PersönlichesPiratenpartei
War­um Basis­de­mo­kra­tie kein Blan­ko­scheck sein darf

Davon, dass die zeit­li­che Nähe zwi­schen dem Nie­der­gang der Hacker­kul­tur und dem gesell­schaft­li­chen Auf­stieg von Leu­ten, deren wesent­li­ches Inter­es­se der Neu­de­fi­ni­ti­on ihres Geschlechts gilt, war hier bereits 2016 die Rede, ich stell­te hier­für einen Zusam­men­hang zwi­schen dem Cha­os Com­pu­ter Club und der Pira­ten­par­tei her, wobei ich ins­be­son­de­re die Fol­gen für erste­ren Ver­ein the­ma­ti­sier­te. Aus aktu­el­lem Anlass möch­te ich heu­te ein­mal die ande­re Sei­te gering­fü­gig genau­er beleuchten.

Es gibt näm­lich gute Grün­de, dass es meh­re­re Par­tei­en gibt, und die­se lie­gen nicht nur dar­in, dass die Exi­stenz nur einer Par­tei dem jeden­falls papier­nen Anspruch der Reprä­sen­ta­ti­on des gan­zen hete­ro­ge­nen Volks zuwi­der­lie­fe, wes­we­gen im Übri­gen auch eine pro­zen­tua­le „Hür­de” für den Ein­stieg in irgend­ein Par­la­ment mei­ner Auf­fas­sung von Volks­ver­tre­tung nicht ent­spricht. Es gibt, bewusst grif­fig ver­kürzt, mit den „Grü­nen” eine Öko­par­tei, es gibt mit der SPD eine ehe­ma­li­ge Arbei­ter­par­tei, es gibt eine BGE-Par­tei die­ses Namens, es gibt eine erschreckend apo­li­ti­sche „Par­tei” namens PAR­TEI, es gibt mit der „Uni­on” sogar zwei Par­tei­en für den poli­tisch apa­thi­schen Durch­schnitts­bür­ger; es gibt außer­dem eine Par­tei, die sich für netz­po­li­ti­sche Belan­ge ein­zu­set­zen pfleg­te, und ihr Name ist Piratenpartei.

Die Pira­ten­par­tei, auf­ge­baut in und dank der Annah­me, jeder Bei­trag sei eine gro­ße Hil­fe bei der Umset­zung der poli­ti­schen Plä­ne, was spä­ter als „Basis­de­mo­kra­tie” zusam­men­ge­fasst wur­de, kämpf­te über­zeu­gend dafür, dass die Belan­ge derer, die 2017 kol­lek­tiv belei­di­gend als „die Netz­ge­mein­de” bezeich­net wer­den, als sei das Netz eine abweich­ler­freie Sek­te und kein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um, eine grö­ße­re Rol­le in der Bun­des­po­li­tik spie­len soll­ten. Bedau­er­li­cher­wei­se wur­de die Bereit­schaft, kei­nen am The­ma Inter­es­sier­ten abzu­wei­sen, bald der­ge­stalt fehl­in­ter­pre­tiert, dass davon aus­ge­gan­gen wur­de, dass jede noch so bescheu­er­te Idee, der in ande­ren Par­tei­en nicht genug zuge­hört wur­de, bei der Pira­ten­par­tei gut auf­ge­ho­ben sei, von Kern­kraft­kri­tik über Radi­kal­fe­mi­nis­mus bis hin zum lei­stungs­lo­sen Gra­tis­geld („BGE”).

Dass das kla­re und von allen ande­ren deut­schen Par­tei­en weit ent­fern­te, somit ein­ma­li­ge Pro­fil der Par­tei, die sich für eine poli­ti­sche Inte­gra­ti­on des Inter­nets in gesell­schaft­li­che Fra­gen ein­setzt, seit 2011 zuse­hends mehr ver­wäs­sert wur­de, ist Teil des Pro­blems, des­sen Fol­gen sich in per­ver­ser Gesetz­ge­bung und Ver­meh­rung von Über­wa­chungs­me­cha­nis­men zei­gen, und es gibt gute Grün­de, dar­an den­je­ni­gen eine per­sön­li­che Schuld zu geben, die den Unter­schied zwi­schen der Hil­fe beim Auf­bau einer schlag­kräf­ti­gen Par­tei­ba­sis und der Mög­lich­keit, sei­ne eige­ne Agen­da zu publi­zie­ren, nicht ver­stan­den haben.

Ich erklä­re das Pro­blem ein­mal mit einer Ana­lo­gie: Neh­men wir an, es gibt jeman­den, der zu Hau­se „kein Inter­net” hat und des­sen Hob­bys Rüben­zucht und Tau­ben­jagd sind. Wel­che Par­tei ver­tritt sei­ne per­sön­li­chen Inter­es­sen am besten, in wel­cher wür­de er sich will­kom­men füh­len und gar mit sei­ner Exper­ti­se die­se Par­tei vor­an­brin­gen? In einer netz­po­li­ti­schen, einer wirt­schafts­ori­en­tier­ten gar?

