Netzfundstücke
Warum Informatik kein Programmierunterricht ist (Nachtrag)

Das größ­te unge­lö­ste Problem bei der von Kurzsichtigen angetreb­ten Verpflichtung zum Programmierenlernen (denn das ist das, wor­auf der viel­stim­mi­ge Ruf, „Informatik“ möge doch bit­te Grundschulfach und nicht bloß lang­jäh­ri­ge Ausbildung oder gar Studium sein müs­sen, im Wesentlichen hin­aus­läuft; als wür­de auch nur ein ein­zi­ges EDV-Netz, das nur von Programmierern betreut wird, dau­er­haft halb­wegs funk­tio­nie­ren!) ist im Übrigen auch, dass es mehr Programmierer als Aufgaben gibt. Sam Kriss schrieb zu der Utopie der Weltfremden:

Ihr Alter oder Ihre Ethnie oder Ihr Geschlecht sind egal, sie gehö­ren in das Zeitalter der Objekte. Lernen Sie ein­fach zu pro­gram­mie­ren und alles wird gut. Aber etwas fehlt: Was pro­gram­mie­ren? Um was zu tun? Und war­um? (…) Kein Startup lei­stet etwas neu­es oder inter­es­san­tes. Was nicht ver­wun­dern soll­te: wie oft hat irgend­je­mand eine wirk­lich gute Idee? Was Sie bekom­men, ist nur Code, der her­um­schwappt und schließ­lich in der Form von Apps und Firmen erstarrt, die nur exi­stie­ren, um zu exi­stie­ren. (…) Es gibt Startups, die Zehntausende für Namen und Logo aus­ge­ben, bevor sie über­haupt ein Produkt haben oder wis­sen, ob es irgend­wer haben wol­len wür­de. Das nennt man Innovation, aber was es eigent­lich reprä­sen­tiert, ist eine Kultur, die das ver­stüm­mel­te Geröll des Alten auf­häuft, um irgend­et­was neu­es zu schaf­fen, und eine mor­bi­de Wirtschaftsordnung, die in ihrer eige­nen über­flüs­si­gen Liquidität ertrinkt und wil­lens ist, in jede Blase zu inve­stie­ren, die ihr begegnet.

(Übersetzung wie üblich von mir.)

Die lächer­li­che Katja Kipping von den lächer­li­chen „Linken“ hat sich beschwert, dass die­ses Internet einem den gan­zen ruhi­gen Feierabend ver­saut. Vielleicht soll­te man bei sol­chem gro­bem Unfug anset­zen, wenn es um die Definition des­sen geht, was jeder Mensch als EDV-Grundbildung besit­zen soll­te - wenn es bei denen, die Gesetze machen wol­len, schon an der Kenntnis vom Ausknopf schei­tert, wie soll dann ein staat­lich gere­gel­ter Informatikunterricht jemals mehr als per­spek­tiv­lo­se Programmieraffen, über­be­zahl­te sprich­wört­li­che Inder qua­si, hervorbringen?

(via jwz)

Senfecke:

  1. Man kann Frau Kipping aber auch so ver­ste­hen - und die Worte „Verfügbarkeit und Feierabend“ sind da ziem­lich ein­deu­tig - dass es ihr dar­um ging, eine mitt­ler­wei­le gän­gi­ge Praxis der Arbeitgeber zu kri­ti­sie­ren. So lächer­lich ist das dann gar nicht mehr…

  2. Naja, das von jeman­dem mit einem sol­chen ( https://tuxproject.de/blog/2017/06/linuxnutzer-entsetzt-von-der-nsa-entwickelte-software-ist-ueberraschend-unsicher/ ) Noobartikel hat schon ein Gerüchlein. Nicht, dass ich Frau Kipping mag, mit Forderungen nach einer „fai­ren und gerech­ten Digitalisierung“ macht sie sich auch im ND lächer­lich. Wer im Übrigen auf Twitter oder Facebook etc. abhängt, ist kein Stück bes­ser (und Politiker und Journalisten sind da ent­schul­digt, wenn sie es beruf­lich tun, das müs­sen sie. Aber sonst ist jeder Twitter-, Facebook-, Google (vor allem +) oder Whatsappuser ger­ne ein Idiot).

    Man kann aber ihre Forderung nach „digi­ta­ler Stille“ durch­aus als berech­tig­te Kritik an der Forderung nach stän­di­ger Erreichbarkeit ver­ste­hen, die von Arbeitgebern/Geschäftspartnern beson­ders pene­trant erho­ben wird, aber auch Teil der gesell­schaft­li­chen Pest der Lemminge mit elek­tro­ni­scher Fussfessel und Wanze krank genug ist. Und das Ausschalten und Abnabeln von den Datenschnüfflern und -heh­lern muss in der Tat gelernt wer­den. Kipping ist da gewiss kein leuch­ten­des Vorbild, aber womög­lich einen Schritt wei­ter als der Artikelautor.

