Vor beinahe genau vier Jahren schrieb ich:
LQFB jedenfalls ist bereits in seinem aktuellen Zustand nicht weniger als eine Reform der Demokratie.
Bei “LQFB” (Liquid Feedback) handelt es sich, kurz gesagt, um eine seit Jahren im Testbetrieb laufende Plattform, auf der Mitglieder der Piratenpartei über Anträge abstimmen können. Ursprünglich hatte sich die Piratenpartei Deutschland zum Ziel gesetzt, auf diese oder eine andere Weise mal unter dem Begriff “BEO” (“Basisentscheid online”), mal unter dem Begriff “SMV” (“ständige Mitgliederversammlung”) eine einfach zugängliche Alternative zu den mehrmals jährlich an mitunter nicht für jeden Teilnehmer einfach zu erreichenden Orten stattfindenden Parteitagen einrichten zu können. Netzpartei, ihr wisst schon.
Dieses Liquid Feedback hat aber im Laufe der Zeit — abgesehen von der miserablen Beteiligung, ein ständiger Internetzugang wird für eine Mitgliedschaft in der Partei auch nicht vorausgesetzt — einige erhebliche Nachteile erhalten, seien es Delegationen, also die Konzentration vieler Stimmen auf einige wenige Mitglieder, sei es die ausbleibende Bereinigung der Benutzerdatenbank bei Austritt oder ausbleibender Beitragszahlung. Gegenwärtig ist LQFB also eigentlich nicht für verbindliche Mehrheitsabstimmungen innerhalb der Partei zu gebrauchen.
Da aber die Basisdemokratie in der Piratenpartei eine wichtige Rolle spielt, hat der Bundesvorstand sich nun vorläufig auf eine andere Methode zur Umsetzung des “Basisentscheids online” geeinigt:
Es gebe keine Software, mit der eine verbindliche Mitgliederbefragung online abgewickelt werden könne. Außerdem seien solche IT-Systeme anfällig für Manipulationen. “Deswegen werden wir den ersten Basisentscheid jetzt wohl ganz konventionell, ganz herkömmlich auf Papier durchführen”, sagte [der Bundesvorsitzende Stefan] Körner.
Damit ist zwar noch kein “Basisentscheid online” umgesetzt, aber zumindest ist es so jedem stimmberechtigten Mitglied möglich, ohne kosten- und zeitintensive Anreise zu einem Parteitag über Anträge abzustimmen; zudem ist die Missbrauchsgefahr gering, denn Briefpost erreicht selten nicht erwünschte Empfänger.
Aber was gab das nicht für ein tolles Bohei! Haha, diese Piraten. Post! Offline! Igitt! — Und so ist Twitter seit Stunden voller Lästereien über dieses Vorgehen. Dabei sind sich manche der Diskutanten auch für bescheuerte Vergleiche nicht zu schade:
Mit dieser “Es muss 100% sicher sein”-Attitüde der #Piraten hätten wir weder Internet noch elektrischen Strom oder gar Katzenklos.
Von hundertprozentiger Sicherheit war nie die Rede, und auch Abstimmungen per Post — Briefwahl quasi — sind nicht vor Missbrauch geschützt, aber im Vergleich zur gegenwärtigen Alternative noch immer die bessere Wahl. Mit einem Katzenklo würde ich allerdings tatsächlich gern irgendwo beinahe sicher abstimmen können. Wo genau geht das?
Derart private Dinge wie eine Wahl nur deshalb ins Internet zu verlagern, weil’s hip ist, ist, gelinde gesagt, eine Scheißidee, so lange nicht gewährleistet werden kann, dass die genannten Probleme eines solchen Wahlsystems nicht behoben werden können. Post-privacy ist in der Politik eben nicht egal.
Macht doch auch mal ein bisschen Urlaub vom Internet!
Felix von Leitner



Du hast vollkommen Recht!