Piratenpartei
Recla­im your Bigo­try: Alle rechts außer Mut­ti!

(Vor­be­mer­kung: Fol­gen­der Text über die Ent­wick­lung der Pira­ten­par­tei könn­te ver­se­hent­lich Irr­tü­mer ent­hal­ten. Ich bit­te sol­che in den Kom­men­ta­ren auf­zu­zei­gen.)

Wie­der ein­mal ist ein Pirat wort­reich („eine Abrech­nung“, drun­ter machen sie’s ja nicht mehr) aus der Par­tei aus­ge­tre­ten, und vor Lachen hat mein Bull­shit­de­tek­tor ver­se­hent­lich gekün­digt.

Ein wenig Geschich­te: Als die Pira­ten­par­tei Deutsch­land 2006 gegrün­det wur­de, hat­te sie nicht weni­ger als einen radi­ka­len Umbruch des Systems im Sinn, eine gesell­schaft­li­che Umwäl­zung im Sin­ne eines fort­schritt­li­chen Umgangs mit der Digi­ta­li­sie­rung. Eine Moder­ni­sie­rung des Urhe­ber­rechts war eben­so ein Ziel wie ein mög­lichst weit­ge­hen­der Aus­tausch der bestehen­den par­la­men­ta­ri­schen durch eine direk­te Demo­kra­tie.

Wie wohl alle jun­gen Par­tei­en – momen­tan etwa geht es den „Neu­en Libe­ra­len“ so – hat­te die Pira­ten­par­tei in den ersten Jah­ren ihres Bestehens ver­schie­de­ne Ver­su­che der Unter­wan­de­rung durch ande­re poli­ti­sche Grup­pie­run­gen zu mei­stern. Mit dem Klein­hal­ten so genann­ter „Rech­ten“ aber gewan­nen auch die „Lin­ken“ in der Par­tei an Ein­fluss. Der Autor des oben ver­link­ten Blog­ar­ti­kels jeden­falls war nach eige­nem Bekun­den erst seit 2011 Mit­glied, als das The­ma der „feh­len­den Abgren­zung“ gegen ande­ren Radi­ka­lis­mus längst erle­digt schien.

Er ist in eine Par­tei ein­ge­tre­ten, die sich zu die­sem Zeit­punkt bereits seit fünf Jah­ren als „Mit­mach- und Netz­par­tei“ posi­tio­niert hat­te. Offen­sicht­lich scheint ihm die­ser Ansatz nicht so schlecht gefal­len zu haben. Trotz­dem, alle rechts außer Mut­ti:

Nach den Ereig­nis­sen um das so genann­te „Bom­ber­ga­te“ hat der sich „sozi­al­li­be­ral“ nen­nen­de rech­te Par­tei­flü­gel Situa­ti­on und Lage der Par­tei schritt­wei­se und stän­dig eska­liert. Zunächst wur­de der Euro­pa­wahl­kampf mit den Aktio­nen #kein­hand­schlag und #orgastreik sowie dem Rück­tritt drei­er Bun­des­vor­stands­mit­glie­der tor­pe­diert.

Wir ler­nen: Das Anse­hen der Par­tei zu schä­di­gen, indem man sich als halb­wegs pro­mi­nen­te Kan­di­da­tin irgend­wo halb­nackt hin­stellt und die Bom­bar­die­rung deut­scher Städ­te beju­belt, ist ein „so genann­tes gate“ und allen­falls ein „Ereig­nis“, ein Warn­streik der Ser­ver­ad­mi­ni­stra­to­ren, damit alle mal wie­der zur Besin­nung kom­men und end­lich wie­der zusam­men­ar­bei­ten, hin­ge­gen eine „Tor­pe­die­rung des Wahl­kampfs“. Ver­mut­lich, weil’s vom „rech­ten Flü­gel“ kommt, dem im ver­que­ren Welt­bild eini­ger laut­star­ken Aus­tre­ter bei­na­he jeder ange­hört, der nicht schnell genug jeman­den als Neo­na­zi beschimpft hat.

Das war aber auch schlimm damals:

Statt sach­li­che Kri­tik zu äußern wur­de der Kon­flikt auf eine wider­li­che per­sön­li­che Ebe­ne ver­la­gert, indem mit unfass­bar nie­de­ren wie haar­sträu­ben­den Belei­di­gun­gen um sich gewor­fen wur­de – im Sti­le von „Du Links­fa­schist hast mich Nazi genannt“ und ähn­li­chen Ent­glei­sun­gen.

