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Keine Sorge, gnä‘ Frau, wir sind aus dem Internet!

(Aufgrund aktueller politischer Forderungen folgt ein Nachtrag zu dem etwas älteren Artikel über „das Internet“.)

Und noch was, ihr Menschenfänger, die ihr bei jeder sich nur irgendwie bietenden Gelegenheit als Ersatz für die immerhin inzwischen als falsch verworfene Kategorisierung als „das Internet“ von „der Internet-Community“ schwafelt und diese Gelegenheit, so sie sich denn nicht freiwillig bietet, notfalls mittels obskurer Winkelzüge säckeweise herankarrt:

Das Internet ist nicht der verruchte Klub im Hinterhof, vor dessen Tür sich erbrechende ehemalige Rockstars sich den goldenen Schuss setzen. Das Internet ist ebenfalls kein elitärer Zirkel, dessen Mitglieder sich verschwörerisch ansehen und nur mit Nummern ansprechen, um ihre Elitärität nicht zu gefährden. Das Internet ist keine geschlossene oder anmeldepflichtige Gesellschaft. Im Internet gibt es viele „Communitys“ für noch mehr Menschen mit noch mehr unterschiedlichen Interessen, die sich teilweise in der dritten oder schon vierten Generation gegenseitig bekämpfen; „Age of Empires“ gegen „Empire Earth“, *ix gegen Windows, vi gegen Emacs, Google gegen Microsoft, Mozilla gegen Microsoft, alle gegen Microsoft. Bauern auf die Königin.

Kurz gesagt:
Es gibt keine „Internet-Community“.

Es gibt kein „wir“. An den Toren des Internets steht kein Türsteher, der euch schroff abweist. Ey, ihr kommt hier nisch nisch rein. Ihr wollt ins Internet? Nur zu! Das Hausrecht hat die Mehrheit, Füße abputzen muss nicht sein. Was es aber gibt, ist ein „ihr“.

Ihr sitzt in euren Elfenbeintürmen, kennt die Welt um euch herum nur aus dem SPIEGEL und vielleicht den Nachrichten. Ihr schimpft euch „gewählte Volksvertreter“, verwechselt „Vertreter“ aber mit denen, die einem an der Haustür elend laute Staubsauger andrehen wollen. Symbolpolitik habt ihr zum Stilmittel erklärt, aber mit denen, auf deren Schultern sie ruht, redet ihr lieber nicht. Euer Elfenbeinturm ist hermetisch verriegelt, leider nur von außen. Passt auf, dass euch nicht eines Tages die Glocke eures Tempels auf den Schädel fällt. Das Internet vergisst nicht so schnell wie ihr.

(An dieser Stelle empfehle ich einen Blick in Viktor Mayer-Schönbergers jüngst in Deutschland erschienenes und gerade im Hinblick auf aktuelle Diskussionen wichtiges Buch „Delete“, das mir vorliegt und in dem er unter anderem erläutert, warum der Vorschlag Ilse Aigners, einen „digitalen Radiergummi“ einzuführen, trotz Kritik aus den Reihen „der Internet-Community“ eine grundsätzlich sehr gute Idee ist. Ein informatives Zwiegespräch von 2008 ist auf Golem.de zu finden.)

Und, ihr Elite-, A- und A-A-Blogger, die ihr euren Zaster zusammenschnorrt, indem ihr eure Sympathien an den Meistbietenden verhökert und alle Naslang irgendwelche Stellungnahmen im Namen „der Internet-Community“ zusammenschmiert, die weder auf die Menschenfänger, die sie besänftigen sollen, noch auf „die Internet-Community“, die sich als Kollektiv, nicht jedoch als eine solche begreift, einen nennenswerten Eindruck machen, von bedauernswerten Neuzugängen, die jeden, der vor ihnen da war, als Guru missbrauchen, einmal abgesehen: Möge das Fallgitter vor eurer fremdfinanzierten Opiumhöhle künftig klemmen!

So sei es.

