu vergüten, sich vermehrfache, gibt es vieles zu kritisieren; nicht mal unbedingt vor allem den Fokus auf die für die meisten Dinge völlig unzureichende Sprache JavaScript, sondern auch das Ökosystem der EDV.

Menschen werden von Trend zu Trend geschoben, haben kaum Zeit, irgendwas wirklich zu verstehen. Natürlich setzt das industriell ausreichende Produzieren von meterweise Codezeilen keinen wirklichen Fachmann voraus, aber das sollte niemals der persönliche Maßstab sein müssen.

Anderswo las ich gestern diesen Satz:

Ich habe mal jahrelang mit Python gearbeitet und habe mir nie die Mühe gemacht, es überhaupt zu lernen.

Auf diesem Niveau arbeitet die Wirtschaft international. Fachkräftemangel? Ach, i wo – sie wollen es ja auch nicht anders. Das von mir übersetzte Zitat entstammt diesem englischsprachigen Blogartikel, in dem der durch Python stolpernde Autor eine Art To-Do-Liste formuliert, was er 2018 gern hätte verstehen wollen. Neben Python sind noch ein paar andere Einträge auf der Liste zu finden, die vieles erklären, zum Beispiel „Serverless”. Ja, nur das Wort, nicht etwa „serverless computing”; der Blogger möchte also gern „serverlos lernen”.

Zu meiner Zeit bedeutete das noch „offline” und war der Normalzustand von Software, inzwischen aber, spätestens letzten April, wurde das wohl umdefiniert: Unter „serverless computing” versteht man nicht etwa die Abwesenheit von Servern, sondern, dass der Server bei einem meist US-amerikanischen Unternehmen herumsteht. Das ging vor der Einführung des Begriffs zwar auch schon, aber als die Menschen anfingen, ihre Investitionen in NSA-relevante Infrastruktur zu hinterfragen, musste flugs ein neuer Begriff her. Die Computer anderer Leute heißen also heute „Cloud” und die Server anderer Leute werden einfach wegdefiniert. Mir scheint, das Problem auf dem Arbeitsmarkt für Informatiker ist, dass ihre Vertriebler nichts taugen.

Dass im Artikel ansonsten von „Unixbefehlen und Bash” (die bash ist die Shell des GNU-Systems, das sich befehlsmäßig in vielen Dingen von Unix doch sehr unterscheidet) die Rede ist, als gingen diese automatisch Hand in Hand, ist schon deshalb unnötig zu erwähnen, weil ich bezweifle, dass der Blogger diese Zeilen jemals lesen wird. Interessant ist aber, dass er außer Algorithmen – die muss man als jahrelanger Programmierer ja auch nicht verstehen – und weiterem Bingomaterial wie „Microservices” auch „Container” verstehen will. „Container”, seit 1979 in der Unixwelt bekannt und bei Linuxern, die Innovationen bekanntlich erst Jahrzehnte nach allen anderen Menschen kennenlernen, seit 2013 unter dem Namen Docker das neue große Ding, sind in ihrer derzeit häufigsten Ausführung eine Methode, um Software mit allen Abhängigkeiten einschließlich nötiger Serverdienste mehr oder weniger bequem auszuliefern, ohne dass der Administrator genau wissen muss, was da überhaupt gerade passiert oder wie veraltet zum Beispiel die enthaltenen Komponenten sind. Der unbestrittene Siegeszug dieser „Container” ist zwar keine Ursache, aber doch ein Symptom: Die Menschen wollen immer weniger wissen, was gerade passiert, so lange anscheinend das gewünschte Ergebnis herauskommt.

Niedrige Hürden mögen ja gut sein, wenn es darum geht, viele Menschen zu finden, die Unterstützung leisten können. Ob es aber unbedingt ratsam ist, die Administration von Servern jemandem zu überlassen, der sonst nur Word bedient, ist eigentlich eine Frage, die auffallend selten gestellt wird. Man ersetzt keine Fachkraft mit zwei halben Fachkräften, man ersetzt kein tiefes Verständnis von dem, was gerade passiert, wenn etwas passiert, durch eine einfache Bedienung, bei der alles, was Fachwissen erfordern würde, einfach ausgeblendet wird, um niemanden zu überfordern. Wenn ich einen Anwalt brauche, dann nehme ich auch lieber jemanden, der Jura studiert hat, als jemanden, der alle Folgen von Ally McBeal kennt.