Beacht­lich ist, dass der Autor nicht ein­mal abstrei­tet, dass ver­schie­den­fach Pira­ten sei­tens der „Par­tei­lin­ken“ als „Nazi“ beschimpft wur­den. Seht ihr – da wirft man nur ein paar Leu­ten „ihr Nazis“ an den Kopf und dann ver­la­gern die­se Nazis das Gespräch ein­fach auf die per­sön­li­che Ebe­ne. Schlimm, schlimm.

Der amtie­ren­de Bun­des­vor­stand und sein Gefol­ge haben nicht das gering­ste Inter­es­se an einem Aus­gleich, son­dern sind froh, wenn die Kritiker*innen (sic! A.d.V.) des Sta­tus Quo in der Par­tei weg sind.

Der sta­tus quo lau­te­te jah­re­lang, dass die Pira­ten­par­tei für Links-Rechts-Unfug und geleb­ten Femi­nis­mus nicht die rich­ti­ge Platt­form ist und ent­spre­chen­de Inter­es­sen­ten sich bit­te woan­ders aus­to­ben sol­len. Die Wahl­er­fol­ge in Ber­lin und ande­ren Bun­des­län­dern kamen auch wegen der Idea­le des „rech­ten Par­tei­flü­gels“, der „Kern­pi­ra­ten“ eben, zustan­de; Wäh­ler inter­es­sier­ten sich für die Pira­ten­par­tei, weil sie für weni­ger Über­wa­chungs­staat und mehr Bür­ger­be­tei­li­gung und nicht gegen Nazis und Mas­kumacker kämp­fen woll­te. Para­do­xer­wei­se ist die Idee der Bür­ger­be­tei­li­gung und Mit­be­stim­mung inzwi­schen eine, von der der „lin­ke Flü­gel“ glaubt, die „Kern­pi­ra­ten“ woll­ten sie ihm weg­neh­men. Dass der amtie­ren­de „rech­te“ Bun­des­vor­stand den seit den Anfangs­jah­ren geplan­ten und seit 2013 kon­kre­ti­sier­ten „Basis­en­t­scheid online“ über­haupt erst ein­ge­führt hat, ist da nur ein unwe­sent­li­ches Detail, neh­me ich an.

Oder nicht?

Und natür­lich steht auch wie­der die pira­ti­ge Paro­le „Daten­schutz“ im Raum, wes­halb nach­voll­zieh­ba­re Abstim­mun­gen, also nament­li­che oder pseud­ony­me, abge­lehnt wer­den. Dies wäre aber die ein­zi­ge Mög­lich­keit, um eine ordent­li­che Abstim­mung über das Inter­net durch­zu­füh­ren, denn bei einer gehei­men Wahl wäre das Ergeb­nis mani­pu­lier­bar. In die­ser Form nach­voll­zieh­ba­re Abstim­mun­gen füh­ren bei man­chen Leu­ten jedoch zu einem unent­weg­ten Schrei­en des Wor­tes „GESINNUNGSDATENBANK!“, wes­halb die Pira­ten­par­tei Deutsch­land – also die Par­tei, die sich als die „Netz­par­tei“ ver­steht – lie­ber zu Brie­fen und „dezen­tra­len Urnen“ greift. Kurz gesagt: Es ist unfass­bar lächer­lich.

Eine Alter­na­ti­ve ver­mag der Autor lei­der nicht zu nen­nen. Die Pira­ten­par­tei, die sich für kon­se­quen­ten Daten­schutz und garan­tier­tes Wahl­ge­heim­nis ein­setzt, soll die­se Maxi­me – so ver­ste­he ich die­sen Text­teil – auf­ge­ben, weil Mit­be­stim­mung durch die „Offline“-Abgabe von Stimm­zet­teln ihm nicht weit genug geht. „Was ihr macht, ist blö­de“ ist immer noch nicht kon­struk­tiv.

Und über­haupt sei ja eigent­lich der Lan­des­ver­band Bre­men schuld:

Mit der Abwahl von Seba­sti­an (Rai­b­le, ehem. Vor­stand, A.d.V.) hat der LPT eine Rich­tungs­ent­schei­dung getrof­fen. Er reprä­sen­tier­te den eher lin­ken Flü­gel hier in Bre­men, der sich durch eine poli­ti­sche Hal­tung, die weit über die „pira­ti­gen“ Dog­men hin­aus­geht und dem Anspruch, die poli­ti­sche Arbeits­wei­se zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren, vom ande­ren Flü­gel unter­schei­det.