Senfecke:

  1. in dem er unter anderem erläutert, warum der Vorschlag Ilse Aigners, einen “digitalen Radiergummi” einzuführen, trotz Kritik aus den Reihen “der Internet-Community” eine grundsätzlich sehr gute Idee ist. Ein informatives Zwiegespräch von 2008 ist auf Golem.de zu finden

    Wie meinen? Ich meine, dass der „Professor“ wirres nicht belegbares Zeug faselt, wie meinst Du das? Hab ich da Ironietags übersehen?
    Ich hab das Interview bis Seite 2 durchgehalten, und ich kann da überhaupt keinen Ansatz einer vagen Idee finden, warum Informationen nach x Tagen/Jahren gelöscht werden sollten. Im Gegenteil; käme einer her und sagt, diese ganzen alten Tonscherben von anno vor unserer zeit sind irrelevant, deswegen sollte (!) da ein Verfallsdatum her, würde man ihn nicht mal müde belächeln. So ein Prof darf da ein 5-seitiges Interview mit dem selben Gehalt abgeben.
    Ich komme da nicht mit.

  2. Relevanz ist nicht das Hauptkriterium, sondern, dass man eben zum Beispiel persönliche Daten auch irgendwann mal wieder loswird. Ein Beispiel: Du stellst Sauffotos ins Internet, um deine Freunde zu unterhalten. Sieben Jahre später könnte die ein zukünftiger Arbeitgeber finden und beschließen, von dieser Tätigkeit abzusehen.

    Das wäre nicht passiert, hätte man die Möglichkeit, die Fotos nach einer Woche auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen, ohne „Cache“ oder sonstigen Firlefanz.

    Ja, in diesem Fall ist das Beispiel wenig schlau, solche Fotos sollte man eh nicht erst ins Internet stellen. Aber vielleicht verstehst du, was ich eigentlich meinte.

  3. Das ist mir soweit klar, aber es doktort meiner Meinung nach an der falschen Stelle. Wenn ich im Suff Sauffotos ins Netz stelle, dann mache ich das einmal und hab was draus gelernt – oder eben nicht.
    Es ist auch immer die Frage, wo und wie ich die ins Netz tue. Ich will hier auf keinen Fall eine Lanze fürs Fratzenbuch oder KasperVZ brechen, aber die Entscheidung ist beim Tag der Anmeldung schon da.

    Ich hab dann doch das Interview zu Ende gelesen, und so ganz blöd ist der Typ auch nicht, nur ganz normal beschränkt wie alle anderen da draussen (guter Schwenk zu Deinem Thema, nicht? ;)) der meint, dass da irgendwelche Leute nicht in die USA einreisen durften, weil sie im Fratzenbuch oder sonstwo gemeint haben müssten, in den 60ern mal LSD genommen zu haben. Wo war ich? Ach, falsche Stelle. Das Problem hier ist doch am Arsch nicht die LSD-Info, sondern, dass ich in ein Land reisen „möchte“, wo sowas Einreisehinderungsgrund ist. Got the Point? Wir hier drinnen im Netz wissen, dass man da draussen entweder nicht in die USA reist, oder eben, man geht sparsamer mit solchen Infos um.
    Am Anfang ist die Entscheidung immer beim Menschen privat. Das Netz an sich ist selbstverständlich böse, keine Frage, aber was Verfallsdaten betrifft, herrje, dasist doch Schmonz.

    Wegen den Saufgeschichten noch ne kleine Beinah-analogie: Wenn ich mich täglich in der Kneipe volllaufen lasse, dann lasse ich meine Daten beim Kneiper (schnapsnase, schafft i.d.R. 18 doppelte Rittberger, zieht sich nach dem 22. regelmässig aus und poppt die hässlichste Alte im Lokal.)
    Das ist hier auch meine persönliche Entscheidung zur öffentlichen (!) Entgleisung . Zwar im kleineren lokalen Rahmen, aber nix anderes als im Netz. Da frag mal nen Kneiper (oder beteiligte Anwesende) nach nem Verfallsdatum der Daten… ;)

  4. der meint, dass da irgendwelche Leute nicht in die USA einreisen durften, weil sie im Fratzenbuch oder sonstwo gemeint haben müssten, in den 60ern mal LSD genommen zu haben.

