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Von Hamstern und Toten (sowie: Electric Wizard — Time to Die)

Ah, es ist mal wieder Feiertag; nicht irgen­dein Feiertag, son­dern der Feiertag:

Alar­rrrma! Ham­sterkäufe. Panik. Mor­gen gibt’s nix mehr. Über­mor­gen auch nicht. Nie wieder. Wir wer­den alle ver­hungern. Der Laden voll. Die Ner­ven blank. Die Honks in Hochform. Und der Wichser hin­ter mir fährt in meine Hack­en. Kön­nt ja schneller gehen wenn er das tut.

Deutsch­land, du Land der liebenswerten Irren! Man sollte euch Kalen­der schenken, die zwei bis drei Tage vor einem eigentlich verkauf­sof­fe­nen, aber Feiertag in unregelmäßi­gen Abstän­den laut piepen und wild blinken und erst damit aufhören, wenn ihr eingekauft habt. Der Deutsche mag es nicht, wenn etwas laut piept und wild blinkt.

Woge­gen der Deutsche allerd­ings nur wenig einzuwen­den hat, denn son­st würde er aufhören, Parteien zu wählen, die die außen­poli­tis­che Nähe zu den USA befür­worten, ist ja so was hier:

Während eines US-Luftan­griffs in Kun­duz wurde ein Kranken­haus von Ärzte ohne Gren­zen getrof­fen, min­destens 19 Men­schen star­ben. (…) Die US-Armee hat­te am Mor­gen einge­s­tanden, man habe in der Nähe des Hos­pi­tals Luftschläge aus­ge­führt, dabei könne es zu zivilen Opfern in dem nahegele­gen Hos­pi­tal gekom­men sein. (…) Das Ziel der Luftan­griffe in der nordafghanis­chen Stadt seien “Per­so­n­en, die eine Gefahr für die Stre­itkräfte darstell­ten” gewe­sen.

Das kann ja mal vorkom­men. Muss man ja ver­ste­hen — da sitzen irgend­wo Tal­ibankämpfer im Gebüsch, da kann man auf so was wie ein Kranken­haus keine Rück­sicht nehmen, da muss das Gebi­et weiträu­mig eingeeb­net wer­den. Son­st über­lebt noch wer.

Was ja für ein Land mit durch­schnit­tlich etwa ein­er Schießerei pro Tag (und das sind nur die erfassten) keine beson­ders radikale Hal­tung ist. Waf­fen schützen nun mal vor den Bösen, und ich bin mit­tler­weile fest davon überzeugt, dass jemand, der kein Jäger ist und trotz­dem eine Waffe trägt, ein Arschloch und kein Guter ist. Der zweite Zusatzartikel zur US-amerikanis­chen Ver­fas­sung implizierte im 18. Jahrhun­dert, dass jed­er eine Mus­kete besitzen darf. Wie unge­fährlich es doch in den Vere­inigten Staat­en wäre, besäße jed­er nur eine Mus­kete!

Dazu passt vielle­icht etwas Musik.

Electric-Wizard-Time-To-DieIn Eng­land, dem Land des Magiers Mer­lin, formierte sich 1993 eine Doom-Met­al-Band namens “Elec­tric Wiz­ard”, “elek­trisch­er Zauber­er” also. Inzwis­chen spielt die Gruppe mit dem vierten Schlagzeuger und dem fün­ften Bassis­ten ziem­lich erfol­gre­ich mit ihrem image, das trügt: Hin­ter Album­stiteln wie “Witch­cult Today” (2007) und “Legalise Drugs and Mur­der” (2012) steckt let­ztlich Musik, die auch uns, die wir mit den meis­ten Spielarten des Met­al nur bed­ingt etwas anfan­gen kön­nen, zu gefall­en ver­mag. Vom guten Doom Met­al zum guten Ston­er-Rock ist es musikalisch nicht beson­ders weit. Ich per­sön­lich nehme den Doom Met­al ein­fach nicht ernst, dann macht er am meis­ten Spaß.

Auch auf dem aktuellen, 2014 veröf­fentlicht­en Stu­dioal­bum “Time to Die” wird die Freude befeuert: Titel wie “Destroy Those Who Love God” und “Lucifer’s Slaves” amüsieren mich, wenn ich mir vorstelle, dass es vielle­icht tat­säch­lich Leute gibt, die das alles furcht­bar ernst nehmen. Dabei steckt hin­ter der Attitüde wirk­lich Hörenswertes:

Das Album begin­nt mit dem Plätsch­ern eines Bach­es. Allmäh­lich set­zen Schlagzeug und Orgelk­länge ein, ein Erzäh­ler hält einen kurzen Monolog und es wird schla­gar­tig düster: “Incense for the Damned” ist eine schnei­dende Gitarre über treiben­dem Bass- und Schlagzeug-Fun­da­ment, Front­mann Justin Oborn steuert verz­er­rten Gesang bei: ” I don’t give a fuck about any­one / or your soci­ety. I just need / incense for the Damned”, die Sex Pis­tols hät­ten es nicht bess­er aus­drück­en kön­nen. Doom Met­al ist vielle­icht let­ztlich auch nur eine Spielart der Punkkul­tur, aber da kenne ich mich nicht beson­ders gut aus.

Das fol­gende Titel­stück “Time to Die” bleibt ohne weit­ere Auf­fäl­ligkeit, inter­es­san­ter ist das elfein­halb­minütige “I Am Noth­ing”, das mit seinem hyp­no­tis­chen Rhyth­mus und der repet­i­tiv­en Melodie, die beina­he vom Gesang, der in der zweit­en Hälfte allerd­ings gar nicht mehr vorkommt, ablenken, den­jeni­gen belohnt, der einen guten musikalis­chen trip zu würdi­gen weiß, aus dem man von den Sprach­fet­zen in “Destroy Those Who Love God” nur vorüberge­hend her­aus­geris­sen wird, bis man in “Funer­al of your Mind” wieder in den Strudel gerät und dort bis zum let­zten Stück, dem krautrock­lasti­gen “Sat­urn Dethroned”, das wiederum mit einem Bach­plätsch­ern endet, in ihm gefan­gen (obwohl sich das wirk­lich gut anfühlt) bleibt. Das muss dieser “Höl­len­trip” sein, von dem alle reden.

Pri­ma Album, das.

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