Eine Par­tei, man ver­zei­he mir den Zir­kel­schluss, heißt Par­tei, weil sie Par­tei für eine bestimm­te Grup­pe (ihre Kli­en­tel, ihre Stamm­wäh­ler­schaft eben) ergreift, nicht aber zwangs­läu­fig für jeden gei­sti­gen Total­aus­fall, der gera­de was sagen will. Offe­ne Arme für jeden Fan­ta­sten haben schon ganz ande­re Pro­jek­te als bloß eine Par­tei zer­stört. Wenn jemand offen­sicht­lich völ­lig ande­re poli­ti­sche Vor­stel­lun­gen als ich selbst habe, dann neh­me ich das zur Kennt­nis, weiß aber auch, dass ein Kon­sens nicht funk­tio­nie­ren kann, wes­halb ich die­sen Jemand auch nicht „ein­zu­bin­den” und „teil­ha­ben” zu las­sen ver­su­che. Es ist ein gewal­ti­ger Feh­ler, als Par­tei anzu­neh­men, dass jeder Knall­kopf Gehör fin­den soll­te, wofür Zeit geop­fert wer­den müss­te, die statt­des­sen auch in sinn­vol­le­re Tätig­kei­ten, zum Bei­spiel für den Kampf für anstän­di­ge Netz­po­li­tik, inve­stiert wer­den könn­te. Par­tei­en sind kei­ne Buchklubs.

Die Pira­ten­par­tei – Offen­le­gung: noch immer mit mei­ner Mit­glied­schaft aus­ge­stat­tet – ist kon­zep­tio­nell eine netz­po­li­ti­sche Par­tei, zusam­men­ge­setzt zwei­fel­los aus Men­schen ver­schie­den­ster Art. Dage­gen ist prin­zi­pi­ell nichts ein­zu­wen­den. Wer jedoch zwar vor viel­fäl­ti­gen Ideen nur so über­schäumt, jedoch kei­ner­lei Inter­es­se an einer moder­nen Netz- oder wenig­stens Urhe­ber­rechts­po­li­tik hat, der ist in einer poli­ti­schen, inner­par­tei­li­chen Dis­kus­si­on mit mir per­sön­lich nicht will­kom­men, weil er anders als die­je­ni­gen, die wenig­stens in den The­men, die der Pira­ten­par­tei über­haupt einen Grund zum Fort­be­stand ver­lei­hen, eine dis­kus­si­ons­wür­di­ge Mei­nung ver­tre­ten, ledig­lich ein Klotz am Bein wäre, denn er hat zur Umset­zung der Zie­le, für die die­se Par­tei über­haupt exi­stiert, nichts bei­zu­tra­gen, was es wert wäre, gehört zu werden.

Eine Par­tei muss auch mal sagen: Leu­te, ihr seid uns hier echt im Weg.

(Zweit­ver­wer­tet aus einer Dis­kus­si­on auf Twitter.)

Senfecke:

  1. Wenn eine Par­tei >5% wer­den will, muss sie sich imho auch mit grö­ße­ren klas­si­schen The­men befas­sen wie z.B. Wirt­schaft und Sozia­les. Denn zum einen wäh­le ich eine Par­tei nicht nur wegen eines The­mas und zum ande­ren wäre die­se Par­tei in einer Regie­rungs­ko­ali­ti­on oder auch nur in der Oppo­si­ti­on zu irrelevant.
    Aller­dings (da gebe ich Dir voll­kom­men recht) kann es anders­rum auch nicht so lau­fen, dass die­se Par­tei „offen für alles” wirk­lich jeden Bull­shit (Para­de­bei­spiel Gen­der-Gedöns) groß wer­den lässt, der mit ihren Kern­an­lie­gen nix zu tun hat.

    • Regie­rungs­ko­ali­tio­nen haben den Vor­teil, dass ver­schie­de­ne Kern­kom­pe­ten­zen zusam­men­ar­bei­ten kön­nen. Wenn zwei Par­tei­en alles abdecken, brau­chen sie auch nicht zusammenzuarbeiten.

      Die Pira­ten­par­tei, wäre sie nicht so bescheu­ert gewor­den, könn­te in einer Koali­ti­on mit eigent­lich jeder Par­tei die netz­po­li­ti­schen The­men abdecken und die andere(n) Partei(en) den Rest.

      • Wie darf man sich bspw. Ein frei­es Netz ala Pira­ten mit Sicher­heits­po­li­tik ala CDU vor­stel­len? Machen dann BND und VS so wei­ter wie bis­her, nur ohne Internet?

  2. Also sozu­sa­gen als dau­er­haf­ter Steig­bü­gel für wen auch immer? Das deckt aber die SPD schon ab. Zumal ande­re Par­tei­en da auch ent­wick­lung­tech­nisch wesent­lich mehr dem Zeit­geist ent­spre­chen, da Auto­kra­tie welt­weit gewünscht wird. Da passt Netz­po­li­tik nicht in der Tota­len rein. Jeho­va! Jehova!

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