Pira­ten, die ein­fach nur Pira­ten sein wol­len, ein biss­chen chao­tisch viel­leicht, aber sich selbst an ihre Grund­wer­te und das hal­tend, was die Pira­ten­par­tei von Anfang an sein woll­te – das ist natür­lich eine Kli­en­tel, mit der man im „lin­ken Flü­gel“ nichts zu tun haben möch­te. Wer die Par­tei aber ver­lässt, weil die Mehr­heit der Wahl­be­rech­tig­ten aus indi­vi­du­el­len Grün­den eine ande­re Wahl trifft als die eige­ne, wer sich also für eine Mehr­heit, die nicht poli­tisch auf der glei­chen Linie ist, nicht mehr ein­set­zen möch­te, der hat mög­li­cher­wei­se ein Pro­blem mit ganz ande­ren Kom­po­nen­ten.

Das nennt sich dann übri­gens „aus der Par­tei drän­gen“:

[E]ine Demo­kra­tie lebt eigent­lich vom Min­der­hei­ten­schutz und der Mög­lich­keit einer unter­le­ge­nen „Oppo­si­ti­on“, ohne Repres­sa­li­en zu arbei­ten und für ihre Inhal­te zu wer­ben[.] In den von Sekor und Co. betrie­be­nen Aktio­nen, um Lin­ke aus der Par­tei zu drän­gen, zeigt sich [das] Min­dest­maß an demo­kra­ti­schem Ver­ständ­nis aber nicht.

Soso: „Die Lin­ken“ wol­len nur fried­lich das Pro­gramm der Pira­ten­par­tei nach außen tra­gen, „die Rech­ten“ wol­len das not­falls durch gewalt­sa­me Abstim­mun­gen unter­bin­den. „Die“ und „wir“. Immer, alle, jeder­zeit. Wenn man den Satz zehn­mal liest, kratzt sich der Kopf wie von allein. „Min­der­hei­ten­schutz“, „Oppo­si­ti­on ohne Repres­sa­li­en“ – hät­te die Oppo­si­ti­on unter dem vor­he­ri­gen, eher lin­ken Bun­des­vor­stand so argu­men­tiert, sie wäre nicht auf viel Ver­ständ­nis gesto­ßen. Aber die Meinungsfreiheit!!1

Sich selbst ver­lie­he­ne Deu­tungs­ho­heit ist natür­lich auch so ein Macht­in­stru­ment.

Wie ich schon wei­ter oben aus­führ­te, hat die Pira­ten­par­tei lei­der ein Pro­blem mit Anti­fa­schis­mus.

Hat sie näm­lich eigent­lich gar nicht, denn wie wohl jede demo­kra­ti­sche Par­tei außer­halb der Bun­des­re­gie­rung dul­det die Pira­ten­par­tei bereits aus Sat­zungs­grün­den kei­ner­lei faschi­sti­sche oder tota­li­tä­re Bestre­bun­gen, aber „Anti­fa“ und „Anti­fa­schis­mus“ sind eben nicht iden­tisch.

Jeden­falls:

Wes­halb nach wie vor Rech­te gedul­det und teil­wei­se hofiert wer­den.

Aus der „ande­ren Rich­tung“ klingt das dann so:

Gera­de die Hal­tung, Men­schen mit unlieb­sa­men Mei­nun­gen los­wer­den zu wol­len, durch­zieht wei­te Tei­le der Par­tei.

Wie vie­le „Par­tei­lin­ke“, die sich mitt­ler­wei­le in der nun­mehr außer­par­tei­li­chen „pro­gres­si­ven Platt­form“ sam­meln, mit unlieb­sa­men Mei­nun­gen in der Pira­ten­par­tei umge­gan­gen sind, ist auf Twit­ter und in eini­gen Blogs – sie­he auch oben – ziem­lich gut doku­men­tiert. Zahl­rei­che Kern­pi­ra­ten haben in den letz­ten Jah­ren das Hand­tuch gewor­fen, weil ihnen geball­ter Hass der erstar­ken­den „Lin­ken“ ent­ge­gen­schlug; und Unter­stüt­zer die­ser „Lin­ken“ beschwe­ren sich nun, wenn man ihre Gali­ons­fi­gu­ren ein­fach gewalt­sam abwählt?