    Das ist belegt, steht auch im Buch. :)

    Wir hier drinnen im Netz wissen, dass man da draussen entweder nicht in die USA reist, oder eben, man geht sparsamer mit solchen Infos um.

    Im Zeitalter von Google verschwimmen die Grenzen zwischen Paranoia und Datenschutz. Nach der Logik wäre die letzte Konsequenz die Behauptung: Wer keine Probleme will, darf halt kein Internet nutzen.

    Das Netz an sich ist selbstverständlich böse

    Das behauptet niemand. (Außer U.v.d.L.)

    Wenn ich mich täglich in der Kneipe volllaufen lasse, dann lasse ich meine Daten beim Kneiper (schnapsnase, schafft i.d.R. 18 doppelte Rittberger, zieht sich nach dem 22. regelmässig aus und poppt die hässlichste Alte im Lokal.)

    Das erfährt dann allerdings auch nur der, der dabei war. Der Kneipier spuckt normalerweise nicht auf Anfrage von Max Mustermann seine gesammelten Kundenakten aus.

  5. Wer keine Probleme will, darf halt kein Internet nutzen.

    Das hab ich nicht gesagt und nicht gemeint. Im Gegenteil; ich sage, dass alles relativ ist. wenn ich wo arbeiten will, wo meine fachlichen (!) Qualitäten anhand Sauffotos gemessen werden, dann darf ich eben keine ins Netz tun. Das ist eine aktive Handlung und keine passive des bösen Netzes.

    Ich bin auch bisschen abgekommen vom Thema; ich wollte Dir egtl. bei der Relevanz widersprechen. Jede Information ist für irgendjemanden relevant. Ich sehe hierbei weniger die „missbräuchlichen“ Probleme (Arbeitgeber, Einreise in Terrorstaaten etc.), sondern eher die geschichtsrelevanten.
    Heute haben wir Bücher, wenn wir Glück haben, wenn wir weniger Glück haben Tonscherben und Knochen, wenn wir Pech haben gar nichts. In hundert Jahren könnte jede noch so banale Information genausowenig sein. Auch diese Diskussion hier. (Wie bescheuert, die damals waren…).
    Herrje, Romane. Ich und.

  6. wenn ich wo arbeiten will, wo meine fachlichen (!) Qualitäten anhand Sauffotos gemessen werden, dann darf ich eben keine ins Netz tun.

    Und das weißt du jetzt schon so genau, was du in den nächsten Dekaden zu tun beabsichtigst?

    Ich sehe hierbei weniger die “missbräuchlichen” Probleme (Arbeitgeber, Einreise in Terrorstaaten etc.), sondern eher die geschichtsrelevanten.

    Allzu viel Geschichte ist verloren, selbst die Geschichte der Bundesrepublik ist nur auszugsweise öffentlich vonstatten gegangen. Geschichte ist immer die Geschichte derer, die den Krieg gewinnen.

    In hundert Jahren könnte jede noch so banale Information genausowenig sein. Auch diese Diskussion hier. (Wie bescheuert, die damals waren…).

    Das wäre ja furchtbar. Und weiter?
    Ich selbst möchte aber mitunter eben auch die Möglichkeit haben, etwa meine Internetprojekte nach einer bestimmten Zeit einfach rückstandsfrei zu entfernen. Die habe ich aber nicht. Dass manche Informationen langlebig sein sollen, steht ja außer Frage, darum soll das ja auch ein Recht und keine Pflicht sein. Welchen Vorteil hat die Gesellschaft davon, dass jeder Rotz auf ewig bestehen bleibt, selbst dann, wenn der Autor sich längst davon distanziert? „Die Gesellschaft gar keinen“, sagst du?

    Wer bestimmt denn dann wen – das Internet uns oder wir das Internet?

  7. In der Mathematik gibt es kein „falsch“, nur ein „schlüssig“ und „nicht schlüssig“. Hier ist die einfache Verneinung jedenfalls unpassend.

  8. Allenfalls eine Klage ist schlüssig, wenn der gesamte Vortrag – als wahr unterstellt – die begehrte Rechtsfolge trägt.

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