Nerdkrams
Warum Informatik kein Programmierunterricht ist

Was hat das Internet sich nicht wieder köstlich amüsiert: Die F.D.P. fordert das „Programmieren ab Grundschule“, stimmt aber im Landtag gegen ein Pflichtfach Informatik. Haha, die Pünktchenpartei immer. So inkonsequent.

Nur hat Programmieren mit Informatik zunächst mal so viel zu tun wie ein Horoskop mit Astrophysik: Irgendwas mit Computern, irgendwas mit Sternen, wird schon passen. Informatik als Vertiefung der Mathematik lehrt Logik, trockene Automatentheorie, allerdings nicht zwangsläufig ihre Anwendung – und selbst die geht weit über Programmieren hinaus.

Die Mehrzahl aller Informatikabsolventen kann nicht programmieren (und wenn, dann nur in Java), Informatik allgemein läuft super bis auf Programmieren. Als fertig studierter Informatiker mit einer leidlich akzeptablen Durchschnittsnote kann man einen Algorithmus schreiben, der sich in Internetforen über die schlechte Qualität seines Studiums beschwert, aber ihn eben nicht in der Praxis umsetzen, weil weder Algorithmik noch Platinenlöten nennenswerte Kenntnisse in einer Programmiersprache (außer, allenfalls, Assemblersprache oder Lernsprachen wie Python, die sowieso wie lauffähiger Pseudocode aussehen; und selbst das nur, wenn genug Begeisterung für das Thema besteht, weil man in keinem der beiden Fächer zwangsweise mit echtem Quellcode arbeiten muss oder auch nur sollte) mit sich bringen. Für die Wirtschaft sind Leute, die Ideen in verkaufstaugliche Programme einbauen können, allerdings langfristig wichtiger als solche, die sich ab und zu mal was ausdenken, weil sich Ideen eben verdammt schwer in Greifbares verwandeln lassen, wenn niemand da ist, der das tut; und selbst, wenn man von der Wirtschaft nicht viel hält: Wenn ich ein Programm zum Heimgebrauch entwickle, dann macht mir das Schreiben von Code oft deutlich mehr Spaß als das Erarbeiten der dahinter stehenden Logik. Dazu kommt: Kein Wissen aus der Informatik ist zur produktiven Arbeit hierbei zwangsläufig Voraussetzung, denn programmieren kann man auch ohne eine detaillierte Verschriftlichung der erwarteten Ergebnisse.

Richtig ist, dass mehr Menschen programmieren können sollten, denn Programmiertes löst oft Probleme, die man bis dahin für unausweichlich gehalten hatte. Mehr noch: Notwendig erscheint es mir, Medienkompetenz zu einem wichtigen Unterrichtsinhalt in Schule und Studium zu machen. Stimmt, was in Zeitungen und Schulbüchern steht? Wie vertrauenswürdig ist Facebook und womit verdienen die eigentlich ihr Geld? Nur ist auch dies nicht die Aufgabe der Informatik. Ein Informatiker kann eine lange Karriere vor sich haben, ohne jemals mit dem in Berührung zu kommen, was manche hierzulande einen Computer nennen. „Du bist doch Informatiker, du kannst doch sicher mein Auto reparieren, das ist doch heute alles mit Computer.“ (Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass es heißt, es gäbe zu wenig gut ausgebildete Informatiker: Man wäre schön blöd, das herumzuerzählen.)

Im Übrigen gibt es durchaus gute Gründe dafür, dass Informatik ein mehrjähriger Studiengang mit mehreren, einander faktisch ausschließenden Vertiefungen ist: Die wesentlichen Inhalte dieser Disziplin lassen sich nicht zwischen Sportunterricht und Erdkunde begreifen. Wer ein „Pflichtfach Informatik“ fordert, der hat offensichtlich ganz einfach das Wesen der Informatik nicht begriffen. Astrophysiker – da haben wir es wieder – sind ja auch nicht nach dem Abitur schon fertig.

Wer sich also über die eingangs erwähnte vermeintliche Inkonsequenz der F.D.P. amüsiert, dem stünde etwas mehr Unterricht vermutlich nicht schlecht zu Gesicht.


Produkttest des Tages: „Auf den ersten Blick hat Google vieles richtig gemacht: Das Pixel hat eine separate Kopfhörerbuchse und stand während meines fünftägigen Tests kein einziges Mal in Flammen. Für High-End-Smartphones ist das im Herbst 2016 nicht selbstverständlich.“

Senfecke:

  1. Da ich mich derzeit selbst in einem Informatikstudium befinde, kann ich die meisten Aussagen leider nur bestätigen. Wenn ich nicht nebenbei bei der Arbeit mal Einblicke in „richtige“ Softwareprojekte erhalten hätte, wären meine Programmierkenntnisse vermutlich auch unterirdisch.
    Auch in den Bereichen Medienkompetenz und „du bist doch Informatiker, kannst du mal…“ kann ich nur beipflichten. Praktisches Beispiel: Zeigt den Leuten doch mal anhand eines E-Mail Headers, dass die „Sie haben 1000€ gewonnen“ Nachricht nicht ernst zu nehmen sein kann.

  2. An Schulen wird auch das Fach Mathematik angeboten. Was das Schulmathe mit dem Studienfach Mathe zu tun hat weißt du wahrscheinlich selber. Höhere Mathematik 1+2 sollten dir als Inf nicht fremd sein.
    Trotzdem, programmieren gabs früher als AG. Wer will kanns machen, unumgänglich fürs Leben ist es nicht.

    • derda:
      An Schulen wird auch das Fach Mathematik angeboten. Was das Schulmathe mit dem Studienfach Mathe zu tun hat weißt du wahrscheinlich selber. Höhere Mathematik 1+2 sollten dir als Inf nicht fremd sein.

      Vielleicht sollte man den praktischen Nutzen der schulischen Ausbildung nicht vergessen. Bei Mathe liegt der bis einschließlich Mittelstufe auf der Hand. Darüber hinaus wird Mathe einschließlich Oberstufe für ein Mathestudium vrorausgesetzt. Beides sieht in Sachen Informatik völlig anders aus.
      Und Informatiker=Programmierer=Hardwarespezialist=Netzwerktechniker=Admin… ist notorischer Irrglaube. Zwingend (!) programmieren ansich (!) lernt man nur in diversen Ausbildungsberufen. Es ist ein Handwerk. Und deswegen gibt es ja auch ohne Ende Naturwissenschaftler, BWLer etc., die ins programmieren „reingerutscht“ sind, weil sie das im Rahmen ihrer eigentlichen Ausbildung/Tätigkeit gut gebrauchen können. Ich habe bspw. einen Diplomphysiker als Mitarbeiter in der Softwareentwicklung für ein LIMS, mit dem Werkstoffprüfung abgewickelt wird. Oder nen Kumpel von mir: Diplom in E-Technik. Schwerpunkt Chip-Design. Tja, der programmiert seit Jahren fröhlich in Assembler, C und Perl.
      Und was mache ich als WirtschaftsINFORMATIKER? Gute Frage, jedenfalls würde ich es seltenst „programmieren“ nennen ;)

  3. Glatt vergessen: Programmieren in der Grundschule macht natürlich wesentlich mehr Sinn als Informatik als Pflichtfach.

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