Wohl­ge­merkt: In der Pira­ten­par­tei gab und gibt es eben­so „gemä­ßig­te Lin­ke“ wie „gemä­ßig­te Nicht­lin­ke“, bei­de zahl­reich ver­tre­ten. Da flo­gen und flie­gen nicht stän­dig die Fet­zen, da kann man sich auch mal mit­ein­an­der unter­hal­ten und die Markt­schrei­er schrei­en las­sen. Wer sich selbst aber einem „Flü­gel“ zuord­net und sich selbst als Teil des Kol­lek­tivs statt als Indi­vi­du­um sieht, der muss sich eben dar­an mes­sen las­sen, wie die­ses Kol­lek­tiv nach außen hin agiert.

Man möch­te – das ist nur mensch­lich – hofiert wer­den, dul­det aber nicht, dass die­ses ver­meint­li­che Pri­vi­leg fair ver­teilt wer­den soll. „Wir haben die Par­tei auf­ge­baut und die machen sie kaputt“ klingt, wenn es von Leu­ten, die fünf Jah­re nach der Grün­dung ein­ge­tre­ten sind, geäu­ßert wird, ganz unab­hän­gig von ihrer Zuge­hö­rig­keit zu irgend­wel­chen „Flü­geln“ bescheu­ert. – Selbst die­je­ni­gen, die die Ent­wick­lung der basis­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­werk­zeu­ge wie Liquid Feed­back vor­an­ge­trie­ben haben, haben nicht die Par­tei auf­ge­baut, son­dern gemein­sa­me Ideen umzu­set­zen gehol­fen. Das ist nicht nur sprach­lich ein gro­ßer Unter­schied, ändert aber nichts dar­an, dass ihre Mit­ar­beit selbst­ver­ständ­lich erwünscht war und ist. Wenn ein enga­gier­ter Mit­ar­bei­ter plötz­lich nicht mehr für die Fir­ma arbei­ten möch­te, weil er ent­ge­gen sei­nen heim­li­chen Erwar­tun­gen nicht bei näch­ster Gele­gen­heit beför­dert wird, dann ist das kei­ne Fol­ge eines Miss­trau­ens­vo­tums und kein Grund anzu­neh­men, dass sei­ne mit­un­ter wert­vol­le Mit­ar­beit plötz­lich nicht mehr gewollt ist.

Natür­lich gibt und gab es im „lin­ken Flü­gel“ eini­ge groß­ar­ti­ge Red­ner, die der Pira­ten­par­tei publi­ci­ty ver­schaf­fen und die, wenn sie gera­de nicht den Feind in der eige­nen Par­tei zu ver­or­ten ver­su­chen, gute Arbeit lei­sten. Das hat aber nichts mit ihrer Zuge­hö­rig­keit zu irgend­ei­nem „Flü­gel“ zu tun, son­dern allein mit ihrem Enga­ge­ment. Der „rech­te Flü­gel“ – immer die­se EDV-Nazis – ist medi­al unter­re­prä­sen­tiert, weil ihm viel­fach die Theo­re­ti­ker ange­hö­ren, die Nerds, über die deut­sche Medi­en (abge­se­hen viel­leicht von „hei­se online“) in den Grün­dungs­jah­ren der Pira­ten­par­tei noch müde gelä­chelt haben. Sie sind nicht so „unpo­li­tisch“, wie es vie­le Aus­ge­tre­te­ne uni­so­no ver­kün­den, als sei „unpo­li­tisch“ noch schlim­mer als „Nazi“, sie sind wert­kon­ser­va­tiv; libe­ral, aber nicht markt­ra­di­kal. Noch ein­mal: Jeder enga­gier­te Netz­po­li­ti­ker, der die Pira­ten­par­tei ver­lässt, ist ein gro­ßer Ver­lust, gleich­wie „links“ oder „rechts“ oder „libe­ral“ er auch sein möge.

Dass sich unter den „Rech­ten“ auch Kar­rie­ri­sten befin­den, die die Chan­ce nut­zen wol­len, um sich wei­te­re Pöst­chen zu ver­schaf­fen (ich hab‘ gele­sen, in Ber­lin wer­de dem­nächst wie­der was frei), ist unab­ding­bar, aber kei­ne Fol­ge ihrer poli­ti­schen „Rich­tung“. Macht­ori­en­tier­te Oppor­tu­ni­sten, die es in ihren Schran­ken zu hal­ten gilt, hat wohl jeder „Flü­gel“ vor­zu­wei­sen. Eini­ge von ihnen hat­ten nur den kür­ze­ren Atem.

Y U NO FIGHT?