    • Gut erkannt: Ich bin akti­ver Befürworter von Überwachung und bin rund um die Uhr in jeder erdenk­li­chen pri­va­ten Situation von mei­nem Arbeitgeber telefonisch/„digital“ erreich­bar, denn ich bin ein wil­len­lo­ser Lemming, was dar­an zu erken­nen ist, dass ich mich manch­mal über die „shi­ce Windoof“-Artikel im OSBN lustig mache. Ich wur­de durch­schaut, wie ärgerlich!

      • Ich sag mal so: OS wars sind sowas von neun­zi­gern, und kein Mensch mit Verstand hält sich damit auf. Windows hat sich seit den Zeiten, als es ein 16bit-Bootloader war, durch­aus wei­ter­ent­wickelt, auch in Bezug auf Sicherheitskonzepte. Dennoch wür­de ich nach wie vor Windows für schwe­rer admi­ni­strier­bar (jeden­falls in pro­fes­sio­nel­len Umgebungen) anse­hen als Unixoide ein­schliess­lich Linux. Dass man­che Linux-Entwicklungen wie Ubuntu oder die Freedesktop-Pest dem Schlechtesten von Windows nach­ei­fern, ist ein ande­res Kapitel - und ja ich hät­te mir eher etwas SMF-ähn­li­ches gewünscht als den systemd-Dreck. 

        Darum ging es hier aber nicht. Die Kipping hat­te da, wo Du sie von der Seite ange­macht hast, durch­aus nicht Unrecht. Dass sie von EDV (oder modisch IT) kei­nen Dunst hat, ist ihr gutes Recht, inso­fern sind ihr da schrä­ge Formulierungen und Einschätzungen eher nach­zu­se­hen. Aber was sie the­ma­ti­siert hat, ist ein Problem, dass alle auf die Leimrute der Datenhehler und Überwachungsfreaks sprin­gen. Da ist es abar­tig, wenn die, die es bes­ser wis­sen kön­nen, bloss rum­hä­men. Insofern haste die Kloppe ver­dient, imho.

        • Ich wür­de das eher Verzweiflung als Häme nen­nen. Die, die was ändern kön­nen, sind immer sol­che Riesenkamele, wäh­rend die, die was ändern wol­len, von nie­man­dem ernst genom­men wer­den. Jaja, das Dilemma der Piratenpartei.
          Katja Kipping ist hier Symbol für die Netzpolitik in Deutschland (wenn auch bei wei­tem nicht das bedeu­tend­ste) und das erklärt ein­fach zu vieles.

      • Mit dem, was Du über Programmierenlernen etc. schreibst, hast Du natür­lich weit­ge­hend Recht. Ich kann Dir aber, in Bezug auf 

        Fröhlich? In Assembler? Masochist. ;-)

        nur bestä­ti­gen, dass Assemblerprogrammierung sehr wohl viel Spass machen kann. Vor allem steht man da nicht so unter dem Druck der Schlipse wie in der Anwendungsprogrammierung, jede ansatz­wei­se funk­tio­nie­ren­de Betaversion zum final release zu machen. Dafür ist Assemblerprogrammierung zu nonforgiving.

        • Ja, wir soll­ten den Javascript-Fuzzis dank­bar sein, dass sie uns die Schlipse vom Hals hal­ten. Was man nicht im IDE zusam­men­klicken kann, exi­stiert nicht.
          (Ich gebe zu, Assembler macht mir zu vie­le Knoten im Kopf. Vielleicht bin ich auch ein­fach nur zu unge­dul­dig, aber ich fin­de C deut­lich ange­neh­mer. Und das ist immer noch unhip genug…)

  3. Zwei Senfe:
    Die Identifikation von Informatikunterricht und Programmierunterricht ist kaum noch aus den Köpfen her­aus­zu­be­kom­men: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/gegen-programmier-unterricht-in-der-grundschule-15055414.html

    Viel schlim­mer aber ein Zitat aus dem FAZ-Artikel:
    Nein. Programmieren ist ein Handwerkszeug für Spezialisten, um die Ideen ande­rer umzu­set­zen: Hoch lebe die Arbeitsteilung! Schließlich fah­ren wir auch Auto, ohne einen Motor zusam­men­ba­steln zu können.

    Da wehrt sich eine ver­meint­li­che Elite gegen den Zwang, ihre Kinder etwas ande­res als Herrschen zu leh­ren, selbst­be­wusst und vol­ler Verachtung für nie­de­re Tätigkeiten, aber blind und taub für alle Veränderung, die nicht unmit­tel­bar ihre Interessen berührt. Rom geht unter!

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