Netzfundstücke
Bloggerias Requiem

Dass „flat­ter“ nicht mehr blog­gen will, ist mir bereits mit gro­ßem Bedauern auf­ge­fal­len; geht die F.D.P., geht auch das Magazin für Marktberuhigung, so viel war sicher. Offenbar ist die deut­sche „Politbloggerszene“ aber grö­ßer als ange­nom­men; der Kiezneurotiker spricht gar von einer „Politbloggerdämmerung“ ange­sichts der wohl nen­nens­wert zahl­rei­chen deutsch­spra­chi­gen Weblogs über „Politik und so“, die im Laufe die­ses Jahres aktiv befüllt zu wer­den schlicht­weg auf­ge­hört haben.

Er schreibt:

Die Große Koalition rollt an. Nahezu ohne Opposition. Und eine Reihe kri­ti­scher Blogger ver­liert die Stimme. Es wird plötz­lich ganz merk­wür­dig still. Was ist das? Resignation? Biedermeier? Der Rückzug ins Private? Geranien gie­ßen auf dem Balkon? Und die Vorhänge zuzie­hen? Damit das Böse drau­ßen bleibt?

Das wei­ße Rauschen der ewig Empörten ist ver­stummt? Ich habe mir die von Herrn Kiezneurotiker ver­ab­schie­de­ten Blogs jetzt ein­mal ange­se­hen. Ja, „flat­ter“ fehlt schon jetzt, die klu­ge wirt­schafts- und gesell­schafts­po­li­ti­sche Stimme vom Wegesrand war nicht die schlech­te­ste Quelle für gei­sti­ge Erbauung. Aber der Rest? Der Spiegelfechter, der sich seit Jahren um eine kla­re poli­ti­sche Meinung her­um­be­wegt wie eine Katze um eine fast tote Maus; die Schrottpresse, nur echt mit rotem Stern und Verlinkungen namens „scharf Links“ und „World Socialist Web Site“; das eben­so sozia­li­sti­sche Narrenschiff; Die roten Schuhe, ange­nehm ame­ri­ka­kri­tisch, sonst aber ziem­lich belie­big. Kein Wunder hab‘ ich die alle­samt bis­her kaum bemerkt.

Zartrosa bis tief­ro­te lin­ke Spießer, die wahr­schein­lich auch Falschparker mel­den oder Seitenspiegel abtre­ten, wenn sie schon zu alt sind, sie mit Farbe zu besprü­hen; wenn das die Bloglandschaft ist, die gera­de „am Schrumpfen ist“, dann ist das ein Gesundschrumpfen und wahr­lich nicht scha­de drum. Empörung allent­hal­ben, erho­be­ne Zeigefinger und in Texte gegos­se­ne Parolen. Brauchen wir nicht. Gekämpft wer­den kann in die­sen Tagen nicht mit der Feder. Das Schwert ist die Antwort.

Kritische Stimmen feh­len, aber lasst das nicht Günter Grass hören. Der macht sonst auch noch ein Blog auf. Vom ener­gi­schen Tastendrücken bekommt man höch­stens Sodbrennen, eine Gesellschaft lässt sich aber eher sel­ten von einem Blog (wenn es nicht gera­de das BILDblog ist) sagen, was sie gefäl­ligst zu den­ken hat. Zum Glück ist dies hier kein Blog.

Überhaupt: Was ist schon ein „Politblog“? Ist man „Politblogger“, wenn man zwi­schen vie­len ande­ren Beiträgen gele­gent­lich auch mal die Gesellschaft für unreif hält? Bin ich es, weil ich mit­un­ter so schlech­te Laune habe, dass sich das in einem schrift­lich geäu­ßer­ten Wunsch zum gewalt­sa­men Staatsstreich äußert? Ist es über­haupt nach die­ser laxen Definition mög­lich, ins Internet rein­zu­schrei­ben, ohne „Politblogger“ zu sein? - Wird man dann nicht auch in Bringschuld ver­setzt, wenn man erst mal zum „Politblogger“ gewor­den ist? Mit Georg Schramm hat die­ser Tage einer der bis­sig­sten Kabarettisten die­ses Landes ange­kün­digt, doch lie­ber in Rente zu gehen als sich wei­ter­hin für Geld über Zustände auf­zu­re­gen, deren Darstellung der Zuschauer als come­dy, als komö­di­an­ti­sches Werk abtut. Ich wie­der­ho­le mich: Im Fernsehsaal, da sit­zen sie und lachen und klat­schen und gehen nach Hause mit dem guten Gefühl, sich wenig­stens gut amü­siert zu haben. „Endlich sagt’s mal einer!“, und damit zurück zur Tagesordnung. Und genau so läuft es mit den „Politblogs“.

Der Ausweg? Nicht erwar­ten, dass man etwas ändern kann. Schlechte Laune, die sich anstaut, führt in ande­ren Ländern dazu, dass Autos, Häuser und Polizisten bren­nen; in Deutschland gibt es eine Onlinepetition. Auch gut, so wird wenig­stens nie­mand ver­letzt. Und ist es nun scha­de um die „deut­schen Politblogs“? Ich sage: Nö. Schade ist es nur um den Ausdruck von Mündigkeit ihrer Betreiber, die sich lie­ber in die Sprachlosigkeit zurück­zie­hen, aber wer könn­te es ihnen ver­den­ken? Ach, und mir fehlt „Feynsinn“. Muss dafür erst der Liberalismus in den Bundestag zurück­keh­ren? Schön wär’s ja.

Jedenfalls:

Es wird eine Finanzbombe hoch­ge­hen. Eine rich­ti­ge. Die man nicht mehr not­dürf­tig löschen kann. Und wenn es soweit ist, wird es schnell gehen.

Wenn das pas­siert, wenn es sich ent­zün­det, dann braucht es Stimmen, dann müs­sen sie wie­der schrei­ben, alle die, die jetzt auf­hö­ren, die sich vom Mehltau erdrückt füh­len noch bevor er sich nie­der­ge­las­sen hat, die sich ver­lie­ren in Satire, in Petitionen, in Verzweiflung, in selbst­re­fe­ren­zi­el­le Literatur.

Ja, dann braucht es Magazine für Marktberuhigung, „kri­ti­sche Stimmen“, die dann sagen: Seht ihr, das pas­siert, wenn man die Falschen wählt. Und die Leser wer­den sich im Kreis um die „kri­ti­schen Stimmen“ ver­sam­meln, joh­len und klat­schen. „Endlich sagt’s mal einer!“

Aber das fehlt mir irgend­wie gera­de kein bisschen.


Nachtrag von irgend­wann kurz nach Mitternacht: „Feynsinn“ wird aus groß­ar­ti­gen Gründen fort­ge­setzt. Ich bin erfreut.

Senfecke:

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