In den NachrichtenNerdkrams
Bitkom: 11 Prozent der Jugendlichen computern irgendwie.

(Vorbemerkung: Ich empfehle vorab die Lektüre meiner Auffassung von Informatikunterricht.)

Der viel zu gesprächige Verein Bitkom, laut eigenen Angaben „der Digitalverband Deutschlands“, ist in der Vergangenheit nicht gerade dadurch aufgefallen, kluge Überlegungen bloßem Werberduktus vorzuziehen (cf. Kuhstall 4.0). Das leistet der Freude bei Kenntnisnahme einer neuen Pressemitteilung des Verbandes einigen Vorschub, denn man weiß schon vor dem Lesen: Ah, endlich wieder Gratisblödsinn.

Das war auch heute wieder richtig. Heute nämlich erschien unter der geradezu apokalyptischen Überschrift „Nur jeder zehnte Jugendliche kann programmieren“ eine Pressemitteilung („Presseinformation“), mit der Pressesprecher Bastian Pauly offensichtlich versucht hat, die Wette zu gewinnen, wer wohl unwidersprochen den größtmöglichen Quatsch auf der Verbandsseite veröffentlichen darf. Der Dateiname der Pressemitteilung – httpswwwhubberlinen.html, offensichtlich ein Bezug zu dieser zwielichtigen Website – ist dabei noch vergleichsweise harmlos, denn nach der Überschrift wird es nicht mehr besser.

Der größte Teil des Texts ist eine Werbung für die „Verdienste“ und Veranstaltungen des Bitkom e.V. selbst, in deren Rahmen der Verein Schülern „das Coden“ beibringen will; spannend ist jedoch dieser Absatz:

Programmierkenntnisse werden in der digitalen Welt immer wichtiger, aber nur wenige können schon im Jugendalter selbst coden: Gerade einmal jeder zehnte Jugendliche (11 Prozent) kann eigene Programme schreiben oder Webseiten erstellen, wie eine repräsentative Befragung des Digitalverbands Bitkom unter 10- bis 18-Jährigen ergab. „Smartphones und Tablets gehören für viele Kinder und Jugendliche wie selbstverständlich zum Alltag. Aber nur die wenigsten wissen, wie die Geräte eigentlich funktionieren“, sagt Bitkom-Geschäftsleiter Christian Kulick.

Klar: Ist die Prämisse (nämlich: dass Programmieren – im Bitkomvokabular: „Coden“ – eine immer wichtigere Fähigkeit sei, als gäbe es immer noch nicht viel zu viele Programmierer im Land und als sei die Aufgabe von Computern einzig diejenige, programmiert zu werden) erst einmal falsch, ist ihre Folgerung eigentlich auch völlig egal, insofern wäre ich beinahe willens, das so stehen zu lassen, aber eben auch nur beinahe.

Dass „gerade einmal jeder zehnte Jugendliche“ und „11 Prozent der Jugendlichen“ eine unterschiedliche Bedeutung haben, weil 11 Prozent eben nicht „gerade einmal“, sondern „deutlich mehr als“ einer von zehn sind, sei verziehen. Mathematik lässt man als „Digitalverband“ vermutlich lieber den Computer machen und der rundet manchmal nicht so offensichtlich. Schwerer wiegt die ausbleibende Differenzierung zwischen Programmieren, Codeschreiben („Coden“), Webseitenerstellen und Smartphonesverstehen, denn nichts davon bedingt einander. Programmieren kann man einen Videorekorder ebenso wie einen gewöhnlichen Computer, ohne eine einzige Zeile Code zu schreiben; Code kann man bequem irgendwo rauskopieren oder abschreiben, ohne selbst etwas zu programmieren; eine Website kommt (gesetzt den Fall, dass man HTML wie auch zum Beispiel RTF, PDF oder Office XML, das Format von neueren Word-Dokumenten, nicht als Programmiersprache, sondern als Beschreibungssprache versteht, wessen ich mir bei Deutschlands nicht parteilichen Digitalexperten freilich nicht sicher sein kann) selbstredend ohne Programmieren aus; was schließlich das Verständnis der Funktionsweise von Smartphones und Tablets mit Programmieren zu tun hat, kann mir vermutlich nicht einmal Bitkom-Geschäftsleiter Christian Kulick sinnvoll beantworten.

Klar: Sind alles Computer, alles ein Brei. Nach dem Feierabend erst mal Strom in den Computer coden, die Anmeldedaten einprogrammieren und online ein paar virtuelle Monster ins Nichts hacken. Wird schon irgendwie passen. Du machst doch was mit Computern, kannst du nicht…? Ist ja alles Computer heute.

Hat eigentlich schon mal jemand eine solche repräsentative Umfrage unter der Bitkom-Belegschaft durchgeführt?

Senfecke

Bisher gibt es 5 Senfe:

  1. Von Konfiguration hast Du offensichtlich auch keinen Schimmer. Setzen: 6.

  2. Laut einer repräsentativen Umfrage unter jugendlichen Automobilnutzern sind nur 0,3 Prozent in der Lage, eine Zylinderkopfdichtung auszutauschen. Programmieren können ihr Fahrzeug immerhin 11 Prozent. Unfallfrei von A nach B zu fahren gelingt zumindest 80% der Befragten meistens.

    Ähnlich verherend sieht das Ergebnis einer Umfrage unter Fernsehzuschauern zwischen 12 und 32 Jahren aus. Hier können 50% der Befragten zwar noch angeben, ob ihr Gerät OLED oder 4K „hat“, ob und wenn ja, über welchen Satelliten das Fernsehsignal das Endgerät erreicht, beantworten 98% mit „Hä?“.
    Immerhin 11 Prozent können ihr Gerät programmieren.

    Kann uns die Einführung von KFZ- und Rundfunk-Technik als Grundschulfächer noch retten, oder ist es dafür schon zu spät?

  3. … und wie ein Auto funktioniert konnten noch ca. 27% der unter 30 jährigen erklären. In der relevanten Gruppen konnte aber schließlich keiner die Funktionsweise eines LED Monitor beschreiben. Was mit ziemlicher Sicherheit den Untergang des Abendlandes innerhalb der nächsten Dekade auslöst. Das wurde in dem Film „Idiocracy“ eindrucksvoll bewiesen. Jeder Mensch muss alles Wissen, ansonsten gehen wir unter.

    Ja, wir brauchen Computer in der Grundschule. 3. Klässler müssen programmieren lernen: https://www.saarland.de/SID-C034C800-B76729CC/59844_223008.htm

  4. Hihi! :ugly:

    Ich finde die Kommentare nicht schlecht! Kann man durchaus hinterfragen, ob es sinnvoll ist, allen Kindern das programmieren, bzw coden (oder koten?) beizubringen.

    Ich fand den althergebrachten Ansatz damals eigentlich nicht schlecht, das als AG anzubieten. So habe ich damals TurboPascal in der Schule anschnuppern können. Ist natürlich heute nicht mehr viel wert (TP meine ich), aber immerhin konnte ich so ein paar grundsätzliche Erfahrungen machen, die ich dann später aus Interesse weiter verwenden konnte.

    Ich persönlich fände es viel wichtiger den Kindern beizubringen, wie man sicher surft, wie man Scam und Spam erkennt, wie man die meisten Programme bedient (der Aufbau der UIs ist ja doch immer sehr ähnlich) usw – halt das, was *ich* unter Medienkompetenz verstehe.

    Naja, mein Semf eben. :roll:

    Jruß
    chris
    :winken:

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