Beruflich arbeitet Dan Abramov, der Verfasser des hier besprochenen Textes, übrigens bei Facebook in dem Team, das eines dieser JavaScript-Frameworks (hier: React) verbrochen hat, auf denen anscheinend mehr als die Hälfte aller Websites („web apps”) heutzutage gefälligst zu basieren haben. Was das über den Zustand des Webs aussagt, möchte ich nicht mal so genau wissen.

Senfecke:

  1. Erst einmal herzlich willkommen in 2019.

    Und ja, seit ich immer mehr Informatiker nach dem Bachelorstudium sagen höre, dass sie nicht programmieren können, stimme ich deinem Artikel voll zu.
    Ich arbeite zwar nicht direkt im IT Bereich aber ich habe schon häufiger festgestellt, dass toll Drumrumreden besser ankommt, als wirklich was können. Dinge, die dann über den Horizont hinaus gehen, werden dann als „Nerdig” hingestellt.

    Als versierter Anwender können Docker Kontainer auf einem NAS ganz nett sein aber von einem Serveradmin erwarte ich auch, dass er zugibt, was er kann und was nicht. (Er soll wissen, was er nicht weiss)
    Denn nur so, kann er für Sicherheit und Zuverlässigkeit sorgen.

    Schöne Grüße und stossen wir auf ein Jahr an, in dem viele gut Ausgebildete Informatiker auf den Markt kommen und alle nicht so gut ausgebildeten mal schauen, ob es nicht auch woanders noch tolle und passende Berufe gibt.
    Wir wollen ja das Phänomen nicht vergessen, dass wenn ein Unfähiger in hoher Position einem anderen bescheinigt, dass er was kann, der zweite Unfähige dann aufsteigt.

    Schöne Grüße

      • Ja, da gebe ich dir voll Recht.

        Zumindest meine Beobachtung ist, dass zu Diplomzeiten Menschen die Uni verlassen haben, von denen viele etwas tief durchdrungen haben. Die meisten, die beispielsweise in der praktischen Informatik unterwegs waren, hatzen sich mit Programmierung beschäftigt.
        Nicjt programmieren zu können (damit meine ich nicht unbedingt eine Programmiersprache auswendig zu können) ist ein symptom.

        Also ich würde unsere Argumente auf zwei Ebenen schieben. Ja, Studium darf nicht zur Ausbildung verkommen. Und ja, das Bologna Symptom, dass viele Informatiker (ich rede nicjt von Medieninformatiker oder so) nach dem Bachelor sich nicht mit den tiefen der Programmierung beschäftigt haben, ist ein Problem.

  2. Ge-blockchain-te Quantencomputer werden uns retten… 8)
    oder auch nicht :?
    „Ich habe mal jahrelang mit Python gearbeitet und habe mir nie die Mühe gemacht, es überhaupt zu lernen.”
    geht auch so:
    „Ich habe mal jahrelang gelebt und habe mir nie die Mühe gemacht, es überhaupt zu lernen.”
    http://www.wfelix.org/golas.pdf
    R. Buckminster Fuller :
    „Man schafft niemals Veränderung,
    indem man das Bestehende bekämpft,
    sondern indem man neue Modelle baut,
    die das Alte überflüssig machen!“
    Das zu bejahen kein Problem,
    aber umzusetzen :evil:
    Sorry für die Besinnlinglichkeit,aber vielleicht inspiriert es!

  3. @Knudster: Wenn richtisch Geld für die „richtign” teuren Berater in den Ministerien da ist,
    wird das ein fliessender Übergang…
    bis es nicht mehr unterscheidbar ist!
    Und man dann feststellt das es bis auf Ausnahmen kein Basiswissen bei den Schülern gibt,auf dem dann das Programmieren aufbauen könnte…bei App-Babys und Skript-Kiddies :evil:

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
:x 
:aufsmaul: 
:P 
:ups: 
:cry: 
:evil: 
:twisted: 
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